Und das in alle Ewigkeit. Oder so.

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„Und wenn wir uns wiedersehen wird alles anders sein, weißt du.“
– „Mhm.“

Wir haben uns nie wieder gesehen. Und falls wir uns denn nun wirklich einmal sahen, war es nicht das, was ich mir erhofft habe. Es fühlte sich falsch an, die Ferne, die wir uns beide auferlegt haben. Die durch den jahrelangen Abstand, mal mehr, mal weniger, mutwillig aufgebaut wurde.

Aber manchmal, wenn ich dich sehe, überlege ich mir, wie es wäre. Wenn wir uns einfach mal an der Hand nehmen würden, weg aus dem Nichts, hinein in ein kleines Plätzchen Zweisamkeit. Nur wir beide, der Himmel über uns und dann würden wir schließlich endlich wieder einmal reden. Wir würden uns erzählen, was wir die letzten Jahre so getrieben haben. Wir würden lachen, in Erinnerungen schwelgen. Something like this.

Und trotzdem frage ich mich, ob es denn jemals wieder so sein könnte. So wie es mal war. Dieses einfache, vollkommen unkomplizierte Reden über Gott, die Welt und uns. Ich glaube, irgendwie wäre es ganz einfach nicht mehr so. Wir haben uns verändert, haben uns zerstört und wieder zusammengebastelt, und das vollkommen alleine, auf uns gestellt.

Das weiß ich und trotz alledem fällt es mir schwer, aufzuhören. Aufzuhören, daran zu denken. Einfach den Schalter umlegen, und wieder da zu sein, wo man sein möchte. Aber das geht nicht. Das hat mir der Traum der vergangenen Nacht gezeigt, der mir wieder einmal zeigte, dass man vieles akzeptieren kann, dass man glaubt, vollkommen darüber hinweg zu sein, es verstanden zu haben.

Und dann sieht man plötzlich seinen Neffen wieder, hält ihn, bemerkt, dass man ihn wieder lebendig machen kann, er öffnet die Augen. Knapp drei Jahre nach seinem Tod. Und die Freude in der Familie, und das wunderbare Gefühl. Und dann wache ich auf, ganz still ist es in meinem Zimmer, die Sonne leuchtet beim Fenster rein, und ich warte.

Überlege, ob das, was war, nun Realität ist. Überlege. Es ist ein schönes Gefühl, der Gedanke, dass die Welt so ist wie vor 3 Jahren. Oder so wie jetzt, nur vergessen sind sie, die beschissenen 1000 Tage. Und immer noch bin ich stumm, wage nichts zu sagen, nicht laut zu atmen, bis ich schließlich bemerke, dass das Jetzt eben doch anders aussieht, sich nichts verändert hat.

Manchmal ist es wirklich hart, zu erkennen, dass etwas nicht so ist, wie man es sich gewünscht oder erträumt hat. Nur um gleich wieder zu erkennen, dass das Leben auch so weitergeht. Und wahrscheinlich gehört das ganz einfach dazu, dass immer mal wieder Erinnerungen auf einen einstürzen, nur damit man einsieht, wie stark man geworden ist.

Aber vergessen kann ich sie nie. Die Menschen, die ich liebgewonnen habe, die mir die Welt bedeuteten, die ich auf Händen zu tragen pflegte. Die mich verlassen haben. Denn die Erinnerung bleibt, und das in alle Ewigkeit. Oder so.

Und nein. Es geht nicht ganz ohne Gefühle.

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2010 ist das 2005 des neuen Jahrzehnts. Zumindest wenn man mein bisheriges Leben und mein Lieben in Anbetracht zieht. In diesem Jahr ist (bisher schon) viel passiert und ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

Ich habe geliebt (oh Gott, was habe ich nur geliebt), und nachdem ich aufgehört habe zu lieben, hab‘ ich geküsst. Und es zog mich nicht hinein, in diesen Strudel wiederauferstandener Gefühlswellen. Es war mir gleichgültig und was zählte war der Moment. Solche Momente sind Millionen wert und sie fühlen sich beinahe besser an, so ganz ohne dem Gefühl der Liebe, rein gestützt auf Neugier und zittrigen Knien.

Es blieb bei dem Kuss und mit einem Mal bemerkte ich, dass ich plötzlich an einem Punkt angekommen war. Einem Punkt, an welchem ich immer sein wollte, es aber insgeheim wusste, dass ich nie so werden würde. Ich bin ein gefühlsbetonter, ein gefühlsgeleiteter Mensch und ich kann oft nichts dagegen tun, etwas zu empfinden. Selbst wenn ich weiß, dass es mir im Grunde genommen nur weh tut und es noch wochen- oder monatelang an mir zehren wird. Aber es hat sich geändert. Es war mir egal, dass nach dem Kuss ein Korb folgte, aufgrund der Liebeshochs- und tiefs vor dem Kuss. Für mich war es nur das: Ein Kuss, mit der Möglichkeit, mal zu sehen, wie es weitergeht.

Immer noch kann ich fühlen, mich verlieren in der Wahnsinnigkeit schmetterlingserzeugten Kribbelns. Aber ich habe dazugelernt, dass es nicht immer notwendig ist. Dass es das Leben leichter macht und es einen um viele Sorgen ärmer. Mein Lieben hat sich an mein Leben angepasst. Es fühlt sich nicht mehr so an, als wolle ich mich durch meterdicke Wände boxen, sondern als würde ich in ein Meer aus Kissen fallen. Nirgendswo mehr etwas zum Anstoßen.

Und dann kam dieser bedingungslose, bedeutungslose Sex. Es war nichts da, außer Neugier, Lust, Hingabe. Viele Gedanken davor, und die Gewissheit danach, dass es nichts weiter war als das. Und auch hier kein Gefühle der über das Platonische hinausgehenden Liebe. Nichts außer dem Gefühl, dass es sich so eben manchmal doch irgendwie leichter lebt. Kein Gedanke an „Gut oder Schlecht“, an „Richtig oder Falsch“. Darauf kommt es doch in Wahrheit nicht an. Was zählt ist die Macht des einzelnen Moments.

Man darf sich über so etwas keine Gedanken machen. Man sollte einfach versuchen, genüsslich vor sich hinzuleben. Und nicht erwarten. Nichts erwarten. Und dafür braucht man kein gefühlsloser Mensch werden. Denn nein. Es geht nicht ganz ohne Gefühle. Aber muss es denn immer Liebe sein? Nein, nicht wirklich.

Vielleicht ist es ja auch doch Liebe. Aber eben nicht für die Ewigkeit, sondern für den Moment. Keine Erwartungen, keine Hoffnungen. Leben für diesen einen wunderbaren Moment. Im Grunde genommen ist das für mich etwas wirklich Wunderbares.

Und ja. Ich möchte mich wieder Hals über Kopf verlieben. Möchte mich wieder einmal vollkommen hingeben, Händchen haltend spazieren gehen, miteinander einschlafen. Als Erster wieder aufwachen. Aber das hat doch Zeit. Und so lebe ich glücklich durch all diese kleinen Momentchen, stolpere immer noch von grandiosen Hochs in bodenwegziehende Tiefs. Aber vielleicht ist es so, dass ich jetzt endlich wieder einmal das Leben in vollen Zügen atme. Und genieße.

Ein wunderbares Gefühl, wisst ihr?

Irgendwas mit Medien.

Wir sind übrigens schnell über die normalen Smalltalkthemen hinausgekommen. Marlene beginnt gerade über das Wetter zu philosophieren. Und entgegen meiner ersten Annahme, sie würde Meteorologie studieren, stellt sich schließlich heraus, dass sie einfach nur vom spätsommerlichen/frühherbstlichen Wärmehoch fasziniert ist.

Meine vier Begleiter, oder nein. Die vier Leute, die ich begleiten durfte, scheinen wirklich nette Menschen zu sein. Sarah nickt mir zufrieden zu, ihr Plan, mich mit dem heutigen Abend „in die Gesellschaft einzuführen“, hat also geklappt. Ich lächle zurück.

Mein Cafe Latte wird serviert, auch die Anderen bekommen ihre Drinks und Kaffees.

»Und was willst du irgendwann einmal werden?«

Nachdem wir unsere Studiengänge untereinander ausgetauscht hatten, ist diese Frage doch nur sehr naheliegend.

»Irgendwas mit Medien.« ist meine Antwort, das folgende Gelächter ist erlaubt. In Wahrheit sehe ich mich ganz woanders. Nein, nicht wirklich. Aber wenn ich jetzt sagen würde, dass ich mich irgendwann einmal in einem Bücherregal sehen möchte, würde ich wohl wahrscheinlich nur ungläubige Blicke ernten. Aber ja, ich möchte gerne einmal Schriftsteller werden. Ich schreibe auch jetzt schon. Geschichten, manchmal fiktional, manchmal autobiografisch. Und die Wenigen, die mal etwas zu Lesen bekamen, lieferten auch immer wieder interessante und anspornende Anregungen. Aber bis heute ist dieser Traum nur ein Fall für die Utopie. Die Verwirklichung steht noch in weiter, weiter Ferne.

Ich lasse meinen Kaffee auskühlen, nehme dann den ersten Schluck und wische mir den Milchschaumbart von meiner Oberlippe weg, als die Anderen schon darüber nachdenken, wohin sie wohl im Anschluss gehen sollen. Ob ich denn Lust hätte, mitzugehen, fragen sie mich und Sarahs Blick zeigt mir, dass ein »Nein, eher nicht.« eindeutig nicht erlaubt ist. Ich nehme mein Päckchen Zigaretten, nehme eine heraus, zünde sie an und meine nur »Zeigt mir, wo man hier in Wien so richtig viel Spaß haben kann.«

»Und? Bist du Single?« Marlene scheint es also wissen zu wollen.
– »Ja.« Ähm.
»Aber du hast doch jemanden kennengelernt.«, unterbricht mich Sarah.
– »Ach, das ist doch nichts. Ich habe mich nur ganz kurz mit ihr unterhalten. Und sie weiß noch nicht mal meinen Namen.«

Die Frauen lachen, zurecht wie ich finde. Es ist nicht mehr und trotzdem kann ich nicht leugnen, dass mir Emily noch immer nicht aus dem Kopf gegangen ist. Und, wie ich im Laufe dieses Gesprächs erfahre, sind Marlene und Kathrin liiert, Stefan und Sarah noch mehr oder weniger glückliche Singles. Irgendwie schade, dass sich alles doch wieder nur am das Eine dreht. Bist du, hast du, seid ihr. Zu recht viel mehr scheint das Gehirn eines jungen Erwachsenen wohl nicht im Stande zu sein. Und selbst wenn sie nach außen hin als sehr intelligente und wirklich rationale Menschen gelten, verlieren sie, im Angesicht der Liebe, so ungefähr alles, was einen Menschen ausmacht.

Nein, ich bin nicht verbittert. Ich halte einfach nur nichts davon, in jedem Kuss die Ewigkeit und in jedem Sex eine Gefühlsbombe zu sehen. Und ja, auch ich war mal so ein Typ, der wohl alles getan hätte, um die Liebe aufrecht zu erhalten. Aber ich habe daraus gelernt. Und habe dabei nicht verlernt zu lieben, nein. Glücklicherweise nicht. Aber ich halte ganz einfach nichts von der Ewigkeit und lebe viel lieber ohne unnötigen Gefühlsballast vor mich hin. Wisst ihr, um wie viel unkomplizierter ein solches Leben ist? Ein „In den Tag hineinleben“, sozusagen?

Die Liebe ist für mich ein Zustand. Liebe mit inbegriffene Gegenliebe, ein wunderschöner Ausdruck der Gegenseitigkeit, läuft vielleicht nur dann ohne gröbere Stolpersteine, wenn man sich bewusst wird, dass dieser Zustand vielleicht nur ein paar Wochen, ein paar Monate anhält. Und manchmal auch ein paar Jahre (und schließlich ganz selten: für immer). Man darf nicht erwarten. Eine Erwartungshaltung wird doch immer enttäuscht, egal, wie niedrig man seine Hoffnungen und Träume setzt. Und irgendwann entwickeln sich die Menschen einfach in ungewohnte Richtungen weiter, manchmal gemeinsam, aber viel zu oft auch einfach in die entgegengesetzte Richtung. Aber wenn man sich dieser Tatsache bewusst ist, dass Liebe eben nur ein Zustand, eine Zeitspanne überdauert, hat man die Möglichkeit, aus vollem Herzen zu lieben und mit großen Gefühlen zu hantieren. Man entdeckt dadurch eine ungewohnt neue Art zu lieben, ohne Träume von einem Haus, einer Familie, einem gemeinsamen Auto, der Zukunft.

Smalltalk und so.

»… und dann kam sie noch mal schnell zurück, weil sie ja ihr Buch vergessen hatte.«
– »Und?«
»Emily heißt sie. Aber irgendwie habe ich es nicht geschafft, ihr meinen Namen zu sagen. Oder nachzubrüllen, quer durch den Waggon. Oder was auch immer.«

Sarah lacht. Erwartungsgemäß. So etwas kann wohl auch nur mir passieren.

»Und glaubst du, dass du sie wiedersehen wirst?«
– »Ja. Also … ich meine: Natürlich würd‘ ich sie gerne wiedersehen.«
»Es muss sich eben einfach nur die Möglichkeit ergeben, nicht wahr?«
– »Mhm.«

Sarah ist eine hübsche junge Frau, hellbraune Haare, schöne Augen und bemerkenswert schöne Lippen. Und, was mir in der kurzen Zeit, in der ich sie nun kenne, schon aufgefallen ist: ihre Augen wirken traurig. Zwar erwartungs- und hoffnungsvoll, aber im aktuellen Sein furchtbar traurig.

Es ist immer noch kaum etwas los hier auf den Gängen des Studentenheims. Und hier, etwas abgeschotet vom ewigen Lärm der Straßen, bekommt man es beinahe mit der Stille zu tun. Ich weiß nicht, die wievielte Zigarette wir hier nun schon rauchen.

»Und, wann hast du deine erste Vorlesung, diese Woche?«, frage ich und überlege.
– »Ach, erst irgendwann morgen oder übermorgen.«
»Ich auch so ungefähr.«
– »Heute Abend Lust, mit ein paar Freunden und mir auf einen Kaffee zu gehen?«

Nein, ich hätte nichts Besseres tun. Und ja, ich würde es bereuen, wenn ich da heute nicht mitkommen würde. Überraschend spontan sage ich zu und irgendwann trennen sich für die kommenden Stunden unser Weg, die Telefonnummern ausgetauscht. Ich gehe zurück in mein Zimmer, zufrieden mit dem Leben, irgendwie.

Während all der Gedanken nun, die auf mich einströmen, taucht Emily wieder auf. Nach diesem bisher wunderbaren Tag, dem ersten Kennenlernen, den ersten halbmutigen Schritten hier in dieser neuen Umgebung, ist sie plötzlich wieder Bestandteil meiner Gedanken. Ich werde sie nicht finden, nicht auf Facebook, nicht auf Twitter, denn ich weiß ja nichts von ihr. Nichts, bis auf ihren Vornamen und die Gewissheit, eine sehr interessante Frau kennengelernt zu haben. Ich versuche mich zu erinnern, ihr Gesicht. Aber es schwindet. Wengistens habe ich mir den Namen gemerkt, selbst das ist schon etwas Besonderes.

Ich versuche zu lesen, telefoniere mit Freunden, die seit unserem Abschluss quer übers ganze Land verteilt ihre neuen Lebensmittelpunkte gefunden haben. Oder sie suchen sie immer noch. Es ist eben nicht immer so, dass der erste zaghafte Schritt der Richtige ist. So etwas darf man nicht erwarten. Überhaupt.

Erwartungen sind dafür geschaffen, um sich am Schluss in Schutt und Asche zu verwandeln. Und die schmerzhaftesten Minuten oder Stunden, manchmal sogar Tage und Wochen sind die, wenn man zusehen muss, wie die Erwartungen ganz langsam in sich zusammenbrechen. Wenn Wunschträume ihr Ende im Realisieren der Utopie erleben. Und da hilft es auch nicht, die Augen ganz fest zuzukneifen und seine Gedanken weit abschweifen zu lassen. Dafür sind wir nicht geschaffen, wir Menschen. Aber vielleicht ist es genau deshalb so gut, wenn wir durch so etwas durch müssen.

Die Nacht legt sich schön langsam über die immerwache Stadt. »Brrrrr.« » Brrrr.« Sarah.

»Hallo?«
– »Hey! Immer noch Lust? … Perfekt. Wir treffen uns in 15 Minuten unten beim Eingang. Nicht zu spät kommen, klar?«
»Passt, perfekt!«

Etwas matt steh‘ ich von meinem Bett auf, krame mein liebstes Shirt und meine gemütlichste Hose raus, werfe mich in Schale (ein kurzer Blick in den Spiegel, das wars) und mache mich auf den Weg zu Sarah und ihren Freunden. Ich hasse so etwas normalerweise. Etwas Neues zu sein, in einer Gruppe Altbekanntem. Alle haben sich etwas zu erzählen und nur manchmal fragt jemand höflicherweise nach, was ich denn so studiere und wo ich aufgewachsen bin und solche Dinge. In solchen Momenten werde ich nur zu gerne mit Smalltalk beladen, und aus reiner Freundlichkeit gebe ich immer und immer wieder die ewig gleichen Antworten darauf.

»Hey!«
»Hey Noah! Komm, wir wollen schon losgehen.«

Wir sind zu fünft. Drei Frauen, zwei Männer.

»Ich bin Stefan!«

Der Größte der Gruppe spricht mich als Erster an, er sieht freundlich aus und scheint, so rein auf den ersten Eindruck reduziert, ein recht unkomplizierter Mensch zu sein. »Schön dich kennenzulernen, Noah!«

Die Freude ist ganz (rein freundlicherweise) meinerseits: »Gleichfalls! Und du wohnst auch hier im Studentenheim?«

Stefan nickt. »Ja, ich bin nun schon das zweite Jahr hier. Kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht.«

Ein Satz für alte Menschen. Aber aus Stefans Mund hört es sich richtig so an. Ich, am Anfang meines Studiums, kann mir wahrscheinlich noch gar nicht vorstellen, wie schnell zwei Semester vefliegen können.

»Und von wo kommt du?«

Uh, bald werden uns wohl die Gesprächsthemen ausgehen. Und wir sind noch nicht einmal in … (ja, wohin geht es eigentlich?) angekommen. Ich erkläre ihm meine Herkunft, was natürlich am Besten mit der nächstbesten Stadt und dem nächstgelegenen See funktioniert. Er nickt, er war da schon einmal. Campen. Und er erklärte mir, dass er nicht unweit von mir (was sind schon 30 Kilometer) aufgewachsen ist.

Flott wandern wir durch die beleuchteten Straßen der Wiener Innenstadt. Überall grell strahlende Auslagen, hie und da Leute, die an Cocktails schlürfend, sich unterhaltend, im Gastgarten sitzen. Es ist ein warmer September, müsst ihr wissen. Manchmal kommt man auch an Clubs vorbei, wo 16:9-Türsteher ihr Unwesen treiben und für Sicherheit sorgen. Und was mir immer noch faszinierend vorkommt: Es ist Montag Abend, und in jedem einzelnen der unzähligen Lokale sind Menschen. Das gastronomisch Positive an einer Großstadt: man braucht im Grunde genommen nicht viel bieten und hat trotzdem meist volles Haus.

»Hier sind wir!«, sagt Sarah, hält dabei die Tür auf. Nacheinander betreten wir dieses kleine, nette Café. Und jetzt, bei meinen ersten Schritten in diesem Lokal weiß ich noch gar nicht, dass das in Zukunft so etwas wie ein Stammlokal für Sarah und mich, durchschnittlich ein Päckchen Zigaretten, einer Überdosis Koffein und natürlich stundenlangen Gesprächen sein wrid. Aber der erste Duft ist selbst jetzt noch in meiner Nase aufzufinden. Kaffee mit Rauchgestank. Ich liebe es schon jetzt.

Ein Tisch mit fünf Sesseln (Lederüberzug!) und genügend Platz ist schnell gefunden, die junge Kellnerin bringt uns rasch die Speise- und Getränkekarten.

»Stefan kennst du ja bereits.«

Zustimmend nicke ich.

»Das ist Marlene. Und Kathrin.«
– »Hey!«
»Hey!« – »Hey!«

Der Beginn eines (überraschend) langen Abends.

Bedingungslos leben.

Als die Berührung deiner Hand noch keine Bedeutung hatte und der Kuss auf die Wange nicht vorsichtig geschah. Als wir ziellos agierten und furchtlos träumten. Als die Liebe noch nicht ihre ganze Komplexität ausgepackt hatte. Und das Leben durch ungewohnte Schamlosigkeit uns ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Als wir Dinge wie Eifersucht, Neid oder Misstrauen noch nicht einmal kannten. Als wir für niemanden funktionieren mussten.

Doch jetzt ist alles anders. Und es wird wohl nie wieder so sein. Wir können nicht mehr ungewohnt laut atmen, wenn wir nebeneinander sitzen, können uns nicht berühren, ohne dass sich unsere Blicke treffen, mal fragend, mal nicht. Wir können uns nicht mehr treffen und uns verführen lassen, von dem Eis und den warmen Himbeeren. Alles hat sich verändert und nichts ist mehr einfach.

Wir haben aufgehört zu sein, was wir nie wagten. Wir haben uns verstummen lassen, uns unterkriegen. Wir müssen funktionieren, müssen das sein, was man von uns erwartet.

Aber das will ich nicht. Ich möcht‘ dir ganz sanft ins Ohr flüstern, wie gern ich dich mag und möchte dir zeigen, dass ich dich liebe oder eben nicht und ich würde dich an der Hand nehmen, dir in die Augen sehen und würde mit dir gehen. Hinauf zu einem einsamen Platz und wir würden nach Sternschnuppen Ausschau halten. Und es wäre egal, wann irgendjemand morgen raus müsse, oder ob es zu kalt ist, oder ob da irgendwo Tierchen herumkrabbeln. Ob wir das nun tun sollten oder nicht. Es wäre alles egal und das würde uns die Macht geben, unsterblich zu sein, in diesem einen Moment. Wir könnten stolpern, fallen, uns weh tun, und es wäre alles egal. Wir müssten niemanden etwas beweisen und hätten die Leichtigkeit zurückgewonnen. Und wir würden uns nicht fragen, ob die Gefühle stark genug, die Gedanken tief, die Berührungen zart genug sind. Ob es das ist oder ob da vielleicht doch noch etwas danach kommt. Wir würden ohne Erwartungen in unser neues altes Leben starten. Wir würden endlich wieder einmal bedingungslos leben.

Foto: JAIRO BD | flickr
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Inspiration: Du machst mich fühlen wie tanzen – Amy&Pink

Pleasure and pain.

Zuallererst: Infos zum Projekt „Walk Away

„Ich möchte Abschied nehmen. Ich möchte ihn noch einmal sehen. Als du mich damals gefragt hast, damals, als Opa starb, ob du mich holen sollst, habe ich nein gesagt. Weil ich nicht realisiert habe, dass das die letzte Möglichkeit sein sollte, wo ich seinen Körper sehen würde. Das soll hier nicht auch so sein. Ich will ihn noch einmal sehen.“

Meine Mutter nickt. Sie versteht, was ich meine. Und im Laufe des Tages würde sie auch kommen, die Nachricht, dass ich die Möglichkeit bekommen würde. Wir alle würden sie bekommen. In 2 Tagen würde sein Begräbnis stattfinden. Es ist eine beschissene Zeit, gerade. Morgen ist Allerheiligen und die (katholische) Welt trauert um ihre Verstorbenen, oder feiert, dass sie ihren Weg durch das Leben absolviert haben. Was auch immer. Freakin‘ bullshit, das Ganze. Wie kann man den Tod von jemandem feiern, der gerade erst einmal eineinhalb Jahre alt geworden ist. Und wusch. Innerhalb eines Moments eben nicht mehr da war? Scheiß Glauben, scheiß Kirche. Ihr wisst schon. Scheiß Gott!

Ich war nie der zutiefst gläubige Mensch, auch wenn es normalerweise einfach sein sollte, mich für irgendetwas zu gewinnen. Aber jetzt gerade habe ich den letzten Funken Glauben an Gott, das höhere Wesen der katholischen Lehre, verloren. Falls er überhaupt exisitert. Und falls er wirklich so etwas ist, wie man ihn sich vorstellt, ist er ein unglaubliches Arschloch. So etwas macht man nicht, so etwas tut man keinem Menschen an. Nur Arschlöcher tun sowas.

Die Idiotie des Alltags und des Lebens holt uns in unserer Familie ein. Mein Vater hat seit 2 Tagen kaum mehr etwas gegessen, meine Mutter legt ständig Timis Kleidung zusammen, muss oft unterbrechen, weil sie weint. Und kann trotzdem nicht damit aufhören. Und meine Schwester liegt erwartungsgemäß die meiste Zeit herum und weint und manchmal schläft sie auch. Und ich mache mich auf, um mit unserem Pfarrassistenten und in dieser Zeit unglaublich wichtigen Freund das Begräbnis zu besprechen.

Ich würde die Fürbitten schreiben und sie auch vortragen. Und ich würde auch einen längeren Text vorlesen. Meine Mutter und … was mich überraschte, meine Schwester baten mich, das zu tun. Mein ganz persönlicher Abschied von der wichtigsten Person meines bisherigen Lebens. Ja, natürlich werde ich das tun. Ich habe zwar keine verdammte Ahnung, wie ich mich so lange auf den Beinen halten soll, wie ich meine Stimme so lange klar und deutlich benutzen kann. Aber ich werde es natürlich tun, einfach nur, weil es für Timi ist.

Nachdem ich das Pfarramt verlassen habe, wage ich mich in die Kirche. Aus Erzählungen habe ich erfahren, dass vor dem Altar ein Bild von Timi aufgestellt worden sei. Und eine Schüssel voll Sand, wo die Bewohner unseres mir ansonsten so negativ erscheinenden Ortes Kerzen anzünden könnten, um zu zeigen, dass wir nicht allein sind. Ich öffne die Tür, der kalte Geruch der Kirche strömt in meine Nase. Niemand sonst ist hier. Niemand außer mir. Dutzende Kerzen stecken im Sand und ich stehe vor ihnen. Nehme mir eine, zünde sie an, stecke sie dazu. Sehe mir, im Kerzenschein, minutenlang Timis Gesicht. Wie er da so fröhlich am Tisch sitzt, in der guten Vergangenheit. Und irgendwann breche ich (ich breche, wirklich) zusammen, falle schmerzhaft auf meine Knie, und weine. Weine von ganzem Herzen und aus tiefstem Schmerz und es wäre mir scheißegal, wenn sich jetzt plötzlich die Kirche füllen würde. Ich weine. Lasse alles heraus, wische mir die Tränen aus dem Gesicht, gehe zum Auto und fahre nach Hause.

Am Abend kommt sie schließlich, die Möglichkeit. Wir würden noch einmal seinen Körper sehen, aufgebahrt in der Leichenhalle, eingehüllt in ein Lammfell in diesem verdammt kleinen Sarg. Hier ist sie, diese eine, beklemmende Stimmung, die ich nie mehr in meinem Leben vergessen werde. Man fühlt sich fehl am Platz, man traut sich kaum, auf den Sarg zuzugehen, will nicht zusehen, wie andere es vor einem tun. Und dann geht man schließlich hin und zieht die Spieluhr ein weiteres Mal auf, greift ihm sanft über die Wangen, die weiß geschminkt alle Flecken überdecken versuchen. Ein Kuss auf die Stirn, schwarze Lippen. Und das Gefühl: das ist nicht Timi. Das ist eine Puppe. Das ist er nicht. Und in diesem Moment wurde mir die bittere Wahrheit bewusst: Ich hätte ihn nicht noch einmal sehen sollen. Ich hätte die Erinnerung behalten sollen, ich habe mir ein Teil des Schönen rauben lassen. Was bleibt ist das Bild des Sarges, die kalte Haut des Kindes, die Melodie der Spieluhr.

Wir lassen meine Schwester alleine, in der Leichenhalle. Sie solle entscheiden, wann sie den Sarg schließen möchte. Umarmungen, Abschiede, noch einmal in die Kirche. Und wieder dasselbe. Keine Kraft mehr in den Beinen, keine Kraft mehr in mir. Breche zusammen, neben meinen Eltern. Kann kein Wort sprechen, meine Eltern geben mir die Zeit, die ich brauche. Doch ich bemerke: Weinen ist etwas viel zu Persönliches. Alleine zu weinen ist besser. Aber ich wage es nicht alleine zu sein.

Am Abend fahre ich zu meinen Freunden, zu jedem Einzelnen, überreiche ihnen die Parte, rede und weine. Das ist wohl der tränenreichste Tag von allen. Ich rede und weine und fühle mich geborgen, auch wenn ich weiß, dass ich meine Freunde dadurch in eine beschissene Lage bringe. Mir zu helfen ist nicht möglich, einzig einfach nur da zu sein erscheint mir Hilfe genug. Ich genieße die Zeit außerhalb der kleinen kaputten, der unseren Welt.

Zuhause angekommen, im Bett, kralle ich meine Fingernägel in meine linke Schulter, schließe die Augen, spüre die heruntergeschabte Haut, die tief hinein gedrückten Wunden. Der ganze Schmerz durchfährt meinen Körper. Zufrieden schlafe ich ein.

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away

Am Jahrmarkt. [Ein Dialog]

„Hab‘ ich dir eigentlich schon einmal die Geschichte erzählt, als ich, als ich mit einer Achterbahn fuhr, nur so knapp verhindern konnte, dass ich wild um mich herum alles vollkotze?“
– „Nein. Und. Du-uh?“
„Ja.“
– „Du hast ja wirklich keinen blassen Schimmer von Romantik.“
„Ach. Doch, sicher.“
– „Also?“
„Hm. Du willst also Riesenrad fahren. Mir soll’s recht sein. Komm, gehen wir.“

„Haben wir uns eigentlich schon mal geküsst. Wenn nicht, dann müssen wir das da oben tun. Das macht man so.“
– „Ach komm.“
„Was?“
– „Nichts. Und ja, wir haben uns schon geküsst. Wir kennen uns ja auch schon lang genug.“
„Bist du eigentlich schwindelfrei?“
– „Ja. Bin ich. Und los, lass uns einsteigen.“

„Oh, wir fahren ja gar nicht mehr.“
– „Nein. Aber wir haben doch einen schönen Ausblick, hier ganz oben, siehst du?“
„Mhm. Ja. Wirklich … schön.“
– „Und? Irgendetwas, das du mir sagen möchtest?“
„Ja klar.“
– „…“
„Hab‘ ich dir eigentlich schon mal die Geschichte erzählt, als ich mich im Riesenrad vollgekotzt habe?“
– „…“
„Also ja?“
– „…“
„Du-uh?“
– „…“
„…“
– „Du willst also Schluss machen?“
„…“
– „…“
„Zuckerwatte?“

Foto: flickr | iamagenious
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Gespräch.

„Du verstehst nicht. Das hat alles nichts damit zu tun. Du … du warst nur zur falsche Zeit am falschen Ort, verstehst du? Es gibt keinen Grund, warum du das getan hast. Aber du hast es getan und ich kann jetzt nichts mehr tun. Für dich. Für mich.“

Nun gut. Ich war eingeschlafen, und als ich am frühen Morgen, die Sonne kitzelte gerade eben meine Nase, neben dieser Straße, unter diesem Baum aufwache, fühlt es sich so an, als hätte ich beinahe zweieinhalb Jahre geschlafen. Ich bin kaputt und kann mir immer noch nicht erklären, was mit mir los ist. Ich habe Schmerzen, komme beinahe nicht mehr auf die Beine.

Scheiße. Meine Hände sind mit feinen Narben übersät. Ganz klein. Marionette. Nichts mehr als eine Marionette. Verdammt. Ja, diese Kurznachricht. Wo … wo ist eigentlich mein Mobiltelefon. Die Taschen sind leer, bis auf ein paar Münzen, und während ich die Wiese rund um mich absuche, höre ich den einen, meinen Klingelton. In einiger Entfernung leuchtet es, und nachdem ich langsam vor mich hinstolperte, beginne ich mit einem zaghaften „Hallo?!“ das Gespräch.

„Bleib‘ jetzt ganz ruhig.“ Eine tiefe Stimme, sie ist mir unbekannt.
– „Hallo?!“
„Du weißt wer ich bin. Und … und wir müssen uns treffen.“

Nein, ich habe keine verdammte Ahnung.

„Ja. Okay. Ähm, wann? Und vor allem wo?“
– „Das erfährst du noch früh genug. Aber jetzt komm‘ erst Mal von diesem Baum weg.“

Scheiße. Ich blicke mich um, ganz hektisch, aber … verdammt. Hier ist nichts und niemand. Selbst die Straße scheint vollkommen leer zu sein.

„Wie … wie hast du …-„

Doch schon wieder beginne ich Selbstgespräche zu führen. Ich bin wieder allein.

[Zu den bisherigen Teilen der Fortsetzungsgeschichte]

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Ein guter Tag irgendwie.

Meine Hand zu einer Faust geformt reibe ich mir die Augen. Alles tut weh. Mein Rücken schmerzt und das Gefühl in meinen linken Arm scheint gerade erst wieder zurückzukehren. Das Buch ist immer noch geöffnet, nur die Seite ist nicht mehr die Gleiche als damals, als ich eingeschlafen bin. Was waren das jetzt? Drei Stunden?

Ich fühle mich elend. Um neun, halb zehn war ich im Studentenheim, habe mein bisschen Gepäck ausgepackt, das Bett frisch überzogen. Ich war müde, wollte schlafen. Ich hätte es auch bitter nötig gehabt. Aber Wien ist anders, wisst ihr. Kaum glaubt man, es sei endlich Ruhe eingekehrt, wird das Zimmer mal wieder durchflutet von vorbeifahrendem Blaulicht, die Stille durchbrochen von quietschenden Reifen. Deshalb habe ich mir das Buch gekrallt, habe zu lesen begonnen und bin, meinen Kopf auf der Hand abgestützt, eingeschlafen. Und das war ungefähr vor 3 Stunden. Aber ich weiß es ja, es ist alles nur Gewöhnungssache.

Zu viel Neues hier und zu schnell das Ganze. Ich werfe die Bettdecke zurück, schlüpfe mit den Beinen heraus und wage die ersten Schritte dieses Tages. Mir ist schwindelig und im Grunde genommen wäre jetzt der genau richtige Zeitpunkt, um mich zu übergeben. Zum Glück aber habe ich seit einiger Zeit nichts mehr gegessen. Der Aufregung wegen. Und dieses Unvermögen, sich zu übergeben, verstärkt leider noch viel mehr dieses ungute und flaue Gefühl in meinem Oberkörper. Ich öffne das Fenster, sehe raus. Diese Stadt schläft nie.

Schon jetzt, es ist gerade mal halb 7, sind die Straßen wieder übervoll gefüllt und ich befürchte beinahe, dass sich das seit meiner Ankunft nur minimal verändert hat. Und obwohl, wenn man auf der Autobahn nach Wien fährt, beim Ortsschild „Wien“ ein Hupverbot für das gesamte Stadtgebiet bemerkt, scheint sich niemand daran zu halten. Da, schon wieder. Es dröhnt in meinem Kopf.

Ich versuche mich daran zu erinnern, was mir Freunde empfohlen haben. Die Meisten wissen, dass ich solche Umstellungen wie diese, solche Neubeginne, solche Bottom-Up-Dinger für mich furchtbar unangenehm sind und ich mich nur unter starkem Druck daran gewöhne. Aber eine Freundin meinte, am Schnellsten würde man Bekanntschaften in Gemeinschaftsküchen von Studentenheimen finden. Jetzt soll ich mich also auf das freie Schlachtfeld frischer Neo-Studenten wagen. Mein Herz pocht in meinen Ohren. Ich bin nicht gut in solchen Dingen. Der erste Kaffee, den ich mir hier in Wien gekocht habe, schmeckt wie der letzte Dreck. Ich sitze am großen Tisch, lese die Zeitung, die heute schon vor meiner Tür lag und warte. Manchmal huscht jemand vorbei, ich kann es durch die offene Tür beobachten, aber scheinbar ist es hier wohl nicht so angesagt, sich in der Gemeinschaftsküche etwas zu kochen. Ich gehe zurück in mein Zimmer. Da werde ich wohl erst zu Mittag den nächsten Angriff starten können. In meinem Zimmer starte ich nur noch den iPod, leg‘ mich aufs Bett und blicke an die Decke. Warum ist bloß jeder Anfang so schwer? Und warte, bis die Zeit endlich vergangen ist.

»Hey! Ich bin Sarah!«

Es ist Mittag. Als ich gerade versuche, mein unglaublich aufwändiges chinesisches Nudelgericht nicht anbrennen zu lassen (die einzige Aufgabe, laut der Anleitung auf der Packungsrückseite), scheint mich das erste menschliche Wesen entdeckt zu haben.

»Oh. Hey. Noah!«

Relativ umständlich übernimmt meine linke Hand die wichtige Herausforderung und den Kochlöffel zu übernehmen, damit ich ihr meine Hand reichen kann. Hübsch.

»Auch neu hier?«
– »Mhm. Gerade frisch angekommen. Und du?«
»Ja. Ebenfalls. Also nein. Eigentlich bin ich schon seit ungefähr zwei Wochen da. Ich hab‘ mir gedacht, das würde mir helfen, damit ich mich an diese neue Umgebung gewöhne.«

Eine kluge junge Frau ist das. Darauf hätte ich eigentlich auch kommen können. Aber wahrscheinlich ist mir der Abschied zu schwer gefallen und die Angst vor dem Neuen hat eine nicht zu unterschätzende Größe entwickelt. Ich weiß es nicht. Aber zumindest diese Nacht wäre wohl mit mehr Schlaf belohnt worden. Oder?

»Ich hab‘ kaum geschlafen. War wohl eine zu heftige Umstellung für mich.«
– »Von wo kommst du denn?«

Und so erklärte ich ihr meiner Vergangenheit als Landkind und träume ihr vor, wie mein Leben als Stadtkind auszusehen habe. Sarah geht es genauso. Für sie war sogar die Anreise eine noch größere Hürde. Man mag es kaum glauben, wie verzweigt sich Österreich so manches Mal gestaltet.

»Kommst du frisch von der Matura?«
– »Mhm. Und auch frisch von der Maturareise.« Sarah lacht. So wie die meisten der rund 10.000 Leute, die ihren Abschluss in irgendeinem All-inc-Club feiern und manchmal nur mehr wenige Erinnerungen daran haben. »Und du?«
»Zivildienst.«

Im Laufe des Gesprächs erfahre ich noch so einiges über die junge Frau, die es wagte, die Erste zu sein, die mich in der neuen Stadt begrüßte. (Außer vielleicht der U-Bahn-Sprecher, der einen jeden „Zug fährt ab“ ins Gesicht brüllt.) Und von allen Gesichtern und Namen, die ich in den nächsten Tagen und Wochen erfahren werde, wird sie einen Ehrenplatz bekommen. An sie wird sich alles orientieren. Keine Ahnung, ob ihr das jetzt in diesem Moment, während des Gespräches schon bewusst geworden ist.

»Kennst du schon andere aus diesem Stock hier?«
– »Mhm. Also noch nicht so viele. Aber du warst wohl einer der Letzten, der nun wirklich hier eingezogen ist. Die Anderen sind schon mindestens eine Woche da.«

Shit, denk‘ ich mir. Vor meinem geistigen Auge überlege ich, ob da doch nicht etwas Anderes im Kalender und auf der Internetseite meiner Uni gestanden ist. Nein. Puh.

»Und? Findest du sie nett? Also so auf den ersten Eindruck?«
– »Mhm, ja schon. Sind zwar viele noch viel zu schüchtern, aber hey, das wird schon noch.«

Sie lacht und setzt sich zu mir an den Tisch, ihre Tasse dampfenden Tees, den sie sich während unseres Gesprächs vor ihr und ich über meiner chinesischen Nudelpfanne brütend. Sie scheint einer sehr selbstständige Frau zu sein, keine, die auch nur annähernd auf den Mund gefallen ist. Eine sympatische junge Frau, mit der ich wohl noch unzählige Gespräche führen werde. Meine Nudeln (sie schmecken wie … Unbeschreibliches) werden hinuntergeschlungen und als ich mein weniges Geschirr abspüle, fragt mich Sarah von schräg hinten: »Rauchst du eigentlich?«

– »Mhm.«
»Sehr gut. Dann wirst du also von nun ein mein Rauchpartner. Hast du Lust?«

Sie zückt ihr Päckchen, öffnet es und hält es mir entgegen. Sie weiß, wie man jemanden die Schüchternheit nimmt. Wir gehen raus, auf den Gang, hier darf man nämlich so ganz offiziell rauchen, lassen uns auf den Boden fallen und reden weiter. Ein guter Tag irgendwie.

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Seelenstriptease vor einer Unbekannten.

Ich muss grinsen. Das gefällt mir.

Meinen Kopf lehne ich gegen das Zugfenster, blicke immer mal wieder sie an und hinaus aus dem Fenster. Oh. Ein Tunnel. Ein schneller Wechsel von hell zu dunkel. Erschrocken ziehe ich meinen Kopf zurück.

»Angst vor der Dunkelheit?«

»Hm?«

»Na, weil du … weil du so zurückgezuckt bist.«

»Ach, ja. Mhm. Hab‘ ich. Ich kann nichts dagegen tun. Und selbst wenn all die Umstände mir eigentlich helfen sollten, wenn ich zum Beispiel mit Freunden unterwegs bin, mit Menschen, denen ich durch und durch vertraue. Kommt da plötzlich die Dunkelheit, bin ich vollkommen einsam. Hilflos. Wie ein Kind. Aber … ach-«

Seelenstriptease vor einer Unbekannten.

»Nein, schon gut. Ich versteh‘ das. Ich kenn‘ das.«

Sie lächelt mir zu. Ein beruhigendes Lächeln, ein zustimmendes. Das ist hier also kein Smalltalk mehr. Ich habe Lust, mehr zu reden, mich mit ihr zu unterhalten und sehe ihr ganz bewusst in die Augen. Das dauert normalerweise immer etwas, bis ich zu so etwas fähig bin.

»Du … du beobachtest also gerne Menschen?«
Sie lächelt. »Nein. So ist das nicht. Ich beobachte ja nicht jeden.«

Oh, Balsam für mein Selbstwertgefühl.

»Und wovor hast du nun Angst? Die Dunkelheit wird es wohl nicht sein, nehm‘ ich an.«
– »Ich sags dir. Aber versprich mir, dass du nicht lachst!«
»Äh. Ok. Versprochen!«
– »Hm. Vor Kälte. Vor Kälte habe ich Angst. Ich habe Angst davor zu Erfrieren. Deswegen habe ich auch stets ein paar dicke Socken und eine kleine aber warme Decke mit dabei. Sicher ist sicher.«

Ich beginne zu schmunzeln. Nicht, dass ihr jetzt glaubt, ich lache über anderer Menschen Ängste. Nein, nein. So etwas würde ich sicher nicht tun. Aber ihr hättet sie ganz einfach sehen müssen, als sie diese Geschichte erzählt hat. Wäre es erlaubt, das Adjektiv „niedlich“ auf einen Menschen anzuwenden (manche tun es ja sowieso trotzdem) , hätte es sie in diesem Moment perfekt beschrieben.

»Du … du lachst. Das ist gemein!«
– »Nein … oh. Nein! Ich … ich dachte nur-«
»Ist schon gut. Ich hätte es mir ja denken können, dass du das wahrscheinlich lustig finden wirst. Jeder findet das irgendwie lustig.«
– »Hey, sorry. Es war echt nicht deswegen.«

Ich hätte jetzt noch pausenlos und stundenlang weiterreden können, um sie davon zu überzeugen, dass sie mein Lächeln wohl grundlegend missverstand. Findet ihr nicht auch, dass das Lächeln so eine Sache an uns ist, die wir wirklich nur schwer unter Kontrolle bringen können? Mir kommt es zumindest so vor, denn manchmal überkommt es dich einfach und du hast keine Chance dieser Emotion zu entkommen. Trotz all dieser Risiken und Nebenwirkungen.

»Nächster Halt, next stop -.«

Verdammt. Noch während der Schaffner mich noch aus meiner Gedankenverlorenheit zurückholt, sucht die Namenlose hektisch ihre Dinge zusammen. Der Zug fährt gemächlich in den kommenden Bahnhof ein, als sie aufspringt, sich noch schnell eine Strähne aus dem Blickfeld streicht und sich mit dieser Unmenge an Taschen bepackt.

»Ich-«, beginne ich, um ihr endlich zumindest meinen Namen, trotz all der Hektik, unterzuschieben.

»Ich muss los, sorry!«, unterbricht sie mich. »Ciao!«

Verdammt. Verdammt. Doppelverdammt. Oder sagen wir es,wie es ist: Scheiße, verdammt! Aber da, ihr Buch. Sie hat es vergessen.

»Hui. mein Buch. Beinahe hätte ich es liegen lassen.«
– »Ähm.«
»Ich bin übrigens Emily. Und … und du bist vielleicht vieles, aber eindeutig nicht furchtbar!«

Noch bevor ich darauf reagieren konnte, war sie auch schon verschwunden. Ihr habt es vielleicht mitbekommen: Ich bin kein mann der großen Worte. Hie und da mal ein »Ähm« eingeschoben, und die großen Probleme dieser Welt lösen sich von ganz alleine. Oder zumindest die meinen. Der Zug fährt ab.

Jetzt sitze ich hier, durch und durch verwirrt. schön langsam erreicht der Zug wieder sein Durchschnittstempo. Es würde also nicht mehr lange dauern und ich würde am Westbahnhof, vermutlich am Bahnsteig 11, ankommen. Um mir im Anschluss auch gleich noch die besten Verbindungen mit den Öffis rauszusuchen. Eigentlich bin ich teilweise ja derart von unspontan. Ich habe mir schon vor Wochen all die Pläne angesehen, mir die Wege und Straßennamen notiert. Aber aufgrund meines vollkommen fehlenden Orientierungssinnes gehe ich heute lieber noch einmal auf Nummer sicher. Ich war zwar noch nicht oft in Wien. Aber wenn, dann wusste ich wenigstens, wie man sich prächtig in dieser Großstadt verirrt.Aber lasst das doch einfach meine Sorge sein. Emily. Hm. Irgendwie werde ich schon zu meinem Studentenheim finden. Und falls nicht: Nach dem Kampf gegen meine Überwindung werden mir sicher die gefragten Menschen den richtigen Weg weisen.

Wird man sich eigentlich jemals wiedersehen? es gibt ja diesen einen Spruch, ich glaube er ist aus irgendeinem guten Film. So, dass man sich immer zwei Mal sieht im Leben und so. Aber stimmt das denn wirklich? seit wann kann man denn bitte auf Filmzitate hören. Seit wann, hm?

Ratter-Ratter.

Immer noch Zug, immer noch ich. ich, auf dem Weg nach Wien. Es ist Nacht geworden, wisst ihr? irgendwie würde ich Emily natürlich gerne wiedersehen. Wir haben nicht viel geredet, während unserer ersten Begegnung, nein. Aber diese wenigen Worte haben gereicht. Ihr müsstet mich jetzt gerade sehen. Diesen Smile bekomme ich nicht mehr so schnell aus meinem Gesicht, wisst ihr. Ach, verdammt. Was ist denn bitteschön schon wieder los mit mir? So kenn‘ ich mich ja gar nicht.

»… erreichen wir Wien Westbahnhof, unseren Endbahnhof!«

Es ist soweit. Mit etwas Schwung schaffe ich es, meinen kleinen Koffer von der Ablage herunter zu bekommen. Wahrscheinlich hab‘ ich sowieso viel zu viel eingepackt. Und- so wie ich mich kenne – auf das Nötigste vergessen. Das bin eben ich, das ist mein Chaotentum. Ich spüre mein Herz klopfen. Bin ich aufgeregt? Mag sein. Ich bin endlich weg aus diesem Kaff, das zwei Jahrzehnte lang meine Heimat, mein Zuhause war. Ich bin froh, es endlich geschafft zu haben. Die Gänge des Zuges sind schon gefüllt mit unruhig wartenden Menschen. Ich habe mich noch einmal hingesetzt, ich mache mir keinen Stress. Nein. Ich will nicht jetzt schon das unsäglichste Merkmal eines Wieners aneignen. wisst ihr, über uns Österreicher sagt man ja, wir seien gemütlich. Und das sind wir grundsätzlich auch. Aber die Wienerinnen und Wiener müssen hier natürlich gegen den Strom schwimmen.

Emily.
Hm. Ein schöner Name.

Sie hat mich verzaubert. ja. Ich hoffe, ich sehe sie wieder. Ich muss es einfach. Diese junge Frau hat es mir angetan. Kennt ihr das? Ich schon. Spätestens seit heute. Ich lehne mich noch einmal gegen das Fenster, welches schon mal Ruheplatz für mich war. erst jetzt kapiere ich, was sie meinte. Nein, ich bin nicht furchtbar. Ich bin lustig, manchmal charmant. Und vor allem bin cih gerade eines: Zufrieden.

Oh. Der Zug ist leer. Schnell schnappe ich meine Taschen, laufe zur Tür. Springe raus. Atme Wiener Luft, betrete Wiener Boden. Ich krame nach einem Zettel in meiner Hose. Die Öffi-Verbindungen; ich habe einfach keine Lust mehr, mich hier durchzufragen.

Runter zur U-Bahn.
Hineingedrängt mit hunderten (vom Stress getriebenen) Anderen.
Hier bin ich.
Angekommen in meinem neuen Leben.

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