Ein guter Tag irgendwie.

Meine Hand zu einer Faust geformt reibe ich mir die Augen. Alles tut weh. Mein Rücken schmerzt und das Gefühl in meinen linken Arm scheint gerade erst wieder zurückzukehren. Das Buch ist immer noch geöffnet, nur die Seite ist nicht mehr die Gleiche als damals, als ich eingeschlafen bin. Was waren das jetzt? Drei Stunden?

Ich fühle mich elend. Um neun, halb zehn war ich im Studentenheim, habe mein bisschen Gepäck ausgepackt, das Bett frisch überzogen. Ich war müde, wollte schlafen. Ich hätte es auch bitter nötig gehabt. Aber Wien ist anders, wisst ihr. Kaum glaubt man, es sei endlich Ruhe eingekehrt, wird das Zimmer mal wieder durchflutet von vorbeifahrendem Blaulicht, die Stille durchbrochen von quietschenden Reifen. Deshalb habe ich mir das Buch gekrallt, habe zu lesen begonnen und bin, meinen Kopf auf der Hand abgestützt, eingeschlafen. Und das war ungefähr vor 3 Stunden. Aber ich weiß es ja, es ist alles nur Gewöhnungssache.

Zu viel Neues hier und zu schnell das Ganze. Ich werfe die Bettdecke zurück, schlüpfe mit den Beinen heraus und wage die ersten Schritte dieses Tages. Mir ist schwindelig und im Grunde genommen wäre jetzt der genau richtige Zeitpunkt, um mich zu übergeben. Zum Glück aber habe ich seit einiger Zeit nichts mehr gegessen. Der Aufregung wegen. Und dieses Unvermögen, sich zu übergeben, verstärkt leider noch viel mehr dieses ungute und flaue Gefühl in meinem Oberkörper. Ich öffne das Fenster, sehe raus. Diese Stadt schläft nie.

Schon jetzt, es ist gerade mal halb 7, sind die Straßen wieder übervoll gefüllt und ich befürchte beinahe, dass sich das seit meiner Ankunft nur minimal verändert hat. Und obwohl, wenn man auf der Autobahn nach Wien fährt, beim Ortsschild „Wien“ ein Hupverbot für das gesamte Stadtgebiet bemerkt, scheint sich niemand daran zu halten. Da, schon wieder. Es dröhnt in meinem Kopf.

Ich versuche mich daran zu erinnern, was mir Freunde empfohlen haben. Die Meisten wissen, dass ich solche Umstellungen wie diese, solche Neubeginne, solche Bottom-Up-Dinger für mich furchtbar unangenehm sind und ich mich nur unter starkem Druck daran gewöhne. Aber eine Freundin meinte, am Schnellsten würde man Bekanntschaften in Gemeinschaftsküchen von Studentenheimen finden. Jetzt soll ich mich also auf das freie Schlachtfeld frischer Neo-Studenten wagen. Mein Herz pocht in meinen Ohren. Ich bin nicht gut in solchen Dingen. Der erste Kaffee, den ich mir hier in Wien gekocht habe, schmeckt wie der letzte Dreck. Ich sitze am großen Tisch, lese die Zeitung, die heute schon vor meiner Tür lag und warte. Manchmal huscht jemand vorbei, ich kann es durch die offene Tür beobachten, aber scheinbar ist es hier wohl nicht so angesagt, sich in der Gemeinschaftsküche etwas zu kochen. Ich gehe zurück in mein Zimmer. Da werde ich wohl erst zu Mittag den nächsten Angriff starten können. In meinem Zimmer starte ich nur noch den iPod, leg‘ mich aufs Bett und blicke an die Decke. Warum ist bloß jeder Anfang so schwer? Und warte, bis die Zeit endlich vergangen ist.

»Hey! Ich bin Sarah!«

Es ist Mittag. Als ich gerade versuche, mein unglaublich aufwändiges chinesisches Nudelgericht nicht anbrennen zu lassen (die einzige Aufgabe, laut der Anleitung auf der Packungsrückseite), scheint mich das erste menschliche Wesen entdeckt zu haben.

»Oh. Hey. Noah!«

Relativ umständlich übernimmt meine linke Hand die wichtige Herausforderung und den Kochlöffel zu übernehmen, damit ich ihr meine Hand reichen kann. Hübsch.

»Auch neu hier?«
– »Mhm. Gerade frisch angekommen. Und du?«
»Ja. Ebenfalls. Also nein. Eigentlich bin ich schon seit ungefähr zwei Wochen da. Ich hab‘ mir gedacht, das würde mir helfen, damit ich mich an diese neue Umgebung gewöhne.«

Eine kluge junge Frau ist das. Darauf hätte ich eigentlich auch kommen können. Aber wahrscheinlich ist mir der Abschied zu schwer gefallen und die Angst vor dem Neuen hat eine nicht zu unterschätzende Größe entwickelt. Ich weiß es nicht. Aber zumindest diese Nacht wäre wohl mit mehr Schlaf belohnt worden. Oder?

»Ich hab‘ kaum geschlafen. War wohl eine zu heftige Umstellung für mich.«
– »Von wo kommst du denn?«

Und so erklärte ich ihr meiner Vergangenheit als Landkind und träume ihr vor, wie mein Leben als Stadtkind auszusehen habe. Sarah geht es genauso. Für sie war sogar die Anreise eine noch größere Hürde. Man mag es kaum glauben, wie verzweigt sich Österreich so manches Mal gestaltet.

»Kommst du frisch von der Matura?«
– »Mhm. Und auch frisch von der Maturareise.« Sarah lacht. So wie die meisten der rund 10.000 Leute, die ihren Abschluss in irgendeinem All-inc-Club feiern und manchmal nur mehr wenige Erinnerungen daran haben. »Und du?«
»Zivildienst.«

Im Laufe des Gesprächs erfahre ich noch so einiges über die junge Frau, die es wagte, die Erste zu sein, die mich in der neuen Stadt begrüßte. (Außer vielleicht der U-Bahn-Sprecher, der einen jeden „Zug fährt ab“ ins Gesicht brüllt.) Und von allen Gesichtern und Namen, die ich in den nächsten Tagen und Wochen erfahren werde, wird sie einen Ehrenplatz bekommen. An sie wird sich alles orientieren. Keine Ahnung, ob ihr das jetzt in diesem Moment, während des Gespräches schon bewusst geworden ist.

»Kennst du schon andere aus diesem Stock hier?«
– »Mhm. Also noch nicht so viele. Aber du warst wohl einer der Letzten, der nun wirklich hier eingezogen ist. Die Anderen sind schon mindestens eine Woche da.«

Shit, denk‘ ich mir. Vor meinem geistigen Auge überlege ich, ob da doch nicht etwas Anderes im Kalender und auf der Internetseite meiner Uni gestanden ist. Nein. Puh.

»Und? Findest du sie nett? Also so auf den ersten Eindruck?«
– »Mhm, ja schon. Sind zwar viele noch viel zu schüchtern, aber hey, das wird schon noch.«

Sie lacht und setzt sich zu mir an den Tisch, ihre Tasse dampfenden Tees, den sie sich während unseres Gesprächs vor ihr und ich über meiner chinesischen Nudelpfanne brütend. Sie scheint einer sehr selbstständige Frau zu sein, keine, die auch nur annähernd auf den Mund gefallen ist. Eine sympatische junge Frau, mit der ich wohl noch unzählige Gespräche führen werde. Meine Nudeln (sie schmecken wie … Unbeschreibliches) werden hinuntergeschlungen und als ich mein weniges Geschirr abspüle, fragt mich Sarah von schräg hinten: »Rauchst du eigentlich?«

– »Mhm.«
»Sehr gut. Dann wirst du also von nun ein mein Rauchpartner. Hast du Lust?«

Sie zückt ihr Päckchen, öffnet es und hält es mir entgegen. Sie weiß, wie man jemanden die Schüchternheit nimmt. Wir gehen raus, auf den Gang, hier darf man nämlich so ganz offiziell rauchen, lassen uns auf den Boden fallen und reden weiter. Ein guter Tag irgendwie.

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Morgens. Ohne Kaffee.

Sarah und ich. Eine SMS-Konversation

Sarah | 8:51 Uhr | Prüfungswoche angelaufen, bin glücklich! Nur noch 4 Tage und 8 Stunden, dann sind Ferien!
Dominik | 9:08 Uhr | Boa. Sehr gemein. So bald am Morgen!
Sarah | 9:11 Uhr | Jupp, aber dafür kann ich morgen schlafen. Da muss ich erst um halb 12 außer Haus.
Dominik | 9:11 Uhr | Ich könnt heute schlafen. Morgen nicht.
Sarah | 9:12 Uhr | Na, dann schlaf!
Dominik | 9:12 Uhr | DU HAST MICH AUFGEWECKT! Ansonsten würd‘ ich eh noch schlafen.
Sarah | 9:14 Uhr | Sorry!
Dominik | 9:16 Uhr | Zu spät! Um was geht es heute?
Sarah | 9:19 Uhr | Sowjetunion und Österreich ab Monarchie
(…)

Eine halbe Tasse Kaffee (und einen Muffin, ein Vanille-Yogurt und einen Smoothie später) bin ich immer noch munter. Aber jetzt bekomme ich die Augen auch schon von selbst auf. Und ich dachte einfach, dass das die Weltöffentlichkeit erfahren muss: Wie brutal das Vibrieren meines Handys aufgrund einer SMS von Sarah wecken kann. Und natürlich hoffe ich, dass es Sarah bei der jetzt gerade stattfindenden Prüfung (zu Sowjetunionund Österreich ab Monarchie) regelrecht gut geht!

photocredit: chispita_666 | flickr