Gedankentod.

„Weißt du, manchmal mache ich mir Gedanken, wie es ist, wenn man stirbt. Ob man dabei etwas verspürt, wenn der Schmerz ein Ende hat, wenn das bisher bekannte Leben ausgehaucht wird. Ob man sein eigenes Ableben überhaupt in unserem Sinne realisiert. Ob es überhaupt erlebenswert ist, das Sterben.“

Die Eiswürfel in diesem Vodka Red Bull scheinen, der Hitze ausgesetzt, doch nur für kurze Zeit ansehnlich zu sein. Der Strohhalm liegt ungebraucht daneben. Er muss schnell trinken, um die Gedanken zu verdrängen. Ein, zwei Schluck, das Glas verliert beträchtlich an Inhalt. Er möchte woanders hin. Möchte Stille, Ruhe, möchte träumen. Die Bar um ihn herum aber scheint ihn einzuschließen, überall rund um ihn all die zahllosen unbekannte Gesichter. Nur hie und da ein paar Bekannte, wenige Freunde.

„Noch einmal, bitte!“, brüllt er quer über den Tisch (und doch scheint es so, als würde er flüstern), während sein aktuelles Glas noch beinahe halb voll ist. Aber wenige Sekunden danach stellt er es ab und wartet auf Nachschub.

„Ich stelle mir den Tod einsam vor. Alles im Leben ist irgendwie  umfangen von verschiedenen Menschen. Von Geburt an schon. Aber den Tod kann man nur alleine meistern. Er passiert und niemand anderer kann dir nun etwas abnehmen, an keinen anderen Menschen kannst du dich nun festhalten. Man stirbt in trauter Einsamkeit.“

Die schwüle Luft in dem Lokal scheint ihm in den Kopf zu steigen. Er packt sich sein Getränk, bezahlt und deutet seinen Freunden an, dass er nur kurz mal raussehen würde. Wie war er nur hierher gekommen? Ein Freund folgt ihm. Er scheint bemerkt zu haben, dass mit ihm eben in diesem Moment irgendetwas gerade total falsch läuft.

„Warum ich über all das nachdenke? Besteht denn etwa seit Kurzem dieser unbändige Todeswunsch? Nein. Wie schon lange nicht mehr bin ich zum Leben aufgelegt. Es ist noch nicht Zeit dafür. Noch lange nicht. Aber manchmal versucht mich die Gedankenwelt vollkommen gnadenlos aus der Ruhe zu bringen.“

Sein Freund tut das einzig Richtige. Er umarmt ihn und klopft ihm auf die Schulter. ‚Komm, lass uns wieder reingehen‘, meint er und schließlich betreten die Beiden wieder das Lokal. Drei oder vier Gläser später fehlt ihm jede Erinnerung. Er hat es geschafft.

photocredits: DerrickT | flickr

Weil a bissal Glick fia di nu laung ned reicht.

Dei Lochn. I hob’s nu imma in Erinnerung. So unvagesslich und so einzigartig. Wia soi des netta weidageh. Jetzt, noch so fü Tog und so fü Wochn. I wü di ned vagessn. Oba i schoffs a koan Tog, wie i ned zehn oder zwanzg Moi an di denk. Egal wo i hischau, ois erinnert ma an di. Wie soid i do nur irgendwia fertigwern mit oi dem Schmerz und oi de Gedaunken.

Aufoamoi warst du weg und mein Wunsch, di nuamoi zu seng, bereu i beinahe jeden Tog. Wia du do dortgleng bist, so koid, so zart. Dei Haut so sanft, dei Körpa so tot. Nia werd i des Büd vagessn, nia wieda werd i an di denka kinna, ohne a des letzte Büdl mit dia zu seng. Des geht nimma weg und es duat weh. So vadaumt weh, wia si des nur gaunz wenige vorstön kinnan.

Wei a bissal Glick fia di nu laung ned reicht. I wünsch da, dass da guad geht. Wünsch ma, dasd amoi lochst, nur fia mi. I wünsch ma, dass i di irgendwaun wieda moi gspia. Dei Wärm und deine wundaschen Aung seng kau. I wünsch da nua des Beste, und hoff, dass uns, de do bleim haum miasn, dass irgendwaun a uns wieda guad geht. Oba wos sog i, es wiad nia wieda so sei, wia’s scho amoi woa. Nia wieda wird mei Mama so wunschlos glückli sei, so befreit lochn, wias sis mit dia dau hot. Nia wieda wiad mei Papa a so großartiga Großvota sei und nia wiada wird dei Mama a gaunz a normales, glückliches Lem führn. Und i werd woi a jeden Tog an di denka.

Fia di reicht ka bissal Glick. Du soist ois Glick da Wöd erfahrn. Dia sois so guad geh, jiatzt, wo du weg bist, und i oiwei glaubt hob, i kau di vor oim Schlimmn beschützen. I hos ned kinna. Und dafür schenk‘ i da mei Herz, und meine Gedaunkn. I schenk da oi mei Liebe und an Kuss schick i da a. Du warst a außagewöhnlicha Mensch und i kau nua oiwei jeden Text üba di mit de Worte beendn: I lieb‘ di. Fia imma. Und i gfrei mi scho drauf, wenn ma uns endli wiedasehn.

Feels Like The First Time.

Das Warten und dieser kurze Moment.

Wenn ich meine Augen schließe, bleiben sie es nicht. Sie zittern vor sich hin. Mit der Musik in den Ohren, gefühlvoll und traurig. Aber nicht der Grund für dieses Gefühl heute. Für dieses Gefühl jetzt. In letzter Zeit habe ich manchmal diesen Anflug von komischem Kribbeln im Bauch. Kein schönes Gefühl, eher störend und beunruhigend. Nicht verliebt grummelnd sondern verstört krabbelnd. Ich wüsste nicht, was genau das sein könnte, aber in genau diesen Momenten schaffe ich es nicht, die Augen zu schließen.

Sie zu schließen und nicht sofort zu beginnen, mit Gedankenfetzen um mich zu werfen. Ganz still sitze ich dann vor dem Computer oder auf dem Balkon oder in meinem Bett und alles stürzt herein und ich habe keine Ahnung, was denn nun los ist. Warum ich mich so fühle, und was ich hier jetzt nun eigentlich fühle und ich warte und denke nach und manchmal kommen mir die unglaublichsten Gedanken und manchmal auch wunderbare Ideen und dann lenke ich mich ab und sehe in die Sterne oder in den blauen Himmel oder ich schließe die Augen ganz fest, sodass ich kein Zittern zulasse.

Oft denke ich auch an ihn, und wie schön es jetzt wäre, wenn er hier wäre. Und wie bescheuert ich es finde, wenn man sagt. Sein Körper ist jetzt zwar tot, aber er lebt in eurer Erinnerung, in euch, weiter. Ja, dort lebt er und jedes Mal wenn irgendetwas passiert, was er genauso getan hat, und wenn ich am Kühlschrank oder an der Ecke mit den Bildern vorbeigehe, sehe ich sie mir an, zum Tausendsten Mal, und zum tausendsten Mal verstumme ich. Nach außen hin und auch ganz innen drin. Ich habe nichts zu sagen, und ich frage mich ständig, ob es das ist. Ob er so in mir weiterleben soll, als Beweis, dass Vergangenes so großartig war und die Gegenwart nur das Resultat einer Substraktion oder der miese Rest einer Division ist. Wenn es so ist, weiß ich nicht, ob er nicht einfach nur tot sein könnte. Einfach nur tot, und die Erinnerung würde nich jedes Mal wieder aufflackern und die Erinnerung würde mir nicht mehrmals täglich eine Hieb in die Magengegend geben. Aber es ist doch die Erinnerung, das ist es doch, was mir bleibt. Und so denke ich nach.

Ich denke nach und komme einfach nicht weiter. Seit Tagen ist es nun schon so und ich sträube mich dagegen, aber jedes Mal, wenn die Sonne untergegangen ist, wenn ich im Wohnzimmer sitze oder auf meinem Bett, wenn die ganze Welt schläft und ich vielleicht gerade meine letzte Zigarette hinter mir habe, dann kommt dieser Moment. Und ich fürchte mich etwas vor den Gedanken und den Ideen und vor den Augen, die zittern. Und ich freue mich dann schon auf den nächsten Tag und die Sonne und die Unbeschwertheit und alles. Doch dieses Gefühl bleibt noch einige Zeit und geht nicht. Und das jeden Tag und. Und ich finde keine Antwort auf all die Fragen, keine Fragen auf all die Antworten.

Am Tisch.

Ich bin kein Verräter und fühl mich wie einer.

Manchmal habe ich fast hochnäßig davon gesprochen, wie schön es denn sei, dass unsere Familie keinen nicht-matieriellen Verlust hat erleiden müssen. Alles andere könnte man ersetzen, das war uns klar.

Ein Toast. Auf das Leben. Seine Lügen. BUMM.

Ein Tod, der so überhaupt nicht in die 10-Jahres-Gedanken hineingepasst hatte. Erstens weil keine zehn Jahre seit dem letzten Versterben vergangen sind. Und weil definitv kein eineinhalbjährige Junge hätte sterben sollen. Das war nicht der Plan, dass war nicht Routine.

Ein Toast. Auf das Leben. Seine Lügen. BUMM.
BUmm.
bumm.

Drei Tumore in drei verschiedenen Menschen, die ich auf unterschiedliche Weise liebe, weil auch die Nähe unterschiedlich ist. Und dreimal die Ungewissheit. Und die Sprachlosigkeit. Und der Gedankenballast. Und manchmal auch die Verantwortung.

Man wünscht sich, die ganze Welt auskotzen zu können. Aus diesem Alptraum aufzuwachen und alles ist okay. Glaubst du denn ehrlich, dieses Leben macht Spaß

Manchmal vielleicht. Wenn ich es zu vergessen versuche. Wenn ich versuche, aus der Realität zu flüchten. Weil man es nicht ständig aushält. Bin ich melodramatisch? Wahrscheinlich.

Ein Toast. Auf das Leben. Das Glück.

Es lässt einen aufleben, wenn ein Lichtblick erscheint.

Meine Cousine Manuela hat heute um ungefähr 11 Uhr eine „pumperlgsunde“ Luisa geboren. Ein neuer Schatz auf dieser Welt, ein Sonnenschein, ein Wunderwesen. A Wonderwall.

Alles Liebe und Gute, liebe Luisa, liebe Manuela und lieber Ernst.

Warum kann das Leben nicht nur aus solchen Glücksmomenten bestehen. Und kommt mir jetzt ja nicht mit dieser beschissenen Theorie. So von wegen: Wenn man stets glücklich ist, würde man es nicht mehr schätzen. Das ist dämlich.

In ANbetracht all der Dinge kann ich eines nicht gebrauchen. Sie. Nicht jetzt. UNd nicht mit diesen Gefühlen und Gedanken in mir. So gespalten wie sie sind. Und doch werde ich es darauf anlegen, sie zu sehen. Wie Houellebecq so schön sagt. Das Leid. Die Geburt der Kunst.

Dankeschön.

Geschrieben, gestern, um 20 Uhr ca. im ICE nach Hause.