Am Balkon Gegenüber.

Sag einfach nichts. Ein Herzenssprung auf Köpfchenbasis, mit viel Vernunft und zu viel Schiss.

Die man kriegt, die will man nicht. Ain’t that kick in my head. Nö. Nicht wirklich. Schon geahnt und nichts gefühlt. Was soll ich tun, bin doch nur ich ein kleiner Wannabe-Rockstar. Oder ein Wannabe-Mensch. Hauptsache Möchtegern. Es tut weh. Wenn man sozusagen einen Korb austeilt. Und einfach keinen wirklichen Grund vorzeigen kann. Es ist erst das zweite Mal ever. Mehr nicht. Hat mich letztes Mal schon irgendwie mitgenommen, und auch dieses Mal fühlt es sich schön komisch an. Vielleicht, weil ich weiß, wie es ist, verliebt zu sein. Ohne Spiegeleffekt. Ohne irgendetwas zurückzubekommen. Aber man kann nichts erzwingen. Entweder es macht WUSCH. Oder eben nicht. Diesmal war es nunmal ein nicht. Weil sich Kopf und Herz seit langem wieder einmal einig sind. Vielleicht mache ich mir viel zu viele Gedanken. Kann ich ja nichts dafür, dass es Gefühle gibt. Und irgendwer sie irgendwie seit irgendwann für mich empfindet. Wie es weitergehen soll, und es wird, da es muss … ich weiß es nicht. Soweit ich mich erinnern kann, wagte keine auch nur davon zu sprechen, dass es nun Probleme in Freund- und Bekanntschaft geben würde. Mit keine Ausnahme kamen sie dann doch. Und zerstörten und verätzten und töteten was da war und nicht sein sollte. Mit den Gefühlen starb irgendwann noch mehr. Vielleicht sehe ich die Glaskugel zu schwarz, vielleicht sollte ich sie wieder einmal putzen. Doch jetzt seh ich nichts Gutes. Bei Freundschaft wird’s wohl bleiben, doch es wird immer irgendwas sein. Nein, oh mein Gott, nein. Das ist kein Vorwurf. Nur eine jahrelang angelernte Erkenntnis

Die man will, die kriegt man nicht. How to disappear completely. Augen schließen, Luft anhalten. Und aufhören, zu denken. Schafft man nicht und will man nicht. Da macht es einfach so WUSCH, ohne Vorwarnung und ohne To-Do-Next-Plan. Dann sitzt man da, mit den Überresten des ersten WUSCH-Anschlages und überlegt. Formt die Realität und spaltet die Träume. Legt sich alles so schön aus und zählt und fragt und ist aufgeregt. Schon lange nicht mehr so gefühlt. Schon lange nicht mehr dieses Gefühl gespürt, und die Schönheit des ganzen. Wenn man im Bett liegt, den Blick nach oben, die Zimmerdecke betrachtend und die Musik im imaginären Kopf-Player abspielend. Einfach so WUSCH und alles ist anders. Manchmal tut es weh. Manchmal so richtig. Vielleicht auch deswegen „Liebe und so’n Mist.“ Weil’s eben meistens so ist. Aber Mist gehört ja nun mal dazu zur Liebe. „Ihr Bestellung, bitte?“ „Einmal Liebe, bitte. Zum Mitnehmen.“ „Wolln‘ sie noch ne Packung Mist dazu?“ So läufts zirka ab. Der Mist ist dann ein Must und die Entsorgung übersteigt den Ideenreichtum. Und du klärst und ich höre und ich warte, bis alles für einen kurzen Moment anhält. Alles ist anders und ich auch. Habe mich verändert, auf eigenen Wunsch, nach monatelangem Stillstand. Habe mich getraut, eine Maske abzunehmen. Früher dachte ich, dass Liebe nur durch vorangegangene Freundschaft da sein kann. Dann hatte ich meine erste Beziehung mit einer beinahe Unbekannten. Und auch meine bisher letzte. Und dann wieder sowas. You know, I’m no good. Aber ich bin tausend Mal besser als all die Typen, da draußen, die von großer Liebe und all den Märchen erzählen. Und normalerweise rede ich auch nicht so viel. Nur wenn ich nicht weiß, was ich sagen soll. Schon klar, gerade da wäre es mehr als angemessen, die Klappe zu halten.

Stehe dazwischen. Herz und Hirn boxen sich durchs Leben. Eine verdammt unmögliche Symbiose zwischen den Beiden. Überall wollen sie mitreden. Vielleicht würde die Reduzierung des Menschen auf seinen Instinkt wieder alles besser machen. Doch das wird nichts. Und so gehts weiter. Irgendwie, mit Gefühlen. Die einen für mich, die meinen für jemand anderen. Das ist nun mal so.

Angst.

Wenn sie am Größten ist, bin ich viel zu klein.

Sie meldet sich nicht oft an. Steht vor mir und überrascht mich jedes Mal wieder. Manchmal tut es mir weh, wenn ich ihr ins Gesicht blicke. Manchmal schlägt sie auch einfach nur zu. Die Angst, die eigentlich immer da ist. Eine unsichtbare Anwesenheit, und nur ganz selten nimmt sie Gestalt an. Manchmal bleibt sie auch, für einige Zeit. Nistet sich hier ein, macht es sich gemütlich.

Was sind meine Ängste? Seit einem Vorfall mit sieben oder acht Jahren habe ich Angst vor großen Hunden. Nein, vor bellenden Hunden. Vor Hunden allgemein, von denen ich zuallererst die Zähne sehe, bevor ich irgendetwas anderes zu Gesicht bekomme. Ich habe Angst vor Schlangen und Ratten. Angst, in der Badewanne einzuschlafen und zu ertrinken. Angst vor Terminverplanung. Vor der Dunkelheit und vor engen, von außen versperrten Räumen. Angst in der Höhe und Angst von einer Walnuß am Kopf getroffen zu werden.

Habe Angst, taub zu werden. Um nie mehr die Musik hören zu können. Angst davor, blind zu werden. Um nie mehr ein geliebtes Gesicht sehen zu können. Habe Angst vor Krebs und Angst vor dem Tod. Vor meinem eigenen noch am wenigsten. Viel mehr Angst vor dem Tod von Freunden. Auch die Familie zählt dazu. Habe Angst vor Enttäuschung und der Realität, die manchmal durchschlägt. Habe Angst, nie geliebt zu werden und nicht lieben zu können. Aber meine größte Angst ist viel schlimmer. Sie ist fast immer da, und macht auch keine Anstalten, wegzugehen.

Das Alleinsein. Das ist meine größte Angst. Ich habe Angst davor, für immer alleine aufzuwachen und niemanden mehr zu sehen. Keinen Menschen, den ich lieb gewonnen habe und kein Wesen. Als wäre das Leben sinnlos. Als hätte ich nie geliebt und wäre nie geliebt worden. Es wäre der komplette Neuanfang und doch wäre es ohne Sinn. Es ist die Angst des Versagens auf allerhöchster Ebene. Schmerzhaft und erdrückend. Alleine zu sein, wo man die Nähe und die Zuneigung von Menschen und anderen Wesen braucht, ist, als hätte irgendjemand einem das Herz herausgerissen.

Ich fürchte mich vor so vielem. Und doch ist die Angst zu Versagen allgegenwärtig. Was, wenn mein ganzes Leben is based on a lie. Wenn meine Träume Schäume sind und doch nie wahr werden. Und vielleicht ist genau das etwas, was mich anspornt. Um zu zeigen, dass Ängste unwichtig sind. Wie Kierkegaard so schön sagte: Angst ist der Schwindel der Freiheit. Sie einzuschränken um nie in irgendwelche angsterzeugenden Situationen zu kommen, wäre vollkommen falsch. Sie gehören zum Leben. Warum sollte ich davor flüchten. Sie tun zwar manchmal weh. Aber das gehört dazu.

Link 1: Burning Photographs. Angst.
Link 2: Tell Me A Poem. Angst.
Link 3: Movies of Myself. Angst. Ersatzlink zu YouTube

Wart Mal.

Sag mir wo.

Mein ganz eigenes Universum baut sich gerade auf. Rund um mich herum reden sie, sprechen Seifenblasen. Ihre eigene Wichtigkeit lässt sie zerplatzen. Ich vergrabe mich in meinem Pullover, mir ist kalt. Etwas verkühlt bin ich, nicht ganz gesund. Das leichte Schwindelgefühl lässt meine Gedanken vom einen Ende des Kopfes zum anderen wandern. Mein Universum. Vollgepackt mit Musik, und Kaffee. Stelle mir vor, ich wär ganz woanders. Wäre am Ende der Welt. Auf einer Insel, mit türkisblauem Meer. In einer Hängematte. Jack Johnson neben mir. Und ich genieße das Leben und die Welt. Es geht mir gut.

Willkommen, Tagtraum. Gehst mir nicht mehr aus dem Kopf, mein Lieber. Bleibst und besetzt. Bitte warten. Hold the line. However. Die Nacht war kurz, die Zugfahrt lange. Fast geweint, wegen meiner Lektüre. Warum muss ich auch so etwas lesen. Warum begebe ich mich in dieses Schloss aus all den Erzählungen. Das gegen Ende des Buches zusammenzubrechen scheint. Ich breche auch zusammen. Warte bis die Sonne weg ist und der Regen wieder kommt. Ich hasse Regen. Hasse … ich will nicht darüber sprechen. Ich hasse ihn nicht. Ich hasse es zu hassen. Ich fühle mich wohl.

Irgendwann werde ich ganz weit weg sein. Für eine Woche, oder ein Jahr oder den Rest meines Lebens. Werde eine andere Welt betreten. Drücken. Nicht ziehen. Langsam komme ich mir vor. Komme mir vor, als wäre ich verwirrt. Könnte keinen klaren Gedanken fassen, weil die Welt gerade einfach so sonnig ist. So warm und belebend. Als würde ich Kraft tanken, durch den Blick aus dem Fenster. Kraft tanken, durch das Schließen der Augen. Ich bin etwas verwirrt. Aber es ist schön.

Der Rollkragenpullover kämpft sich über den leicht entzündeten Hals. Reger Verkehr hier bei uns. Ich schließe die Augen. Sehe zum Fenster raus. Da ist es wieder. Das ist es, auf das ich gewartet hat. Alles wird gut.

Klassenfahrt.

Die Sonne scheint. Der Rückspiegel zeigt mir so einiges an. Steigt ein in den Bus. Auf zu meinen Klassenfahrten.

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Klassenfahrten. Hatte ich doch mit 11 Jahren ein böses Erlebnis. So mit erstem Mal verliebt sein, ein Typ, den ich zu meinen besten Freunden zählte, und plötzlich war das Mädchen weg und ich alleine. Junimond nennt sich das Ganze, wenn man es hier im Blog zu suchen versucht. Es war definitiv ein einschneidendes Erlebnis. Hat mich vielleicht sogar geprägt, so wie alles. Verdammt. Irgendwie tut es immer noch weh, wenn ich an das Gefühl denke, das ich damals hatte.

Später folgten jedoch noch so viele Klassenfahrten, so viele Projektwochen, die einfach nur großartig waren. Ob meine zwei Skikurse mit Hunderten von Mitschülern. Wo wir, jene Gruppe, in der ich mich befand, jedes Jahr zumindest einmal so spät das letzte Mal die Pisten hinunterfuhren, dass kein Gondel mehr zurückfuhr und kein Bus mehr unterwegs war. Großartig war, und für mich eine Hilfe für den Entschluss dort zu Studieren, die Woche in Wien. Großartige Menschen, endlich mal eine Klasse, in der ich mich einfach wohlfühlte und diese große Stadt. Es war eine wunderbare Zeit, und jede einzelne U-Bahn-Fahrt habe ich noch irgendwie im Gedächtnis.

Die Sportwoche, jene Klassenfahrt in der fünften Klasse (neunte Schulstufe), führte uns nach Kärnten. Eine Woche lang Tennis, schwimmen im Millstättersee und der Beginn einer Freundschaft, die jetzt schon beinahe seit fünf Jahren, die größte und interessanteste, überraschendste und tiefste Freundschaft meines ganzen Lebens ist. Das bessere Kennenlernen von Menschen, Freundschaftsbildungen, und gemütliche Abende auf unserem Balkon in unserer Herberge. Wir waren jung, ungezwungen, und sowas von frei. Dieses Freiheitsgefühl kann man sich nur sehr schwer vorstellen. Klar, ich war, denke ich, jedes Mal in irgendjemanden verliebt, während der Klassenfahrten. Aber jetzt im Nachhinein war es niemals schmerzhaft, sondern in irgendeiner Art und Weise auch schön.

Die einzige Projektwoche, die wir selbst organisieren mussten, fand in der sechsten Klasse statt. Nach Zauchensee, eines der größten und großartigsten Wintersportgebiete. Auf einer Selbstversorgerhütte. Gemütliche Lehrer, ein geniales Rahmenprogramm, und das erste Mal einen Gipfel mit Schneeschuhen bestiegen. Und dann noch das leckere Essen unseres Meisterkochs und damals noch Mitschülers. Lecker. Bis heute ist der Kaiserschmarrn von damals der Beste, den ich je gegessen habe, und dazu muss man wissen, dass schon meine Mutter einen unglaublich Leckeren zustande bringt. Und nachdem ich mich in den beiden Skikursen von der Anfänger zur Mittelminus-Gruppe hochgearbeitet hatte, konnte ich in Zauchensee schon einige Male bei den Pros mitfahren. Oft schon haben wir davon gesprochen, dass wir uns unbedingt diese Hütte noch einmal mieten müssten, um wieder eine so gemütliche Zeit zu verbringen.

Das erste Mal das Land verließen wir in der siebten Klasse. Nach Frankreich, an die Côte d’Azur ging es diesmal. Von Antibes, unserer Heimatstadt, gelangten wir nach Cannes, Nizza, Monaco, Èze und Grasse. Das wunderschöne Meer, die geliebte Frühlingswärme und unzählige Shoppingtouren. Und natürlich auch gemütliche Abende in schottischen Pubs oder französischen Cafés standen an. Doch während der eine Teil hier in Frankreich war, befanden sich die Spanisch-Lernenden in Barcelona. Das war das etwas Traurige daran. Unsere scheinbar letzte Klassenfahrt befuhren wir getrennt.

Schließlich und endlich kamen wir in die achte Klasse. Das Jahr der Matura und des Endes unserer Schulzeit. Wie sollten wir da eine Möglichkeit haben, irgendwo hinzufahren. Das kam schließlich erst danach. Ende Juni, nachdem beinahe alle die Matura hinter sich hatten, erfolgreich oder nicht. Es war bemerkenswert, wie sehr wir versuchten, die ganze Klasse zu etwas zu bewegen. Das Extremo-Ding Summer Splash mit 3000 Gleichgesinnten zog scheinbar die meisten an. Alle für etwas zu begeistern haben wir nach einigen emotionalen Diskussionen aufgegeben. Von den anfangs zwanzig Leuten, die mitfuhren, stiegen schließlich nur fünfzehn in den Flieger ein. Aber diese Woche war super. Meistens hingen wir gemeinsam am Strand, verbrachten Abende miteinander und erfreuten uns am Gefühl, fertig zu sein. Schließlich bemerkten wir, dass man bei 35 Grad Nachttemperatur nur sehr schwer einschlafen kann, und dass wir eigentlich nichts von der Türkei sahen, außer diesen einen großen Club.

Wie ich auf das alles komme? Weil ich seit gestern Nacht endlich die Maturareisefotos auf meinem Notebook habe. Und weil ich die Schule vermisse. Und unsere Klassengemeinschaft einfach großartig fand. Soviel dazu.   

Ende.

 

Nach geschätzten sechs Malen scheint gestern das Ende gekommen zu sein. Das Ende der Selbstfindung, das Ende der Selbstkritik. Das Ende meiner Therapie.

Das komische Gefühl am Anfang dieser Sitzung. Zwar wieder einmal pünktlichst angekommen, die Tür stand offen, einladende Einladung. Und das Platz nehmen, die kurze Stille. Worüber ich heute sprechen möchte? – Ich befürchte, dass mich nichts in letzter Zeit so bewegt hat, sich eingeprägt hat. Nur der glücklicherweise nicht schwere Unfall eines Freundes, und die überraschende Umarmung desjenigen zum Abschied. War ungewohnt, aber schön. Aber sonst bin ich nicht zum Leben gekommen. Habe mich unter der Arbeit geschützt, mich unter der Bettdecke verkrochen, um nichts von den Wetterumschwüngen und Lebensschwierigkeiten direkt mitzubekommen.

Sollen wir nun also heute diese vergangenen eineinhalb Monate, diese fünf oder sechs Sitzungen abschließen. Alles Revue passieren lassen und darüber nachdenken? Oder sollen wir nach einem Thema suchen. Es gibt immer etwas, schon klar. – Ähm. Abschließen, bitte. Immer noch ungutes Gefühl. Zurücklehnen, den Kopf auf die Rückwand der Couch legen. Nein, ich lag nicht völlig auf der Couch, wie aus all den Hollywood-Schinken, nein, ich saß. Stell dir vor.

Und so stellte ich mir die Wesen vor, die seit meiner Therapie zu mir gefunden habe, oder nach denen ich zu suchen begann. Emotionaler Ausdruck, in umfassender Art und Weise. Vertrauen. Realität. Akzeptanz. Ordnung. Geduld und Gelassenheit. Und die Selbstakzeptanz. Alle reichen sich die Arme, ich im Zentrum. Meine Vorstellung. Nach gefühlten drei Stunden, besser gesagt nach ca. vierzig Minuten das Zurückkommen in die Realität. Schwindelgefühl, etwas verschwommener Blick. Du warst in intensiver Trance, sagt meine Psychologin. Stimmt. Irgendwie war es so.

Das war es also. Das soll es also gewesen sein. Ich beendete diese Sitzung mit einem mulmigen Gefühl, Kribbeln im Bauch, Gedanken im Kopf. Ich würde am liebsten noch so weiter machen, und doch gibt es irgendwie nichts mehr. Wenn du wieder einmal kommen willst, melde dich. Die Verabschiedung, die Bezahlung. Kurz bevor sie wieder ins Haus geht noch die Frage. Ob sie mein Buchprojekt Volle Distanz. Näher zu dir lesen möchte, wenn es fortgeschrittener ist. Natürlich. Gut. Denn auf ihre Meinung lege ich irgendwie sehr großen Wert.

Am Boden.

Ich kann nur ahnen wie’s mir geht, wenn man auf einmal nicht mehr drüber steht.

Die ganze Kraft hat mich verlassen. Ich spüre es, den Druck, die Angst. Hier fühle ich mich nicht wohl, hierfür bin ich nicht geboren. Und doch drückt es mich auf den Boden. Mir fehlt die Kraft und der Glaube, um wieder aufzustehen. Nein, reicht mir keine Hände, reicht mir kein Seil. Ich will hier bleiben. Es tut einfach noch viel zu sehr weh, um mich wieder zurückkatapultieren zu lassen. Gebt mir die Zeit, die ich brauche. Gebt mir den Raum, den ich benötige. Bedrängt mich nicht. Ich bin schwach.

Ich bin stark genug, um auch mal schwach zu sein.

Mich trennen Welten. Zwischen dem Wunsch, das Leben nach Plan zu leben, niemanden sterben zu lassen, niemanden zu verlieren, tritt die andere Welt in Kraft. Die Realität. Sie macht mich schwach. Meine Träume stark. Man kann schon manchmal schwach sein. Und es sich auch ankennen lassen. Aber auf Dauer wirkt Schwäche sich auf das Gemüt. Man kommt sich vor wie ein Verlierer. Ein Loser, der mit dem Leben nicht zurecht kommt. Doch eigentlich ist ja das Leben schuld, dass einem immer mal wieder mit voller Wucht ins Gesicht schlägt, das Herz zu verätzen versucht, die Ratio zerstören will.

Ich liege hier am Boden. Die Erde scheint in unschätzbarer Geschwindigkeit zu rotieren. Die Sonne geht unter, lässt mich in der Dunkelheit zurück, der Mond erstrahlt, die Sterne glitzern. Bis die Sonne wieder aufsteht. Blumen beginnen zu sprießen, welken, lösen sich wieder auf. Raupen verpuppen sich, und erscheinen als wunderschöner Schmetterling. Und ich, liege hier. Und irgendwann sind die Wunden im Gesicht geheilt. Das Herz hat sich von der Verätzung erholt und trotz all der widrigen Umstände, trotz all der Probleme und dem Unverständnis schafft man es irgendwann wieder, rational zu denken.

Manchmal liebe ich das Gefühl von Schwäche, liebe das Gefühl, nichts tun zu können, um etwas besser zu machen. Wenn man vollkommen entmachtet ist, spürt man erst wieder wie mickrig und unwichtig man ist. Und wie schön es ist, mit aller Kraft für etwas zu kämpfen arbeiten. Irgendwann wird das Leben immer wieder aus den Fugen geraten. Und ich werde mittendrin stehen und fragend umherblicken. Und erst dann schaffe ich es wieder, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und Träume, Vorstellungen umzusetzen.

Inspiriert von Christina Stürmers Lied „Mitten unterm Jahr“. Musikalisch schön, songtexttechnisch mittelmäßig (Lieder ohne Refrain sind großartiger). Aber seit dem ersten Mal in meinem Ohr gefällt es mir so zirka.

Hurt.

Es tut weh. Nicht einfach so. Es tut irgendwie anders weh.

Gefangen in der Unendlichkeit des begrenzten menschlichen Seins. Langsam setze ich den Gedankenlauf fort, finde mich an Orten wieder, die ich zu begehen mir nie zutrauen würde. Sanft entflieht der kalte Atem aus meinen Lungen, kämpft sich durch die Nase hinaus. „Was ist nur los. Mit mir.“

Die Sonne scheint, schmilzt schön langsam den kargen Rest von Schnee weg und lässt ihn versickern. In den Kanal hinein zieht es die Flüssigkeit, die sich, mit Schotter und Dreck vermengt, einige Wochen gehalten hat. Das durchsichtige Nichtstun, die Belanglosigkeit, einfach nichts tun und der Routine folgen. Warum hasse ich diese Routine so dermaßen. Finde mich nicht zurecht in einem geregelten Umfeld, nachdem ich mich schon so lange sehne. Warum möchte ich einfach mal an meinem Kassettendeck auf die Pause-Taste drücken um alles anzuhalten. Mich niederlegen aus die Straße, zwischen all den aufgehaltenen Autos. Mir die Seele aus dem Leib schreien, ohne überraschte und wertende Blicke von den erstarrten Menschen in meiner Umgebung erwarten zu müssen.

Doch leider gibt es keine Universalfernbedienung für das Leben, keine Pausetaste zum Anhalten. Alles setzt sich fort, nimmt seinen Lauf. Ohne nach Interesse oder Erlaubnis zu fragen. Es passiert einfach und passiert. Passiert immer und immer wieder. Was hat sich verändert. Nichts, rein gar nichts. Immer noch bin ich der kleine Junge, immer noch der junge Mann. Mehr nicht. Und doch rotiert alles. Die Welt dreht sich um die eigene Achse, aus Tag wird Nacht wird Tag. Und die Schambereichsgesellschaft, in der wir leben, saugt alles auf. Wie gefräßige Schwämme, die nur dann richtig leben können, wenn sie jeden Scheiß in sich haben. Immer nur nicken und in ihrer Prüdheit verstumpfen und versumpfen. Verdammte Rotation. Verdammte Fortsetzungscharakter des Lebens. Teil eins. Teil zwei. Teil zwanzig. Fast ohne Übergangsschwierigkeit, der sofortige Anschluss, kein Ende in Sicht. Schlechte Slapstick-Melodramatik. Mehr nicht. Und keine Möglichkeit um- oder auszuschalten.

Der Schmerz ist immer noch da. Macht keine Anzeichen, sich bald wegzubewegen. Er bleibt und wird a part of me. Ein Teilchen des Ganzen. Er fühlt sich komisch an, nicht gut. Okay, zugegeben, kaum ein Schmerz fühlt sich ernsthaft gut an. Aber es ist so anders. So unterschiedlich. Man kann ihn nicht mit einem Pflaster eindämmen, mit einer Tablette abtöten. Er ist da. Geht irgendwann wieder. Und kommt auch unangekündigt zurück. Und es tut weh. So verdammt beschissen weh.

Was ist es? Der Zweifel an mir Selbst. Die schnelle Weiterentwicklung meines Ichs. Meine Art, wie ich bin, wer ich sein möchte. Ich weiß es nicht.

Thrown Away.

Warum werfe ich mich nicht einfach weg. Denn wo ist er, der Sinn?

Es wäre so einfach. So entscheidend. Einfach nur die vollkommene Selbstaufgabe, die Lösung für alles. Um nicht mehr dieses Pack aus Idiotie mit mir herumzutragen. Um zu flüchten, vor den Gedanken und den Gefühlen, den Ängsten und den Hoffnungen. Um nichts mehr zu spüren. Um nichts mehr zu sehen. Um nicht mehr zu sein. Alles wäre belanglos und ich wäre nicht.

Weinen würden sie, an meinem Grab, würden Kerzen aufstellen und Gestecke einkaufen. Würden über mich nachdenken, ständig Bilder von mir ansehen, würden an mich denken und von einem wunderbaren Menschen sprechen. Würden zum Alltag zurückkehren und immer mal wieder an mich denken. Aber es würde auch ohne mich gehen. Ich wäre dann Geschichte, und das Leben wär die Gegenwart. Oder das nahe Futur. Mehr nicht. Mein Leben wäre nichtssagend, irgendwann einmal am Ende angekommen.

Zurücklassen würde Texte über Liebe und Hoffnung, und Wut, und Leben, und Angst. Geschichten über mich und euch und über Träume und Gedanken. Tagebücher voll Verliebtheiten und Abstand. Worte, aneinandergereiht in oft unverständlicher Folge. Manchmal minutiöse Erklärung des Lebens. Schon längst gegangen wären die Träume, die mich bis zu diesem Zeitpunkt am Leben hielten. Sie waren Teil von mir, vielleicht mal aufgeschrieben, aber nur in meinem Kopf vollkommen ausformuliert. Sie würden untergehen. Mit mir.

Werfe mich weg. Wie ein Stück Müll, eine Bananenscheibe, einen Zigarettenstummel. Weil man nichts mehr anzufangen weiß mit sich. Als hätte alles keinen Sinn. Man sieht ihn nicht in der Arbeit, der Routine, in allem was man tut, und tut es trotzdem, weil es zu den Pflichten gehört, und sowieso irgendwann vorbei sind wird. Irgendwann wird definitiv alles vorbei sein. Irgendwann. Ich muss jetzt nur aufpassen, mich nicht schon vorher wegzuwerfen.

//Verdammter Arbeitstag.

Mitten Unterm Jahr.

Die vier Zeiten des Jahres. Gestaffelt in wenigen Tagen.

Das Laub fliegt bis vor die Tür. Der Wind lässt Türen zittern. Von Sturm berichten sie, umgestürzte Bäume, abgehobene Dächer. Regen, sodass meine Jacke durchnässt ist, und mehr und mehr auf die Haare und meinen Körper übergeht. Durch den Wind erzeugte Kälte. Beinahe kommt mir das alles wie Herbst vor. Das Laub, der Wind, der Regen. Als wäre der Sommer erst vor kurzem gegangen, und der Winter auch noch fern.

Doch dort hinten sehe ich noch kleine Hügelchen. Angesammelter Schnee, fest zusammengedrückt. Manchmal kommen auch einige Schneeflocken vom Himmel, fallen auf den Boden und schmelzen unter der Belastung des minimal warmen Asphalts. Die Mütze ist noch immer in meiner Tasche, die Handschuhe noch griffbereit in meinem Zimmer. Die Schuhe wärmend, um für die aktuelle Jahreszeit vorbereitet zu sein. Den Winter, der stark an Kraft verloren hat, und möglicherweise in dieser Saison nicht mehr wirklich zurückkehren wird.

Am Grab krabbelt eine Pflanze heraus. Sieht aus wie eine Frühlingsblume, weiße Blüte, Knospen. Wächst und gedeiht, in saftig-schönen Grün. Als wären Frost und die zweimonatige Schneebelastung nichts gewesen, steht es nun stark. Zwischen all den Kerzen, Gestecken, toten Pflanzen. Diese kleine Blume wächst und wächst. Irgendwann wird die Blüte aufspringen und diese herrlich-weißen Blütenblätter zeigen sich der Öffentlichkeit. Um ihn anzukündigen. Den Frühling.

An manchen Tagen übersteigt das Thermometer auch schon mal die Fünfzehn-Grad-Grenze. Die Sonne scheint, schmilzt mehr und mehr die letzten Überreste des Schnees weg, und wärmt meinen Schreibtisch, meinen Körper und mich. Vor allem mich. Die Sonne, am wolkenlosen Himmel, dieser azurblau. Und mein Wunsch nach einem Kurzarmshirt und einer kurzen Hose. Und die Sehnsucht nach dem See und all dem. Der Sommer. Für einen kurzen Moment spüre ich die Vorboten des Sommers.

Wenn ich mich für zwei der vier Jahreszeiten entscheiden müsste, würde ich den Frühling, der für Neubeginn und all das steht, wählen und den Sommer. Weil er einfach der Sommer ist.

Feige.

Der Rückzieher.

Was würde es uns nur alle gut tun, wenn wir sehen würden, warum wir so sind, wie wir sind. Warum wir zu anderen so sind, wie wir vorgeben zu sein. Wenn wir verstehen, warum wir uns manchmal anschreien, und warum wir andererseits miteinander Träume verwirklichen möchten. Warum der eine lästig ist, wenn er nach Hause kommt, und der andere das Sorgenfänger, der Traumfänger für Sorgen ist. Was würde es uns nur gut tun. Einmal darüber zu reden, wie es wäre, Familie zu leben.

Heute, von 18 Uhr bis 20 Uhr, wäre der Termin gewesen. Es haben alle irgendwie zugesagt. Ich habe es ihnen vor einer Woche gesagt, und dann nicht mehr davon gesprochen. Viele Gedanken habe ich mir darüber gemacht. Wie es sein wird. Wer überrascht, wer erschrocken, wer desillusioniert sein wird. Und irgendwie hatte ich auch Angst. Angst vor der Wahrheit. Und Angst vor dem Erkennen jener.

Gestern der Streit mit meinem Vater, das Ausarten von hineingefressenen Frustmomenten. Heute der Anruf meiner Schwester, dass sie mit sehr starken Kopfschmerzen in ihrem Berufs-Ausbildungskurs sitzt. Denken, dass mein Vater sowieso nach dem Tag, dem Vorfall gestern, nicht mitkommen würde. Meiner Schwester sagen, dass sie sich lieber ins Bett legen soll, ich würde das schon auf nächste Woche verschieben. Fünfzehn Minuten später der Anruf meines Vaters. Wann das denn heute wäre. Es ist heute nicht. Meine Antwort.

Okay, es gibt einen guten Grund, warum wir es verschoben haben. Die Kopfschmerzen meiner Schwester. Aber trotzdem scheint genauso meine Angst mitzuspielen, die das Ganze lieber schnell verschiebt, als dass sie nach anderen Lösungsvorschlägen sucht. Und es hat mich überrascht. Nach allem, was ich meinen Vater genannt habe, fragt er mich heute doch glatt, wann denn die Familientherapie sei. Irgendetwas muss ihm also daran liegen. Irgendetwas. Mehr, als ich wahrscheinlich erkennen kann. So werde ich heute in eine normale Therapiesitzung gehen. Werde über mich reden. Und über alles mögliche. So wie immer. Unser Familienschrottplatz rotiert hingegen noch eine Woche weiter. Ohne die klitzekleinste Veränderung.