Allein. Mit Dir.

Single-Leben

Du meinst, wir haben nicht richtig gesprochen. Ich habe nicht richtig gesprochen. Und dabei wollte ich doch gar nichts sagen. Wollte die Stille genießen. Mit dir. Allein mit dir.

Haben wir es heute also geschafft. Dass wir uns treffen. Nachdem ich dich zwei Wochenenden lang versetzt habe. Weil ich anderes im Kopf hatte. Was zwar natürlich sehr verständlich ist, und doch hätte ich das nie von mir erwartet, dass ich das so leichtfertig schaffe. Aber heute war eben dieser Tag, den ich mir schon so lange vorgenommen habe. Ein Treffen mit dir. Mit dir, die mir neun so wunderbare Monate, so voller Zweifel und Gedanken, und doch so voll Liebe und Zuneigung, Zärtlichkeit und dem schönsten Gefühl, bescherte. Die ich oft zu vergessen wünschte, und die doch immer in meinem Kopf blieb. Als Gedankenbeschwerer und Gefühlsjongleur. Zu dir führte mich heute dein Weg.

Und als die am Telefon während der Fahrt zu mir sagtest, dass du nicht unbedingt auf einen Kaffee gehen willst, war ich anfangs überrascht. Dein Einfall, einfach mal so nur zu spazieren aber, hat diesen Tag noch viel schöner gemacht, als ich es mir erhofft habe. Die Abermillionen von kleinen Schneekristallen, die unsere Jacken, Schuhe und Mützen eindeckten wurden hinweggeschmolzen von den Worten, die wir wechselten. Du glaubtest immer, ich wolle dir so vieles erzählen. So vieles von der Seele reden. Doch deswegen war ich nicht gekommen. Ich war einfach nur gekommen, um dich nicht zu vergessen. Um dein Gesicht, dein Lächeln, deine Stimme nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Als mich ein Schneeball traf, fühlte ich mich wunderbar. Meine erste Schneeballschlaft für diesen Winter mit dir. Wie kleine Kinder, die sich zwischen parkenden Autos versteckten und den Anderen ins Visier nahmen. Ich habe dich all die Monate nicht aus meinem Visier verloren. So viele Male bin ich auf dem Heimweg von Freunden bei deinem Wohnhaus vorbeigefahren, mit dem wahnsinnigen Wunsch, dass du einfach mal so dastehst, und ich dich … zufällig hier treffe. Und heute gingen wir, durch die Schneelandschaft. Rutschten mehr oder weniger freiwillig diesen Hügel hinab. Redeten über die Geschehnisse in meiner Familie. Über die Schule und über was weiß ich. Du redetest viel. Doch ich mag es, wenn du erzählst. Ich höre deine Stimme gerne.

Und als wir dann bei dir in der Küche einen Tee tranken. Die Stille nahm uns ein. Diese wunderbare Stille. Und der immer wieder auftauchende Blick zu dir. Nur um deine Schönheit zu fassen. Ich habe es genossen, dieses Schweigen. Schön drei Stunden waren es bei dir. Schön war es. Wundervoll. Und meine Umarmung zum Schluss konnte nicht mal im Geringsten meine Freude über diesen Abend herüberbringen. Ich hätte dir einen Kuss auf den Mund geben wollen. Hätte dich so fest umarmen wollen. Dir über dein Haar streichen. Doch auch diese Umarmung war wundervoll.

Ich weiß nicht, wie wir darauf zu sprechen kamen. Du hast jetzt einfach keine Zeit für einen Freund. Schön. Muss ich akzeptieren. Ich warte. Warte. Warten macht mir Spaß. Ganz ehrlich. Vielleicht hast du wieder Zeit dafür. Ich selbst bin jetzt ja meistens unter Stress. Also würden wir, zeitlich gesehen, nicht so schlecht zusammenpassen. Du fehlst. Weißt du? Du liest das hier wahrscheinlich nicht. Schon lange hast du aufgehört, hier zu lesen. Aber du fehlst. Mir fehlt die Erinnerung an diese eine Nacht, als wir miteinander einschliefen, und ich am Morgen minutenlang dich beim Schlafen beobachten konnte, bis auch du aufwachtest. Das fehlt. Dieses Gefühl.

Canonball.


Steal a little bit of my thoughts.

Stones taught me to fly

Und da kommt wieder einer auf mich zu. Reaktionsschnell weiche ich aus. Es hagelt Steine. Von allen Seiten. Nurschwer kann cihd iesen steinigen Weg beschreiten, aber ich versuche es trotzdem.

Gerne wäre ich dieser eine Stein. Den ich meterweit auf den See hinauswerfe. Der mit seiner flachen Oberfläche drei oder vier Mal das Wasser sanft berührt. Und immer größer werdende Kreise erscheinen lässt. Bis er irgendwann ohne großes Aufsehen einfach versinkt. Wahrscheinlich am Grund des Sees noch einiges an Schlamm hochwirbelt. Bis er schlussendlich für immer dort begraben bleibt.

Einfach mal ein Stein sein. Stumm und voller Geschichten. Ohne Mimik und Gefühl. Und doch fliegt er mehr oder weniger graziös durch die Luft. Und hinterlässt eine kleine Furche am Boden. Hinterlässt einen Eindruck. Schnell ist er vergessen. Und doch war er für einen kurzen MOment seines schrecklich langen Lebens der Mittelpunkt eines menschlichen Wesens.

Und so lasse ich mich fallen. Wie ein Stein stürze ich zurück. Mein Kopf schlägt hart auf und zerbricht. Wie es bei Steinen nach hartem Aufschlag ja üblich ist. Und aus ihm heraus krabbeln die wundersamsten Lebewesen. Aus meiner Fantasie eben.

Love taught me to lie

Wie es mir geht, fragst du mich. Schon wieder eine nicht so gemeinte, unpersönliche Smalltalk-Anfrage. „Gut“, sage ich. Es scheint dich sowieso nicht weiter zu interessieren. Aber ich habe gelogen. Möchtest du wirklich erfahren, wie es mir geht. All die tausend Wörter, die nicht mal mich selbst interessieren.

Liebe hat mir gelehrt zu lügen. Ich log schon vorher, wohlgemerkt. Ich bin ein verlogener Mensch, wie wir alle. Aber nie tat es mir selbst so weh, als meine Lügen an dich so uninteressiert aufgesaugt wurden. Du sollst dich doch für mich interessieren. Du müsstest erkennen, dass bei mir etwas nicht passt.

Die Liebe ist eine strenge Lehrerin. Ständig wiederholt sie und manchmal lässt sie dich einfach sitzen. Ohne der Möglichkeit, wieder alles gut zu machen. Und dann steht man da, mit dem Resultat vor Augen und fragt sich immer, warum man nicht mehr dafür getan hat. Doch meistens kann man nciht wiederholen. Und enn doch, wird alles nur schwieriger. Man glaubt, man habe schon genug Erfahrung getankt. Und doch wird man immer wieder von Neuem überrascht.

Warum kann die Liebe nicht etwas absolut Einfaches sein. Wo man mit einem kurzen Augenaufschlag die Welt iweder in Ordnung bringt. Darauf gibt es wohl keine Antwort, kein Erklärung. Wie für so vieles. Und doch sehne ich mich nach ihr.

Life taught me to die

„Der Tod gehört zum Leben.“ Was für ein komischer Gedanke. Das Diesseits hier ist für uns Lebenden das einzig visuell Wahrnehmbare. Und wenn ein Mensch stirbt, fehlt er auf dieser Seite. Unwiederbringlich ist er weg.

Durch meinen Neffen habe ich viel über den Tod nachgedacht. Schon vorher, aber um einiges öfter eben nachher. Alles kommt so überraschend. So unbeschreiblich sind die Qualen für die Hinterbliebenen. So groß die Hilfsbereitschaft der anderen Menschen. Irgendwie muss man den Tod als notwenidges Übel ansehen. Muss man. Denn unendlich leben will doch keiner von uns.

Ich möchte, so kitschig und abgedroschen es klingt, mein Leben in vollen Zügen genießen. Möchte einen tiefen Eindruck hinterelassen, bevor ich gehe. Menschen sollen aus ihrem tiefsten Inneren um mich trauern. Und ich möchte mich im Jenseits darüber freuen können, was ich im Diesseits alles erreicht habe.

Ich weiß nicht, wann ich sterben werde. Gott sei Dank. Oder wem auch immer. Und so lebe ich in den Tag hinein. Und beginne schon jetzt an mienen Träumen zu basteln. Um ja nichts zu versäumen, was für mich von höchster Wichtigkeit ist. People running circles, it’s a very, very. Mad World. Und eben das ist der Grund. Mein Neffe hat mich gelehrt, ass der TOd nach dem Leben kommt. Und ich leben noch mein Leben fertig.

Gedanken zum Lied „Canonball“ von Damien Rice aus dem Album „O“.

Der See. Ein Moment.

Deine Jacke tropft sich aus. Über deinen Schuhen, die nun definitiv nicht mehr wasserdicht sind. Und. Übrigens.

„Ach, auch schon wieder hier?“, denke ich mir. Du nickst. Deine Haare, von kleinen Schneesternchen bedeckt, schmelzen unter der Last der Zimmertemperatur. Sprichst du eigentlich nichts mehr mit mir. Oder warum bist du so still. Doch während ich mir das denke, verlässt du schon wieder den Raum. Und diesmal gebe ich auf, dir nachzulaufen.

„Wo warst du?“, versuchen meine Gedanken dich zu fragen. Dein Blick zeigt es mir. Das Fenster vor dir offenbart mir ein Ambiente des Sees. Mit all den kleinen angezuckerten Häuser am anderen Ende des Ufers. Du atmest aus, und obwohl es hier eigentlich relativ warm ist, ist dein Atem ein weißer Rauchschweif. Dir scheint kalt zu sein.

Ich nehme dich an der Hand, und gehe mit dir diese vier oder fünf Kilometer durch die Schneelandschaft. Lege meine Jacke auf den Boden und wir beide setzen uns. An diesen für uns ungewohnten See. Der Wind ruht und Frau Holle bestäubt uns mit feinen Kristallen. Du schmiegst dich an mich, dein kalter Atem an meiner durch den Pullover gewärmten Brust. Da sind wir nun also.

Auf diesem Parkplatz mit den fünfzehn oder zwanzig Zentimeter hohem Schnee sitzen wir. Alleine. Selbst die Autos, die hinter uns den Weg rund um diesen See zu erschließen versuchen scheinen stehen geblieben zu sein. Keiner von uns beiden zittert, obwohl wir beide nicht ausreichend bekleidet sind. Doch obwohl wir nichts sagen, obwohl wir nur nebeneinander sitzen, spüren wir keine Kälte. Wir blicken bis ans andere Ende des Sees. Überall nur Berge. Und das leuchtende Weiß des Schnees. Die kleinen Häuser aus Holz. Unsere Gesichter färben sich, unsere Haut fleht nach Wärme. Du hast immer noch kein Wort gesprochen. Was ist nur mit dir los.

Doch ich genieße dein Schweigen. Genieße die Ruhe, die uns wie in Trance in dieses Meer aus Weiß blicken lässt. Diese Ansicht, dieses Ambiente ist so etwas Wunderschönes, so Einzigartiges. Ich möchte nie mehr weggehen. Möchte hier sitzen bleiben. Bis die Welt zerbricht, es dunkel ist. Ich lache, weil mir Juli’s Tage wie dieser in den Sinn kommt. Tage wie dieser, kommen nie wieder. Tage wie dieser, sollten nie vergessen gehen. Du blickst hinaus. Hinaus auf diesen See. So viel Unausgesprochenes liegt auf deinen Lippen. Eine Träne verlässt deine Augen. Mit den Zähnen beißt du dir auf die Unterlippe. Und deine Hand.

Deine Hand sucht den Weg zu meiner. Du nimmst meine Hand. Und wir bleiben so. Tage wie dieser, kommen nie wieder. Denke ich mir. Während die Kälte und der Schnee Überhand von uns nimmt.

Der See. Ein Moment. weiterlesen

Du. Und Ich?

Erwachsen werden


Du siehst nicht glücklich aus. Komm, setzt dich hier her. Nimm meine Hand und spüre sie. Meine Wärme. Meine Kraft.

„Du hast warme Hände“, meinst du zu mir. Ich weiß, möchte ich sagen, doch ich sage nichts. Das Schweigen tut jetzt gerade gut. Du lächelst. Ich sehe deine Augen. Deine tiefbraunen Augen. Und sie sagen so vieles zu mir. Meine Augen möchten antworten. Doch. Sie sind leer. Du leerst.

Ich wärme dich. Die Wärme ist in mir. Doch du. Du schenkst mir so viel. Allein durch deine Anwesenheit. Durch die Kälte, die du ausstrahlst. Bei dir fühle ich mich wohl. Ich lasse meine Hand führen. Sie spürt die deine. Unsere Finger verweben sich. So nah waren wir uns schon lange nicht mehr. Schon lange nicht mehr haben wir uns gesehen. Schon lange nicht mehr haben wir uns berührt. Du fehlst.

Mein Knie zittert. Du versuchst es mit deiner Hand ruhig zu bekommen. Doch sie ist wirkungslos. Du kannst nichts daran ändern, dass ich zittere. Mir ist nicht kalt. Ich zittere einfach nur so. Und manchmal habe ich auch dieses nervöse Zucken des rechten Augenlides. Dir ist es also auch schon aufgefallen. Nein, ich habe es noch nicht lange. Aber es scheint Teil meiner Veränderung zu sein. „Oder auch nur eine psychische Labilität“, plagst du die Worte aus deinem Mund und lachst. Mir ist nicht zu lachen zumute, aber ich mache es trotzdem. Dir zuliebe. Du schmerzt.

Wir sitzen uns gegenüber. Und doch lege ich meinen Kopf an deine Schulter. Einfach, weil er dort hingehört. Du spürst ihn nicht. Aber ich spüre sie. Deine Schulter. Deine Haare kitzeln meine Nase und du hauchst mir deinen Atem in mein rechtes Ohr. Doch du siehst mich an. Ich sitze dir gegenüber. Wir berühren uns nicht. Doch meine Wunschgedanken lassen uns nahe kommen. Wünsche gehen nicht auf Befehl in Erfüllung. Das Leben, die Realität hat noch viel andere Dinge mit uns vor. „Aber rede doch nicht so niedergeschlagen und melancholisch. Das Leben ist schön.“ Für dich vielleicht. Für mich nicht mehr. Es ist anders. Anders schön Und du. Du zerstörst.

Zerstört liegt meine bisherige Lebensplanung am Boden. Ich trete darauf, um nicht daran erinnert zu werden. Du hasst meine Metaphern, das sehe ich dir an. Hasst den Blickwinkel, aus dem ich mein Leben betrachte. Du weißt um meinen Verlust, weißt um mich, und doch weißt du nichts. Dass ich dich liebe, das musst du doch spüren. Dass ich sehne. Dass ich fühle. Dass nichts nach dir und nichts vor dir vergleichbar war. Dass die Welt auch nur einen kleinen Hauch angenehmer werden würde. Das müsstest du wissen. Doch du tust es nicht. Du hasst.

Wir haben uns alle verändert. „Ich habe übrigens den Mopedführerschein.“ Interessant. Ehrlich. Jetzt bist du also auch schon soweit. Es war eine schöne Zeit damals. „So sprich doch nicht immer von der Vergangenheit“, fährst du mich an. Du hast dich im Ton vergriffen, meine Liebe. Aber es ist schon okay. Vielleicht hast du Recht. Es hat sich eben doch so viel verändert. Warum können Dinge nicht mehr so werden, wie sie waren? Warum können außere Wunden so leicht heilen. Doch die Inneren bleiben ewig offen? Du lenkst.

Und ich? Ich liege hier in meinem Bett. Wartend auf das Ende. Oder den Anfang. Warte auf Nähe und auf Geborgenheit. Auf Kälte von dir und Fragen. Auf Liebe und auf den Hauch deines eiskalten Atems. Warte auf den Tag, an dem ich ein weiteres Mal meinen Arm um dich legen darf. Und du mir die Haare aus dem Gesicht streichst. Um mich zu küssen. Oder um einfach zärtlich zu sein. Und ich fühle. Und liebe. Und zehre. Und hoffe. Und schreibe. Und schreie. Und warte. Warte.

Selbstgespräch. Und So.

Wirf du mir doch keine misanthropischen Blicke zu. Lass mich allein. Mit all der Melancholie in meinen Augen.

Der Computer ist eingeschaltet. Ich tippe für die Zeitung. Ich tippe für die Blogs. Und alles was passiert, ist die schnelle Aneinanderreihung verschiedener Buchstaben. Der Kaffee ist schon wieder leer und in die Teeküche zu gehen kommt für mich gerade auch nicht in Frage.

Sieh mich nicht so an. Ich kann doch auch nichts dafür. Ich bin doch auch nur ein Typ, so wie du. Wir sind ziemlich ebenbürtig. Doch dein Blick zeigt puren Hass. Meiner hinterlässt eine Spur der Melancholie. Mit wem spreche ich überhaupt. Ach, ich spiegel mich im Bildschirm. Schön und gut. Dr. Jekyll und Mr. Hyde, wie? Du lachst. Findest das wohl auch nur lustig.

Deine Finger krümmen sich unter der Last deiner imaginären Zigarette. Den Gesicht sieht aufgeschwollen aus, ganz träge, deine Mundwinkel hängen herab. So lach doch ein kleines bisschen. So wie ich. Sieh mal. Ach. Okay. Bei mir funktioniert das auch nicht immer. Vor allem nicht auf Befehl.

Du siehst müde aus. Ach, das Wetter gefällt dir auch nicht und schlägt sich auf dein Gemüt. Kann sein. Vielleicht hat dieses Wetter so eine Wirkung. Aber ich denke mir, was soll ich schon machen. Kann ja sowieso nichts ändern. Du siehst auf die Uhr. Ach, ist es jetzt schon so spät. Ich sollte mich zusammenpacken. Und du, bleibst du hier? Hältst du Wache, bis ich morgen wiederkomme?

Ich sollte aufhören, mit dir zu reden. Du gibst mir ja sowieso keine Antwort. Nichts. Wirklich nichts. Du zwinkerst nicht mal mit den Augen. Also los. Leg dich schlafen und hasse die Welt. Schließe die Augen, und hasse die Menschheit. Hau dir eine Kugel in den Kopf und hasse dich selbst. Ich bin viel zu selbstverliebt, um dass zu tun. Und gerade meine Selbstverliebtheit lässt mich auch Selbstmitleid produzieren. Und davon nähre ich mich.

Du, ich bin dann weg. Ich schalte den Bildschirm jetzt aus. Auf Wiedersehen. Oder besser nicht. Ähm. Tja. Übrigens. Ich mag dich nicht.

Nightmares By. The Sea.

Literatur

Der See. Früher mal mein Zuhause. Jetzt ist er mir fremd. So, wie mir so vieles auf dieser Welt fremd wurde. Wie auch ich mir fremd wurde.

Ich sitze hier. Auf dieser Bank und blicke hinaus. Auf den See. Der durch das Unwetter, den Wind und den andauernden Regen, nicht ruhig bleiben kann. Ich, eingewickelt in meiner regenfesten Winterjacke friere langsam vor mir hin. Meine Gedanken spielen verrückt und die Erinnerungen kommen hoch.

Hier habe ich einmal gelebt. Zuhause aufgestanden führte mich mein erster Weg hierher. Meine Freunde waren hier. Mein Leben fand hier statt. Jetzt fühle ich mich nicht mehr wohl hier. Nicht wegen meiner regengetränkten Jeans. Sondern weil sich einfach so viel verändert hat.

Älter sind wir geworden. Die Evolution hat ihr Werk fortgesetzt. Wir haben uns verändert, die Welt hat sich verändert. Gedanken haben sich verändert. Was bleibt ist die Sehnsucht nach dem Damals. Diese unabdingbare Sehnsucht. Früher war alles besser, denke ich mir. Und verfalle in den Traum von damals.

Wir sind größer geworden. Nicht körperlich. Geistig. Erwachsen werden, würde man es wohl nennen, um einen bestimmten Begriff dafür zu benutzen. Oder reif sind wir geworden. Wobei zu bezweifeln bleibt, ob Reife überhaupt vorhanden ist. Wenn einer überlegt, bevor er handelt, nachdenkt, bevor er spricht, gilt man normalerweise als reif. Ich fühle mich eingeengt. In all meinen Lebensformen. Reife ist ein Schlag ins Gesicht für jeden Freiheitsliebenden. Eine Fußfessel, welches einem einen Stromschlag versetzt, wenn man zu frei handelt. Und das fehlt mir.

Und ich fühle mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Nicht weil ich zittere oder ein paar Kilos zugelegt habe. Nein. Sondern weil ich nicht so bin, wie ich immer sein wollte. Ich bin zwar auf dem Weg zu meinem großen Traum, doch ich bin anders. Immer wieder fällt es mir auf, wie rational ich eigentlich denke. Wie sehr ich dem Realismus verfallen bin. Obwohl mir die Akzeptanz dessen so schwer fällt. Ich bin ein Teil einer Masse, lasse mich vom Strom treiben, und hebe manchmal den Kopf, um zu sehen was um mich herum passiert. Dass ich meinen eigenen Weg gehe, der Gesellschaft den Mittelfinger zeige, das war immer ein Traum. Dass der pubertätsbedingte Anarchiewunsch keine Zukunft hat, dessen bin ich mir bewusst. Doch ich fühle mich wie ein 68er, der jetzt als Beamter mit Anzug und Krawatte vollkommen gegen seinen damaligen Geist arbeitet.

Und manchmal denke ich mir eben. Ich hasse mich. So darf es nicht weitergehen. Ich muss mich verändern. Doch Veränderung kann man nicht erzwingen, dass weiß ich aus jahrelanger Erfahrung. Irgendwann passiert es, irgendwann verändert man sich. In die Richtung, die vorbestimmt ist, in die Richtung, in die man hineingeschoben wird. Und es wäre dumm, mich selbst zu hassen. Hass tut weh. Alles hat sich verändert. Die Welt. Du. Ich.

Was bleibt, ist die Hoffnung auf meinen inneren Geist. Meine Person nach außen hin scheint ein komplettes Gegenteil zu meiner Inneren zu sein. Das hält mich zurück. Lässt meine Sehnsucht nach Damals verinnen. Ich bin anders. Von innen drin. Meine Gefühle sind nicht massentauglich, meine Gedanken sind mein. Und auch wenn ein Strom mich leitet bin ich doch alleine in mir. Und so stehe ich auf und verlasse das Damals. Verlasse den Wunsch nach Veränderung. Ich weiß, woran ich bin. Ich weiß, wer ich bin. Vielleicht verändert sich ja auch mein Äußeres zum Besseren. Aber was ist schon besser. Vielleicht ist es gut so, wie es ist.

Und ich stehe auf, streiche mir etwas Wasser aus der Hose, spanne meinen Schirm über meine nassen Haare auf und gehe zu meinem Auto. Und während ich gehe, verliere ich. Verliere das Vertrauen in die Welt. Und gewinne an Vertrauen in mir.

Mir ist schon klar, dass Sea Meer heißt. Aber dieser Song von Jeff Buckley passte gut zu diesem Text.

With My Head. In My Hand.

Erwachsen werden

Ich schließe die Augen. Warte. Warte lange. Minuten, Stunden. Bis ich sie wieder öffne. Und wenn ich dann um mich blicke, bemerke ich. Du fehlst. Warum ich die Augen nicht wieder schließe. Nicht versuche, der Welt mit geschlossenen Augen zu begegnen.

Erinnerungen. Erinnerungen. Erinnerungen. Und die Axt die die Erinnerungen von der Gegenwart spaltet. Das Wachrütteln. Der Versuch zu verstehen, der Versuch zu akzeptieren. Aufgeben, das Leben als fair anzusehen. Und doch wieder jeden Tag einen Moment finden, in dem man denkt, dass so etwas nicht passieren kann. Dass du jetzt gleich bei der Tür hereingestürzt kommst. Bis man den Kopf schüttelt und der Realität Einzug gewährt.

Und wenn man dann am Morgen das Leben wieder spürt, in sich. Und überall die Erinnerungen an dich. Dann versucht man natürlich, die Augen wieder zu schließen, um aus diesem Traum aufzuwachen. Um mit diesem Verschließen der Augen vor der Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft zu beeinflussen. Doch es bringt nichts. Irgendwann muss man die Augen wieder öffnen. Irgendwann spürt man wieder den Wecker, der sich in die Gehörgänge bohrt, oder ein Auto, das in die Einfahrt vorfährt. Und die Augen sind offen. Und man bemerkt, dass es niemandem etwas bringt. Dass man sich nicht verschließen kann.

Man kann nicht akzeptieren, dass du so früh hast gehen müssen. Aber es kommt einem fast so vor, als könnte man irgendwie akzeptieren, dass du nicht mehr kommen wirst. Und um über deinen Weg trauern zu können oder den Schmerz für dich zu fühlen, muss man sich der Welt stellen. Mit all ihren Kinderwägen und Kleinkindern, die ein Lächeln und einen Sonnenschein in sich tragen. Und mich mit jeder Haarsträhne, oder mit jedem Lächeln, mit dem Gang oder mit der Hose an dich erinnern. Ich bin lange genug stark gewesen. So gut es ging, und so banal wie es klingt.

Und so kommt die Routine. Und das Ablenken. Und das Wiedereintauchen in die Welt, die du so sehr verschönert hast. Du hast uns alle verändert, als du lebtest. Und du hast uns selbst jetzt, nach deinem Abschied reifen lassen. Die Welt hast du für uns verändert. Und mit dieser Welt, mit dieser Veränderung, dass du einfach nicht mehr kommst, müssen wir zu schreiten beginnen. Müssen neue Wege gehen. Müssen vielleicht auch wieder mal an unsere Grenzen stoßen. Und auch manchmal wieder neu anfangen. Und es wird nicht mehr. Es wird nicht mehr so wie es einmal war. Nie mehr. Jede Veränderung hat Einflüsse auf das Morgen. Nur das Gestern. Das Gestern bleibt unverändert. Und lässt uns wohl auch in Zukunft immer wieder zurückfallen. Immer mal wieder.

Man wird auch heute wieder die Augen schließen. Und wird sie erst wieder morgen öffnen. Und wenn man sie dann öffnet, wird man sich vielleicht in einer neuen Welt finden, durch die kleine Veränderung, die man selbst gemacht hat, um das Leben schöner zu gestalten. Es reicht nicht, nur um dich zu weinen. Wir haben die Macht und die Kraft dazu, eine Welt zu gestalten, wie du sie dir verdient hast.

Ein Luftballon. Ein Schmetterling. Ein Engel.

Der schwerste Gang. Der letzte Abschied. The Last Goodbye. Das Zittern.

Heute war also dein Begräbnis. Mehrmals bin ich heute Nacht aufgewacht. Irgendwann bin ich dann doch aufgestanden, habe sogar gefrühstückt. Wie ich es jedes Wochenende mache. Nur diesmal ist das ein anderer Samstag. Ein komplett anderer Samstag.

Das Warten. Irgendwann einmal duschen. Und in den schwarzen Anzug schlüpfen. Die neue schwarze Krawatte anlegen. Die Texte einpacken. Und nach meiner Schwester, Timis Vater und einer Freundin gefahren. Da ich es einfach zuhause, mit meinem Vater und meiner Mutter nicht mehr ausgehalten habe. Den Strom zur Kirche gesehen. Und irgendwann einmal hineingegangen. Die Kirche war voll. Aber ich habe niemanden mehr gesehen. Niemanden. Ich suchte mir nur einen Platz bei meiner Familie und zitterte. Zitterte, wie ich es schon immer tat. Nicht aus Kälte, nicht aus Aufregung. Ich zitterte einfach.

Gerhard hat wunderschöne Worte gefunden. Wunderschön. Passend. Bewegend. Irgendwann trug ich auch meine Fürbitten vor. Meinen Text. Und dann Natalies Zeilen. Und irgendwann vorher das Anstecken der Buttons, auf denen ein Schmetterling als Zeichen für unseren kleinen Timi steht. Und dann der Gang zum Friedhof. Ich voran, das Kreuz, mit seinem Teddybären und seinen Schmetterlingen, in der Hand. Die Verabschiedung am Friedhof im familiären Kreis. Das Nachwerfen der Blumenblätter. Die einzigen Tränen von mir am heutigen Tag. Und nach dem Weinen das Ende des brutalen Zitterns.

Immer wieder die Worte: „Du hast das gut gemacht“, „Einen besseren Bruder kann sich Michaela nicht wünschen“, „Wir sind stolz auf dich“. Hohle Phrasen. Ich habe nur das, was in meiner Macht stand getan. Und werde es auch weiterhin tun. Für Michaela, für die Familie. Morgen treffe ich mich wahrscheinlich mit meiner Psychologielehrerin um über eine Therapie für meine Schwester zu sprechen. Und vielleicht auch gleich eine Familientherapie. Für uns alle.

Hier noch mein Text, den ich beim heutigen Begräbnis vorgetragen habe.

Jetzt stehe ich hier, versuche Worte für meinen Timi zu finden, und weiß einfach nicht, wie.

Als vor eineinhalb Jahren dieses unscheinbare, kleine zarte Wesen in unser aller Leben trat, konnte man nicht mal im Geringsten begreifen, welcher Engel hier auf Erden gelandet ist. Deine blonden Haare, deine blauen Augen, dein gesamtes Wesen. Es waren für uns alle die schönsten Momente, als du zu krabbeln begannst, deine ersten Schritte machtest. Oder wenn du einfach nur da warst. Stundenlang hätte ich deinen schlafenden Körper betrachten können,wie du da, völlig zufrieden mit der Welt, in seine Traumwelt versankst.

Für unsere Familie warst du stets der Sonnenschein. Kamen mein Papa und ich abends nach Hause, empfingst du uns mit deinen tapsigen Füßchen, einem Lächeln und der Bitte, hochgenommen zu werden. Und versank unser Familienleben auch manchmal in Streit und Missmut holtest du uns doch wieder zurück zum Schönen. Du warst dieser eine Fels in der Brandung, der Gesandte, der uns allen wieder zeigte, wie schön die Welt eigentlich ist.

In meiner Erinnerung bleiben immer die Bilder, als du mit leuchtenden Augen dein erstes Weihnachten erlebtest, du dich zum Geburtstag nicht in dein kleines Zelt trautest, oder wenn du mich immer mal wieder wecktest, als du deiner Oma entkommen warst und dich der erste Weg in mein Zimmer führte. Dein Lächeln, deine Berührungen, das Kuscheln. Momente vollkommenen Lebens.

Deine kleine Hand, wie sie sich anfangs um meinen Finger schloss, dein ständiges Nachahmen von mir, und dein Spaß an allem. Erinnerungen, die mir einer nie mehr nehmen kann. Du war für mich Anlaufpunkt, in Zeiten in denen es mir scheinbar schlecht ging. Ein Lächeln von dir, und meine Welt war wieder perfekt. Ich habe so viele Pläne mit dir gehabt. Habe über deinen ersten Schultag nachgedacht, habe Ausflüge in einen Tierpark geplant, wollte Pferde stehlen mit dir.

Und mit einem Schlag bist du weg. Und hinterlässt auf dieser Seite des Lebens ein so tiefes Loch. Welches nie wieder geflickt werden kann. Du bist einfach weg. Was uns bleibt, sind diese unzähligen Erinnerungen an dich. All diese wunderbaren Momente. Du hast uns alle irgendwie verändert. Die ganze Welt schien perfekt zu sein, trotz all dieser Komplikationen, die ein Leben mit sich trägt.

Ich wünsche euch, dir, Michaela und dir, Mathias, alle Kraft der Welt. Es stimmt, es wird nie wieder einen Timi geben. Nie wieder einen Menschen geben wie ihn. Aber ich bin mit all meinen Gedanken bei euch. Und auch euch, liebe Omas, Opas und Urgroßeltern wünsche ich, dass ihr mit diesem Schmerz, mit dieser unsagbaren Tragödie irgendwann umzugehen lernt. Man wird nie verstehen, warum unser kleiner Timi so früh hat sterben müssen. Und alle Menschen, die Timi geliebt haben, bitte ich, dass ihr eure Kraft mit seinen Eltern und Angehörigen teilt.

Und nun an dich, lieber Timi. Du warst der größte Engel auf Erden. Mach dich nun auf den Weg in den Himmel. Damit du deinen Sonnenschein auch dort verbreiten kannst. Ich liebe dich und vermisse dich so sehr.

Schöne Worte hat Elisabeth gefunden. Sie waren heute Abend noch am Grab. Und sie sagt, das kann nicht alles von Timi sein. Nicht alles von Timi ist unter der Erde. Ein Teil ist da, wenn sie mich ansieht. Oder uns als Familie. Vielen Dank für das Gespräch heute Elisabeth. Und auch dir, Maria. Dankeschön. Und an alle, die heute da waren. Dankeschön.

Und jetzt fliege schön. Und schnappe dir irgendwann den Luftballon, der von deinem Sarg losgelassen wurde. Schnapp ihn dir. Du hast sie geliebt, die Luftballone. Selbst in meinem Zimmer liegt noch einer, den du letzten Samstag, oder Freitag hier hast fallen lassen.

Ein Letztes Mal.

Feiert ihr nur alle eure Verstorbenen. Geht ihr nur scheinheilig zu den Gräbern, die für euch nur Anlaufstelle sind, um einmal im Jahr zu zeigen, dass ihr jemanden gemocht habt. Wir gehen nicht hin. Wir nehmen Abschied. Wieder einmal. In der Leichenhalle, wo Timis Sarg steht.

Dass ich immer und immer wieder meine Fingernägel in meine rechte Schulter gebohrt habe. Nur um den inneren Schmerz nach außen hin zu spüren. Dass meine Mutter beim Zusammenlegen von Timis Kleidung immer und immer wieder zu weinen anfängt, sie aber einfach nicht aufhört. Dass mein Papa einfach nichts essen kann. Dass die Tränen meiner Schwester nicht enden.

Allerheiligen. Feiern wir die Toten. Feiern wir die Menschen, die ihr Leben gelebt haben. Die so viele Träume von sich erreicht haben. Die irgendwann einmal am Ende angekommen sind. Aber feiern wir nicht den Tod eines Kindes. Dessen Leben erst so richtig begonnen hätte. Der Schmerz. Diese nicht enden wollende Schmerz. Das Vermissen.

Gestern, nachdem ich mit Gerhard die Beerdigung durchgesprochen hatte, bin ich in die Kirche gegangen. Wo vor dem Altar, auf einem kleinen Tischlein, Timis Bild stand. Kleine Kerzen am Boden. Und daneben eine Schüssel mit Sand, wo jeder eine Kerze anzünden kann. Und als ich dort vor dem Bild stand, bin ich einfach zusammengebrochen. Zusammengebrochen und auf den Knien gelandet. Und habe gestern endlich wieder einmal weinen können. Einfach so heraus, einfach nur, weil ich ihn so sehr vermisse.

Ich konnte ihn auch noch einmal sehen. Wir alle mussten uns noch einmal von ihm verabschieden. Wie er da im Sarg lag, das Lammfell als wärmespendende Quelle, die Spieluhr auf seinem kleinen Körper. Seine rot-weiße Haut. Seine schwarzen Lippen. Ein Streichen über die Wange, ein letzter Kuss auf die Stirn. Das Gefühl, eine Puppe zu berühren. Das letzte Mal seine Spieluhr aufgezogen. Das letzte Mal.

Am Nachmittag alles organisiert von Gottesdienst, über die kleinen Erinnerungsbildchen, die jeder beim Begräbnis bekommt. Überall herumgefahren mit meinen Papa und ihn soweit gebracht, dass er zumindest ein kleines Bisschen isst. Am Abend die Parte zu meinen Freunden gebracht. Beim Lukas geweint, bei Maria auch. Rahel, Sarah und Susi. Und dann erst wieder bei Elisabeth. Die schon am Montag am Telefon nicht mehr richtig hat sprechen können vor lauter Unverständnis.

Bevor ich diese Runde gemacht habe, ein zweites Mal in die Kirche gegangen. Diesmal waren mein Papa und meine Mama dabei. Und wieder dasselbe. Wieder zusammengebrochen. Wieder weinen können. Und wieder einmal bemerkt, dass ich am liebsten alleine weine.

Der Stress, der ständige Besuch, ist gut für uns. Er beschäftigt uns und lenkt uns, irgendwie, so gut es geht ab. Und irgendwann ist er dann weg. Der Stress. Was dann kommt? Die Leere.

Der Schmerz.

Unsere Familie ist mit der Heimkehr von unserem Papa wieder vereint. Aber Timi fehlt. Er fehlt. Wo immer man hinsieht. Überall sind noch seine Sachen.

Das nervliche Abschiednehmen meiner Mutter von Timi. Ganz alleine. In ihrem Bügelzimmer. Nur dass sie jetzt noch schnell bügeln muss, damit Timi nicht an den Kabeln ziehen kann. Und gleichzeitig hat sie gewusst, dass er nicht gleich durch die Türe hereinschauen wird. Und einfach nur weiterbügeln. Und einfach nur weinen.

Ich stehe auf, habe irgendwann meinen Schlaf gefunden und konnte relativ lange schlafen. Und wenn man dann ins Wohnzimmer kommt, diese Leere, diese verdammte Leere, und der Schmerz und die Tränen. Die Suche nach dem Sinn in ihrem Leben, nach dem Tod des Kindes. Immer wieder läutet es. Unser Pfarrassistent Gerhard, der schon am Montag zweimal da war, hat uns auch am Dienstag besucht um uns über das Begräbnis zu informieren, um uns einfach an seiner Schulter auszuweinen, um zu reden oder er half uns dabei, einfach nur zu schweigen. Und ich bin mir sicher, er wird das Begräbnis machen, das sich unser Timi verdient hat.

Natalie, Timis Taufpatin, kam auch schon früh am Morgen. Und blieb. Schläft bei meiner Schwester. Damit sie ja nicht alleine ist. Und so fuhren um 11 Uhr meine Mutter, meine Schwester, Natalie und ich zuerst zu einer Gärtnerei, um Kränze zu bestellen und anschließend zu Timis Uroma. Die selbst ein Kind (meinen Onkel Herbert im Alter von 19 Jahren durch einen Autounfall) verloren hat. Die es einfach nicht verstehen kann, so wie wir alle. Und anschließend holten wir meinen Papa vom Zug ab.

Tränen. Beim stärksten Menschen, den ich kenne. Bei meinem Papa. Tränen und Unverständnis. Angst und einfach diese Suche nach dem Sinn. Es macht einfach keinen Sinn. Und als wir dann zuhause angekommen sind, versuchte meine Mutter sich abzulenken und kochte. Kochte einfach so viel. Spaghetti und Saucen für 10 Personen. Wir waren nur fünf im Haus und den Versuch zu essen starteten nur ich und Natalie. Aber als ich so da saß, mit dem Löffel in der Hand und einfach nur den Tisch überblickte, konnte ich es einfach nicht. Es passte nicht. Ein Sessel stand dort, wo Timis Platz ist. Und da steht ein großes Teller und ein Messer. Das darf nicht dort stehen. Und irgendwann kamen die Emotionen heraus. Ich konnte weinen. Konnte alles herauslassen. War bereit, den Druck in meinem Kopf, in meinem Körper herauszulassen. Seit Montag habe ich vielleicht zehn Bissen gegessen. Ich verspüre aber keinen Hunger. Ich kann nicht am Esstisch sitzen und etwas essen. Es geht einfach nicht.

Am Samstag um 14 Uhr wird sein Begräbnis sein. Da wird ein Leben zu Grabe getragen, dass doch erst vor eineinhalb Jahren begonnen hat. Man weiß immer noch nicht, woran er gestorben ist. Sie konnten bis jetzt noch nichts feststellen. Vielleicht geben die Proben, die aus den Organen entnommen wurden, irgendeine unwichtige Antwort. Ändern kann man sowieso nichts mehr. Aber ich kann nur für alle sagen, die ihn geliebt haben, und die er geliebt hat, das dieses Begräbnis, das Timi sich wahrscheinlich genau so etwas gewünscht hätte.

Überall findet man ihn noch. Seine Fingerabdrücke auf den Fenstern. Auf dem Backrohr. Seine Spielsachen überall. Der Rechen, draußen. Er brauchte immer den größten Rechen, so sehr er sich auch plagte, er versuchte alles. Wir können es nicht wegräumen. Wir können es nicht. Nur das Gitter bei der Stiege, damit er nicht hinunter konnte. Ich musste es wegtun. Vor seinem Tod habe ich immer darauf vergessen es zuzumachen und habe es aber immer noch schnell genug gemerkt. Und seit Timis Tod habe ich es jedes einzelne Mal fest zugedrückt. Als würde Timi gleich aus dem Wohnzimmer herauslaufen, und seine Arme in die Luft strecken, damit ich ihn hochnehme. Ich musste es einfach abmontieren. Und jetzt. Diese Leere, wenn man die Treppe hinaufsteigt.

Was uns jetzt noch bleibt, sind die Arbeiten für das Begräbnis. Da wir nicht irgendetwas Herkömmliches machen wollen, habe ich gestern etwas gestaltet, die jeder Besucher des Begräbnisses bekommen wird. Ich möchte zumindest für seinen letzten Gang im Diesseits immer für ihn da sein.

Was bleibt sind die Tränen. Das Unverständnis. Und der Stress. Dieser Stress, der uns irgendwie abzulenken versucht, und doch erinnert uns noch viel zu viel an alles.