You Make Me. Happy.

Der Gedanke daran.

Ich habe schon lange nicht mehr von der Zeit geschrieben, die wir miteinander verlebten. Diese wunderbare, einzigartige, mich prägende Zeit. Die aus mir einen anderen Menschen machte. Ich reifte an dir und wuchs über mich hinaus. Diese Zeit. Mit dir. Diese neun Monate. Nein, es hat keinen Sinn, die Vergangenheit immer wieder aufzurollen.

Das hast du selbst einmal gesagt. Als ich immer und immer wieder von meiner „Besten Zeit“ sprach. Von diesem einen Sommer. Ich wollte, dass jeder Sommer so werden sollte. Der Inbegriff des Lebens. So wunderbar, der tägliche Kontakt mit Freunden, Grillen, der See. Alles war auf dem Höhepunkt der Zeit. Doch die Zeit ging vorüber. So wie unsere Zeit. Sie ist vorüber.

You leave me laughing without crying,
There’s no use denying,
For many times I’ve tried,
Love has never felt as good.

Du machst mich glücklich. Der Gedanke daran. Der Gedanke daran, dass es dich gibt. Irgendwo da draußen. Dass du immer irgendwie da bist, auch wenn sich unsere Wege irgendwie getrennt haben. Obwohl ich es nie so wollte, es wurde einfach so. Vielleicht mit deinen Bemühungen. „Ich warte“, schrieb ich immer. Ich warte. Warte ich. Ich lebe vor mich hin. Verarbeite das Leben. Und weiß einfach, dass es dich gibt.

Keinen Kuss spüre ich mehr von dir, deinen Geruch habe ich vergessen. Dein an mir erzeugtes Lächeln habe ich verlernt. Deine Berührungen fehlen. Und doch hat sich Liebe noch nie so gut angefühlt. Noch nie. Ich weiß, dass du es nicht weißt. Nichts weißt du. Und doch weiß ich, was ich fühle.

Und ich bin endlich wieder über dieses Stadium des „Nicht-Fühlens“ hinweg. Ich fühle dich. Fühle mich. Fühle. Nie hat es sich so angefühlt. Vielleicht wird die Zukunft Wege bringen, die ich mit Freude beschreiten werde. Dieses „One Way“-Schild neben mir. Ich kenne es. Es gibt kein Umkehren. Kein „Zeit zurückdrehen“. Kein Vergangenheits-Nachweinen. Wozu auch.

Irgendwie wird doch alles wieder. Irgendwie. Mit oder ohne dir. Aber der Gedanke an dich lässt mich leben. Durch dich habe ich zu lieben gelernt. Durch dich schien ich es wieder verlernt zu haben. Aber ich habe es perfektioniert. Passend für mich. Wer, was oder wo du bist, ist mir egal. Die neun Monate, die wir als Paar durch die Straßen gingen, waren schön. Das Leben vor mir, wird es ebenso.

I Want You To Notice.

… when I’m not around.

Der unerwartete Schuss. Das Zusammenbrechen eines Menschen. Der Schnitt. Und der Krimi ist zu Ende. Obwohl die dicke Frau noch singt. Kurzer, nichts aussagender Abspann. Und die Welt erhebt sich.

„Der Mond.“ Ich lächle. „Siehst du den Mond.“ Mit der Hand streiche ich über den Himmel. „Und all die Sterne.“ Ich lächle weiter. „Unsere Sterne. Der da, siehst du, das ist unser Stern“. Und mit der Spitze des Zeigefingers spiele ich mich mit unserem Stern. Ich spüre die Kälte der Nacht, die eisige Wärme des Asphalts, spüre den kühlen Wind und die sanfte Brise, welche vom kleinen Bächlein heraufweht. Die Nacht über mir. Die Dunkelheit umhüllt meinen bebenden, zitternden Körper.

„Ist dir kalt?“, frage ich dich, während ich mich mit der dicken Decke zudecke und mir einen bequemen Platz in meinem Bett aussuche. „Du könntest ein Stück meiner Decke haben, ich friere nicht so schnell.“ Halb abgedeckt, stelle ich noch den Wecker, schalte das Licht aus. Das Tagebuch lasse ich heute liegen. Nicht alle Tage bist du da. Nicht alle Tage.

„Fahre ich dir zu schnell?“ Langsam reduziere ich meine Geschwindigkeit. Halte mich an die vorgeschriebenen Geschwindigkeitsbeschränkungen. „Aber jetzt fahre ich schon richtig gut, oder?“ Ich lächle. Du warst die erste, die neben mir sitzen durfte, als ich gerade erst den Führerschein geschafft hatte. „Wo willst du hin? So wie immer?“ Ich nicke selbstüberzeugt.

„Was möchtest du heute essen? Ich lade dich ein.“ Du bekommst dasselbe wie ich. „Schmeckt es?“ Ich lache, ich erinnere mich noch an den einen Abend, als ich so grässlich gekocht habe, und du hast lange Zeit gar nichts gesagt. Nur um mich nicht traurig zu machen. Nur um mich nicht. Nur.

„Wie geht es dir?“ Doch du bist nicht da. Warst die ganze Zeit nicht da. Schon lange Zeit warst du nicht mehr da. Hast nicht in die Sterne gesehen. Nicht in meinem Bett geschlafen. Bist nicht mit mir Auto gefahren und hast nicht mit mir gegessen. Du lebst dein eigenes Leben. Weg bist du. Nicht da. Die ganze Zeit schon.

„Ist dir kalt?“ Ich lächle. Ja, mir ist kalt. Schon die ganze Zeit. Seit du nicht mehr da bist, nicht mehr Teil meines Lebens bist, sondern nur mehr Teil meiner Gedanken. Seit du begonnen hast, dein eigenes Leben zu leben, ein Leben, in dem ich scheinbar keinen Platz mehr habe. Oder kaum noch genügend. Ich möchte, dass du endlich mal bemerkst, dass ich nicht mehr da bin. Möchte, dass du mich anrufst, um mich endlich mal wieder zu sehen. Um endlich mal wieder von mir zu hören. Um zu sehen, dass ich lebe. Du musst dich nur einmal melden. Die Fragen habe schon ich.

Amour, Imagination. Et Rêve.

Bitte, lenk mich ab. Und teil mit mir. Das was schon war. Und was wir sehen.

Die Liebe. Mittelpunkt des Universums. Mittelpunkt der Welt. Mittelpunkt des Lebens und der erste und wahrscheinlich auch der letzte Gedanke. Das innerste Gefühl vollkommener Zufriedenheit. Die Ausgeglichenheit des Herzens. Die Symbiose zweier Menschen. Liebe ist so etwas Sinnloses, so etwas Schmerzhaftes. Etwas so Wunderschönes, so Einzigartiges.

Deine Hand fährt über mein Gesicht. Streicht mir die Haare weg. Sanft. Mit Grazie und dem nötigen Abstand, um deine Nähe zu spüren. Es regnet. Regnet seit Tagen. Heute auch. Der Boden ist ganz nass. Schön, dass du nun bei mir bist. Schön, dass wir diesen Moment jetzt haben. Nur für uns.

Die Fantasie. Stell dir vor, es ist Krieg. Und keiner geht hin. Stellt dir vor, es ist Leben, und keiner erlebt es. Stell dir vor, es ist Liebe, und keiner spürt es. Stell dir vor, es ist Tod, und keiner weint. Momente der Einsamkeit und gleichzeitig auch Momente allergrößter Fantasie. Die Vorstellung von Einzigartigkeit und der Versuch, Dinge zu sehen, die nicht sind. Sie ermöglicht uns erst, das Leben als lebenswert zu empfinden.

Du liegst auf meinem Körper. Auf meinem Bauch. Auch mein Bauch ist nass. Es regnet. Regnet seit Tagen. Immer mehr Leute beobachten uns auf dem Weg zu ihren Leben, zu ihren Lieben. Nur wenige bleiben stehen. Ich spüre deine Hand schon wieder, wie sie mir über die Lippen streichen. Über die Wange.

Der Traum. Hochschrecken, schweißgebadet. Angst, vor dem Vergangenen und Angst vor der Zukunft, vor dem Wiedereinschlafen. Aufwachen, Minuten oder gar Stunden brauchen, um zu realisieren, dass das Geträumte eben nur ein Traum war. Nur ein Teil der nächtlichen Fantasie. Der Tagesaufarbeitung im Schlafstadium. Der Traum, Utopie einer Zielsetzung. Sanftheit der Fantasie, manchmal erreichbar, manchmal unerreichbar. Manchmal einfach nur. Der Traum.

Du küsst mich. Deine Lippen berühren die meinen. Ich spüre die Tränen, wie sie von deinen Augen auf meine Wangen fallen. Ich fühle, wie sie dich wegzerren. Wie sie versuchen, dich zu beruhigen. Dir zu sagen, das man nichts mehr tun kann. Wie sie versuchen, alles aus dem wissenschaftlichen Blickwinkel zu erklären. Ich spüre, wie sie mich in diesen Plastiksarg legen. Der Aufprall auf das Auto und auf die Straße war wohl zu stark. Mein Kopf ist zertrümmert, mein Gehirn zerstört, meine Erinnerung tot. Eine Blutlache ziert noch den Asphalt.

Es regnet.
Regnet seit Tagen.

Die Nacht Dreht. Sich. Um Dich.

Siehst du. Der Mond hat sich ein Fernglas gebaut.

Die Sonne ist gesunken. Der Tag scheint am Ende angekommen zu sein. Außer Puste, völlig fertig. Er braucht jetzt wohl Zeit zum Regenerieren, würden Tagmenschen jetzt sagen. Doch der Tag geht erst jetzt los. Erst jetzt ist die Zeit für die schönsten Momente. Die Dunkelheit und die Nacht, diese beiden lassen einen fliegen, und die Sterne berühren.

Ich liege hier. Blicke aus dem Fenster, und erschrecke vor den hellen Strahlen, die mich treffen. Beim Nachbarn brennt noch Licht, Autos fahren auch noch. Die kaputten Gardinen helfen nun also auch nichts. Und so setze ich mich auf die Fensterbank, blicke in den immer noch schwarzen Himmel. Sehe die Sterne, die Inseln aller Verstorbenen und die Gedanken aller Gedenkenden. Ich strecke meine Hand aus, doch die Fensterscheibe lässt sie wieder ruhen. Nicht weit bin ich gekommen, mit meinem Wunsch, den Himmel zu berühren.

„Das hier ist unser Stern, siehst du?“, habe ich dir gesagt und auf den Stern über uns gezeigt. Ich weiß nicht, was an ihm so besonders ist, doch jedes Mal wenn ich meine Blicke über den Nachthimmel schweifen lasse, fällt mir unser Stern sofort auf. Wie sollte ich ihn auch vergessen. Plage ich mich doch schon viel zu lange mit dem Versuch, ein Leben ohne dir führen zu können.

Du weißt nicht, wie oft ich hier sitze. Wie oft ich den Himmel berühren möchte, wie oft ich diesen einen Stern vom Himmel holen würde, um ihn zu mir ins Bett zu legen. Um dich immer um mich herum zu haben. Jede einzelne Nacht, dreht sich nur um dich. Jeder letzte Gedanke vor dem Wegdösen ist dir gewidmet. Und so hasse ich das Gefühl, wenn die Sonne mich am nächsten Morgen die Nase kitzelt. Um mir zu zeigen. Die Nacht ist vorbei. Deine Nacht ist vorbei. Alles ist vorbei und doch kommt es immer wieder. Ob nun in der rationalen Wirklichkeit, oder in den Gedanken. Irgendwie kommt alles wieder. Man kommt einfach nicht los.

Für euch beide.

Tiefe Melancholie.

Alltag

Wieder einmal. Ein Leben. Meine Gefühle. Ein Widerspruch in sich. Oneself in Zwiespalt.

Wut. Wegen allem. Wegen Worten. Und fehlenden Reaktionen. Wieder deine Stimme. Umschwung von Wut in Freude. Einfach nur Freude. Ohne Grund. Trotz des Zweifelns meiner Gedanken. Trotz der ungesagten Worte und trotz alledem. Du tust mir weh. Wie es sich eben gehört.

Nach Garden State mit Elisabethtown einen weiteren Coming-Of-Age-Film gesehen. Über Tod, und dem Versuch, zu trauern. Und über das Leben und dem Sinn und alledem. Ein wunderbarer Film, schöne Musik, großartige Schauspieler. Und ganz viel Ryan Adams im CD-Player von Drew Baylors Auto.

Das Wochenende nicht zur Ruhe gekommen. Von Cocktailparty über Kino bis hin zum heutigen Abend. An dem ich auch wieder ins Kino gehen werde. Die „Beste Zeit“ steht an. Ebenfalls ein Coming-of-Age Film. Auf Bayrisch. Großes Interesse daran. Und doch, dieses Mal werde ich alleine gehen. Auch wenn ich sie angerufen habe.

Oder sie einfach kontaktiert habe. Sie hat mich dann zurückgerufen. Ob sie Zeit und Lust hätte, die beste Zeit mit mir zu genießen. Eine Beinahe-Absage und der Umschwung meiner Gedanken, meiner Gefühle. Das Wissen, nichts zu wissen. Und deshalb werde ich jetzt noch einige Minuten in der Stimme von Ray LaMontagne und seinem Shelter verschwinden.

Nur um in tiefe Melancholie zu verfallen. Nur um meine Ohren mit immer demselben Lied zu strapazieren. Immer noch das Handy neben mir liegend, hoffend auf einen Anruf und keine Absage.

Dass das Leben lebenswert ist, zeigte mir neben Elisabethtown auch schon Garden State. Und aus diesem Film möchte ich nun diesen einen einzigen, heutigen, wenig literarischen, und auch sonst nicht wirklich anspruchsvollen Text zu Ende gehen lassen.

Come here.
Fuck, this hurts so much.

Yeah, I know. But that is life. If nothing else,
that’s life, you know. It’s real. Sometimes it fuckin’ hurts. To be
honest, it’s sort of all we have.

How are you feelin’?

Safe.
When I’m with you, I feel so safe.
Like I’m home

If This Mirror. Could Only Talk.

Dinge, die aus meinem Kopf einfach nicht raus wollen.

Ich spüre ihn, den Druck, der auf mir lastet. Er ist oft schwer, oft eine fast untragbare Last, doch man schafft es eben doch immer. Es ist ja nicht so, als träge man die ganze Welt auf seinen Schultern. Den Weltschmerz haben andere verdient. Das nennt man doch einfach nur Leben. Leben eben.

Aber von innen nach außen. Der Druck, den meine Gehirnhülle verspürt. Das Stechen hinten am Kopf. Als würden Nadeln meinen Kopf durchbohren. Und würde man sie dann anschließend herausziehen, würden aus den kleinen Löchern, die zurückblieben, ein dünner Strang voller belastender Gedanken herausfließen. Leuchtend weiß, durchsichtig dünn. Und mein Kopf und mit ihm ich, wir würden schweben, weil sich alles so leicht und einfach anspürt. Als wäre das Leben nie ein Problem gewesen. Nie.

Doch ich habe keine Nadel. Und selbst wenn ich eine hätte, würde das Ganze an Selbstverstümmelung erinnern. Ich habe ja keine Ahnung. Keine Ahnung. Man ist ja nur. Schon gut. Und so bekämpfe ich mich mit Schmerztabletten. Fünfhundertmilligramm starke Schmerzdämmung. Bekämpfe mich und meine Gedanken. Bekämpfe den Druck.

Nicht der Weltschmerz findet sich in meinem Kopf wieder. Nein, nicht der Weltschmerz. Nur meine Probleme. Nur meine. Doch mein Problem ist es eben, dass ich mir viel zu viele Gedanken mache. Immer mal kommt alles wieder hoch. Nur schwer kann ich mit allem umgehen, und glaube trotzdem, fest im Leben zu stehen. Ich stehe nicht im Leben. Nicht mit einem Fuß. Überhaupt nicht. Ich möchte fliegen. So hoch es nur geht. Der Sonne entgegen. Möchte die Wärme spüren. Möchte das Leben verlassen.

Und du siehst mich an. Mit dem gleichen Blick, der mich normalerweise immer schmückt. Sag mir doch, was ich sagen soll. Sage es mir. Wie geht es dir, und deinen Kopfschmerzen. Wie geht es mir. Sage es mir. Was glaubst du überhaupt, wer du bist. Du bist doch auch nur Teil meiner Gedanken. Ein Hirngespinst, der Mr. Hyde in meinem Kopf. Das personifizierte Übel. Mein Spiegelbild. Sage es mir.

Tenemos Que Hablar.

Alltag

We have to walk.

If you would walk a while, we could waste the day. //Foo Fighters.

Der Schnee kam zurück in mein Leben. All die letzten Überbleibsel vom schon länger zurückliegenden Einbruch des Winters wurden überdeckt von einigen vielen Zentimetern Neuschnee. Die Sonne konnte man heute noch nie sehen, der Nebel hat mein Zuhause eingeschlossen und der jetzt auftretende Regen lässt das Kopfweh wieder auferstehen.

Believe anyhting you want to. But please, please just walk away. //5 Chinese Brothers

Das Telefonat gestern hat mich aufgewühlt. Hat meine Stimme und meine Worte zurückgeschraubt. Ruhig wurde ich, bedeutungslos alles in meinem Leben. Wut, Zorn, Versuch des Verständnisses und dann doch wieder nur Wut. Ein normaler Mensch würde spüren, was manb mit einem Menschen anrichtet, wenn man sich so benimmt, wie du. Jeder Freund spürt es schon. Nur du nicht. Dir fehlt die Sicht.

Cause you make me feel so good ‚cause you’re so bad. //Aerosmith

Den Tag verbraucht. Die Nacht anbetend. Eine Cocktail-Party nennen es die einen. Endlich mal wieder ein komplett gemütliches Zusammentreffen. Wo wirklich beinahe alle wichtigen Menschen da sind. Freunde. Und wir alle werden Cocktails mixen. Werden Spaß haben, Musik hören. Rauchen, uns betrinken. Und in wenigen Minuten werden wir auch noch einkaufen fahren. By the way, übrigens.

Don’t walk away, don’t say goodbye. Don’t turn around, don’t let it die. //Air Supply

Träume holen mich ein. Der Druck ob der fehlenden Trauerverarbeitung erhebt sich in meinen Kopf. Statt Lebensberichte erscheinen hier viel öfter diese minimal literarischen Texte. Weil das Leben nichts mit sich bringt. Und die Kreativität zurück in meinen Kopf gelangt ist. Gedanken werden zu Worte, Gefühle zur Philosophie.

Walk On. With hope in your hearts. You’ll never walk alone. //Conway Twitty

Nicht alleine. Gemeinsam. Gestern. Den Film Garden State. Ein wunderbarer Film. Wunderschön. Unglaublich. Ich identifizier mich mit all den Gedanken und all den Szenen. Einfach nur wunderschön. Und so verschwinde ich aus diesem Tag. Melde mich ab. Für heute. Für diesen Monat.

Bad Day.

Alles begann mit diesem Menschen im Straßengraben.  Leiche würde man wohl dazu sagen. Und doch würde dieses Wort nie zeigen, wer er war. Ein Straßenverkehrstoter mehr für die Statistik. Einer weniger auf der Totenliste.

Ich weiß nicht, was mich dazu bewogen hat, einfach mal loszugehen. Normalerweise bin ich ja nicht der naturverbundene Typ. Früher kombinierte ich stets das Rauchen mit dem nötigen Frische-Luft-Schnappen. Doch an diesem einen kalten Abend, heute, packte ich mich warm ein. Die dickste Winterjacke, meinem Lieblingsschal, eine Mütze.

Als ich aus der Tür trete, spüre ich die Kälte. Der weiße, langsam aufsteigende Atem wird nachgezogen. Und ich folge dem scheinbar vorgetretenen Weg, setzte neue Spuren in den Schnee und spaziere ohne überhaupt ein Ziel zu wissen, in die Welt hinein. Irgendwann würde ich wohl schon an einen Zaun, eine Mauer kommen, und dann würde ich wissen, dass es Zeit dafür ist, umzukehren.

Vor mir liegen Spuren, die schon seit Tagen nicht mehr berührt worden sind. Zwei oder drei Zentimeter neuer Schnee liegen darauf. Als es plötzlich steil bergab geht, halte ich mich an den eisigen Ästen des in der Nähe liegenden Haselnussstrauches fest, langsam rutsche ich weiter ab, bis ich endlich wieder Halt habe. Irgendwo, in der Ferne, höre ich das Geräusch von Autos. Das hier würde man wohl wirklich Natur nennen. Es ist so schön ruhig. So … Ich wende. Gehe Richtung Straße. Wieder Spuren, denen ich folgen kann. Die Bremsgeräusche, das Knistern, wenn Reifen über eisigen Brocken auf der Straße brettern.

Plötzlich hören die Spuren vor mir auf. An einer Stelle scheint jemand abgerutscht zu sein. Nur der abnehmende Mond und die wenigen Straßenlaternen schenken der Nacht ihr Licht. Plötzlich stupse ich mit meinem Fuß gegen etwas Undefinierbares, scheinbar auch ein Eisbrocken. Doch nach genauerer Betrachtung stelle ich fest, dass dies hier kein Eisbrocken ist. Kein gewöhnlicher. Das hier ist ein Mensch. Ein Mensch, der schon viel zu lange hier sitzt.

Auf einmal beginne ich zu schwitzen, fange zu zittern an und meine Knie werden weicher, als dass sie mich halten könnten. Ich sinke zusammen. Mit meinem Handy setze ich den Notruf ab, so wie man es eben gelernt hat. Doch sie brauchen nicht mit Blaulicht und Sirene kommen. Es ist schon längst zu spät. Wie lange mag er schon hier liegen. Wie lange schon. Sie würden gleich da sein, sagte mir die Frau am Telefon. Ich lege es in den Schnee. Sehe mir diese Person noch einmal an. Fühle, nur um die entgültige Sicherheit zu  haben, den Puls. Nichts. Kein Atem, der sichtbar aufsteicht, kein Herzschlag. Nichts mehr. Alles ist zu spät.

Was kann ich für diesen Menschen noch tun. Ich kenne ihn nicht, wurde nur durch Zufall in sein Schicksal involviert. Wer war er. Warum. Warum das Ganze? Und einfach, um ihm zu zeigen, dass er nicht alleine hier warten muss, nehme ich seine Hand. Zu lange schon lag er hier, einsam und verlassen. Zum Sterben verdonnert. Nun sollen wenigstens diese zehn Minuten die unseren Sein. Seine Hand ist eisig. Ich versuche sie zu wärmen, doch es hat keinen Sinn. Bis zum Eintreffen der Einsatzfahrzeuge, der Polizei und der Rettung, bleibe ich an seiner Seite. Habe mich ebenso wie er in den Schnee gelegt. In den Himmel geblickt. Irgendwann hat es dann auch einmal begonnen, riesige Flocken zu schneien. Kälter ist es geworden.

Als auch die Rettungskräfte seinen Tod festgestellt haben, werde ich noch von der Polizei vernommen. Erzähle ihnen alles. Sie glauben mir, scheint es. Als sie fragen, ob sie mich nach Hause bringen sollen, verneine ich. Ich weiß, dass sie anschließend darauf bestehen werden, wegen meines psychischen Schocks oder so. Und dann werde ich einsteigen. Den Kopf an das Auotfenster gelehnt, der Blick hinaus. Riesige Schneeflocken. Auf wie viele weitere Menschen in Straßengräben wird heute noch Schnee fallen. Die Dunkelheit verfolgt uns, und als ich vor meinem Haus aussteige, bedanke ich mich noch bei meinen Chauffeuren. Der Tag ist eigentlich schon längst zu Ende.

Es sind immer dieser Zufälle. Die einen so etwas erleben lassen. Die einen mögen es Gottes Fügung nennen, die anderen Schicksal, wieder andere Pech. Ich denke, es hat ihm gut getan. Diese zehn oder fünfzehn Minuten, als ich ihm die Hand gehalten habe. Nur um zu zeigen. Du bist nicht alleine. Niemand soll alleine sein. Und doch sind es viel zu viele. Immer diese Zufälle. Einer mehr oder weniger. Was solls.

Und als ich endlich mein Bett gefunden habe, und die Augen schließe, lassen mich die Gedanken nicht ruhen. Ich spüre immer noch die eisige Kälte seiner Hand. Einige Zeit vergeht, aber je mehr ich mir darüber Gedanken mache, desto wärmer wird plötzlich die Erinnerung daran. Bis ich mir sicher bin. Da, wo er jetzt ist, geht es ihm gut. Und ich schließe die Augen.

Single Sucht. Longplayer.

Man wandert durch die Welt, immer mit der Musik im Kopf. Warum soll sie nicht auch mal für eine schöne Metapher herhalten? Ich, 19, Single sucht. Longplayer.

Wenn man in diesem einen Plattenladen steht, umgeben von Tausenden von Plastikhüllen und Metallstreifen zur Diebstahlsicherung. Die Top-40 der Singlecharts. Die Top-20 der LPs. Seit fast sieben Monaten befindet sich ein gewisser Herr Ikarus auf Platz Eins der Singlecharts. Und es scheint sich auch nichts daran zu verändern. Er bleibt seinem Stil treu, wiederholt sich immer mal wieder. Manchmal erholt er sich auch einfach. Eigentlich müsste er froh sein, dort, ganz oben in den Single-Charts. Diese Rangliste, nein, nicht der beliebtesten, sondern der längsten Singles.

Was hat dieser Typ, dass er sich so lange an der Spitze halten kann? Er singt doch nur von Gefühl, voller Pathos und gequält-versuchter Tiefsinnigkeit. Gab es denn nie jemand, der versuchte, ihn von da oben runter zu holen? Doch, doch. Gab es. Wenn man die Bravo aufmerksam liest, weiß man, dass es da schon solche Menschen gab. Er aber immer wieder seinen Gefühlen nachgab, und diesem Menschen in seinem Herzen alle Aufmerksamkeit und jedes Gefühl widmen möchte.

Er wird wohl noch einige Zeit dort droben bleiben. Wird sich mit seinen Worten selbstbemitleiden. Und niemand kann etwas dagegen tun. Gekauft wird er ja trotzdem. Weil es nicht nur ihm so geht. Der Erfolg ist ihm vergönnt, doch das Wichtigste erhält er nicht. Er wartet übrigens noch darauf. Bis er auf einem passenden Longplayer landet. Er liebt Longplayer. Sie sind großartig.

Ganz oben bei den LP-Charts finden sich Sampler. Für jeden etwas. Davon hatte er noch nie etwas gehalten. Er möchte nie auf einem solchen Sampler, auf einer Compilation drauf sein. Das hat nichts. Keinen Stil. Er macht nicht alles für Geld. Viel, aber nicht alles. Er liebt diese einzigartigen Longplayer. Die einen fesseln und nicht mehr loslassen. Die man ansieht und man denkt sich, das passt. Eine Symbiose aus zwei Teilen. Der Musik und der Stimme. Zwei Wesen, in ein so wunderbares Gemeinsames verpackt. So einen Longplayer will er auch schaffen. Auf einem solchen Longplayer will er auch Teil davon sein.

Doch leider ist er dazu noch nicht im Stande. Er hatte es schon einmal geschafft. Für kurze Zeit. War auf einem LP, der wunderbar war und sich gut verkaufte. Seither hat er es zwar manchmal versucht. Doch nie wollte es auch nur annähernd so schöne Musik werden, wie damals. Und deswegen wartet er. Vielleicht gibt es ein Comeback. Ein wirklich entgültiges Split-Up. Doch er will einfach nicht auf irgendeinem Longplayer drauf sein. Nein. Nicht er.

Und so ist er ganz oben. Auf dem Olymp der Musik. Vielleicht ein One-Hit-Wonder. Oder auch das Wunderkind der postapokalyptischen Musikszene. Alles in allem ist dieser Ikarus eines. Eine gespaltene Persönlichkeit. Lebensfroher Mensch, todtraurig. Lustiger Haudegen, melancholisch. Überzeugt von sich selbst, zweifelnd. Genießt seine Musik. Und wenn ihr wieder einmal in einem Musikladen seid, haltet Ausschau nach den Neuerscheinungen der LPs. Vielleicht gibt’s da was Neues.

Such Great Heights.

Der Blick nach unten erzeugt in mir dieses unruhige Schwindelgefühl. Nur nach oben blicken, nicht nach unten. Und wenn nun nichts mehr oben ist, außer der große blaue Himmel, wolkenlos und leer. Und in kurzer Zeit färben sich meine Augen ebenso azur, und mit einem Mal bin ich Teil des Himmels geworden.

Das Blut strömt mir in den Kopf. Die Haare fallen der Erdanziehung zum Opfer und meine Hände berühren fast den Boden. Wie lange hänge ich schon so da. Die Welt, um 180 Grad gespiegelt. Die Menschen, wie sie am asphaltierten Himmel laufen. Die Erde, in ihrem einzigartigen Blau. Der Wind. Er bläst mir Staub in die Augen. Ich schließe sie. Halte mich an dem Rohr fest, auf dem ich kopfüber hängte und finde mal wieder den Kontakt zwischen meinen Füßen und dem Gras.

Der Weg geht weiter. Die Sonne kitzelt meine blonden Haare. Das Grün unter meinen Füßen wechselte zu kleinen Kieselsteinen. Ich folge diesem Weg weitere fünfzig oder hundert Meter, bis ich eine kleine Bank aus Holz finde. Mich darauf niederlasse. Warm ist es heute. Der Blick auf den See. Und die Berglandschaft dahinter. Sanft beruhigend und die Seele kitzelnd. Das hier ist mein Zuhause, und das wird es auch immer bleiben. So weit weg ich auch sein werde, die Erinnerungen an die Tage am See werden mir im Gedächtnis bleiben.

Wie oft habe ich mir Gedanken über das „Garden State“-Gefühl gemacht. Dass irgendwann einmal der Tag kommt, an dem man das Zuhause, in dem man aufgewachsen ist, nicht mehr als sein Zuhause, seine Heimat sieht. Wie oft habe ich mich schon so gefühlt. Und jetzt kehrt die Zugehörigkeit zu meinem Zuhause wieder zurück. Ich werde vom Fernweh weggezogen. Und immer mal wieder werde ich zurückkehren.

Zu dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Zu den Menschen, die das erste Drittel oder Viertel meines Lebens ständig an meiner Seite waren. Zu dem Grab, der Stätte, dem Mahnmal für einen so heftigen Einschnitt in meine Seele. Zurück zum Start werden mich die wenigen Tage daheim führen.

Plötzlich liege ich verkehrt auf der Sitzbank. Die Beine über die Rückenlehne hängend, den Rücken auf der Sitzfläche, den Kopf hinunterfallend. Es beginnt zu regnen. Und ich beobachte, wie vom blauen Boden unzählige Tropfen in den nassen Himmel fallen. Für kurze Zeit scheint die Erdanziehung abgeschaltet. Von oben herab hängen riesige Berge. Und am Himmel kreisen Autos. Und je mehr Tropfen in den Himmel fallen, desto mehr Ringe werden sichtbar.

Immer größere Kreise werden gezogen. Immer größere.