Mitten Unterm Jahr.

Die vier Zeiten des Jahres. Gestaffelt in wenigen Tagen.

Das Laub fliegt bis vor die Tür. Der Wind lässt Türen zittern. Von Sturm berichten sie, umgestürzte Bäume, abgehobene Dächer. Regen, sodass meine Jacke durchnässt ist, und mehr und mehr auf die Haare und meinen Körper übergeht. Durch den Wind erzeugte Kälte. Beinahe kommt mir das alles wie Herbst vor. Das Laub, der Wind, der Regen. Als wäre der Sommer erst vor kurzem gegangen, und der Winter auch noch fern.

Doch dort hinten sehe ich noch kleine Hügelchen. Angesammelter Schnee, fest zusammengedrückt. Manchmal kommen auch einige Schneeflocken vom Himmel, fallen auf den Boden und schmelzen unter der Belastung des minimal warmen Asphalts. Die Mütze ist noch immer in meiner Tasche, die Handschuhe noch griffbereit in meinem Zimmer. Die Schuhe wärmend, um für die aktuelle Jahreszeit vorbereitet zu sein. Den Winter, der stark an Kraft verloren hat, und möglicherweise in dieser Saison nicht mehr wirklich zurückkehren wird.

Am Grab krabbelt eine Pflanze heraus. Sieht aus wie eine Frühlingsblume, weiße Blüte, Knospen. Wächst und gedeiht, in saftig-schönen Grün. Als wären Frost und die zweimonatige Schneebelastung nichts gewesen, steht es nun stark. Zwischen all den Kerzen, Gestecken, toten Pflanzen. Diese kleine Blume wächst und wächst. Irgendwann wird die Blüte aufspringen und diese herrlich-weißen Blütenblätter zeigen sich der Öffentlichkeit. Um ihn anzukündigen. Den Frühling.

An manchen Tagen übersteigt das Thermometer auch schon mal die Fünfzehn-Grad-Grenze. Die Sonne scheint, schmilzt mehr und mehr die letzten Überreste des Schnees weg, und wärmt meinen Schreibtisch, meinen Körper und mich. Vor allem mich. Die Sonne, am wolkenlosen Himmel, dieser azurblau. Und mein Wunsch nach einem Kurzarmshirt und einer kurzen Hose. Und die Sehnsucht nach dem See und all dem. Der Sommer. Für einen kurzen Moment spüre ich die Vorboten des Sommers.

Wenn ich mich für zwei der vier Jahreszeiten entscheiden müsste, würde ich den Frühling, der für Neubeginn und all das steht, wählen und den Sommer. Weil er einfach der Sommer ist.

„“

Alles und doch so wenig. Nichts und doch so viel.

Ich sitze hier, du mir gegenüber. Der warme Tee in meiner Hand sollte meinen Magen beruhigen, doch dieser rotiert, lässt es grummeln und weiß nicht, was er mit sich selbst tun soll. So wie ich. Ich sitze hier, wie ein vierjähriges kleines Kind, das nichts zu wissen glaubt und ganz erstaunt zur großen Welt aufblickt. Kein Wort verlässt meinen trockenen Mund. Ich warte auf dich. Warte, dass du etwas sagst, dass du erzählst von deinem Leben und dem Sein und der Welt und dir. Doch auch du schweigst.

Haben wir uns denn gar nichts zu sagen. Menschen, die ich weitaus weniger kenne, sind viel einfacher zu handhaben. Mit ihnen kann man Gespräche führen, über Gott, und das Wetter, Sterne und Liebe. Bin ich irgendwann endlich mal bereit, Smalltalk zu führen, bin ich ein König in diesem Genre. Wenn einen nichts verbindet, ist es viel einfacher, eine einmalige Verbindung aufzubauen. Aber bei dir ist alles anders. Du bist anders. Bist doch auch nur ein einzelner Mensch in der unendlichen Hemisphäre. Aber es scheint, als wärst du ein ganz besonderer Stern, ein Komet, ein Meteorit. Schön zu betrachten, mit unvorstellbar zerstörerischer Wirkung.  

„Wie geht es dir?“ Ein möglicher Start für eine Konversation. Jetzt bin ich nur noch gespannt, was du antwortest. „Wie geht es dir wirklich?“ Du sammelst dein Gesicht unter deinen Handflächen, nur mehr ein Schluchzen höre ich von deiner Seite. Verdammt. Fallen mir jetzt auf die Schnelle irgendwelche nützlichen Floskeln ein. Soll ich noch Fragen hinterherwerfen? Ich weiß es nicht. Sitze nur da, und rücke immer näher zu dir. Und als ich neben dir sitze, nehme ich dich in den Arm. Du drehst dich zu mir und vergräbst dein Gesicht an meiner Schulter. Ich spüre den Fall der schweren Tränen auf meinen Körper. Du tust mir weh. Es tut mir weh, dich so zu sehen. Du klammerst dich an mich, möchtest noch minutenlang deinen Tränen freien Lauf lassen, geschützt von mir.

Irgendwann erhebst du deinen Kopf wieder. Setzt dein Kinn auf meine Schulter, und mit leicht verweinter Stimme flüsterst du mir wenige Worte ins Ohr. „Dankeschön.“ Ganz wenige, aber wunderschöne Worte. Uns ist heute nicht nach Reden zumute. Als du dich etwas gefasst hast, nehme ich dich an der Hand. Und ziehe dich hinaus, auf die Straße, auf den Weg, irgendwann setzten wir uns auf eine Parkbank. Der Wind braust durch unsere Haare, geschützt unter einem großen Ast eines Kastanienbaumes trifft uns nicht mal ein Regentropfen. Und während wir hier sitzen, beobachten wir den Sturm am See. Beobachten das Unwetter, die Verwüstung. Und während um uns herum alles übereinander einstürzt, werden wir innerlich immer ruhiger. Wer braucht schon Worte.

Feige.

Der Rückzieher.

Was würde es uns nur alle gut tun, wenn wir sehen würden, warum wir so sind, wie wir sind. Warum wir zu anderen so sind, wie wir vorgeben zu sein. Wenn wir verstehen, warum wir uns manchmal anschreien, und warum wir andererseits miteinander Träume verwirklichen möchten. Warum der eine lästig ist, wenn er nach Hause kommt, und der andere das Sorgenfänger, der Traumfänger für Sorgen ist. Was würde es uns nur gut tun. Einmal darüber zu reden, wie es wäre, Familie zu leben.

Heute, von 18 Uhr bis 20 Uhr, wäre der Termin gewesen. Es haben alle irgendwie zugesagt. Ich habe es ihnen vor einer Woche gesagt, und dann nicht mehr davon gesprochen. Viele Gedanken habe ich mir darüber gemacht. Wie es sein wird. Wer überrascht, wer erschrocken, wer desillusioniert sein wird. Und irgendwie hatte ich auch Angst. Angst vor der Wahrheit. Und Angst vor dem Erkennen jener.

Gestern der Streit mit meinem Vater, das Ausarten von hineingefressenen Frustmomenten. Heute der Anruf meiner Schwester, dass sie mit sehr starken Kopfschmerzen in ihrem Berufs-Ausbildungskurs sitzt. Denken, dass mein Vater sowieso nach dem Tag, dem Vorfall gestern, nicht mitkommen würde. Meiner Schwester sagen, dass sie sich lieber ins Bett legen soll, ich würde das schon auf nächste Woche verschieben. Fünfzehn Minuten später der Anruf meines Vaters. Wann das denn heute wäre. Es ist heute nicht. Meine Antwort.

Okay, es gibt einen guten Grund, warum wir es verschoben haben. Die Kopfschmerzen meiner Schwester. Aber trotzdem scheint genauso meine Angst mitzuspielen, die das Ganze lieber schnell verschiebt, als dass sie nach anderen Lösungsvorschlägen sucht. Und es hat mich überrascht. Nach allem, was ich meinen Vater genannt habe, fragt er mich heute doch glatt, wann denn die Familientherapie sei. Irgendetwas muss ihm also daran liegen. Irgendetwas. Mehr, als ich wahrscheinlich erkennen kann. So werde ich heute in eine normale Therapiesitzung gehen. Werde über mich reden. Und über alles mögliche. So wie immer. Unser Familienschrottplatz rotiert hingegen noch eine Woche weiter. Ohne die klitzekleinste Veränderung.

Kastanien.

Zuerst unscheinbar, dann mit Stacheln geschützt. Und schlussendlich aufgebrochen am Boden.

Eine andere Abzweigung nehmen. Vielleicht sollte ich doch wirklich mal neue Wege beschreiten. Mich etwas trauen, mir etwas zutrauen. Ich weiß nicht wohin, weiß nicht, für wie lange. Das sind sie, meine Ängste und Zweifel. Die erscheinen, während man versucht, den ersten Schritt zu machen. Manchmal stampft man umso stärker auf den neu entdeckten Pfad, um sie zu zerstreuen. Das eine Mal gelingt es, viele andere Male nicht.

Doch im Gegensatz zu all den anderen Abkürzungen veränderten Wegen scheint mir dieser beleuchtet. Ich liebe das sanfte und zarte Licht der Straßenlaternen. Aufgestellt, alle zweihundertfünfzig Meter. Tiefe Dunkelheit und die hellen Kreise am Boden. Die so weit strahlen, dass sie ihre Nachbarn beinahe berühren. Ich lehne mich an eine dieser kalten Laternen, ein Bein auf dem Eisengerüst abgewinkelt. Vielleicht sollte es ein kleines bisschen cool wirken. Doch die ganze Szenerie erinnerte mich an die Bilder, die ich von Chicago, in den dreißiger Jahren, im Kopf habe. Während der Prohibition, leere Straßen, wenige Pfützen. Ich bleibe stehen, zünde mir eine Zigarette an, und versuche mit meiner um einige Oktaven nach unten veränderten Stimme sinnvolle Selbstgespräche zu führen. Das Saxophon spielt die bekannten Klänge.

Irgendwann ist auch der letzte Zug in meiner Lunge angekommen, die Zigarette in den Straßengraben geworfen. Der Weg führt mich weiter, und da ich ja nichts von meinem Ziel wusste, hielt ich an einem Schilderwald. In alle möglichen Richtungen zeigen die Pfeile. Doch auf ihnen steht entweder nur Zurück oder einfach gar nichts. Jetzt wäre der Zeitpunkt also noch gut genug, um umzukehren. Doch mich interessiert das Unbeschriebene, das Ungewisse. Ich schreite fort, einen Fuß vor den anderen. Einen Schuh nach dem anderen. Mein Blick ist nach vorne gerichtet.

Und plötzlich ist der Boden mit Kastanien gesäumt. Kastanien, die meist unförmigen Samen der Früchte der mächtigen Bäume. Auf die ich immer zu klettern versuchte, die Schwerkraft mich aber stets nach unten zog. Damals, als ich noch klein war, unbeholfen. Ein Kind eben. Und ich folge den Kastanien. Durch die Faszination, die sie auf mich wirken lassen. Wohin es geht? Es ist doch egal. Diese Abzweigung gefällt mir. Das richtige Flair, die unzähligen Kastanien, und unzählbar viel Zeit. Und irgendwann komme ich zur Quelle. Und klettere hinauf. Diesmal habe ich es geschafft, habe den Kastanienbaum erklettert. Und blicke hinab. Und umher. Was für ein schöner Weg.

Benommen.

Erbrochen liege ich auf dem Boden und winde mich in meinem Körper.

Die Tabletten haben sich in überraschender Geschwindigkeit aufgelöst, das saure Wasser sammelt alle Moleküle zusammen. Mit wenigen Schlucken wird der fahle Geschmack einem gar nicht bewusst. Die Kopfschmerzen. Monate-, jahrelang ewige Begleiter auf allen Wegen. Irgendwann wieder einmal weg. Und plötzlich klopfen die Schmerzen wieder an. Als wären sie nie weg gewesen. Da darf es nun doch mal ein kleines bisschen überdosiert sein. Um es nicht für eine weitere Ewigkeit zu spüren.

Gerade mal wieder alles ausgekotzt. Nicht, weil es von selber kam. Sondern weil der Zeigefinger das Gaumenzäpfchen massiert hat. Die Magensäure und die nicht verdauungswürdigen Überreste des letzten Essens erschütten sich in der Kloschüssel. Tränen sammeln sich in den Augen. Leichte Atemnot, als man versucht, so gut wie alles rauszulassen. Und dann das Gesicht waschen, die Hände und die Zähne putzen. Und back to the Alltag.

Irgendwann das Gefühl, das alles wieder funktioniert. Dass man mit dem fortsetzen kann, womit man aufgehört hat. Auf dem Balkon stehen und den Zigarettenrauch inhalieren. Plötzlich wieder Kopschmerzen und ein beunruhigendes Schwindelgefühl. Sich auf die schwarze Couch setzen, den Sonnenuntergang beobachten. Wunderschönes Rot und doch kommt mir alles so anders vor. Die Empfindungen lassen nach oder sind verfälscht.

Und so legt man sich irgendwann einmal wieder nieder. Schließt die Augen und fühlt sich überraschend heiß. Die Stirn kocht scheinbar. Man atmet schwerer, und der Reiz des Hustens lastet einen vollkommen aus. So einzuschlafen ist schwer, und selbst wenn Schlafen, die beste Medizin ist, ganz gesund wird man nicht. Irgendwie wird man nie ganz gesund. Irgendwie nie.

Sterne.

Looking above.

Der Asphalt wärmt. Es ist mitten im Sommer. Wir liegen auf diese einen dunkelblauen Decke, eingewickelt in unsere Pullover und Jacken. Rund um uns herum ist es dunkel, das Rauschen des Baches durchbricht die Stille. „Siehst du den großen Wagen? Dort!“ „Ja, ich seh ihn.“ Den Blick gemeinsam senkrecht nach oben lenken. „Und das“, sage ich, „ist unser Stern. Siehst du? Und wenn du einmal zuhause bist, und an mich denken möchtest, dann kannst du dich auf den Balkon sitzen und unseren Stern suchen. Du weißt schon.“ Sie lächelt und kuschelt sich näher an mich. Die Sterne.

Jetzt bleibe ich liegen. Schaue immer noch gegen den Himmel. Der Himmel, er leuchtet. Und dort sind sie alle. Alle Menschen, die mir etwas bedeutet haben. Und die mir auch jetzt noch etwas bedeuten. Verewigt in Sternen. Ich strecke die Hand aus. Mit dem Zeigefinger möchte ich einen von euch berühren. Um eins mit dir zu werden. Und irgendetwas kitzelt mich an der Spitze des Fingers. Ich zucke zurück. Und irgendwie fühle ich, dass ihr mir noch nie so nah wart wie jetzt. Obwohl es kräftig abgekühlt hat. Ich fühle mich warm. Geborgen. Obwohl ich Angst im Dunkeln habe. Ich fühle mich sicher. Bei euch. Und für genau solche Momente lohnt es sich, in meine Haut zu schlüpfen.

the places you’ve come to fear the most // erstes buchprojekt

Sterne haben eine ungewöhnliche Macht. Blickt man zu ihnen hoch, verliert man langsam den Halt. Muss sich irgendwo fest halten, um nicht umzufallen. Weil sie plötzlich das Endliche unendlich machen. Sie zeigen, wie sinnlos Zeitmessung ist. Schon vor Jahrtausenden gestorben, leuchten sie noch immer. Der Strahl erreicht erst jetzt uns. Wie oft schon saß ich auf der Fensterbank, blickte hinaus. Und konnte minutenlang nur in dieses Meer aus leuchtenden Pünktchen sehen.

Sterne haben für mich eine Bedeutung. Mir scheint, als wäre das der Platz, an dem man alle Menschen, die nicht gerade um einen herum sind, erreichen kann. Menschen, die verstorben sind, aus dem Leben verschwunden oder einfach nicht da. Dort oben, am Himmelsfirst finden sie sich. Sind immer erreichbar. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ich bin beunruhigt, wenn Wolken versuchen sich davor zu schieben, oder wenn die Nacht einfach sternenklar ist.

Manchmal verglühen sie auch. Und sind weg. Weg aus der Erinnerung, weg aus der unzähligen Schar. Weil sie es vielleicht nicht verdient haben. Aber Menschen, gegen die ich keine Abneigung habe, von denen ich einfach nur Abstand wünsche, bleiben dort. Um irgendwann wieder einmal heller zu leuchten oder als Sternschnuppe zu enden.

Sterne sind für mich in jeder Beziehung eine wunderbare Sache. Ich könnte mit jemanden stundenlang hinaufblicken, ohne ein Wort zu sprechen. Nur betrachten und warten. Und das Leben, die Wolken und alles vorbeiziehen lassen. Die Sterne bleiben. Zumindest für eine beachtliche Zeit. Danke, dass es euch gibt, liebe Leuchtkörper da oben. Vielen Dank.

Rêves.

Als ich aufwache, bemerke ich, dass ich mich in einem Traum befinde.

Gedanken nach eineinhalb Stunden Film. La Science de Rêves. Die Wissenschaft der Träume. Langsam überkommt mich der Eindruck, dass der Film noch tiefsinniger zu sein scheint, als man es schon beim ersten Mal ansehen vermutet. Ein großartiger Streifen, gewohnt beeindruckende Arbeit eines Michel Gondry. Leichtes Verwundern über das Ende, den Cliffhanger ohne Auflösung, den Gedankensalat nach einem Buchstabensalat, den man erst, Szene für Szene, Buchstabe für Buchstabe sortieren muss.

Ich bin es mir schon Leid, stets von Träumen zu reden. Nein, nicht diese Tag-/Nachtträume. Die Träume, die das weitere Leben bestimmen sollen. Es sind keine Träume. Es sind fixe Pläne und weiche ich oder das Leben auch nur minimal davon ab, ohne mich zuvor davon in Kenntnis zu setzen, stehe ich vor unvollendeten Tatsachen und der Unmöglichkeit so weiterzuarbeiten. Dann kommt alles in diese Box, die alle Ideen sammelt. Vielleicht werden sie irgendwann einmal wieder aufgegriffen, wenn die Zeit bereit und ich etwas erfahrener bin. Ich habe Träume. Ja, sie hören sich utopisch an, aber sie sind zu meistern. Mit Enthusiasmus und Engagement. Aber das sind eben Träume, hinter die man ein Häkchen machen kann. Und dann sind sie so gut wie erledigt.

Nein, heute möchte ich von Träumen schreiben, die nicht so einfach erledigt sind.

Hi, and welcome back to another episode of „Télévision Educative“. Tonight, I’ll show you how dreams are prepared. People think it’s a very simple and easy process but it’s a bit more complicated than that. As you can see, a very delicate combination of complex ingredients is the key. First, we put in some random thoughts. And then, we add a little bit of reminiscences of the day… mixed with some memories from the past.

That’s for two people. Love, friendships, relationships… and all those „ships“, together with songs you heard during the day, things you saw, and also, uh… personal… Okay, I think it’s one.

Stéphane in The Science of Sleep

Meinen ersten Kuss erlebte ich im Traum. Von einem wunderschönen blonden Mädchen. Ich habe sie nie in meinem ganzen Leben gesehen. Ihre Schönheit und ihr Auftreten, ihre inneren wie auch ihre äußeren Werte sind vielleicht das, was ich die ganze Zeit suche. Interessante Umstände unseres Aufeinandertreffens. Der Moment. Das Aufwachen. Mit einem Lächeln. Einem Lächeln, wie ich es an einem Morgen sonst nie gewohnt bin. Freude über das Geschehene, Überlegen für ein Wiedersehen, Realisieren der Realität, Ernüchterung. Und der ständige Gedanke an sie. Und Stunde für Stunde, Tag für Tag und jetzt schon Jahre für Jahre sind nur mehr Umrisse erkennbar.

Aufarbeitung des Vortages. Manchmal schweißgebadet aufwachen, aus der Traumwelt entweichen, die mir eine Welt vorstellte, die so surreal und doch so möglich wäre. Extremsituationen. Und ich mittendrin, im Alltag des Grauens, meinem Leben in Angst. Ebenfalls wieder lange darüber nachdenken und erst durch das Schreiben oder Reden wieder zur Fassung kommen. Sexuelle Träume mit (weiblichen) Freunden haben, und anschließend aufwachen, sich fragen, wie es dazu kommen konnte. Warum diese Person in solch einem Traum auftaucht. Manchmal nicht begreifen, manchmal schon.

An manchen aufeinanderfolgenden Tagen überhaupt keine Erinnerung. Man träumt ja jede Nacht. Aber mir fehlt am nächsten Morgen die Erinnerung. Und ist sie einmal da, verblasst sie unglaublich schnell. Und auf eine Verarbeitung des Geschehenen warten, hoffen, dass der Traum die Antwort auf dem Tablett serviert. Und hoffen, dass Menschen, die man verloren hat, egal auf welche Art und Weise, sich noch einmal melden. Und irgendwann, wenn man es am Wenigsten erwartet, klopft diese Person an. Meldet sich und beruhigt.

Träume haben die Macht, die Psyche des Menschen in all seinen Grundfesten zu erschüttern. Sie tragen einen durchs Leben. Geben dem darauffolgenden Tag genug Gedanken von der vorhergegangenen Nacht. Lassen einem spüren, wie es ist, wie es sein könnte. Und manchmal spürt man auch die Wärme von Menschen, die Liebe zu diesen, die Freude darüber, sie wieder einmal zu sehen.

In dreams, emotions are overwhelming.

Stéphane

Ich würde nie von mir verlangen, selbst in meinen Träumen mitzubestimmen, wie sie verlaufen sollen. Da lasse ich der Eingebung und dem Gefühl, den Gedanken und dem Leben freie Hand. Sie sollen entscheiden, mit was sie mich konfrontieren. Sollen überlegen, womit sie mich fertigmachen, und wie sie mich wieder aufbauen. Ich liebe Träume. Träume. Und Sterne.

Dahinter.

„Sieh mal da nach. Vielleicht findest du dort etwas.“

Wo ist es hin. Tagelang suche ich es schon. Unauffindbar. Langsam nähere ich mich dem Punkt, an dem ich es aufgebe, zu suchen, und darauf warte, es irgendwann wieder zu finden. Aufzuspüren aus reinem Zufall. Zufälle sind sowieso die Spontanität des Schicksals. Und sie gefallen, denn das sind die meist wunderbaren nicht absehbaren Wendungen in einem Leben. Bekanntschaften oder eben Funde, mit denen man nicht gerechnet hat. Ich knie mich nieder und blicke noch einmal unter meinem Bett nach, doch auch dort findet sich fast nichts. Nur Socken und eine Flasche Mineralwasser. Doch ich suche etwas anderes.

Vollkommen überrascht blicke ich auf. „Nein. Ich helfe dir nicht suchen. Ich bin nur da, um dir etwas Gesellschaft zu leisten.“ Enttäuscht, lasse ich den Blick wieder sinken und lege mich einfach mal flach auf den Boden. Blicke in alle Seiten meines Zimmers, in alle Ecken und alle Furchen der Wände. Ich gebe auf und senke meinen Kopf, noch tiefer als er jetzt schon liegt. Schließe die Augen.

„Ist es nicht überraschend, wie schnell so etwas verloren geht?“, fragst du mich. Ich nicke. Bis vor kurzem war es doch noch da. Jetzt scheint es für immer verloren und doch wage ich die Suche nicht entgültig aufzugeben. „Weißt du noch, wo du es zuletzt gesehen hast?“ – „Ja.“ Nie könnte ich es vergessen, weckte es doch die schönsten Gefühle in mir. Ich liebte die Momente als es noch bei mir war. Einzigartig und doch anders. „Aber du weißt doch, dass es irgendwann gehen musste.“, versuchst du mich davon zu überzeugen. Aber ich lasse mir nicht gerne etwas einreden. Es musste nicht. Es hätte auch bleiben können.

„Aber jetzt ist es weg.“, wirkst du penetrant auf mich ein. „Aber nicht für immer. Nicht für immer.“, weiche ich dir aus. Irgendwo muss es doch noch sein. Als ich mich erhebe und einige Schritte herumgehe habe ich es wieder ganz klar vor meinen Augen. Mich überkommt eine Gänsehaut. „Aber so gib doch auf.“ Nein. Ich schüttele den Kopf, lege mich aber trotzdem etwas geschafft in mein Bett und denke nach. Deine Anwesenheit ist zwar störend, wegen deiner ständig eingeworfenen Worte, doch nicht unangenehm.

Es kann doch nicht für immer verloren gegangen sein. Erst gestern noch wurde ich durch einen Traum wieder darauf hingeführt. Wo ist das Gefühl des vollkommenen Schmerzes. Ein Lächeln und eine banale Traumbegebenheit zeigte mir, dass es ihm gut geht. Ich fühlte mich gut, heute morgen, als ich die nächtliche Eingebung begriffen hatte. Wo ist sie hin, diese wunderbare Stille und das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Familie. Wo ist alles hin, was mir nach allem doch noch etwas Hoffnung und Erwartungen schenkte. Wo ist sie, die Trauer und all das? „Dahinter.“, sagst du und zeigst auf die bröckelnde Fassade. „Sie mal da nach. Vielleicht findest du dort etwas.“

Und plötzlich spüre ich es wieder. Es ist noch irgendwo. Nur eben nicht mehr an der Oberfläche. Etwas dahinter. Und als ich meine Augen schließe und die Decke in meinem Bett mir Wärme schenkt, denke ich mir, dass sie dort auch gut aufgehoben ist. Wenn es ist, kommt sie vielleicht mal wieder zurück. Aber jetzt kann sie ruhig da bleiben, wo sie gerade ist.

Let It Be.

Standing right in front of me.

Stille. Kopfschwangerer Gedankenballast. Überaschende Sprachlosigkeit. Wie ich mich fühle? Wie ein Sack Kartoffel, von allen Seiten getreten, geschlagen und geprügelt. Wie ein alter, großer Baum, angepisst und mit vielen offenen Wunden. Und jeder wartet nur darauf, bis ich morsch werde und zerbrösele, zu Staub werde und sie mich abtransportieren können.

„Es ist mir egal.“, sage ich, „Egal, was die Anderen denken.“ Vollkommen überzeugt hat mich diese Aussage nicht. Und plötzlich bemerke ich einen Menschen. Und bemerke, dass es mir nicht egal ist. Obwohl gerade dieser Mensch nichts in meinem Leben zu suchen hat. Und so folge ich den Spuren der Zeit, und wende mich ab. Und halte doch immer Ausschau. Und denke nach, wie ich reagieren werde, als wäre Spontanität ein vollkommenes Fremdwort für mich.

Minuten, gelehnt an die Wand, den Kopf abgestützt. Ich bin froh, dass wir uns lange nicht mehr sehen müssen, bin froh, dass das gezielte Über-den-Weg-Laufen ein Ende hat. Vielleicht erst wieder in einem Jahr oder so. Ich möchte nicht die ganze Spontanität, den ganzen Ehrgeiz, das ganze Lebendige aus meinem Körper schwinden sehen. Nicht wegen dieser Person.

Lass es sein, Dominik. Lass die Gedanken Gedanken sein. Fühle deine Gefühle und bemerke, dass nur wieder ein Schaf gerade mehr Aufmerksamkeit braucht. Irgendwann geht es ihm wieder besser und ich stelle es zurück in die Herde. Es ist nicht falsch, zu empfinden. Es wäre nur falsch, den Empfindungen blind zu folgen. Und würde diese Person morgen vor dir stehen, vielleicht würdest du da schon wissen was du machen sollst. Einfach umdrehen und weggehen, vielleicht. Aber nenne deinen Gedankenballast nicht lächerlich, er ist. Und das ist gut so.

Ich will dich nicht mehr sehen. Nie mehr. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich wieder dazu bereit bin. Erst dann wieder. Und vielleicht kommt der Zeitpunkt auch gar nie. Es wäre falsch, zu sagen, alles war scheiße. Es war schön, dich kennengelernt zu haben, unsere Zeit war schön. Doch sie ist vorbei.

Dominik. Let it be.

Selig.

Selig sind die Verkümmerten. Die dem Leben blind folgen und ihre Träume links liegen lassen. Heilig sind wir.

Wenn man uns so betrachtet, könnte man gar nicht glauben, dass wir so viel anders sind als die anderen. Wir sehen beinahe normal aus, haben eben unsere eigenen leicht außergewöhnlichen Ticks. Unsere entfernt genialen Spleens und so. Wie sie eben jeder hat. Aber wir sind doch nicht jene, die sich alles gefallen lassen. Wir sind Gefühlsmenschen. Nicht so wie ihr.

Wir zerbrechen an so manchem Menschen, können nicht hassen und verlieren viel zu oft den Mut. Trauen uns nicht, ehrlich zu uns selbst zu sein, und haben Probleme mit der Realität. Wir sind vernarrt und kennen kein Zurück. Treten einen Schritt nach vor, und zwei oder drei in die andere Richtung. Und es ist uns egal. Wir spüren wenigstens unsere Fortbewegung. Und wenn es zu lange in die falsche Richtung geht, laufen wir einfach rückwärts los.

Küsschen links, Küsschen rechts. Eine nette Begrüßung. Diese Menschen, die ich vielleicht einmal gesehen habe, deren Hand ich halte, während unsere Lippen unsere Wangen berühren. Körperkontakt höchst unerwünscht. Ich hasse diese Menschen, die glauben, so einen Menschen besser kennenlernen zu können. Maximal die Hand würde ich euch geben, um zu zeigen, dass mir ein kleiner Haufen Höflichkeit angeboren ist. Und dann würde der Smalltalk beginnen, und nach einem kleinen „Und was machst du jetzt so?“ würde ich abzsichen und mich nicht mehr blicken lassen. Du willst nichts über mich erfahren und ich über dich auch nicht.

Und so werden wir durch die Welt eilen, an den verschiedensten Stationen der Verstörtheit vorbei und werden die Welt mit unseren eigenen Augen kennenlernen. Werden den Menschen, denen wir begegnen einen Teil von uns zurücklassen, sofern wir es wollen. Und wenn wir wieder einmal in das Gesicht von Menschen sehen, die uns Schmerzen zufüg(t)en, dann werden wir weiter laufen. Um mehr von unserem Leben zu spüren, als von unseren Schmerzen. Anstatt zu humpeln werden wir immer schneller laufen und irgendwann einmal abheben.

Ihr seid Mainstream. Wir sind Mainstream. Aber bedingungsloses Strom-Schwimmen birgt Gefahren mit sich. Ihr werdet schon sehen. Auch wenn ihr sonst noch was von uns haltet, wir halten genauso wenig von euch. Ihr werdet schon sehen. Ich sage es euch nur. Denn wir werden ewig leben.