Manchmal.

 

GutBöseJaNeinAnAus.

Manchmal, wenn ich dir in die Augen sehe, frage ich mich, ob sie vielleich wirklich golden sind und nicht nur braun. Manchmal frage ich mich, ob das auch der Grund dafür ist, weshalb es dir so selten gelingt, mir in die Augen zu sehen, wenn ich dir nahe bin und weshalb du sie dennoch nicht zumachst, wenn du mich küsst. Ich frage mich, ob ich dich schön finde, weil du hässlich bist, ob ich mich nur danach sehne, von dir umarmt zu werden, weil mir kalt ist und ob ich dich nur deshalb in den Arm nehmen will, weil du kalt bist.

Manchmal frage ich mich, ob ich die Dunkelheit nur deshalb hasse, weil du sie liebst und ob die sie nur liebst, weil sie so dunkel ist und ich so hell. Und ich frage mich, ob ich nur so viel weine, wiel du es nicht tust, ob ich so wenige Worte habe, weil du sie im Überfluss besitzt, weshalb ich es fürchte von dir gefragt zu werden, wie es mir geht und ob ich es nur deshalb fürchte, weil ich weiß, dass du nur die Wahrheit akzeptierst, weil deine eigenen Antworten niemals wahr sind.

Manchmal frage ich mich, ob du mich wirklich so wahnsinnig und über alles liebst, wie du immer behauptest und ob ich dich nicht im Grunde nur liebe, weil du es nicht tust. Ich frage mich manchmal, warum du der einzige Mensch bist, der mich berühren darf, ohne dass ich zurückzucke und ob das daran liegt, dass ich fürchte, alle anderen könnten mich zerbrechen. Und dann frage ich mich, weshalb ich mir so sicher bin, dass du mich nicht zerbrechen wirst und ob es daran liegt, dass du selbst schon zu oft und in viel zu kleine Scherben zerbrochen wurdest. Ja, und dann frage ich mich, ob ich es sein soll, der dich mühsam wieder zusammensetzt und ob du zulassen wirst, dass deine Augen extra für mich wieder ein klein wenig golden schimmern.

Diesen Text hat Leah Spitzenpfeil vor gut zwei Jahren an den Literaturwettbewerb Sprichcode gesandt. Seit damals, seit er in der Zeitung abgedruckt wurde, trage ich ihn irgendwo an mir herum. Er gefällt mir unglaublich. Vielen Dank, Leah, für diesen wunderschönen, nachdenklich stimmenden Text.

Hurt.

Es tut weh. Nicht einfach so. Es tut irgendwie anders weh.

Gefangen in der Unendlichkeit des begrenzten menschlichen Seins. Langsam setze ich den Gedankenlauf fort, finde mich an Orten wieder, die ich zu begehen mir nie zutrauen würde. Sanft entflieht der kalte Atem aus meinen Lungen, kämpft sich durch die Nase hinaus. „Was ist nur los. Mit mir.“

Die Sonne scheint, schmilzt schön langsam den kargen Rest von Schnee weg und lässt ihn versickern. In den Kanal hinein zieht es die Flüssigkeit, die sich, mit Schotter und Dreck vermengt, einige Wochen gehalten hat. Das durchsichtige Nichtstun, die Belanglosigkeit, einfach nichts tun und der Routine folgen. Warum hasse ich diese Routine so dermaßen. Finde mich nicht zurecht in einem geregelten Umfeld, nachdem ich mich schon so lange sehne. Warum möchte ich einfach mal an meinem Kassettendeck auf die Pause-Taste drücken um alles anzuhalten. Mich niederlegen aus die Straße, zwischen all den aufgehaltenen Autos. Mir die Seele aus dem Leib schreien, ohne überraschte und wertende Blicke von den erstarrten Menschen in meiner Umgebung erwarten zu müssen.

Doch leider gibt es keine Universalfernbedienung für das Leben, keine Pausetaste zum Anhalten. Alles setzt sich fort, nimmt seinen Lauf. Ohne nach Interesse oder Erlaubnis zu fragen. Es passiert einfach und passiert. Passiert immer und immer wieder. Was hat sich verändert. Nichts, rein gar nichts. Immer noch bin ich der kleine Junge, immer noch der junge Mann. Mehr nicht. Und doch rotiert alles. Die Welt dreht sich um die eigene Achse, aus Tag wird Nacht wird Tag. Und die Schambereichsgesellschaft, in der wir leben, saugt alles auf. Wie gefräßige Schwämme, die nur dann richtig leben können, wenn sie jeden Scheiß in sich haben. Immer nur nicken und in ihrer Prüdheit verstumpfen und versumpfen. Verdammte Rotation. Verdammte Fortsetzungscharakter des Lebens. Teil eins. Teil zwei. Teil zwanzig. Fast ohne Übergangsschwierigkeit, der sofortige Anschluss, kein Ende in Sicht. Schlechte Slapstick-Melodramatik. Mehr nicht. Und keine Möglichkeit um- oder auszuschalten.

Der Schmerz ist immer noch da. Macht keine Anzeichen, sich bald wegzubewegen. Er bleibt und wird a part of me. Ein Teilchen des Ganzen. Er fühlt sich komisch an, nicht gut. Okay, zugegeben, kaum ein Schmerz fühlt sich ernsthaft gut an. Aber es ist so anders. So unterschiedlich. Man kann ihn nicht mit einem Pflaster eindämmen, mit einer Tablette abtöten. Er ist da. Geht irgendwann wieder. Und kommt auch unangekündigt zurück. Und es tut weh. So verdammt beschissen weh.

Was ist es? Der Zweifel an mir Selbst. Die schnelle Weiterentwicklung meines Ichs. Meine Art, wie ich bin, wer ich sein möchte. Ich weiß es nicht.

Don’t Be Cruel.


Das Messer liegt doch einfach nur so rum. Du brauchst es nicht nehmen und es mir mit voller Wucht in das Herz rammen, sodass einige Rippen lädiert werden und mein Lebensmuskel irgendwann zu schlagen aufhört. Das hast du nicht nötig.

Es reicht schon, wenn du mir mit deinen Worten einen solchen Schmerz zufügst, dass er mich einknicken lässt. Dass meine Beine die Kraft verlieren, einen Menschen wie mich zu tragen. Worte, die sich ins Gehirn einfressen und es sich dort gemütlich machen. Worte, die in ihrer Gewaltigkeit nicht mehr zurückzunehmen sind. Worte, die einfach nur weh tun. Es reicht schon wenn du es dabei belassen würdest.

Du brauchst nicht auch noch auf mich einschlagen, mit der geballten Faust in mein Gesicht. Brauchst nicht auch noch deine Körperkraft beanspruchen, um meine eigene zu schwächen. Brauchst nicht Hämatome an mir verursachen, die mein Gesicht und meinen Körper wie bunte Farbenkleckse erscheinen lassen. Du musst nicht unbedingt deine Fingernägel in meinen Körper rammen, Haut- und Fleischfetzen herauskratzen, sodass Blut an diesen Stellen hervortritt.

Nicht einmal das Verfolgen in Traum und Realität wäre nicht unbedingt nötig. Dass du mir Angst machst, wenn ich dich sehe und ich nach Unterschlupf suche, weil ich dir nicht auf meinen täglichen Wegen begegnen möchte. Überall bist du und ich bin nichts. Das gibst du mir jedes Mal zu spüren. Ich möchte dich nicht spüren, möchte dich nicht sehen. Aber es reicht nicht.

Nimm doch einfach dieses Messer. Das geht schnell. Und ist vielleicht kurz mal schmerzvoll. Irgendwann verlässt aber auch dieser Schmerz meinen Körper, und flieht wie die gesamte Lebenskraft. Um nicht in einem solchen Körper gefangen zu sein. Nimm das Messer. Du kannst nichts dafür. Kannst nichts dafür. Nichts dafür, dass du einfach. Bist.

//Bitte beachte: Rein fiktional. An keinen Menschen gerichtet. Nur Gedanken. Dankeschön.

I’m Sorry.

Irgendwann kommt man an den Punkt an, an dem man nur mehr zwei Worte zwischen den blutunterlaufenen Lippen hervorpressen kann.

„Irgendetwas hier läuft so richtig falsch auf dieser Welt.“ – „Pscht.“ Ich versuche mit einsilbrigen Worten meine innere Stimme zu unterbinden. Doch es nützt nicht wirklich. „Du musst doch einsehen, was hier gerade so abläuft, das ist doch hinrissig, vollkommen bescheuert und abnormal.“ Ich schließe die Augen, hoffe auf Ruhe in meinem Kopf und atme langsam und unaufhaltsam ein. Und aus. „Menschen töten. Töten jemand anderen, töten sich, töten Gefühle, töten Gedanken.“ – „Ach, halt doch einfach nur deine Klappe“, schreie ich sie an.

Was ist das nur für ein Gefühl Wenn man noch Wochen der Hoffnung und des Glaubens an die Sache plötzlich begreift, dass alles nur vollkommen kindisch und unangebracht war. Dass ich mit dem heutigen Wissensstand alles anders machen würde. Dassman dadurch noch mehr zerstört hat, als was man eigentlich beabsichtigt hat. Wenn man soweit ist, die Realität zu akzeptieren und Gefühle wie von alleine verschwinden. Als der Zug einer Zigarette nicht nach sieben Sekunden das Glücksgefühl in den Kopf sendet, sondern: „Es ist Schluss.“ Und die Wucht dieser Erfahrung, dieser Information, die schon vor fast neun Monaten an meine Ohren geknallt wurde, sich plötzlich ins Gehirn und ins Herz eingefressen hat. Wenn man leicht überrascht die Augen schließt, nickt, an der Zigarette anzieht und wiederholt. „Es ist Schluss.“

Dann ist man endlich an diesem Punkt angekommen, an dem einen alles Leid tut, was man falsch gemacht hat. Wie gefühlskalt man einige Dinge geschehen hat lassen, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Und man presst die Lippen zusammen, Gedanken schießen in einen Kopf und obwohl man komplett alleine in diesem Raum ist, bleibt nur eines übrig. Ein leises „Entschuldigung.“ Entschuldigung für all das, was schief gelaufen ist, was ich erzwingen wollte, obwohl es sinnlos war. Für all das, was ich zerstört habe, und für alles, was ich schon zum Einsturz gebracht habe, bevor es erbaut wurde. Entschuldigung für meine Penetranz und für meinen kindlichen Leichtsinn. Entschuldigung für meine Inkompatiblität in Dingen Liebe und so. Entschludigung für manche Momente, die unser beiden Leben zu einem Horror hat werden lassen. Entschludigung für meinen Wahn und meine Traumvorstellung von Leben und allem. Einfach nur. Entschuldigung.

Ich kann nicht erwarten, dass man sie annimmt. Zu viel ist passiert. Zu viel wurde schon zerstört, kaputt gemacht durch meine Idiotie. Vielleicht kommt mal wieder was. Vielleicht. Aber ich kann einfach nicht mehr sagen, als ein einfaches und ehrlich gemeintes Sorry.

Thrown Away.

Warum werfe ich mich nicht einfach weg. Denn wo ist er, der Sinn?

Es wäre so einfach. So entscheidend. Einfach nur die vollkommene Selbstaufgabe, die Lösung für alles. Um nicht mehr dieses Pack aus Idiotie mit mir herumzutragen. Um zu flüchten, vor den Gedanken und den Gefühlen, den Ängsten und den Hoffnungen. Um nichts mehr zu spüren. Um nichts mehr zu sehen. Um nicht mehr zu sein. Alles wäre belanglos und ich wäre nicht.

Weinen würden sie, an meinem Grab, würden Kerzen aufstellen und Gestecke einkaufen. Würden über mich nachdenken, ständig Bilder von mir ansehen, würden an mich denken und von einem wunderbaren Menschen sprechen. Würden zum Alltag zurückkehren und immer mal wieder an mich denken. Aber es würde auch ohne mich gehen. Ich wäre dann Geschichte, und das Leben wär die Gegenwart. Oder das nahe Futur. Mehr nicht. Mein Leben wäre nichtssagend, irgendwann einmal am Ende angekommen.

Zurücklassen würde Texte über Liebe und Hoffnung, und Wut, und Leben, und Angst. Geschichten über mich und euch und über Träume und Gedanken. Tagebücher voll Verliebtheiten und Abstand. Worte, aneinandergereiht in oft unverständlicher Folge. Manchmal minutiöse Erklärung des Lebens. Schon längst gegangen wären die Träume, die mich bis zu diesem Zeitpunkt am Leben hielten. Sie waren Teil von mir, vielleicht mal aufgeschrieben, aber nur in meinem Kopf vollkommen ausformuliert. Sie würden untergehen. Mit mir.

Werfe mich weg. Wie ein Stück Müll, eine Bananenscheibe, einen Zigarettenstummel. Weil man nichts mehr anzufangen weiß mit sich. Als hätte alles keinen Sinn. Man sieht ihn nicht in der Arbeit, der Routine, in allem was man tut, und tut es trotzdem, weil es zu den Pflichten gehört, und sowieso irgendwann vorbei sind wird. Irgendwann wird definitiv alles vorbei sein. Irgendwann. Ich muss jetzt nur aufpassen, mich nicht schon vorher wegzuwerfen.

//Verdammter Arbeitstag.

Mitten Unterm Jahr.

Die vier Zeiten des Jahres. Gestaffelt in wenigen Tagen.

Das Laub fliegt bis vor die Tür. Der Wind lässt Türen zittern. Von Sturm berichten sie, umgestürzte Bäume, abgehobene Dächer. Regen, sodass meine Jacke durchnässt ist, und mehr und mehr auf die Haare und meinen Körper übergeht. Durch den Wind erzeugte Kälte. Beinahe kommt mir das alles wie Herbst vor. Das Laub, der Wind, der Regen. Als wäre der Sommer erst vor kurzem gegangen, und der Winter auch noch fern.

Doch dort hinten sehe ich noch kleine Hügelchen. Angesammelter Schnee, fest zusammengedrückt. Manchmal kommen auch einige Schneeflocken vom Himmel, fallen auf den Boden und schmelzen unter der Belastung des minimal warmen Asphalts. Die Mütze ist noch immer in meiner Tasche, die Handschuhe noch griffbereit in meinem Zimmer. Die Schuhe wärmend, um für die aktuelle Jahreszeit vorbereitet zu sein. Den Winter, der stark an Kraft verloren hat, und möglicherweise in dieser Saison nicht mehr wirklich zurückkehren wird.

Am Grab krabbelt eine Pflanze heraus. Sieht aus wie eine Frühlingsblume, weiße Blüte, Knospen. Wächst und gedeiht, in saftig-schönen Grün. Als wären Frost und die zweimonatige Schneebelastung nichts gewesen, steht es nun stark. Zwischen all den Kerzen, Gestecken, toten Pflanzen. Diese kleine Blume wächst und wächst. Irgendwann wird die Blüte aufspringen und diese herrlich-weißen Blütenblätter zeigen sich der Öffentlichkeit. Um ihn anzukündigen. Den Frühling.

An manchen Tagen übersteigt das Thermometer auch schon mal die Fünfzehn-Grad-Grenze. Die Sonne scheint, schmilzt mehr und mehr die letzten Überreste des Schnees weg, und wärmt meinen Schreibtisch, meinen Körper und mich. Vor allem mich. Die Sonne, am wolkenlosen Himmel, dieser azurblau. Und mein Wunsch nach einem Kurzarmshirt und einer kurzen Hose. Und die Sehnsucht nach dem See und all dem. Der Sommer. Für einen kurzen Moment spüre ich die Vorboten des Sommers.

Wenn ich mich für zwei der vier Jahreszeiten entscheiden müsste, würde ich den Frühling, der für Neubeginn und all das steht, wählen und den Sommer. Weil er einfach der Sommer ist.

„“

Alles und doch so wenig. Nichts und doch so viel.

Ich sitze hier, du mir gegenüber. Der warme Tee in meiner Hand sollte meinen Magen beruhigen, doch dieser rotiert, lässt es grummeln und weiß nicht, was er mit sich selbst tun soll. So wie ich. Ich sitze hier, wie ein vierjähriges kleines Kind, das nichts zu wissen glaubt und ganz erstaunt zur großen Welt aufblickt. Kein Wort verlässt meinen trockenen Mund. Ich warte auf dich. Warte, dass du etwas sagst, dass du erzählst von deinem Leben und dem Sein und der Welt und dir. Doch auch du schweigst.

Haben wir uns denn gar nichts zu sagen. Menschen, die ich weitaus weniger kenne, sind viel einfacher zu handhaben. Mit ihnen kann man Gespräche führen, über Gott, und das Wetter, Sterne und Liebe. Bin ich irgendwann endlich mal bereit, Smalltalk zu führen, bin ich ein König in diesem Genre. Wenn einen nichts verbindet, ist es viel einfacher, eine einmalige Verbindung aufzubauen. Aber bei dir ist alles anders. Du bist anders. Bist doch auch nur ein einzelner Mensch in der unendlichen Hemisphäre. Aber es scheint, als wärst du ein ganz besonderer Stern, ein Komet, ein Meteorit. Schön zu betrachten, mit unvorstellbar zerstörerischer Wirkung.  

„Wie geht es dir?“ Ein möglicher Start für eine Konversation. Jetzt bin ich nur noch gespannt, was du antwortest. „Wie geht es dir wirklich?“ Du sammelst dein Gesicht unter deinen Handflächen, nur mehr ein Schluchzen höre ich von deiner Seite. Verdammt. Fallen mir jetzt auf die Schnelle irgendwelche nützlichen Floskeln ein. Soll ich noch Fragen hinterherwerfen? Ich weiß es nicht. Sitze nur da, und rücke immer näher zu dir. Und als ich neben dir sitze, nehme ich dich in den Arm. Du drehst dich zu mir und vergräbst dein Gesicht an meiner Schulter. Ich spüre den Fall der schweren Tränen auf meinen Körper. Du tust mir weh. Es tut mir weh, dich so zu sehen. Du klammerst dich an mich, möchtest noch minutenlang deinen Tränen freien Lauf lassen, geschützt von mir.

Irgendwann erhebst du deinen Kopf wieder. Setzt dein Kinn auf meine Schulter, und mit leicht verweinter Stimme flüsterst du mir wenige Worte ins Ohr. „Dankeschön.“ Ganz wenige, aber wunderschöne Worte. Uns ist heute nicht nach Reden zumute. Als du dich etwas gefasst hast, nehme ich dich an der Hand. Und ziehe dich hinaus, auf die Straße, auf den Weg, irgendwann setzten wir uns auf eine Parkbank. Der Wind braust durch unsere Haare, geschützt unter einem großen Ast eines Kastanienbaumes trifft uns nicht mal ein Regentropfen. Und während wir hier sitzen, beobachten wir den Sturm am See. Beobachten das Unwetter, die Verwüstung. Und während um uns herum alles übereinander einstürzt, werden wir innerlich immer ruhiger. Wer braucht schon Worte.

Kastanien.

Zuerst unscheinbar, dann mit Stacheln geschützt. Und schlussendlich aufgebrochen am Boden.

Eine andere Abzweigung nehmen. Vielleicht sollte ich doch wirklich mal neue Wege beschreiten. Mich etwas trauen, mir etwas zutrauen. Ich weiß nicht wohin, weiß nicht, für wie lange. Das sind sie, meine Ängste und Zweifel. Die erscheinen, während man versucht, den ersten Schritt zu machen. Manchmal stampft man umso stärker auf den neu entdeckten Pfad, um sie zu zerstreuen. Das eine Mal gelingt es, viele andere Male nicht.

Doch im Gegensatz zu all den anderen Abkürzungen veränderten Wegen scheint mir dieser beleuchtet. Ich liebe das sanfte und zarte Licht der Straßenlaternen. Aufgestellt, alle zweihundertfünfzig Meter. Tiefe Dunkelheit und die hellen Kreise am Boden. Die so weit strahlen, dass sie ihre Nachbarn beinahe berühren. Ich lehne mich an eine dieser kalten Laternen, ein Bein auf dem Eisengerüst abgewinkelt. Vielleicht sollte es ein kleines bisschen cool wirken. Doch die ganze Szenerie erinnerte mich an die Bilder, die ich von Chicago, in den dreißiger Jahren, im Kopf habe. Während der Prohibition, leere Straßen, wenige Pfützen. Ich bleibe stehen, zünde mir eine Zigarette an, und versuche mit meiner um einige Oktaven nach unten veränderten Stimme sinnvolle Selbstgespräche zu führen. Das Saxophon spielt die bekannten Klänge.

Irgendwann ist auch der letzte Zug in meiner Lunge angekommen, die Zigarette in den Straßengraben geworfen. Der Weg führt mich weiter, und da ich ja nichts von meinem Ziel wusste, hielt ich an einem Schilderwald. In alle möglichen Richtungen zeigen die Pfeile. Doch auf ihnen steht entweder nur Zurück oder einfach gar nichts. Jetzt wäre der Zeitpunkt also noch gut genug, um umzukehren. Doch mich interessiert das Unbeschriebene, das Ungewisse. Ich schreite fort, einen Fuß vor den anderen. Einen Schuh nach dem anderen. Mein Blick ist nach vorne gerichtet.

Und plötzlich ist der Boden mit Kastanien gesäumt. Kastanien, die meist unförmigen Samen der Früchte der mächtigen Bäume. Auf die ich immer zu klettern versuchte, die Schwerkraft mich aber stets nach unten zog. Damals, als ich noch klein war, unbeholfen. Ein Kind eben. Und ich folge den Kastanien. Durch die Faszination, die sie auf mich wirken lassen. Wohin es geht? Es ist doch egal. Diese Abzweigung gefällt mir. Das richtige Flair, die unzähligen Kastanien, und unzählbar viel Zeit. Und irgendwann komme ich zur Quelle. Und klettere hinauf. Diesmal habe ich es geschafft, habe den Kastanienbaum erklettert. Und blicke hinab. Und umher. Was für ein schöner Weg.

Benommen.

Erbrochen liege ich auf dem Boden und winde mich in meinem Körper.

Die Tabletten haben sich in überraschender Geschwindigkeit aufgelöst, das saure Wasser sammelt alle Moleküle zusammen. Mit wenigen Schlucken wird der fahle Geschmack einem gar nicht bewusst. Die Kopfschmerzen. Monate-, jahrelang ewige Begleiter auf allen Wegen. Irgendwann wieder einmal weg. Und plötzlich klopfen die Schmerzen wieder an. Als wären sie nie weg gewesen. Da darf es nun doch mal ein kleines bisschen überdosiert sein. Um es nicht für eine weitere Ewigkeit zu spüren.

Gerade mal wieder alles ausgekotzt. Nicht, weil es von selber kam. Sondern weil der Zeigefinger das Gaumenzäpfchen massiert hat. Die Magensäure und die nicht verdauungswürdigen Überreste des letzten Essens erschütten sich in der Kloschüssel. Tränen sammeln sich in den Augen. Leichte Atemnot, als man versucht, so gut wie alles rauszulassen. Und dann das Gesicht waschen, die Hände und die Zähne putzen. Und back to the Alltag.

Irgendwann das Gefühl, das alles wieder funktioniert. Dass man mit dem fortsetzen kann, womit man aufgehört hat. Auf dem Balkon stehen und den Zigarettenrauch inhalieren. Plötzlich wieder Kopschmerzen und ein beunruhigendes Schwindelgefühl. Sich auf die schwarze Couch setzen, den Sonnenuntergang beobachten. Wunderschönes Rot und doch kommt mir alles so anders vor. Die Empfindungen lassen nach oder sind verfälscht.

Und so legt man sich irgendwann einmal wieder nieder. Schließt die Augen und fühlt sich überraschend heiß. Die Stirn kocht scheinbar. Man atmet schwerer, und der Reiz des Hustens lastet einen vollkommen aus. So einzuschlafen ist schwer, und selbst wenn Schlafen, die beste Medizin ist, ganz gesund wird man nicht. Irgendwie wird man nie ganz gesund. Irgendwie nie.

Dahinter.

„Sieh mal da nach. Vielleicht findest du dort etwas.“

Wo ist es hin. Tagelang suche ich es schon. Unauffindbar. Langsam nähere ich mich dem Punkt, an dem ich es aufgebe, zu suchen, und darauf warte, es irgendwann wieder zu finden. Aufzuspüren aus reinem Zufall. Zufälle sind sowieso die Spontanität des Schicksals. Und sie gefallen, denn das sind die meist wunderbaren nicht absehbaren Wendungen in einem Leben. Bekanntschaften oder eben Funde, mit denen man nicht gerechnet hat. Ich knie mich nieder und blicke noch einmal unter meinem Bett nach, doch auch dort findet sich fast nichts. Nur Socken und eine Flasche Mineralwasser. Doch ich suche etwas anderes.

Vollkommen überrascht blicke ich auf. „Nein. Ich helfe dir nicht suchen. Ich bin nur da, um dir etwas Gesellschaft zu leisten.“ Enttäuscht, lasse ich den Blick wieder sinken und lege mich einfach mal flach auf den Boden. Blicke in alle Seiten meines Zimmers, in alle Ecken und alle Furchen der Wände. Ich gebe auf und senke meinen Kopf, noch tiefer als er jetzt schon liegt. Schließe die Augen.

„Ist es nicht überraschend, wie schnell so etwas verloren geht?“, fragst du mich. Ich nicke. Bis vor kurzem war es doch noch da. Jetzt scheint es für immer verloren und doch wage ich die Suche nicht entgültig aufzugeben. „Weißt du noch, wo du es zuletzt gesehen hast?“ – „Ja.“ Nie könnte ich es vergessen, weckte es doch die schönsten Gefühle in mir. Ich liebte die Momente als es noch bei mir war. Einzigartig und doch anders. „Aber du weißt doch, dass es irgendwann gehen musste.“, versuchst du mich davon zu überzeugen. Aber ich lasse mir nicht gerne etwas einreden. Es musste nicht. Es hätte auch bleiben können.

„Aber jetzt ist es weg.“, wirkst du penetrant auf mich ein. „Aber nicht für immer. Nicht für immer.“, weiche ich dir aus. Irgendwo muss es doch noch sein. Als ich mich erhebe und einige Schritte herumgehe habe ich es wieder ganz klar vor meinen Augen. Mich überkommt eine Gänsehaut. „Aber so gib doch auf.“ Nein. Ich schüttele den Kopf, lege mich aber trotzdem etwas geschafft in mein Bett und denke nach. Deine Anwesenheit ist zwar störend, wegen deiner ständig eingeworfenen Worte, doch nicht unangenehm.

Es kann doch nicht für immer verloren gegangen sein. Erst gestern noch wurde ich durch einen Traum wieder darauf hingeführt. Wo ist das Gefühl des vollkommenen Schmerzes. Ein Lächeln und eine banale Traumbegebenheit zeigte mir, dass es ihm gut geht. Ich fühlte mich gut, heute morgen, als ich die nächtliche Eingebung begriffen hatte. Wo ist sie hin, diese wunderbare Stille und das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Familie. Wo ist alles hin, was mir nach allem doch noch etwas Hoffnung und Erwartungen schenkte. Wo ist sie, die Trauer und all das? „Dahinter.“, sagst du und zeigst auf die bröckelnde Fassade. „Sie mal da nach. Vielleicht findest du dort etwas.“

Und plötzlich spüre ich es wieder. Es ist noch irgendwo. Nur eben nicht mehr an der Oberfläche. Etwas dahinter. Und als ich meine Augen schließe und die Decke in meinem Bett mir Wärme schenkt, denke ich mir, dass sie dort auch gut aufgehoben ist. Wenn es ist, kommt sie vielleicht mal wieder zurück. Aber jetzt kann sie ruhig da bleiben, wo sie gerade ist.