Kastanien.

Zuerst unscheinbar, dann mit Stacheln geschützt. Und schlussendlich aufgebrochen am Boden.

Eine andere Abzweigung nehmen. Vielleicht sollte ich doch wirklich mal neue Wege beschreiten. Mich etwas trauen, mir etwas zutrauen. Ich weiß nicht wohin, weiß nicht, für wie lange. Das sind sie, meine Ängste und Zweifel. Die erscheinen, während man versucht, den ersten Schritt zu machen. Manchmal stampft man umso stärker auf den neu entdeckten Pfad, um sie zu zerstreuen. Das eine Mal gelingt es, viele andere Male nicht.

Doch im Gegensatz zu all den anderen Abkürzungen veränderten Wegen scheint mir dieser beleuchtet. Ich liebe das sanfte und zarte Licht der Straßenlaternen. Aufgestellt, alle zweihundertfünfzig Meter. Tiefe Dunkelheit und die hellen Kreise am Boden. Die so weit strahlen, dass sie ihre Nachbarn beinahe berühren. Ich lehne mich an eine dieser kalten Laternen, ein Bein auf dem Eisengerüst abgewinkelt. Vielleicht sollte es ein kleines bisschen cool wirken. Doch die ganze Szenerie erinnerte mich an die Bilder, die ich von Chicago, in den dreißiger Jahren, im Kopf habe. Während der Prohibition, leere Straßen, wenige Pfützen. Ich bleibe stehen, zünde mir eine Zigarette an, und versuche mit meiner um einige Oktaven nach unten veränderten Stimme sinnvolle Selbstgespräche zu führen. Das Saxophon spielt die bekannten Klänge.

Irgendwann ist auch der letzte Zug in meiner Lunge angekommen, die Zigarette in den Straßengraben geworfen. Der Weg führt mich weiter, und da ich ja nichts von meinem Ziel wusste, hielt ich an einem Schilderwald. In alle möglichen Richtungen zeigen die Pfeile. Doch auf ihnen steht entweder nur Zurück oder einfach gar nichts. Jetzt wäre der Zeitpunkt also noch gut genug, um umzukehren. Doch mich interessiert das Unbeschriebene, das Ungewisse. Ich schreite fort, einen Fuß vor den anderen. Einen Schuh nach dem anderen. Mein Blick ist nach vorne gerichtet.

Und plötzlich ist der Boden mit Kastanien gesäumt. Kastanien, die meist unförmigen Samen der Früchte der mächtigen Bäume. Auf die ich immer zu klettern versuchte, die Schwerkraft mich aber stets nach unten zog. Damals, als ich noch klein war, unbeholfen. Ein Kind eben. Und ich folge den Kastanien. Durch die Faszination, die sie auf mich wirken lassen. Wohin es geht? Es ist doch egal. Diese Abzweigung gefällt mir. Das richtige Flair, die unzähligen Kastanien, und unzählbar viel Zeit. Und irgendwann komme ich zur Quelle. Und klettere hinauf. Diesmal habe ich es geschafft, habe den Kastanienbaum erklettert. Und blicke hinab. Und umher. Was für ein schöner Weg.

Benommen.

Erbrochen liege ich auf dem Boden und winde mich in meinem Körper.

Die Tabletten haben sich in überraschender Geschwindigkeit aufgelöst, das saure Wasser sammelt alle Moleküle zusammen. Mit wenigen Schlucken wird der fahle Geschmack einem gar nicht bewusst. Die Kopfschmerzen. Monate-, jahrelang ewige Begleiter auf allen Wegen. Irgendwann wieder einmal weg. Und plötzlich klopfen die Schmerzen wieder an. Als wären sie nie weg gewesen. Da darf es nun doch mal ein kleines bisschen überdosiert sein. Um es nicht für eine weitere Ewigkeit zu spüren.

Gerade mal wieder alles ausgekotzt. Nicht, weil es von selber kam. Sondern weil der Zeigefinger das Gaumenzäpfchen massiert hat. Die Magensäure und die nicht verdauungswürdigen Überreste des letzten Essens erschütten sich in der Kloschüssel. Tränen sammeln sich in den Augen. Leichte Atemnot, als man versucht, so gut wie alles rauszulassen. Und dann das Gesicht waschen, die Hände und die Zähne putzen. Und back to the Alltag.

Irgendwann das Gefühl, das alles wieder funktioniert. Dass man mit dem fortsetzen kann, womit man aufgehört hat. Auf dem Balkon stehen und den Zigarettenrauch inhalieren. Plötzlich wieder Kopschmerzen und ein beunruhigendes Schwindelgefühl. Sich auf die schwarze Couch setzen, den Sonnenuntergang beobachten. Wunderschönes Rot und doch kommt mir alles so anders vor. Die Empfindungen lassen nach oder sind verfälscht.

Und so legt man sich irgendwann einmal wieder nieder. Schließt die Augen und fühlt sich überraschend heiß. Die Stirn kocht scheinbar. Man atmet schwerer, und der Reiz des Hustens lastet einen vollkommen aus. So einzuschlafen ist schwer, und selbst wenn Schlafen, die beste Medizin ist, ganz gesund wird man nicht. Irgendwie wird man nie ganz gesund. Irgendwie nie.

Sterne.

Looking above.

Der Asphalt wärmt. Es ist mitten im Sommer. Wir liegen auf diese einen dunkelblauen Decke, eingewickelt in unsere Pullover und Jacken. Rund um uns herum ist es dunkel, das Rauschen des Baches durchbricht die Stille. „Siehst du den großen Wagen? Dort!“ „Ja, ich seh ihn.“ Den Blick gemeinsam senkrecht nach oben lenken. „Und das“, sage ich, „ist unser Stern. Siehst du? Und wenn du einmal zuhause bist, und an mich denken möchtest, dann kannst du dich auf den Balkon sitzen und unseren Stern suchen. Du weißt schon.“ Sie lächelt und kuschelt sich näher an mich. Die Sterne.

Jetzt bleibe ich liegen. Schaue immer noch gegen den Himmel. Der Himmel, er leuchtet. Und dort sind sie alle. Alle Menschen, die mir etwas bedeutet haben. Und die mir auch jetzt noch etwas bedeuten. Verewigt in Sternen. Ich strecke die Hand aus. Mit dem Zeigefinger möchte ich einen von euch berühren. Um eins mit dir zu werden. Und irgendetwas kitzelt mich an der Spitze des Fingers. Ich zucke zurück. Und irgendwie fühle ich, dass ihr mir noch nie so nah wart wie jetzt. Obwohl es kräftig abgekühlt hat. Ich fühle mich warm. Geborgen. Obwohl ich Angst im Dunkeln habe. Ich fühle mich sicher. Bei euch. Und für genau solche Momente lohnt es sich, in meine Haut zu schlüpfen.

the places you’ve come to fear the most // erstes buchprojekt

Sterne haben eine ungewöhnliche Macht. Blickt man zu ihnen hoch, verliert man langsam den Halt. Muss sich irgendwo fest halten, um nicht umzufallen. Weil sie plötzlich das Endliche unendlich machen. Sie zeigen, wie sinnlos Zeitmessung ist. Schon vor Jahrtausenden gestorben, leuchten sie noch immer. Der Strahl erreicht erst jetzt uns. Wie oft schon saß ich auf der Fensterbank, blickte hinaus. Und konnte minutenlang nur in dieses Meer aus leuchtenden Pünktchen sehen.

Sterne haben für mich eine Bedeutung. Mir scheint, als wäre das der Platz, an dem man alle Menschen, die nicht gerade um einen herum sind, erreichen kann. Menschen, die verstorben sind, aus dem Leben verschwunden oder einfach nicht da. Dort oben, am Himmelsfirst finden sie sich. Sind immer erreichbar. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ich bin beunruhigt, wenn Wolken versuchen sich davor zu schieben, oder wenn die Nacht einfach sternenklar ist.

Manchmal verglühen sie auch. Und sind weg. Weg aus der Erinnerung, weg aus der unzähligen Schar. Weil sie es vielleicht nicht verdient haben. Aber Menschen, gegen die ich keine Abneigung habe, von denen ich einfach nur Abstand wünsche, bleiben dort. Um irgendwann wieder einmal heller zu leuchten oder als Sternschnuppe zu enden.

Sterne sind für mich in jeder Beziehung eine wunderbare Sache. Ich könnte mit jemanden stundenlang hinaufblicken, ohne ein Wort zu sprechen. Nur betrachten und warten. Und das Leben, die Wolken und alles vorbeiziehen lassen. Die Sterne bleiben. Zumindest für eine beachtliche Zeit. Danke, dass es euch gibt, liebe Leuchtkörper da oben. Vielen Dank.

Rêves.

Als ich aufwache, bemerke ich, dass ich mich in einem Traum befinde.

Gedanken nach eineinhalb Stunden Film. La Science de Rêves. Die Wissenschaft der Träume. Langsam überkommt mich der Eindruck, dass der Film noch tiefsinniger zu sein scheint, als man es schon beim ersten Mal ansehen vermutet. Ein großartiger Streifen, gewohnt beeindruckende Arbeit eines Michel Gondry. Leichtes Verwundern über das Ende, den Cliffhanger ohne Auflösung, den Gedankensalat nach einem Buchstabensalat, den man erst, Szene für Szene, Buchstabe für Buchstabe sortieren muss.

Ich bin es mir schon Leid, stets von Träumen zu reden. Nein, nicht diese Tag-/Nachtträume. Die Träume, die das weitere Leben bestimmen sollen. Es sind keine Träume. Es sind fixe Pläne und weiche ich oder das Leben auch nur minimal davon ab, ohne mich zuvor davon in Kenntnis zu setzen, stehe ich vor unvollendeten Tatsachen und der Unmöglichkeit so weiterzuarbeiten. Dann kommt alles in diese Box, die alle Ideen sammelt. Vielleicht werden sie irgendwann einmal wieder aufgegriffen, wenn die Zeit bereit und ich etwas erfahrener bin. Ich habe Träume. Ja, sie hören sich utopisch an, aber sie sind zu meistern. Mit Enthusiasmus und Engagement. Aber das sind eben Träume, hinter die man ein Häkchen machen kann. Und dann sind sie so gut wie erledigt.

Nein, heute möchte ich von Träumen schreiben, die nicht so einfach erledigt sind.

Hi, and welcome back to another episode of „Télévision Educative“. Tonight, I’ll show you how dreams are prepared. People think it’s a very simple and easy process but it’s a bit more complicated than that. As you can see, a very delicate combination of complex ingredients is the key. First, we put in some random thoughts. And then, we add a little bit of reminiscences of the day… mixed with some memories from the past.

That’s for two people. Love, friendships, relationships… and all those „ships“, together with songs you heard during the day, things you saw, and also, uh… personal… Okay, I think it’s one.

Stéphane in The Science of Sleep

Meinen ersten Kuss erlebte ich im Traum. Von einem wunderschönen blonden Mädchen. Ich habe sie nie in meinem ganzen Leben gesehen. Ihre Schönheit und ihr Auftreten, ihre inneren wie auch ihre äußeren Werte sind vielleicht das, was ich die ganze Zeit suche. Interessante Umstände unseres Aufeinandertreffens. Der Moment. Das Aufwachen. Mit einem Lächeln. Einem Lächeln, wie ich es an einem Morgen sonst nie gewohnt bin. Freude über das Geschehene, Überlegen für ein Wiedersehen, Realisieren der Realität, Ernüchterung. Und der ständige Gedanke an sie. Und Stunde für Stunde, Tag für Tag und jetzt schon Jahre für Jahre sind nur mehr Umrisse erkennbar.

Aufarbeitung des Vortages. Manchmal schweißgebadet aufwachen, aus der Traumwelt entweichen, die mir eine Welt vorstellte, die so surreal und doch so möglich wäre. Extremsituationen. Und ich mittendrin, im Alltag des Grauens, meinem Leben in Angst. Ebenfalls wieder lange darüber nachdenken und erst durch das Schreiben oder Reden wieder zur Fassung kommen. Sexuelle Träume mit (weiblichen) Freunden haben, und anschließend aufwachen, sich fragen, wie es dazu kommen konnte. Warum diese Person in solch einem Traum auftaucht. Manchmal nicht begreifen, manchmal schon.

An manchen aufeinanderfolgenden Tagen überhaupt keine Erinnerung. Man träumt ja jede Nacht. Aber mir fehlt am nächsten Morgen die Erinnerung. Und ist sie einmal da, verblasst sie unglaublich schnell. Und auf eine Verarbeitung des Geschehenen warten, hoffen, dass der Traum die Antwort auf dem Tablett serviert. Und hoffen, dass Menschen, die man verloren hat, egal auf welche Art und Weise, sich noch einmal melden. Und irgendwann, wenn man es am Wenigsten erwartet, klopft diese Person an. Meldet sich und beruhigt.

Träume haben die Macht, die Psyche des Menschen in all seinen Grundfesten zu erschüttern. Sie tragen einen durchs Leben. Geben dem darauffolgenden Tag genug Gedanken von der vorhergegangenen Nacht. Lassen einem spüren, wie es ist, wie es sein könnte. Und manchmal spürt man auch die Wärme von Menschen, die Liebe zu diesen, die Freude darüber, sie wieder einmal zu sehen.

In dreams, emotions are overwhelming.

Stéphane

Ich würde nie von mir verlangen, selbst in meinen Träumen mitzubestimmen, wie sie verlaufen sollen. Da lasse ich der Eingebung und dem Gefühl, den Gedanken und dem Leben freie Hand. Sie sollen entscheiden, mit was sie mich konfrontieren. Sollen überlegen, womit sie mich fertigmachen, und wie sie mich wieder aufbauen. Ich liebe Träume. Träume. Und Sterne.

Dahinter.

„Sieh mal da nach. Vielleicht findest du dort etwas.“

Wo ist es hin. Tagelang suche ich es schon. Unauffindbar. Langsam nähere ich mich dem Punkt, an dem ich es aufgebe, zu suchen, und darauf warte, es irgendwann wieder zu finden. Aufzuspüren aus reinem Zufall. Zufälle sind sowieso die Spontanität des Schicksals. Und sie gefallen, denn das sind die meist wunderbaren nicht absehbaren Wendungen in einem Leben. Bekanntschaften oder eben Funde, mit denen man nicht gerechnet hat. Ich knie mich nieder und blicke noch einmal unter meinem Bett nach, doch auch dort findet sich fast nichts. Nur Socken und eine Flasche Mineralwasser. Doch ich suche etwas anderes.

Vollkommen überrascht blicke ich auf. „Nein. Ich helfe dir nicht suchen. Ich bin nur da, um dir etwas Gesellschaft zu leisten.“ Enttäuscht, lasse ich den Blick wieder sinken und lege mich einfach mal flach auf den Boden. Blicke in alle Seiten meines Zimmers, in alle Ecken und alle Furchen der Wände. Ich gebe auf und senke meinen Kopf, noch tiefer als er jetzt schon liegt. Schließe die Augen.

„Ist es nicht überraschend, wie schnell so etwas verloren geht?“, fragst du mich. Ich nicke. Bis vor kurzem war es doch noch da. Jetzt scheint es für immer verloren und doch wage ich die Suche nicht entgültig aufzugeben. „Weißt du noch, wo du es zuletzt gesehen hast?“ – „Ja.“ Nie könnte ich es vergessen, weckte es doch die schönsten Gefühle in mir. Ich liebte die Momente als es noch bei mir war. Einzigartig und doch anders. „Aber du weißt doch, dass es irgendwann gehen musste.“, versuchst du mich davon zu überzeugen. Aber ich lasse mir nicht gerne etwas einreden. Es musste nicht. Es hätte auch bleiben können.

„Aber jetzt ist es weg.“, wirkst du penetrant auf mich ein. „Aber nicht für immer. Nicht für immer.“, weiche ich dir aus. Irgendwo muss es doch noch sein. Als ich mich erhebe und einige Schritte herumgehe habe ich es wieder ganz klar vor meinen Augen. Mich überkommt eine Gänsehaut. „Aber so gib doch auf.“ Nein. Ich schüttele den Kopf, lege mich aber trotzdem etwas geschafft in mein Bett und denke nach. Deine Anwesenheit ist zwar störend, wegen deiner ständig eingeworfenen Worte, doch nicht unangenehm.

Es kann doch nicht für immer verloren gegangen sein. Erst gestern noch wurde ich durch einen Traum wieder darauf hingeführt. Wo ist das Gefühl des vollkommenen Schmerzes. Ein Lächeln und eine banale Traumbegebenheit zeigte mir, dass es ihm gut geht. Ich fühlte mich gut, heute morgen, als ich die nächtliche Eingebung begriffen hatte. Wo ist sie hin, diese wunderbare Stille und das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Familie. Wo ist alles hin, was mir nach allem doch noch etwas Hoffnung und Erwartungen schenkte. Wo ist sie, die Trauer und all das? „Dahinter.“, sagst du und zeigst auf die bröckelnde Fassade. „Sie mal da nach. Vielleicht findest du dort etwas.“

Und plötzlich spüre ich es wieder. Es ist noch irgendwo. Nur eben nicht mehr an der Oberfläche. Etwas dahinter. Und als ich meine Augen schließe und die Decke in meinem Bett mir Wärme schenkt, denke ich mir, dass sie dort auch gut aufgehoben ist. Wenn es ist, kommt sie vielleicht mal wieder zurück. Aber jetzt kann sie ruhig da bleiben, wo sie gerade ist.

Fühlen.

Die Kieselsteine unter meinen Schuhen knirschen, als ich behutsam auf sie trete.

Ich setze meinen Gang fort. Unbeirrt folge ich dem wegziehenden Rauch meiner Zigarette. Wasser sammelt sich in Bodenunebenheiten und der Schnee verliert an Festigkeit. Die Sonne wärmt meine Wangen, mit der leeren Hand streiche ich mir durch meine Haare. Der Regen zieht sich zurück. Durch den ganzen Park hindurch zieht sich ein Weg der Verwüstung. Und im Licht der Sonne erblicke ich eine Bank. Die Tropfen verdunsteten schon und so setzte ich mich auf sie.

Der Wind bläst in mein linkes Ohr, für kurze Zeit hört man nur das Rauschen und Aneinanderpressen von Luftmolekülen an meinem Hörorgan. Ich ziehe den Schal höher und die Mütze tiefer, die zwar vollkommen nass aber doch noch wärmend ist. Wie leergefegt liegt der Park so vor mir. Zwischen den letzten Überresten des Schnees sieht man verdrecktes Grün und einige kleine Steinchen.

„Wie fühle ich mich jetzt?“, fragt mich meine innere Stimme. Ich schrecke hoch, habe nicht erwartet, dass ich von mir mit dieser Frage konfrontiert werde. Wie ich mich jetzt fühle? Aber nach Fühlen ist mir doch gar nicht zumute. Ich möchte sehen, Eindrücke wirken lassen und so. Aber doch nicht etwas fühlen. Ich habe keine Zeit dazu.

„Zweifel?“, bohre ich nach, „Angst?“ Schön langsam scheint mir meine innere Stimme auf die Nerven zu gehen. Woran soll ich zweifeln? An der Welt, der Realität, an mir? Und vor wen oder was soll ich Angst haben? Vor dem Leben, dem Tod, vor mir? „Ich bin traurig“, sage ich mir. Traurig, weil ich einen wichtigen Menschen verloren habe. Traurig, weil ich einen so von mir geliebten Menschen weinen sehe und nichts für ihn tun kann, als da sein. Traurig, weil ich immer traurig bin, wenn man mit Neuem zu Recht kommen muss. Traurig, weil ich jetzt endlich einiges einsehe. In Sachen Liebe, der Psychologie sei Dank. Traurig, weil für mich scheinbar nur die in Luftschlössern untergebrachte Zukunft und die schönsten Momente der Vergangenheit zählen. „Ja“, sage ich mir. „Ja, ich bin traurig.“

Aber ich empfinde doch. Empfinde den Wind als störend, meine innere Stimme als nervend. Und fühle, fühle mich traurig, habe teilweise Angst, immer Zweifel, versuchte Wut und das Ganze. Eigentlich bin ich doch schon längst wieder im Hier und Jetzt angekommen. Spätestens seit das Ganze passiert ist, bin ich wieder gegenwartsverspürend. Zwar suche ich immer noch den Ausweg nach vorne, doch wenigstens versuche ich es. Für ein paar gezielte Minuten am Tag. Nichts zu tun, und nur zu empfinden und zu fühlen. Und alles an mich heranlassen.

Und trotzdem. Ich muss mir diese drei Minuten pro Tag Zeit nehmen.

Nicht Wieder.

World Spins Madly On.

Selbstgemachte Plätzchen liegen auf dem Tisch. Der Kaffee, schon längst abgekühlt, entfaltet länger und länger noch seinen Bohnengeschmack aus. Ich habe keine Lust auf Plätzchen. Habe keine Lust darauf, den Smalltalk fortzuführen. Was bringt es mir schon. Lässt mich doch nichts über dich erfahren und zurück bleibe ich mit so vielen Fragen, die in das Nullachtfünfzehnschema eines Smalltalks nicht reinpassen. Worte sind zu wichtig, um sie mit unsinnigen Fragen zu verschwenden. Ich hasse kalten Kaffee. Und trinke ihn trotzdem.

Und wie kann ich ruhig sein. Wenn ich doch weiß, das heute mal wieder einer dieser Tage ist. Wenn meine Mutter sich in unserem Haus ein kleines ruhiges Zimmer sucht und weint. Weil er ihr fehlt. Wie er uns allen doch fehlt. Jeden Abend sollte er hereinspazieren, wie er es noch vor drei Monaten getan hat. Doch das ist nicht. Das war. War schön. Viel zu schön, um so ein abruptes Ende mit einem Schlag zu akzeptieren. Doch wir sind nicht alleine, wir haben uns. Und ich?

Trinke Kaffee mit einer nicht gerade interessanten Person. „Es wird bald Frühling“, sage ich. Ich hasse den Winter. Wo doch der Schnee so manche Probleme mit sich bringt und das Eis einen zu Tode erschrickt. Der Frühling. Der Neubeginn. Wohl kaum kann er irgendetwas wieder gerade biegen, was schon längst zerbrochen ist. Doch er kann etwas überschatten mit dem Grün und der Sonne, der Wärme und der Liebe, die man überall zu spüren bekommt. Nicht wegmachen. Nur überschatten. Um das Leben fortzuführen, nicht obwohl, sondern da es so passiert ist.

„Jaja, der Frühling“. Du weißt doch gar nicht, was der Frühling ist. Weißt nicht zu schätzen, wie sich Leben so richtig anfühlt. Kannst keine der vier Jahreszeiten wertschätzen. Bist doch nur auf der Welt, um mit einem desinteressierten Menschen Smalltalk zu führen. Habe ich mich doch gefreut, als ich dich auf der Straße wiedererkannte. So viele Jahre lagen zwischen uns und unserer Freundschaft, von der ich nur mehr wenig spüre. Du hast dich verändert. Ich wurde stiller. Was war das überhaupt, was uns beide verband. Es muss unwichtig gewesen sein, so wie alles verlaufen ist.

Wolken über den Straßen, die mich zu dieser Straße führten. Schon wieder Regen. Der aus dem Schnee Matsch und die Straßen glatt werden lässt. Menschen, die sich unterstellen, um nicht vollkommen durchnässt anzukommen, und irgendwelche verplante Personen, die ihren Schirm aus der Tasche ziehen, weil man nie weiß was kommt. Wie recht diese Menschen haben, und doch haben sie gar keine Ahnung. Würde der Himmel über sie einstürzen, würde auch der beste Schirm nichts nützen. Viel besser die Menschen, die sich unterstellen, und aus der Überraschung und dem Schock das Beste daraus machen.

Ich blicke aus deinem Fenster. Das kleine Tischlein in deiner Küche fasst immer noch unsere zwei Tassen und die unberührten Plätzchen. Sie sehen nicht mal gut aus. Schön, dass du mich so spontan eingeladen hast. Entschuldigung, dass ich schon wieder so schnell gehen muss. Ich habe. Termine, wie man so schön sagt. „Unsere Telefonnummern haben wir ja ausgetauscht. Ich meld‘ mich mal“, sagst du zum Abschied, „Mach’s gut.“ „Du auch.“ Und vorausschauend drücke ich schon die Abweisen-Taste auf meinem Mobiltelefon.

Ufer.

Und mit dem Kuss verabschiedest du dich.

Gegangen bist du schon vor langer Zeit. Hast mich zurückgelassen in einer Einöde, die irgendwann einmal von einem Himmel erschlagen wurde. Unter den Trümmern der Welt, die mir damals den Schutz des Lebens gab, liege ich. Krame mich hervor und atme aus tiefster Überzeugung die staubige Luft ein. Hast mich zurückgelassen. Vor langer, langer Zeit.

Wolken brachten Regen, und ihr Abschied brachte die Sonne. Ich habe mir ein neues Leben aufgebaut. Neben den Trümmern, die mir zum Wegräumen viel zu schade sind. Sie sollen liegen bleiben. Und mich erinnern. An das was war, und damals kam. Manchmal steige ich noch über sie, blicke hinunter und ein Kloß sammelt sich in meinem Hals. Dann muss ich es hochheben. Und denken. Mich erinnern, an die Zeit, als die Trümmer noch die Welt bedeuteten. Nun sind sie eben Brocken, die nur langsam von mir abfallen.

Immer wieder öffnet sich ein Fenster und der Luftzug lässt meine Stimme heiser werden. Wenn ich dann leise spreche, hört man nur ein Kratzen, kaum einen Laut mehr. Worte zu bilden, sehe ich sowieso als Kunst an. Schwer fällt es, immer die richtigen zu finden. Um niemanden zu enttäuschen oder abzuschrecken.

„Du bist weise.“, ruft mir jemand zu. Ich drehe mich um, und möchte dagegensprechen. Möchte sagen, das Weisheit doch viel tiefer ist, viel voluminöser und größer. Möchte sagen, dass ich doch auch nur ein Mensch bin, der versucht, aus Erfahrungen zu lernen und aus Erlebnissen zu zehren. ‚Du bist weise‘, hallt es nach. Ich setze mich nieder.

Alles Schöne endet meist mit einem Kuss. Oder einer Umarmung. Und dann ist Schluss. Keine Möglichkeit mehr, die Welt beim Alten zu belassen. Das Kartenhaus, meine Welt. Irgendwann kommt schon der Luftzug, der wieder alles über den Haufen wirft. Tonnen von Lebenstrümmern sammeln sich in meiner Einfahrt. Manchmal lege ich mich noch unter diese Brocken, um dieses Gefühl ein weiteres Mal zu spüren. Und doch schwimme ich manchmal durch sie durch. Lasse mich treiben. Mache mich auf. Auf zu neuen Ufern. Auf zu meinem Leben.

Traurig.

„Und warum gibst du nicht damit zufrieden, dass du einfach todtraurig bist, weil sie dir nicht das geben konnte, was du wolltest? – „… Ähm.“

Langsam hebe ich meinen Kopf. Ich sitze da, in diesem roten, gemütlichen Sessel. Beide Ellbogen auf die Lehnen gestützt, die Finger verschränkt, den Kopf darauf abgelegt. Bis eben eben. Ich blicke hoch und suche nach Antworten. Hieß es nicht noch vor kurzem, ich solle „Warum“-Fragen einfach streichen? Und was soll das nun bitte.

„Und was steckt nun hinter der Wut, den Vorwürfen und allem?“ – „Sie erwarten jetzt sicher, dass ich Liebe sage. Doch ich empfinde keine Liebe mehr.“ – „Ich erwarte erstmal gar nichts. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.“ Einige Sekunden überlege ich. Lege den Kopf wieder auf meine Finger. „Angst.“, sage ich. Der richtige Zusammenhang fehlt, baut sich erst langsam wieder auf. Ich habe Angst.

Überhaupt habe ich heute schon viel zu oft die Frage vergessen, nachdem ich lange um die Antwort herumredete. Ich fühle mich unwohl. „Etwas unkonzentriert heute, wie?“; Plötzlich meldet sich mal wieder meine innere Stimme zu Wort und kämpft sich durch die Stille, während ich versuche, mich an die Frage zu erinnern.

Die Zeit ist schon lange vorbei. Ich stehe auf. Begleite sie in die Küche, bis sie mich zum Ausgang begleitet. Wieder einma fühle ich mich besser und wundere mich darüber, dass sehr vieles ich selbst erreicht habe. Das Verständnis des Ichs. Meine „Probleme“. Zuhause angekommen, immer wieder diese Sätze im Kopf. Der Versuch, diese Stunden, diese Konversation zu rekonstruieren. Nach kurzer Zeit aussteigen und als aussichtlos betrachten. Immer mal wieder kommen mir Dinge unter. Bis ich sie zurück in den Kopf, in die Gedankenfabrik und -verarbeitungsstelle schicke.

Im Bett liegen. Hundemüde. Den dicken Tuchent hochgezogen, die Augen schließen. Augen auf, der Blick auf den Wecker. Immer noch zu früh, um aufzustehen. Und bemerken, wie ich mir immer wieder die Frage stelle. Ist es Wut, das ich empfinde? Habe ich Angst und ist das alles nur eine Abwehrreaktion? Oder bin ich wirklich nur todtraurig. (Man stelle sich das nur in Anführungszeichen vor, bitte). Was ist es. Was empfinde ich.

Aufgabe für Sitzung Nummer 3. Empfindungen aktiv empfinden.

Als Dunkelheit.

„Aber das wäre ungerecht.“

Überall schon schießen sie. Abermillionen von sinnlos verbrauchtem Schießpulver. Ich liege auf der Couch und sehe mir die frühabendlichen Jahreswechselfilmalbträume an. Die Katze springt hoch, die Katze springt runter. Will raus und will gleichzeitig noch fressen. Fest eingewickelt klammere ich mich an meine warme Decke. Soll es doch kommen. Ich habe keine Angst davor.

Irgendwann richte ich mich auf, strample die Decke von mir und kleide mich an. Es ist defintiv nicht mehr Sommer. Ein dicker Pulli, warme Socken, Schuhe, Jacke, Schal. Alles du, um mir die Wärme zu bieten, die ich jetzt gerade brauche. Das Auto, in der Garage. Und ich. Bald weg.

Einige Stunden. Dreisam-, Viersam-, Achtsamkeit. Gemütliches Zusammensitzen, betrinken. Ich selbst bleibe nüchtern. Will nicht irgendwo schlafen, will nicht mit dem Taxi nach Hause fahren. Der Countdown und der ewig lange Walzer. „Hast du Vorsätze für dieses Jahr?“ – „Es soll besser als das letzte werden.“ „Schlimmer kann es wohl nicht mehr werden.“, meint sie. „Doch. Es könnte noch so viel passieren“, kontere ich. „Aber das wäre ungerecht.“, möchtest du mir sagen. Wir sehen uns an, und lachen. „Weil ja gerade das letzte Jahr so schön gerecht war.“ Wir lachen. Und erfinden Dinge, die nur wir witzig finden. Irgendwann die angestaute Müdigkeit. Der Abschied. Das Ende. Der Feier zumindest.

Heimfahrt, zuhause angekommen. Garagentor geöffnet, Auto abgestellt. Alles ist Dunkel. Nur die zwei Katzen wuseln noch herum und warten, bis ich ihnen die Tür zu ihrem Fressen öffnen. Stille. Vollkommene Stille in diesem Haus. Hier sitze ich und warte. Warte auf mein Bett, auf morgen, auf die nächsten Tage, auf alles. Ich bin allein. Keine Eltern im Haus, kein reger Verkehr von Besuchern. Nur ich. Und diese Katzen, die ich einfach nicht ausstehen kann.

Allein. Einsamkeit. Die ich genießen kann. Manchmal verfluche ich sie, dann suche ich einen Weg, um ihr zu entkommen. Aber an manchen Tagen tut sie einfach nur gut. Dann brauche ich sie, um wieder zu mir zu finden. Jetzt sitze ich hier. Es ist dunkel um mich herum. Eine Woche werde ich hier alleine zuhause sein. Vielleicht kommen manchmal Freunde zu mir. Vielleicht aber auch nicht. Ich werde mich ins Bett legen und nachdenken. Zumindest heute habe ich noch ausgiebig Zeit dafür. Und irgendwann werden auch sie wieder nach Hause kommen, werden das Haus wieder beleben und ich werde dabei sein. Bis dahin ist hier eigentlich fast nichts. Als Dunkelheit.