Wir müssen das nicht tun.

„Ich weiß noch immer viel zu wenig über dich.“, murmle ich, als ich wolle ich dich nur sehr ungern unterbrechen. Aber du hast schon vor Minuten aufgehört zu sprechen. Vielleicht habe ich mich diesem Satz irgendwie gefürchtet. Ich weiß noch viel zu wenig über Emily. Bisher haben wir immer nur so knapp an unserem „richtigen“ Leben vorbeigeschrammt. Hier mal Erzählungen aus meiner Woche in Wien, da mal kurze Informationen über ihr Wochenende. Mehr war da nie. Und doch will ich es unbedingt wissen.

„Okay. Du hast Recht. Dafür musst du mir auch einiges über dich erzählen.

Gut. Das war ein Deal. Ich hatte kein Problem damit, über mich selbst zu sprechen. Manchmal bemerke ich selbst, dass ich mich nur zu gerne selbst reden höre. Ich mag meinen Erzählstil, irgendwie.

„Also. Wie machen wir das jetzt.“
Sie lächelt. „Komm. Stell‘ mir Fragen. Und ich mach‘ es ebenso.“

Emily hat immer gute Vorschläge, habe ich das schon erwähnt? In meinem Kopf klappere ich alles schon nach dem perfekt passenden Fragebogen ab.

„Hast du schon einmal zu jemanden „Ich liebe dich“ gesagt?“ – Wow. Gute erste Frage, Noah.
– „Hm. Nein. Ich habe es schon ein Mal gefühlt, aber mich nie gewagt, es zu sagen. Im Nachhinein ist es gut so. Und … und du?“
„Ja. Habe ich. Damals. Erste große Liebe, du weißt schon. Manche würden sagen, ich wäre damit zu früh dran gewesen. Und den Stempel darauf erhielt ich auch erst Wochen danach, als sie es zu mir ebenfalls sagte, unter Tränen. Und ja, ich habe sie geliebt. Vielleicht war es diese jugendliche, ganz einfache Liebe, aber ja. Es war Liebe.“

Stille. Ach. Ich bin ja muss ja jetzt wieder etwas fragen
„Du hast einen Bruder, stimmts?“
– „Mhm. Ja. Haben wir darüber schon mal gesprochen?“

Nein, haben wir nicht. Sie hat es nur in so manchen Gesprächen zuvor anklingen lassen. Ich bin gut darin, Gespräche zu führen und in Gedanken all die gesprochenen Worte auseinander zu bauen und zu einem schöneren Bild wieder zusammenzuwürfeln.

„Ich habe eine Schwester. Und hätte einen Bruder.“
– „Wie?“
„Totgeburt. Vier Jahre bevor ich zur Welt kam.“
– „Oh.“

Kein Wort zuviel. Hach, meine Emily.

„Mhm. Und manchmal frage ich mich, ob es mich überhaupt geben würde, hätte er die Chance bekommen, zu leben. Aber … auch wenn ich ihn leider nie kennenlernen durfte, so verbindet mich doch irgendwie ganz viel mit ihm.“
– „Das ist schön. Und wie verstehst du dich mit deiner Schwester?“

Ui. Unschönes Thema.
„Es herrscht Funkstille. Und nein, lass‘ uns bitte nicht darüber sprechen, okay?“
– „Okay.“

Sie sieht mich an, lächelt, beinahe so als würde ihr eine sehr schöne Frage auf der Zunge liegen.

„Noah. Was sind deine größten Träume?“
Ich grinse. Soll ich jetzt wirklich so weit ausholen? „Ich möchte Geschichten erzählen, Bücher schreiben, möchte meine 15 Minuten Ruhm genießen. Möchte mich auf die Suche nach meine Talente begeben, so viel wie möglich einfach nur ausprobieren, um zu sehen, wie gut ich bin. Und ich möchte endlich einmal einfach nur Leben, ohne mir Gedanken um Vergangenheit,  Zukunft oder die Gegenwart zu machen.“

Ich bin ein furchtbarer Mensch. Überlege meist jeden Schritt durch, kann so betrunken oder auf Drogen sein, trotzdem bleibt mein Gehirn so scharf, dass ich alles in der richtigen Ordnung sehen will. Ich küsse kein hübsches betrunkenes Mädchen, selbst wenn sie mir liebevoll den Kopf tätschelt und beinahe schon gegen die Wand drückt, nur weil sie mir Wochen davor von ihrem Freund erzählte. Wenn ich da einfach nur mal hineinleben könnte, ohne an irgendwelche Konsequenzen denken zu müssen, wäre es schon großartig.

„Ich … ich möchte reisen. Möchte die Welt sehen. Menschen kennenlernen und beginnen auch lieben zu lernen. Und ich möchte irgendwann einmal eine Familie gründen. In irgendeiner typisch amerikanischen Vorstadt wohnen, wo meine Kinder mit dem Fahrrad die lange breite Straße entlang fahren können und. Hm.“
– „Du hast schöne Träume.“

Und schöne Augen. Ich habe sie beobachtet, als sie von ihren Träumen erzählte, wie sie im Gedanken schon am Garten dieses Vorstadthäuschens stand und nur ungern wieder in diesen Waggon zurückkehren wollte.

„Was ist dir öfter passiert? Bist du öfter abgewiesen worden oder hast du öfter abgewiesen?“
Sie grinst. „Ich habe öfter abgewiesen, ja. So grob hochgerechnet müsste das stimmen. Und selbst?“
„Bei mir hält es sich irgendwie die Waage. Ich wurde schon ein paar Mal so richtig abgewiesen und musste selbst schon so manches Mal in diese böse Rolle schlüpfen.“
– „Böse Rolle?“
„Mhm. Ich hasse es, das Arschloch zu sein. Ich weiß, wie man sich in dieser unguten Rolle des Abgewiesenen fühlt. Und deswegen hasse ich es, selbst diese Herzensbrecher zu sein, der Typ, der meint, dass es nicht passen würde, dass das wohl nichts wird. Ich versuche da stets so human wie möglich umzugehen, und weiß trotzdem, das ich jemanden wehtue.“
– „Aber das fühlt doch jeder. Jeder Mensch wird abgewiesen und weist ab. Das ist doch Menschlichste, einmal auf der einen, einmal auf der anderen Seite zu stehen. Zu leiden und Leid auszuteilen.“
„Ja, schon. Aber fühlst du dich gut dabei? Oder rächst du dich für das eine gebrochene Herz bei einer anderen unschuldigen Person?“

Frage ich sie und ziehe nachdenklich meine Augenbrauen hoch. Sie lächelt und schaut mir mit ungeahnter Intensität entgegen. Es reicht wohl mit Fragen. Beginnen wir wieder unsere Nähe zu genießen. Ohne Worte, mit gelegentlichem Blickkontakt und bewegenden Mundwinkeln. Ohne Worte und inmitten des Zuges.

Es hat lange gedauert. Bis ich das jetzt wieder zusammengebracht habe. Diese Dialogszenen müssen noch ausgebaut werden. Und werden einen wichtigen Teil des Buches einnehmen. Ich hoffe, es gefällt, würde mich über Kommentare freuen und arbeite weiter!

Die Nacht, die Lichter.

Und der Bus fährt wieder ab, als du dich umsiehst und ich warte, welchen Weg du jetzt einschlägst. Wir waren schon hier, du erinnerst dich nicht, ich weiß. Wir sind schon einmal hier ausgestiegen und haben gesucht und nicht gefunden, bis wir irgendwann wieder in ein Taxi stiegen und zu mir fuhren, ich weiß.

Du blickst hoch, suchst zwischen den Häusern den Himmel, als würdest du damit den Ausweg hier suchen. Ich nehm‘ deine Hand, führe dich fort, hinein in die Stadt, in die Lichter der Nacht. „Wir waren schon mal hier“, sagst du und ich nicke und führe dich weg, deine Hand sie umfasst meine Finger. Wir streichen uns langsam an unseren Händen entlang, während wir weitergehen und eine neue Gasse betreten, die durchflutet ist von Schwarz. Die Lichter der Stadt, die Lichter der Nacht, sie hören hier auf.

Wir tapsen, ganz langsam, stolpern daher und wanken dahin. Die Nacht, wir … sie hat uns, wir schleichen nur mehr. Wir warten und sehen, und Stille macht es schwer, sich nicht zu bewegen, denn jedes Geräusch, macht die Welt nur noch hässlicher. Wir wollen hinaus, raus aus der Gasse, wollen weg. Zurück zu den Lichtern der Nacht … der Stadt.

Ich blicke gen Himmel, um Sterne zu sehen. Das wenige Licht. Du nimmst meine Hand, ziehst mich fort, hinaus aus der Gasse, zurück zu dem Licht, hinein in das kleine Café, das von außen hin dunkel und von innen drin voll aussieht. An der Bar ist Platz und „Zwei Bier!“ und die Stille. Der Spiegel hinter der Bar, und du, wie du dich sammelst und ich wie ich starre. Dich ansehe, als wärst du nicht schon den halben Tag hier bei mir. Sondern eben erst gekommen, nach Jahren und Tagen der Dunkelheit, hier zwischen uns.

Deine Hand an meinem Oberschenkel, und ich, mein Blick gesenkt. Ein Schluck, der Versuch, das Gesicht nicht zu verzerren. Es schmeckt mir nicht und hat mir noch nie geschmeckt, aber du trinkst es immer noch, als wäre es wirklich gut. Ich würde dich gerne sitzen lassen, würde jetzt raus gehen, und dir sagen, was du nur alles mit mir gemacht hast, und wie sehr du mich zerstört hast und wie lange ich gebraucht habe, um mich wieder aufzubauen, um alles wieder so zu machen, wie es war und doch irgendwie anders. Und ich sitze hier und warte und spüre deine Berührungen an meiner Schulter und ich trinke weiter.

„Du hast mich verletzt“, höre ich mich denken und schwöre mir, dies nicht zu sagen. Ich darf hier nicht schwach sein, nicht das sein, was ich war und immer noch bin. Ich muss hier jetzt ich sein, wie ich es gern wäre. Und dann spüre ich dein Gesicht an meinen Händen und spüre deinen Kopf an meiner Schulter und fühle mich falsch. Du hast es nicht verdient und ich doch genauso nicht. Wir beide haben uns nicht verdient und sind trotzdem geflohen, gemeinsam vor der Dunkelheit und der Stille der Nacht.

Da sind wir nun, und ich küsse dich, als wäre es normal und du lässt dich küssen, als wären wir wir. Und ich trinke, und blicke auf den Boden, wische mir den Schweiß meiner Hände in meine Jeans und blicke langsam zu dir auf und du siehst mich an. Wir sollten nicht hier sein, nicht ich hier mit dir, nicht ich hier mit Bier. Der Kellner grinst uns zu, als würde er uns kennen und wir blicken beide verdattert zurück. Das Glas ist leer, das Geld am Tisch, wir lassen uns vom Hocker gleiten und gehen hinaus.

Ich würde jetzt tanzen, mitten auf der Straße. Um die Nacht, diese Lichter zu fühlen und zu wissen, dass hier zu sein nicht falsch und mit dir zu sein richtig sein muss. Doch das ist es nicht und ich tanze nicht. Wir wandern nur weiter, die Beine, sie tragen, uns weiter hinein und hinaus aus der Stadt, hinunter zur U-Bahn. Die Nacht und die Lichter, sie bleiben wohl an und ich fühle mich falsch und nicht richtig, verquer.

Wir hätten das nicht tun dürfen, hätten uns nicht anrufen sollen, uns  nicht treffen, uns nicht küssen und jetzt hätten wir auch nicht die gleiche U-Bahn benutzen sollen um auch wieder gemeinsam auszusteigen, und weiter zu gehen und den gleichen Weg zu nehmen. Und jetzt. Wo ich mit dir, neben dir liege, meine Hand um dich gelegt, und dein Atem stets ruhiger wird. Bleibt alles beim Alten. Nur die Nacht. Und die Lichter. Die gehen aus.

Heimweh nach Liebeskummer.


Klopfklopf.

Nein. Nicht jetzt. Die Decke wird noch einmal bis zur Stirn hochgezogen. Erghpf. Ich bin unausstehlich um diese Uhrzeit, dass sollte ja nun schon hinlänglich bekannt sein. „Hm?“, krächze ich. Verdammt, alles nur Einbildung. Oder vielleicht die letzte Szene meines Traumes.

Ich drücke noch einmal fest die Augen zu, versuche  wieder einzuschlafen. Doch es will und will nicht funktionieren. Der Tag hat jetzt also vollkommen ohne meiner Einwilligung begonnen. Der Decke wird weggeschubst, der falsche Fuß zum Aufstehen benutzt, die herumliegenden Kleidungsstücke zur Bedeckung nackter Stellen in Verwendung genommen. Ein herzhaftes Arrrhmpf um meinen Unmut auszudrücken und schon krieche ich auf allen Zweien die Treppe hoch.

Und doch. Es geht mir gut. Denn aus irgendeinem unerkenntlichen Grund habe ich es wieder einmal. ohne wenig Überredungsgabe geschafft, mich als glücklichen Single dastehen zu lassen. Der ich zwar in so manchen Momenten nicht bin. Aber was bleibt, ist die Aufregung, die Interesse, die Spannung, die Überraschung. Bei jedem neuen Kennenlernen, bei jedem Lächeln von so manchen Menschen.

Und auch wenn da niemand ist, mit dem ich gemeinsam die Decke bis zur Stirn hochziehen kann, und auch niemand, der mit mir den falschen Fuß erwischt und die Kleidungsstücke nach „Du“ und „Ich“ aussortiert. Und auch wenn kein Kuss mich in den Schlaf zaubert und mich eher ein Klopfklopf, als in das Gesicht eines geliebten Menschen zu blicken.

Und auch wenn die letzte Liebe, jene, die vom tiefen Grund meines Herzens schon so lange Zeit zurückliegt, und selbst der letzte Kuss schon Teil der Geschichtsbücher sein müsste. Und selbst wenn ich so manches Mal enttäuscht wurde, und alles irgendwie falsch auslegte. Und enttäuscht wurde. So viele Male enttäuscht. Und ich mir eigentlich sicher bin, dass gerade ich so etwas nicht verdiene. Und mich wahrscheinlich doch nur jeder falsch betrachtet. Und glaubt, etwas zu kennen, was nicht ist.

Und selbst dann. Bin ich ein glücklicher Single. Irgendwie. Teilnahmslos schlurfen meine Füße unter meinem Körper nach, Tür auf, hinein ins Wohnzimmer, auf die Couch. Fernseher an. Ein abschließendes Hmmmmpf zum Abschied und schon erhält der Tag seine wohlverdiente erste Pause.

photocredits: Betsssssy | flickr

Geschwisterschweigen.

Manchmal wird in meiner aktuellen Trotzigkeit gerne vor allem eine Prise Spätpubertät gesehen. Das ist falsch. Überhaupt werde ich sehr oft sehr falsch eingeschätzt, und deshalb überlasse ich es mir seit Wochen und Monaten eigentlich nur mir selbst, mich einschätzen zu dürfen. Und um das auch nur ansatzweise vorzeigen zu können, muss ich natürlich meilenweit ausholen.

Ein aktuelles Thema ist das Stillschweigen zwischen meiner Schwester und mir. Mir und meiner Schwester. Seit dem 25. Dezember 2009 habe ich kein Wort mehr mit ihr geredet. Manche werden sagen, das sei ja noch nicht lange. Ist wohl auch wahr. Aber dazu später mehr. Erst heute habe ich wieder einmal in einem sehr, sehr langen Telefonat mit meiner Mama erläutert, warum ich das mache, und warum ich nicht daran denke, aufzuhören. Weil meine Schwester nicht das ist, was ich mir von ihr erwarte. Sie ist nicht die große Schwester, die sich um mich kümmert, die große Schwester, mit der ich über alles reden kann, sie ist auch nicht ein Mensch, auf den man sich 100 oder zumindest zweiprozentig verlassen kann. Sie ist meistens nur nett, wenn sie etwas braucht. Und Minuten, Stunden später ist sie es nicht mehr.

Und das läuft nun schon seit Jahren so. Ich bin vielleicht trotzig, und habe diese leicht pubertäre Art der Konfrontation, das krampfhafte Schweigen, ausgewählt, weil ich mir einfach nicht mehr zu helfen weiß. Familie bedeutet mir unglaublich viel, und ich weiß, dass ich zurzeit durch diesen nonverbalen Streit ein kleines Zerwürfnis hineinbringe. Aber ich will nicht mehr. Ist es blöd, dies zu sagen? Ich will nicht mehr! Verdammt! Nicht einmal ein Wort der Begrüßung oder des Abschiedes ist sie mir wert! Kein Hallo und kein Tschüss. Nicht einmal ein „Leck mich!“ hätte ich für sie übrig. Nicht einmal ein Blick. Nichts. Mehr.

Es ist traurig, ich weiß. Traurig, dass es soweit kommen musste. Traurig, dass sie es nicht einsieht. Sie lebt unbehelligt weiter, ist nicht einmal interessiert, auch nur ansatzweise etwas an ihr zu ändern. So wie immer. Dass ich in der letzten Woche drei Tage hintereinander von ihr geträumt habe, wird sie wohl nie erfahren. Dass ich mir eine friedliche Koexistenz wünsche, wohl auch nicht. Und dass ich irgendwann einmal glaubte, wir könnten sogar Freunde werden, sowieso.

Bin ich also trotzig? Klar. Pubertär? Maybe.  Hilft es mir? Ich weiß es nicht. Ich zumindest schätze mich so ein, dass ich das noch einige Zeit durchziehen werde. Ich habe keine Lust mehr auf-, mehr nachzugeben. Ich wurde von ihr schon viel zu oft enttäuscht. Jetzt ist sie mal damit dran.

Nacht.

„Was ist das hier eigentlich für dich?“
– „Hm? Was?“
„Das hier. Was ist das für dich?“

Ich war gerade irgendwo auf Gedankenausflug.

„Hm.“

Ein kurzer Moment des Nachdenkens wird mir hier wohl gestattet sein.

„Es ist schwer zu sagen. Es ist etwas … Besonderes.“

Emilys Blick zeigt mir an, dass sie sich hier eine ausführlichere Antwort wünscht.

„Es ist deshalb etwas Besonderes, weil irgendwie alles so vollkommen anders passiert ist, als ich es mir jemals vorstellen konnte. Dieser Zufall, als du zufällig mir gegenüber Platz genommen hast, und der Schaffner uns erst so richtig zusammenführte, die anfänglichen Gespräche, die schon damals über den normalen Smalltalk hinausgehen. Dann die Wiedersehen, egal ob sie nun zufällig oder von irgendjemanden von uns beiden gewollt waren. Immer wieder dein Lächeln und meine Freude darüber. Wir haben uns vom ersten Moment an total anders verhalten, als Menschen, die sich gerade das erste Mal sehen. Ich bin so etwas eigentlich nicht gewohnt.“
– „Hm.“

Sie kämpft sich gerade die Worte zusammen, versucht sie in der richtigen Reihenfolge rauszupressen.

„Und … und was empfindest du für mich?“

Es ist ja nicht so, dass wir darüber nicht schon Mal ansatzweise gesprochen haben. Aber wir haben uns nie darüber ausgesprochen. Und ließen immer dieses Mysteriöse zwischen uns.

„Bitte lache nicht. Aber ich habe mich ungefähr auf den dritten Blick in dich verliebt. Fand deine Art damals so … ja, besonders. Du stelltest den Gegenpol für meine Schüchternheit dar. Ich mochte deine Stimme, dein Lächeln, war richtig stolz, wenn ich einen guten Witz loslassen konnte. Dann sahen wir uns immer wieder, und immer wieder kribbelte es auch. Wir schütteten unsere Gefühle aus, erzählten aus unseren Leben. So oft hast du mich aufgefangen, als ich mich kopfmäßig ins Nichts stürzte, und so viele Male habe ich versucht, dich aufzufangen.

Bei dir verspürte ich eine ungeahnte Nähe. Eine zauberhafte Behutsamkeit, eine seltene Liebe. Und schon befand ich mich in dieser Zwickmühle … ja, ob es denn wirklich Liebe war, oder ob es nur eine wunderbare neue Art der Freundschaft ist. Eine Freundschaft, beschränkt auf eine Stunde pro Woche und einen Waggon in dieser riesigen Welt. Ich wollte nichts zerstören, deswegen habe ich auch nie versucht, dich zu küssen. Ich genoss einfach, wenn du auf meiner Schulter einschliefst, oder mir mit deinem wundervollen Enthusiasmus aus deinem Leben erzähltest. Und würde die Liebe überhaupt bestehen können, wenn wir unsere Beziehung, so wie sie jetzt ist, weiterführen würden? Ohne uns in der … Außenwelt zu treffen?

Denn damit hätten wir genau das verloren. Das, was es so unglaublich machte. So bewundernswert anders als all die anderen Beziehungen, die man eben so kennt. Wir wären nicht mehr das Paar aus dem Zug, das schon vom Schaffner mit einem Lächeln begrüßt wird. Wir wären genau wie all die Anderen. Wir würden die Beziehung der realen Welt zum Fraß vorwerfen, wir wären normal. Deswegen habe ich versucht, diese kribbelnde Liebe in etwas Anderes umzuwandeln. Und so liebe ich dich eben auf eine andere, neue Art.“

„Und.“ Wortsammlerei. „Und bitte frag‘ du mich. Frag‘ du mich, was ich für dich empfinde.“
– „Na dann. Was (an diesem Moment muss ich plötzlich etwas schlucken) … was empfindest du für mich?“

„Ich … ich könnte jetzt auch von ganz vorne anfangen. Aber nein. Du kennst mich. Mir kommt es doch immer aufs Hier und Jetzt an. Also … ich … ich glaube, ich habe mich in dich verliebt. “

Habe ich das erwartet? Nein.

„Ich hab‘ mich in dich verliebt, als du mir damals diese Haarsträhne aus dem Gesicht wischtest, und damals, als ich dir die Träne von der Wange tupfte. Ich habe mich gerade eben in dich verliebt, als du mir zeigtest, dass du dir so viele Gedanken über uns gemacht hast. Und jetzt steh‘ ich hier. Und komme auf den selben Gedanken wie du. Verdammt. Ich will doch auch nichts zerstören.“

„Müssen wir es? Müssen wir denn etwas zerstören?“

Ja, so bin ich. Anfangs vom Schlimmsten ausgehen, um sich anschließend doch noch ein paar Lösungswege zu überlegen. Es wird hier doch wohl etwas geben, dass nicht alles kaputt macht.

Emily hat sich neben mich gesetzt. Legt ihren Kopf auf meine Schulter und aus dem Augenwinkel heraus bemerke ich eine kullernde Träne.

„Ach, Emily. Komm. Wir sind etwas Besonderes, das weißt du doch. Warum sollten wir nicht auch so etwas schaffen?“

Kaum zu glauben, dass ein Liebesgeständnis so viele Probleme erzeugen kann. Ist vielleicht doch das ganze Setting unserer Geschichte für nichts und wieder nichts aufgebaut worden? Klammern wir uns hier nur krampfartig an etwas fest, was sowieso in Kürze zu verfallen droht?

Sie dreht den Kopf zu mir hoch, und ihre Lippen beginnen die meinen zu berühren. Das ist er, unser erster Kuss. Hoffentlich ist hier irgendein Gerichtssaalmaler, der diesen Moment in aller Skizziertheit für unsere Postkarte festhalten kann. Sanft streiche ich ihr mit einer Hand über den Hinterkopf.

Es wird schräg werden, anders als gewohnt, anders als wir es uns vorstellen. Aber jetzt bin ich mir sicher. Und Emily scheinbar ja auch. Wir werden es versuchen.

Ein Zwischenstück. Zumindest passiert all das vor „Genauer betrachtet“ angesiedelt. Ein wichtiger Punkt der Geschichte. Hoffe, dass auch das hier gefällt. Ob es sich schließlich so genau im Buch wiederfinden wird, weiß ja sowieso niemand. Aber zurzeit liegt es ja sowieso nur daran, verschiedene Pfeiler zu erstellen, um irgendwann eine Brücke darauf zu bauen. Und hier der Eintrag am Projektblog.

Der Kreislauf der Banalität.

Manchmal muss ich sogar lachen. So richtig laut, mit Mund offen und Kopf zurück. Einfach nur aufgrund der Banalität des Lebens. Weil wir uns Sorgen machen, um Dinge, die es manchmal einfach nicht verdienen, dass man sich darum sorgt. Weil wir um etwas kämpfen, was wir manchmal insgeheim gar nicht haben wollen. Weil wir Angst haben, etwas zu verlieren, was wir wohl noch nie hatten. Ja. Manchmal, da lache ich. Und niemand versteht mich in meinen kleinen humangetränkten Späßchen.

Eigentlich ist das Ganze ja etwas ganz Besonderes. Überall hört man nur, dass die Stufe vom pubertierenden quengelnden Weltschmerzteenager zum ach so großartigen Erwachsenen das Wichtigste sei. Ich will nicht. Will nicht Herrn Alltag und Frau Routine täglich routiniert die Hand schütteln. Darüber sprach ich schon, und vielleicht ist das auch nur ein sehr spätpubertärer Traum. Was für mich aber immens wichtiger als all das ist, ist etwas ganz Anderes: Eine der wichtigsten Stufen in unserem Leben ist jene, auf der wir bemerken, dass sich nicht die ganze Welt um einen dreht. Dass man nicht einzigartig ist, auf gewisse Art und Weise natürlich schon, aber gefangen in dieser Suppe aus überdurchschnittlich durchschnittlicher Menschheit. Wo jeder seine Sorgen, Ängste, Nöte, Hoffnungen, Träume hat. Sobald wir bemerken, dass wir nicht allein auf dieser Welt ist, ist einem selbst (und natürlich der Welt selbst) ein großer Dienst getan.

Und wie ich es kürzlich erst in einem meiner siebentausendfünfundvierzig Tweets schrieb: „Wir haben verlernt, unernst zu sein. (Daran scheitert die Welt, jawoll!)“ [X] So ist es, liebe Leute. Und es geht nicht nur darum, der Welt unernst gegenüber zu treten. Vor allem muss man unernst gegenüber sich selbst sein. Das verhilft viel zu oft zu einem Lächeln, zu einem optimistischen Kichern. Und manchmal, da macht man es laut, mit offenen Mund und Kopf nach hinten. Nur um wieder bei der Banalität des Lebens angekommen zu sein.

photocredits: Katie Tegtmeyer | flickr

Genauer betrachtet.

„Und du glaubst mir nicht, nicht wahr?“

Aus Emilys Gesicht war die Unbesorgtheit schlagartig verschwunden. Nein, ich glaube ihr nicht. Ich bin wütend, in mir brodelt es. Wie konnte sie mir das alles nur antun? Mir so viel zu verschweigen? Mich so nebensächlich abzuhandeln.

„Nein. Natürlich nicht.“

Stille kehrt ein. In diesem Zugabteil, welches trotz einer Unmenge an anderen Menschen gerade so ungewohnt leer wirkt. So als würden nur sie und ich hier sitzen. Emily und Noah am Ende eines Traumspazierganges. Am Ende des Lebens ohne Probleme. Auch, wenn all das nur in der Retrospektive so einfach aussieht. Wir hatten von Beginn unserer außergewöhnlichen Bekanntschaft Probleme, die wir aber bisher einfacher zu verstecken wussten. Zu ignorieren. Und jetzt sind wir hier, mit all dem Schutt und der Asche und den Tränen.

„Ich …“

Eine Entschuldigung?

„Ich … ich kann nicht mehr.“

Das sind auch mal unerwartete Worte.

„Wochen-, nein, monatelang haben wir uns immer hier getroffen. Haben uns durch Zufall kennengelernt, haben unsere Gefühle ausgeschüttet, als wir noch nicht mal unsere Namen kannten. Haben begonnen, aus Bekanntschaft einen Freund und in ebenso schnellem Tempo Liebe zu machen. Wir haben nicht daran gedacht, dass es auch außerhalb ein Leben gibt.

Ja, ich habe dir viele Dinge nicht erzählt. Ich habe sie nicht für interessant befunden, habe nicht gedacht, dass sie dich auch nur in irgendeiner Art und Weise interessieren. Ich habe mich stets auf dich eingelassen, diese eine Stunde. Habe sehnlichst darauf gewartet, dass der Zug einfährt und ich dich an diesem angestammten Platz finde.

Und in dieser so ungewöhnlichen …“

Ja, da hat sie Recht. Unsere Beziehung war darauf aufgebaut. Auf dieser Ungewöhnlichkeit, die für uns vielleicht erst diesen Reiz ausmachte.

„… so ungewöhnlichen Beziehung passiert eben mal auch irgendein verdammter Fehler. Wir sind beide nicht perfekt, genau das hast du selbst ja schon einmal gesagt. Und dann küss‘ ich eben mal diesen Typen.“

Eben mal. Was ist das nur schon wieder für ein Ausdruck.

„Und du selbst hast gesagt, dass du mich nicht einengen willst. Und genau du hast gesagt, dass du nichts von der Ewigkeit hältst.“

Ich bin sprachlos. Natürlich möchte ich niemanden einengen und hasse die Ewigkeit. Aber ist das Grund genug jemand anderen zu küssen? Oder reagiere ich hier einfach maßlos über? Aber auch Emily erkennt den falschen Weg den sie mit ihren Worten eingeschlagen hat.

„Es … es tut mir Leid.“

Ich bin wütend. Und um sie nicht weiter anstarren zu müssen, um nicht weiter ihren Worten lauschen zu müssen, lege ich meinen Kopf auf das Zugfenster, lasse die Welt da draußen vorbeiziehen, und versuche mich auf die Stille, auf das Vakuum in meinem Kopf zu konzentrieren. Es ist wohl an der Zeit, wieder etwas ruhiger zu werden.

„Die Fahrkarten, bitte.“

Der Schaffner, dieser werte Herr mit seinem wechselnden Aussehen und Auftreten, schafft in dieser, meiner Geschichte immer die schönsten und passendsten Auftritte. Ich drehe mich zu ihm um, lasse kurz meinen Blick mit Emilys treffen. Reiche ihm mein Ticket und möchte mich wieder gegen das Zugfenster fallen lassen. Aber ich kann nicht. Beginne zu lächeln und suche den Blick von Emily. Seit unserer ersten Begegnung schafft es dieses Ritual jedes Mal wieder, ein Lächeln auf unsere Lippen zu zaubern. Sie blickt auf, etwas bedrückt. Und für die kurzen Sekunden dieses Lächelns ist alles wieder perfekt.

Ich setze mich neben sie, greife ihre Hand und lege meinen Kopf auf ihre Schulter. Flüstere ganz leise „Sag nichts. Sag einfach gar nichts.“ – „Ich liebe ihn nicht.“, sagst sie und von mir kommt nur noch ein leises „Psscht.“  Ich will es nicht wissen.

Ein Auszug aus einem unbekannten Kapitel. Irgendwann in der Mitte des Buches. Übrigens ebenso auch am Projektblog veröffentlicht. Ein kleines Häppchen für meine vorfreudigen „Fans“. Ich hoffe, es gefällt. Ich stürze mich nun wieder ins Lernvergnügen.

Synchron schweigen.

Ich will dir nichts erzählen
Nicht von Liebe.
Von der Ewigkeit.
Von heute.
Nicht mal ich könnt‘ mir jetzt glauben.

Ich will dir nichts erzählen
Von Gedanken.
Die hier schwirren. Wie Schmetterlinge.
Schon seit Tagen.
Nicht erst jetzt.

Ich will dir nichts erzählen
Von dem Kribbeln und.
Und dem Warten.
Dem Hoffen.
Und der Nacht.

Ich will der nichts erzählen
Will nur hören.
Will nur fühlen.
Will nur schweigen.
Mit dir. Heut nacht.

photocredits: fotologic | flickr

Manchmal wünscht man sich eben die Aufmerksamkeit, die man sich zu verdienen glaubt. Diese Aufmerksamkeit wünsche ich mir jetzt neben meinen bisherigen Blogs nun auch für volledistanz.posterous.com. Das Buch ist also immer noch in der Mache. Und um nicht diesen Blog hier mit metasprachlichen Buchschreib-Gedanken vollzumüllen, habe ich eben diesen Mikroblog erstellt.

Dort kann man miterleben, wie ich zwischen Leben und dem Kunstgedanken herumbalanciere. Meine Probleme beim Weiterschreiben, kleine aber feine Infos zum gesamten Plot und hie und da auch so manches Stückchen zum Probelesen. Das ist wahrscheinlich Buchschreiben 2.0(10). Und ihr seid dabei. Und vielleicht erlebt ihr auch, wie ich die letzte Seite, den letzten Satz und den letzten Punkt schreibe.

Ich würde mich freuen, viele von euch dort drüben zu sehen. Kommentiert, abonniert, followed und subscribed.

vertraut.verspielt

Weißt du, manchmal, wenn ich dich sehe, bin ich einfach nur sprachlos. Sehe dich aus der Ferne an und beobachte, wie du lachst. Wie sich langsam deine Mundwinkeln zu diesem zauberhaften Lächeln formen. Dann fehlen mir ganz einfach die Worte, und aus reiner Glückseligkeit muss auch ich sofort zu lächeln beginnen. Es ist seltsam, nicht wahr?

Und wenn auch du mich siehst, und wir so nebeneinander sitzen und ich hinaustauche aus meiner Sprachlosigkeit, fehlen mir doch viel zu oft noch die richtigen Worte. Die Worte, die vielleicht auch nur annähernd zeigen könnten, wie vertraut du mir in letzter Zeit einfach geworden bist. Es ist verrückt, wo wir doch so zwei vollkommen unterschiedliche Wesen zu sein scheinen, oder? Ich weiß es nicht und doch rührt es nicht von ungefähr, dass du seit langem wieder einmal ein Mensch bist, der mich noch Worten zu ringen zwingt.

Diese verspielte Art, wie wir uns begegnen, jedes Mal. All die Worte die von deinen Lippen zu meinen Ohren eilen und von meinen zu deinen. Und all zu oft stehen wir uns ganz einfach nur selbst im Weg, findest du nicht? Und wenn ich sage, dass du mir fehlst, würdest du mir wahrscheinlich nicht glauben. Aber: Du fehlst. Mit wem soll ich reden, so spät nachts, wenn die Welt herum ihren hart erkämpften Schlaf nachholt und oft nur ich und du noch Stellung halten. Als einsame Kämpfer in purer Zweisamkeit, im Kampf gegen die Nacht.

Ich fühle, ich falle, atme, träume, denke, warte. Du spürst es doch, nicht wahr?

photocredits: paulaloe | flickr