Sturmwarnung. [17]

„Es soll Regen geben.“ Doch wir sitzen hier seit Stunden, trinken Wein und sind einfach nur am Leben.1 Der Wind rauscht durch die Bäume, reißt Blätter mit und macht auch vor unseren Haaren nicht Halt. Unaufhaltsam bahnt er sich den Weg, und ich sehe dich an. Es macht dir nichts aus. Du beobachtest die schwarzen Wolken, wie sich uns immer weiter nähern und bist erstaunt. Und vollkommen still. Es würde dir wohl auch nichts ausmachen, wenn es jetzt wild zu regnen beginnen würde. „Wir sollten gehen.“

Doch du bewegst dich nicht. Dieser Sommer, der innerhalb weniger Minute in Richtung Herbst abbog. Du saugst ihn auf, lässt ihn nicht los. Du blickst mich nicht mal an, als ich ein weiteres Mal versuche, dich von hier wegzulocken. Ich lasse mich zu dir nieder.

„Eine Sturmwarnung, siehst du.“, murmle ich noch, aber erwarte schon nicht mehr, dass du mich hörst. Du bist in deiner ganz eigenen Welt und kommst erst wieder zurück, wenn es dir genehm ist. Ich will dich nicht stören, will es aber doch auch spüren. Möchte versuchen, mit dir einzutauchen. Doch es geht nicht. Ganz hinten, am See, kommen schon die ersten Tropfen auf dem Wasser an.

„Komm, gehen wir!“, sagst du. Hüpfst auf, nimmst deine schon gepackte Tasche, drehst dich zu mir um, gibst mir die Hand. „Wir müssen weg hier.“ Und langsam tauchst du auch wieder heraus, aus der Stille. „Wunderschön, oder?“ – „Hm?“ – „Dieser Wechsel. Zuerst die Sonne und plötzlich diese düsterne Welt, diese dunkle Zeit.“ Du hast Recht. „Und der See, der plötzlich vollkommen still wird.“ Ich drehe mich um. Das war mir gar nicht aufgefallen. Aber du sagst die Wahrheit. So ruhig war er den ganzen Tag über nicht.

Die ersten Tropfen erreichen uns. „Komm, beeil dich.“, rufst du mir zu, ein paar Schritte vor mir mit dem Laufen beginnend. Und ich bleibe einfach mal stehen und genieße meinen ersten Sommerregen in diesem Jahr.

1 Juli – Tage wie dieser

Vor dem Ertrinken.

260309nw

Eiskaltes Wasser. 
Langsam füllen sich die Nasenflügel. Die Augen, fest zugepresst. Die Stirn beinahe in Windeseile erfroren. Nur noch Sekunden. Und. 

Er taucht wieder auf. Das Waschbecken ist bis zum Rand gefüllt, nur der kleine Abfluss am oberen Ende hindert es daran, den ganzen Raum unter Wasser zu setzen. Und immer noch läuft der Wasserhahn und pumpt mehr und mehr Wasser hinzu. Die Sinne scheinen versagen zu wollen, und der Kopf nickt. Sollen sie doch. Einfach fallen lassen. In dieses dunkle Loch aus eiskaltem Wasser. Es tötet ab und zerstört. Zerstört mit einem Mal so vieles.

Und. Die Luft ist angehalten. Er taucht wieder ein, in dieses kleine Becken. Die Eiseskälte läuft von seinem Hinterkopf hinab. Die Augen schmerzen. Doch er muss immer stärker versuchen, ruhig zu bleiben. Es sind Schmerzen. Und.

Ein letztes Mal taucht er auf. Mit nassen Haaren erinnert er sich an die letzten Tage zurück. So vieles hat er erledigt, hat Dinge geschafft, die er sich schon seit Tagen, seit Wochen, seit Monaten. Ja, sogar seit einem Jahr vorgenommen hat. Er scheint alles zustande zu bringen und trotzdem braucht er gerade dieses Gefühl. Diesen Schmerz. Steine sind von seinem Herzen gefallen, sein Kopf wird immer leerer. Immer leerer und seine Angst immer größer. 

Diese eisige Wärme legt sich um seinen Kopf. Und er setzt zum alles entscheidenden Punkt an. 

Er brüllt all‘ seine Wut, seine Angst, seine Ungewissheit hinein in dieses stille Wasser. Niemand hört ihn dabei. Und doch. Seine weit aufgerissenen Augen zeigen ihm. Er hat sich gerade selbst vor dem Ertrinken gerettet.

Foto: Ein Ausschnitt dieses Bildes von Martin Kingsley