Zweifel.

Wohnen

Nichts ist so wie wir denken. Vor allem bist du nicht so, wie ich es mir erhoffte. Das zweite Quartal.

In einer Beziehung steckend und mir immer die Frage stellen, warum es nicht mehr so ist, wie es früher einmal war. Wie es in unseren ersten vier Monaten, den letzten des Vorjahres, war. Nein, es musste anders werden. Wir haben uns gestritten, haben uns getrennt. Sind für kurze Zeit getrennte Wege gegangen, bis wir wieder zusammenfanden. Und da standen wir nun. Ich zählte die Tage, an denen ich dich nicht sah, und jene, an denen wir uns trafen, verkamen zu krampfhaften Liebesbekundungen.

Die Schule trug mich hin, durch all diese drei Monate. Ende April hatte ich meinen letzten richtigen Schultag. Was danach folgte, waren Prüfungen. Die Matura, also das österreichische Abitur. Anfang Mai schriftlich, und nach etlichen Vorbereitungsstunden in unzähligen Fächern Ende Juni auch mündlich. Ich machte mir nicht viele Gedanken. Lernte für einige Fächer mehr, für einige weniger und habe es schlussendlich in diesem ersten Halbjahr des Jahres nicht geschafft. Nur knapp nicht. Kein Bomben-Bauchfleck vom Zehnmeter-Turm. Aber doch irgendwie ein Rückschlag.

All die Dinge, die ein Jahr zuvor noch das große Leben bedeuteten, Tage am See, Grillfeste und Parties. Nichts war mehr interessant. Stets nahm ich mir vor, mich auf die Schule zu konzentrieren, doch auch das war nicht sehr hilfreich. Die Anteilnahme war relativ gering. Nichts ließ mich mehr kalt, als diese dämliche Schule, aus der ich mich so gerne herauswünschte. Doch auch das ging vorbei. Und trotz des Missgeschickes in Englisch, was mich am meisten überraschte, trotz dieses Missgeschickes war ich stolz. Stolz, es so weit geschafft zu haben. Stolz, beinahe die Matura bestanden zu haben.

Im Mai feierte ich meinen neunzehnten Geburtstag. Zum Feiern kam ich ehrlich gesagt nicht. Denn einen Tag später musste ich vier Stunden lang etwas über Konformismus und die Jugend von heute in meiner Deutschmatura schreiben. Und zwei Tage vor meinem Geburtstag fasste ich auf den Weg zu ihr einen Entschluss. Durch Kettcars 48 Stunden inspiriert, endete ein langer Nachmittag bei ihr, in ihrer Küche am Boden. Diskutierend. Und das war seit langem wieder einmal das erste Mal, dass ich streng auf meinen Kopf gehört habe. Mein Herz bließ außen vor. Diesmal habe ich Schluss gemacht, und doch sagten, wir, es war eine friedliche Trennung. Dass anfangs alles perfekt schien und schlussendlich doch wieder die Gefühle da waren, davon will ich hier jetzt gar nicht sprechen.

Im Juni feierte auch mein Neffe seinen ersten Geburtstag. Das es sein letzter werden sollte, damit konnte damals niemand rechnen. Durch Frust wegen meiner Schwester wollte ich gar nicht an der Geburtstagsparty ihm zu Ehren nicht teilnehmen. Ich konnte dieses scheinheilige Getue nichts mehr abgewinnen und kroch dann doch irgendwann in den Garten, aß mein Grillfleisch und versprühte negative Energie. Wunderbare Tage waren das, vor allem mit ihm. Es war sonnig und heiß,, und das Leben schien zwar stressvoll aber lebenswert. Kurz vor meiner mündlichen Matura dann heiratete meine Cousine Manuela ihren Ernst. Durch die ganze Aufregung, kurz vor diesem wichtigen Tag, begann ich schließlich auch wieder zu Rauchen. Etwas, das ich bis heute noch nicht aufgegeben habe.

Lied des Quartals: 48 Stunden – Kettcar
Buch des Quartals: Ein Kind unserer Zeit  – Ödön von Horvath.

Was von diesen drei Monaten bleiben: Erinnerungen an einen großartigen Menschen. Eine Trennung, die ich erst jetzt wirklich zu überwinden bereit bin. Das Ende meiner Schulzeit und Musik. Wie immer und überall, begleitete sie mich auch in dieses Mal immer und überall hin. „Zweifel“ eben deswegen, weil es mir irgendwann bewusst wurde, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich fühlte mich unwohl und wollte ein Ende. Wo Ende doch so entgültig ist. Dass ich danach ausging, Freundschaft führen zu können, zeigt wohl auch noch meine jugendliche Naivität. Aber trotz allem waren es schöne Frühlingsmonate.

// Jahresrückblick 2007. Teil 2. April, Mai, Juni.

Perfekt.

‚Du bist perfekt“, sagst du mir, lächelst und ich blicke dich vollkommen verstört an.

Was ist schon perfekt. Immer wieder denke ich mir, wie unsorgsam mit diesem Wort umgegangen wird. Was ist schon perfekt. Langsam taste ich mich vor. An mich. Nichts ist an mir perfekt. Ich gebe manchmal nur mein Bestes. Ich will doch gar nicht perfekt sein. Will nicht das Nonplusultra sein. Und bin sowieso meilenweit davon entfernt. Ich kann solche Sätze nicht ernstnehmen.

Der perfekte Schwiegersohn. Der perfekte Freund (in einer Beziehung). Der perfekte Freund (einer Freundschaft). Der perfekte Mensch. Alles doch nur ein Versuch, irgendetwas als großartig zu bezeichnen. Und doch fühle ich mich wie ein Mensch mit viel mehr Möglichkeiten. Ich weiß meine Stärken, noch besser meine Schwächen. Und lehne mich langsam zurück. Blicke in den Spiegel und betrachte mein Leben.

Ich will nicht perfekt sein. Ich will ich sein. Ich habe kein Problem, Fehler zu haben, sie zu zeigen. Wir alle sind doch perfekt, jeder auf seine / ihre Art und Weise. Bitte sag doch nicht, ich sei perfekt. Ich kann es nicht zurückgeben. Ich kann nicht sagen: „Du bist perfekt.“ Weil ich damit etwas aussprechen würde, was nicht mehr zurückzunehmen wäre. Ich will niemanden um mich haben, den man als perfekt bezeichnet.

Gut, schön, wunderbar, großartig, einzigartig, toll, nett, wundervoll, lieb, süß, atemberaubend, beeindruckend, besonders, anders, du, verstörend, belebend, Halt gebend, liebend.

Das kann ich sein. Das kann jeder um mich herum sein. Aber nicht perfekt. Da gäbe es nichts mehr darüber. Und ich brauche immer etwas, um noch größer zu werden. Um noch besser zu werden. Auf Perfektivität habe ich noch nie hingearbeitet. Wollte ich nur mal sagen. Inspiriert durch eine wunderbare Freundin.

Hier Sein.

Ja, ich weiß. Die Sorglosigkeit der Tage wird nie mehr so sein. Es ist alles anders und doch fühle ich mich wohl.

„Wie in guten alten Tagen.“, meinte Stefan, als wir während unserers Aufstieges mit dem Schlitten mal wieder eine Rauchpause machten. „Vollkommen sorglos. Absolut unbekümmert.“ „Wie in guten alten Tagen“, wiederholte er sich. Ich musste nicken. Es fühlte sich an, trotz der Kälte und dem Schnee und dem Schweiß wie der Sommer, den ich geliebt habe, und der mich lieben lernte. Wunderbare Tage, einige der schönsten meines Lebens. Und ich gerade erst mal siebzehn Jahre alt.

Alte Tage. Immer wieder rotieren diese Worte in meinem Kopf. Und was hält uns jetzt auf? Es war doch einzig und allein die Schule, die uns die Welt sorglos erscheinen ließ. Jetzt machen wir Zivildienst, oder Studieren schon. Warum nicht gute neue Tage. An mir soll’s nicht liegen. Ich wäre bereit, habe Zeit und Lust. Und habe einfach nur Verlangen nach diesem Gefühl vollkommener Unbekümmertheit.

Und trotzdem wird das Leben anders. Das ist es doch schon. Der Tod eines so sehr geliebten Menschen kann nicht einfach so vorübergehen. Dass man sagt, es ist geschehen, was soll man machen. Schön ist das Leben und ich mag mich auch. Nein. Das geht nicht einfach so vorüber. Es ist vielmehr eine Herausforderung. Und das Lernen, Momente im Leben viel mehr zu genießen. Man weiß nie wann es vorüber ist. Weiß nicht, ob solche Momente in ähnlicher Zusammensetzung wieder auftauchen.

Ich fühle mich sorglos. Ja, trotz allem. Weiß, dass noch nichts richtig verarbeitet ist. Aber ich scheine zu realisieren, schön langsam. Dass er nicht mehr kommt. Dass sie nicht mehr liebt. Ihn werde ich für immer lieben. Und sie. Hat ihre Chance vertan. Ich bin frei. Und liebe mein Leben. Ich habe mein Leben schon immer geliebt. Selbst wenn Texte von Suizid handelten, war das nur der Gedanke daran. Ich hätte viel zu viel zu verlieren. Vor allem meine Familie und meine Freunde. Menschen, die ich liebe. Und meine Träume. Viel zu kostbar.

Ich sehne mich nach meiner Zeit in Wien. Die nächstes Jahr, in zehn Monaten anfangen wird. Aber genieße jetzt auch noch die Zeit des Zvildienstes, freue mich auf den dreimonatigen Ferienjob. „Sag nicht, dass das ein sinnloser Tag ist. Einen Sinn hat jeder Tag.“, sagte sie immer zu mir, wenn ich mich über scheinbar sinnbefreite Tage ausließ. Jeder Tag hat einen Sinn. Das weiß ich nun. Ich bin unverliebt und fühle mich wohl in dieser Rolle. Bin kein unbedingt glücklicher Single. Aber auch keineswegs unglücklich. Froh über den beschissenen Abschluss einer teils wunderschönen, teils beschissenen Zeit.

Ich fühle mich wohl. Ich finde mich schön. Und bin froh. Froh, dass ich Menschen um mich habe. Menschen, die mich mögen, mich vielleicht sogar lieben. Menschen, die mit mir nachdenken, und mit denen ich grübeln kann. Menschen, die ebenso große Träume haben. Ich liebe das Leben und denke mir immer öfter. Eigentlich ist mein Leben sorglos. Eigentlich trage ich zwar eine verdammt schwere Last auf mir. Die Trauerverarbeitung. Und so weiter. Und doch hoffe ich nicht mehr auf einen so schönen Sommer wie damals. Ich bin bereit, ihn wieder so schön werden zu lassen. Ich helfe nach. Und werde all die Zeit, die nun noch folgt, wunderbar werden lassen. Eigentlich bin ich froh, einfach nur hier zu sein.

Dry Your Eyes.

It Won’t Supposed To Be. Easy.

Mein linker Fuß folgt meinem rechten, und der Rechte meinem Linken. Und so bewege ich mich fort. Ziellos, wortlos, ratlos. Die Straßen sind überfüllt von der Leere, die die Dunkelheit in dieser Einöde mit sich zieht. Das Gras ist grau, der Bach rauscht schwarz, der Wind weht dunkelbraun. Ich bleibe stehen. Halte mich am Brückengeländer und spüre den kleinen Bach, der unter meinen Füßen, unter dieser Brücke unter mir hindurchfließt. Setze mich nieder. Der Asphalt ist eisig kalt. So wie die Luft und die Hand, die diese eine Zigarette, die letzte des Tages, hält.

Ich kotze hinein. In dieses fließende Gewässer. Welches scheinbar alles weit weg trägt. Irgendwann in diesen nahegelegenen Fluss mündet, der dann in den nächstgelegenen größeren Strom mündet, um dann irgendwann in dem großen braunen Fluss landet, der all das dann irgendwann einmal ins Schwarze Meer liefert. Kotze meine Gedanken heraus. Mir war schon wieder nach weinen zumute. Als über den letzten gemeinsamen Tag gesprochen wurde. Ich an diese warme, arme, sanfte Umarmung denken musste. Mit all den Schmerzen, die dieser kleine Körper durchstehen musste. Und wir und niemand anderer und die ganze Welt einfach nichts bemerkte. Den Tränen nahe und der Bewältigung doch so fern.

Kotze meine Gefühle hinein. Ich bin auf diesem Weg der Entwicklung, vom Kind zum erwachsenen Kind soweit vorangeschritten, dass ich wieder gelernt habe, Gefühle zu zeigen. Ich zeige sie nicht jedem und doch offenbare ich sie der Welt. Ich weine im Stillen und erzähle hunderten Menschen jeden Tag davon. Ich bin wütend und kann es nur kurz wirklich zeigen, bis die Worte Überhand von mir nehmen. Aber ich kotze diese Gefühle in den Bach um all das Überflüssige herauszulassen. Ich versuche nichts mehr zu unterdrücken. ich denke mir ständig, sollten sie kommen, die Tränen, oder die Wut, oder der Schmerz. Ich würde sie herauslassen. Aber irgendwo in meinem Körper, meinem Gehirn, blocke ich das Ganze ab.

Kotze mein Leben heraus. Um es mit dem nächsten Atemzug wieder einzusagen. Einmal die frische Luft erlebt. Die Realität, die Kälte zu spüren. Um zu fühlen, dass es hier draußen auch nicht viel wärmer ist, als in diesem stämmigen Körper, der mich hüllt. Eiskalt ist es. Kotze all das heraus, und wische mir den ganzen Mist von meinen Mundwinkeln in meine Ärmeln. Stehe auf und rauche diese Zigarette zu Ende. Gehe den Weg weiter. Hin zu ersten Kreuzung. Mich zu entscheiden war noch nie meine Stärke. Gäbe es von allem nur eines, nur eine Richtung, nur eine Wurst, nur ein Getränk, wüsste ich, was ich nehmen müsste. Doch jetzt stehe ich vor einer Entscheidung, die so schwer fällt, dass ich immer das Abwegigste auswähle. Um nicht aufzufallen.

Gehe in diese Richtung los. Beginne zu laufen. Komme aus der Puste. Bis ich irgendwann durch dieses Stechen im Oberkörper zusammenbreche, und einfach nicht mehr kann. Laufe davon, vor allem, und stehe dann an einem Punkt an dem es nur mehr ein Zurück gibt. Um mich der Welt zu stellen. Und irgendwann werde ich vielleicht auch in der Lage sein, dass ich meinen Gefühlen vollkommen freien Lauf lasse. Dass die Tränen einfach kommen. Und irgendwann gehen. „Dry Your Eyes.“, wünscht sich meine innere Stimme. „Bald“, antworte ich, „bald!“

Stop Whispering.

‚Ich bin doch nicht verrückt.‘, denke ich mir und notiere mir den Termin für meine erste Therapiesitzung.

„Du schaffst das nicht alleine.“ – „Ich weiß.“ Ich habe es schon lange gewusst. Schon vor Monaten hat mir jemand geraten, eine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich habe alles zurückgewiesen: „Nein, nein. Das sind nur so Phasen.“ Damals konnte ich nicht erahnen, was sonst noch so in meinem Leben passieren würde. Die Phasen wurden stärker. Ich sehe mich nicht als depressiv an, wie manch anderer, der glaubt, mich zu kennen. Es wird mir aber irgendwie doch alles viel zu viel.

Für was brauche ich bitte so etwas? Ich therapiere mich selbst, indem ich darüber schreibe. Schreiben befreit mich und ermöglicht mir, Dinge auszusprechen, die ich normalerweise nie sagen würde. Ich brauche so etwas nicht. „Dein Neffe ist gestorben“, flüstert mir meine Stimme da in mir zu. „Da kommst du mit Schreiben auch nicht weiter. Wiederholst nur Tausende von Phrasen, die eben nur von dir niedergeschrieben werden. Was wirklich in dir los ist, dass weiß niemand. Nicht mal du, denke ich.“ Du hast ja Recht. Aber warum jetzt. Ich habe vor fünf Jahren auch schon meinen Großvater verloren. Habe einmal richtig geweint, danach nie wieder. Und jetzt bin ich ständig irgendwie den Tränen nahe, und kann es doch nicht. Selbst eineinhalb Monate danach.

„Und wie soll ich plötzlich einfach so reden können, meine Seele offenbaren, vor einem Menschen, den ich nicht kenne?“, frage ich mich. Und weiß doch, dass die Psychologin, zu der ich gehen werde, meine ehemalige Psychologielehrerin ist. Sie hat mir die gesamte Sache schmackhaft gemacht. Psychologie hat mich interessiert, Philosophie beschäftigt. Auf irgendeine Art und Weise hat sich so etwas wie Vertrauen aufgebaut. Ich weiß nicht, wie es sein wird. Vielleicht ist gerade das, das Vertrauen eben, eher befremdlich. Oder es ist die einzige Möglichkeit, um in meine Seele zu blicken. Ein zweischneidiges Schwert, wie man so schön sagt.

Ich bin nicht verrückt. Ich bin nicht depressiv. Empfinde keinen Hass gegen irgendjemanden. Hasse mich nicht selbst. Ich habe einfach Probleme, mit allem klar zu kommen. Ich habe Hoffnung. Hänge am, liebe das Leben. Habe meine eigenen Ansichten, wenn es um Glauben geht. Werfe niemanden etwas vor. Der plötzliche Tod meines Neffen ist passiert. Ich denke, ich muss einfach mal realisieren, und akzeptieren, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann. Dass er nicht mehr kommen wird. Ich weiß noch so vieles, was ich bei dieser Professorin gelernt habe. Satir, Frankl, Freud. Doch was wird sie zu mir sagen. Wie wird sie mir helfen.

Neben der Ungewissheit, was auf mich zukommen wird, bin ich schon gespannt. Gespannt auf die Therapie. Interesse an der Behandlung. Weil gerade sie für mich eine beeindruckende Persönlichkeit war. Und wahrscheinlich auch der Grund, warum ich ernsthaft überlege, neben Publizistik auch etwas Psychologisches zu studieren. Oder mich zumindest ausgiebig damit beschäftigen möchte. Wie wird es sein. „Das wird schon“, meint schon wieder meine Stimme in mir. Schön.

Vielleicht kann ich es irgendwann verarbeiten. Kann wieder einmal mit einem uneingeschränkten Lächeln Erlebnisse mit ihm erzählen. „Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben“ Der kleine Prinz. Der Text auf dem Erinnerungsbildes. Wann werde ich mich trösten. Wann wird alles besser. Wird alles besser. „Ich bin nicht verrückt.“, sage ich mir. Und meine Gedanken spielen Rugby, mein Magen kotzt innerlich, mein Kopf dröhnt und meine Hand zittert. Alles wird besser. Alles.

So Close Your. Eyes.

So schlagen also Gefühle um. Von Liebe zu Wut. Von Zuneigung zu Zorn.

Es fühlt sich so falsch an. Ich sitze hier, und meine Gedanken werden verziert von Aggression und Vorwürfen. Nicht gegen mich. Die Zeit habe ich hinter mir. Oder sie ist einfach kurz verschwunden, ohne sich zu verabschieden. Und wird irgendwann einmal wieder auftauchen und mich überraschen. Aber so ist es. Ich habe mir einiges auferlegt. Habe Träume mit Fäusten bekämpft, der Realität den Mittelfinger gezeigt und doch habe ich mich mit ihr vereinigt. Habe begriffen, dass das Leben nicht so ist, wie ich es mir gerne wünschte.

Nichts ist so, wie man es sich wünscht. Alles entwickelt sich in eigenen Bahnen und zeigt wieder einmal, wie unberechenbar das Leben ist. Ich sitze hier, gähne, weil ich die letzte Nacht sehr schlecht geschlafen habe. Wundere mich über die schöne Musik, die aus meinen Lautsprechern erklingt. Und frage mich, was die Welt wohl da draußen so treibt, während ich in diesem leicht geheizten Zimmer herumhänge und Worte aneinanderreihe.

Was mich jetzt erwartet? Kummerstimmung oder Weinphasen? Vielleicht. Aber nicht deswegen. Etwas viel Schlimmeres ist passiert. Das war nur der entgültige Punkt hinter einem viel zu langen Satz von mir. Du bist mir egal. Obwohl du noch in meinen Gedanken auftauchst. Es heißt zwar, dass vergessen nicht möglich ist, wenn die Gedanken noch voll damit sind. Aber ich möchte dich vergessen. Möchte unsere gemeinsame Zeit vergessen.

Könnte ich die Zeit zurückdrehen. Könnte ich, würde vieles anders werden. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, hätte ich unglaubliche Macht. Über mein Leben. Es wäre wunderbar, und doch bräuchte ich das Wissen von heute, um in der Welt von gestern weiter zu bestehen. Dass du bei vielen Gedanken vor einiger Zeit noch an erster Stelle warst, vergesse ich schön langsam. Dass du nur für mich da warst, weil es die Umstände irgendwie von dir verlangten, werde ich dir aber nie verzeihen. Du hast mir damit nicht geholfen. Wolltest wieder urteilen und dein „Wissen“ mit mir teilen. Du weißt gar nichts. Weißt doch nicht einmal, wer du bist.

Und so sitze ich hier. Und ärgere mich darüber. Ein weiteres Mal geschrieben zu haben, in dem das du eben du bist. Nimm es nicht zu Ernst. Wenn du es überhaupt lest. Wenn du dir überhaupt die Mühe machst. Der heutige Tag endet mit einem Eintrag, mit demselben Titel, mit dem dieser Blog begonnen hat. Sieh es als Zeichen. Leb Wohl. Und fick dich. Zurzeit wäre es mir am Liebsten, ich würde dich nie wieder sehen. //Schließ mal deine Augen. Und überlege. Nur ein kleines bisschen Überlegen würde manchmal nicht schaden. Und Mut. Ja. Mut wäre auch nicht schlecht.

World Keeps Turning.

Man kann die Welt nicht aufhalten. Nicht stoppen. Nicht zurückdrehen. 

Wie viele Dinge würde ich gerne ungeschehen machen. Wie viele Worte sollten lieber ungesagt bleiben. Wie oft habe ich mir schon gewünscht, die Zeit zurückzudrehen, um mein Leben zu einem perfekten Leben zu machen. Um die Welt zu leben, mit all den Fehlern, aus denen ich gelernt habe. Und wie oft habe ich gehofft, einen Knopf zu haben, um eine schreckliche Zeit schneller zu erleben. Damit das Ende früher da ist, als es normalerweise ist. Doch nichts geht. Rein gar nichts. Es ist einfach so wie es ist.

Momente, die mein Herz brennen, meine Gedanken ruhen und mein Leben sein ließen. Momente, die für mich ständig in Erinnerung bleiben werden. Und die keine Bedeutung für irgendjemand anderen haben. Nur für mich. Diese Momente, ich hätte sie gerne gespeichert, um sie mir immer wieder vor den Augen zu halten. Gerüche, die für einen kurzen Moment meines Lebens, meine Nasenflügel benetzten. Sie hätten auch bleiben sollen.

So beschissen die Welt ist, so unverständlich ihr Verlauf. Die Welt. Sie dreht sich weiter. Weiter bis zum Ende ihrer Zeit. Bis zum Ende des Lebens. Allen Lebens. Der Tod, die schlimmste Erfahrung eines Menschen. Diese Momente bleiben. Immer und immer wieder ist man mit denselben Gedanken, mit den selben Bildern im Kopf unterwegs. Mit dem letzten Moment, als man die so sehr geliebte Person noch einmal gesehen hat. Eiskalt, mit unbegreiflichen Flecken am Kopf. Dem Gefühl, einer Puppe über die Wange zu streichen. Nicht ihm. Nicht ihm. Nicht.

Diese Gedanken bleiben, und in solchen Momenten wünschte ich mir, dass mir zwar diese Erinnerungen irgendwie im innersten Inneren gespeichert bleiben. Aber ich doch weiterleben kann, ich mich weiterdrehen kann, wie die Welt es macht. Zur Routine zurück, würde ich sagen. Einer veränderten Routine. Einer Routine, die ich früher niemals als so etwas angesehen hätte. Es gibt keinen Pause-Button. Kein Rewind. Kein Fast Forward. Nein. Das Leben hat so etwas nicht vorgesehen für uns. Nicht für uns Menschen.

Die Welt dreht sich weiter, mit ihr drehen sich wir. Es wird nie mehr so sein. Nie mehr. Es gibt keine Stop-Taste, nur um alles erst einmal zu erfassen. Nein. Das muss alles im Laufe des Seins passieren. Nicht in einem pausierten Leben. Man kann nicht mehr irgendetwas gut machen. Nie. Man kann nur versuchen, das Leben zu leben. Nur um nie das Gefühl zu haben, solche Momente vermissen zu müssen. Diese Momente sind gut, wichtig, Teil des Lebens. Man kann nicht aufhören, bevor es zu Ende ist.

Tiefe Melancholie.

Alltag

Wieder einmal. Ein Leben. Meine Gefühle. Ein Widerspruch in sich. Oneself in Zwiespalt.

Wut. Wegen allem. Wegen Worten. Und fehlenden Reaktionen. Wieder deine Stimme. Umschwung von Wut in Freude. Einfach nur Freude. Ohne Grund. Trotz des Zweifelns meiner Gedanken. Trotz der ungesagten Worte und trotz alledem. Du tust mir weh. Wie es sich eben gehört.

Nach Garden State mit Elisabethtown einen weiteren Coming-Of-Age-Film gesehen. Über Tod, und dem Versuch, zu trauern. Und über das Leben und dem Sinn und alledem. Ein wunderbarer Film, schöne Musik, großartige Schauspieler. Und ganz viel Ryan Adams im CD-Player von Drew Baylors Auto.

Das Wochenende nicht zur Ruhe gekommen. Von Cocktailparty über Kino bis hin zum heutigen Abend. An dem ich auch wieder ins Kino gehen werde. Die „Beste Zeit“ steht an. Ebenfalls ein Coming-of-Age Film. Auf Bayrisch. Großes Interesse daran. Und doch, dieses Mal werde ich alleine gehen. Auch wenn ich sie angerufen habe.

Oder sie einfach kontaktiert habe. Sie hat mich dann zurückgerufen. Ob sie Zeit und Lust hätte, die beste Zeit mit mir zu genießen. Eine Beinahe-Absage und der Umschwung meiner Gedanken, meiner Gefühle. Das Wissen, nichts zu wissen. Und deshalb werde ich jetzt noch einige Minuten in der Stimme von Ray LaMontagne und seinem Shelter verschwinden.

Nur um in tiefe Melancholie zu verfallen. Nur um meine Ohren mit immer demselben Lied zu strapazieren. Immer noch das Handy neben mir liegend, hoffend auf einen Anruf und keine Absage.

Dass das Leben lebenswert ist, zeigte mir neben Elisabethtown auch schon Garden State. Und aus diesem Film möchte ich nun diesen einen einzigen, heutigen, wenig literarischen, und auch sonst nicht wirklich anspruchsvollen Text zu Ende gehen lassen.

Come here.
Fuck, this hurts so much.

Yeah, I know. But that is life. If nothing else,
that’s life, you know. It’s real. Sometimes it fuckin’ hurts. To be
honest, it’s sort of all we have.

How are you feelin’?

Safe.
When I’m with you, I feel so safe.
Like I’m home

Tenemos Que Hablar.

Alltag

We have to walk.

If you would walk a while, we could waste the day. //Foo Fighters.

Der Schnee kam zurück in mein Leben. All die letzten Überbleibsel vom schon länger zurückliegenden Einbruch des Winters wurden überdeckt von einigen vielen Zentimetern Neuschnee. Die Sonne konnte man heute noch nie sehen, der Nebel hat mein Zuhause eingeschlossen und der jetzt auftretende Regen lässt das Kopfweh wieder auferstehen.

Believe anyhting you want to. But please, please just walk away. //5 Chinese Brothers

Das Telefonat gestern hat mich aufgewühlt. Hat meine Stimme und meine Worte zurückgeschraubt. Ruhig wurde ich, bedeutungslos alles in meinem Leben. Wut, Zorn, Versuch des Verständnisses und dann doch wieder nur Wut. Ein normaler Mensch würde spüren, was manb mit einem Menschen anrichtet, wenn man sich so benimmt, wie du. Jeder Freund spürt es schon. Nur du nicht. Dir fehlt die Sicht.

Cause you make me feel so good ‚cause you’re so bad. //Aerosmith

Den Tag verbraucht. Die Nacht anbetend. Eine Cocktail-Party nennen es die einen. Endlich mal wieder ein komplett gemütliches Zusammentreffen. Wo wirklich beinahe alle wichtigen Menschen da sind. Freunde. Und wir alle werden Cocktails mixen. Werden Spaß haben, Musik hören. Rauchen, uns betrinken. Und in wenigen Minuten werden wir auch noch einkaufen fahren. By the way, übrigens.

Don’t walk away, don’t say goodbye. Don’t turn around, don’t let it die. //Air Supply

Träume holen mich ein. Der Druck ob der fehlenden Trauerverarbeitung erhebt sich in meinen Kopf. Statt Lebensberichte erscheinen hier viel öfter diese minimal literarischen Texte. Weil das Leben nichts mit sich bringt. Und die Kreativität zurück in meinen Kopf gelangt ist. Gedanken werden zu Worte, Gefühle zur Philosophie.

Walk On. With hope in your hearts. You’ll never walk alone. //Conway Twitty

Nicht alleine. Gemeinsam. Gestern. Den Film Garden State. Ein wunderbarer Film. Wunderschön. Unglaublich. Ich identifizier mich mit all den Gedanken und all den Szenen. Einfach nur wunderschön. Und so verschwinde ich aus diesem Tag. Melde mich ab. Für heute. Für diesen Monat.

Keine Texte Über. Liebe.

Das Kissen ganz fest in mein Gesicht gedrückt. Ich ringe nach Luft. Und irgendwann kann ich nicht mehr und lasse das Kissen aus, mein Kopf rollt auf die Seite und ich atme wieder weiter. So wie immer.

Mein Stift ruht wieder. Wenige Worte habe ich bis jetzt erst zustande gebracht. Und alle wurden verziert von wütenden und besorgten Strichen. Auf meinem Block findet sich nur eine unleserliche Schmiererei. Die Wörter sind verdeckt. Keinen ganzen Satz bekomme ich auf die Reihe, keiner geraden Linie kann ich folgen. Wütend auf mich und auf alles andere werfe ich den Stift quer durch das ganze Zimmer, bis er gegen ein Kästchen knallt, zerbricht und die blaue Tinte sich über den Boden ergießt. Doch anstatt es sofort wegzuwischen, werfe ich auch gleich den Block hinterher. Schlage meinen Kopf in das Kissen. Drehe ihn irgendwann zur Seite. Und an dieser Stelle, an der das Auge auf die Federn der Gans treffen, bildet sich ein kleiner nasser Fleck.

In die Decke wickle ich mich ein. Mir ist kalt. Ich habe Fieber. Mein Immunsystem spielt verrückt, es wurden wohl die falschen Abwehrkräfte aktiviert als ich dieses minderwertige Getränk jeden Tag trank. Und so nehme ich die Fernbedienung in die Hand und verlasse mich drei Stunden lang auf seichte, total uninteressante Einheitskost. Ich habe zirka vier Filme begonnen zu sehen, habe mir sechs Sendungen reingezogen und bin trotzdem noch so leer wie zuvor. Meinem Handy geht schön langsam der Akku aus. Und nichts erreicht mich.

Wie lange haben wir uns schon nicht mehr gehört? Mehr als eine Woche, wenn meine Erinnerung stimmt. Länger als die Ewigkeit, will sie mir weißmachen. Ich habe mich nicht gemeldet, so von wegen Stress und schlussendlich wegen Krankheit. Habe dich nicht angerufen. Habe nichts unternommen. Genauso wie du. Was solls denke ich mir und dann fällt mir wieder ein, dass ich eigentlich so oft daran denke, dass ich es einfach nicht lassen kann. Kann meine Gedanken nicht von dir abwenden. Neben all den Gedanken, die ich irgendwie brauche, um mit allem zurecht zu kommen. Beziehungsweise um immer mehr in einer Traumwelt zu versinken.

Millimeter für Millimeter, Tausendstel Sekunde um Tausendstel Sekunde. Die Welt setzt ihren gewohnten Gang fort. Hast du an mich gedacht. Hast du jemals mitbekommen, wie es mir geht? Selbst Menschen, die sich zuvor nur selten gemeldet haben, fragen nun, wie es mir geht. Und du, die so viele Monate Teil des Wirs waren, fragt nicht. Ich fühle mich leer. Die Decke wärmt nicht. Mir ist eisig kalt und ich zittere.

Selbst der Tee, diese Kirsche und was weiß ich Kombination, bringt meinen Kreislauf nicht wirklich auf Vordermann. Nein. Es bleibt so wie es ist. Und während ich kurz die Augen schließe, träume ich wieder die verrücktesten Sachen; und wenn ich wieder aufwache, denke ich wieder daran. Und ich würde mir wünschen, du würdest dich melden. Würde mir wünschen, du wärst da.

Und langsam stehe ich auf. Mein Genick, meine Beine, meine Hände. Alles tut weh. Ich bücke mich um den Block. Die Tinte hat sich mehrere Seiten tief hineingebohrt, und während ich durch das Karierte, von Blau getränkte blättere erscheint mir, vielleicht auch nur in meiner Vorstellung dieser Fleck auf Seite Sieben wie ein Herz. Alle Zettel davor reiße ich heraus. Hier soll es beginnen. Das soll es sein. Und während ich mir einen neuen Stift suche und mich an den Tisch setze, frisst sich der blaue Fleck immer weiter in das jetzige Deckblatt hinein. Als würde es alles einvernehmen und nichts unversehrt zurücklassen.

Zu zittern beginnen. Und den Stift wieder fallen lassen. Und mir für immer und ewig schwören: Keine Texte über Liebe mehr. Langsam hebe ich den Stift wieder auf. Und beginne zu schreiben. Dutzende Male dein Name. Hunderte Erinnerungen. Bis ich wieder einmal erkenne, dass es nicht geht. Vielleicht irgendwann. Nicht jetzt. Dich zu vergessen. Dich nicht als das anzusehen, was du nicht bist.