Nein. Es wird nie wieder so sein. Es wird anders. Anders schön.

Ich weiß nicht, ob sich jeder in meine Situation und in meine Gedanken hineinversetzen kann. Wer von euch hat schon einmal etwas so sehr liebgewonnen und – innerhalb eines kurzen Tages, eigentlich innerhalb weniger Sekunden, innerhalb eines Moments – ist alles so, wie es nie hätte sein sollen. Am Schrecklichsten ist es, wenn es sich dabei um einen Menschen, ein Kind handelt. Hätte ich vor einigen Jahren darüber nachgedacht, dass all das passieren würde, ich hätte mich selbst ausgelacht. So unrealistisch, so unwirklich mutet all das an.

Nicht verstehen, sondern akzeptieren. Warum all das passiert ist, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es passiert ist. So schmerzhaft allein dieser Gedanke ist, so soll er mich doch nicht davon abhalten, nach vorne zu blicken. Ich weiß: Damals, und es war zu diesem Zeitpunkt nicht nur das, versank ich in ein Loch, in eine Höhle, verlor den Kontakt zur Außenwelt und orienterte mich vollkommen neu. Über diese Neuorentierung freue ich mich nun im Nachhinein, muss ich  zugeben. Vieles hat sich zum Besseren gewandt. Aber es hat lange gedauert, bis ich die Tatsache akzeptieren konnte, dass es nie wieder so sein würde. Dass nie wieder sein Lächeln mich aufmuntern kann.

Ein Gespräch mit meiner Mutter, eines unserer täglichen Telefonate, brachte mich zurück zu diesem Thema. Der Wunsch meiner Schwester, ein Kind zu kriegen, wächst von Tag zu Tag. Und jeder von uns kann verstehen, warum. Niemand von uns kann fühlen, wie es innen drin in ihr aussieht. Aber ich wünsche es ihr. Ich wünsche mir, dass ihr Wunsch bald in Erfüllung geht.

„Aber es wird nie wieder so sein.“
„Nein. Ich weiß.“
„…“
„Es  wird anders schön.“

Wir dürfen nicht den Fehler machen, und all unser Leben nach der Vorstellung konzipieren, wie es war, als es war. Es ist nicht mehr, und selbst wenn es heute noch so oft schmerzt, so bin ich mir vollkommen sicher, dass alles gut wird. Anders gut, wahrscheinlich. Aber gut.

[Und Menschen nach Maßstaben zu messen ist niemals okay.]

Verlernt.

Weil das Kind, das gegangen ist, jetzt vor dem Haus stehend, erkennt und vermisst, dass es kein Kind mehr ist. [Kettcar; Verloren; Sylt; 2008]

Man hat es vergessen. Worte sind Gefallen und haben eines bemerkbar gemacht. Nichts ist, wie es damals war, all die Freude verloren und die Stimmen verstummt. Man hat es doch glatt vergessen. Ich erhebe mich, schiebe den Stuhl langsam zum Tisch. Verabschiede mich und mache mich auf den Weg. Meter vor dem Auto schrecke ich zurück und bleibe stehen. Das kann es nicht gewesen sein.

Ich drehe um und setze meine Schritte fort, weg von dem Auto, dem Heimbringdienst, dem Zuhause. HInaus in die weite Welt, an Orte, die ich vergessen, an Orte, die ich noch nie gesehen habe. Um zu denken und zu überlegen. Nachdenken über die Vergangenheit und über die Jahre, die mich zu dem machten, was ich jetzt bin. Und dann lege ich mich nieder, auf offene Wunden. Auf offene Fragen, mit Antworten verbunden.

Ich habe vergessen und lehne mich an. An die Parkbank und den Zaun. Die Zigarette wird kürzer und kürzer, Asche bröckelt auf mein Shirt. Die Gedanken spielen Pingpong und niemand gewinnt. Wie konnte ich nur, wieso denn bitte?  Gerade das scheinbare Elend der heutigen Jahre ist auf dem Vergessen des Vergangenen aufgebaut. Ein Kind war ich und wollte es ewig bleiben. Wollte kindlich denken und kindlich entscheiden. Wollte lauthals lachen und das Leben genießen. Die Verantwortung anderen geben und das Leid leben. Bis das Lachen wieder mein Leben befreit.

Man hat es vergessen. Hat verlernt, ein Kind zu sein. Nie mehr wird es, wie es hätte sein können. Wir haben verloren.