In Erinnerung.

Und du nimmst mir jetzt also auch den Menschen weg, zu dem ich eine so einzigartige, so innige, so wunderbare Beziehung habe. Du musst das größte Arschloch sein, Gott.

Meine Mutter und meine Schwester sitzen im Wohnzimmer und weinen. Ich kann nicht weinen. Ich habe noch keinen Tränenguss erlebt heute. Ich zittere nur seit mehr als einer Stunde, manchmal eine Träne. Mehr nicht. Ich möchte schreiben. Möchte meine Wut, meinen Zorn, meinen Hass in Worte fassen. So schwer es mir auch fällt.

Am 4. Juni 2006 erblickte Timothée Elias das Licht der Welt. Ein süßes kleines Baby. Mit vielen Haaren am Kopf, und seinen kleinen Händchen und Füßchen. Jeden Tag sah ich ihn, und liebte ihn vom ersten Tag an. Das wohl größte Geschenk, dass unsere Familie geschenkt bekommen hatte. Und er wuchs heran. Begann zu krabbeln. Irgendwann konnte er laufen, konnte Mama, Oma und Nein sagen. Er brachte Energie in dieses Haus. Er war der Sonnenschein. Er war der Lichtblick. So beschissen es mir auch ging, ein Lächeln von ihm, und meine Welt schien sorgenfrei zu sein. Heute, am 29. Oktober 2007 wachte er nicht mehr auf.

Ein Anruf meiner Mutter in meiner Zivildiensteinsatzstelle erreichte mich. Es ist etwas Schlimmes passiert. Ich habe ehrlich mit allem gerechnet. Aber nicht damit. Im Alter von einem Jahr und fünf Monaten stirbt ein Mensch, der noch so viel vor sich hatte. Ein Engel auf Erden, so kitschig es auch klingt, er war es. Sein Lächeln, seine Energie, den Spaß beim Spielen, den er hatte. Seine Liebe, sein Sein. Alles hat unsere Familie gebraucht. So zerstritten wir manchmal auch waren, Timi war unser Fixpunkt. Bei ihm waren wir alle die besten Menschen.

„Timi ist tot“. Ich beginne zu zittern, der Telefonhörer lässt sich nur mehr unfreiwillig in meiner Hand halten. „Er ist nicht mehr aufgewacht“. Ich möchte am liebsten weinen. Ich zittere. Melde mich vom Dienst ab und fahre mit dem Auto nach Hause. Die ganze Zeit „The Drugs Don’t Work“. All these talks of getting old. Du hättest alt werden sollen. So viele Pläne hatte ich mit dir. So viele Träume. Gestern nacht habe ich an dich gedacht. Heute morgen. Als du wahrscheinlich schon tot warst.

Und ich warte. Warte auf meine Tränen. Ich hasse es, wenn ich weinen möchte, aber ich nicht kann. Irgendwann kommt dieser Moment. An dem alle Dämme brechen. Ich hätte dir doch noch so vieles sagen wollen. Ich wollte so vieles mit dir teilen. Ich wäre der beste Onkel gewesen, den man sich nur wünschen kann. Ich hätte dir die Welt vor deinen Füßchen ausgebreitet. Wäre mit dir in hinaus gezogen. Und jetzt liegst du tot da. In irgendeinem Krankenhaus, wo festgestellt wird, woran du gestorben bist. Und ich kann nicht zu dir. Kann dich nicht ein letztes Mal drücken. Dir einen Kuss geben. Kann mit dir nie mehr die Katze fangen, und dir nie mehr Süßigkeiten zustecken. Alles was mir jetzt bleibt ist die Trauer und die Erinnerung an den besondersten Menschen, den es je gab.

Du warst das Beste was mir je passiert ist. Du warst ein Engel. Jetzt bist du es wieder. Ich liebe dich so sehr. Und ich habe dich verloren. Du bist weg. Aus meinem Leben. Mir bleiben nur die Gedanken an dich. Und all die wunderbaren Momente mit dir. Ich würde so gerne noch einmal mit dir kuscheln. Deinen Kopf an meiner Schulter spüren. Dein Lächeln sehen.

Du bist weg. Für immer. Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Du fehlst mir. In jedem Moment. Ich hasse die Welt. Hasse Gott. Hasse jeden, der dazu beigetragen hat, dass du jetzt nicht mehr da ist. Ich liebe dich. Verdammt. Ich liebe dich. Ruhe in Frieden, mein kleiner Timi. Ruhe in Frieden.

We Never Change.


Über mein Unvermögen zu Weinen, aus tiefstem Inneren heraus, habe ich schon geschrieben. All die Erlebnisse, Erfahrungen, all die Worte der letzten Tage lassen mich aber irgendeine verdammte Fernsehsendung sehen und die Tränen finden von ganz alleine ihren Weg.

Oper ist für mich ja sowieso Gänsehauterzeuger Nummer Eins. Wenn ein dicker Paul Potts Nessun Dorma vorträgt, kann ich kaum atmen. Und wenn ein siebzehnjähriger Deutscher seine Opernstimme nach außen trägt, sitze ich einfach nur da, bekomme ein Gänsehaut, fange an zu zittern und kämpfe gegen die Tränen an. Bis ich nicht mehr kann. Und all diese Gedanken, all diese erdrückenden Gefühle, die Angst, die Wut, der Zorn, die Liebe, alles auf mich einstürzt und die Welt immer mal wieder etwas mehr aus den Fugen gerät.

Ich habe nicht geheult, ich habe auch nicht zu weinen angefangen, wegen der Ereignisse. Ich habe durch die Musik zu weinen angefangen. Die mich so sehr bewegt hat, und mich nicht mehr losließ. Die mich dazu brachte, alles rauszulassen. Und seit eben diesen drei, vier Stunden bringt mich das kleinste Melancholische, das minimalste Gänsehauterzeugende aus der Fassung. Und so soll ich mich jetzt also aus dem Haus trauen? So soll ich jetzt also in einen Taizé-Gottesdienst gehen, wo es um Besinnung, um innere Ruhe und inneren Frieden geht. Ich befürchte fast, dass ich die eine oder andere Träne vergießen werde.

Nichts hält mich wach und nichts lässt mich schlafen. Ich bin gerade in so einer Welt, aus der ich aufwachen möchte. Aus der ich mich rausboxen möchte. So lange möchte ich meinen Kopf gegen die Wand schlagen, meine Faust gegen meinen Kopf, bis die Welt wieder ruhig ist. Bis alles wieder passt. Gott sei Dank habe ich es nicht unbedingt so mit selbstzerstörerischen Aktivitäten. Aber es ist nicht nur ein Tag, an dem sich die Welt bitteschön ins Knie ficken soll. (Erstauspruch: hoch21) Nein, es sind schon mehrere Tage. Es werden vielleicht Wochen. Bis die Welt entgültig aus den Fugen geraten ist, und ich endlich dazu bereit bin, mich umzustellen.

Coldplay in Momenten wie diesen zu hören, tut gut und weh. I never meant to do you wrong. Es tut weh. Die Gedanken. Das Gefühl vollkommener Hilflosigkeit.

Winding Road.

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Gedanken nach einem Tag wie diesem.

Die Wärme der Nacht umhüllt die Wiesen und Wälder um mich herum. Ich, geschützt in meinen vier Mauern meines Zuhauses, in dem ich mich mit jedem Tag und jedem Streit weniger wohlfühle. Die Tränen eines eineinhalbjährigen kleinen Jungen, der mit der vollkommenen Erkältung seines kleinen Körpers leben muss. Ich, in der Versuchung, ihn mit meiner Mutter alleine zu lassen. Die Welt da draußen ruft mich, ich, mit Kopfhörern und Bonnie Sommerville bewaffnet, will mich so lange wie möglich in dem Schutz meiner Einsamkeit weiterleben.

Dieser Tag hat einem neunzehnjährigen Jungen mit Fernweh wieder einmal gezeigt, wie unwichtig der Begriff Familie ist. Familie ist nicht gleich Eltern und Geschwister und Großeltern und Tante. Familie sind die Personen, zu denen man eine innige Verbindung hat. Und das sind, mit Verlaub, zurzeit nur meine Eltern und mein Neffe. Und selbst mit meinem Papa kann ich kaum über Weltbewegendes sprechen. Dass meine Mutter den Frust der Welt auf ihren Schultern trägt, hinterlässt mich in Sorge um ihre Psyche. So lange kann man das nicht aushalten.

Dieser Tag hat mir wieder einmal gezeigt, wie unterschiedlich diese Charaktere in einer „Familie“ sind. Dass meine Schwester eigentlich nichts mit uns gemein hat, lässt meine Mutter trotzdem fragen, was sie bei ihrer Erziehung falsch gemacht hat. Ich kann es ihr nicht sagen. Es muss irgendetwas gewesen sein. Dass man es jetzt sowieso nicht mehr rückgängig machen kann, ist leider Fakt aber ebenso auch noch nicht Grund zum Aufgeben. Aber ich kann sowieso meiner Mutter nicht sagen, wie sie mit meiner Schwester umgehen soll. Ich habe keine Ahnung von bedinungsloser Liebe von Mutter zu Kind.

Dieser Tag hat einem neunzehnjährigen Jungen wieder einmal gezeigt, wie schön die Zeit mit Freunden ist. Wie schön, selbst die Zeit alleine zuhause ist. Die Einsamkeit, die Melancholie, die Zwei-, Drei-, oder Dreizehnsamkeit, der Spaß. Alles hat seinen Reiz. Aber von Streit und Kreischen und psychopatischen Ausbrüchen meiner Schwester geweckt zu werden, das gehört sicherlich nicht zu den reizvollen Dingen meines Lebens. Dass mein Leben beschissen ist, ist wohl Fakt. Aber natürlich gibt es auch ein Leben zwischen den beschissenen Facetten.

Die Wärme der Sonne, wenn sie durch den Wald, auf diese windige Straße voller Laub fällt. Der Weg ins Ungewisse, ins Helle, Erleuchtete. Das Neue. Die Dunkelheit zurücklassen. Die Dunkelheit, die Vergangenheit. Die Jugend. Die Kindheit. Mit all ihren wunderbaren Momenten, mit all ihren beschissenen Facetten. Mit allem.

Einfach mal wieder alles neu. Entweder mit den Beatles „The Long And Winding Road“ oder mit Bonnie Sommerville und der „Winding Road“. Oder einfach dem gesamten Garden State Soundtrack.

You On My Mind In My Sleep

Warum ich mich erst heute wieder um 15 Uhr melde. Was in den letzten dreißig Stunden passiert ist. Und was denn heute noch stattfindet. Und warum ich mir wohl wahrscheinlich diese Woche die Haare nicht mehr schneiden lassen werde.

Gestern war, durch den heute stattfindeten österreichischen Nationalfeiertag, mein letzter Arbeitstag dieser Woche. Und nachdem man von Montag bis Mittwoch gequälte Langeweile nach sich zog, so war dieser Donnerstag definitiv etwas anders. Etwas zu spät angekommen, trotz eigener Autofahrt. Den Kopf woanders und mit der Motivation am Ende. Kurz noch den Computer eingeschaltet, die Blogs auf Kommentare überprüft. Und dann, ab ca. 9 Uhr,  bis ca. 15 Uhr in der Küche // dem Seminarraum hässliche bunte Würfel zur Lärmdämmung aufgehängt. Mit Bohren, Dübeln, Schrauben und Aufhängen. Vierzig Mal übrigens, für zwanzig Würfel. Und um 15 Uhr war es dann das erste Mal, dass ich mich hinsetzen konnte, und einfach mal sagen konnte. Fertig. Auch wenn diese selbstverliebte Frau (meine Chefin) es vollbrachte, mich innen zu kochen zu bringen, aber nach außen hin eiskalt ruhig zu halten. Denn irgendetwas musste ja nicht passen.

So what. Mit dem Auto nach Hause. Noch brav einkaufen. Und dann irgendwann um neunzehn oder zwanzig Uhr auf der Couch eingeschlafen. Und aufgewacht, ca. zehneinhalb Stunden später. Der gestrige Tag schien mich also wirklich geschlaucht zu haben. Und als hätte ich noch nicht geschlafen, fiel ich heute vormittag auch immer mal wieder zurück in diese Lage. Jetzt noch mal schnell ein Feiertagsessen bei McDo geholt. Und nochmal schlafen.

Und was dann noch alles so passierte? Ein verpasster Tee mit Sarah, eine verpasste ICQ-Anfrage von Thomas und ein verpasster Anruf von Stefan. Die erste Tag nach der Abreise meines Vaters nach Amerika. Das Haus ist still und beinahe leer. Der Tag verliert seine vierundzwanzigstündigen Daseinsberechtigung. Und die drei freien Tage werden stressreich aber hoffentlich wunderbar lustig. Heute findet beim Lukas eine Glühwein und Punsch-Session statt, die erste in diesem Jahr. Morgen ist ein Maturaball, der zweite für mich in dieser Saison. Und am Sonntag findet ein Taizestunde in einer Kirche statt, und da mir die Idee von Taizé und die Lieder gefallen, werde ich auch dort sein. Und dann beginnt die 11. Woche meines Zivildienstes auch schon wieder.

Den Kopf woanders. Am Donnerstag weckte mich meine Mutter wie immer um 5:30 Uhr auf. Gerade als ich seit langem wieder einmal einen Traum träumte, an den ich mich auch später erinnern konnte. Ein Traum mit ihr. Wo ich überraschend anders reagierte. Und alles so ungewohnt war. Sie kam zu mir. War total anders drauf und alles war perfekt. Und dann ist der Traum zu Ende, da ich geweckt wurde. Dieser Traum. Träume können war werden. Werden sie es denn wirklich? Ich weiß es nicht.

Ein Traum. Eine viel zu lange Schlafnacht. Eine vollgeplantes Wochenende. Und ich.

Und Alles Andre. War Egal Und. Längst Vergessen.

Die Welt beruhigt sich. Rund um mich. Und trotzdem bin ich unruhig, leicht gereizt und von Kopfschmerzen geplagt. Was ist los mit mir? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es diese eine Prüfung. Die eine am Mittwoch. Ich habe Angst. Im Hintergrund schnarcht mein Vater und im Fernseher läuft Richterin Barbara Salesch. Und langsam denke ich mir, ich freue mich auf den Winter. Freue mich auf Regen. Freue mich, wenn ich weg bin von hier. Ich habe Kopfweh, fühle mich eingeengt. Hasse mein Zimmer. Der Raum, in dem ich schlafe. Ich hasse meine Gedanken, Gefühle. Ich liebe es aber trotzdem. Mein Leben. Ich weiß nicht, was los ist.

Die Welt zusammenstürzen sehen. Mich selbst belügen. Anzug anziehen, mich gepflegt aus dem Haus begeben. Auf einen Ball gehen, auf dem ich nur eine Person wirklich gut kenne, und ich die anderen als gute Bekannte einordnen würde. Die ich das letzte Mal im Jänner gesehen habe. Nein, weitere Freunde sind nicht da. Ich bin alleine, in einer Menschenmenge. Irgendwann werde ich, wieder total nüchtern (natürlich) nach Hause fahren, ins Bett fallen und an meinen Gefühlen und Gedanken zu ersticken versuchen.

Die Welt baut sich neu auf. Doch es ist immer noch da. Es will nicht weggehen. Selbst jetzt nicht. Ich brauche Abstand. Mindestens zweieinhalb Stunden mit dem Zug muss ich weg um endlich mit allem abschließen zu können. Ich freue mich auf Wien. Wenn ich von hier weg bin. Meine Eltern nur mehr zwei Tage in der Woche sehe, und viele Menschen vielleicht nur mehr einmal im Monat. Wenn überhaupt. Darauf freue ich mich. Mit Kopfschmerzen. Dem Plan für diesen Abend. Und der Angst vor Gefühl und Gedanken.

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Wenn Nur. Mehr Worte Zählen. Und Das Unausgesprochene. Überwiegt.

Wenn nur mehr Worte zählen, und die Tage nichts mehr wert sind. Wenn Tränen wärmenkönnen, und Feuer weint. Wenn Schmerzen lachen, und Worte einem Leid zufügen. Dann, ja dann ist das Leben lebenswert.

Wenn man nebeinander sitzt, sich Blicke schenkt, Gedanken teilt, und sich Berührungen wünscht. Dann zählen nur mehr Worte. Wenn man glaubt, die Blicke zu verstehen, passiert es immer wieder, dass Gedanken den Kopf vollmüllen. Das Worte von den Lippen gelesen werden können, selbst wenn der ganze Mund ruht. Die Angst vor Nähe, und die Angst vor Ablehnung lässt einen jedoch still ruhen um das Problem der Unnahbarkeit für sich in Anspruch zu nehmen. Verlässt sich auf den ersten Schritt des anderen, um dann doch nur wieder mit tränengefüllten Gedanken alleine im Bett zu liegen. Und nicht einschlafen zu können, da diese unausgesprochenen Worte doch mehr sind als nur Leere und Luft. Sie beklemmen, erzeugen Krämpfe, und halten einen wach.

Wenn man nebeneinander sitzt. Zwei Freunde. Menschen mit geteilter Seele. Verwandte der Gedanken. Und doch die Vergangenheit über diesen beiden Freunden liegt. Sich Gedanken in das Hirn schleichen, und man denkt, dass alles doch wieder so wie früher ist. Man sitzt neben diesem Menschen, der einem manchmal mehr bedeutet als die gesamte Welt in ihrer Sinnlosigkeit. Man möchte sprechen, vieles erzählen. Möchte, wenn man traurig ist, in den Arm genommen werden. Wenn man einsam ist, wünscht man sich diesen Freund zum In-die-Sterne-Schauen. Möchte manchmal einfach nur reden. Sitzt neben diesem Menschen und kann nichts sagen. Möchte erzählen, was einem auf dem Herzen liegt, und kein Wort in diese Richtung verlässt den Mund. Möchte sich beschweren, da sich dieser Mensch doch schon viel zu viel verändert hat. Und man sagt einfach nichts. Ein Kloß im Magen malträtiert die Gewohnheiten und die Gefühle für diesen Menschen. Und wenn man ihn dann das nächste Mal sieht, fühlt man sich zwar besser. Und doch bleibt das Unausgesprochene. Niemals werden beide davon erfahren.

Wenn man nebeneinander sitzt. Sich unwohl fühlt, am liebsten den Platz verlassen möchte und man dann doch merkt, dass genau diese Menschen einem die Erbanlagen geschenkt bzw. achtlos überlassen haben. Deren Anrede man als Erstes lernte. Der Vater. Die Mutter. Menschen, die einem mehr bedeuten sollten, als das Universum in seiner verdammten Unendlichkeit. Und doch hasst man diese gewissen Angewohnheiten eines jeden. Hasst den Umgang, hasst es, wie sie mit einem reden, hasst ihre Stimmen, ihre Worte. Man glaubt, den Glauben an sie schon längst verloren zu haben. Möchte oft einfach nur aufstehen, alles ins Gesicht schreien, möchte ihnen zeigen, was man so an ihnen hasst. Möchte Türen eintreten, Spiegel zerschlagen. Möchte all die Wut, die sich in einem Menschen aufstauen kann, herauslassen. Und doch bleibt man sitzen. Schluckt still den Schmerz hinunter. Und das Unausgesprochene kehrt immer wieder zurück ins Gedächtnis. Wenn man sie das nächste Mal sieht, wenn sie das nächte Mal mit einem sprechen. Alles bleibt gleich.

Und das Unausgesprochene überwiegt. All diese Worte, die nie den Weg finden. All diese Gedanken, die nie in Worte umgewandelt werden. All die Gefühle, die im Bereich der Gedanken steckenbleiben. All das überwiegt. Nur der Schmerz, die Angst, die Ungewissheit … nur das bleibt.

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Father And Son

 

Ich hatte immer einen Vorsatz … ich möchte nie so ein Vater sein, wie du es bist.

TEXT: DOMINIK LEITNER, www.neon.de

Wir sprechen wieder miteinander. Nach zwei großen, ausartenden Differenzen sprechen wir wieder miteinander. Nehmen uns wieder ernst. Sprechen auf Vater-Sohn-Basis. Doch ich habe mein Vertrauen in dich verloren.

Wenn ich an meine Familie denke, denke ich immer zuerst an meine Mutter. Sie war immer für mich da. Sie unterstützte mich immer, soweit es ging. Kam ich von der Schule nach Hause, war sie schon da. Musste ich mal weg, konnte sie mich irgendwo hinfahren. An dich erinnere ich mich immer nur, wie du abends nach Hause kamst, schnell etwas aßt und dann auf der Couch schliefst. Ich erinnere mich an dich nur als einer, der so viele Zigaretten rauchte, der leicht ausrastete, und dem man nur schwer etwas recht machen konnte.

Ich habe dir schon oft an den Kopf geworfen, dass du nicht mein Vater seist. Du seist nur mein Erzeuger. Ein Vater ist auch für einen da. Du bist mein Vater, das weiß ich, und das weißt auch du. Nur ich verstand und verstehe es immer noch nicht, warum du dir so wenig Zeit für deine Familie genommen hast. Warum dir die Arbeit so wichtig war, warum der Stammtisch und deine kommunalpolitische Arbeit so viel Zeit in Anspruch nehmen konnte, die Familie dabei aber nur einen kleinen Platz in deinem Leben bekommen hat.

Du hast dich manchmal nicht mehr unter Kontrolle. Von meiner Mutter habe ich vielleicht drei verdiente Ohrfeigen bekommen. Von dir mehr. Nein, du hast mich nie grün und blau geschlagen. Ohrfeigen waren es. In einem Streit. Wo du dich einfach nicht mehr zu helfen wusstest. Damit hast du mich einfach enttäuscht. Ich dachte, man kann all das auch anders lösen. Anders als mit dem Schlagen eines Kindes, oder eines jungen Mannes.

Jetzt, wo mein Neffe, dein Enkelsohn da ist, da denke ich mir … wenn du doch nur so viel Zeit mit mir verbracht hättest. Du würdest mich dann verstehen. Würdest zu mir helfen. Würdest dich auf meine Seite stellen. Wärst Vater und Ansprechpartner. Aber das bist du einfach nicht. Und ich will eben dies sein.

Aber ich merke es, in meinen Zügen, meinem Verhalten, meinem Auftreten und allem … ich werde dir immer ähnlicher. Es gibt ihn also wirklich, diesen Teufelskreis. Man kommt aus dieser Rolle, die man von einem Vater gelehrt bekommt, nicht mehr heraus. Für Generation wird das weitergegeben.

Aus Erzählungen von meiner Mama habe ich erfahren, dass du es mit deinem Vater auch nicht leicht hattest. Ich habe ihn leider nie kennen gelernt. Er starb bevor ich überhaupt realisieren konnte, dass er mein Großvater war. Aber kannst du dich noch ändern? Kannst du noch das werden, was ich von dir verlange? Möchtest du das überhaupt?

Ich würde es mir wünschen … aber sei wenigstens ein guter Großvater für meinen Neffen. Dass du wenigstens da einmal etwas richtig machst.

You Don’t Know Me At All

 

Wir werden wohl nie Freunde sein. Aber leider sind wir dazu verpflichtet, Geschwister zu sein.

TEXT: DOMINIK LEITNER, www.neon.de

Du bist die wohl einzige Person, die ich im Moment wirklich hassen möchte. Obwohl es dann doch wieder nicht geht. Ich bin mit dir verwandt, du bist meine Schwester. Gibt es da nicht auch irgendwie eine Sache mit bedingungsloser Liebe? Zumindest kann ich dich kaum leiden. Aber warum?

Du bist zweieinhalb Jahre älter als ich. Wohnst seit einige Monaten wieder bei uns. Es scheint so, als hättest du schon so viel in deinem Leben erreicht, so viel gesehen, so viel erfahren. Doch eigentlich bist du noch gleich dumm wie früher.

Das einzig gute, was du in deinem Leben zustande gebracht hast, ist dein Sohn, mein Neffe, jetzt acht Monate alt. Mit deinem Freund, meines Neffen Vater ist es kurz vor der Geburt wieder auseinander gegangen. Du hast jetzt einen neuen Freund. Schmiedest mit ihm schon wieder Pläne für die Zukunft.

So viele Jahre sind vorübergegangen. Fast 19 Jahre habe ich dich nun als meine Schwester. Und so viele Streite sind bisher entstanden. So viele sind ausgeartet. Wir haben uns geschlagen, gekratzt, uns gegenseitig bedroht, Dinge gemacht, die man eigentlich in unserem Alter nicht mehr machen sollten. Und es wird nicht besser. Du verstehst keine Kritik, und ich ebenso nicht.

Wir sind jetzt, im Alter von 18 und 21 immer noch die gleichen verbohrten Hohlköpfe, wie wir es schon immer waren. Keiner von uns will nachgeben, jeden frisst der Neid, jeder ist eifersüchtig.

Aber warum musst du mir immer das Gefühl geben, ich sei nichts wert. Ich würde das Abitur (in Österreich die Matura) nicht schaffen. Ich sei sowieso nur ein Vollidiot, der nichts zusammenbringt. Warum stellst du dich immer so hin, als würdest du alles besser wissen. Und warum redest du trotzdem mit mir, selbst wenn ich es tagelang vermieden habe, dich anzusprechen …

Ich versuche dich nicht ernst zu nehmen, doch es gelingt mir kaum. Ich bin enttäuscht. Enttäuscht von dir. Enttäuscht, dass nicht einmal meine Schwester mir etwas zutraut. Dass meine Schwester nicht hinter mir steht. Dass in meiner Familie nur meine Mutter die Ansprechpartnerin für alles ist.

In so vielen Familien sehe ich genau das, was ich auch bei uns gern sehen würde. Dass wir Freunden wären. Leute, die über alles miteinander reden. Leute, die vielleicht auch mal längere Zeit damit verbringen, ohne dass irgendjemand ausrastet und mit Sachen um sich wirft. Vielleicht gibt es ein Problem. Ich bin dein kleiner Bruder, du bist meine Schwester. Wärst du mein Bruder, ich glaube, da würde vieles leichter sein.

Ich möchte dich gerne besser kennen lernen, ich möchte, dass wir zumindest als normale Geschwistern miteinander leben können. Vielleicht schaffen wir das irgendwann. Freunde werden wir wohl sowieso nie …

Goodbye, Brother

 

Gerade jetzt bräuchte ich einen Bruder

TEXT: DOMINIK LEITNER, www.neon.de

Ich wurde im Mai 1988 geboren, 2 1/2 Jahre nach der Geburt meiner Schwester. Ich war also das Nesthäkchen, der Jüngste der Familie. Nun werde ich bald 19. Meine Schwester hat inzwischen selbst ein Kind … doch irgendwie fehlt mir etwas.

Dreiundzwanzig Jahre wärst du heuer geworden. Wärst mein großer Bruder gewesen. Wahrscheinlich die einzige Person, die mich in diesem Haus wirklich verstanden hätte. Du wärst jener, der sich auch für mich eingesetzt hätte. Meine Stütze, mein Freund, mein Mit-Mir-Träumer. Aber das alles bist du nicht. Du bist tot.

Totgeboren am 3. September 1984. Du bist das erste Kind meiner Eltern. Durch ungenaue Arbeit im Krankenhaus wurde nicht bemerkt, dass dein Puls immer weiter nachlässt. Als du endlich das Licht der Welt erblickt hattest, war es schon zu spät. Du hast nichts erlebt.

Ich habe nicht oft mit meiner Mutter über dich geredet. Ihr fällt es sichtlich schwer, sich daran zu erinnern wie es war. Du wirst in unserer Familie totgeschwiegen. Du wirst nicht als Florian bezeichnet, den Namen hättest du eigentlich bekommen, sondern als „das Kind vor Michaela“ oder „das erste Kind“. Das hasse ich. Du bist mein Bruder. Du bist Florian.

Du fehlst mir. Ich habe dich nie gesehen, habe dich nie gekannt, habe nichts von dir bisher gehabt, aber ich weiß immer, dass du da bist. Selbst mein Tagebuch richte ich an dich. „Lieber Florian“ … du sollst an meinem Leben teil haben. Gerade jetzt. Gerade jetzt … wo sich alles so verändert. Wo ich mich so verändere.

Ich hasse dich. Oder falsch … nein … ich hasse es, dass ich dich eigentlich fast gehabt hatte, als großer Bruder, als Freund, als Gesprächspartner. Ich bräuchte dich so sehr. Aber du bist nicht hier. Du gibst mir nicht Antwort, wenn ich mit dir spreche. Du lässt mich mit meiner verrückten Familie, mit meiner bescheuerten Schwester allein. Ich weiß, ich klinge gerade egoistisch … aber das empfinde ich einfach so. Du fehlst mir. Ich bräuchte dich.

Aber eine Frage stelle ich mir schon seit langem: Wärst du nicht totgeboren, wärst du das erste lebendige Kind meiner Eltern … gäbe es dann überhaupt mich?