… Und Das Etwas Andere Weihnachten

Timi ist gerade erst ein halbes Jahr alt.

Als die Welt um ihn in Stress versinkt, er viele Menschen nur mehr selten sieht. Weihnachten würden es alle anderen nennen. Doch für Timi ist all das unverständlich. Das Fest der Geburt eines kleinen Kindes. Zu früh wäre es, um ihm alles zu erklären. Für ihn soll das
Weihnachtsfest eine Überraschung sein.

Alle finden sich ein, bei Timis Urgroßmutter. Wie jedes Jahr feiert die ganze Familie dieses Fest gemeinsam. Das Christkind hat auch einige Päckchen für Timi unter den Baum gelegt. Als endlich Bescherung stattfindet, leuchten seine Augen. Die vielen Kerzen, dieser wunderschöne Anblick. Irgendwie kann er alles noch nicht fassen. Und nachdem er sich eher mehr mit den Verpackungen als mit den Geschenken befasst hat, schläft er irgendwann ein. Schließt die Augen und verschläft den Rest des heiligen Abends.

Seine Familie, die Menschen, die er immer um sich hat und die ihn so sehr lieben, haben sich schon einiges für das nächste Weihnachtsfest
überlegt. Und haben gesagt, dass alles anders sein wird. Dass es ein viel schöneres Weihnachten ist, mit leuchtenden Kinderaugen und einer glücklichen Familie. Weit weg waren all diese belanglosen Weihnachtsfeste, an denen alles wie geplant, wie streng fixiert ablief.
Dieses Jahr würde Weihnachten anders werden, träumten sie.

Und dann hebt Timi plötzlich mit diesem, seinen Engel ab. Und findet den Weg zurück nicht mehr. Freut sich über seine Flügel und fliegt
herum. Er selbst ist ein Engel geworden. Nun ist er nicht mehr dieser lebendige, lebenslustige kleine Engel auf Erden. Er spielt nun im
Himmel. Und manchmal verliert er auch Gedanken, an all die Menschen, die ihn lieben.

Plötzlich steht das Weihnachtsfest wirklich vor der Tür. Seine Familie gibt zu, dass alles anders ist. Aber anders als gedacht. Zwei
leuchtende Augen fehlen. Ein Mensch fehlt. Weihnachten wird nicht so, wie es sich alle vorgestellt haben. Statt Lachen und Freude, werden Tränen erscheinen. Tränen, die mehr als begründet sind. Man feiert die Geburt eines kleinen Kindes. Und fühlt den Schmerz um den Verlust des eigenen. Nichts ist so, wie es sein sollte. Und doch ist es.

Und manchmal blickt Timi herab. Sieht diese, seine Menschen, wie der Stress an ihnen vorüberzieht. Sieht, wie traurig alle sind. Es gibt
sogar Momente, an denen er sich zurückwünscht. Und dann taucht er auch in den Träumen mit auf. Nur um seinen Lieben zu zeigen, dass es ihm gut geht. Ihnen hingegen geht es nicht gut. Und das Fest ist dieses Jahr wirklich anders. Anders als all die Jahre zuvor. Anders als gedacht.

Ich habe schon fast Angst vor heute. Schon fast. Angst.

Die Nacht Dreht. Sich. Um Dich.

Siehst du. Der Mond hat sich ein Fernglas gebaut.

Die Sonne ist gesunken. Der Tag scheint am Ende angekommen zu sein. Außer Puste, völlig fertig. Er braucht jetzt wohl Zeit zum Regenerieren, würden Tagmenschen jetzt sagen. Doch der Tag geht erst jetzt los. Erst jetzt ist die Zeit für die schönsten Momente. Die Dunkelheit und die Nacht, diese beiden lassen einen fliegen, und die Sterne berühren.

Ich liege hier. Blicke aus dem Fenster, und erschrecke vor den hellen Strahlen, die mich treffen. Beim Nachbarn brennt noch Licht, Autos fahren auch noch. Die kaputten Gardinen helfen nun also auch nichts. Und so setze ich mich auf die Fensterbank, blicke in den immer noch schwarzen Himmel. Sehe die Sterne, die Inseln aller Verstorbenen und die Gedanken aller Gedenkenden. Ich strecke meine Hand aus, doch die Fensterscheibe lässt sie wieder ruhen. Nicht weit bin ich gekommen, mit meinem Wunsch, den Himmel zu berühren.

„Das hier ist unser Stern, siehst du?“, habe ich dir gesagt und auf den Stern über uns gezeigt. Ich weiß nicht, was an ihm so besonders ist, doch jedes Mal wenn ich meine Blicke über den Nachthimmel schweifen lasse, fällt mir unser Stern sofort auf. Wie sollte ich ihn auch vergessen. Plage ich mich doch schon viel zu lange mit dem Versuch, ein Leben ohne dir führen zu können.

Du weißt nicht, wie oft ich hier sitze. Wie oft ich den Himmel berühren möchte, wie oft ich diesen einen Stern vom Himmel holen würde, um ihn zu mir ins Bett zu legen. Um dich immer um mich herum zu haben. Jede einzelne Nacht, dreht sich nur um dich. Jeder letzte Gedanke vor dem Wegdösen ist dir gewidmet. Und so hasse ich das Gefühl, wenn die Sonne mich am nächsten Morgen die Nase kitzelt. Um mir zu zeigen. Die Nacht ist vorbei. Deine Nacht ist vorbei. Alles ist vorbei und doch kommt es immer wieder. Ob nun in der rationalen Wirklichkeit, oder in den Gedanken. Irgendwie kommt alles wieder. Man kommt einfach nicht los.

Für euch beide.

Im Taxi. Weinen.

Mit der Welt nicht mehr zurecht kommen, den Kopf schütteln, als man diese Geschichte liest, und irgendwann auch mal im Taxi zu weinen beginnen. Bis man plötzlich zu lachen beginnt. Weil man endlich gerafft hat, dass man die eigene Geschichte gelesen hat.

„The same procedure as every year“. Diese Zeilen hängen mir schon seit meiner jungen Kindheit in den Ohren. Wie für viele hunderttausende Eltern war es auch für die meinen schon Tradition, vor dem Fernseher zu sitzen und dieses Stolpern und das Trinken zu beobachten. Kurz, bevor das Jahr umbrach. Und man sich eine neue Jahreszahl merken musste. Meistens nur eine Ziffer. Und einmal wurden sogar die kompletten Vier ausgetauscht. Alle sprachen vom Millienium, vom Crash, vom Ende der Welt. WIe immer, wenn die Welt etwas laut verkündete, war alles nur heiße Luft.

Ich bin geboren. Vor der Wende. Auch wenn ich kein Deutscher bin, und die Österreicher mit Ost-West nicht so (dieses „so“ soll relativ zu verstehen sein) involviert war. Nur um den jüngeren Lesern irgendwie klar zu machen, wie alt ich jetzt schon bin. Also, ich ward geboren. Als drittes Kind meiner Eltern. Als zweites Lebendes. Durch Zufall und großartiger Intervention meiner Großmutter wurde mir der Name Dominik geschenkt. Und nein, ich werde hier nun keine Namensanalyse herausfordern. Viel zu müde bin ich dazu. Und deswegen setze ich diesen, nunmehr vierten, Rückblick fort.

Geburtstage feierte man früher stets mit der Familie. Großeltern, Tante, Onkel, Cousin, Cousine, die Großtante und ihr Mann und mein engster Familienkreis. Mit der Papp-Krone aus dem Kindergarten und bei mir, so wie jedes Jahr, diese Erdbeer-Roulade oder der Torte mit den Kerzen. Stolz wie ein Pfau. Und ohne einen Gedanken an so vieles, was jetzt gerade meinen Kopf besetzt. Damals, zu Zeiten dieser Geburtstage war die Welt schon in Trümmern. Doch damals noch sah ich über die Trümmer hinweg und erblickte den Horziont.

Weihnachten feierte man damals, und man macht das auch noch bis ins heutige Jahr, bei meiner Großmutter. Wieder einmal verwandschaftlich-familiär. Große Geschenke, kleiner Baum, und auch mal Tränen, weil etwas nicht unter dem Christbaum lag. Oder das Falsche. Jetzt, im Nachhinein schämt man sich sogar für die materielle Herangehensweise an Weihnachten. Und nimmt sich vor, sein(e) Kind(er) anders auf Weihnachten vorzubereiten. Was mir und meiner Frau höchstwahrscheinlich wohl kaum gelingen wird.

Durch die vergangenen Tage und Wochen seit dem Schicksalsschlag kommen Erinnerungen hoch, die ich zu vergessen wagte. Oder die unabsichtlich in Vergessenheit zu geraten scheinten. Als ich und der Nachbarsjunge immer viel zu lange in der Schulküche blieben, als es Erdbeerknödel oder Palatschinken (Pfannkuchen) gab. Und wir dann ca. zwei oder drei Stunden brauchten, bis wir zuhause ankamen. So vieles gab es zu besprechen. Und zwischen uns beiden baute sich irgendwie eine tolle Beziehung auf. Irgendwann, ich war glaube ich noch in der Grundschule zogen sie weg. Nicht weit. Ein oder zwei Kilometer. Doch der Kontakt brach ab. Weg war es. Weg war sie. Die einzige Freundschaft in der Nachbarschaft. Für immer.

Was mir auch noch in Erinnerung kam, war das morgentliche Frühstück bei meinen Großeltern, wenn wir eine Nacht bei ihnen schlafen durften. Ich erinnere mich noch an den Platz, an den Opa saß, sehe ihn in meinen Bildern im Kopf da sitzen, meine Oma, um einiges jünger aussehend. Und alles so schön aufgetischt. Jedes Mal war es wunderbar, bei meinen Großeltern zu schlafen. Und ich erinnere mich noch an ihr altes Auto. Und seit Jahren nun schon, versuche ich mir einen Satz in Erinnerung zu rufen, den mein Opa so oft gesagt hat. Niemand weiß, wovon ich spreche, aber ich täusche mich in diese Angelegenheit nicht. Irgendwann höre ich ihn wieder einmal und dann werde ich sagen können: Das hat mein Opa auf immer gesagt.

Soll ich schon wieder über meine verlorenen Lieben schreiben. Über den Schmerz des gebrochenen oder angeknaksten Herzens. Über des Leid mit einem Selbst. Ich möchte erst gar nicht. Vieles ging schief. Und doch sehe ich irgendwie nun eine Linie durch alles hindurch. Würde ich jetzt ein Buch schreiben. Eine Biografie unserer Familie. Eine Art Buddenbrooks für Mittelstands-Österreich in der zweiten Hälfte des 19ten und der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts. Ich würde nicht einmal den Subtitel ändern. „Verfall einer Familie“. Wie sich meine Eltern verändert haben, beunruhigt mich nun schon irgendwie, wenn ich die Bilder in meinem Kopf mit den Bildern meiner Augen vergleiche. Man könnte so vieles tun, wenn man als Gemeinschaft auftreten würde. Würde man es tun, wäre so vieles einfach.

Ich bin dann höchstwahrscheinlich der verrückte Höhepunkt und schlussendlich auch das Ende des Entwicklungsromans. Dass ich mit meinem Kopf auf meiner Hand, in meinem Bett liegend, dämpfend Kettcar-lauschend, einen irren Blick auszuprobieren versuche, interessiert hier wohl auch keinen. Und so schreibe ich weiter und überlege mir Dinge. Dinge aus meinem Leben.

Die Welt liegt brach. Unsere Wut gegen die Welt, gegen Gott oder dieses verdammte Überirdische spiegelt sich im Umgang mit uns selbst wider. Wir haben schon wieder verlernt, wie wir mit uns umgehen müssen. Die Zeit des ersten, heftigsten Schockes war unsere Familie ungewohnt ruhig, das Haus wurde maximal von Musik oder einem Weinen durchströmt. Jetzt ist wieder alles anders. Musik wird kaum mehr zugelassen. Zum Weinen gehen wir meistens raus. Und ich kann sowieso nicht mehr Tränen vergießen. Nicht deswegen. Ich kann das ganze sowieso jetzt gar nicht verarbeiten. Stehe da und kann nur reden. Sitze da, und kann nur schreiben. Aber ich kann es nicht realisieren. Mache Dinge, damit er sich nicht wehtut, wenn er das nächste Mal kommt. Lege das Messer weiter in die Tischmitte, damit er es ja nicht erwischt. Und bin mir trotzdem irgendwie im Klaren, dass er doch nie wieder kommt.

Und dann sitzt man da, versucht über die Vergangenheit zu philosophieren und wird von urplötzlich von der Gegenwart eingeholt. Sieht auf seine Familie, wie Gott, oder der stille, schreibende Beobachter ohne Schweigepflicht. Und muss erschrocken den Blick abwenden und wünsche mir etwas, wenn ich die nächsten Kerzen ausblasen darf. Und immer mal wieder kommen Gedanken hoch, Erinnerungen hoch, die lange verborgen blieben. Vielleicht kann ich sie mal wieder alle sammeln. Vielleicht kann ich auch wieder neue Erinnerungen zulassen. Vielleicht kann auch wieder alles okay sein. Auf seiner Art und Weise?

If You Can’t Leave It Be.

Alltag

… might as well make it bleed.

Nach was suchtest du? Was glaubtest du zu finden? Bist du nun glücklich? Und ist nicht jede einzelne Suche absolut sinnlos? Weil man nach dem Finden schlussendlich wieder nicht ruhen kann.

Nachdem die Gardine von mir unabsichtlich irgendwann einmal wegen dem Versuch, eine Zigarette auf dem inneren Fensterbrett zu rauchen, heruntergerissen wurde, ermöglicht mir der spät-abendliche bis früh-morgentliche Blick aus dem Fenster so manche Überraschung. Dass die Welt da draußen selbst zu Mitternacht nicht durchgehend dunkel ist, sondern eine scheinbar bedrohendes rotes mattes Leuchten hervorruft. Dass Schnee selbst das Schwarz etwas wärmer werden lässt. Und dass ich schon wieder viel zu lange vor meinem Notebook sitze.

Ich schreibe. Wieder einmal. Nur noch ein Eintrag. Und dann Augen zu. Und schlafen. Ich muss das hier noch schreiben. Muss noch. Muss ich? Noch schnell auf den Veröffentlichen-Button drücken und warten. Habe ich alles richtig gemacht? Und warum?

Mit den Nachwirkungen von Fieber beschäftigt, außerdem mit Kopf-, leichten Ohren- und gerade erst auftretenden Halsschmerzen beschäftigt. Als Einziger in diesem Haus schon auf und mit Norah Jones wieder einmal eine Musik herausgekramt, die ich damals zu meinen All-Time-Favourites zählte. Die Ruhe vor dem Sturm. Die Sanftheit in ihrer Stimme. Das Brüllen in meinem Kopf. Und der Wasserkocher der mir die nächten eineinhalb Liter Tee zubereitet. Dass es noch Minuten bis Stunden dauern wird, bis ich Gesellschaft bekomme, lässt mich hier weiterschreiben, bevor ich wieder einmal die TV-Kiste einschalte.

What Am I To You. Eine gute Frage. Ich suche viel lieber die Fragen zu vorgegebenen Antworten. Das fällt viel einfacher und lässt mehr Fantasie zu. Fantasie. Ein Schlagwort der besonderen Sorte. Niemand ist irgendwie fantasielos. Nein. Das gibt es nicht. Nur Fantasie ist, so wie alles im Leben, relativ. Der Eine definiert es so. Der Andere anders.

Gestern mal wieder bemerkt, wie bemerkenswert Scrubs ist. In den erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Folgen My No Good Reason (Mein scharfes Kindermädchen, Season 6, Folge 14) und My Long Goodbye (Meine Patenschaft, Season 6, Folge 15) habe ich mal wieder durchgehend gelacht. Bis ich kurz vor Ende mit Tränen konfrontiert war. Deswegen liebe ich Scrubs. Vielleicht habe ich auch nur geweint, weil mich das Kranksein irgendwie sensibler machte, oder weil … ich weiß nicht.

Kirsche mit irgendetwas anderem. Mein Tee für den heutigen Morgen. Wieder einmal ein Wochenende an dem nichts passiert ist. Nichts. Krankheiten entstehen bei Dominik immer Freitag und halten sich bis Sonntag. Aber ich kann sowieso nicht länger als bis heute krank sein. Morgen muss ich. Ach verdammt.

Ein Brett vor dem Kopf. Worte, sich immer wiederholende Worte in meinem Kopf. Mich für Lahja freuen. Und selbst noch wünschen. Hoffen. Glauben. Warten. Niemals aufgeben wollen. Würde mir nicht viel daran liegen, wäre ich schon wieder ganz woanders. Doch es liegt mir viel daran. Viel zu viel. Und so sitze ich hier, oder ich liege, oder ich schlafe, oder ich laufe, oder ich stehe. Und hoffe und warte. Es ist egal. Irgendwann einmal wird alles wieder passen. Es wird anders sein. Aber gerade deswegen wird es perfekt sein. So gut es eben geht. Irgendwann.

Das Leben. Und perfekt. Zwei Wörter, die sich nicht mögen. Aber irgendwann einmal, wenn der Schmerz und alles irgendwie … nein, nicht weg, sondern erträglicher sind, dann werde ich mal wieder dasitzen, vielleicht am See mit Freunden. Und werde mir denken, während wir Wonderwall singen: Perfekt.

Und so lebe ich krank in den Tag hinein. Hinterlasse überall mein Spuren. Hier meine Teetasse, da meine aktuelle Ausgabe NEON, dort meine Decke und da die Fernbedienung. Das gehört dazu, vor allem wenn ich krank bin. Nicht ausschließlich, aber vor allem. Seit langem wieder einmal ICQ gestartet. Auf ihren Nickname geklickt. Und gehofft, dass sie online geht. Aber hey, es ist gerade erst acht Uhr. Am Sonntag. Und sowieso. Und deswegen jetzt noch schnell trainieren, wie man Amokläufer wird, eine Runde Max Payne spielen. Bis ich mir die 300. Folge von Genial Daneben reinziehe. Jaja, ich weiß. Mainstream-Comedians-Kacke. Schon okay. Aber ich hab die erste Folge gesehen. Und wahrscheinlich einhundert andere. Oder noch mehr. Und deswegen.

Mich nicht rechtfertigen müssen. Wenn man es nicht sein lassen kann. Ich bin doch hier in meinem Blog. Und in meinem Blog kann ich tun und lassen was ich will. Ich bin hier der Herrscher, der Gott, … ähm … der Administrator.

Mich Dich Euch jetzt mit meinen Gedanken alleine lassen. Geht wieder schlafen. Steht erst mal richtig auf. Trinkt Kaffee, Tee, NeoCitran oder was weiß ich. Hört Musik, seht fern. Trefft Freunde, Verwandte. Lebt den Sonntag, wie man ihn nunmal lebt. Ich werde mich noch etwas auskurieren. Um ja nicht. Ähm. Ihr wisst schon.

Canonball.


Steal a little bit of my thoughts.

Stones taught me to fly

Und da kommt wieder einer auf mich zu. Reaktionsschnell weiche ich aus. Es hagelt Steine. Von allen Seiten. Nurschwer kann cihd iesen steinigen Weg beschreiten, aber ich versuche es trotzdem.

Gerne wäre ich dieser eine Stein. Den ich meterweit auf den See hinauswerfe. Der mit seiner flachen Oberfläche drei oder vier Mal das Wasser sanft berührt. Und immer größer werdende Kreise erscheinen lässt. Bis er irgendwann ohne großes Aufsehen einfach versinkt. Wahrscheinlich am Grund des Sees noch einiges an Schlamm hochwirbelt. Bis er schlussendlich für immer dort begraben bleibt.

Einfach mal ein Stein sein. Stumm und voller Geschichten. Ohne Mimik und Gefühl. Und doch fliegt er mehr oder weniger graziös durch die Luft. Und hinterlässt eine kleine Furche am Boden. Hinterlässt einen Eindruck. Schnell ist er vergessen. Und doch war er für einen kurzen MOment seines schrecklich langen Lebens der Mittelpunkt eines menschlichen Wesens.

Und so lasse ich mich fallen. Wie ein Stein stürze ich zurück. Mein Kopf schlägt hart auf und zerbricht. Wie es bei Steinen nach hartem Aufschlag ja üblich ist. Und aus ihm heraus krabbeln die wundersamsten Lebewesen. Aus meiner Fantasie eben.

Love taught me to lie

Wie es mir geht, fragst du mich. Schon wieder eine nicht so gemeinte, unpersönliche Smalltalk-Anfrage. „Gut“, sage ich. Es scheint dich sowieso nicht weiter zu interessieren. Aber ich habe gelogen. Möchtest du wirklich erfahren, wie es mir geht. All die tausend Wörter, die nicht mal mich selbst interessieren.

Liebe hat mir gelehrt zu lügen. Ich log schon vorher, wohlgemerkt. Ich bin ein verlogener Mensch, wie wir alle. Aber nie tat es mir selbst so weh, als meine Lügen an dich so uninteressiert aufgesaugt wurden. Du sollst dich doch für mich interessieren. Du müsstest erkennen, dass bei mir etwas nicht passt.

Die Liebe ist eine strenge Lehrerin. Ständig wiederholt sie und manchmal lässt sie dich einfach sitzen. Ohne der Möglichkeit, wieder alles gut zu machen. Und dann steht man da, mit dem Resultat vor Augen und fragt sich immer, warum man nicht mehr dafür getan hat. Doch meistens kann man nciht wiederholen. Und enn doch, wird alles nur schwieriger. Man glaubt, man habe schon genug Erfahrung getankt. Und doch wird man immer wieder von Neuem überrascht.

Warum kann die Liebe nicht etwas absolut Einfaches sein. Wo man mit einem kurzen Augenaufschlag die Welt iweder in Ordnung bringt. Darauf gibt es wohl keine Antwort, kein Erklärung. Wie für so vieles. Und doch sehne ich mich nach ihr.

Life taught me to die

„Der Tod gehört zum Leben.“ Was für ein komischer Gedanke. Das Diesseits hier ist für uns Lebenden das einzig visuell Wahrnehmbare. Und wenn ein Mensch stirbt, fehlt er auf dieser Seite. Unwiederbringlich ist er weg.

Durch meinen Neffen habe ich viel über den Tod nachgedacht. Schon vorher, aber um einiges öfter eben nachher. Alles kommt so überraschend. So unbeschreiblich sind die Qualen für die Hinterbliebenen. So groß die Hilfsbereitschaft der anderen Menschen. Irgendwie muss man den Tod als notwenidges Übel ansehen. Muss man. Denn unendlich leben will doch keiner von uns.

Ich möchte, so kitschig und abgedroschen es klingt, mein Leben in vollen Zügen genießen. Möchte einen tiefen Eindruck hinterelassen, bevor ich gehe. Menschen sollen aus ihrem tiefsten Inneren um mich trauern. Und ich möchte mich im Jenseits darüber freuen können, was ich im Diesseits alles erreicht habe.

Ich weiß nicht, wann ich sterben werde. Gott sei Dank. Oder wem auch immer. Und so lebe ich in den Tag hinein. Und beginne schon jetzt an mienen Träumen zu basteln. Um ja nichts zu versäumen, was für mich von höchster Wichtigkeit ist. People running circles, it’s a very, very. Mad World. Und eben das ist der Grund. Mein Neffe hat mich gelehrt, ass der TOd nach dem Leben kommt. Und ich leben noch mein Leben fertig.

Gedanken zum Lied „Canonball“ von Damien Rice aus dem Album „O“.

With My Head. In My Hand.

Erwachsen werden

Ich schließe die Augen. Warte. Warte lange. Minuten, Stunden. Bis ich sie wieder öffne. Und wenn ich dann um mich blicke, bemerke ich. Du fehlst. Warum ich die Augen nicht wieder schließe. Nicht versuche, der Welt mit geschlossenen Augen zu begegnen.

Erinnerungen. Erinnerungen. Erinnerungen. Und die Axt die die Erinnerungen von der Gegenwart spaltet. Das Wachrütteln. Der Versuch zu verstehen, der Versuch zu akzeptieren. Aufgeben, das Leben als fair anzusehen. Und doch wieder jeden Tag einen Moment finden, in dem man denkt, dass so etwas nicht passieren kann. Dass du jetzt gleich bei der Tür hereingestürzt kommst. Bis man den Kopf schüttelt und der Realität Einzug gewährt.

Und wenn man dann am Morgen das Leben wieder spürt, in sich. Und überall die Erinnerungen an dich. Dann versucht man natürlich, die Augen wieder zu schließen, um aus diesem Traum aufzuwachen. Um mit diesem Verschließen der Augen vor der Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft zu beeinflussen. Doch es bringt nichts. Irgendwann muss man die Augen wieder öffnen. Irgendwann spürt man wieder den Wecker, der sich in die Gehörgänge bohrt, oder ein Auto, das in die Einfahrt vorfährt. Und die Augen sind offen. Und man bemerkt, dass es niemandem etwas bringt. Dass man sich nicht verschließen kann.

Man kann nicht akzeptieren, dass du so früh hast gehen müssen. Aber es kommt einem fast so vor, als könnte man irgendwie akzeptieren, dass du nicht mehr kommen wirst. Und um über deinen Weg trauern zu können oder den Schmerz für dich zu fühlen, muss man sich der Welt stellen. Mit all ihren Kinderwägen und Kleinkindern, die ein Lächeln und einen Sonnenschein in sich tragen. Und mich mit jeder Haarsträhne, oder mit jedem Lächeln, mit dem Gang oder mit der Hose an dich erinnern. Ich bin lange genug stark gewesen. So gut es ging, und so banal wie es klingt.

Und so kommt die Routine. Und das Ablenken. Und das Wiedereintauchen in die Welt, die du so sehr verschönert hast. Du hast uns alle verändert, als du lebtest. Und du hast uns selbst jetzt, nach deinem Abschied reifen lassen. Die Welt hast du für uns verändert. Und mit dieser Welt, mit dieser Veränderung, dass du einfach nicht mehr kommst, müssen wir zu schreiten beginnen. Müssen neue Wege gehen. Müssen vielleicht auch wieder mal an unsere Grenzen stoßen. Und auch manchmal wieder neu anfangen. Und es wird nicht mehr. Es wird nicht mehr so wie es einmal war. Nie mehr. Jede Veränderung hat Einflüsse auf das Morgen. Nur das Gestern. Das Gestern bleibt unverändert. Und lässt uns wohl auch in Zukunft immer wieder zurückfallen. Immer mal wieder.

Man wird auch heute wieder die Augen schließen. Und wird sie erst wieder morgen öffnen. Und wenn man sie dann öffnet, wird man sich vielleicht in einer neuen Welt finden, durch die kleine Veränderung, die man selbst gemacht hat, um das Leben schöner zu gestalten. Es reicht nicht, nur um dich zu weinen. Wir haben die Macht und die Kraft dazu, eine Welt zu gestalten, wie du sie dir verdient hast.

Ein Luftballon. Ein Schmetterling. Ein Engel.

Der schwerste Gang. Der letzte Abschied. The Last Goodbye. Das Zittern.

Heute war also dein Begräbnis. Mehrmals bin ich heute Nacht aufgewacht. Irgendwann bin ich dann doch aufgestanden, habe sogar gefrühstückt. Wie ich es jedes Wochenende mache. Nur diesmal ist das ein anderer Samstag. Ein komplett anderer Samstag.

Das Warten. Irgendwann einmal duschen. Und in den schwarzen Anzug schlüpfen. Die neue schwarze Krawatte anlegen. Die Texte einpacken. Und nach meiner Schwester, Timis Vater und einer Freundin gefahren. Da ich es einfach zuhause, mit meinem Vater und meiner Mutter nicht mehr ausgehalten habe. Den Strom zur Kirche gesehen. Und irgendwann einmal hineingegangen. Die Kirche war voll. Aber ich habe niemanden mehr gesehen. Niemanden. Ich suchte mir nur einen Platz bei meiner Familie und zitterte. Zitterte, wie ich es schon immer tat. Nicht aus Kälte, nicht aus Aufregung. Ich zitterte einfach.

Gerhard hat wunderschöne Worte gefunden. Wunderschön. Passend. Bewegend. Irgendwann trug ich auch meine Fürbitten vor. Meinen Text. Und dann Natalies Zeilen. Und irgendwann vorher das Anstecken der Buttons, auf denen ein Schmetterling als Zeichen für unseren kleinen Timi steht. Und dann der Gang zum Friedhof. Ich voran, das Kreuz, mit seinem Teddybären und seinen Schmetterlingen, in der Hand. Die Verabschiedung am Friedhof im familiären Kreis. Das Nachwerfen der Blumenblätter. Die einzigen Tränen von mir am heutigen Tag. Und nach dem Weinen das Ende des brutalen Zitterns.

Immer wieder die Worte: „Du hast das gut gemacht“, „Einen besseren Bruder kann sich Michaela nicht wünschen“, „Wir sind stolz auf dich“. Hohle Phrasen. Ich habe nur das, was in meiner Macht stand getan. Und werde es auch weiterhin tun. Für Michaela, für die Familie. Morgen treffe ich mich wahrscheinlich mit meiner Psychologielehrerin um über eine Therapie für meine Schwester zu sprechen. Und vielleicht auch gleich eine Familientherapie. Für uns alle.

Hier noch mein Text, den ich beim heutigen Begräbnis vorgetragen habe.

Jetzt stehe ich hier, versuche Worte für meinen Timi zu finden, und weiß einfach nicht, wie.

Als vor eineinhalb Jahren dieses unscheinbare, kleine zarte Wesen in unser aller Leben trat, konnte man nicht mal im Geringsten begreifen, welcher Engel hier auf Erden gelandet ist. Deine blonden Haare, deine blauen Augen, dein gesamtes Wesen. Es waren für uns alle die schönsten Momente, als du zu krabbeln begannst, deine ersten Schritte machtest. Oder wenn du einfach nur da warst. Stundenlang hätte ich deinen schlafenden Körper betrachten können,wie du da, völlig zufrieden mit der Welt, in seine Traumwelt versankst.

Für unsere Familie warst du stets der Sonnenschein. Kamen mein Papa und ich abends nach Hause, empfingst du uns mit deinen tapsigen Füßchen, einem Lächeln und der Bitte, hochgenommen zu werden. Und versank unser Familienleben auch manchmal in Streit und Missmut holtest du uns doch wieder zurück zum Schönen. Du warst dieser eine Fels in der Brandung, der Gesandte, der uns allen wieder zeigte, wie schön die Welt eigentlich ist.

In meiner Erinnerung bleiben immer die Bilder, als du mit leuchtenden Augen dein erstes Weihnachten erlebtest, du dich zum Geburtstag nicht in dein kleines Zelt trautest, oder wenn du mich immer mal wieder wecktest, als du deiner Oma entkommen warst und dich der erste Weg in mein Zimmer führte. Dein Lächeln, deine Berührungen, das Kuscheln. Momente vollkommenen Lebens.

Deine kleine Hand, wie sie sich anfangs um meinen Finger schloss, dein ständiges Nachahmen von mir, und dein Spaß an allem. Erinnerungen, die mir einer nie mehr nehmen kann. Du war für mich Anlaufpunkt, in Zeiten in denen es mir scheinbar schlecht ging. Ein Lächeln von dir, und meine Welt war wieder perfekt. Ich habe so viele Pläne mit dir gehabt. Habe über deinen ersten Schultag nachgedacht, habe Ausflüge in einen Tierpark geplant, wollte Pferde stehlen mit dir.

Und mit einem Schlag bist du weg. Und hinterlässt auf dieser Seite des Lebens ein so tiefes Loch. Welches nie wieder geflickt werden kann. Du bist einfach weg. Was uns bleibt, sind diese unzähligen Erinnerungen an dich. All diese wunderbaren Momente. Du hast uns alle irgendwie verändert. Die ganze Welt schien perfekt zu sein, trotz all dieser Komplikationen, die ein Leben mit sich trägt.

Ich wünsche euch, dir, Michaela und dir, Mathias, alle Kraft der Welt. Es stimmt, es wird nie wieder einen Timi geben. Nie wieder einen Menschen geben wie ihn. Aber ich bin mit all meinen Gedanken bei euch. Und auch euch, liebe Omas, Opas und Urgroßeltern wünsche ich, dass ihr mit diesem Schmerz, mit dieser unsagbaren Tragödie irgendwann umzugehen lernt. Man wird nie verstehen, warum unser kleiner Timi so früh hat sterben müssen. Und alle Menschen, die Timi geliebt haben, bitte ich, dass ihr eure Kraft mit seinen Eltern und Angehörigen teilt.

Und nun an dich, lieber Timi. Du warst der größte Engel auf Erden. Mach dich nun auf den Weg in den Himmel. Damit du deinen Sonnenschein auch dort verbreiten kannst. Ich liebe dich und vermisse dich so sehr.

Schöne Worte hat Elisabeth gefunden. Sie waren heute Abend noch am Grab. Und sie sagt, das kann nicht alles von Timi sein. Nicht alles von Timi ist unter der Erde. Ein Teil ist da, wenn sie mich ansieht. Oder uns als Familie. Vielen Dank für das Gespräch heute Elisabeth. Und auch dir, Maria. Dankeschön. Und an alle, die heute da waren. Dankeschön.

Und jetzt fliege schön. Und schnappe dir irgendwann den Luftballon, der von deinem Sarg losgelassen wurde. Schnapp ihn dir. Du hast sie geliebt, die Luftballone. Selbst in meinem Zimmer liegt noch einer, den du letzten Samstag, oder Freitag hier hast fallen lassen.

Ein Letztes Mal.

Feiert ihr nur alle eure Verstorbenen. Geht ihr nur scheinheilig zu den Gräbern, die für euch nur Anlaufstelle sind, um einmal im Jahr zu zeigen, dass ihr jemanden gemocht habt. Wir gehen nicht hin. Wir nehmen Abschied. Wieder einmal. In der Leichenhalle, wo Timis Sarg steht.

Dass ich immer und immer wieder meine Fingernägel in meine rechte Schulter gebohrt habe. Nur um den inneren Schmerz nach außen hin zu spüren. Dass meine Mutter beim Zusammenlegen von Timis Kleidung immer und immer wieder zu weinen anfängt, sie aber einfach nicht aufhört. Dass mein Papa einfach nichts essen kann. Dass die Tränen meiner Schwester nicht enden.

Allerheiligen. Feiern wir die Toten. Feiern wir die Menschen, die ihr Leben gelebt haben. Die so viele Träume von sich erreicht haben. Die irgendwann einmal am Ende angekommen sind. Aber feiern wir nicht den Tod eines Kindes. Dessen Leben erst so richtig begonnen hätte. Der Schmerz. Diese nicht enden wollende Schmerz. Das Vermissen.

Gestern, nachdem ich mit Gerhard die Beerdigung durchgesprochen hatte, bin ich in die Kirche gegangen. Wo vor dem Altar, auf einem kleinen Tischlein, Timis Bild stand. Kleine Kerzen am Boden. Und daneben eine Schüssel mit Sand, wo jeder eine Kerze anzünden kann. Und als ich dort vor dem Bild stand, bin ich einfach zusammengebrochen. Zusammengebrochen und auf den Knien gelandet. Und habe gestern endlich wieder einmal weinen können. Einfach so heraus, einfach nur, weil ich ihn so sehr vermisse.

Ich konnte ihn auch noch einmal sehen. Wir alle mussten uns noch einmal von ihm verabschieden. Wie er da im Sarg lag, das Lammfell als wärmespendende Quelle, die Spieluhr auf seinem kleinen Körper. Seine rot-weiße Haut. Seine schwarzen Lippen. Ein Streichen über die Wange, ein letzter Kuss auf die Stirn. Das Gefühl, eine Puppe zu berühren. Das letzte Mal seine Spieluhr aufgezogen. Das letzte Mal.

Am Nachmittag alles organisiert von Gottesdienst, über die kleinen Erinnerungsbildchen, die jeder beim Begräbnis bekommt. Überall herumgefahren mit meinen Papa und ihn soweit gebracht, dass er zumindest ein kleines Bisschen isst. Am Abend die Parte zu meinen Freunden gebracht. Beim Lukas geweint, bei Maria auch. Rahel, Sarah und Susi. Und dann erst wieder bei Elisabeth. Die schon am Montag am Telefon nicht mehr richtig hat sprechen können vor lauter Unverständnis.

Bevor ich diese Runde gemacht habe, ein zweites Mal in die Kirche gegangen. Diesmal waren mein Papa und meine Mama dabei. Und wieder dasselbe. Wieder zusammengebrochen. Wieder weinen können. Und wieder einmal bemerkt, dass ich am liebsten alleine weine.

Der Stress, der ständige Besuch, ist gut für uns. Er beschäftigt uns und lenkt uns, irgendwie, so gut es geht ab. Und irgendwann ist er dann weg. Der Stress. Was dann kommt? Die Leere.

Der Schmerz.

Unsere Familie ist mit der Heimkehr von unserem Papa wieder vereint. Aber Timi fehlt. Er fehlt. Wo immer man hinsieht. Überall sind noch seine Sachen.

Das nervliche Abschiednehmen meiner Mutter von Timi. Ganz alleine. In ihrem Bügelzimmer. Nur dass sie jetzt noch schnell bügeln muss, damit Timi nicht an den Kabeln ziehen kann. Und gleichzeitig hat sie gewusst, dass er nicht gleich durch die Türe hereinschauen wird. Und einfach nur weiterbügeln. Und einfach nur weinen.

Ich stehe auf, habe irgendwann meinen Schlaf gefunden und konnte relativ lange schlafen. Und wenn man dann ins Wohnzimmer kommt, diese Leere, diese verdammte Leere, und der Schmerz und die Tränen. Die Suche nach dem Sinn in ihrem Leben, nach dem Tod des Kindes. Immer wieder läutet es. Unser Pfarrassistent Gerhard, der schon am Montag zweimal da war, hat uns auch am Dienstag besucht um uns über das Begräbnis zu informieren, um uns einfach an seiner Schulter auszuweinen, um zu reden oder er half uns dabei, einfach nur zu schweigen. Und ich bin mir sicher, er wird das Begräbnis machen, das sich unser Timi verdient hat.

Natalie, Timis Taufpatin, kam auch schon früh am Morgen. Und blieb. Schläft bei meiner Schwester. Damit sie ja nicht alleine ist. Und so fuhren um 11 Uhr meine Mutter, meine Schwester, Natalie und ich zuerst zu einer Gärtnerei, um Kränze zu bestellen und anschließend zu Timis Uroma. Die selbst ein Kind (meinen Onkel Herbert im Alter von 19 Jahren durch einen Autounfall) verloren hat. Die es einfach nicht verstehen kann, so wie wir alle. Und anschließend holten wir meinen Papa vom Zug ab.

Tränen. Beim stärksten Menschen, den ich kenne. Bei meinem Papa. Tränen und Unverständnis. Angst und einfach diese Suche nach dem Sinn. Es macht einfach keinen Sinn. Und als wir dann zuhause angekommen sind, versuchte meine Mutter sich abzulenken und kochte. Kochte einfach so viel. Spaghetti und Saucen für 10 Personen. Wir waren nur fünf im Haus und den Versuch zu essen starteten nur ich und Natalie. Aber als ich so da saß, mit dem Löffel in der Hand und einfach nur den Tisch überblickte, konnte ich es einfach nicht. Es passte nicht. Ein Sessel stand dort, wo Timis Platz ist. Und da steht ein großes Teller und ein Messer. Das darf nicht dort stehen. Und irgendwann kamen die Emotionen heraus. Ich konnte weinen. Konnte alles herauslassen. War bereit, den Druck in meinem Kopf, in meinem Körper herauszulassen. Seit Montag habe ich vielleicht zehn Bissen gegessen. Ich verspüre aber keinen Hunger. Ich kann nicht am Esstisch sitzen und etwas essen. Es geht einfach nicht.

Am Samstag um 14 Uhr wird sein Begräbnis sein. Da wird ein Leben zu Grabe getragen, dass doch erst vor eineinhalb Jahren begonnen hat. Man weiß immer noch nicht, woran er gestorben ist. Sie konnten bis jetzt noch nichts feststellen. Vielleicht geben die Proben, die aus den Organen entnommen wurden, irgendeine unwichtige Antwort. Ändern kann man sowieso nichts mehr. Aber ich kann nur für alle sagen, die ihn geliebt haben, und die er geliebt hat, das dieses Begräbnis, das Timi sich wahrscheinlich genau so etwas gewünscht hätte.

Überall findet man ihn noch. Seine Fingerabdrücke auf den Fenstern. Auf dem Backrohr. Seine Spielsachen überall. Der Rechen, draußen. Er brauchte immer den größten Rechen, so sehr er sich auch plagte, er versuchte alles. Wir können es nicht wegräumen. Wir können es nicht. Nur das Gitter bei der Stiege, damit er nicht hinunter konnte. Ich musste es wegtun. Vor seinem Tod habe ich immer darauf vergessen es zuzumachen und habe es aber immer noch schnell genug gemerkt. Und seit Timis Tod habe ich es jedes einzelne Mal fest zugedrückt. Als würde Timi gleich aus dem Wohnzimmer herauslaufen, und seine Arme in die Luft strecken, damit ich ihn hochnehme. Ich musste es einfach abmontieren. Und jetzt. Diese Leere, wenn man die Treppe hinaufsteigt.

Was uns jetzt noch bleibt, sind die Arbeiten für das Begräbnis. Da wir nicht irgendetwas Herkömmliches machen wollen, habe ich gestern etwas gestaltet, die jeder Besucher des Begräbnisses bekommen wird. Ich möchte zumindest für seinen letzten Gang im Diesseits immer für ihn da sein.

Was bleibt sind die Tränen. Das Unverständnis. Und der Stress. Dieser Stress, der uns irgendwie abzulenken versucht, und doch erinnert uns noch viel zu viel an alles.

Der Tag Danach. Und Er Ist Immer Noch Nicht Da.

Entweder habe ich es bis jetzt noch nicht realisiert, oder ich will einfach den starken Mann spielen. Ich weiß es nicht. Aber ich kann einfach nicht weinen.

Außer ein paar kurzen Tränen blieb ich nach außen hin gefasst. Innerlich schien ich zu zerbrechen. Mehrere Stunden lang zitterte ich. Ohne Halt, einfach so vor mich hin. Psychischer Schock nennen es wohl die leute vom Psychosozialen Notdienst. Und die Zigaretten schienen mich zwar in keinster Weise zu beruhigen, aber sie lenken einen ab.

Durch meine Unfähigkeit zu Weinen habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, der Ansprechpartner für alle zu sein. Für meine Schwester, die immer noch mit seinem Bild und seiner Kuscheldecke auf der Couch liegt, in Tränen aufgelöst. Meine Mutter, die ihre Tochter so gerne irgendwie trösten möchte, doch selbst an diesem Schmerz fast zerbricht. Und wahrscheinlich auch dann für meinen Papa, der von seiner Reise aus Amerika heute frühzeitig zurückkommt. Meine Mutter weinen zu sehen, meinen Vater. Fixpunkte und Felse in der Brandung weinen. Und ich stehe da, zittere vielleicht noch und doch ist die Welt ganz anders.

Ich möchte mich hier für die Anteilnahme und die angezündeten Kerzen bedanken. Es hat mir irgendwie geholfen. Man kann es sowieso nie verstehen, aber durch euer Mitgefühl, fühlt man, dass die Welt nicht komplett sinnlos ist. Ich danke euch.

Meine Mutter hat mich gebeten, eine Rede am Begräbnis zu halten. Ich habe sie schon geschrieben. Und sofern ich mich imstande fühle, würde ich es auch gerne tun. Gestern abend habe ich noch meine Freunde, die Leute, die meinen Blog nicht lesen, angerufen. Elisabeth hat vollkommen zu weinen angefangen, und als ich dann auch noch zur Magdalena und später zum Lukas gefahren bin, habe ich auch die beiden weinen sehen. Nur ich stand da. Sozusagen als Seelsorger für die Freunde der Angehörigen.

Ich habe gestern so lange gewartet bis sie eingeschlafen sind, so gut es eben ging. Meine Mutter und meine Schwester. Und dann habe ich in meinem Bett gehofft, dass ich endlich weinen kann. Ich habe nur nachgedacht und bin irgendwann eingeschlafen. Heute zittere ich wieder. Er ist weg. Die Pathologie hat bis jetzt noch nichts feststellen können. Und ich werde so lange für alle da sein, als scheinbar am meisten Gefasstester bis ich unter all dem Druck endlich einmal zusammenbreche und auch ich endlich weinen kann. Ich würde es so gern. Ich würde so gern irgendetwas zerstören, aus lauter Wut und Zorn auf alles. Aber jetzt beginnen die Begräbnisvorbereitungen. Und ich werde mich auch hier ausgiebig beteiligen. Irgendwie muss ich mich beschäftigen, irgendetwas mus ich immer tun. Es tut da drinnen so weh. Es ist wie ein Messer, dass mir immer wieder kleine Stiche versetzt.

Man kann es nie verstehen. Und auch nicht akzeptieren. Nur der Schmerz. Nur mit dem Schmerz kann man irgendwann besser umgehen.