Erase You.

I’m fine without you. Would you erase me? Do I know you?

Es könnte so einfach sein. Würde mir nur ein kurzes Lächeln kosten und alles wäre wieder. Wäre so, wie es war, als du noch nicht da warst. Wäre so, als wärst du nie hier gewesen und nie gegangen. Es könnte so einfach sein. Alles in meinem Kopf, was mich mit dir verbindet, würde gelöscht werden. Dich hätte es nie gegeben, und ich müsste nicht immer nach Worten ringen, wenn ich vor einem deiner Bilder stehe, wenn ich deinen Antlitz sehe, dein Lächeln, dein Gesicht. Du, der du mich für eineinhalb Jahren zum glücklichsten Onkel der Welt gemacht hast. Du, der nach eineinhalb Jahren den wohl traurigsten Onkel zurückgelassen hast. Es könnte so einfach sein.

Einfach die Erinnerung löschen. Die wunderschönen ebenso wie die omnipräsenten beschissenen Erinnerungen. An die Totenhalle, an das Begräbnis, an den Zusammenbruch in der Kirche. An die Tränen und den Schmerz. Dieser Schmerz, der immer noch anhält. Manchmal schlimm ist, manchmal viel schlimmer als er jemals war. Wenn ich dich aus meinem Kopf löschen könnte, wäre mein Leben um einiges leichter. Nicht immer in Gedanken an diesen einen Neffen, der den Sonnenschein zurück in die Familie brachte. Der mit seinem Lächeln Schmerzen linderte, und durch seinen Abschied nun täglich neue Schmerzen verursacht. Ich würde zwar all die einzigartigen Momente, als ich dich in den Schlaf sang, und du an meiner Schulter Tränen verlorst, all das würde ich verlieren. Aber jetzt überwiegt der Schmerz.

Doch ich könnte dich nicht löschen lassen. Dich, aus meiner Erinnerung. Denn du bist doch nicht nur in meinem Kopf, in meinem Gehirn, in meinem Gedächtnis. Den größten Platz hast du wohl in meinem Herzen. Und da kann man nichts löschen. Menschen, die mich durchs Leben begleiteten, ob nun beinahe zwanzig, oder fünf oder eineinhalb Jahre. Sie sind nicht weg, wenn sie aus dem Leben sind. Sie bekommen einen Speicherplatz in meinem Herzen. Und wenn all meine Erinnerung an dich gelöscht worden wäre, würde mir mein Herz immer mal wieder einen Stich geben, um mir zu zeigen, dass noch etwas von dir da ist.

Du kannst nicht einfach verschwinden. Bist zwar viel zu schnell aus dem Diesseits verschwunden. Aber du bist immer noch da. Wenn meine Mutter weint, die großartigste Großmutter, die ich jemals gesehen habe. Wenn dein Großvater sprachlos und in Tränen an deinem Grab steht. Wenn unsere Familie am Tisch sitzt und die Sprachlosigkeit überwiegt. Wenn meine Mutter Bilder von dir aufhängt, im Wohnzimmer, in der Küche. Du bist omnipräsent und erschwerst mir jeden einzelnen Tag.

Die Zeit heilt alle Wunder
schon nach wenigen Jahren
nur noch Narben da, wo Wunder waren.

Wir sind Helden – Die Zeit heilt alle Wunder

Du warst das Wunder und das hier jetzt, das sind die Narben. Du hast sie hinterlassen, an meinem ganzen Körper. Ich habe mich verändert, als du da warst und als du gegangen bist. Bin über mich hinausgewachsen, als ich in der Kirche Worte für dich verlas. Glaubte, einen Weg gefunden zu haben. Aber der Weg ist holprig und verschlungen. Vielleicht auch nur ein Kreisverkehr. Immer wieder an diesen Punkt kommen, und weitergehen. Weil stehen bleiben nicht gilt. Du bist weg, ich bin hier. Möchte da sein, doch es tut weh. Jeden Tag wieder, wenn Bilder von dir meinen Weg versperren. Wenn ich den Kopf wegdrehe, um dich nicht ansehen zu müssen. Ich hasse diese Momente und meide die Plätze, wo ich deine Bilder finden kann. Du bist noch viel zu präsent, um mit dir abschließen zu können.

Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.

Antoine de Saint-Exupéry

Eben. Wenn ich mich getröstet habe. Das dauert noch.

Yakamoz.

Die Widerspiegelung des Mondlichtes im Wasser.

Du sprichst kein einziges Wort mehr mit mir. Ich denke. Denke nach. Erinnere mich an die Zeit, als du immer von mir verlangtest, über alles zu reden. Dir meine Sorgen und Gedanken zu offenbaren. Du konntest das immer. Konntest mir erzählen, wie es dir gerade geht. Ich war meist still. Musste schweigen, weil die Gedanken mein Stimmorgan blockierten. Jetzt wäre ich bereit, zu sprechen. Könnte dir alles erzählen. Wie es ist, so danach. Wie es sich anfühlt, ehemaliger Onkel zu sein. Wie es ist, wenige Monate vor dem Verlassen der Heimat eine so mächtige Portion an Schiss in sich zu spüren. Weil man nicht weg will und Angst hat vor dem Neuen und so. Wie es ist, sich nach der ersten Enttäuschung sofort wieder zu verkriechen. Ich habe es dir angeboten, habe gehofft, du würdest dich melden. Habe gehofft, auch dir würde etwas daran liegen. Scheinbar tut es das doch nicht. Ich muss das akzeptieren, so schwer es mir fällt. Es ist nun mal so. Du konntest mich immer verändern, und ich dich nie. Ich wollte das auch nicht. Und so lass‘ ich es.

Ich bin es, der sich verkriecht, nach einer Enttäuschung, die so subtil von mir selbst erzeugt wurde. Eine Enttäuschung in Folge utopischer Träume. Viel zu schnell habe ich sie gesponnen, und jetzt sind sie wieder weg. Sind verschwunden, als wären sie nie da gewesen. Doch sie waren da. Und es tut manchmal auch weh. Es sind genau diese Schmerzen, die ich nach jeder Enttäuschung habe. Ich bin aufgelebt, in dem Glauben an etwas, was niemals war. Und auch nicht sein wird. Habe die Wochenenden ausgenützt, bis zum letzten Minute bin ich aus gewesen. Habe die Zeit genossen und jetzt sitze ich wieder hier. Verliere wichtige Tage. Bin ich traurig. Bin ich wütend. Was bin ich überhaupt. Wenn man zurückblickt, sieht man, wie glücklich mich diese wunderbaren Tage machten. Und soll ich jetzt wieder in die Melancholie zurückfinden. Die mich zwar auch durchs Leben tragen kann, aber niemals so schön sein kann.

Mir fehlen die Worte. Fehlen die Blicke. In der Widerspiegelung des Mondlichtes im Wasser spüre ich die Sanftheit des Lebens. In unserem Wohnzimmer hat sich etwas verändert. Der Tisch, aufbereitet wie ein Altar, hat seine Bilder verloren. Meine Mutter hat die Bilder nun schön an eine Wand gehängt. Ich frage mich, wie lange der Schmerz noch anhält. Täglich reden wir darüber, jedes Mal, wenn ich vor dem Kühlschrank stehe, beginnt ein kurzer Moment der Sprachlosigkeit. Die Bilder erinnern. „Es könnte so schön sein.“ Du hast Recht, Mama. Es könnte. Aber es ist nicht so, wie wir uns es vorgestellt haben. Es ist anders. Wir müssen damit umgehen, ändern können wir nichts. Wir haben uns und die Erinnerung. Und den Schmerz. Der Schmerz, der einfach nicht gehen will. Wie oft, verdammt noch mal, habe ich den Traum gehabt, zu leben. Um ja nichts zu versäumen. Und dann drückt mich wieder etwas auf den Boden und ich wehre mich nicht dagegen. Soll ich es schon wieder ankündigen. Nein. Ich müsste einfach mal nur die Augen schließen. Und keine Angst vor dem Erleben haben.

Yakamoz wurde zum schönsten Wort gewählt. Ein türkisches Wort, dass in sieben Buchstaben ein wunderschönes Phänomen beschreibt. Mir gefällt es auch. Wegen dem Mond, der Widerspiegelung und dem Wasser.

Angst.

Wenn sie am Größten ist, bin ich viel zu klein.

Sie meldet sich nicht oft an. Steht vor mir und überrascht mich jedes Mal wieder. Manchmal tut es mir weh, wenn ich ihr ins Gesicht blicke. Manchmal schlägt sie auch einfach nur zu. Die Angst, die eigentlich immer da ist. Eine unsichtbare Anwesenheit, und nur ganz selten nimmt sie Gestalt an. Manchmal bleibt sie auch, für einige Zeit. Nistet sich hier ein, macht es sich gemütlich.

Was sind meine Ängste? Seit einem Vorfall mit sieben oder acht Jahren habe ich Angst vor großen Hunden. Nein, vor bellenden Hunden. Vor Hunden allgemein, von denen ich zuallererst die Zähne sehe, bevor ich irgendetwas anderes zu Gesicht bekomme. Ich habe Angst vor Schlangen und Ratten. Angst, in der Badewanne einzuschlafen und zu ertrinken. Angst vor Terminverplanung. Vor der Dunkelheit und vor engen, von außen versperrten Räumen. Angst in der Höhe und Angst von einer Walnuß am Kopf getroffen zu werden.

Habe Angst, taub zu werden. Um nie mehr die Musik hören zu können. Angst davor, blind zu werden. Um nie mehr ein geliebtes Gesicht sehen zu können. Habe Angst vor Krebs und Angst vor dem Tod. Vor meinem eigenen noch am wenigsten. Viel mehr Angst vor dem Tod von Freunden. Auch die Familie zählt dazu. Habe Angst vor Enttäuschung und der Realität, die manchmal durchschlägt. Habe Angst, nie geliebt zu werden und nicht lieben zu können. Aber meine größte Angst ist viel schlimmer. Sie ist fast immer da, und macht auch keine Anstalten, wegzugehen.

Das Alleinsein. Das ist meine größte Angst. Ich habe Angst davor, für immer alleine aufzuwachen und niemanden mehr zu sehen. Keinen Menschen, den ich lieb gewonnen habe und kein Wesen. Als wäre das Leben sinnlos. Als hätte ich nie geliebt und wäre nie geliebt worden. Es wäre der komplette Neuanfang und doch wäre es ohne Sinn. Es ist die Angst des Versagens auf allerhöchster Ebene. Schmerzhaft und erdrückend. Alleine zu sein, wo man die Nähe und die Zuneigung von Menschen und anderen Wesen braucht, ist, als hätte irgendjemand einem das Herz herausgerissen.

Ich fürchte mich vor so vielem. Und doch ist die Angst zu Versagen allgegenwärtig. Was, wenn mein ganzes Leben is based on a lie. Wenn meine Träume Schäume sind und doch nie wahr werden. Und vielleicht ist genau das etwas, was mich anspornt. Um zu zeigen, dass Ängste unwichtig sind. Wie Kierkegaard so schön sagte: Angst ist der Schwindel der Freiheit. Sie einzuschränken um nie in irgendwelche angsterzeugenden Situationen zu kommen, wäre vollkommen falsch. Sie gehören zum Leben. Warum sollte ich davor flüchten. Sie tun zwar manchmal weh. Aber das gehört dazu.

Link 1: Burning Photographs. Angst.
Link 2: Tell Me A Poem. Angst.
Link 3: Movies of Myself. Angst. Ersatzlink zu YouTube

Feige.

Der Rückzieher.

Was würde es uns nur alle gut tun, wenn wir sehen würden, warum wir so sind, wie wir sind. Warum wir zu anderen so sind, wie wir vorgeben zu sein. Wenn wir verstehen, warum wir uns manchmal anschreien, und warum wir andererseits miteinander Träume verwirklichen möchten. Warum der eine lästig ist, wenn er nach Hause kommt, und der andere das Sorgenfänger, der Traumfänger für Sorgen ist. Was würde es uns nur gut tun. Einmal darüber zu reden, wie es wäre, Familie zu leben.

Heute, von 18 Uhr bis 20 Uhr, wäre der Termin gewesen. Es haben alle irgendwie zugesagt. Ich habe es ihnen vor einer Woche gesagt, und dann nicht mehr davon gesprochen. Viele Gedanken habe ich mir darüber gemacht. Wie es sein wird. Wer überrascht, wer erschrocken, wer desillusioniert sein wird. Und irgendwie hatte ich auch Angst. Angst vor der Wahrheit. Und Angst vor dem Erkennen jener.

Gestern der Streit mit meinem Vater, das Ausarten von hineingefressenen Frustmomenten. Heute der Anruf meiner Schwester, dass sie mit sehr starken Kopfschmerzen in ihrem Berufs-Ausbildungskurs sitzt. Denken, dass mein Vater sowieso nach dem Tag, dem Vorfall gestern, nicht mitkommen würde. Meiner Schwester sagen, dass sie sich lieber ins Bett legen soll, ich würde das schon auf nächste Woche verschieben. Fünfzehn Minuten später der Anruf meines Vaters. Wann das denn heute wäre. Es ist heute nicht. Meine Antwort.

Okay, es gibt einen guten Grund, warum wir es verschoben haben. Die Kopfschmerzen meiner Schwester. Aber trotzdem scheint genauso meine Angst mitzuspielen, die das Ganze lieber schnell verschiebt, als dass sie nach anderen Lösungsvorschlägen sucht. Und es hat mich überrascht. Nach allem, was ich meinen Vater genannt habe, fragt er mich heute doch glatt, wann denn die Familientherapie sei. Irgendetwas muss ihm also daran liegen. Irgendetwas. Mehr, als ich wahrscheinlich erkennen kann. So werde ich heute in eine normale Therapiesitzung gehen. Werde über mich reden. Und über alles mögliche. So wie immer. Unser Familienschrottplatz rotiert hingegen noch eine Woche weiter. Ohne die klitzekleinste Veränderung.

Sterne.

Looking above.

Der Asphalt wärmt. Es ist mitten im Sommer. Wir liegen auf diese einen dunkelblauen Decke, eingewickelt in unsere Pullover und Jacken. Rund um uns herum ist es dunkel, das Rauschen des Baches durchbricht die Stille. „Siehst du den großen Wagen? Dort!“ „Ja, ich seh ihn.“ Den Blick gemeinsam senkrecht nach oben lenken. „Und das“, sage ich, „ist unser Stern. Siehst du? Und wenn du einmal zuhause bist, und an mich denken möchtest, dann kannst du dich auf den Balkon sitzen und unseren Stern suchen. Du weißt schon.“ Sie lächelt und kuschelt sich näher an mich. Die Sterne.

Jetzt bleibe ich liegen. Schaue immer noch gegen den Himmel. Der Himmel, er leuchtet. Und dort sind sie alle. Alle Menschen, die mir etwas bedeutet haben. Und die mir auch jetzt noch etwas bedeuten. Verewigt in Sternen. Ich strecke die Hand aus. Mit dem Zeigefinger möchte ich einen von euch berühren. Um eins mit dir zu werden. Und irgendetwas kitzelt mich an der Spitze des Fingers. Ich zucke zurück. Und irgendwie fühle ich, dass ihr mir noch nie so nah wart wie jetzt. Obwohl es kräftig abgekühlt hat. Ich fühle mich warm. Geborgen. Obwohl ich Angst im Dunkeln habe. Ich fühle mich sicher. Bei euch. Und für genau solche Momente lohnt es sich, in meine Haut zu schlüpfen.

the places you’ve come to fear the most // erstes buchprojekt

Sterne haben eine ungewöhnliche Macht. Blickt man zu ihnen hoch, verliert man langsam den Halt. Muss sich irgendwo fest halten, um nicht umzufallen. Weil sie plötzlich das Endliche unendlich machen. Sie zeigen, wie sinnlos Zeitmessung ist. Schon vor Jahrtausenden gestorben, leuchten sie noch immer. Der Strahl erreicht erst jetzt uns. Wie oft schon saß ich auf der Fensterbank, blickte hinaus. Und konnte minutenlang nur in dieses Meer aus leuchtenden Pünktchen sehen.

Sterne haben für mich eine Bedeutung. Mir scheint, als wäre das der Platz, an dem man alle Menschen, die nicht gerade um einen herum sind, erreichen kann. Menschen, die verstorben sind, aus dem Leben verschwunden oder einfach nicht da. Dort oben, am Himmelsfirst finden sie sich. Sind immer erreichbar. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ich bin beunruhigt, wenn Wolken versuchen sich davor zu schieben, oder wenn die Nacht einfach sternenklar ist.

Manchmal verglühen sie auch. Und sind weg. Weg aus der Erinnerung, weg aus der unzähligen Schar. Weil sie es vielleicht nicht verdient haben. Aber Menschen, gegen die ich keine Abneigung habe, von denen ich einfach nur Abstand wünsche, bleiben dort. Um irgendwann wieder einmal heller zu leuchten oder als Sternschnuppe zu enden.

Sterne sind für mich in jeder Beziehung eine wunderbare Sache. Ich könnte mit jemanden stundenlang hinaufblicken, ohne ein Wort zu sprechen. Nur betrachten und warten. Und das Leben, die Wolken und alles vorbeiziehen lassen. Die Sterne bleiben. Zumindest für eine beachtliche Zeit. Danke, dass es euch gibt, liebe Leuchtkörper da oben. Vielen Dank.

Dahinter.

„Sieh mal da nach. Vielleicht findest du dort etwas.“

Wo ist es hin. Tagelang suche ich es schon. Unauffindbar. Langsam nähere ich mich dem Punkt, an dem ich es aufgebe, zu suchen, und darauf warte, es irgendwann wieder zu finden. Aufzuspüren aus reinem Zufall. Zufälle sind sowieso die Spontanität des Schicksals. Und sie gefallen, denn das sind die meist wunderbaren nicht absehbaren Wendungen in einem Leben. Bekanntschaften oder eben Funde, mit denen man nicht gerechnet hat. Ich knie mich nieder und blicke noch einmal unter meinem Bett nach, doch auch dort findet sich fast nichts. Nur Socken und eine Flasche Mineralwasser. Doch ich suche etwas anderes.

Vollkommen überrascht blicke ich auf. „Nein. Ich helfe dir nicht suchen. Ich bin nur da, um dir etwas Gesellschaft zu leisten.“ Enttäuscht, lasse ich den Blick wieder sinken und lege mich einfach mal flach auf den Boden. Blicke in alle Seiten meines Zimmers, in alle Ecken und alle Furchen der Wände. Ich gebe auf und senke meinen Kopf, noch tiefer als er jetzt schon liegt. Schließe die Augen.

„Ist es nicht überraschend, wie schnell so etwas verloren geht?“, fragst du mich. Ich nicke. Bis vor kurzem war es doch noch da. Jetzt scheint es für immer verloren und doch wage ich die Suche nicht entgültig aufzugeben. „Weißt du noch, wo du es zuletzt gesehen hast?“ – „Ja.“ Nie könnte ich es vergessen, weckte es doch die schönsten Gefühle in mir. Ich liebte die Momente als es noch bei mir war. Einzigartig und doch anders. „Aber du weißt doch, dass es irgendwann gehen musste.“, versuchst du mich davon zu überzeugen. Aber ich lasse mir nicht gerne etwas einreden. Es musste nicht. Es hätte auch bleiben können.

„Aber jetzt ist es weg.“, wirkst du penetrant auf mich ein. „Aber nicht für immer. Nicht für immer.“, weiche ich dir aus. Irgendwo muss es doch noch sein. Als ich mich erhebe und einige Schritte herumgehe habe ich es wieder ganz klar vor meinen Augen. Mich überkommt eine Gänsehaut. „Aber so gib doch auf.“ Nein. Ich schüttele den Kopf, lege mich aber trotzdem etwas geschafft in mein Bett und denke nach. Deine Anwesenheit ist zwar störend, wegen deiner ständig eingeworfenen Worte, doch nicht unangenehm.

Es kann doch nicht für immer verloren gegangen sein. Erst gestern noch wurde ich durch einen Traum wieder darauf hingeführt. Wo ist das Gefühl des vollkommenen Schmerzes. Ein Lächeln und eine banale Traumbegebenheit zeigte mir, dass es ihm gut geht. Ich fühlte mich gut, heute morgen, als ich die nächtliche Eingebung begriffen hatte. Wo ist sie hin, diese wunderbare Stille und das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Familie. Wo ist alles hin, was mir nach allem doch noch etwas Hoffnung und Erwartungen schenkte. Wo ist sie, die Trauer und all das? „Dahinter.“, sagst du und zeigst auf die bröckelnde Fassade. „Sie mal da nach. Vielleicht findest du dort etwas.“

Und plötzlich spüre ich es wieder. Es ist noch irgendwo. Nur eben nicht mehr an der Oberfläche. Etwas dahinter. Und als ich meine Augen schließe und die Decke in meinem Bett mir Wärme schenkt, denke ich mir, dass sie dort auch gut aufgehoben ist. Wenn es ist, kommt sie vielleicht mal wieder zurück. Aber jetzt kann sie ruhig da bleiben, wo sie gerade ist.

Nicht Wieder.

World Spins Madly On.

Selbstgemachte Plätzchen liegen auf dem Tisch. Der Kaffee, schon längst abgekühlt, entfaltet länger und länger noch seinen Bohnengeschmack aus. Ich habe keine Lust auf Plätzchen. Habe keine Lust darauf, den Smalltalk fortzuführen. Was bringt es mir schon. Lässt mich doch nichts über dich erfahren und zurück bleibe ich mit so vielen Fragen, die in das Nullachtfünfzehnschema eines Smalltalks nicht reinpassen. Worte sind zu wichtig, um sie mit unsinnigen Fragen zu verschwenden. Ich hasse kalten Kaffee. Und trinke ihn trotzdem.

Und wie kann ich ruhig sein. Wenn ich doch weiß, das heute mal wieder einer dieser Tage ist. Wenn meine Mutter sich in unserem Haus ein kleines ruhiges Zimmer sucht und weint. Weil er ihr fehlt. Wie er uns allen doch fehlt. Jeden Abend sollte er hereinspazieren, wie er es noch vor drei Monaten getan hat. Doch das ist nicht. Das war. War schön. Viel zu schön, um so ein abruptes Ende mit einem Schlag zu akzeptieren. Doch wir sind nicht alleine, wir haben uns. Und ich?

Trinke Kaffee mit einer nicht gerade interessanten Person. „Es wird bald Frühling“, sage ich. Ich hasse den Winter. Wo doch der Schnee so manche Probleme mit sich bringt und das Eis einen zu Tode erschrickt. Der Frühling. Der Neubeginn. Wohl kaum kann er irgendetwas wieder gerade biegen, was schon längst zerbrochen ist. Doch er kann etwas überschatten mit dem Grün und der Sonne, der Wärme und der Liebe, die man überall zu spüren bekommt. Nicht wegmachen. Nur überschatten. Um das Leben fortzuführen, nicht obwohl, sondern da es so passiert ist.

„Jaja, der Frühling“. Du weißt doch gar nicht, was der Frühling ist. Weißt nicht zu schätzen, wie sich Leben so richtig anfühlt. Kannst keine der vier Jahreszeiten wertschätzen. Bist doch nur auf der Welt, um mit einem desinteressierten Menschen Smalltalk zu führen. Habe ich mich doch gefreut, als ich dich auf der Straße wiedererkannte. So viele Jahre lagen zwischen uns und unserer Freundschaft, von der ich nur mehr wenig spüre. Du hast dich verändert. Ich wurde stiller. Was war das überhaupt, was uns beide verband. Es muss unwichtig gewesen sein, so wie alles verlaufen ist.

Wolken über den Straßen, die mich zu dieser Straße führten. Schon wieder Regen. Der aus dem Schnee Matsch und die Straßen glatt werden lässt. Menschen, die sich unterstellen, um nicht vollkommen durchnässt anzukommen, und irgendwelche verplante Personen, die ihren Schirm aus der Tasche ziehen, weil man nie weiß was kommt. Wie recht diese Menschen haben, und doch haben sie gar keine Ahnung. Würde der Himmel über sie einstürzen, würde auch der beste Schirm nichts nützen. Viel besser die Menschen, die sich unterstellen, und aus der Überraschung und dem Schock das Beste daraus machen.

Ich blicke aus deinem Fenster. Das kleine Tischlein in deiner Küche fasst immer noch unsere zwei Tassen und die unberührten Plätzchen. Sie sehen nicht mal gut aus. Schön, dass du mich so spontan eingeladen hast. Entschuldigung, dass ich schon wieder so schnell gehen muss. Ich habe. Termine, wie man so schön sagt. „Unsere Telefonnummern haben wir ja ausgetauscht. Ich meld‘ mich mal“, sagst du zum Abschied, „Mach’s gut.“ „Du auch.“ Und vorausschauend drücke ich schon die Abweisen-Taste auf meinem Mobiltelefon.

Ufer.

Und mit dem Kuss verabschiedest du dich.

Gegangen bist du schon vor langer Zeit. Hast mich zurückgelassen in einer Einöde, die irgendwann einmal von einem Himmel erschlagen wurde. Unter den Trümmern der Welt, die mir damals den Schutz des Lebens gab, liege ich. Krame mich hervor und atme aus tiefster Überzeugung die staubige Luft ein. Hast mich zurückgelassen. Vor langer, langer Zeit.

Wolken brachten Regen, und ihr Abschied brachte die Sonne. Ich habe mir ein neues Leben aufgebaut. Neben den Trümmern, die mir zum Wegräumen viel zu schade sind. Sie sollen liegen bleiben. Und mich erinnern. An das was war, und damals kam. Manchmal steige ich noch über sie, blicke hinunter und ein Kloß sammelt sich in meinem Hals. Dann muss ich es hochheben. Und denken. Mich erinnern, an die Zeit, als die Trümmer noch die Welt bedeuteten. Nun sind sie eben Brocken, die nur langsam von mir abfallen.

Immer wieder öffnet sich ein Fenster und der Luftzug lässt meine Stimme heiser werden. Wenn ich dann leise spreche, hört man nur ein Kratzen, kaum einen Laut mehr. Worte zu bilden, sehe ich sowieso als Kunst an. Schwer fällt es, immer die richtigen zu finden. Um niemanden zu enttäuschen oder abzuschrecken.

„Du bist weise.“, ruft mir jemand zu. Ich drehe mich um, und möchte dagegensprechen. Möchte sagen, das Weisheit doch viel tiefer ist, viel voluminöser und größer. Möchte sagen, dass ich doch auch nur ein Mensch bin, der versucht, aus Erfahrungen zu lernen und aus Erlebnissen zu zehren. ‚Du bist weise‘, hallt es nach. Ich setze mich nieder.

Alles Schöne endet meist mit einem Kuss. Oder einer Umarmung. Und dann ist Schluss. Keine Möglichkeit mehr, die Welt beim Alten zu belassen. Das Kartenhaus, meine Welt. Irgendwann kommt schon der Luftzug, der wieder alles über den Haufen wirft. Tonnen von Lebenstrümmern sammeln sich in meiner Einfahrt. Manchmal lege ich mich noch unter diese Brocken, um dieses Gefühl ein weiteres Mal zu spüren. Und doch schwimme ich manchmal durch sie durch. Lasse mich treiben. Mache mich auf. Auf zu neuen Ufern. Auf zu meinem Leben.

Zweifel.

Wohnen

Nichts ist so wie wir denken. Vor allem bist du nicht so, wie ich es mir erhoffte. Das zweite Quartal.

In einer Beziehung steckend und mir immer die Frage stellen, warum es nicht mehr so ist, wie es früher einmal war. Wie es in unseren ersten vier Monaten, den letzten des Vorjahres, war. Nein, es musste anders werden. Wir haben uns gestritten, haben uns getrennt. Sind für kurze Zeit getrennte Wege gegangen, bis wir wieder zusammenfanden. Und da standen wir nun. Ich zählte die Tage, an denen ich dich nicht sah, und jene, an denen wir uns trafen, verkamen zu krampfhaften Liebesbekundungen.

Die Schule trug mich hin, durch all diese drei Monate. Ende April hatte ich meinen letzten richtigen Schultag. Was danach folgte, waren Prüfungen. Die Matura, also das österreichische Abitur. Anfang Mai schriftlich, und nach etlichen Vorbereitungsstunden in unzähligen Fächern Ende Juni auch mündlich. Ich machte mir nicht viele Gedanken. Lernte für einige Fächer mehr, für einige weniger und habe es schlussendlich in diesem ersten Halbjahr des Jahres nicht geschafft. Nur knapp nicht. Kein Bomben-Bauchfleck vom Zehnmeter-Turm. Aber doch irgendwie ein Rückschlag.

All die Dinge, die ein Jahr zuvor noch das große Leben bedeuteten, Tage am See, Grillfeste und Parties. Nichts war mehr interessant. Stets nahm ich mir vor, mich auf die Schule zu konzentrieren, doch auch das war nicht sehr hilfreich. Die Anteilnahme war relativ gering. Nichts ließ mich mehr kalt, als diese dämliche Schule, aus der ich mich so gerne herauswünschte. Doch auch das ging vorbei. Und trotz des Missgeschickes in Englisch, was mich am meisten überraschte, trotz dieses Missgeschickes war ich stolz. Stolz, es so weit geschafft zu haben. Stolz, beinahe die Matura bestanden zu haben.

Im Mai feierte ich meinen neunzehnten Geburtstag. Zum Feiern kam ich ehrlich gesagt nicht. Denn einen Tag später musste ich vier Stunden lang etwas über Konformismus und die Jugend von heute in meiner Deutschmatura schreiben. Und zwei Tage vor meinem Geburtstag fasste ich auf den Weg zu ihr einen Entschluss. Durch Kettcars 48 Stunden inspiriert, endete ein langer Nachmittag bei ihr, in ihrer Küche am Boden. Diskutierend. Und das war seit langem wieder einmal das erste Mal, dass ich streng auf meinen Kopf gehört habe. Mein Herz bließ außen vor. Diesmal habe ich Schluss gemacht, und doch sagten, wir, es war eine friedliche Trennung. Dass anfangs alles perfekt schien und schlussendlich doch wieder die Gefühle da waren, davon will ich hier jetzt gar nicht sprechen.

Im Juni feierte auch mein Neffe seinen ersten Geburtstag. Das es sein letzter werden sollte, damit konnte damals niemand rechnen. Durch Frust wegen meiner Schwester wollte ich gar nicht an der Geburtstagsparty ihm zu Ehren nicht teilnehmen. Ich konnte dieses scheinheilige Getue nichts mehr abgewinnen und kroch dann doch irgendwann in den Garten, aß mein Grillfleisch und versprühte negative Energie. Wunderbare Tage waren das, vor allem mit ihm. Es war sonnig und heiß,, und das Leben schien zwar stressvoll aber lebenswert. Kurz vor meiner mündlichen Matura dann heiratete meine Cousine Manuela ihren Ernst. Durch die ganze Aufregung, kurz vor diesem wichtigen Tag, begann ich schließlich auch wieder zu Rauchen. Etwas, das ich bis heute noch nicht aufgegeben habe.

Lied des Quartals: 48 Stunden – Kettcar
Buch des Quartals: Ein Kind unserer Zeit  – Ödön von Horvath.

Was von diesen drei Monaten bleiben: Erinnerungen an einen großartigen Menschen. Eine Trennung, die ich erst jetzt wirklich zu überwinden bereit bin. Das Ende meiner Schulzeit und Musik. Wie immer und überall, begleitete sie mich auch in dieses Mal immer und überall hin. „Zweifel“ eben deswegen, weil es mir irgendwann bewusst wurde, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich fühlte mich unwohl und wollte ein Ende. Wo Ende doch so entgültig ist. Dass ich danach ausging, Freundschaft führen zu können, zeigt wohl auch noch meine jugendliche Naivität. Aber trotz allem waren es schöne Frühlingsmonate.

// Jahresrückblick 2007. Teil 2. April, Mai, Juni.

Hier Sein.

Ja, ich weiß. Die Sorglosigkeit der Tage wird nie mehr so sein. Es ist alles anders und doch fühle ich mich wohl.

„Wie in guten alten Tagen.“, meinte Stefan, als wir während unserers Aufstieges mit dem Schlitten mal wieder eine Rauchpause machten. „Vollkommen sorglos. Absolut unbekümmert.“ „Wie in guten alten Tagen“, wiederholte er sich. Ich musste nicken. Es fühlte sich an, trotz der Kälte und dem Schnee und dem Schweiß wie der Sommer, den ich geliebt habe, und der mich lieben lernte. Wunderbare Tage, einige der schönsten meines Lebens. Und ich gerade erst mal siebzehn Jahre alt.

Alte Tage. Immer wieder rotieren diese Worte in meinem Kopf. Und was hält uns jetzt auf? Es war doch einzig und allein die Schule, die uns die Welt sorglos erscheinen ließ. Jetzt machen wir Zivildienst, oder Studieren schon. Warum nicht gute neue Tage. An mir soll’s nicht liegen. Ich wäre bereit, habe Zeit und Lust. Und habe einfach nur Verlangen nach diesem Gefühl vollkommener Unbekümmertheit.

Und trotzdem wird das Leben anders. Das ist es doch schon. Der Tod eines so sehr geliebten Menschen kann nicht einfach so vorübergehen. Dass man sagt, es ist geschehen, was soll man machen. Schön ist das Leben und ich mag mich auch. Nein. Das geht nicht einfach so vorüber. Es ist vielmehr eine Herausforderung. Und das Lernen, Momente im Leben viel mehr zu genießen. Man weiß nie wann es vorüber ist. Weiß nicht, ob solche Momente in ähnlicher Zusammensetzung wieder auftauchen.

Ich fühle mich sorglos. Ja, trotz allem. Weiß, dass noch nichts richtig verarbeitet ist. Aber ich scheine zu realisieren, schön langsam. Dass er nicht mehr kommt. Dass sie nicht mehr liebt. Ihn werde ich für immer lieben. Und sie. Hat ihre Chance vertan. Ich bin frei. Und liebe mein Leben. Ich habe mein Leben schon immer geliebt. Selbst wenn Texte von Suizid handelten, war das nur der Gedanke daran. Ich hätte viel zu viel zu verlieren. Vor allem meine Familie und meine Freunde. Menschen, die ich liebe. Und meine Träume. Viel zu kostbar.

Ich sehne mich nach meiner Zeit in Wien. Die nächstes Jahr, in zehn Monaten anfangen wird. Aber genieße jetzt auch noch die Zeit des Zvildienstes, freue mich auf den dreimonatigen Ferienjob. „Sag nicht, dass das ein sinnloser Tag ist. Einen Sinn hat jeder Tag.“, sagte sie immer zu mir, wenn ich mich über scheinbar sinnbefreite Tage ausließ. Jeder Tag hat einen Sinn. Das weiß ich nun. Ich bin unverliebt und fühle mich wohl in dieser Rolle. Bin kein unbedingt glücklicher Single. Aber auch keineswegs unglücklich. Froh über den beschissenen Abschluss einer teils wunderschönen, teils beschissenen Zeit.

Ich fühle mich wohl. Ich finde mich schön. Und bin froh. Froh, dass ich Menschen um mich habe. Menschen, die mich mögen, mich vielleicht sogar lieben. Menschen, die mit mir nachdenken, und mit denen ich grübeln kann. Menschen, die ebenso große Träume haben. Ich liebe das Leben und denke mir immer öfter. Eigentlich ist mein Leben sorglos. Eigentlich trage ich zwar eine verdammt schwere Last auf mir. Die Trauerverarbeitung. Und so weiter. Und doch hoffe ich nicht mehr auf einen so schönen Sommer wie damals. Ich bin bereit, ihn wieder so schön werden zu lassen. Ich helfe nach. Und werde all die Zeit, die nun noch folgt, wunderbar werden lassen. Eigentlich bin ich froh, einfach nur hier zu sein.