A Rush Of Blood.

… upon your face.

„Für mich bitte eine Coke.“ Du siehst mich an, lächelst. „Früher sagtest du nie Coke.“ Früher, denke ich mir. Früher trank ich auch lieber irgendetwas anderes. Früher war der Sommer warm und der Winter kalt. Früher war das Leben anders und wir? Wir haben uns auch seither verändert. Das Café ist vollgestopft mit allen Sorten von Menschen.

Wir haben uns getroffen, erst vor fünf Minuten. Nach kurzem Smalltalk haben wir beschlossen, auf einen Kaffee zu gehen. „So lange Zeit haben wir uns schon nicht mehr gesehen. Wir müssen über so vieles reden.“, meintest du, als ich dir, wie es doch so üblich ist, die Türe aufhielt. Ach, haben wir?

Es stimmt wirklich. Das letzte Mal haben wir uns gesehen, vor einem halben Jahr. Viel ist passiert. Viel zu viel. Tausende Sachen würde ich rückgängig machen. Hunderte Sachen sollten geschehen. Doch wundert es dich nicht, dass wir uns seither nicht mehr gesehen haben? Ich habe nicht unbedingt Wert auf das Aufrechterhalten unserer Bekanntschaft gelegt. Aber jetzt sind wir schon mal hier.

„Erzähl aus deinem Leben“, forderst du mich auf. Ich blicke auf, der Kellner stellt unsere Getränke auf den Tisch und ich schnappe mir sofort den Strohhalm. Etwas zum Festhalten, irgendwie. Und während ich langsam die Augen zu dir schweifen lasse, beginne ich zu erzählen.

Mein Leben? Eine Achterbahn, aus der man nicht einfach so aussteigen kann. Freude über bestandene Prüfungen. Heruntergeholt werden durch die Betroffenheit über den Tod eines Fremden. Eine Familientragödie. Und immer wieder das Aufflackern der Zweifel, der Hoffnung, der versuchten Realitätsverweigerung, der Wut. So viele Gefühle und Gedanken in einem Kopf, so viele Worte in meinem Block, so viele Wünsche und Träume irgendwo da oben. Manchmal noch das Zittern des ganzen Körpers, oder auch das zittrige linke Augenlid. Nervösität und immer mehr die Annäherung an das Gefühl der körperlichen Selbstverletzung. Mit dem Leben nicht umgehen können und doch irgendwie immer wieder einen Grund finden, es fortzusetzen. Ja, das ist mein Leben.

Ich habe die ganze Zeit in die aufsteigenden Bläschen in mein Cola gesehen. Als ich aufblicke, siehst du mich entrüstet an. Dein Blick sagt mir, dass du etwas anderes erwartet hättest. Schon klar. Ich bin nicht mehr dieser Smalltalk-Typ. Du öffnest mehrmals deinen Mund, als wolltest du etwas sagen. Und ich erleichtere dir das Finden der Worte. „So, erzähl nun du aus deinem Leben.“, möchte ich von dir wissen.

Ach, ähm. Stress. Und so.

Ich lächle. Wie belanglos ein solches Leben doch ist. Wir sind still. Du wirfst Zucker in deinen frisch gemixten Latte Macchiato. Wie stolz ich doch damals war, als ich jedem erzählen konnte, was denn nun der Unterschied zwischen Café Latte, Latte Macchiato und Milchkaffee wäre. Jetzt ist es mir egal. Das Cola vor mir verliert mehr und mehr von seinem Kohlensäuregehalt. Mit dem Strohhalm leere ich das Glas schnell. Blicke auf meine Uhr und sage dir, es täte mir Leid, ich müsste schon gehen. Und nachdem ich bezahlt habe, deinen Kaffee nahm ich auch auf meine Rechnung, standen wir auf, schnappten uns unsere Jacken und Schals und was weiß ich. Und als ich dir die Türe offen halte und sich unsere Wege wieder trennen, fallen mir plötzlich zwei Worte ein, die ich in dieser Kombination nur sehr selten benutze.

Leb‘ wohl.

And If I Didn’t Love You

… you would know.

Du stehst neben mir. Wir neben uns. Beobachten, wie die Flocken sich am Himmel sammeln und den Boden übersäen mit frisch glitzernden, weißen Flächen. So vieles ist nicht geschehen, was doch ganz natürlich wäre. Ein Kuss auf die Wange zur Begrüßung. Eine Umarmung. Oder die Symbiose unserer Hände. Nichts ist. Nur dieses Gefühl, dass diese Mauer zwischen uns wohl immer höher wird.

Was würde ich geben für …; ach, ich vergesse, dass ich sowieso nichts geben kann. Nichts. Und doch möchte ich so vieles tun. Es wurde nichts bringen. Es fehlt so vieles, was die Vergangenheit wieder zur Gegenwart machen könnte. Du stehst neben mir. Fühlst dich wahrscheinlich unwohl, genauso wie ich.

Es sollte Freundschaft sein. Pureste Freundschaft. Immer und immer wieder habe ich gesagt: „Wir könnten doch Freunde bleiben.“ Selten habe ich es so ernst gemeint, wie dieses eine Mal. Und doch geht es nicht. Bei mir sind einfach Gefühle da, die ich nicht abstellen kann, nicht abstellen will. Ich habe dir nie gesagt, dass ich dich nicht mehr liebe. Dass ich dich nicht liebe. Ich habe dich immer geliebt. War mir manchmal meiner Gefühle nicht vollkommen bewusst, vor allem nach dem ersten Schock. Oft unterdrückt. Lange Zeit mich selbst belogen. Bis ich nicht mehr konnte und alles einfach heraus musste.

Nie habe ich dir gesagt, dass ich dich nicht mehr liebe. Vielleicht denkst du auch gar nicht daran, glaubst, alles wäre okay und die Welt wäre gut. Die Welt ist nicht gut, es ist nichts okay und zu Glauben ist auch nicht immer das Richtige. Dass du mich nicht liebst, sehe ich als Tatsache an. Jetzt musst nur du auch einsehen, dass ich nicht aufgeben will. Ich möchte nicht um dich kämpfen. Ich möchte warten. Warten, till the end of time. Bis man zurück auf den Weg findet, egal in welche Richtung er geht. Oder bis ich sagen kann, dass ich dich nicht mehr liebe. Oder.

Why Can’t You Just Hold Me? Nur halten. Nur.

It’s Cold.

… when you fade into the wind.

Der Wind lässt den Ast des nackten Apfelbaumes gegen das Fenster schlagen. Wie bei jedem kleinen Unwetter. Ich verkrieche mich immer weiter unter der Bettdecke. Die Dunkelheit, das Geräusch des pfeifenden Windes, das Alleinsein. Alles für sich etwas Schönes, in dieser Kombination hingegen Angst einflößend. Das Telefon ist tot und aus dem Fernseher kommt nur mehr ein Rauschen und viele kleine schwarze und weiße Pünktchen.

Nicht mal ablenken kann ich mich, denke ich mir. Wie sinnlos dieser winterliche Herbstnachmittag doch ist. Wo ich doch hier zuhause so gut wie gar nichts zu tun hätte. Und jetzt auch noch die restlichen Kuchenstücke meiner Familie einfach mal weg sind. Wann sie zurückkommen. Das haben sie mir nicht gesagt. Viel zu wenig haben sie mir gesagt. Und ich liege jetzt hier in meinen Bett, eingekuschelt. In Sorge um meine Familie, und in egoistischer Sorge um mich.

Sollte er mich etwas abheben lassen, der Wind. Sodass ich zum Zauberer von Oz fliegen kann. So ein Abenteuer, wäre es noch ganz neu, ich würde sofort mitmachen. Vor allem, weil mich schon immer die Figur der Vogelscheuche faszinierte. Die doch einfach nur etwas Verstand haben wollte. Und das Blechmännchen auf der Suche nach Herz. Eine zauberhafte Geschichte. Vor allem auch, weil mir die Farben meiner Vorstellung so gefallen haben.

Jetzt ist alles nur grau. Der Himmel erhellt sich für kurze Zeit, ein Blitz sucht sich den Weg zum Boden, das Warten. Mit den Fingern zähle ich die Sekunden, die Kilometer, bis das Gewitter bei uns angekommt. Drei, vier, fünf. Jetzt donnert es auch. Und während ich mich in meinem Bett ausrichte und die Geschehnisse durch das Fenster beobachte, beginnt es zu regnen. Große, dicke Tropfen.

Jedes einzelne Donnern geht mir nahe. Ich zittere fast im Takt der Erschütterung. Irgendwas scheint sich zu lösen. In mir. Dass plötzlich wieder so vieles hochkommt, was ich eigentlich zu verdrängen versuchte, lässt sich nicht stoppen. Unaufhaltsam kehre ich in mich und bleibe, mit den Knien zur Brust hochgezogen, zitternd und wippend liegen. Bis das Unwetter vorüber ist. Bis die Familie wieder vereint ist.

But In The End It’s. Right.

Wir befinden uns an einem Punkt vollkommener Sinnlosigkeit in dem Versuch des einfältig verzogenen Seins. Das Melancho-Meditieren der Pseudo-Vernünftigen lässt keine Fragen beantwortet zurück. Und so gesellt er sich zu all den Freunden und Freundinnen, Idioten und Flachwixern um einfach nur zu zeigen: Er lebt noch.

Huch. Werdet ihr sagen. Übertriebener Gebrauch von unnötig verfremdeten Wörtern. Ähm. Stimmt. Ihr habt wohl Recht. Und auch die Benutzung eines Schimpfwortes aus der untersten Schublade. Wohlgemerkt findet es sich nie, und ich meine wirklich nie, im Sprachgebrauch eines Ikarus. Es kam ihm nur so in den Sinn. Hat er irgendwo einmal aufgegriffen. Oder es ist hängen geblieben. Was ist also los. Warum diese sinnlose Aneinanderreihung von Worten.

Weil Ikarus gerne schreiben würde, dass das Leben schön ist. Irgendwie ist es auch schön. Man hat Freunde und nette Arbeitskollegen. Man hat einen Blogkreis um sich und ist Teil einer doch sehr lebendigen und unterhaltsamen Gruppe von interessanten Bloggern. Das Wetter würde auch passen, es regnet zumindest nicht mehr, und das Glatteis hat wahrscheinlich schon genug Todesopfer gefordert. Die Kälte gibt ihm nicht mehr zu denken. Und die Routine wird von Tag zu Tag lustiger, je unroutinemäßiger sie wird, wohlgemerkt.

Wie kann das Leben eines Ikarus auch nur schön sein. Wenn vor kurzem erst wieder jemand zu nahe zur Sonne geflogen ist. Und nicht abgestürzt sondern weitergeflogen ist. Ein Mensch, dem man beim Bauen der Flügel geholfen hat und dem man lehren wollte, etwas anders zu sein. Und der dann ganz alleine, als die Routine einen Ikarus wieder einholte, einfach abhob und nicht mehr zurückkehrte. Wie kann dann ein Leben schön sein, wenn Ikarus Gedanken plagen, die selbst Daedalus nicht kalt lassen würden. Wie kann sich Ikarus des Lebens erfreuen, wenn er den Sinn dahinter nicht mehr zu verstehen vermag.

Darf er sich freuen. Dass das Leben weitergeht. Der Kampf in diesem Labyrinth aus Entscheidungen und Schicksalsschlägen, aus Enttäuschungen und Forderungen. Es muss weitergehen. Und zurzeit fallen ihm die Schritte um einen Hauch einfacher. Vielleicht auch nur, weil man weit genug wegkommen möchte. Weit genug. Um aus dem Abstand heraus schön weiterzuleben. Um nicht ständig damit konfrontiert zu werden. Werden zu müssen.

Ikarus nützt den Tag. Carpt den Diem. Möchte sich zurzeit nur spärlich Erinnern. Weil sich Erinnerungen vermischen und Hoffnungen sich erläutern. Ikarus versucht auch nicht sein Leben zu träumen. Er versucht, seinen Traum zu leben. Bis er bemerkt, wie dumm der Erfinder dieses Satzes hat sein müssen. Der Traum ist nichts Reales. Und die Realität gewinnt immer. Sie hat wahrscheinlich Elektroschockgeräte, mit welchen sie einen einschüchtert und zurück auf die richtige Bahn wirft.

Darf Ikarus überhaupt schon wieder lieben. Ikarus hat nie aufgehört zu lieben. Das ist das Problem und das Schöne am Leben. Er war vielleicht noch nie bereit für eine Beziehung und hat sich doch immer gewünscht, ein Teil einer zu sein. Er weiß auch jetzt noch nicht, ob eine Beziehung etwas Gutes wäre, er weiß nur wen er liebt. Dass die Liebe zurzeit scheinbar einseitig ist, lässt ihn warten. Aber im Gegensatz zu früher erkaltet er nicht daran. Er wartet mit Freude. Vorfreude. Bis die Welt zerbricht. Es dunkel ist.

Und während Ikarus in seinem Labyrinth sitzt, hört er die Musik. Und schreibt mit seiner Kreide Worte auf den Boden des Irrgartens. Um nicht vollkommen alleine zu sein. Und wenn er sich einsam fühlt, setzt er sich hin und liest sich alles noch einmal durch. Bei einem kleinen Glas Musik, mit einem Happen Selbstironie und natürlich mit der gewohnten Prise Melancholie.

Dass der kleine Sonnenflieger, der sich nicht abzuheben traut, aber immer noch zu einen der renomiertesten Nichtwisser gehört, scheint in Anbetracht all dieser Fakten wohl eher nebensächlich. Ikarus versucht das Leben zu lieben. Und auch zu Gott, oder diesem einen großen Ding, was doch irgendwie da sein muss, wieder eine passende Beziehung aufzubauen. Es gibt viele Ungläubige, er verurteilt sie natürlich nicht, aber er kann einfach nicht ohne. Er braucht irgendetwas absolut Surreales, um sich daran festzuhalten. Ikarus liebste Aufgabe ist zurzeit das Denken. Das Sich-Gedanken-Machen. Das Träumen von einer schönen Welt. Das unnötige Hoffen. Um das Leben wieder zu einer Sonnenallee zu machen.

Wenige nur werden Ikarus‘ Gedanken verstehen, so verschroben und schlaftrunken sind sie geworden. Und doch wird irgendjemand irgendwann einmal an diesen kleinen Ikarus denken, und wird ihn fragen, was er denn nun vom Leben hält. Und Ikarus wird aus seinem Irrgarten hochblicken und zu lachen beginnen. Und wenn er dann seine Flügel ausbreitet, wird man wissen, dass das Leben doch noch lebenswert für ihn wurde. Dass er nun keine Angst mehr vor der Sonne hat. Dass es trotz all der Rückschläge und Enttäuschungen doch noch etwas Schönes im Leben geben darf.


Ich Fang An. Zu Tanzen.

Werf erstmal alles um.

Dieser kleine Raum dient uns als Tanzfläche. Das Licht blitzt kurz auf. Und erlischt. Die Musik, diese Schallplatte rotiert. Eine alte Dylan-Platte. Blood on the tracks heißt sie. Die wenigen Kratzer lassen die Nadel des Plattenspielers öfter mal abheben. Wir bewegen uns im Takt, im Einklang. Im Einklang mit Dylan. Dylan. Und der Welt.

Deine Hand. Leicht berührt sie meinen Rücken. Ich spüre, wie du dich etwas an meinem Shirt festhältst. Den Halt suchst, denn dir die Bewegungen nahmen. Dein Körper ganz nah an dem meinen. Ich spüre deine Brust. Dein Atmen. Das Heben der Lungenflügel. Das Senken. Dein Kopf liegt auf meiner Schulter. Deine Hände spüren meinen Körper.

Die Musik wird noch ruhiger, die Nadel bohrt sich in die Platte. Wir scheinen fast stehen zu bleiben, unsere tapsigen Schritte lassen uns aber doch noch kreisen. Ich schließe meine Augen. Ich atme dir einen Hauch von mir in deine Haare. Als wärst du eingeschlafen, lässt du dich geleiten von mir.

Bob hört für einen kurzen Moment der Platte auf zu singen. Du blickst mich an. Deine müden Augen suchen nach Worten, nach irgendetwas von mir. „Ich. I…Ich liebe dich.“ Du lächelst, und legst deinen Kopf wieder auf meine Schulter. Ich weiß, dass du diese Worte nicht hören wolltest. Und ich weiß auch, dass du nicht bereit bist, zu sagen, dass du mich liebst; nicht bereit bist, mich zu lieben.

Doch wir tanzen weiter. Nach einigen Minuten spüre ich die Tränen, deine Verlorenen auf meiner Schulter. Es ist meine Schuld, ich weiß. Aber du willst jetzt nichts sagen. Hältst dich an mir fest. Und langsam, viel zu langsam, drehen wir uns weiter. Doch irgendwann ist auch diese Platte zu Ende.

Kurze Gedanken zu Balu’s Zeile: „Ich fang an zu Tanzen; werf erstmal alles um“ von Kettcar.

Dear. Diary?

Erwachsen werden

Ein Gespräch. Irgendwann einmal das Lenken in Richtung Blog. Und Bloggen. Und meine Art zu Bloggen.

Ich habe wieder einmal deinen Blog gelesen. Und jedes Mal wenn ich ihn lese, habe ich irgendwie Schuldgefühle. Als würde ich ein Tagebuch lesen.

Womit du Recht hast. Es ist zu einer Art Tagebuch geworden. Man findet alles hier. Meine Gefühle, Gedanken, unausgesprochenen Worte und ausgedachten Geschichten. Ist es zu persönlich? Verrate ich zuviel aus meinem Leben?

Ich würde viel Privates nicht schreiben. Oder so schreiben, dass sich nur ganz wenige auskennen.

Wie soll ich auf Privates verzichten. Meintest du die Texte über Liebe? Die meine Gefühle einfach wiederspiegeln. Würde die Person, an die das „du“ gerichtet ist, das lesen, was würde dann passieren? Vielleicht würde dann alles schneller passieren. Es würde sich rasanter entscheiden, in welche Richtung es geht.

Ich weiß ehrlich nicht, wer jetzt nun meinen Blog liest. Ob nun viele Freunde dabei sind, wenn ich mein Leben virtuell wiedererlebe. Selbst SiteMeter, dieses Programm, was mir sagt, von wo die Leser kommen, sagt mir nicht, wer denn hier nun liest. Schreibe ich zuviel Privates? Schreibe ich zuviel.

Und so würde ich nun gerne wissen, was du von meinem Diary hältst. Es würde mich freuen, wenn du mir einige Antworten beantworten könntest.

  1. Ist mein Blog zu persönlich?
  2. Verrate ich zuviel aus meinem Leben?
  3. Lebt es sich besser als anonymer Schreiber?
  4. Schreibe ich zuviel Privates, zu vieles, was eigentlich ungeschrieben bleiben soll?
  5. Was würdest du sonst gerne hier lesen?
  6. Welche Kategorie gefällt dir am besten?
  7. Und was fehlt hier in diesem Blog?

Ich sage schon mal danke im Vorraus und hoffe auf sehr viele hilfreiche Antworten.

Tränengas. Im High-End-Leben.

Das Handy in deiner Hand. Du gehst an mir vorbei. Du hast mich nicht erkannt. Hast nicht mal meine Tasche erkannt, nicht mal meine Haare. Nicht meine Schuhe, nicht mich. Plötzlich bekomme ich eine SMS.

„Hey, ich war mir nicht ganz sicher. Warst das du eben? Wenn ja, sorry. CU“. CU. See You. Ich habe dich gesehen, habe dich gefunden. Du nicht. Du warst zu beschäftigt und ich zu irritiert, als dass ich irgendetwas hätte sagen können. Du bist vorüber gegangen. Weißt du noch, was wir alles erlebt haben, in der Zeit als noch per Plastikbecher mit Schnur kommuniziert wurde. Von Fenster zu Fenster. Jetzt schreiben wir uns vor allem. CU. See You. Sehe dich. ÜberCU.

„Sorry, habe heute keine Zeit. Hab schon andere Pläne. Nicht traurig sein. HDL“. HDL. Hasse Dein Leben. Gerne, liebes High-End-Leben. Du hast so vieles zerstört. Die Kommunikation einer ohnehin schon kommunikationsunfreudigen Gesellschaft. Die Möglichkeit um Überraschung. Die Sehnsucht. Wir alle befinden uns in diesem Leben. High-End. Höchstes Ende. Auf der Spitze. Wir alle sind da. Sammeln uns und kennen uns trotzdem nicht.

„Du hast 184 Freunde“. Ich sollte euch ein Wörterbuch schicken, liebe Community-Betreiber. Freunde. Wisst ihr überhaupt, was Freunde sind. Freunde sind Menschen, die immer für einen da sind. Zuhören, still sind, mit einem lachen. Und überhaupt. Freunde sind unbeschreiblich. Ich habe keine 184 Freunde. Ich bin froh wenn ich 10 habe. Und über diese zehn Freunde lasse ich nichts kommen. Diese Menschen sind besonders. Sind am Höhepunkt des Freundeskreises. Am High-End.

Ich sitze zuhause. Das Telefon klingelt nicht. Wenn ich jemanden anrufe, geht niemand ran. Mich lässt eine verdammte Werbe-SMS hochschrecken. Die Welt befindet sich am Höhepunkt und will doch immer noch höher hinaus. Wir glauben der Höhepunkt der Evolution zu sein, und doch sind wir nur ein Hirngespinst. Ich lege mich in mein Bett und atme die Luft der Entwicklung ein. Sind wir nicht alle ein kleines bisschen. Nein. Sind wir nicht. Ich hasse das High-End.

Ich hasse diese eintausend Möglichkeiten und die Pflicht, sich schnell zu entscheiden. Ich hasse das Wissen, dass ich ständig erreichbar wäre. Ich kann keine zehn Minuten mehr telefonieren am Stück, weil nichts vergleichbar ist mit der Low-End-Kommunikation. Das Gegenüber. Ohne irgendwelchen Pixeln im Gesicht. Die Mimik als Überträger der unausgesprochenen Worte. Und kein Gas, dass auf die Tränendrüse drückt, um ja auch nicht als abgestumpft zu wirken. Als gefühlskalt oder unmenschlich. Sondern echte Tränen. Die man mit echten Händen, echten Fingern wegwischen kann.

Meine Gedanken zu Kettcars „Tränengas im High-End-Leben“ aus dem Album Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen.

Mitten. In Der Nacht.

Wir können die Zeit zurückdrehen. Von hier zu jedem Kuss davor. Die Stadt ist heute wie ein Song und ich bin voll mit Erinnerung.

Gestern Nacht. Gespräche im Auto. Im Bett liegen. Und Nachdenken. Und zum Entschluss kommen, dich mit Fakten zu konfrontieren. Ich weiß, wie du denkst. Ich weiß deine Einstellung. Und ich weiß, wie ich mich fühle. Was ich fühle.

„Kennst du das Gefühl, wenn man neben jemanden sitzt oder steht, und ihm einfach so Vieles sagen möchte. Und man sagt es dann doch nicht, nur um nicht noch viel mehr zu zerstören.“

Ich weiß auch nicht was ich sagen werde. Dass ich nie aufgehört habe, dich zu lieben. Dass meine Gefühle manchmal verrückt spielten und ich oft versucht habe, sie zu unterdrücken. Dass ich deine Nähe liebe, und die Art, wie du mit mir sprichst. Dass ich dein Lächeln liebe. Und gleichzeitig so vieles verabscheue. Dass mir so vieles auch Schmerzen zufügt. Schmerzen, die ich gewillt bin, zu erleiden.

Dass ich weiß, dass du zurzeit „keine Zeit für einen Freund“ hast. Ich weiß ja nicht einmal, ob ich Zeit für eine Freundin hätte. Ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt eine Beziehung jetzt haben könnte, in diesem Zustand des Seins. Nach all dem, vor alledem.

Ich werde dir sagen, dass ich es vermisse. Zu wissen, dass es eine Person gibt, die mich vom Innersten ihres Herzens heraus liebt. Dass ich es vermisse. Miteinander einzuschlafen. Dass du fehlst. Dass ich dich liebe, und selbst nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Dass ich nur mal wieder einfach deine Hand nehmen möchte. Über dein Gesicht streicheln. Deinen Atem ganz nah bei mir zu spüren.

Ich erwarte mir von diesem Gespräch nichts. Nur, es wird mir gut tun. Dir alles zu sagen, was ich so lange zu sagen versuchte. Leider können wir die Zeit nicht zurückdrehen. Leider nicht.

Ende

Der kalte Hauch des frühen Winters bläst mir ins Gesicht. Vor mir der Stein, einer von Tausenden hier, mit eingravierten Namen und einer glänzenden, eisigen Oberfläche. Zwischen den kleinen Hügeln aus Schnee leuchtet das Rot der Friedhofskerzen. Sie leuchten und ich. Ich knie vor diesem Grab. Mir kommt der Name so bekannt vor. Ich weine.

Etwas zieht mich hoch. Und zeigt mir den Ausmaß dieses Friedhofes. Überall diese Gräber und Gruften, diese Holzkreuze der Neuverstorbenen. Überall diese Kerzen und überall diese Trauer. Überall die Menschen und die Hilflosigkeit, die Abgestumpftheit und der Hass. Die Dummheit und die Scham. Die unterdrückten Gefühle und die sanften Fußabdruck in den Zentimetern des Schnees.

Ich gehe vorüber. An all den Gräbern. Das war die Frau, die ich tot auf der Straße hab liegen sehen. Das war ihr Grab, an dem ich mich wiedergefunden hatte. Was führte mich wohl hierher. Ich weiß es nicht. Aber es bedrückt mich. Das ganze hier bedrückt mich. Das ist doch alles nur eine Ansammlung aus Erde und Holz und Knochen und Würmern. Wenn überhaupt. Wo ist der Rest des Menschen. Die Seele. Die Gedanken. Die Erinnerung. Wo ist das ganze. Nicht hier. Hier ist nichts, außer Trauer.

Ich trete durch das Tor, welches in diesen Friedhof und aus ihm heraus führt. Vor mir die Straße, zwei Autos rasen aneinander vorbei. Das Leben geht weiter. Die Welt rotiert und wir mit ihr. Und ich nehme mir einfach dieses Fahrrad, welches an der Friedhofsmauer lehnt. Ein Damenfahrrad. In Violett. Und ich fahre los.

Leben

Ich habe wieder zurück gefunden. Pulsierendes Glück einer rein konsumorientierten, prüden, egoistischen Schambereichs-Gesellschaft. Mein erster Gedanke, als ich an all diesen Weihnachtsmännern, nach dem Coke-Prinzip, vorbeispaziere. Schon wieder viel zu früh, denke ich mir, als sie mit ihrer Glocke in der Hand die blinden Menschen in die Geschäfte locken wollen. Ich springe zur Seite. Ein kleiner Junge hatte es sich zur Aufgabe gemacht, jede Pfütze von etwas Wasser zu erleichtern.

Warum bin ich eigentlich hier lang gegangen. Es gäbe besser Wege, schnellere und weniger besucherreiche. Doch ich bin hier lang gegangen. Um das Leben zu spüren. Um vielleicht auch mal selbst zu leben. Und als ich unter der Last des Normalseins die Augen schließe, spüre ich für einen kurzen Moment des Seins einen Hauch von Nichts. Als ich die Augen wieder öffne, finde ich mich am Friedhof wieder.