Es Schneit.

„Willst du mich wirklich aus deinen Gedanken löschen?“, fragst du mich. „Ja.“, sage ich, nicke dabei und stopfe all die Erinnerungen an dich in diesen großen schwarzen Müllsack.

Langsam baut sich vor meinem Fenster einiges an kleinen Schneekristallen auf. Der Blick hinaus lässt es in meinem Zimmer warm werden. Die gestrickten blauen Socken wärmen jede einzelne Zehe. Hätte ich einen Kamin, wäre auch dieser jetzt warm, und das Knistern des Holzes würde mich beruhigen.

Die sanfte, selbstzerstörerische Musik lässt jeden Zug an der Zigarette verstummen. Langsam bewege ich mich durch das Zimmer. Plötzlich schneit es. Ich schüttle die Schneekugel und warte bis sich alles wieder gelegt hat. Die Erinnerung und die Gedanken an die Bilder. Als wir auf einer Deckein der Wiese lagen. Die Sonne uns wärmte und das Leben sich als schön offenbarte.

In Gedanken werfe ich sie weg. Werfe sie an die Wand, dass die Flüssigkeit langsam zu Boden läuft und das Glitzern der Schneeflocken an ihr hängenbleibt. Keine Antwort ist auch eine Antwort, denke ich mir und lege mich in mein Bett. Wickle mich in den warmen Tuchent ein und sammle meine Tagebücher vom Boden auf. Es fehlt. Irgendetwas.

Mich in Behandlung befindend, sage ich mir. Ein komisches Wort. Behandlung. Vielleicht lerne ich, wie ich mich selbst behandeln soll. Es würde mir gut tun. Bald werde ich wieder alleine zuhause sitzen und die Einsamkeit für kurze Zeit genießen. Bis ich den Kontakt zur Welt wieder suche. Sich selbst etwas aufzuerlegen, ist schwer. Es einzuhalten, noch schwieriger. Weihnachten ist gefühlsecht vorüber gegangen. Es war weniger schlimm als erwartet.

Was wären nur solche Tage mit jemanden. Ihr wisst schon. Langsam sinke ich in die Fantasie der Musik hinein. Setze mich auf die Fensterbank, blicke hinaus. Es war dunkel geworden. Die Schneeflocken sinken langsam zu Boden. Der Asphalt der Straßen ist von einer kleinen Schicht eingesäumt. Ich blicke zum Himmel. Sehe den abnehmenden Mond, und die unzähligen Sterne. Und fühle mich plötzlich nicht mehr einsam.

Several Thousand. Years Of Talking. Nonsense.

Ich zähl die Stunden, die Sekunden. Der Stift. Er rutscht. Aus meinen Händen und zersplittert am Boden.

Dutzende Seiten, gefüllt mit meinen Worten. Meinem Leben, festgehalten in schwarzer Schrift, meine Handschrift. Oftmals bemerken, wie zwanghaft Worte herausgepresst und darin hineingestopft wurden. Und manchmal kamen sie wie von selbst. Mussten rein und passten nur da rein. Ich habe Geschichten geschrieben, Erlebnisse, Sätze, die mir im Gedächtnis bleiben sollen.

Es ist ein interessantes Gefühl, in ihm zu blättern. Mein Tagebuch. Mein Leben in diesem Jahr. Meine Verliebt-, meine Vernarrtheit. In einige Personen. In eine Person. Glückvolles Beginnen des Jahres. Verstört-hoffendes Beenden. Das ist mein Leben. Das war mein Jahr. Und wieder habe ich viel zu wenig hineingeschrieben. Vor allem nach dem Schicksalsschlag war es anders. Da habe ich es mir zwar oft vorgenommen, aber dann doch nie getan.

Das Buch für das nächste Jahr liegt schon bereit. Nächstes Jahr möchte ich anders schreiben. Keine sinnlose Aufzählung. Keine Fragen. Und keine Erklärungen. Nur Leben, verpackt in Worten. Melodramaturgie wird nicht völlig verschwinden. Egal. Nächstes Jahr soll alles anders werden.

Und dann sitze ich hier und versuche Worte zu finden. Und denke nach und verliere mich. Mir fällt der Stift aus meinen Händen. Und findet sich zersplittert auf dem kalten Boden wieder. Was sind schon Worte. Für wen brauche ich dieses Buch meines Lebens. Wen würde es schon interessieren. Warum mache ich mir überhaupt die Mühe.

Wegen mir. Ich brauche das. Immer mal wieder reinzuschnuppern in die Vergangenheit. Und die Gegenwart meist spätabends sich wiederholen lassen. Und alles. Einfach ich in diesem Buch versinken. Dem Buch meines Lebens. Dem Buch des Jahres.

… Und Das Etwas Andere Weihnachten

Timi ist gerade erst ein halbes Jahr alt.

Als die Welt um ihn in Stress versinkt, er viele Menschen nur mehr selten sieht. Weihnachten würden es alle anderen nennen. Doch für Timi ist all das unverständlich. Das Fest der Geburt eines kleinen Kindes. Zu früh wäre es, um ihm alles zu erklären. Für ihn soll das
Weihnachtsfest eine Überraschung sein.

Alle finden sich ein, bei Timis Urgroßmutter. Wie jedes Jahr feiert die ganze Familie dieses Fest gemeinsam. Das Christkind hat auch einige Päckchen für Timi unter den Baum gelegt. Als endlich Bescherung stattfindet, leuchten seine Augen. Die vielen Kerzen, dieser wunderschöne Anblick. Irgendwie kann er alles noch nicht fassen. Und nachdem er sich eher mehr mit den Verpackungen als mit den Geschenken befasst hat, schläft er irgendwann ein. Schließt die Augen und verschläft den Rest des heiligen Abends.

Seine Familie, die Menschen, die er immer um sich hat und die ihn so sehr lieben, haben sich schon einiges für das nächste Weihnachtsfest
überlegt. Und haben gesagt, dass alles anders sein wird. Dass es ein viel schöneres Weihnachten ist, mit leuchtenden Kinderaugen und einer glücklichen Familie. Weit weg waren all diese belanglosen Weihnachtsfeste, an denen alles wie geplant, wie streng fixiert ablief.
Dieses Jahr würde Weihnachten anders werden, träumten sie.

Und dann hebt Timi plötzlich mit diesem, seinen Engel ab. Und findet den Weg zurück nicht mehr. Freut sich über seine Flügel und fliegt
herum. Er selbst ist ein Engel geworden. Nun ist er nicht mehr dieser lebendige, lebenslustige kleine Engel auf Erden. Er spielt nun im
Himmel. Und manchmal verliert er auch Gedanken, an all die Menschen, die ihn lieben.

Plötzlich steht das Weihnachtsfest wirklich vor der Tür. Seine Familie gibt zu, dass alles anders ist. Aber anders als gedacht. Zwei
leuchtende Augen fehlen. Ein Mensch fehlt. Weihnachten wird nicht so, wie es sich alle vorgestellt haben. Statt Lachen und Freude, werden Tränen erscheinen. Tränen, die mehr als begründet sind. Man feiert die Geburt eines kleinen Kindes. Und fühlt den Schmerz um den Verlust des eigenen. Nichts ist so, wie es sein sollte. Und doch ist es.

Und manchmal blickt Timi herab. Sieht diese, seine Menschen, wie der Stress an ihnen vorüberzieht. Sieht, wie traurig alle sind. Es gibt
sogar Momente, an denen er sich zurückwünscht. Und dann taucht er auch in den Träumen mit auf. Nur um seinen Lieben zu zeigen, dass es ihm gut geht. Ihnen hingegen geht es nicht gut. Und das Fest ist dieses Jahr wirklich anders. Anders als all die Jahre zuvor. Anders als gedacht.

Ich habe schon fast Angst vor heute. Schon fast. Angst.

Anders. Als Gedacht.

Alleine zuhause. Die Musik und die Dunkelheit. Ein wie der Dreck unter den Fingern ist auch sie hier. Die Melancholie.

Der Körper fühlt sich warm an. Fast unmerklich ging dieser Abend an mir vorüber. Dass meine Haare von heraufsprühendem Schnee durchnässt war, oder Kälte von unten in die Snowboardhose hineinkroch. Heute mal wieder. Elisabeth, Susanne, Stefan und Lukas gesehen. Spontanaktion mit Schlitten und Berg. Interessant kurvige Anreise, lange, beschwerlicher Weg bis zum Abfahrtspunkt. Und einige spektakuläre Stürze. Es war großartig, einzigartig, wunderbar. Ich habe diese Zeit, das gemütliche Zusammenhocken auf drei Schlitten, und die Rauchpausen und alles genossen. Die Unbeschwertheit der früheren Jahre unserer Freundschaft kehrten zurück. Für einen kurzen Moment. Der irgendwie lange anhält.

Kurz davor, der Weihnachtskaffee bei meiner Oma. Mit so vielen Verwandten, Menschen, die ich liebe und brauche. Die für mich da sind, wenn ich sie brauche. Und für die auch ich da wäre, wenn sie hilfefragend zu mir kommen würden. Spaß, und Sebastian. Dieser kleine Sonnenschein. Anfangs dachte ich, es wäre schwer, ihn so zu sehen. Ein Jahr älter als unser Timi. Doch schon wenige Tage nach dem Tod war das Spielen mit ihm eine schöne Zeit. Gute Ablenkung. Es ist doch alles irgendwie immer anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Es war schön, wieder einmal Manuela und Ernst zu sehen. Und die kleine Luisa im Bauch meiner Cousine. Auf die ich, sobald ich in Wien studieren werde, aufpassen werde. So oft es mir möglich ist.

Gestern der eher spontane nachgeschobene Besuch bei meiner anderen Großmutter, im Mühlviertel, einem der obersten Stückchen von Österreich. Mehr als eineinhalb Stunden Anfahrt. Es war wieder einmal schön, meine Oma zu sehen. Zu sehen, dass es ihr gut geht, und sie besser als beim letzten Mal aussieht. Verwirrt ist sie immer noch, aber der Kontakt zu ihr, die spärlichen Besuche, maximal drei Mal im Jahr, lassen mich immer mehr wünschen, mehr Zeit mit ihr verbracht zu haben. Früher, als sie noch woanders wohnte, als alles noch so anders war. Auch meine Tanten und meine Onkeln. Schön, wieder einmal diesen Hauch von Familie väterlicherseits zu spüren.

Und morgen die Bescherung bei meiner Oma mütterlicherseits. Schwer wird es werden. Anders. Anders als wir es uns noch vor zwei Monaten vorgestellt hatten. Ein Mensch wird fehlen. Er fehlt uns schon so lange Zeit, und gerade ein Fest wie dieses lässt vieles wieder aufflackern. Morgen wird sicher geweint. Das ist natürlich nicht schlimm. Nur eben anders, als wir alle es uns vorgestellt haben. Dieser Gedanke inspiriert mich übrigens auch gerade zu einer Geschichte. Die ich vielleicht heute, vielleicht morgen schreiben werde.

Jetzt sitze ich zuhause. Die nassen Schuhe, die kalte Hose ausgezogen, in meinen warmen Norweger-Pullover eingehüllt. Den Tönen von Ray LaMontagne und Remy Zero lauschend. Mit dieser sanften Musik und allem drum und dran sucht sie wieder den Weg in meinen Kopf. Im Herz ist sie irgendwie schon. Die Melancholie. Trotz des Spaßes und der Freude, die ich in den letzten Tagen erleben durfte. Immer wird es anders.

Es wird anders.
Immer.
Anders, als ich es mir vorgestellt habe.

… Und Die Verlorene Zeit

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Langsam öffnet Timi seine müden kleinen Augen.

Ihm ist kalt, obwohl er bis zur Nase mit dieser riesigen Bettdecke zugedeckt ist. Und obwohl er nun mit offenen Augen umher blickt, sieht er nichts. Es ist noch viel zu früh, die Nacht hatte sich noch nicht verabschiedet. Doch als er sich, scheinbar reflexartig, die Sandkörnchen aus den Augen wischen will, die das Sandmännchen heute Abend über ihm verloren hatte, spürt er nichts. Hat er etwa noch nicht geschlafen? Er kann es sich nicht erklären, dreht sich aber einfach um, und versucht wieder zu schlafen.

Doch plötzlich schreckt er hoch. Hat er da gerade etwas gehört. Und als Timi seine kleinen Ohren zu spitzen versucht, hört er es schon wieder. Eine Stimme, als würde sie gegen einen Polster sprechen. Ein Murmeln. Nein. Es sind Hilfeschreie.

„Hilfe! Hilf mir, Timi!“

„Wer spricht da?“, fragt Timi, in die Dunkelheit blickend und sich fragend, woher dieses unbekannte Wesen seinen Namen wusste. Als er endlich den Knopf findet, mit dem er seine Lampe einschalten kann, kann er auch sehen, von wo diese Hilferufe kamen. Zwar kann er es anfangs nicht glauben. Doch sein Wecker, ja, sein Wecker spricht zu ihm.

„Ähm. Was ist denn los?“ Timi ist ratlos. „Hilf mir, Timi! Man hat uns die Zeit gestohlen.“ – „Aber das geht doch gar nicht.“, meint Timi. Was ist das auch nur für ein alberner Gedanke. Eine gestohlene Zeit. „Doch, glaube es mir. Wer sollte es besser wissen, als ich. Ich weiß immer genau, wie spät es ist.“

„Na dann sag mir doch mal die Uhrzeit, lieber Wecker“ – „Das ist es ja, Timi. Ich kann es nicht. Ich kann nichts mehr. Die Zeiger drehen sich am Tage nur mehr ganz eilig rund um meinen Mittelpunkt herum. Ich kann sie nicht aufhalten.“ Und nachdem sich Timi ein weiteres Mal mit der Hand die Augen ausknubbelt, kann auch er es sehen.

„Und was heißt das? Was passiert denn jetzt mit uns?“ „Verstehst du nicht? Die Zeit läuft. Tage werden zu Minuten, Stunden zu Jahre. Wir alle werden viel schneller älter. Und verlieren so viel von unserem Leben.“ Und während Timi noch länger darüber nachdenkt, findet auch er diese Vorstellung schrecklich. „Aber da muss man doch noch etwas machen können, oder? Lieber Wecker, so sag mir doch, wie ich das alles aufhalten kann!“

„Ich weiß es doch auch nicht. Ich hör dich nur jeden Abend mit dir selbst reden, wie toll es wäre, größer zu sein. Viel älter. Wenn du das und das machen könntest. Und dabei vergisst du, wie toll dein jetziges Leben ist. Mach dir keinen Stress. Bleib lieber noch länger klein. Lass dir von niemandem einreden, du wärst zu klein für irgendetwas. Diese Menschen sind einzig und allein nur schon viel zu groß, um überhaupt richtig leben zu können.“

Aber Timi ist schon viel zu müde. Selbst diese ganze Aufregung hält nicht länger wach. Er hört zwar noch die Worte, aber seine Augen sind schon wieder geschlossen, und das Sandmännchen kommt ein zweites Mal in dieser Nacht zu unserem kleinen Timi.

Doch als er am nächsten Tag aufwacht, kitzelt die Sonne ihn schon an der Nase. Und während er sich aufrichtet und über diesen verrückten Traum der letzten Nacht lachen will, blickt er auf den Wecker. Die Zeiger stehen still.

Wegen Zeitmangels wieder ein Text aus dem Timi-Blog. Geschrieben am 14. Oktober. 15 Tage vor seinem Tod. Erschreckend wie … makaber dieser Text jetzt klingt. „Bleib lieber noch länger klein.“ Er bleibt es.

… Und Die Begegnung. Mit Dem Engel.

Timi öffnet die Augen. Er erschrickt, so überraschend erscheint dieses Wesen in seinem Blickfeld. Ein Engel. Sein Schutzengel.

Viel zu früh ist Timi aufgewacht und hat den Schutzengel erwischt, als er die Nacht über an seinem Bett wachte. Er versteht nicht ganz, wer oder was dieses Wesen nun ist. “Wer bist du?”, fragt er. Ich bin dein Engel. Dein ganz persönlicher Engel. “Ein Engel? Was ist das?” Wenn Menschen sterben, dann sind sie nicht einfach so tot. Etwas besteht weiter. Die Seele. Und aus ihr formt sich anschließend der Körper, den man von diesem Zeitpunkt an als Hülle seines Innersten trägt. Timi ist verwirrt. “Sterben?”

Der Engel lacht. Er erfreut sich über die kindliche Leichtigkeit des Seins, wenn Tod und Verlust noch nicht Bestand des Lebens sind. Wenn jemand stirbt, hört das Herz dieses einen Menschen auf zu schlagen. Das Leben, so wie wir es kennen, geht zu Ende. All die Menschen um uns herum weinen und versuchen zu verstehen. Bis sie es entgültig aufgeben. Das ist Sterben. Das ist der Tod. Timi nickt. Er scheint zu verstehen. Er hatte sich wahrlich noch nie Gedanken über den Tod oder das Leben, oder über Gott und die Welt gemacht. Er lebt in den Tag hinein und verbreitet überall seinen Sonnenschein.

“Wie kann man ein Engel werden? Muss man erst sterben, um in einer solchen prachtvollen Hülle weiterzuleben?”, will Timi wissen. Der Engel streicht ihm über sein goldenes, flaumiges Haar. Nein. Es gibt auch Engel auf Erden. Du bist ein solcher Engel. Timi lacht. Er kann sich das nicht vorstellen, macht er doch einfach nichts anderes, als sein Leben mit all der Freude und der Angst, mit all dem Lächeln und den Tränen zu leben. All die Menschen, die du liebst, spüren es. Und für sie bist du der größte Engel auf Erden. Timis Augen leuchten. Der Gedanke daran erfreut ihn.

“Legst du dich zu mir, mein Engel?”, bittet Timi seinen Engel. Und irgendwann, spät Nachts, Timis Mutter schläft schon, schlafen auch die Beiden ein. Leuchtende Wesen. Zwei Engel in einem Bett. Als Timis Mutter am nächsten Morgen nach ihm sieht, ist Timis Engel immer noch da. Nur Timi selbst. Er ist gestorben. Seine Seele hat bereits seinen Körper verlassen. Im Paradies, am anderen Ende des Regenbogens, irgendwo an der leuchtenderen Seite, formt sich gerade sein neues Wesen. Timi ist ein Engel geworden. Nur seine Familie und seine Freunde blieben zurück. Weinen und versuchen zu verstehen. Bis sie es entgültig aufgeben.

//Ein Text von meinem Blog, auf welchem ich Geschichten über und Briefe an Timi veröffentliche.
///Timi und der Rest der Welt

Dry Your Eyes.

It Won’t Supposed To Be. Easy.

Mein linker Fuß folgt meinem rechten, und der Rechte meinem Linken. Und so bewege ich mich fort. Ziellos, wortlos, ratlos. Die Straßen sind überfüllt von der Leere, die die Dunkelheit in dieser Einöde mit sich zieht. Das Gras ist grau, der Bach rauscht schwarz, der Wind weht dunkelbraun. Ich bleibe stehen. Halte mich am Brückengeländer und spüre den kleinen Bach, der unter meinen Füßen, unter dieser Brücke unter mir hindurchfließt. Setze mich nieder. Der Asphalt ist eisig kalt. So wie die Luft und die Hand, die diese eine Zigarette, die letzte des Tages, hält.

Ich kotze hinein. In dieses fließende Gewässer. Welches scheinbar alles weit weg trägt. Irgendwann in diesen nahegelegenen Fluss mündet, der dann in den nächstgelegenen größeren Strom mündet, um dann irgendwann in dem großen braunen Fluss landet, der all das dann irgendwann einmal ins Schwarze Meer liefert. Kotze meine Gedanken heraus. Mir war schon wieder nach weinen zumute. Als über den letzten gemeinsamen Tag gesprochen wurde. Ich an diese warme, arme, sanfte Umarmung denken musste. Mit all den Schmerzen, die dieser kleine Körper durchstehen musste. Und wir und niemand anderer und die ganze Welt einfach nichts bemerkte. Den Tränen nahe und der Bewältigung doch so fern.

Kotze meine Gefühle hinein. Ich bin auf diesem Weg der Entwicklung, vom Kind zum erwachsenen Kind soweit vorangeschritten, dass ich wieder gelernt habe, Gefühle zu zeigen. Ich zeige sie nicht jedem und doch offenbare ich sie der Welt. Ich weine im Stillen und erzähle hunderten Menschen jeden Tag davon. Ich bin wütend und kann es nur kurz wirklich zeigen, bis die Worte Überhand von mir nehmen. Aber ich kotze diese Gefühle in den Bach um all das Überflüssige herauszulassen. Ich versuche nichts mehr zu unterdrücken. ich denke mir ständig, sollten sie kommen, die Tränen, oder die Wut, oder der Schmerz. Ich würde sie herauslassen. Aber irgendwo in meinem Körper, meinem Gehirn, blocke ich das Ganze ab.

Kotze mein Leben heraus. Um es mit dem nächsten Atemzug wieder einzusagen. Einmal die frische Luft erlebt. Die Realität, die Kälte zu spüren. Um zu fühlen, dass es hier draußen auch nicht viel wärmer ist, als in diesem stämmigen Körper, der mich hüllt. Eiskalt ist es. Kotze all das heraus, und wische mir den ganzen Mist von meinen Mundwinkeln in meine Ärmeln. Stehe auf und rauche diese Zigarette zu Ende. Gehe den Weg weiter. Hin zu ersten Kreuzung. Mich zu entscheiden war noch nie meine Stärke. Gäbe es von allem nur eines, nur eine Richtung, nur eine Wurst, nur ein Getränk, wüsste ich, was ich nehmen müsste. Doch jetzt stehe ich vor einer Entscheidung, die so schwer fällt, dass ich immer das Abwegigste auswähle. Um nicht aufzufallen.

Gehe in diese Richtung los. Beginne zu laufen. Komme aus der Puste. Bis ich irgendwann durch dieses Stechen im Oberkörper zusammenbreche, und einfach nicht mehr kann. Laufe davon, vor allem, und stehe dann an einem Punkt an dem es nur mehr ein Zurück gibt. Um mich der Welt zu stellen. Und irgendwann werde ich vielleicht auch in der Lage sein, dass ich meinen Gefühlen vollkommen freien Lauf lasse. Dass die Tränen einfach kommen. Und irgendwann gehen. „Dry Your Eyes.“, wünscht sich meine innere Stimme. „Bald“, antworte ich, „bald!“

Stop Whispering.

‚Ich bin doch nicht verrückt.‘, denke ich mir und notiere mir den Termin für meine erste Therapiesitzung.

„Du schaffst das nicht alleine.“ – „Ich weiß.“ Ich habe es schon lange gewusst. Schon vor Monaten hat mir jemand geraten, eine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich habe alles zurückgewiesen: „Nein, nein. Das sind nur so Phasen.“ Damals konnte ich nicht erahnen, was sonst noch so in meinem Leben passieren würde. Die Phasen wurden stärker. Ich sehe mich nicht als depressiv an, wie manch anderer, der glaubt, mich zu kennen. Es wird mir aber irgendwie doch alles viel zu viel.

Für was brauche ich bitte so etwas? Ich therapiere mich selbst, indem ich darüber schreibe. Schreiben befreit mich und ermöglicht mir, Dinge auszusprechen, die ich normalerweise nie sagen würde. Ich brauche so etwas nicht. „Dein Neffe ist gestorben“, flüstert mir meine Stimme da in mir zu. „Da kommst du mit Schreiben auch nicht weiter. Wiederholst nur Tausende von Phrasen, die eben nur von dir niedergeschrieben werden. Was wirklich in dir los ist, dass weiß niemand. Nicht mal du, denke ich.“ Du hast ja Recht. Aber warum jetzt. Ich habe vor fünf Jahren auch schon meinen Großvater verloren. Habe einmal richtig geweint, danach nie wieder. Und jetzt bin ich ständig irgendwie den Tränen nahe, und kann es doch nicht. Selbst eineinhalb Monate danach.

„Und wie soll ich plötzlich einfach so reden können, meine Seele offenbaren, vor einem Menschen, den ich nicht kenne?“, frage ich mich. Und weiß doch, dass die Psychologin, zu der ich gehen werde, meine ehemalige Psychologielehrerin ist. Sie hat mir die gesamte Sache schmackhaft gemacht. Psychologie hat mich interessiert, Philosophie beschäftigt. Auf irgendeine Art und Weise hat sich so etwas wie Vertrauen aufgebaut. Ich weiß nicht, wie es sein wird. Vielleicht ist gerade das, das Vertrauen eben, eher befremdlich. Oder es ist die einzige Möglichkeit, um in meine Seele zu blicken. Ein zweischneidiges Schwert, wie man so schön sagt.

Ich bin nicht verrückt. Ich bin nicht depressiv. Empfinde keinen Hass gegen irgendjemanden. Hasse mich nicht selbst. Ich habe einfach Probleme, mit allem klar zu kommen. Ich habe Hoffnung. Hänge am, liebe das Leben. Habe meine eigenen Ansichten, wenn es um Glauben geht. Werfe niemanden etwas vor. Der plötzliche Tod meines Neffen ist passiert. Ich denke, ich muss einfach mal realisieren, und akzeptieren, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann. Dass er nicht mehr kommen wird. Ich weiß noch so vieles, was ich bei dieser Professorin gelernt habe. Satir, Frankl, Freud. Doch was wird sie zu mir sagen. Wie wird sie mir helfen.

Neben der Ungewissheit, was auf mich zukommen wird, bin ich schon gespannt. Gespannt auf die Therapie. Interesse an der Behandlung. Weil gerade sie für mich eine beeindruckende Persönlichkeit war. Und wahrscheinlich auch der Grund, warum ich ernsthaft überlege, neben Publizistik auch etwas Psychologisches zu studieren. Oder mich zumindest ausgiebig damit beschäftigen möchte. Wie wird es sein. „Das wird schon“, meint schon wieder meine Stimme in mir. Schön.

Vielleicht kann ich es irgendwann verarbeiten. Kann wieder einmal mit einem uneingeschränkten Lächeln Erlebnisse mit ihm erzählen. „Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben“ Der kleine Prinz. Der Text auf dem Erinnerungsbildes. Wann werde ich mich trösten. Wann wird alles besser. Wird alles besser. „Ich bin nicht verrückt.“, sage ich mir. Und meine Gedanken spielen Rugby, mein Magen kotzt innerlich, mein Kopf dröhnt und meine Hand zittert. Alles wird besser. Alles.

So Close Your. Eyes.

So schlagen also Gefühle um. Von Liebe zu Wut. Von Zuneigung zu Zorn.

Es fühlt sich so falsch an. Ich sitze hier, und meine Gedanken werden verziert von Aggression und Vorwürfen. Nicht gegen mich. Die Zeit habe ich hinter mir. Oder sie ist einfach kurz verschwunden, ohne sich zu verabschieden. Und wird irgendwann einmal wieder auftauchen und mich überraschen. Aber so ist es. Ich habe mir einiges auferlegt. Habe Träume mit Fäusten bekämpft, der Realität den Mittelfinger gezeigt und doch habe ich mich mit ihr vereinigt. Habe begriffen, dass das Leben nicht so ist, wie ich es mir gerne wünschte.

Nichts ist so, wie man es sich wünscht. Alles entwickelt sich in eigenen Bahnen und zeigt wieder einmal, wie unberechenbar das Leben ist. Ich sitze hier, gähne, weil ich die letzte Nacht sehr schlecht geschlafen habe. Wundere mich über die schöne Musik, die aus meinen Lautsprechern erklingt. Und frage mich, was die Welt wohl da draußen so treibt, während ich in diesem leicht geheizten Zimmer herumhänge und Worte aneinanderreihe.

Was mich jetzt erwartet? Kummerstimmung oder Weinphasen? Vielleicht. Aber nicht deswegen. Etwas viel Schlimmeres ist passiert. Das war nur der entgültige Punkt hinter einem viel zu langen Satz von mir. Du bist mir egal. Obwohl du noch in meinen Gedanken auftauchst. Es heißt zwar, dass vergessen nicht möglich ist, wenn die Gedanken noch voll damit sind. Aber ich möchte dich vergessen. Möchte unsere gemeinsame Zeit vergessen.

Könnte ich die Zeit zurückdrehen. Könnte ich, würde vieles anders werden. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, hätte ich unglaubliche Macht. Über mein Leben. Es wäre wunderbar, und doch bräuchte ich das Wissen von heute, um in der Welt von gestern weiter zu bestehen. Dass du bei vielen Gedanken vor einiger Zeit noch an erster Stelle warst, vergesse ich schön langsam. Dass du nur für mich da warst, weil es die Umstände irgendwie von dir verlangten, werde ich dir aber nie verzeihen. Du hast mir damit nicht geholfen. Wolltest wieder urteilen und dein „Wissen“ mit mir teilen. Du weißt gar nichts. Weißt doch nicht einmal, wer du bist.

Und so sitze ich hier. Und ärgere mich darüber. Ein weiteres Mal geschrieben zu haben, in dem das du eben du bist. Nimm es nicht zu Ernst. Wenn du es überhaupt lest. Wenn du dir überhaupt die Mühe machst. Der heutige Tag endet mit einem Eintrag, mit demselben Titel, mit dem dieser Blog begonnen hat. Sieh es als Zeichen. Leb Wohl. Und fick dich. Zurzeit wäre es mir am Liebsten, ich würde dich nie wieder sehen. //Schließ mal deine Augen. Und überlege. Nur ein kleines bisschen Überlegen würde manchmal nicht schaden. Und Mut. Ja. Mut wäre auch nicht schlecht.

The Sun Also Sets.

Alles geht unter. Irgendwann. Und irgendwie.

Es ist schon ein ganz besonderes Gefühl, hier zu sitzen, und ihr zuzusehen, wie sie sich langsam sinken lässt. Sie ist wunderschön und gibt mir Wärme, die ich manchmal gar nicht verdient habe. Sie hüllt mich ein und lässt mich nicht mehr los. Und ich bleibe sitzen, bin erstaunt ob ihres Anblickes. Eine Schönheit, so einzigartig und so großartig.

Doch immer kleiner wird sie. Langsam taucht sie in den See ein. Nur ein ganz kleines bisschen und der See gleicht sich ihr an. Das ergibt ein schönes Bild. Ihr müsst das einmal gesehen haben. Davon kann ich nur träumen. So bewegend, berührend und einzigaritg ist das ganze Hier. Ich lächle. Je weiter sie in den See eintaucht, desto mehr fange ich an zu lächeln.

Und desto dunkler wird es um mich. Ich tauche ein in einen ganz außergewöhnlichen Farbton. Und doch wird es immer dunkler. Zuerst ein kleine Grauschleier. Und ich fühle mich immer einsamer. Je weiter sie nach unten sinkt. Wo ist sie hin. Die mich den ganzen Tag begleitet. In meinen Gedanken, wenn ich aus dem Fenster sehe und aus der Tür trete. Wo ist sie hin. Ich dachte, sie hätte mir versprochen, immer für mich da zu sein.

Doch sie ist weg. Ein für alle Mal. Alles ist zu Ende. Und doch wird sie in zehn oder zwölf Stunden wieder auftauchen. Wird mich einnehmen. Wird mich wärmen. Die Sonne, sie kommt immer wieder. Das ganz andere Dinge endlich gegangen sind, tut gut. Nun lasse ich die Wärme besser an mich heran. Lasse es auch einmal regnen, ohne zu fragen, was ich denn falsch gemacht habe. Aber am Schönsten ist es, wenn die Sonne da ist. Nur ich und die Sonne. Die Welt um mich herum, und all die Menschen, die nur leere Worte faseln, sie sind mir egal. Lasst mich hier liegen. Lasst mich frieren und lasst mir eine Erkältung einfangen. In einigen Stunden wird sie schon wieder da sein.

//Ich liebe Fixpunkte. Die Sonne z.B. Das Dinge zu Ende gehen, tut manchmal aber auch richtig gut. Es ist gut, einen Abschluss zu haben. Zu wissen, dass das Ende nicht naht. Sondern,dass es da ist. [Keine Texte Über Liebe. Mit ihr als Hauptcharakter. Sie ist nicht ganz aus meinem Leben verschwunden. Manchmal werde ich noch an sie denken. Aber ich werde anders fühlen. Werde ich fühlen?]