Der Schmerz.

Unsere Familie ist mit der Heimkehr von unserem Papa wieder vereint. Aber Timi fehlt. Er fehlt. Wo immer man hinsieht. Überall sind noch seine Sachen.

Das nervliche Abschiednehmen meiner Mutter von Timi. Ganz alleine. In ihrem Bügelzimmer. Nur dass sie jetzt noch schnell bügeln muss, damit Timi nicht an den Kabeln ziehen kann. Und gleichzeitig hat sie gewusst, dass er nicht gleich durch die Türe hereinschauen wird. Und einfach nur weiterbügeln. Und einfach nur weinen.

Ich stehe auf, habe irgendwann meinen Schlaf gefunden und konnte relativ lange schlafen. Und wenn man dann ins Wohnzimmer kommt, diese Leere, diese verdammte Leere, und der Schmerz und die Tränen. Die Suche nach dem Sinn in ihrem Leben, nach dem Tod des Kindes. Immer wieder läutet es. Unser Pfarrassistent Gerhard, der schon am Montag zweimal da war, hat uns auch am Dienstag besucht um uns über das Begräbnis zu informieren, um uns einfach an seiner Schulter auszuweinen, um zu reden oder er half uns dabei, einfach nur zu schweigen. Und ich bin mir sicher, er wird das Begräbnis machen, das sich unser Timi verdient hat.

Natalie, Timis Taufpatin, kam auch schon früh am Morgen. Und blieb. Schläft bei meiner Schwester. Damit sie ja nicht alleine ist. Und so fuhren um 11 Uhr meine Mutter, meine Schwester, Natalie und ich zuerst zu einer Gärtnerei, um Kränze zu bestellen und anschließend zu Timis Uroma. Die selbst ein Kind (meinen Onkel Herbert im Alter von 19 Jahren durch einen Autounfall) verloren hat. Die es einfach nicht verstehen kann, so wie wir alle. Und anschließend holten wir meinen Papa vom Zug ab.

Tränen. Beim stärksten Menschen, den ich kenne. Bei meinem Papa. Tränen und Unverständnis. Angst und einfach diese Suche nach dem Sinn. Es macht einfach keinen Sinn. Und als wir dann zuhause angekommen sind, versuchte meine Mutter sich abzulenken und kochte. Kochte einfach so viel. Spaghetti und Saucen für 10 Personen. Wir waren nur fünf im Haus und den Versuch zu essen starteten nur ich und Natalie. Aber als ich so da saß, mit dem Löffel in der Hand und einfach nur den Tisch überblickte, konnte ich es einfach nicht. Es passte nicht. Ein Sessel stand dort, wo Timis Platz ist. Und da steht ein großes Teller und ein Messer. Das darf nicht dort stehen. Und irgendwann kamen die Emotionen heraus. Ich konnte weinen. Konnte alles herauslassen. War bereit, den Druck in meinem Kopf, in meinem Körper herauszulassen. Seit Montag habe ich vielleicht zehn Bissen gegessen. Ich verspüre aber keinen Hunger. Ich kann nicht am Esstisch sitzen und etwas essen. Es geht einfach nicht.

Am Samstag um 14 Uhr wird sein Begräbnis sein. Da wird ein Leben zu Grabe getragen, dass doch erst vor eineinhalb Jahren begonnen hat. Man weiß immer noch nicht, woran er gestorben ist. Sie konnten bis jetzt noch nichts feststellen. Vielleicht geben die Proben, die aus den Organen entnommen wurden, irgendeine unwichtige Antwort. Ändern kann man sowieso nichts mehr. Aber ich kann nur für alle sagen, die ihn geliebt haben, und die er geliebt hat, das dieses Begräbnis, das Timi sich wahrscheinlich genau so etwas gewünscht hätte.

Überall findet man ihn noch. Seine Fingerabdrücke auf den Fenstern. Auf dem Backrohr. Seine Spielsachen überall. Der Rechen, draußen. Er brauchte immer den größten Rechen, so sehr er sich auch plagte, er versuchte alles. Wir können es nicht wegräumen. Wir können es nicht. Nur das Gitter bei der Stiege, damit er nicht hinunter konnte. Ich musste es wegtun. Vor seinem Tod habe ich immer darauf vergessen es zuzumachen und habe es aber immer noch schnell genug gemerkt. Und seit Timis Tod habe ich es jedes einzelne Mal fest zugedrückt. Als würde Timi gleich aus dem Wohnzimmer herauslaufen, und seine Arme in die Luft strecken, damit ich ihn hochnehme. Ich musste es einfach abmontieren. Und jetzt. Diese Leere, wenn man die Treppe hinaufsteigt.

Was uns jetzt noch bleibt, sind die Arbeiten für das Begräbnis. Da wir nicht irgendetwas Herkömmliches machen wollen, habe ich gestern etwas gestaltet, die jeder Besucher des Begräbnisses bekommen wird. Ich möchte zumindest für seinen letzten Gang im Diesseits immer für ihn da sein.

Was bleibt sind die Tränen. Das Unverständnis. Und der Stress. Dieser Stress, der uns irgendwie abzulenken versucht, und doch erinnert uns noch viel zu viel an alles.

Der Tag Danach. Und Er Ist Immer Noch Nicht Da.

Entweder habe ich es bis jetzt noch nicht realisiert, oder ich will einfach den starken Mann spielen. Ich weiß es nicht. Aber ich kann einfach nicht weinen.

Außer ein paar kurzen Tränen blieb ich nach außen hin gefasst. Innerlich schien ich zu zerbrechen. Mehrere Stunden lang zitterte ich. Ohne Halt, einfach so vor mich hin. Psychischer Schock nennen es wohl die leute vom Psychosozialen Notdienst. Und die Zigaretten schienen mich zwar in keinster Weise zu beruhigen, aber sie lenken einen ab.

Durch meine Unfähigkeit zu Weinen habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, der Ansprechpartner für alle zu sein. Für meine Schwester, die immer noch mit seinem Bild und seiner Kuscheldecke auf der Couch liegt, in Tränen aufgelöst. Meine Mutter, die ihre Tochter so gerne irgendwie trösten möchte, doch selbst an diesem Schmerz fast zerbricht. Und wahrscheinlich auch dann für meinen Papa, der von seiner Reise aus Amerika heute frühzeitig zurückkommt. Meine Mutter weinen zu sehen, meinen Vater. Fixpunkte und Felse in der Brandung weinen. Und ich stehe da, zittere vielleicht noch und doch ist die Welt ganz anders.

Ich möchte mich hier für die Anteilnahme und die angezündeten Kerzen bedanken. Es hat mir irgendwie geholfen. Man kann es sowieso nie verstehen, aber durch euer Mitgefühl, fühlt man, dass die Welt nicht komplett sinnlos ist. Ich danke euch.

Meine Mutter hat mich gebeten, eine Rede am Begräbnis zu halten. Ich habe sie schon geschrieben. Und sofern ich mich imstande fühle, würde ich es auch gerne tun. Gestern abend habe ich noch meine Freunde, die Leute, die meinen Blog nicht lesen, angerufen. Elisabeth hat vollkommen zu weinen angefangen, und als ich dann auch noch zur Magdalena und später zum Lukas gefahren bin, habe ich auch die beiden weinen sehen. Nur ich stand da. Sozusagen als Seelsorger für die Freunde der Angehörigen.

Ich habe gestern so lange gewartet bis sie eingeschlafen sind, so gut es eben ging. Meine Mutter und meine Schwester. Und dann habe ich in meinem Bett gehofft, dass ich endlich weinen kann. Ich habe nur nachgedacht und bin irgendwann eingeschlafen. Heute zittere ich wieder. Er ist weg. Die Pathologie hat bis jetzt noch nichts feststellen können. Und ich werde so lange für alle da sein, als scheinbar am meisten Gefasstester bis ich unter all dem Druck endlich einmal zusammenbreche und auch ich endlich weinen kann. Ich würde es so gern. Ich würde so gern irgendetwas zerstören, aus lauter Wut und Zorn auf alles. Aber jetzt beginnen die Begräbnisvorbereitungen. Und ich werde mich auch hier ausgiebig beteiligen. Irgendwie muss ich mich beschäftigen, irgendetwas mus ich immer tun. Es tut da drinnen so weh. Es ist wie ein Messer, dass mir immer wieder kleine Stiche versetzt.

Man kann es nie verstehen. Und auch nicht akzeptieren. Nur der Schmerz. Nur mit dem Schmerz kann man irgendwann besser umgehen.

In Erinnerung.

Und du nimmst mir jetzt also auch den Menschen weg, zu dem ich eine so einzigartige, so innige, so wunderbare Beziehung habe. Du musst das größte Arschloch sein, Gott.

Meine Mutter und meine Schwester sitzen im Wohnzimmer und weinen. Ich kann nicht weinen. Ich habe noch keinen Tränenguss erlebt heute. Ich zittere nur seit mehr als einer Stunde, manchmal eine Träne. Mehr nicht. Ich möchte schreiben. Möchte meine Wut, meinen Zorn, meinen Hass in Worte fassen. So schwer es mir auch fällt.

Am 4. Juni 2006 erblickte Timothée Elias das Licht der Welt. Ein süßes kleines Baby. Mit vielen Haaren am Kopf, und seinen kleinen Händchen und Füßchen. Jeden Tag sah ich ihn, und liebte ihn vom ersten Tag an. Das wohl größte Geschenk, dass unsere Familie geschenkt bekommen hatte. Und er wuchs heran. Begann zu krabbeln. Irgendwann konnte er laufen, konnte Mama, Oma und Nein sagen. Er brachte Energie in dieses Haus. Er war der Sonnenschein. Er war der Lichtblick. So beschissen es mir auch ging, ein Lächeln von ihm, und meine Welt schien sorgenfrei zu sein. Heute, am 29. Oktober 2007 wachte er nicht mehr auf.

Ein Anruf meiner Mutter in meiner Zivildiensteinsatzstelle erreichte mich. Es ist etwas Schlimmes passiert. Ich habe ehrlich mit allem gerechnet. Aber nicht damit. Im Alter von einem Jahr und fünf Monaten stirbt ein Mensch, der noch so viel vor sich hatte. Ein Engel auf Erden, so kitschig es auch klingt, er war es. Sein Lächeln, seine Energie, den Spaß beim Spielen, den er hatte. Seine Liebe, sein Sein. Alles hat unsere Familie gebraucht. So zerstritten wir manchmal auch waren, Timi war unser Fixpunkt. Bei ihm waren wir alle die besten Menschen.

„Timi ist tot“. Ich beginne zu zittern, der Telefonhörer lässt sich nur mehr unfreiwillig in meiner Hand halten. „Er ist nicht mehr aufgewacht“. Ich möchte am liebsten weinen. Ich zittere. Melde mich vom Dienst ab und fahre mit dem Auto nach Hause. Die ganze Zeit „The Drugs Don’t Work“. All these talks of getting old. Du hättest alt werden sollen. So viele Pläne hatte ich mit dir. So viele Träume. Gestern nacht habe ich an dich gedacht. Heute morgen. Als du wahrscheinlich schon tot warst.

Und ich warte. Warte auf meine Tränen. Ich hasse es, wenn ich weinen möchte, aber ich nicht kann. Irgendwann kommt dieser Moment. An dem alle Dämme brechen. Ich hätte dir doch noch so vieles sagen wollen. Ich wollte so vieles mit dir teilen. Ich wäre der beste Onkel gewesen, den man sich nur wünschen kann. Ich hätte dir die Welt vor deinen Füßchen ausgebreitet. Wäre mit dir in hinaus gezogen. Und jetzt liegst du tot da. In irgendeinem Krankenhaus, wo festgestellt wird, woran du gestorben bist. Und ich kann nicht zu dir. Kann dich nicht ein letztes Mal drücken. Dir einen Kuss geben. Kann mit dir nie mehr die Katze fangen, und dir nie mehr Süßigkeiten zustecken. Alles was mir jetzt bleibt ist die Trauer und die Erinnerung an den besondersten Menschen, den es je gab.

Du warst das Beste was mir je passiert ist. Du warst ein Engel. Jetzt bist du es wieder. Ich liebe dich so sehr. Und ich habe dich verloren. Du bist weg. Aus meinem Leben. Mir bleiben nur die Gedanken an dich. Und all die wunderbaren Momente mit dir. Ich würde so gerne noch einmal mit dir kuscheln. Deinen Kopf an meiner Schulter spüren. Dein Lächeln sehen.

Du bist weg. Für immer. Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Du fehlst mir. In jedem Moment. Ich hasse die Welt. Hasse Gott. Hasse jeden, der dazu beigetragen hat, dass du jetzt nicht mehr da ist. Ich liebe dich. Verdammt. Ich liebe dich. Ruhe in Frieden, mein kleiner Timi. Ruhe in Frieden.

We Never Change.


Über mein Unvermögen zu Weinen, aus tiefstem Inneren heraus, habe ich schon geschrieben. All die Erlebnisse, Erfahrungen, all die Worte der letzten Tage lassen mich aber irgendeine verdammte Fernsehsendung sehen und die Tränen finden von ganz alleine ihren Weg.

Oper ist für mich ja sowieso Gänsehauterzeuger Nummer Eins. Wenn ein dicker Paul Potts Nessun Dorma vorträgt, kann ich kaum atmen. Und wenn ein siebzehnjähriger Deutscher seine Opernstimme nach außen trägt, sitze ich einfach nur da, bekomme ein Gänsehaut, fange an zu zittern und kämpfe gegen die Tränen an. Bis ich nicht mehr kann. Und all diese Gedanken, all diese erdrückenden Gefühle, die Angst, die Wut, der Zorn, die Liebe, alles auf mich einstürzt und die Welt immer mal wieder etwas mehr aus den Fugen gerät.

Ich habe nicht geheult, ich habe auch nicht zu weinen angefangen, wegen der Ereignisse. Ich habe durch die Musik zu weinen angefangen. Die mich so sehr bewegt hat, und mich nicht mehr losließ. Die mich dazu brachte, alles rauszulassen. Und seit eben diesen drei, vier Stunden bringt mich das kleinste Melancholische, das minimalste Gänsehauterzeugende aus der Fassung. Und so soll ich mich jetzt also aus dem Haus trauen? So soll ich jetzt also in einen Taizé-Gottesdienst gehen, wo es um Besinnung, um innere Ruhe und inneren Frieden geht. Ich befürchte fast, dass ich die eine oder andere Träne vergießen werde.

Nichts hält mich wach und nichts lässt mich schlafen. Ich bin gerade in so einer Welt, aus der ich aufwachen möchte. Aus der ich mich rausboxen möchte. So lange möchte ich meinen Kopf gegen die Wand schlagen, meine Faust gegen meinen Kopf, bis die Welt wieder ruhig ist. Bis alles wieder passt. Gott sei Dank habe ich es nicht unbedingt so mit selbstzerstörerischen Aktivitäten. Aber es ist nicht nur ein Tag, an dem sich die Welt bitteschön ins Knie ficken soll. (Erstauspruch: hoch21) Nein, es sind schon mehrere Tage. Es werden vielleicht Wochen. Bis die Welt entgültig aus den Fugen geraten ist, und ich endlich dazu bereit bin, mich umzustellen.

Coldplay in Momenten wie diesen zu hören, tut gut und weh. I never meant to do you wrong. Es tut weh. Die Gedanken. Das Gefühl vollkommener Hilflosigkeit.

Winding Road.

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Gedanken nach einem Tag wie diesem.

Die Wärme der Nacht umhüllt die Wiesen und Wälder um mich herum. Ich, geschützt in meinen vier Mauern meines Zuhauses, in dem ich mich mit jedem Tag und jedem Streit weniger wohlfühle. Die Tränen eines eineinhalbjährigen kleinen Jungen, der mit der vollkommenen Erkältung seines kleinen Körpers leben muss. Ich, in der Versuchung, ihn mit meiner Mutter alleine zu lassen. Die Welt da draußen ruft mich, ich, mit Kopfhörern und Bonnie Sommerville bewaffnet, will mich so lange wie möglich in dem Schutz meiner Einsamkeit weiterleben.

Dieser Tag hat einem neunzehnjährigen Jungen mit Fernweh wieder einmal gezeigt, wie unwichtig der Begriff Familie ist. Familie ist nicht gleich Eltern und Geschwister und Großeltern und Tante. Familie sind die Personen, zu denen man eine innige Verbindung hat. Und das sind, mit Verlaub, zurzeit nur meine Eltern und mein Neffe. Und selbst mit meinem Papa kann ich kaum über Weltbewegendes sprechen. Dass meine Mutter den Frust der Welt auf ihren Schultern trägt, hinterlässt mich in Sorge um ihre Psyche. So lange kann man das nicht aushalten.

Dieser Tag hat mir wieder einmal gezeigt, wie unterschiedlich diese Charaktere in einer „Familie“ sind. Dass meine Schwester eigentlich nichts mit uns gemein hat, lässt meine Mutter trotzdem fragen, was sie bei ihrer Erziehung falsch gemacht hat. Ich kann es ihr nicht sagen. Es muss irgendetwas gewesen sein. Dass man es jetzt sowieso nicht mehr rückgängig machen kann, ist leider Fakt aber ebenso auch noch nicht Grund zum Aufgeben. Aber ich kann sowieso meiner Mutter nicht sagen, wie sie mit meiner Schwester umgehen soll. Ich habe keine Ahnung von bedinungsloser Liebe von Mutter zu Kind.

Dieser Tag hat einem neunzehnjährigen Jungen wieder einmal gezeigt, wie schön die Zeit mit Freunden ist. Wie schön, selbst die Zeit alleine zuhause ist. Die Einsamkeit, die Melancholie, die Zwei-, Drei-, oder Dreizehnsamkeit, der Spaß. Alles hat seinen Reiz. Aber von Streit und Kreischen und psychopatischen Ausbrüchen meiner Schwester geweckt zu werden, das gehört sicherlich nicht zu den reizvollen Dingen meines Lebens. Dass mein Leben beschissen ist, ist wohl Fakt. Aber natürlich gibt es auch ein Leben zwischen den beschissenen Facetten.

Die Wärme der Sonne, wenn sie durch den Wald, auf diese windige Straße voller Laub fällt. Der Weg ins Ungewisse, ins Helle, Erleuchtete. Das Neue. Die Dunkelheit zurücklassen. Die Dunkelheit, die Vergangenheit. Die Jugend. Die Kindheit. Mit all ihren wunderbaren Momenten, mit all ihren beschissenen Facetten. Mit allem.

Einfach mal wieder alles neu. Entweder mit den Beatles „The Long And Winding Road“ oder mit Bonnie Sommerville und der „Winding Road“. Oder einfach dem gesamten Garden State Soundtrack.

You On My Mind In My Sleep

Warum ich mich erst heute wieder um 15 Uhr melde. Was in den letzten dreißig Stunden passiert ist. Und was denn heute noch stattfindet. Und warum ich mir wohl wahrscheinlich diese Woche die Haare nicht mehr schneiden lassen werde.

Gestern war, durch den heute stattfindeten österreichischen Nationalfeiertag, mein letzter Arbeitstag dieser Woche. Und nachdem man von Montag bis Mittwoch gequälte Langeweile nach sich zog, so war dieser Donnerstag definitiv etwas anders. Etwas zu spät angekommen, trotz eigener Autofahrt. Den Kopf woanders und mit der Motivation am Ende. Kurz noch den Computer eingeschaltet, die Blogs auf Kommentare überprüft. Und dann, ab ca. 9 Uhr,  bis ca. 15 Uhr in der Küche // dem Seminarraum hässliche bunte Würfel zur Lärmdämmung aufgehängt. Mit Bohren, Dübeln, Schrauben und Aufhängen. Vierzig Mal übrigens, für zwanzig Würfel. Und um 15 Uhr war es dann das erste Mal, dass ich mich hinsetzen konnte, und einfach mal sagen konnte. Fertig. Auch wenn diese selbstverliebte Frau (meine Chefin) es vollbrachte, mich innen zu kochen zu bringen, aber nach außen hin eiskalt ruhig zu halten. Denn irgendetwas musste ja nicht passen.

So what. Mit dem Auto nach Hause. Noch brav einkaufen. Und dann irgendwann um neunzehn oder zwanzig Uhr auf der Couch eingeschlafen. Und aufgewacht, ca. zehneinhalb Stunden später. Der gestrige Tag schien mich also wirklich geschlaucht zu haben. Und als hätte ich noch nicht geschlafen, fiel ich heute vormittag auch immer mal wieder zurück in diese Lage. Jetzt noch mal schnell ein Feiertagsessen bei McDo geholt. Und nochmal schlafen.

Und was dann noch alles so passierte? Ein verpasster Tee mit Sarah, eine verpasste ICQ-Anfrage von Thomas und ein verpasster Anruf von Stefan. Die erste Tag nach der Abreise meines Vaters nach Amerika. Das Haus ist still und beinahe leer. Der Tag verliert seine vierundzwanzigstündigen Daseinsberechtigung. Und die drei freien Tage werden stressreich aber hoffentlich wunderbar lustig. Heute findet beim Lukas eine Glühwein und Punsch-Session statt, die erste in diesem Jahr. Morgen ist ein Maturaball, der zweite für mich in dieser Saison. Und am Sonntag findet ein Taizestunde in einer Kirche statt, und da mir die Idee von Taizé und die Lieder gefallen, werde ich auch dort sein. Und dann beginnt die 11. Woche meines Zivildienstes auch schon wieder.

Den Kopf woanders. Am Donnerstag weckte mich meine Mutter wie immer um 5:30 Uhr auf. Gerade als ich seit langem wieder einmal einen Traum träumte, an den ich mich auch später erinnern konnte. Ein Traum mit ihr. Wo ich überraschend anders reagierte. Und alles so ungewohnt war. Sie kam zu mir. War total anders drauf und alles war perfekt. Und dann ist der Traum zu Ende, da ich geweckt wurde. Dieser Traum. Träume können war werden. Werden sie es denn wirklich? Ich weiß es nicht.

Ein Traum. Eine viel zu lange Schlafnacht. Eine vollgeplantes Wochenende. Und ich.

Bottomless Seas.

Und ich liege wach. Und du siehst mich nicht an. Hast mich schon lange nicht mehr angesehen und angefangen, zu glauben, ich sei Teil des Inventars. Unverzichtbar aber doch absolut unnötig.

Und ich öffne die Augen. Und du atmest durch. Unsere Blicken treffen sich, doch deine Augen sind leer. Alles in dir ist leer. Und während wir uns in die AUgen sehen, saugst auch du ganz langsam alles aus mir raus. Ich spüre es zwar, ich fühle. Doch ich fühle mich leer.

Und ich erhebe mich. Und du stößt mich zurück. Mit einer Wucht und einer Gewalteinwirkung. Du schlägst mir gegen die Schulter und weißt, dass ich da schon lädiert bin. Es ist dir egal. So wie dir alles egal ist.

Und ich blicke mich um. Und du siehst mir entgegen. Stehst unter dieser Schneewolke. Du und ich. Wir beide. Als Einheit in all dem Chaos. Du bist nicht mehr. Und ich schon. Und ich spüre den Schnee kalt auf meinen Schultern.

Und ich verlasse mein Zimmer. Und du bleibst. Ich schließe die Türe. Verliere den Schlüssel. Du bleibst unverschlossen. Und so gerne ich nun gehe, so ist mir doch bewusst, dass ich wiederkommen muss.

Und ich sitze im Zug. Und du mir gegenüber. Du sprichst mich nicht an, und ich höre Musik. Oder lese. Oder schreibe. Versuche auf andere Gedanken zu kommen. Und doch gehört jeder Gedanke einem Menschen.

Und ich beginne zu arbeiten. Und du bist überall. Ob ich denn nun im Internet surfe oder meine E-Mails überwache. So vieles erinnert an dich. Gespeicherte Mailausgänge. Gästebucheinträge oder persönliche Nachrichten. Blogs, Videos. Bilder. Verdammt. Und überall bist du.

Und ich bereite mich auf mein Bett vor. Und du bist bei mir. Ich beginne meistens zu schreiben. Höchstprofessionell, manchmal in ein Büchlein. Manchmal auf einen Block. Und die Worte sammeln sich. Alles wird schon in meinem Kopf konstruiert. Auch du.

Und ich drehe das Licht ab. Und du hältst mich. Es ist viel zu früh zu gehen. Die Gedanken seien noch nicht zu Ende gedacht. Und ich schreibe weiter. Bitte um Erlösung und um künstlerischen Beistand. Ich setze hinter das letzte Wort einen Punkt.

Und ich verlasse diese Welt und schließe die Augen. Und du hauchst mir ins Ohr oder fährst mir mit der sanften Haut deiner Hände um meinen Nacken. Es ist kalt. Ich zittere, doch nicht aus diesem Grund. Ich taste um mich.

Und ich liege wach. In diesem großen Haus mit den alten, dicken Mauern. Und du wirst schlafen. In eurer Wohnung in dieser Siedlung. Du wirst schon tagelang wahrscheinlich nicht mehr an mich gedacht haben. So wie ich. Ich habe schon lange nicht mehr an mich gedacht.

Und dann fragst du mich, warum ich dich nicht aus dem Kopf kriege? Und dann frage ich dich: Wie? Wie verdammt noch mal soll ich das schaffen? Wie nur. Denn überall bist du.

Wait Till Tomorrow.

Das Morgen eine Vision des liebenen Heute. Und das Gestern als Grund für dieses Heute.

Ich habe ehrlich alles versucht. Gefühle bekämpft, Gedanken unterdrückt. Mich verrückt gemacht, mit dem Versuch alles zu verdrängen. Der Zusammenbruch. Und das Einsehen, dass vielleicht vieles verloren ist. Ich aber zu aufgeben nicht bereit bin.

Angst vor ungefragter Sprachlosigkeit. Verzicht auf Anrufe. Viele andere Versuche, um Kontaktaufnahme. Und so viele anschließende Enttäuschungen. Das Wachliegen und das Warten. Die Erlösung und ein kleiner Hauch von Wut. Verständnis. Einschlafen mit der Freude darüber, überhaupt eine Antwort bekommen zu haben.

Viele Male über mein leben nachdenken. Über mein alter. Meine Erfahrung, meine Ziele. Ernüchterung. Viel Verlorenes. Vermisste Erlebnisse und immer diese ungeschehenen Dinge aus lauter Angst. Wie viele Tage werde ich noch an mein Warten verlieren? Wie viel Leben versuche ich mir für später aufzusparen?

Ich will keinen Schluss sehen. Sehe die Hoffnung im Warten. Und in der Veränderung. Werde anwesend sein, ohne bekämpfte Gefühle, ohne unterdrückte Gedanken. Werde die Tage zählen; die, die ich verloren habe, und jene bis es soweit ist. Nur bleibt hinter dieser Zahl stets ein Fragezeichen.

Ich fühle mit gut mit dieser Entscheidung. Auf Verständnis werde ich wohl nicht stoßen, aber Verständnis benötige ich in meinem Zustand auch nicht. Nur Geduld. Zeit. Vielleicht irgendwann später die Einsicht. Oder die entgültige Erlösung. Um mehr bitte ich doch gar nicht.

As Time. Goes By. Verhasste Neue. Welt.

Eine Erinnerung an die Zeit, als es noch ein Wir gab. Ohne euch, euch und euch.

Viel zu oft wollte ich schon darüber schreiben. Wie sich die Welt verändert hat, während ich derselbe geblieben bin. Jahre zogen vorbei und ich hatte immer nur diesen einen Wunsch. Es sollte so bleiben, wie es war. Doch es kam, verständlicherweise, ganz anders.

Ich rede von meiner „Clique“. Wie soll ich es denn auch anders beschreiben. Freundeskreis. Ja, stimmt. Das ist schöner. Und vielleicht auch passender. Ich erinnere mich immer noch gerne an diese Zeit zurück, an dem wir uns stets als „Single“ trafen. Du hattest zwar einen Freund, der wohnte jedoch kilometerweit von uns entfernt. Und deine Freundin, war eben nicht Teil unseres Freundeskreises. Sie hätte es nie werden wollen, und wäre es auch nie geworden. Das war egal. Und wir alle. War jeder Einzelne Teil des Gesamten. Und wir traten auch bevorzugt gemeinsam auf. Fehlte einer, fehlte ein Teil des Gesamten.

Vielleicht habe auch ich den Anstoß am Zerfall dieses Wir gemacht. Du und ich. Als wir unsere ersten Bekanntschaften machten, während du eigentlich noch in deiner schwierigen Beziehung verheddert warst. Ja. Vielleicht bin ich Schuld. Oder die Evolution. Der Zyklus der Jugend. Das Leben itself. Wir traten nie als Paar auf. Weil wir selbst nicht wussten, was wir wollten. Wir waren zwar immer noch Teil des Wirs, wir beide, und beanspruchten nie ein eigenes Wir für uns.

Aber dann begannen weitere Veränderungen in unserem Freundeskreis. Als ich mich plötzlich von dir lossagte, sollten wir keine Beziehung führen können, und du dich in ihn verlorst, er, der noch Teil eines anderen Wirs war. Als plötzlich küssen und sexueller Kontakt innerhalb des Freundeskreises normal waren. Und ich doch immer nur „zusehen“ konnte. Wir hatten zwar nach außen hin immer noch dieses Wir über uns stehen. Die anderen sprachen von Denen. Diese Gruppe. Diese fünf, sechs, sieben, acht. Unser Freundeskreis eben.

Aber sie bemerkten nicht, dass sich hier so viele weitere Wirs enstanden sind. „Hey, was machen wir heute?“ – „Ich weiß nicht, was du machst. Aber ich und X werden heute zuhause bleiben.“ Ach. Ja. Hatte ich ja ganz vergessen. Nicht nur einmal. Viel zu oft passierte das. Ich fühlte mich wie das neunte Rad am Wagen. Jeder schien eine Beziehung zu haben. Und als dann auch ich endlich eine Freundin hatte, außerhalb des Freundeskreises gefunden, da wollte ich plötzlich nicht mehr mit all diesen vier oder fünf Wirs auftreten. Ich hätte mir wieder ein großes Wir gewünscht. Egal wer jetzt mit wem was tat. Wir waren Freunde. Sind es immer noch. Und doch hat sich durch all diesen Austausch von Körperflüssigkeiten für uns alle etwas verändert.

Wir haben uns verändert. Ich wiederhole mich. Ich weiß. Aber gerade diese Veränderung finde ich schade. Ich habe so viel in diesem Wir verloren, dass nun, durch die Aufspaltung durch Zivildienste und Studiums entstanden, wohl nie mehr dieses Wir werden wird, das es einmal war. Und wovor ich am meisten Angst habe? Vor dem Auseinanderbrechens eines dieser kleinen Wirs. Dann heißt es sich entscheiden. Nord- oder Südpol. Diesen Teil des Freundeskreises verlieren, oder diesen behalten. Ja, genau davor habe ich Angst. Ich bin wieder das Ich. In einem Wir aus lauter Euch. Irgendwann werde ich auch wieder mit irgendjemandem ein Wir bilden. Aber an euch habe ich mich schon lange verloren. Tell Me. What Went Wrong?

What Can. I Do.

Was kann ich tun.

Du sprichst mit mir, als wäre alles okay. Aber in mir drinnen brodelt es. Ich fühle Wut und bin traurig. Fühle Trauer und bin wütend. Ich möchte dir so vieles sagen, so vieles an den Kopf werfen. Möchte einfach mal alles nur rausschreien, wobei ich mir denke, dass ich bei dir kein einziges lautes Wort herausbekomme. Du verstrickst dich Erklärungen und Entschuldigungen, sendest Worte, die ihren Empfänger verfehlen. Das Einzige was ich machen kann, ist, dass ich kurz angebunden das Telefongespräch zu beenden versuche.

Was kann ich tun.

Ich sehe dich wieder. Das bist also du. Hast dich nicht verändert seit letzter Woche. Wir sehen uns wirklich nur mehr so. Auf einem Maturaball. Auf einer Demonstration. Immer kilometerweit entfernt von unseren beiden Heimatorten. Nur wenige Worte wechseln wir, ich seh dich an, und die Wut, die traurigen Gefühle sind für diesen Moment des überschwänglichen Glücks verschwunden. Sie kommen wieder, ich weiß. Aber ich fühle mich einfach nur gut, selbst wenn du drei Meter entfernt, unter fünfhundert Menschen bist. Du bist nicht eine unter fünfhundert. You’re one in a million.

Was kann ich tun.

Du weichst mir scheinbar aus. Wann haben wir zum letzten Mal unter vier Augen, alleine, geredet. Wann haben wir zum letzten Mal die Stille genossen. Haben wir das überhaupt schon einmal? Mir fehlt die Nähe zu dir. Fehlst du. Ich würde gerne wieder solche Tage wie in Vorderstoder erleben. So ein Lichterfest, wie letztes Jahr. Solche Monate voll. Lie…. Solche Monate eben.

Was kann ich tun.

Fast ein halbes Jahr ist es nun her. Zwei Gefühlsflashbacks habe ich hinter mir. Und ich frage mich, wie ein Mensch nur so lange einen verfolgen kann. So oft, wie ich an dich denke, das tut mir nicht gut. So oft, wie ich über dich schreibe, das ist nicht normal. Ich werde // kann nicht aufgeben. Man kann Liebe oder das Verliebtsein nicht einfach so abstellen. Gefühle sind da. Und bleiben auch oft viel zu lange.

Was kann ich tun.
Ich. Damit Ich.
Dich.
Vergessen Kann.
Ich. Dich.
Was kann ich tun.
What Can I Do.
To Make You.
Love Me.