A Rush Of Blood.

… upon your face.

„Für mich bitte eine Coke.“ Du siehst mich an, lächelst. „Früher sagtest du nie Coke.“ Früher, denke ich mir. Früher trank ich auch lieber irgendetwas anderes. Früher war der Sommer warm und der Winter kalt. Früher war das Leben anders und wir? Wir haben uns auch seither verändert. Das Café ist vollgestopft mit allen Sorten von Menschen.

Wir haben uns getroffen, erst vor fünf Minuten. Nach kurzem Smalltalk haben wir beschlossen, auf einen Kaffee zu gehen. „So lange Zeit haben wir uns schon nicht mehr gesehen. Wir müssen über so vieles reden.“, meintest du, als ich dir, wie es doch so üblich ist, die Türe aufhielt. Ach, haben wir?

Es stimmt wirklich. Das letzte Mal haben wir uns gesehen, vor einem halben Jahr. Viel ist passiert. Viel zu viel. Tausende Sachen würde ich rückgängig machen. Hunderte Sachen sollten geschehen. Doch wundert es dich nicht, dass wir uns seither nicht mehr gesehen haben? Ich habe nicht unbedingt Wert auf das Aufrechterhalten unserer Bekanntschaft gelegt. Aber jetzt sind wir schon mal hier.

„Erzähl aus deinem Leben“, forderst du mich auf. Ich blicke auf, der Kellner stellt unsere Getränke auf den Tisch und ich schnappe mir sofort den Strohhalm. Etwas zum Festhalten, irgendwie. Und während ich langsam die Augen zu dir schweifen lasse, beginne ich zu erzählen.

Mein Leben? Eine Achterbahn, aus der man nicht einfach so aussteigen kann. Freude über bestandene Prüfungen. Heruntergeholt werden durch die Betroffenheit über den Tod eines Fremden. Eine Familientragödie. Und immer wieder das Aufflackern der Zweifel, der Hoffnung, der versuchten Realitätsverweigerung, der Wut. So viele Gefühle und Gedanken in einem Kopf, so viele Worte in meinem Block, so viele Wünsche und Träume irgendwo da oben. Manchmal noch das Zittern des ganzen Körpers, oder auch das zittrige linke Augenlid. Nervösität und immer mehr die Annäherung an das Gefühl der körperlichen Selbstverletzung. Mit dem Leben nicht umgehen können und doch irgendwie immer wieder einen Grund finden, es fortzusetzen. Ja, das ist mein Leben.

Ich habe die ganze Zeit in die aufsteigenden Bläschen in mein Cola gesehen. Als ich aufblicke, siehst du mich entrüstet an. Dein Blick sagt mir, dass du etwas anderes erwartet hättest. Schon klar. Ich bin nicht mehr dieser Smalltalk-Typ. Du öffnest mehrmals deinen Mund, als wolltest du etwas sagen. Und ich erleichtere dir das Finden der Worte. „So, erzähl nun du aus deinem Leben.“, möchte ich von dir wissen.

Ach, ähm. Stress. Und so.

Ich lächle. Wie belanglos ein solches Leben doch ist. Wir sind still. Du wirfst Zucker in deinen frisch gemixten Latte Macchiato. Wie stolz ich doch damals war, als ich jedem erzählen konnte, was denn nun der Unterschied zwischen Café Latte, Latte Macchiato und Milchkaffee wäre. Jetzt ist es mir egal. Das Cola vor mir verliert mehr und mehr von seinem Kohlensäuregehalt. Mit dem Strohhalm leere ich das Glas schnell. Blicke auf meine Uhr und sage dir, es täte mir Leid, ich müsste schon gehen. Und nachdem ich bezahlt habe, deinen Kaffee nahm ich auch auf meine Rechnung, standen wir auf, schnappten uns unsere Jacken und Schals und was weiß ich. Und als ich dir die Türe offen halte und sich unsere Wege wieder trennen, fallen mir plötzlich zwei Worte ein, die ich in dieser Kombination nur sehr selten benutze.

Leb‘ wohl.

But In The End It’s. Right.

Wir befinden uns an einem Punkt vollkommener Sinnlosigkeit in dem Versuch des einfältig verzogenen Seins. Das Melancho-Meditieren der Pseudo-Vernünftigen lässt keine Fragen beantwortet zurück. Und so gesellt er sich zu all den Freunden und Freundinnen, Idioten und Flachwixern um einfach nur zu zeigen: Er lebt noch.

Huch. Werdet ihr sagen. Übertriebener Gebrauch von unnötig verfremdeten Wörtern. Ähm. Stimmt. Ihr habt wohl Recht. Und auch die Benutzung eines Schimpfwortes aus der untersten Schublade. Wohlgemerkt findet es sich nie, und ich meine wirklich nie, im Sprachgebrauch eines Ikarus. Es kam ihm nur so in den Sinn. Hat er irgendwo einmal aufgegriffen. Oder es ist hängen geblieben. Was ist also los. Warum diese sinnlose Aneinanderreihung von Worten.

Weil Ikarus gerne schreiben würde, dass das Leben schön ist. Irgendwie ist es auch schön. Man hat Freunde und nette Arbeitskollegen. Man hat einen Blogkreis um sich und ist Teil einer doch sehr lebendigen und unterhaltsamen Gruppe von interessanten Bloggern. Das Wetter würde auch passen, es regnet zumindest nicht mehr, und das Glatteis hat wahrscheinlich schon genug Todesopfer gefordert. Die Kälte gibt ihm nicht mehr zu denken. Und die Routine wird von Tag zu Tag lustiger, je unroutinemäßiger sie wird, wohlgemerkt.

Wie kann das Leben eines Ikarus auch nur schön sein. Wenn vor kurzem erst wieder jemand zu nahe zur Sonne geflogen ist. Und nicht abgestürzt sondern weitergeflogen ist. Ein Mensch, dem man beim Bauen der Flügel geholfen hat und dem man lehren wollte, etwas anders zu sein. Und der dann ganz alleine, als die Routine einen Ikarus wieder einholte, einfach abhob und nicht mehr zurückkehrte. Wie kann dann ein Leben schön sein, wenn Ikarus Gedanken plagen, die selbst Daedalus nicht kalt lassen würden. Wie kann sich Ikarus des Lebens erfreuen, wenn er den Sinn dahinter nicht mehr zu verstehen vermag.

Darf er sich freuen. Dass das Leben weitergeht. Der Kampf in diesem Labyrinth aus Entscheidungen und Schicksalsschlägen, aus Enttäuschungen und Forderungen. Es muss weitergehen. Und zurzeit fallen ihm die Schritte um einen Hauch einfacher. Vielleicht auch nur, weil man weit genug wegkommen möchte. Weit genug. Um aus dem Abstand heraus schön weiterzuleben. Um nicht ständig damit konfrontiert zu werden. Werden zu müssen.

Ikarus nützt den Tag. Carpt den Diem. Möchte sich zurzeit nur spärlich Erinnern. Weil sich Erinnerungen vermischen und Hoffnungen sich erläutern. Ikarus versucht auch nicht sein Leben zu träumen. Er versucht, seinen Traum zu leben. Bis er bemerkt, wie dumm der Erfinder dieses Satzes hat sein müssen. Der Traum ist nichts Reales. Und die Realität gewinnt immer. Sie hat wahrscheinlich Elektroschockgeräte, mit welchen sie einen einschüchtert und zurück auf die richtige Bahn wirft.

Darf Ikarus überhaupt schon wieder lieben. Ikarus hat nie aufgehört zu lieben. Das ist das Problem und das Schöne am Leben. Er war vielleicht noch nie bereit für eine Beziehung und hat sich doch immer gewünscht, ein Teil einer zu sein. Er weiß auch jetzt noch nicht, ob eine Beziehung etwas Gutes wäre, er weiß nur wen er liebt. Dass die Liebe zurzeit scheinbar einseitig ist, lässt ihn warten. Aber im Gegensatz zu früher erkaltet er nicht daran. Er wartet mit Freude. Vorfreude. Bis die Welt zerbricht. Es dunkel ist.

Und während Ikarus in seinem Labyrinth sitzt, hört er die Musik. Und schreibt mit seiner Kreide Worte auf den Boden des Irrgartens. Um nicht vollkommen alleine zu sein. Und wenn er sich einsam fühlt, setzt er sich hin und liest sich alles noch einmal durch. Bei einem kleinen Glas Musik, mit einem Happen Selbstironie und natürlich mit der gewohnten Prise Melancholie.

Dass der kleine Sonnenflieger, der sich nicht abzuheben traut, aber immer noch zu einen der renomiertesten Nichtwisser gehört, scheint in Anbetracht all dieser Fakten wohl eher nebensächlich. Ikarus versucht das Leben zu lieben. Und auch zu Gott, oder diesem einen großen Ding, was doch irgendwie da sein muss, wieder eine passende Beziehung aufzubauen. Es gibt viele Ungläubige, er verurteilt sie natürlich nicht, aber er kann einfach nicht ohne. Er braucht irgendetwas absolut Surreales, um sich daran festzuhalten. Ikarus liebste Aufgabe ist zurzeit das Denken. Das Sich-Gedanken-Machen. Das Träumen von einer schönen Welt. Das unnötige Hoffen. Um das Leben wieder zu einer Sonnenallee zu machen.

Wenige nur werden Ikarus‘ Gedanken verstehen, so verschroben und schlaftrunken sind sie geworden. Und doch wird irgendjemand irgendwann einmal an diesen kleinen Ikarus denken, und wird ihn fragen, was er denn nun vom Leben hält. Und Ikarus wird aus seinem Irrgarten hochblicken und zu lachen beginnen. Und wenn er dann seine Flügel ausbreitet, wird man wissen, dass das Leben doch noch lebenswert für ihn wurde. Dass er nun keine Angst mehr vor der Sonne hat. Dass es trotz all der Rückschläge und Enttäuschungen doch noch etwas Schönes im Leben geben darf.


Tränengas. Im High-End-Leben.

Das Handy in deiner Hand. Du gehst an mir vorbei. Du hast mich nicht erkannt. Hast nicht mal meine Tasche erkannt, nicht mal meine Haare. Nicht meine Schuhe, nicht mich. Plötzlich bekomme ich eine SMS.

„Hey, ich war mir nicht ganz sicher. Warst das du eben? Wenn ja, sorry. CU“. CU. See You. Ich habe dich gesehen, habe dich gefunden. Du nicht. Du warst zu beschäftigt und ich zu irritiert, als dass ich irgendetwas hätte sagen können. Du bist vorüber gegangen. Weißt du noch, was wir alles erlebt haben, in der Zeit als noch per Plastikbecher mit Schnur kommuniziert wurde. Von Fenster zu Fenster. Jetzt schreiben wir uns vor allem. CU. See You. Sehe dich. ÜberCU.

„Sorry, habe heute keine Zeit. Hab schon andere Pläne. Nicht traurig sein. HDL“. HDL. Hasse Dein Leben. Gerne, liebes High-End-Leben. Du hast so vieles zerstört. Die Kommunikation einer ohnehin schon kommunikationsunfreudigen Gesellschaft. Die Möglichkeit um Überraschung. Die Sehnsucht. Wir alle befinden uns in diesem Leben. High-End. Höchstes Ende. Auf der Spitze. Wir alle sind da. Sammeln uns und kennen uns trotzdem nicht.

„Du hast 184 Freunde“. Ich sollte euch ein Wörterbuch schicken, liebe Community-Betreiber. Freunde. Wisst ihr überhaupt, was Freunde sind. Freunde sind Menschen, die immer für einen da sind. Zuhören, still sind, mit einem lachen. Und überhaupt. Freunde sind unbeschreiblich. Ich habe keine 184 Freunde. Ich bin froh wenn ich 10 habe. Und über diese zehn Freunde lasse ich nichts kommen. Diese Menschen sind besonders. Sind am Höhepunkt des Freundeskreises. Am High-End.

Ich sitze zuhause. Das Telefon klingelt nicht. Wenn ich jemanden anrufe, geht niemand ran. Mich lässt eine verdammte Werbe-SMS hochschrecken. Die Welt befindet sich am Höhepunkt und will doch immer noch höher hinaus. Wir glauben der Höhepunkt der Evolution zu sein, und doch sind wir nur ein Hirngespinst. Ich lege mich in mein Bett und atme die Luft der Entwicklung ein. Sind wir nicht alle ein kleines bisschen. Nein. Sind wir nicht. Ich hasse das High-End.

Ich hasse diese eintausend Möglichkeiten und die Pflicht, sich schnell zu entscheiden. Ich hasse das Wissen, dass ich ständig erreichbar wäre. Ich kann keine zehn Minuten mehr telefonieren am Stück, weil nichts vergleichbar ist mit der Low-End-Kommunikation. Das Gegenüber. Ohne irgendwelchen Pixeln im Gesicht. Die Mimik als Überträger der unausgesprochenen Worte. Und kein Gas, dass auf die Tränendrüse drückt, um ja auch nicht als abgestumpft zu wirken. Als gefühlskalt oder unmenschlich. Sondern echte Tränen. Die man mit echten Händen, echten Fingern wegwischen kann.

Meine Gedanken zu Kettcars „Tränengas im High-End-Leben“ aus dem Album Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen.

Mitten. In Der Nacht.

Wir können die Zeit zurückdrehen. Von hier zu jedem Kuss davor. Die Stadt ist heute wie ein Song und ich bin voll mit Erinnerung.

Gestern Nacht. Gespräche im Auto. Im Bett liegen. Und Nachdenken. Und zum Entschluss kommen, dich mit Fakten zu konfrontieren. Ich weiß, wie du denkst. Ich weiß deine Einstellung. Und ich weiß, wie ich mich fühle. Was ich fühle.

„Kennst du das Gefühl, wenn man neben jemanden sitzt oder steht, und ihm einfach so Vieles sagen möchte. Und man sagt es dann doch nicht, nur um nicht noch viel mehr zu zerstören.“

Ich weiß auch nicht was ich sagen werde. Dass ich nie aufgehört habe, dich zu lieben. Dass meine Gefühle manchmal verrückt spielten und ich oft versucht habe, sie zu unterdrücken. Dass ich deine Nähe liebe, und die Art, wie du mit mir sprichst. Dass ich dein Lächeln liebe. Und gleichzeitig so vieles verabscheue. Dass mir so vieles auch Schmerzen zufügt. Schmerzen, die ich gewillt bin, zu erleiden.

Dass ich weiß, dass du zurzeit „keine Zeit für einen Freund“ hast. Ich weiß ja nicht einmal, ob ich Zeit für eine Freundin hätte. Ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt eine Beziehung jetzt haben könnte, in diesem Zustand des Seins. Nach all dem, vor alledem.

Ich werde dir sagen, dass ich es vermisse. Zu wissen, dass es eine Person gibt, die mich vom Innersten ihres Herzens heraus liebt. Dass ich es vermisse. Miteinander einzuschlafen. Dass du fehlst. Dass ich dich liebe, und selbst nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Dass ich nur mal wieder einfach deine Hand nehmen möchte. Über dein Gesicht streicheln. Deinen Atem ganz nah bei mir zu spüren.

Ich erwarte mir von diesem Gespräch nichts. Nur, es wird mir gut tun. Dir alles zu sagen, was ich so lange zu sagen versuchte. Leider können wir die Zeit nicht zurückdrehen. Leider nicht.

Allein. Mit Dir.

Single-Leben

Du meinst, wir haben nicht richtig gesprochen. Ich habe nicht richtig gesprochen. Und dabei wollte ich doch gar nichts sagen. Wollte die Stille genießen. Mit dir. Allein mit dir.

Haben wir es heute also geschafft. Dass wir uns treffen. Nachdem ich dich zwei Wochenenden lang versetzt habe. Weil ich anderes im Kopf hatte. Was zwar natürlich sehr verständlich ist, und doch hätte ich das nie von mir erwartet, dass ich das so leichtfertig schaffe. Aber heute war eben dieser Tag, den ich mir schon so lange vorgenommen habe. Ein Treffen mit dir. Mit dir, die mir neun so wunderbare Monate, so voller Zweifel und Gedanken, und doch so voll Liebe und Zuneigung, Zärtlichkeit und dem schönsten Gefühl, bescherte. Die ich oft zu vergessen wünschte, und die doch immer in meinem Kopf blieb. Als Gedankenbeschwerer und Gefühlsjongleur. Zu dir führte mich heute dein Weg.

Und als die am Telefon während der Fahrt zu mir sagtest, dass du nicht unbedingt auf einen Kaffee gehen willst, war ich anfangs überrascht. Dein Einfall, einfach mal so nur zu spazieren aber, hat diesen Tag noch viel schöner gemacht, als ich es mir erhofft habe. Die Abermillionen von kleinen Schneekristallen, die unsere Jacken, Schuhe und Mützen eindeckten wurden hinweggeschmolzen von den Worten, die wir wechselten. Du glaubtest immer, ich wolle dir so vieles erzählen. So vieles von der Seele reden. Doch deswegen war ich nicht gekommen. Ich war einfach nur gekommen, um dich nicht zu vergessen. Um dein Gesicht, dein Lächeln, deine Stimme nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Als mich ein Schneeball traf, fühlte ich mich wunderbar. Meine erste Schneeballschlaft für diesen Winter mit dir. Wie kleine Kinder, die sich zwischen parkenden Autos versteckten und den Anderen ins Visier nahmen. Ich habe dich all die Monate nicht aus meinem Visier verloren. So viele Male bin ich auf dem Heimweg von Freunden bei deinem Wohnhaus vorbeigefahren, mit dem wahnsinnigen Wunsch, dass du einfach mal so dastehst, und ich dich … zufällig hier treffe. Und heute gingen wir, durch die Schneelandschaft. Rutschten mehr oder weniger freiwillig diesen Hügel hinab. Redeten über die Geschehnisse in meiner Familie. Über die Schule und über was weiß ich. Du redetest viel. Doch ich mag es, wenn du erzählst. Ich höre deine Stimme gerne.

Und als wir dann bei dir in der Küche einen Tee tranken. Die Stille nahm uns ein. Diese wunderbare Stille. Und der immer wieder auftauchende Blick zu dir. Nur um deine Schönheit zu fassen. Ich habe es genossen, dieses Schweigen. Schön drei Stunden waren es bei dir. Schön war es. Wundervoll. Und meine Umarmung zum Schluss konnte nicht mal im Geringsten meine Freude über diesen Abend herüberbringen. Ich hätte dir einen Kuss auf den Mund geben wollen. Hätte dich so fest umarmen wollen. Dir über dein Haar streichen. Doch auch diese Umarmung war wundervoll.

Ich weiß nicht, wie wir darauf zu sprechen kamen. Du hast jetzt einfach keine Zeit für einen Freund. Schön. Muss ich akzeptieren. Ich warte. Warte. Warten macht mir Spaß. Ganz ehrlich. Vielleicht hast du wieder Zeit dafür. Ich selbst bin jetzt ja meistens unter Stress. Also würden wir, zeitlich gesehen, nicht so schlecht zusammenpassen. Du fehlst. Weißt du? Du liest das hier wahrscheinlich nicht. Schon lange hast du aufgehört, hier zu lesen. Aber du fehlst. Mir fehlt die Erinnerung an diese eine Nacht, als wir miteinander einschliefen, und ich am Morgen minutenlang dich beim Schlafen beobachten konnte, bis auch du aufwachtest. Das fehlt. Dieses Gefühl.

Canonball.


Steal a little bit of my thoughts.

Stones taught me to fly

Und da kommt wieder einer auf mich zu. Reaktionsschnell weiche ich aus. Es hagelt Steine. Von allen Seiten. Nurschwer kann cihd iesen steinigen Weg beschreiten, aber ich versuche es trotzdem.

Gerne wäre ich dieser eine Stein. Den ich meterweit auf den See hinauswerfe. Der mit seiner flachen Oberfläche drei oder vier Mal das Wasser sanft berührt. Und immer größer werdende Kreise erscheinen lässt. Bis er irgendwann ohne großes Aufsehen einfach versinkt. Wahrscheinlich am Grund des Sees noch einiges an Schlamm hochwirbelt. Bis er schlussendlich für immer dort begraben bleibt.

Einfach mal ein Stein sein. Stumm und voller Geschichten. Ohne Mimik und Gefühl. Und doch fliegt er mehr oder weniger graziös durch die Luft. Und hinterlässt eine kleine Furche am Boden. Hinterlässt einen Eindruck. Schnell ist er vergessen. Und doch war er für einen kurzen MOment seines schrecklich langen Lebens der Mittelpunkt eines menschlichen Wesens.

Und so lasse ich mich fallen. Wie ein Stein stürze ich zurück. Mein Kopf schlägt hart auf und zerbricht. Wie es bei Steinen nach hartem Aufschlag ja üblich ist. Und aus ihm heraus krabbeln die wundersamsten Lebewesen. Aus meiner Fantasie eben.

Love taught me to lie

Wie es mir geht, fragst du mich. Schon wieder eine nicht so gemeinte, unpersönliche Smalltalk-Anfrage. „Gut“, sage ich. Es scheint dich sowieso nicht weiter zu interessieren. Aber ich habe gelogen. Möchtest du wirklich erfahren, wie es mir geht. All die tausend Wörter, die nicht mal mich selbst interessieren.

Liebe hat mir gelehrt zu lügen. Ich log schon vorher, wohlgemerkt. Ich bin ein verlogener Mensch, wie wir alle. Aber nie tat es mir selbst so weh, als meine Lügen an dich so uninteressiert aufgesaugt wurden. Du sollst dich doch für mich interessieren. Du müsstest erkennen, dass bei mir etwas nicht passt.

Die Liebe ist eine strenge Lehrerin. Ständig wiederholt sie und manchmal lässt sie dich einfach sitzen. Ohne der Möglichkeit, wieder alles gut zu machen. Und dann steht man da, mit dem Resultat vor Augen und fragt sich immer, warum man nicht mehr dafür getan hat. Doch meistens kann man nciht wiederholen. Und enn doch, wird alles nur schwieriger. Man glaubt, man habe schon genug Erfahrung getankt. Und doch wird man immer wieder von Neuem überrascht.

Warum kann die Liebe nicht etwas absolut Einfaches sein. Wo man mit einem kurzen Augenaufschlag die Welt iweder in Ordnung bringt. Darauf gibt es wohl keine Antwort, kein Erklärung. Wie für so vieles. Und doch sehne ich mich nach ihr.

Life taught me to die

„Der Tod gehört zum Leben.“ Was für ein komischer Gedanke. Das Diesseits hier ist für uns Lebenden das einzig visuell Wahrnehmbare. Und wenn ein Mensch stirbt, fehlt er auf dieser Seite. Unwiederbringlich ist er weg.

Durch meinen Neffen habe ich viel über den Tod nachgedacht. Schon vorher, aber um einiges öfter eben nachher. Alles kommt so überraschend. So unbeschreiblich sind die Qualen für die Hinterbliebenen. So groß die Hilfsbereitschaft der anderen Menschen. Irgendwie muss man den Tod als notwenidges Übel ansehen. Muss man. Denn unendlich leben will doch keiner von uns.

Ich möchte, so kitschig und abgedroschen es klingt, mein Leben in vollen Zügen genießen. Möchte einen tiefen Eindruck hinterelassen, bevor ich gehe. Menschen sollen aus ihrem tiefsten Inneren um mich trauern. Und ich möchte mich im Jenseits darüber freuen können, was ich im Diesseits alles erreicht habe.

Ich weiß nicht, wann ich sterben werde. Gott sei Dank. Oder wem auch immer. Und so lebe ich in den Tag hinein. Und beginne schon jetzt an mienen Träumen zu basteln. Um ja nichts zu versäumen, was für mich von höchster Wichtigkeit ist. People running circles, it’s a very, very. Mad World. Und eben das ist der Grund. Mein Neffe hat mich gelehrt, ass der TOd nach dem Leben kommt. Und ich leben noch mein Leben fertig.

Gedanken zum Lied „Canonball“ von Damien Rice aus dem Album „O“.

Nightmares By. The Sea.

Literatur

Der See. Früher mal mein Zuhause. Jetzt ist er mir fremd. So, wie mir so vieles auf dieser Welt fremd wurde. Wie auch ich mir fremd wurde.

Ich sitze hier. Auf dieser Bank und blicke hinaus. Auf den See. Der durch das Unwetter, den Wind und den andauernden Regen, nicht ruhig bleiben kann. Ich, eingewickelt in meiner regenfesten Winterjacke friere langsam vor mir hin. Meine Gedanken spielen verrückt und die Erinnerungen kommen hoch.

Hier habe ich einmal gelebt. Zuhause aufgestanden führte mich mein erster Weg hierher. Meine Freunde waren hier. Mein Leben fand hier statt. Jetzt fühle ich mich nicht mehr wohl hier. Nicht wegen meiner regengetränkten Jeans. Sondern weil sich einfach so viel verändert hat.

Älter sind wir geworden. Die Evolution hat ihr Werk fortgesetzt. Wir haben uns verändert, die Welt hat sich verändert. Gedanken haben sich verändert. Was bleibt ist die Sehnsucht nach dem Damals. Diese unabdingbare Sehnsucht. Früher war alles besser, denke ich mir. Und verfalle in den Traum von damals.

Wir sind größer geworden. Nicht körperlich. Geistig. Erwachsen werden, würde man es wohl nennen, um einen bestimmten Begriff dafür zu benutzen. Oder reif sind wir geworden. Wobei zu bezweifeln bleibt, ob Reife überhaupt vorhanden ist. Wenn einer überlegt, bevor er handelt, nachdenkt, bevor er spricht, gilt man normalerweise als reif. Ich fühle mich eingeengt. In all meinen Lebensformen. Reife ist ein Schlag ins Gesicht für jeden Freiheitsliebenden. Eine Fußfessel, welches einem einen Stromschlag versetzt, wenn man zu frei handelt. Und das fehlt mir.

Und ich fühle mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Nicht weil ich zittere oder ein paar Kilos zugelegt habe. Nein. Sondern weil ich nicht so bin, wie ich immer sein wollte. Ich bin zwar auf dem Weg zu meinem großen Traum, doch ich bin anders. Immer wieder fällt es mir auf, wie rational ich eigentlich denke. Wie sehr ich dem Realismus verfallen bin. Obwohl mir die Akzeptanz dessen so schwer fällt. Ich bin ein Teil einer Masse, lasse mich vom Strom treiben, und hebe manchmal den Kopf, um zu sehen was um mich herum passiert. Dass ich meinen eigenen Weg gehe, der Gesellschaft den Mittelfinger zeige, das war immer ein Traum. Dass der pubertätsbedingte Anarchiewunsch keine Zukunft hat, dessen bin ich mir bewusst. Doch ich fühle mich wie ein 68er, der jetzt als Beamter mit Anzug und Krawatte vollkommen gegen seinen damaligen Geist arbeitet.

Und manchmal denke ich mir eben. Ich hasse mich. So darf es nicht weitergehen. Ich muss mich verändern. Doch Veränderung kann man nicht erzwingen, dass weiß ich aus jahrelanger Erfahrung. Irgendwann passiert es, irgendwann verändert man sich. In die Richtung, die vorbestimmt ist, in die Richtung, in die man hineingeschoben wird. Und es wäre dumm, mich selbst zu hassen. Hass tut weh. Alles hat sich verändert. Die Welt. Du. Ich.

Was bleibt, ist die Hoffnung auf meinen inneren Geist. Meine Person nach außen hin scheint ein komplettes Gegenteil zu meiner Inneren zu sein. Das hält mich zurück. Lässt meine Sehnsucht nach Damals verinnen. Ich bin anders. Von innen drin. Meine Gefühle sind nicht massentauglich, meine Gedanken sind mein. Und auch wenn ein Strom mich leitet bin ich doch alleine in mir. Und so stehe ich auf und verlasse das Damals. Verlasse den Wunsch nach Veränderung. Ich weiß, woran ich bin. Ich weiß, wer ich bin. Vielleicht verändert sich ja auch mein Äußeres zum Besseren. Aber was ist schon besser. Vielleicht ist es gut so, wie es ist.

Und ich stehe auf, streiche mir etwas Wasser aus der Hose, spanne meinen Schirm über meine nassen Haare auf und gehe zu meinem Auto. Und während ich gehe, verliere ich. Verliere das Vertrauen in die Welt. Und gewinne an Vertrauen in mir.

Mir ist schon klar, dass Sea Meer heißt. Aber dieser Song von Jeff Buckley passte gut zu diesem Text.

With My Head. In My Hand.

Erwachsen werden

Ich schließe die Augen. Warte. Warte lange. Minuten, Stunden. Bis ich sie wieder öffne. Und wenn ich dann um mich blicke, bemerke ich. Du fehlst. Warum ich die Augen nicht wieder schließe. Nicht versuche, der Welt mit geschlossenen Augen zu begegnen.

Erinnerungen. Erinnerungen. Erinnerungen. Und die Axt die die Erinnerungen von der Gegenwart spaltet. Das Wachrütteln. Der Versuch zu verstehen, der Versuch zu akzeptieren. Aufgeben, das Leben als fair anzusehen. Und doch wieder jeden Tag einen Moment finden, in dem man denkt, dass so etwas nicht passieren kann. Dass du jetzt gleich bei der Tür hereingestürzt kommst. Bis man den Kopf schüttelt und der Realität Einzug gewährt.

Und wenn man dann am Morgen das Leben wieder spürt, in sich. Und überall die Erinnerungen an dich. Dann versucht man natürlich, die Augen wieder zu schließen, um aus diesem Traum aufzuwachen. Um mit diesem Verschließen der Augen vor der Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft zu beeinflussen. Doch es bringt nichts. Irgendwann muss man die Augen wieder öffnen. Irgendwann spürt man wieder den Wecker, der sich in die Gehörgänge bohrt, oder ein Auto, das in die Einfahrt vorfährt. Und die Augen sind offen. Und man bemerkt, dass es niemandem etwas bringt. Dass man sich nicht verschließen kann.

Man kann nicht akzeptieren, dass du so früh hast gehen müssen. Aber es kommt einem fast so vor, als könnte man irgendwie akzeptieren, dass du nicht mehr kommen wirst. Und um über deinen Weg trauern zu können oder den Schmerz für dich zu fühlen, muss man sich der Welt stellen. Mit all ihren Kinderwägen und Kleinkindern, die ein Lächeln und einen Sonnenschein in sich tragen. Und mich mit jeder Haarsträhne, oder mit jedem Lächeln, mit dem Gang oder mit der Hose an dich erinnern. Ich bin lange genug stark gewesen. So gut es ging, und so banal wie es klingt.

Und so kommt die Routine. Und das Ablenken. Und das Wiedereintauchen in die Welt, die du so sehr verschönert hast. Du hast uns alle verändert, als du lebtest. Und du hast uns selbst jetzt, nach deinem Abschied reifen lassen. Die Welt hast du für uns verändert. Und mit dieser Welt, mit dieser Veränderung, dass du einfach nicht mehr kommst, müssen wir zu schreiten beginnen. Müssen neue Wege gehen. Müssen vielleicht auch wieder mal an unsere Grenzen stoßen. Und auch manchmal wieder neu anfangen. Und es wird nicht mehr. Es wird nicht mehr so wie es einmal war. Nie mehr. Jede Veränderung hat Einflüsse auf das Morgen. Nur das Gestern. Das Gestern bleibt unverändert. Und lässt uns wohl auch in Zukunft immer wieder zurückfallen. Immer mal wieder.

Man wird auch heute wieder die Augen schließen. Und wird sie erst wieder morgen öffnen. Und wenn man sie dann öffnet, wird man sich vielleicht in einer neuen Welt finden, durch die kleine Veränderung, die man selbst gemacht hat, um das Leben schöner zu gestalten. Es reicht nicht, nur um dich zu weinen. Wir haben die Macht und die Kraft dazu, eine Welt zu gestalten, wie du sie dir verdient hast.

Ein Luftballon. Ein Schmetterling. Ein Engel.

Der schwerste Gang. Der letzte Abschied. The Last Goodbye. Das Zittern.

Heute war also dein Begräbnis. Mehrmals bin ich heute Nacht aufgewacht. Irgendwann bin ich dann doch aufgestanden, habe sogar gefrühstückt. Wie ich es jedes Wochenende mache. Nur diesmal ist das ein anderer Samstag. Ein komplett anderer Samstag.

Das Warten. Irgendwann einmal duschen. Und in den schwarzen Anzug schlüpfen. Die neue schwarze Krawatte anlegen. Die Texte einpacken. Und nach meiner Schwester, Timis Vater und einer Freundin gefahren. Da ich es einfach zuhause, mit meinem Vater und meiner Mutter nicht mehr ausgehalten habe. Den Strom zur Kirche gesehen. Und irgendwann einmal hineingegangen. Die Kirche war voll. Aber ich habe niemanden mehr gesehen. Niemanden. Ich suchte mir nur einen Platz bei meiner Familie und zitterte. Zitterte, wie ich es schon immer tat. Nicht aus Kälte, nicht aus Aufregung. Ich zitterte einfach.

Gerhard hat wunderschöne Worte gefunden. Wunderschön. Passend. Bewegend. Irgendwann trug ich auch meine Fürbitten vor. Meinen Text. Und dann Natalies Zeilen. Und irgendwann vorher das Anstecken der Buttons, auf denen ein Schmetterling als Zeichen für unseren kleinen Timi steht. Und dann der Gang zum Friedhof. Ich voran, das Kreuz, mit seinem Teddybären und seinen Schmetterlingen, in der Hand. Die Verabschiedung am Friedhof im familiären Kreis. Das Nachwerfen der Blumenblätter. Die einzigen Tränen von mir am heutigen Tag. Und nach dem Weinen das Ende des brutalen Zitterns.

Immer wieder die Worte: „Du hast das gut gemacht“, „Einen besseren Bruder kann sich Michaela nicht wünschen“, „Wir sind stolz auf dich“. Hohle Phrasen. Ich habe nur das, was in meiner Macht stand getan. Und werde es auch weiterhin tun. Für Michaela, für die Familie. Morgen treffe ich mich wahrscheinlich mit meiner Psychologielehrerin um über eine Therapie für meine Schwester zu sprechen. Und vielleicht auch gleich eine Familientherapie. Für uns alle.

Hier noch mein Text, den ich beim heutigen Begräbnis vorgetragen habe.

Jetzt stehe ich hier, versuche Worte für meinen Timi zu finden, und weiß einfach nicht, wie.

Als vor eineinhalb Jahren dieses unscheinbare, kleine zarte Wesen in unser aller Leben trat, konnte man nicht mal im Geringsten begreifen, welcher Engel hier auf Erden gelandet ist. Deine blonden Haare, deine blauen Augen, dein gesamtes Wesen. Es waren für uns alle die schönsten Momente, als du zu krabbeln begannst, deine ersten Schritte machtest. Oder wenn du einfach nur da warst. Stundenlang hätte ich deinen schlafenden Körper betrachten können,wie du da, völlig zufrieden mit der Welt, in seine Traumwelt versankst.

Für unsere Familie warst du stets der Sonnenschein. Kamen mein Papa und ich abends nach Hause, empfingst du uns mit deinen tapsigen Füßchen, einem Lächeln und der Bitte, hochgenommen zu werden. Und versank unser Familienleben auch manchmal in Streit und Missmut holtest du uns doch wieder zurück zum Schönen. Du warst dieser eine Fels in der Brandung, der Gesandte, der uns allen wieder zeigte, wie schön die Welt eigentlich ist.

In meiner Erinnerung bleiben immer die Bilder, als du mit leuchtenden Augen dein erstes Weihnachten erlebtest, du dich zum Geburtstag nicht in dein kleines Zelt trautest, oder wenn du mich immer mal wieder wecktest, als du deiner Oma entkommen warst und dich der erste Weg in mein Zimmer führte. Dein Lächeln, deine Berührungen, das Kuscheln. Momente vollkommenen Lebens.

Deine kleine Hand, wie sie sich anfangs um meinen Finger schloss, dein ständiges Nachahmen von mir, und dein Spaß an allem. Erinnerungen, die mir einer nie mehr nehmen kann. Du war für mich Anlaufpunkt, in Zeiten in denen es mir scheinbar schlecht ging. Ein Lächeln von dir, und meine Welt war wieder perfekt. Ich habe so viele Pläne mit dir gehabt. Habe über deinen ersten Schultag nachgedacht, habe Ausflüge in einen Tierpark geplant, wollte Pferde stehlen mit dir.

Und mit einem Schlag bist du weg. Und hinterlässt auf dieser Seite des Lebens ein so tiefes Loch. Welches nie wieder geflickt werden kann. Du bist einfach weg. Was uns bleibt, sind diese unzähligen Erinnerungen an dich. All diese wunderbaren Momente. Du hast uns alle irgendwie verändert. Die ganze Welt schien perfekt zu sein, trotz all dieser Komplikationen, die ein Leben mit sich trägt.

Ich wünsche euch, dir, Michaela und dir, Mathias, alle Kraft der Welt. Es stimmt, es wird nie wieder einen Timi geben. Nie wieder einen Menschen geben wie ihn. Aber ich bin mit all meinen Gedanken bei euch. Und auch euch, liebe Omas, Opas und Urgroßeltern wünsche ich, dass ihr mit diesem Schmerz, mit dieser unsagbaren Tragödie irgendwann umzugehen lernt. Man wird nie verstehen, warum unser kleiner Timi so früh hat sterben müssen. Und alle Menschen, die Timi geliebt haben, bitte ich, dass ihr eure Kraft mit seinen Eltern und Angehörigen teilt.

Und nun an dich, lieber Timi. Du warst der größte Engel auf Erden. Mach dich nun auf den Weg in den Himmel. Damit du deinen Sonnenschein auch dort verbreiten kannst. Ich liebe dich und vermisse dich so sehr.

Schöne Worte hat Elisabeth gefunden. Sie waren heute Abend noch am Grab. Und sie sagt, das kann nicht alles von Timi sein. Nicht alles von Timi ist unter der Erde. Ein Teil ist da, wenn sie mich ansieht. Oder uns als Familie. Vielen Dank für das Gespräch heute Elisabeth. Und auch dir, Maria. Dankeschön. Und an alle, die heute da waren. Dankeschön.

Und jetzt fliege schön. Und schnappe dir irgendwann den Luftballon, der von deinem Sarg losgelassen wurde. Schnapp ihn dir. Du hast sie geliebt, die Luftballone. Selbst in meinem Zimmer liegt noch einer, den du letzten Samstag, oder Freitag hier hast fallen lassen.

Ein Letztes Mal.

Feiert ihr nur alle eure Verstorbenen. Geht ihr nur scheinheilig zu den Gräbern, die für euch nur Anlaufstelle sind, um einmal im Jahr zu zeigen, dass ihr jemanden gemocht habt. Wir gehen nicht hin. Wir nehmen Abschied. Wieder einmal. In der Leichenhalle, wo Timis Sarg steht.

Dass ich immer und immer wieder meine Fingernägel in meine rechte Schulter gebohrt habe. Nur um den inneren Schmerz nach außen hin zu spüren. Dass meine Mutter beim Zusammenlegen von Timis Kleidung immer und immer wieder zu weinen anfängt, sie aber einfach nicht aufhört. Dass mein Papa einfach nichts essen kann. Dass die Tränen meiner Schwester nicht enden.

Allerheiligen. Feiern wir die Toten. Feiern wir die Menschen, die ihr Leben gelebt haben. Die so viele Träume von sich erreicht haben. Die irgendwann einmal am Ende angekommen sind. Aber feiern wir nicht den Tod eines Kindes. Dessen Leben erst so richtig begonnen hätte. Der Schmerz. Diese nicht enden wollende Schmerz. Das Vermissen.

Gestern, nachdem ich mit Gerhard die Beerdigung durchgesprochen hatte, bin ich in die Kirche gegangen. Wo vor dem Altar, auf einem kleinen Tischlein, Timis Bild stand. Kleine Kerzen am Boden. Und daneben eine Schüssel mit Sand, wo jeder eine Kerze anzünden kann. Und als ich dort vor dem Bild stand, bin ich einfach zusammengebrochen. Zusammengebrochen und auf den Knien gelandet. Und habe gestern endlich wieder einmal weinen können. Einfach so heraus, einfach nur, weil ich ihn so sehr vermisse.

Ich konnte ihn auch noch einmal sehen. Wir alle mussten uns noch einmal von ihm verabschieden. Wie er da im Sarg lag, das Lammfell als wärmespendende Quelle, die Spieluhr auf seinem kleinen Körper. Seine rot-weiße Haut. Seine schwarzen Lippen. Ein Streichen über die Wange, ein letzter Kuss auf die Stirn. Das Gefühl, eine Puppe zu berühren. Das letzte Mal seine Spieluhr aufgezogen. Das letzte Mal.

Am Nachmittag alles organisiert von Gottesdienst, über die kleinen Erinnerungsbildchen, die jeder beim Begräbnis bekommt. Überall herumgefahren mit meinen Papa und ihn soweit gebracht, dass er zumindest ein kleines Bisschen isst. Am Abend die Parte zu meinen Freunden gebracht. Beim Lukas geweint, bei Maria auch. Rahel, Sarah und Susi. Und dann erst wieder bei Elisabeth. Die schon am Montag am Telefon nicht mehr richtig hat sprechen können vor lauter Unverständnis.

Bevor ich diese Runde gemacht habe, ein zweites Mal in die Kirche gegangen. Diesmal waren mein Papa und meine Mama dabei. Und wieder dasselbe. Wieder zusammengebrochen. Wieder weinen können. Und wieder einmal bemerkt, dass ich am liebsten alleine weine.

Der Stress, der ständige Besuch, ist gut für uns. Er beschäftigt uns und lenkt uns, irgendwie, so gut es geht ab. Und irgendwann ist er dann weg. Der Stress. Was dann kommt? Die Leere.