Neu.

Einfach nur mal feiern. Die Sorglosigkeit genießen. Der letzte Kuss von allen. Und der Beginn des Zivildienstjahres. Das dritte Quartal. 

Es ist schon ein mächtiges Stück, wenn man weiß, dass man die Schule, die neun Jahre so etwas wie ein Zuhause, eine verdammte Hassliebe war, bis auf eine Ausnahme nicht mehr besuchen muss. In dieser Zeit liebte ich es, von Abschnitten zu sprechen. Dieser eine lange Abschnitt war nun vorbei. Jetzt dürfte ich wohl genießen und der Welt den Stinkefinger zeigen. Dass ich den letzten Kuss des Jahres von einem betrunkenen Mädchen bekommen habe, ist mir eigentlich egal. Ich selbst war ja ebenso betrunken. Und schließlich und endlich flogen wir auf die Maturareise. In einen Club in die Türkei. 3000 Gleichgesinnte. Ihr glaubt mir ja gar nicht, welche Träume und Vorstellungen ich von dieser Woche hatte. Eigentlich wurde nichts Realität. Und doch war es für mich eine wunderbare Woche. Vor allem, weil sie mir zeigte, dass unsere Klasse, trotz der unglaublichen Abwechslungsmöglichkeiten doch meistens vereint irgendwo am Strand abchillte.

Als hätte ich nichts anderes zu tun, kam ich von dieser Reise, leicht braungebrannt, etwas rötlich verbrannt nach Hause. Und musste sofort für die theoretische Führerscheinprüfung lernen. Obwohl eigentlich alles so aussah, als würde ich sie nie und nimmer schaffen, habe ich sie eigentlich, mit meiner Übungsvorbereitung doch sehr bravourös geschafft. Und auch die praktische Prüfung schien leichter zu sein, als erwartet. Mit meinem Führerschein, einem schrecklichen Foto bewaffnet, hatte ich endlich das, was ich immer wollte. Freiheit. Ich war nicht mehr auf wenige Kilometer rund um mich herum beschränkt, soweit mich eben mein Moped trug. Jetzt konnten andere Wege betreten werden. Und doch. Dann kam all das, was ich zwar schon wusste, aber doch nicht wahrhaben wollte.

Der Zivildienst. Die ersten drei Tage zur Einschulung in der Landeshauptstadt, und ab dem sechsten August schlussendlich jeden Tag nach Bad Goisern, einem etwas größeren Dorf als meinem Wohnort, ca. 50 Kilometer davon entfernt. Es war schon eine wilde Umstellung, so früh aufzustehen, eine Stunde mit dem Zug zu fahren und mehr und mehr wurde mir bewusst, dass ich nun schon in einem Alter bin, oder eben in einer Phase, an dem Schulkinder nerven. Selbst wenn sie nur drei Jahre jünger waren als ich. Und so führte mich ein gutes Buch und mein Mp3-Player in dieses Käffchen, wo ich meine Zivildiensteinsatzstelle fand. Dass die Tage doch eher langweilig werden würden, das hatte ich fast befürchtet.

Anfang August war übrigens auch die Zeit, als zwei Texte von mir in einer österreichischen Tageszeitung mit einer Auflage von über 100.000 Stück (Platz 3 aller österreichischer Zeitungen) veröffentlicht wurden. Das Gefühl, der Stolz am Anfang, schlug nach das eine Mal auch ein Wut um, weil ich einfach mal nicht genug recherchiert hatte. Und doch war es ein schönes Gefühl, das ich schon in dieser Art und Weise für meinen Berufswunsch trainieren konnte. Und in einer solchen Zeitung veröffentlicht zu werden, konnte ja auch nicht jeder von sich behaupten.

Welche Bekanntschaften ich in diesen Monaten machte? So einige. Hängengeblieben bin ich zum ersten Mal richtig bei diesem einen Mädchen. Anfangs nur Blicke. Dann Worte. Dann Lächeln. Und irgendwann redete ich mir ein, dass ich einfach über sie noch nicht hinweg sei. Und brach den Kontakt zu dem Mädchen für eine beachtlich lange Zeit ab. Jetzt, im Nachhinein, bereue ich es. Denn ich denke, es hätte ehrlich etwas werden können. Jetzt sehe sie zwar öfter, doch es ist nichts mehr. Ich finde sie noch hübsch, sie hat eine wunderbare Ausstrahlung, aber irgendwie habe ich alles durch das Ausweichen zerstört.

In diesen drei Monaten war alles neu für mich. Das Ende der Schule, der Führerschein und der Beginn des Zivildienstes. Dass ich mich schon von Anfang an auf das Ende des Zivildienstes freute, ist ganz logisch, irgendwie. Freue ich mich doch immer auf das Danach. Auf Wien, mein Studium und der erste richtige Ausbruch von Zuhause. Das halbwegs selbstständige Leben. Und doch ist in diesen Monaten relativ wenig geschehen.

Lied des Quartals: Love Hurts von Incubus
Buch des Quartals: Elementarteilchen von Michel Houellebecq

Was von diesen drei Monaten bleibt: Das Gefühl, vor eine komplett neue Aufgabe gestellt zu werden. Und sowieso alles andere. Es waren interessante und doch ruhige und langweilige Tage. Eigentlich die leblosesten des ganzen Jahres. So gesehen. Neu bedeutet nicht immer, dass alles gut ist.

// Jahresrückblick 2007. Teil 3. Juli, August, September.

Zweifel.

Wohnen

Nichts ist so wie wir denken. Vor allem bist du nicht so, wie ich es mir erhoffte. Das zweite Quartal.

In einer Beziehung steckend und mir immer die Frage stellen, warum es nicht mehr so ist, wie es früher einmal war. Wie es in unseren ersten vier Monaten, den letzten des Vorjahres, war. Nein, es musste anders werden. Wir haben uns gestritten, haben uns getrennt. Sind für kurze Zeit getrennte Wege gegangen, bis wir wieder zusammenfanden. Und da standen wir nun. Ich zählte die Tage, an denen ich dich nicht sah, und jene, an denen wir uns trafen, verkamen zu krampfhaften Liebesbekundungen.

Die Schule trug mich hin, durch all diese drei Monate. Ende April hatte ich meinen letzten richtigen Schultag. Was danach folgte, waren Prüfungen. Die Matura, also das österreichische Abitur. Anfang Mai schriftlich, und nach etlichen Vorbereitungsstunden in unzähligen Fächern Ende Juni auch mündlich. Ich machte mir nicht viele Gedanken. Lernte für einige Fächer mehr, für einige weniger und habe es schlussendlich in diesem ersten Halbjahr des Jahres nicht geschafft. Nur knapp nicht. Kein Bomben-Bauchfleck vom Zehnmeter-Turm. Aber doch irgendwie ein Rückschlag.

All die Dinge, die ein Jahr zuvor noch das große Leben bedeuteten, Tage am See, Grillfeste und Parties. Nichts war mehr interessant. Stets nahm ich mir vor, mich auf die Schule zu konzentrieren, doch auch das war nicht sehr hilfreich. Die Anteilnahme war relativ gering. Nichts ließ mich mehr kalt, als diese dämliche Schule, aus der ich mich so gerne herauswünschte. Doch auch das ging vorbei. Und trotz des Missgeschickes in Englisch, was mich am meisten überraschte, trotz dieses Missgeschickes war ich stolz. Stolz, es so weit geschafft zu haben. Stolz, beinahe die Matura bestanden zu haben.

Im Mai feierte ich meinen neunzehnten Geburtstag. Zum Feiern kam ich ehrlich gesagt nicht. Denn einen Tag später musste ich vier Stunden lang etwas über Konformismus und die Jugend von heute in meiner Deutschmatura schreiben. Und zwei Tage vor meinem Geburtstag fasste ich auf den Weg zu ihr einen Entschluss. Durch Kettcars 48 Stunden inspiriert, endete ein langer Nachmittag bei ihr, in ihrer Küche am Boden. Diskutierend. Und das war seit langem wieder einmal das erste Mal, dass ich streng auf meinen Kopf gehört habe. Mein Herz bließ außen vor. Diesmal habe ich Schluss gemacht, und doch sagten, wir, es war eine friedliche Trennung. Dass anfangs alles perfekt schien und schlussendlich doch wieder die Gefühle da waren, davon will ich hier jetzt gar nicht sprechen.

Im Juni feierte auch mein Neffe seinen ersten Geburtstag. Das es sein letzter werden sollte, damit konnte damals niemand rechnen. Durch Frust wegen meiner Schwester wollte ich gar nicht an der Geburtstagsparty ihm zu Ehren nicht teilnehmen. Ich konnte dieses scheinheilige Getue nichts mehr abgewinnen und kroch dann doch irgendwann in den Garten, aß mein Grillfleisch und versprühte negative Energie. Wunderbare Tage waren das, vor allem mit ihm. Es war sonnig und heiß,, und das Leben schien zwar stressvoll aber lebenswert. Kurz vor meiner mündlichen Matura dann heiratete meine Cousine Manuela ihren Ernst. Durch die ganze Aufregung, kurz vor diesem wichtigen Tag, begann ich schließlich auch wieder zu Rauchen. Etwas, das ich bis heute noch nicht aufgegeben habe.

Lied des Quartals: 48 Stunden – Kettcar
Buch des Quartals: Ein Kind unserer Zeit  – Ödön von Horvath.

Was von diesen drei Monaten bleiben: Erinnerungen an einen großartigen Menschen. Eine Trennung, die ich erst jetzt wirklich zu überwinden bereit bin. Das Ende meiner Schulzeit und Musik. Wie immer und überall, begleitete sie mich auch in dieses Mal immer und überall hin. „Zweifel“ eben deswegen, weil es mir irgendwann bewusst wurde, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich fühlte mich unwohl und wollte ein Ende. Wo Ende doch so entgültig ist. Dass ich danach ausging, Freundschaft führen zu können, zeigt wohl auch noch meine jugendliche Naivität. Aber trotz allem waren es schöne Frühlingsmonate.

// Jahresrückblick 2007. Teil 2. April, Mai, Juni.

Perfekt.

‚Du bist perfekt“, sagst du mir, lächelst und ich blicke dich vollkommen verstört an.

Was ist schon perfekt. Immer wieder denke ich mir, wie unsorgsam mit diesem Wort umgegangen wird. Was ist schon perfekt. Langsam taste ich mich vor. An mich. Nichts ist an mir perfekt. Ich gebe manchmal nur mein Bestes. Ich will doch gar nicht perfekt sein. Will nicht das Nonplusultra sein. Und bin sowieso meilenweit davon entfernt. Ich kann solche Sätze nicht ernstnehmen.

Der perfekte Schwiegersohn. Der perfekte Freund (in einer Beziehung). Der perfekte Freund (einer Freundschaft). Der perfekte Mensch. Alles doch nur ein Versuch, irgendetwas als großartig zu bezeichnen. Und doch fühle ich mich wie ein Mensch mit viel mehr Möglichkeiten. Ich weiß meine Stärken, noch besser meine Schwächen. Und lehne mich langsam zurück. Blicke in den Spiegel und betrachte mein Leben.

Ich will nicht perfekt sein. Ich will ich sein. Ich habe kein Problem, Fehler zu haben, sie zu zeigen. Wir alle sind doch perfekt, jeder auf seine / ihre Art und Weise. Bitte sag doch nicht, ich sei perfekt. Ich kann es nicht zurückgeben. Ich kann nicht sagen: „Du bist perfekt.“ Weil ich damit etwas aussprechen würde, was nicht mehr zurückzunehmen wäre. Ich will niemanden um mich haben, den man als perfekt bezeichnet.

Gut, schön, wunderbar, großartig, einzigartig, toll, nett, wundervoll, lieb, süß, atemberaubend, beeindruckend, besonders, anders, du, verstörend, belebend, Halt gebend, liebend.

Das kann ich sein. Das kann jeder um mich herum sein. Aber nicht perfekt. Da gäbe es nichts mehr darüber. Und ich brauche immer etwas, um noch größer zu werden. Um noch besser zu werden. Auf Perfektivität habe ich noch nie hingearbeitet. Wollte ich nur mal sagen. Inspiriert durch eine wunderbare Freundin.

Liebe.

Wohnen

Meine Hand um ihre Hüfte gelegt. Aus der Ferne das Feuerwerk beobachten. Das erste Quartal.

Wie stellt man sich den schönsten Jahreswechsel vor? In den Armen des Menschen, den man liebt, oder? Ich zumindest sehe alles als schön an, wenn man es mit wundervollen Personen erleben kann. Den ersten Jänner dieses Jahres begann ich, in der Wiese stehend, mit ihr. Alles schien so großartig, so einzigartig. Das musste doch einfach ein wundervolles Jahr werden, dachte ich mir. Es hätte eben nicht besser starten können. Ich spüre immer noch dieses Gefühl, als alle Blicke auf den Himmel gerichtet waren. Und zwischen den Sternen und den vereinzelten Wolken Feuerwerksraketen explodierten.

Dass ich nun im letzten Teil meiner Schulkarriere stehen würde, wurde mir erst durch den Stress bewusst, mit welchem ich konfrontiert wurde. Dass sie sich dann auch noch auf eine Trennung einigte und irgendwann einmal mir davon erzählte, schien ich, mit nichts mehr zurecht zu kommen. Dass schon damals Liebe kurzzeitig in Wut umschlug, fiel mir erst kürzlich wieder auf. Heftige Einträge hier und all das. Ich hatte mächtigen Kummer und wusste einfach nicht, warum das Ganze. Warum es vorbei sein sollte.

Und irgendwann kamen die Gefühle wieder zurück. Ich nannte es von da an „Gefühlsflashback“. Manchmal kurzzeitig, und manchmal auch für lange Zeit. Dass zwei oder drei Wochen plötzlich wieder alles perfekt schien, und sie alles bereute und hoffte, alles besser zu machen, ließ auch mich wieder strahlen. Von nun an sollte alles besser werden. Nun würde auch sie richtig viel in diese Beziehung investieren.

Doch es wurde nicht so, wie wir es uns erhofften. Wie ich es mir erhofften. Dass jemand keinen Mumm hat, oder einfach nur ein Darmausgang ist, stelle ich jetzt mal einfach so in den Raum. Aber anfangs schien doch wirklich alles wieder zu passen. Schulisch wurde ich extrem gefordert. Die Noten sahen alle ganz anders aus, als ich sie mir immer erträumte. Probleme in Mathe, Französisch, Biologie, Chemie. Und ich wusste einfach nicht, wie ich das alles noch lernen sollte. Doch an die Matura war noch gar nicht zu denken. Dazu hatte man ja noch drei Monate Zeit.

Am Ende dieser ersten drei Monate habe ich sogar mit meinem ersten Buchprojekt angefangen. Und bis zu diesem Zeitpunkt insgesamt sechzehn Kapitel fertiggestellt.

Lied des Quartals: Nobody’s Girl – Ryan Adams.
Buch des Quartals: Jugend ohne Gott – Ödön von Horvath.

Was von diesen drei Monaten bleiben: Viele Erfahrungen. Gedanken. Und die Frage, ob nicht alles besser geworden wäre, hätte man das Ende eingesehen. Dieses Quartal steht unter dem Überbegriff „Liebe“. Weil das eigentlich das Haupterlebte in diesen drei Monaten war. Viel mehr möchte ich sowieso hier nicht mehr darüber kommentieren. Würde wohl entweder zu melancholisch oder zu brutal werden. Schon gut.

// Jahresrückblick 2007. Teil 1. Jänner, Februar, März.

Hier Sein.

Ja, ich weiß. Die Sorglosigkeit der Tage wird nie mehr so sein. Es ist alles anders und doch fühle ich mich wohl.

„Wie in guten alten Tagen.“, meinte Stefan, als wir während unserers Aufstieges mit dem Schlitten mal wieder eine Rauchpause machten. „Vollkommen sorglos. Absolut unbekümmert.“ „Wie in guten alten Tagen“, wiederholte er sich. Ich musste nicken. Es fühlte sich an, trotz der Kälte und dem Schnee und dem Schweiß wie der Sommer, den ich geliebt habe, und der mich lieben lernte. Wunderbare Tage, einige der schönsten meines Lebens. Und ich gerade erst mal siebzehn Jahre alt.

Alte Tage. Immer wieder rotieren diese Worte in meinem Kopf. Und was hält uns jetzt auf? Es war doch einzig und allein die Schule, die uns die Welt sorglos erscheinen ließ. Jetzt machen wir Zivildienst, oder Studieren schon. Warum nicht gute neue Tage. An mir soll’s nicht liegen. Ich wäre bereit, habe Zeit und Lust. Und habe einfach nur Verlangen nach diesem Gefühl vollkommener Unbekümmertheit.

Und trotzdem wird das Leben anders. Das ist es doch schon. Der Tod eines so sehr geliebten Menschen kann nicht einfach so vorübergehen. Dass man sagt, es ist geschehen, was soll man machen. Schön ist das Leben und ich mag mich auch. Nein. Das geht nicht einfach so vorüber. Es ist vielmehr eine Herausforderung. Und das Lernen, Momente im Leben viel mehr zu genießen. Man weiß nie wann es vorüber ist. Weiß nicht, ob solche Momente in ähnlicher Zusammensetzung wieder auftauchen.

Ich fühle mich sorglos. Ja, trotz allem. Weiß, dass noch nichts richtig verarbeitet ist. Aber ich scheine zu realisieren, schön langsam. Dass er nicht mehr kommt. Dass sie nicht mehr liebt. Ihn werde ich für immer lieben. Und sie. Hat ihre Chance vertan. Ich bin frei. Und liebe mein Leben. Ich habe mein Leben schon immer geliebt. Selbst wenn Texte von Suizid handelten, war das nur der Gedanke daran. Ich hätte viel zu viel zu verlieren. Vor allem meine Familie und meine Freunde. Menschen, die ich liebe. Und meine Träume. Viel zu kostbar.

Ich sehne mich nach meiner Zeit in Wien. Die nächstes Jahr, in zehn Monaten anfangen wird. Aber genieße jetzt auch noch die Zeit des Zvildienstes, freue mich auf den dreimonatigen Ferienjob. „Sag nicht, dass das ein sinnloser Tag ist. Einen Sinn hat jeder Tag.“, sagte sie immer zu mir, wenn ich mich über scheinbar sinnbefreite Tage ausließ. Jeder Tag hat einen Sinn. Das weiß ich nun. Ich bin unverliebt und fühle mich wohl in dieser Rolle. Bin kein unbedingt glücklicher Single. Aber auch keineswegs unglücklich. Froh über den beschissenen Abschluss einer teils wunderschönen, teils beschissenen Zeit.

Ich fühle mich wohl. Ich finde mich schön. Und bin froh. Froh, dass ich Menschen um mich habe. Menschen, die mich mögen, mich vielleicht sogar lieben. Menschen, die mit mir nachdenken, und mit denen ich grübeln kann. Menschen, die ebenso große Träume haben. Ich liebe das Leben und denke mir immer öfter. Eigentlich ist mein Leben sorglos. Eigentlich trage ich zwar eine verdammt schwere Last auf mir. Die Trauerverarbeitung. Und so weiter. Und doch hoffe ich nicht mehr auf einen so schönen Sommer wie damals. Ich bin bereit, ihn wieder so schön werden zu lassen. Ich helfe nach. Und werde all die Zeit, die nun noch folgt, wunderbar werden lassen. Eigentlich bin ich froh, einfach nur hier zu sein.

Several Thousand. Years Of Talking. Nonsense.

Ich zähl die Stunden, die Sekunden. Der Stift. Er rutscht. Aus meinen Händen und zersplittert am Boden.

Dutzende Seiten, gefüllt mit meinen Worten. Meinem Leben, festgehalten in schwarzer Schrift, meine Handschrift. Oftmals bemerken, wie zwanghaft Worte herausgepresst und darin hineingestopft wurden. Und manchmal kamen sie wie von selbst. Mussten rein und passten nur da rein. Ich habe Geschichten geschrieben, Erlebnisse, Sätze, die mir im Gedächtnis bleiben sollen.

Es ist ein interessantes Gefühl, in ihm zu blättern. Mein Tagebuch. Mein Leben in diesem Jahr. Meine Verliebt-, meine Vernarrtheit. In einige Personen. In eine Person. Glückvolles Beginnen des Jahres. Verstört-hoffendes Beenden. Das ist mein Leben. Das war mein Jahr. Und wieder habe ich viel zu wenig hineingeschrieben. Vor allem nach dem Schicksalsschlag war es anders. Da habe ich es mir zwar oft vorgenommen, aber dann doch nie getan.

Das Buch für das nächste Jahr liegt schon bereit. Nächstes Jahr möchte ich anders schreiben. Keine sinnlose Aufzählung. Keine Fragen. Und keine Erklärungen. Nur Leben, verpackt in Worten. Melodramaturgie wird nicht völlig verschwinden. Egal. Nächstes Jahr soll alles anders werden.

Und dann sitze ich hier und versuche Worte zu finden. Und denke nach und verliere mich. Mir fällt der Stift aus meinen Händen. Und findet sich zersplittert auf dem kalten Boden wieder. Was sind schon Worte. Für wen brauche ich dieses Buch meines Lebens. Wen würde es schon interessieren. Warum mache ich mir überhaupt die Mühe.

Wegen mir. Ich brauche das. Immer mal wieder reinzuschnuppern in die Vergangenheit. Und die Gegenwart meist spätabends sich wiederholen lassen. Und alles. Einfach ich in diesem Buch versinken. Dem Buch meines Lebens. Dem Buch des Jahres.

… Und Das Etwas Andere Weihnachten

Timi ist gerade erst ein halbes Jahr alt.

Als die Welt um ihn in Stress versinkt, er viele Menschen nur mehr selten sieht. Weihnachten würden es alle anderen nennen. Doch für Timi ist all das unverständlich. Das Fest der Geburt eines kleinen Kindes. Zu früh wäre es, um ihm alles zu erklären. Für ihn soll das
Weihnachtsfest eine Überraschung sein.

Alle finden sich ein, bei Timis Urgroßmutter. Wie jedes Jahr feiert die ganze Familie dieses Fest gemeinsam. Das Christkind hat auch einige Päckchen für Timi unter den Baum gelegt. Als endlich Bescherung stattfindet, leuchten seine Augen. Die vielen Kerzen, dieser wunderschöne Anblick. Irgendwie kann er alles noch nicht fassen. Und nachdem er sich eher mehr mit den Verpackungen als mit den Geschenken befasst hat, schläft er irgendwann ein. Schließt die Augen und verschläft den Rest des heiligen Abends.

Seine Familie, die Menschen, die er immer um sich hat und die ihn so sehr lieben, haben sich schon einiges für das nächste Weihnachtsfest
überlegt. Und haben gesagt, dass alles anders sein wird. Dass es ein viel schöneres Weihnachten ist, mit leuchtenden Kinderaugen und einer glücklichen Familie. Weit weg waren all diese belanglosen Weihnachtsfeste, an denen alles wie geplant, wie streng fixiert ablief.
Dieses Jahr würde Weihnachten anders werden, träumten sie.

Und dann hebt Timi plötzlich mit diesem, seinen Engel ab. Und findet den Weg zurück nicht mehr. Freut sich über seine Flügel und fliegt
herum. Er selbst ist ein Engel geworden. Nun ist er nicht mehr dieser lebendige, lebenslustige kleine Engel auf Erden. Er spielt nun im
Himmel. Und manchmal verliert er auch Gedanken, an all die Menschen, die ihn lieben.

Plötzlich steht das Weihnachtsfest wirklich vor der Tür. Seine Familie gibt zu, dass alles anders ist. Aber anders als gedacht. Zwei
leuchtende Augen fehlen. Ein Mensch fehlt. Weihnachten wird nicht so, wie es sich alle vorgestellt haben. Statt Lachen und Freude, werden Tränen erscheinen. Tränen, die mehr als begründet sind. Man feiert die Geburt eines kleinen Kindes. Und fühlt den Schmerz um den Verlust des eigenen. Nichts ist so, wie es sein sollte. Und doch ist es.

Und manchmal blickt Timi herab. Sieht diese, seine Menschen, wie der Stress an ihnen vorüberzieht. Sieht, wie traurig alle sind. Es gibt
sogar Momente, an denen er sich zurückwünscht. Und dann taucht er auch in den Träumen mit auf. Nur um seinen Lieben zu zeigen, dass es ihm gut geht. Ihnen hingegen geht es nicht gut. Und das Fest ist dieses Jahr wirklich anders. Anders als all die Jahre zuvor. Anders als gedacht.

Ich habe schon fast Angst vor heute. Schon fast. Angst.

Anders. Als Gedacht.

Alleine zuhause. Die Musik und die Dunkelheit. Ein wie der Dreck unter den Fingern ist auch sie hier. Die Melancholie.

Der Körper fühlt sich warm an. Fast unmerklich ging dieser Abend an mir vorüber. Dass meine Haare von heraufsprühendem Schnee durchnässt war, oder Kälte von unten in die Snowboardhose hineinkroch. Heute mal wieder. Elisabeth, Susanne, Stefan und Lukas gesehen. Spontanaktion mit Schlitten und Berg. Interessant kurvige Anreise, lange, beschwerlicher Weg bis zum Abfahrtspunkt. Und einige spektakuläre Stürze. Es war großartig, einzigartig, wunderbar. Ich habe diese Zeit, das gemütliche Zusammenhocken auf drei Schlitten, und die Rauchpausen und alles genossen. Die Unbeschwertheit der früheren Jahre unserer Freundschaft kehrten zurück. Für einen kurzen Moment. Der irgendwie lange anhält.

Kurz davor, der Weihnachtskaffee bei meiner Oma. Mit so vielen Verwandten, Menschen, die ich liebe und brauche. Die für mich da sind, wenn ich sie brauche. Und für die auch ich da wäre, wenn sie hilfefragend zu mir kommen würden. Spaß, und Sebastian. Dieser kleine Sonnenschein. Anfangs dachte ich, es wäre schwer, ihn so zu sehen. Ein Jahr älter als unser Timi. Doch schon wenige Tage nach dem Tod war das Spielen mit ihm eine schöne Zeit. Gute Ablenkung. Es ist doch alles irgendwie immer anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Es war schön, wieder einmal Manuela und Ernst zu sehen. Und die kleine Luisa im Bauch meiner Cousine. Auf die ich, sobald ich in Wien studieren werde, aufpassen werde. So oft es mir möglich ist.

Gestern der eher spontane nachgeschobene Besuch bei meiner anderen Großmutter, im Mühlviertel, einem der obersten Stückchen von Österreich. Mehr als eineinhalb Stunden Anfahrt. Es war wieder einmal schön, meine Oma zu sehen. Zu sehen, dass es ihr gut geht, und sie besser als beim letzten Mal aussieht. Verwirrt ist sie immer noch, aber der Kontakt zu ihr, die spärlichen Besuche, maximal drei Mal im Jahr, lassen mich immer mehr wünschen, mehr Zeit mit ihr verbracht zu haben. Früher, als sie noch woanders wohnte, als alles noch so anders war. Auch meine Tanten und meine Onkeln. Schön, wieder einmal diesen Hauch von Familie väterlicherseits zu spüren.

Und morgen die Bescherung bei meiner Oma mütterlicherseits. Schwer wird es werden. Anders. Anders als wir es uns noch vor zwei Monaten vorgestellt hatten. Ein Mensch wird fehlen. Er fehlt uns schon so lange Zeit, und gerade ein Fest wie dieses lässt vieles wieder aufflackern. Morgen wird sicher geweint. Das ist natürlich nicht schlimm. Nur eben anders, als wir alle es uns vorgestellt haben. Dieser Gedanke inspiriert mich übrigens auch gerade zu einer Geschichte. Die ich vielleicht heute, vielleicht morgen schreiben werde.

Jetzt sitze ich zuhause. Die nassen Schuhe, die kalte Hose ausgezogen, in meinen warmen Norweger-Pullover eingehüllt. Den Tönen von Ray LaMontagne und Remy Zero lauschend. Mit dieser sanften Musik und allem drum und dran sucht sie wieder den Weg in meinen Kopf. Im Herz ist sie irgendwie schon. Die Melancholie. Trotz des Spaßes und der Freude, die ich in den letzten Tagen erleben durfte. Immer wird es anders.

Es wird anders.
Immer.
Anders, als ich es mir vorgestellt habe.

Dry Your Eyes.

It Won’t Supposed To Be. Easy.

Mein linker Fuß folgt meinem rechten, und der Rechte meinem Linken. Und so bewege ich mich fort. Ziellos, wortlos, ratlos. Die Straßen sind überfüllt von der Leere, die die Dunkelheit in dieser Einöde mit sich zieht. Das Gras ist grau, der Bach rauscht schwarz, der Wind weht dunkelbraun. Ich bleibe stehen. Halte mich am Brückengeländer und spüre den kleinen Bach, der unter meinen Füßen, unter dieser Brücke unter mir hindurchfließt. Setze mich nieder. Der Asphalt ist eisig kalt. So wie die Luft und die Hand, die diese eine Zigarette, die letzte des Tages, hält.

Ich kotze hinein. In dieses fließende Gewässer. Welches scheinbar alles weit weg trägt. Irgendwann in diesen nahegelegenen Fluss mündet, der dann in den nächstgelegenen größeren Strom mündet, um dann irgendwann in dem großen braunen Fluss landet, der all das dann irgendwann einmal ins Schwarze Meer liefert. Kotze meine Gedanken heraus. Mir war schon wieder nach weinen zumute. Als über den letzten gemeinsamen Tag gesprochen wurde. Ich an diese warme, arme, sanfte Umarmung denken musste. Mit all den Schmerzen, die dieser kleine Körper durchstehen musste. Und wir und niemand anderer und die ganze Welt einfach nichts bemerkte. Den Tränen nahe und der Bewältigung doch so fern.

Kotze meine Gefühle hinein. Ich bin auf diesem Weg der Entwicklung, vom Kind zum erwachsenen Kind soweit vorangeschritten, dass ich wieder gelernt habe, Gefühle zu zeigen. Ich zeige sie nicht jedem und doch offenbare ich sie der Welt. Ich weine im Stillen und erzähle hunderten Menschen jeden Tag davon. Ich bin wütend und kann es nur kurz wirklich zeigen, bis die Worte Überhand von mir nehmen. Aber ich kotze diese Gefühle in den Bach um all das Überflüssige herauszulassen. Ich versuche nichts mehr zu unterdrücken. ich denke mir ständig, sollten sie kommen, die Tränen, oder die Wut, oder der Schmerz. Ich würde sie herauslassen. Aber irgendwo in meinem Körper, meinem Gehirn, blocke ich das Ganze ab.

Kotze mein Leben heraus. Um es mit dem nächsten Atemzug wieder einzusagen. Einmal die frische Luft erlebt. Die Realität, die Kälte zu spüren. Um zu fühlen, dass es hier draußen auch nicht viel wärmer ist, als in diesem stämmigen Körper, der mich hüllt. Eiskalt ist es. Kotze all das heraus, und wische mir den ganzen Mist von meinen Mundwinkeln in meine Ärmeln. Stehe auf und rauche diese Zigarette zu Ende. Gehe den Weg weiter. Hin zu ersten Kreuzung. Mich zu entscheiden war noch nie meine Stärke. Gäbe es von allem nur eines, nur eine Richtung, nur eine Wurst, nur ein Getränk, wüsste ich, was ich nehmen müsste. Doch jetzt stehe ich vor einer Entscheidung, die so schwer fällt, dass ich immer das Abwegigste auswähle. Um nicht aufzufallen.

Gehe in diese Richtung los. Beginne zu laufen. Komme aus der Puste. Bis ich irgendwann durch dieses Stechen im Oberkörper zusammenbreche, und einfach nicht mehr kann. Laufe davon, vor allem, und stehe dann an einem Punkt an dem es nur mehr ein Zurück gibt. Um mich der Welt zu stellen. Und irgendwann werde ich vielleicht auch in der Lage sein, dass ich meinen Gefühlen vollkommen freien Lauf lasse. Dass die Tränen einfach kommen. Und irgendwann gehen. „Dry Your Eyes.“, wünscht sich meine innere Stimme. „Bald“, antworte ich, „bald!“

Stop Whispering.

‚Ich bin doch nicht verrückt.‘, denke ich mir und notiere mir den Termin für meine erste Therapiesitzung.

„Du schaffst das nicht alleine.“ – „Ich weiß.“ Ich habe es schon lange gewusst. Schon vor Monaten hat mir jemand geraten, eine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich habe alles zurückgewiesen: „Nein, nein. Das sind nur so Phasen.“ Damals konnte ich nicht erahnen, was sonst noch so in meinem Leben passieren würde. Die Phasen wurden stärker. Ich sehe mich nicht als depressiv an, wie manch anderer, der glaubt, mich zu kennen. Es wird mir aber irgendwie doch alles viel zu viel.

Für was brauche ich bitte so etwas? Ich therapiere mich selbst, indem ich darüber schreibe. Schreiben befreit mich und ermöglicht mir, Dinge auszusprechen, die ich normalerweise nie sagen würde. Ich brauche so etwas nicht. „Dein Neffe ist gestorben“, flüstert mir meine Stimme da in mir zu. „Da kommst du mit Schreiben auch nicht weiter. Wiederholst nur Tausende von Phrasen, die eben nur von dir niedergeschrieben werden. Was wirklich in dir los ist, dass weiß niemand. Nicht mal du, denke ich.“ Du hast ja Recht. Aber warum jetzt. Ich habe vor fünf Jahren auch schon meinen Großvater verloren. Habe einmal richtig geweint, danach nie wieder. Und jetzt bin ich ständig irgendwie den Tränen nahe, und kann es doch nicht. Selbst eineinhalb Monate danach.

„Und wie soll ich plötzlich einfach so reden können, meine Seele offenbaren, vor einem Menschen, den ich nicht kenne?“, frage ich mich. Und weiß doch, dass die Psychologin, zu der ich gehen werde, meine ehemalige Psychologielehrerin ist. Sie hat mir die gesamte Sache schmackhaft gemacht. Psychologie hat mich interessiert, Philosophie beschäftigt. Auf irgendeine Art und Weise hat sich so etwas wie Vertrauen aufgebaut. Ich weiß nicht, wie es sein wird. Vielleicht ist gerade das, das Vertrauen eben, eher befremdlich. Oder es ist die einzige Möglichkeit, um in meine Seele zu blicken. Ein zweischneidiges Schwert, wie man so schön sagt.

Ich bin nicht verrückt. Ich bin nicht depressiv. Empfinde keinen Hass gegen irgendjemanden. Hasse mich nicht selbst. Ich habe einfach Probleme, mit allem klar zu kommen. Ich habe Hoffnung. Hänge am, liebe das Leben. Habe meine eigenen Ansichten, wenn es um Glauben geht. Werfe niemanden etwas vor. Der plötzliche Tod meines Neffen ist passiert. Ich denke, ich muss einfach mal realisieren, und akzeptieren, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann. Dass er nicht mehr kommen wird. Ich weiß noch so vieles, was ich bei dieser Professorin gelernt habe. Satir, Frankl, Freud. Doch was wird sie zu mir sagen. Wie wird sie mir helfen.

Neben der Ungewissheit, was auf mich zukommen wird, bin ich schon gespannt. Gespannt auf die Therapie. Interesse an der Behandlung. Weil gerade sie für mich eine beeindruckende Persönlichkeit war. Und wahrscheinlich auch der Grund, warum ich ernsthaft überlege, neben Publizistik auch etwas Psychologisches zu studieren. Oder mich zumindest ausgiebig damit beschäftigen möchte. Wie wird es sein. „Das wird schon“, meint schon wieder meine Stimme in mir. Schön.

Vielleicht kann ich es irgendwann verarbeiten. Kann wieder einmal mit einem uneingeschränkten Lächeln Erlebnisse mit ihm erzählen. „Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben“ Der kleine Prinz. Der Text auf dem Erinnerungsbildes. Wann werde ich mich trösten. Wann wird alles besser. Wird alles besser. „Ich bin nicht verrückt.“, sage ich mir. Und meine Gedanken spielen Rugby, mein Magen kotzt innerlich, mein Kopf dröhnt und meine Hand zittert. Alles wird besser. Alles.