Wart Mal.

Sag mir wo.

Mein ganz eigenes Universum baut sich gerade auf. Rund um mich herum reden sie, sprechen Seifenblasen. Ihre eigene Wichtigkeit lässt sie zerplatzen. Ich vergrabe mich in meinem Pullover, mir ist kalt. Etwas verkühlt bin ich, nicht ganz gesund. Das leichte Schwindelgefühl lässt meine Gedanken vom einen Ende des Kopfes zum anderen wandern. Mein Universum. Vollgepackt mit Musik, und Kaffee. Stelle mir vor, ich wär ganz woanders. Wäre am Ende der Welt. Auf einer Insel, mit türkisblauem Meer. In einer Hängematte. Jack Johnson neben mir. Und ich genieße das Leben und die Welt. Es geht mir gut.

Willkommen, Tagtraum. Gehst mir nicht mehr aus dem Kopf, mein Lieber. Bleibst und besetzt. Bitte warten. Hold the line. However. Die Nacht war kurz, die Zugfahrt lange. Fast geweint, wegen meiner Lektüre. Warum muss ich auch so etwas lesen. Warum begebe ich mich in dieses Schloss aus all den Erzählungen. Das gegen Ende des Buches zusammenzubrechen scheint. Ich breche auch zusammen. Warte bis die Sonne weg ist und der Regen wieder kommt. Ich hasse Regen. Hasse … ich will nicht darüber sprechen. Ich hasse ihn nicht. Ich hasse es zu hassen. Ich fühle mich wohl.

Irgendwann werde ich ganz weit weg sein. Für eine Woche, oder ein Jahr oder den Rest meines Lebens. Werde eine andere Welt betreten. Drücken. Nicht ziehen. Langsam komme ich mir vor. Komme mir vor, als wäre ich verwirrt. Könnte keinen klaren Gedanken fassen, weil die Welt gerade einfach so sonnig ist. So warm und belebend. Als würde ich Kraft tanken, durch den Blick aus dem Fenster. Kraft tanken, durch das Schließen der Augen. Ich bin etwas verwirrt. Aber es ist schön.

Der Rollkragenpullover kämpft sich über den leicht entzündeten Hals. Reger Verkehr hier bei uns. Ich schließe die Augen. Sehe zum Fenster raus. Da ist es wieder. Das ist es, auf das ich gewartet hat. Alles wird gut.

Everything’s Not Lost.


Noch ist nichts verloren.

Dieses kleine grüne Plastikmännchen ist von seinem Platz geworfen worden. Es wandert zurück zu den drei Anderen. Der erneute Beginn. Start von vorne. Leicht Wut und den Wunsch, das ganze Spielbrett über den Tisch und den Boden zu werfen. Warum wieder von vorne anfangen, wenn doch immer wieder etwas passieren kann, das einen aus der Reihe wirft. Wenn man doch immer wieder auf Menschen stößt, die einen psychisch zurückwerfen. Die einen ganz klein werden lassen und man sich anfülht und benimmt wie ein Kleinkind oder irgendwo inmitten der Pubertät. Aber dann würfelt man wieder eine Sechs und alles kann von vorne beginnen. MIt dem Wissen und der Erfahrung und den Gedanken und der Vorfreude und dem Gefühl. Dem Gefühl, dass Wolken vorbeiziehen und Schmerzen dazugehören.

Irgendwann kommt man an diesem Punkt an, an dem die Gefühle vollkommener Teil des Lebens werden. Wenn man nicht mehr daran zweifelt und sie einfach nur mehr zulässt. Wahrscheinlich ein schönes Gefühl. Diese Zufriedenheit und Dankbarkeit über den Zusttand. Aber ist man dazu noch nicht bereit, kann es manchmal ganz schön wehtun. Schmerzen, wenn man einen Schritt vor den anderen setzen möchte und keinen Zentimeter weiterkommt. Wenn einem die Worte im Hals stecken bleiben und Gedanken Löcher in den Kopf fressen. Wenn der Zweifel doch überwiegt und man einer Lüge mehr Bedeutung zuteil kommen lässt, als sie es verdient hat. Was dann am meisten schmerzt, ist die Erfahrung, dass man sich selbst belogen hat. Eine Lüge zur Beruhigung der eigenen Seele und Gedanken. Sie hilft vielleicht anfangs, aber die Wucht kommt zurück. Mit aller Kraft gegen einen widerstandslosen Körper.

Und trotzdem steht man jedes Mal wieder am Anfang. Erwartungsvoll. Man fordert das Leben heraus und sehnt sich nach Menschen und Geschehnissen, die einem aus den Gleichgewicht bringen. Denn irgendwann hat man die Kraft und die Möglichkeit sich zu erfangen und mit vollem Elan der Gefahr gegenüberzutreten. Und dann kommt alles aus einem heraus. Was im Herzen so liegen geblieben ist, liegen gelassen wurde. Und wenn das den Körper und den Geist verlassen hat, kann man unbeschwert den Weg fortsetzen. Bis man irgendwann am Ziel angekommen ist. Und dann. Dann ist alles gut.

Klassenfahrt.

Die Sonne scheint. Der Rückspiegel zeigt mir so einiges an. Steigt ein in den Bus. Auf zu meinen Klassenfahrten.

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Klassenfahrten. Hatte ich doch mit 11 Jahren ein böses Erlebnis. So mit erstem Mal verliebt sein, ein Typ, den ich zu meinen besten Freunden zählte, und plötzlich war das Mädchen weg und ich alleine. Junimond nennt sich das Ganze, wenn man es hier im Blog zu suchen versucht. Es war definitiv ein einschneidendes Erlebnis. Hat mich vielleicht sogar geprägt, so wie alles. Verdammt. Irgendwie tut es immer noch weh, wenn ich an das Gefühl denke, das ich damals hatte.

Später folgten jedoch noch so viele Klassenfahrten, so viele Projektwochen, die einfach nur großartig waren. Ob meine zwei Skikurse mit Hunderten von Mitschülern. Wo wir, jene Gruppe, in der ich mich befand, jedes Jahr zumindest einmal so spät das letzte Mal die Pisten hinunterfuhren, dass kein Gondel mehr zurückfuhr und kein Bus mehr unterwegs war. Großartig war, und für mich eine Hilfe für den Entschluss dort zu Studieren, die Woche in Wien. Großartige Menschen, endlich mal eine Klasse, in der ich mich einfach wohlfühlte und diese große Stadt. Es war eine wunderbare Zeit, und jede einzelne U-Bahn-Fahrt habe ich noch irgendwie im Gedächtnis.

Die Sportwoche, jene Klassenfahrt in der fünften Klasse (neunte Schulstufe), führte uns nach Kärnten. Eine Woche lang Tennis, schwimmen im Millstättersee und der Beginn einer Freundschaft, die jetzt schon beinahe seit fünf Jahren, die größte und interessanteste, überraschendste und tiefste Freundschaft meines ganzen Lebens ist. Das bessere Kennenlernen von Menschen, Freundschaftsbildungen, und gemütliche Abende auf unserem Balkon in unserer Herberge. Wir waren jung, ungezwungen, und sowas von frei. Dieses Freiheitsgefühl kann man sich nur sehr schwer vorstellen. Klar, ich war, denke ich, jedes Mal in irgendjemanden verliebt, während der Klassenfahrten. Aber jetzt im Nachhinein war es niemals schmerzhaft, sondern in irgendeiner Art und Weise auch schön.

Die einzige Projektwoche, die wir selbst organisieren mussten, fand in der sechsten Klasse statt. Nach Zauchensee, eines der größten und großartigsten Wintersportgebiete. Auf einer Selbstversorgerhütte. Gemütliche Lehrer, ein geniales Rahmenprogramm, und das erste Mal einen Gipfel mit Schneeschuhen bestiegen. Und dann noch das leckere Essen unseres Meisterkochs und damals noch Mitschülers. Lecker. Bis heute ist der Kaiserschmarrn von damals der Beste, den ich je gegessen habe, und dazu muss man wissen, dass schon meine Mutter einen unglaublich Leckeren zustande bringt. Und nachdem ich mich in den beiden Skikursen von der Anfänger zur Mittelminus-Gruppe hochgearbeitet hatte, konnte ich in Zauchensee schon einige Male bei den Pros mitfahren. Oft schon haben wir davon gesprochen, dass wir uns unbedingt diese Hütte noch einmal mieten müssten, um wieder eine so gemütliche Zeit zu verbringen.

Das erste Mal das Land verließen wir in der siebten Klasse. Nach Frankreich, an die Côte d’Azur ging es diesmal. Von Antibes, unserer Heimatstadt, gelangten wir nach Cannes, Nizza, Monaco, Èze und Grasse. Das wunderschöne Meer, die geliebte Frühlingswärme und unzählige Shoppingtouren. Und natürlich auch gemütliche Abende in schottischen Pubs oder französischen Cafés standen an. Doch während der eine Teil hier in Frankreich war, befanden sich die Spanisch-Lernenden in Barcelona. Das war das etwas Traurige daran. Unsere scheinbar letzte Klassenfahrt befuhren wir getrennt.

Schließlich und endlich kamen wir in die achte Klasse. Das Jahr der Matura und des Endes unserer Schulzeit. Wie sollten wir da eine Möglichkeit haben, irgendwo hinzufahren. Das kam schließlich erst danach. Ende Juni, nachdem beinahe alle die Matura hinter sich hatten, erfolgreich oder nicht. Es war bemerkenswert, wie sehr wir versuchten, die ganze Klasse zu etwas zu bewegen. Das Extremo-Ding Summer Splash mit 3000 Gleichgesinnten zog scheinbar die meisten an. Alle für etwas zu begeistern haben wir nach einigen emotionalen Diskussionen aufgegeben. Von den anfangs zwanzig Leuten, die mitfuhren, stiegen schließlich nur fünfzehn in den Flieger ein. Aber diese Woche war super. Meistens hingen wir gemeinsam am Strand, verbrachten Abende miteinander und erfreuten uns am Gefühl, fertig zu sein. Schließlich bemerkten wir, dass man bei 35 Grad Nachttemperatur nur sehr schwer einschlafen kann, und dass wir eigentlich nichts von der Türkei sahen, außer diesen einen großen Club.

Wie ich auf das alles komme? Weil ich seit gestern Nacht endlich die Maturareisefotos auf meinem Notebook habe. Und weil ich die Schule vermisse. Und unsere Klassengemeinschaft einfach großartig fand. Soviel dazu.   

Wolkenlos.

Wolkenlos schwebst du dahin, wolken- und sorgenlos.

Du neigst deinen Kopf. Ich glaube zu wissen, was du fühlst. Senkst ihn, und blickst auf den Boden. Dein Atem stockt für einen kurzen Moment, dein Lächeln ist verschwunden. Du belügst dich nicht weiter, belügst mich nicht mehr. Es ist schrecklich, alles, was mit dir passiert ist, was du passieren hast lassen. Ich verstehe, warum du jetzt nichts mehr sagen möchtest. Ich umarme dich, und versuche, all deine Sorgen zu erdrücken. Möchte sie zerfetzen, mit der sanften Wucht, die diese Umarmung hervorbringt. Du weinst und gleichzeitig lachst du, weil du zu glauben versuchst, dass deine Ängste und deine Sorgen doch nicht der Rede wert seien. Ich blicke dich an, und du hebst den Kopf. Lass uns hier niederlegen, hier auf diese Wiese. Siehst du die Sonne?

Vergiss deine Sorgen. Du kannst jetzt nichts mehr ändern. Sich darüber zu ärgern, wie alles verlaufen ist, das hilft dir nicht. Das hält dich doch nur von allem ab. Vergiss deine Sorgen und blicke in den Himmel. Dieses wunderschöne Blau, wolkenlos und unendlich. Vergiss einfach alles und beginne zu leben, beginne zu schweben. Hebe ab und starte erneut. Beginne deine Augen zu schließen und packe all deine Sorgen in diesen großen Schrank. Er ist schon voll von deinen Dingen, die du vergessen hast, die an Aktualität verloren haben. Stopfe sie noch hinein und drücke die Tür zu. Schließe ihn ab und bewahre den Schlüssel dazu gewissenhaft auf. Schließe die Augen und spüre die Sonne. Glaube an deine Empfindungen und ermögliche deine Gefühle. Und irgendwann beginnst du von ganz alleine zu schweben. Hebst ab und fliegst davon, beinahe sorgenlos in diesem wolkenlosen Himmel.

Jai Guru Deva Om.

Words are flowing out like endless rain into a paper cup, they slither wildly as they slip away across the universe.

Nothing’s gonna change my world.

Es muss Frühling sein. Die Sonne wärmt, wie sie es schon wochenlang nicht mehr tat. Der Winter ist vorüber, zumindest in meinem Herzen. Einmal voller Hingabe in den Schnee stürzen und mit dem Gesicht mehrere Meter auf der eisigkalten Fläche dahin schlittern. Es war schon. Ein interessanter Winter mit allen Dingen, von Selbsterkenntnis und Lehre über das Leben und die Liebe. Doch nun scheint wieder die Sonne. Von Schneeflocken und Glatteis braucht man erst gar nicht mehr zu sprechen beginnen. Es ist vorüber, und sollte es doch noch einmal kommen, werde ich einfach die Augen schließen. Sie schließen und hoffen, dass alles schnell wieder vergeht.

Es ist eisig kalt, da draußen. Mit zittrigen Händen nur, schaffe ich es, die Zigarette mehrere Male zu meinem Mund und wieder weg zu führen. Doch es ist egal. Soll es doch kalt sein, solange die Sonne da ist. Sie bedeutet mir so viel und ist doch eigentlich stets da. Von Müdigkeit geplagt, ahne ich kaum, wo ich gerade angelangt bin.

Ich steige aus dem Zug aus, und sehe den zweiten Bahnsteig, das Bahnhofsgebäude, dahinter das Postamt und die vielen Straßen. Steige aus dem Zug aus und sehe den Supermarkt und die Wohnhäuser, sehe die Straßenbahn und den Taxihalteplatz. Schlafe ein und sehe Menschen, dir mir etwas bedeuten, sehe Menschen, zu denen ich den Kontakt verloren habe. Schlafe und sehe die Ängste meiner selbst vor meinem geistigen Auge. Ich lache. Über das Pech der anderen, über einen Joke, lache über mich.

Plötzlich wieder die Gedanken im Kopf. Ich bin beinahe zwanzig Jahre alt, und nicht erst drei. So verhalte ich mich nämlich. Verhalte mich wie ein Kleinkind. In so vielen Belangen. Fast peinlich sehe ich erst jetzt ein, wo ich in meiner Entwicklung stecken geblieben bin. Es tut weh, es zu spüren. Und es tut weh, den Wunsch zu spüren, noch einmal leben zu wollen. Im Glauben, alles anders und besser zu machen. Es ist verdammt noch mal so, wie es nun mal ist. Mehr ist es nicht. Leider. Oder auch vielleicht irgendwem sei Dank. Erst jetzt wieder spüre ich, wie es ist. Das Leben und so. Erst jetzt, durch die Sonne und meine Freunde. Ich freue mich auf den Frühling, und die Wärme.

You Said.

Du sagst, es wär ganz normal. Alles wäre ganz normal. Was ist denn etwa anders? Du sagst.

Die Wiese, das Gras. Alles ist wieder grün, gesäumt von Gänseblümchen und Schlüsselblumen. Die Sonne wärmt, heizt den Boden auf und wärmt auch uns. Im Sommeroutfit liegen wir hier und du sagst. Sagst Worte, die ich nicht mehr hören will. Worte, die weh tun und doch nichts mehr als die Wahrheit sagen. Hör auf zu sprechen, lerne endlich, ausgiebig zu schweigen. Es ist viel schöner, still dazuliegen und den Lauf der Wolken zu beobachten. Hör auf zu sprechen.

Doch du sagst. Sprichst von Leben und von Tod, Gott und die Welt, Essen und Trinken, Mord und Totschlag. Ich hör dich nicht. Ich hasse es, wie du von allem sprichst. In dieser Abgehobenheit, Arrogant und mit dem Weltweisheit im Rücken. Du weißt gar nichts. Ich kann es dir zwar nicht sagen, aber du weißt nichts. Du sagst, dass jetzt alles wieder normal ist. Was ist normal? Nichts. Das war es nie, doch das verstehst du sowieso nicht. Du redest einfach weiter. Weißt ja natürlich alles besser.

Irgendwann hörst du auf. Stille. Hast wohl gemerkt, dass ich dir nicht antworte und geistesabwesend den Himmel betrachte. Entnervst richtest du dich etwas aus und möchtest mir in die Augen sehen. Ich drehe mich weg. Das bist also du. Jetzt, zum ersten Mal seit ich dich kenne, spüre ich es ganz genau. Du bist nicht der Mensch, den ich suche. Du kannst mir nichts geben. Du gibst mir viel zu wenig.

Ich drehe mich weg, und irgendwann finde ich mich wieder. In der Kälte und dem letzten Rest Schnee, in Frost, mitten auf der Wiese. Ich zittere. Du bist weg. Hast schon lange nichts mehr gesagt. Auf dem gebrochenen Gras kann ich noch die Spuren entdecken, die dich von mir wegführten. Und als ich mich auf den Rücken drehe, und in den eisigen Himmel blicke, kann ich nur eines sagen. Du fehlst.

Ende.

 

Nach geschätzten sechs Malen scheint gestern das Ende gekommen zu sein. Das Ende der Selbstfindung, das Ende der Selbstkritik. Das Ende meiner Therapie.

Das komische Gefühl am Anfang dieser Sitzung. Zwar wieder einmal pünktlichst angekommen, die Tür stand offen, einladende Einladung. Und das Platz nehmen, die kurze Stille. Worüber ich heute sprechen möchte? – Ich befürchte, dass mich nichts in letzter Zeit so bewegt hat, sich eingeprägt hat. Nur der glücklicherweise nicht schwere Unfall eines Freundes, und die überraschende Umarmung desjenigen zum Abschied. War ungewohnt, aber schön. Aber sonst bin ich nicht zum Leben gekommen. Habe mich unter der Arbeit geschützt, mich unter der Bettdecke verkrochen, um nichts von den Wetterumschwüngen und Lebensschwierigkeiten direkt mitzubekommen.

Sollen wir nun also heute diese vergangenen eineinhalb Monate, diese fünf oder sechs Sitzungen abschließen. Alles Revue passieren lassen und darüber nachdenken? Oder sollen wir nach einem Thema suchen. Es gibt immer etwas, schon klar. – Ähm. Abschließen, bitte. Immer noch ungutes Gefühl. Zurücklehnen, den Kopf auf die Rückwand der Couch legen. Nein, ich lag nicht völlig auf der Couch, wie aus all den Hollywood-Schinken, nein, ich saß. Stell dir vor.

Und so stellte ich mir die Wesen vor, die seit meiner Therapie zu mir gefunden habe, oder nach denen ich zu suchen begann. Emotionaler Ausdruck, in umfassender Art und Weise. Vertrauen. Realität. Akzeptanz. Ordnung. Geduld und Gelassenheit. Und die Selbstakzeptanz. Alle reichen sich die Arme, ich im Zentrum. Meine Vorstellung. Nach gefühlten drei Stunden, besser gesagt nach ca. vierzig Minuten das Zurückkommen in die Realität. Schwindelgefühl, etwas verschwommener Blick. Du warst in intensiver Trance, sagt meine Psychologin. Stimmt. Irgendwie war es so.

Das war es also. Das soll es also gewesen sein. Ich beendete diese Sitzung mit einem mulmigen Gefühl, Kribbeln im Bauch, Gedanken im Kopf. Ich würde am liebsten noch so weiter machen, und doch gibt es irgendwie nichts mehr. Wenn du wieder einmal kommen willst, melde dich. Die Verabschiedung, die Bezahlung. Kurz bevor sie wieder ins Haus geht noch die Frage. Ob sie mein Buchprojekt Volle Distanz. Näher zu dir lesen möchte, wenn es fortgeschrittener ist. Natürlich. Gut. Denn auf ihre Meinung lege ich irgendwie sehr großen Wert.

Engel

Es ist vorbei. Sein Körper erbricht sich in unbändiger Helligkeit. In vollkommenen Weiß fallen kaum mehr Konturen zwischen dem blendenden Licht der Sonne auf. Die Flügel auf seinem Rücken beginnen sich langsam zu bewegen und er erhebt sich, bis er dort gelandet war. An dem Ort, den niemand auch nur ansatzweise vermuten konnte.

Das laute Quietschen des Fahrzeuges lässt mich hochschrecken. Die Vergangenheit bleibt verschlossen. Und doch hatte sich dieser Autofahrer ob meiner Anwesenheit, knapp neben der Straße, hier auf dieser Wiese, erschrocken. Durch ein Vibrieren werde ich plötzlich auf mein Handy aufmerksam. Ich krame es aus meiner linken Hosentasche heraus. Sie haben eine Mitteilung empfangen.

Marionette. Nichts mehr als eine Marionette.

Unbekannter Absender. Du Idiot. Kannst nicht mal deine Identität zeigen. Sendest mir eine dubiose Nachricht und lässt mich fragend zurück. Und ich habe keinerlei Möglichkeit, mich bei dir zu melden. Was meint dieser Herr Ano Nym. Bin ich eine Marionette. Wie kommt er darauf? Was glaubt er überhaupt. Wer glaubt er, dass er ist. Er ist doch nur. Wer ist er?

Dich.

Dein Blick durchbohrt mich. Körper an Körper lehnen wir an der Wand. Warten auf die Sonne, auf den Regen. Warten auf das Leben und den Schmerz. „Ich liebe dich.“, höre ich mich wimmern. Stille. Du machst mir Angst, ich traue meinen Augen nicht. Deine Hand streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Ich spüre dich, hinter mehr. Wir blicken gerade aus, deine Kopf auf meine Schulter gelehnt. „Ich hasse dich.“, höre ich mich flüstern.  Du gibst mir das Gefühl vollkommener Nichtigkeit. Du brauchst mich nicht. Ich bin nur da, um bei dir zu sein. Jede Berührung von dir zeigt mir, dass nichts so ist, wie es ist. „Ich brauche dich.“, höre ich mich schreien. Brauche das, was du in mir hervorrufst. Du lässt Gefühle in mir wachsen. Du störst meine Routine. Meinen Gedankenablauf. „Ich vermisse dich.“, fließt es aus mir hervor. Vermisse deine Worte und dein Gesicht. Doch du stehst hinter mir. Du bist mir so nahe. Ich vermisse das Leben. Vermisse die Vergangenheit. „Ich. Dich.“ Du gibst mir alles aber nichts. Du hörst mich und ich dich nicht. Du sammelst meine Herzfetzen, sammelst meine Gedanken. Und ich die deine. Was bist du?

Bist nun doch nichts mehr als ein Nichts. Aber was wäre ich nur ohne dir.

Am Boden.

Ich kann nur ahnen wie’s mir geht, wenn man auf einmal nicht mehr drüber steht.

Die ganze Kraft hat mich verlassen. Ich spüre es, den Druck, die Angst. Hier fühle ich mich nicht wohl, hierfür bin ich nicht geboren. Und doch drückt es mich auf den Boden. Mir fehlt die Kraft und der Glaube, um wieder aufzustehen. Nein, reicht mir keine Hände, reicht mir kein Seil. Ich will hier bleiben. Es tut einfach noch viel zu sehr weh, um mich wieder zurückkatapultieren zu lassen. Gebt mir die Zeit, die ich brauche. Gebt mir den Raum, den ich benötige. Bedrängt mich nicht. Ich bin schwach.

Ich bin stark genug, um auch mal schwach zu sein.

Mich trennen Welten. Zwischen dem Wunsch, das Leben nach Plan zu leben, niemanden sterben zu lassen, niemanden zu verlieren, tritt die andere Welt in Kraft. Die Realität. Sie macht mich schwach. Meine Träume stark. Man kann schon manchmal schwach sein. Und es sich auch ankennen lassen. Aber auf Dauer wirkt Schwäche sich auf das Gemüt. Man kommt sich vor wie ein Verlierer. Ein Loser, der mit dem Leben nicht zurecht kommt. Doch eigentlich ist ja das Leben schuld, dass einem immer mal wieder mit voller Wucht ins Gesicht schlägt, das Herz zu verätzen versucht, die Ratio zerstören will.

Ich liege hier am Boden. Die Erde scheint in unschätzbarer Geschwindigkeit zu rotieren. Die Sonne geht unter, lässt mich in der Dunkelheit zurück, der Mond erstrahlt, die Sterne glitzern. Bis die Sonne wieder aufsteht. Blumen beginnen zu sprießen, welken, lösen sich wieder auf. Raupen verpuppen sich, und erscheinen als wunderschöner Schmetterling. Und ich, liege hier. Und irgendwann sind die Wunden im Gesicht geheilt. Das Herz hat sich von der Verätzung erholt und trotz all der widrigen Umstände, trotz all der Probleme und dem Unverständnis schafft man es irgendwann wieder, rational zu denken.

Manchmal liebe ich das Gefühl von Schwäche, liebe das Gefühl, nichts tun zu können, um etwas besser zu machen. Wenn man vollkommen entmachtet ist, spürt man erst wieder wie mickrig und unwichtig man ist. Und wie schön es ist, mit aller Kraft für etwas zu kämpfen arbeiten. Irgendwann wird das Leben immer wieder aus den Fugen geraten. Und ich werde mittendrin stehen und fragend umherblicken. Und erst dann schaffe ich es wieder, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und Träume, Vorstellungen umzusetzen.

Inspiriert von Christina Stürmers Lied „Mitten unterm Jahr“. Musikalisch schön, songtexttechnisch mittelmäßig (Lieder ohne Refrain sind großartiger). Aber seit dem ersten Mal in meinem Ohr gefällt es mir so zirka.