Erzähl mir was.

„Bist du eh gut zuhause angekommen?“ Ich murmle ein „Mhm.“ in das Telefon und würde es gerne wegschmeißen, ganz weit weg. Damit ich deine Stimme nicht mehr hören muss, damit es sich nicht mehr so anfühlt, als würdest du neben mir sitzen. Als wären wir beide hier auf der Gartenbank vor dem Haus, in der Einfahrt meiner Eltern. Und du würdest mir beim Rauchen dieser letzten Gute-Nacht-Zigarette zusehen. „Mhm. Ich bin gut angekommen. Schön, dass du fragst.“ Stille. „Und…“ – „Hm?“ – „Erzähl mir noch was. Irgendetwas. Bitte.“

Weil man aus Erfahrung klug wird, oder aber einfach die Welt nicht versteht.

Doch es gibt keinen Grund, sich jetzt zu hassen
denn wer ist Schuld daran, wenn Momente sich verpassen?
(Irgendwo anders – Jennifer Rostock)

Und ich nehm‘ dich mit in meine Träume. Verspreche dir all meine Minuten bevor ich schließlich einschlafe. Denke über dich nach und träume davon, wie es wäre, wenn du wüsstest, was ich empfinde. Und irgendwie glaube ich nicht daran. Gebe dieser Möglichkeit keine Chance und warte, bis all das wieder vorbeigeht. Weil man aus Erfahrung klug wird, oder aber einfach die Welt nicht versteht. Es mag schon sein, dass all das hier nicht einfach nur dumm ist, ein Ergebnis meiner Gefühle. Vielleicht steckt noch viel mehr dahinter, aber ich bin zu feige, es zu fühlen, und zu sehr ich, um es dir zu sagen. Ich warte die Momente ab, die ich für perfekt halte und verliere den Mut, wenn ich nur wenige Zentimeter vor dir stehe.

Was wir machen ist nicht vorgesehen
Aber es ist schön dich hier zu sehen.
(Die Schönheit der Chance – Tomte)

Und ich bin kein Dorian Gray. Ich kann nicht einfach so leben, wie ich es will. Wie die Einfachheit meiner Gedanken es mir vorgibt, wie die Komplexität meiner Gefühle es mir verspricht. Denn es ist einfach so wie es ist und es gibt nichts, dass ich zu vergessen wage. Ich lösche keine Fotos, ich sammle Erinnerungen, ich weiß alles. Zumindest erinnere ich mich immer an den Schmerz und selbst das Wissen, das genau dieser wieder eintreten wird, hält mich nicht davon ab, trotzdem hier zu sein. Hier zu sein und zu warten, mit Gedanken zu jonglieren und die passende Musik zu hören. Weißt du, wie schön es jetzt wäre, wenn du neben mir sitzen würdest, und wir gemeinsam denn hell leuchtenden Mond beobachten würden, wir beide, nebeneinander am großen Fensterbrett. Kannst du dir nur annähernd vorstellen, wie es wäre, wenn du nicht so verdammt weit weg wärst.

Weil du Heimat und Zuhause bist.
Weil bei dir mein Bauchweh aufhört.
Halt mich, halt mich fest.
Tu so, wie wenn das jetzt für immer so bleibt
für immer so bleibt, für immer so bleibt.
(Halt mich – Philipp Poisel)

Und du solltest es spüren, wie es sich anfühlt, wenn man neben dir sitzt. Du solltest es sehen, wenn ich dich mit einem leichten Lächeln aus dem Augenwinkel beobachte. Du solltest es fühlen, wie es ist, dir ganz nah zu sein. Du solltest mich sehen, wie ich jetzt, so spät in der Nacht, eingewickelt in meine Decke, an dich denke und weiß, dass du nie davon erfährst. Du solltest einfach mal „Ja!“ sagen, oder einfach mal „Nein!“. Du solltest einfach nicht nachdenken und erfahren, was ich für dich bin. Es sollte so furchtbar einfach sein, aber das ist es nicht. Das ist es nie, weißt du?

Ich werd immer für dich da sein.
Bist du dabei?
In dem Gefühl wir wären zwei.
(Balu – Kettcar)

Komm, sei ehrlich.

„Komm, sei ehrlich!“, denk‘ ich mir und eigentlich sollte mein Blick dir schon zur Genüge verraten, dass Ehrlichkeit hier eindeutig fehl am Platz ist. Denn würde ich hier mit der Wahrheit rausrücken, würdest du wohl erfahren, dass all das hier schließlich doch nur eine gemeinsame Lüge war. Und dass ich auch nur mit dir rede, weil in meinem Kopf schon viel mehr mit dir geplant ist. Du bist, so kann man sagen, bisher nur eine Vorstellung, nicht mehr. Und solltest du mich enttäuschen oder mir klar machen, dass es für mich doch keinen Sinn machen würde, weiter Anstrengungen hinein zu legen, dann würde ich es auch lassen.

Ich bin nur hier wegen dir, als reiner Vorwand, als der Schutzwall, der mich nicht tagträumend zuhause sitzen lässt. Um die Realität vorbeiziehen zu lassen und in der Hoffnung zu leben, dass Träume Wirklichkeit werden. Und dann stehst du bei diesem Vollpfosten und redest mit ihm, hältst dein Getränk in der Hand, kicherst und siehst ihm in die Augen. Und ich stehe zwei Meter daneben, die Musik in den Ohren, den Bass auf meinen Schultern und sehe ich um und wahrscheinlich denkst du gerade überhaupt nicht an mich.

Rhythmisch beweg‘ ich die Beine zur banalen Tanzmusik und in meiner Hand wird das Bier von Minute zu Minute wärmer und jeder Schluck hält sich nur schwer in meinem Mund. Ich fühl‘ mich fehl am Platz und blicke mich um. Nach anderen Freunden, nach irgendwelchen Bekannten. Nach Anhaltspunkten, die mich jetzt nicht verzweifeln lassen. Und als ich schließlich den letzten Schluck warmen Bieres aus der Flasche trinke und ich mich dabei wie gewöhnlich beinahe ankotze, bemerke ich den Fehler im System.

Ich stelle die Flasche auf irgendeinen umtanzten Stehtisch, zupfe mir mein T-Shirt in Form und mache mich auf den Weg. Auf den Weg zu dir und zur Bar und diesem einen Typen, dem Vollpfosten. Ich sag‘ nur „Entschuldige“ und stell‘ mich zwischen euch. Und dann streich‘ ich dir diese eine Strähne, die dir immer wieder ins Gesicht fällt, hinter dein Ohr und streiche langsam den Kopf entlang und mein Mund kommt dem deinen immer näher.

Unsere Lippen berühren sich und der Bass ist plötzlich weg. Und die Musik. Kein Vollpfosten mehr und kein ekelhafter Biergeschmack im Mund. Dieser Moment und nur wir. Unsere Zungen, deine sanften Küsse auf meine Oberlippe, deine Hände, die du um meine Arme legst. Das ist es. So einfach.

Denn in Wahrheit sind all diese Gedanken doch nur Straßensperren, weil man Angst hat, dahinter könnten sich Schluchten befinden. Diese Gedanken sind nur Steinklötze, die einem an den Füßen hängen. All das ist doch nur entstanden in meinem Kopf. Und in Wahrheit? Ja, in Wahrheit waren wir beide die ganze Zeit nur zwei Meter entfernt.

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Komm, schlaf bei mir.

Die leichtschwüle Luft dieses spät einkehrenden Sommers drückt uns beinahe zu Boden, als wir, Hand in Hand, die Finger ineinander verkettet, verbunden, den von Straßenlaternen gesäumten Weg entlangschlendern. Wir haben uns den Sonnenuntergang angesehen, haben Stunden damit verbracht, uns zu unterhalten, und am beinahe überfluteten Steg die Enten am See und die Wolken am Himmel zu inspizieren.

Diese zwei, drei Biere, dieser Wein, diese unzähligen Zigaretten. Und die Gespräche, die manchmal vor Tiefsinnigkeit nur so trieften, die Philosophie Marke Hausverstand hervorhob und uns all zu oft nur klüger erscheinen ließ, als wir es in Wahrheit sind. Und im Gegensatz dazu all die lustigen Anekdoten aus unserer beiden Leben, und die Momente, in denen wir uns vor Lachen kaum mehr einkriegen konnten. Und manchmal, wenn der Himmel gerade keine guten Wolken zu bieten hatte, und die Enten alle scheinbar auf Tauchstation waren, haben wir uns in die Augen gesehen. Nur kurz, aber eben doch.

Gleich sind wir zuhause. Nur noch einmal in diese Straße einbiegen und die Treppe hinauf. Und dann würden wir uns verabschieden und uns vielleicht noch zuwinken und dann in unsere beiden Wohnungen gehen, noch die Zähne putzen und dann ins Bett sinken, leicht beduselt, und mit einem Lächeln und Gedanken an uns einschlafen.

Du lässt meine Hand los, kramst nach dem Schlüssel, öffnest die Tür. Ich trete ein und im Eingangsbereich verketten wir uns wieder in dieselben Gespräche, die es verursachten, dass wir hier nun stehen, mitten in der Nacht. Und plötzlich ist es mir nicht mehr egal und plötzlich möchte ich dich einfach nur küssen. Küssen für diesen Moment und küssen, rein des Küssens wegen. Weil der Tag mit dir so schön, der Abend eine Offenbarung war. Und weil du mir gerade eben vielleicht doch etwas mehr bedeutest, als das, was du für mich bist.

In Wahrheit bist du ja doch nichts. Nichts, als eine Unbekannte, eine flüchtige Bekannte. In Wahrheit ist das, was uns verbunden hat und uns gerade in diesem Moment verbindet unser beider Verlangen und die Vorstellung und die kaum durchdachte Idee. Und irgendwann höre ich schließlich auf, über Trivialitäten zu reden und wir winken uns eben nicht zu. Umarmen uns und irgendwann berühren sich schließlich unsere Lippen.

Als wir uns lösen können, meinst du nur: „Komm. Komm mit. Komm, schlaf bei mir.“ Und es ist mir egal und ich folge dir. Folge dir in deine Wohnung und wir küssen uns, und halten uns an den Händen, verketten unsere Finger wieder. Spüren uns und berühren uns und schlafen irgendwann, kurz vor Sonnenaufgang ein, meine Hand um dich gelegt.

Sie strahlt in dein Zimmer und dein Vorhang hält nur wenig von der morgentlichen Sonne zurück. Ich bin munter und höre dich atmen, sehe dir zu, während du noch schläfst. Denke nach und bin plötzlich froh, gestern irgendwie gedankenlos gewesen zu sein. Und bin froh, dass all das, für diesen Moment gestern, genau das Richtige war. Genau das, was es sein sollte, und genau das, was mir gut tat. Und jetzt? Ich habe keine Ahnung, meine Liebe. Keine verdammte Ahnung.

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Foto: just4ikarus | flickr

Von uns, dem Wetter, dir und mir.

1 | Von uns,

Langsam streichst du mir mit deiner Hand über den Rücken. Es ist still hier. Es ist still und wir beide stehen hier und dein Atem bläst unabsichtlich einige meiner Haare weg. Ich spüre meine Beine  nicht mehr und spüre mein Herz. Spüre mein Herz, wie es ganz fest pocht in meiner linken Brust und wie es ganz laut pocht in meinem Kopf. Du streichst immer noch, ganz sanft, die Wirbelsäule entlang. Mein Kopf ruht auf deiner Schulter. Ich rieche deine Haare, deinen Duft. Und will dich in genau diesem Moment nie wieder loslassen.

2 | dem Wetter,

Es donnert und ich lächle. Und die riesigen Regentropfen klopfen an mein Fenster, wie Finger, die hilflos über den Tisch tapsen. Hie und da fährt noch einer dieser postmitternächtlichen Güterzüge vorbei und bremst nur ein paar Meter vor meinem Fenster, nur um Sekunden später wieder von Null weg loszufahren. Es blitzt. Den ganzen Abend blitzt es schon. In meinem Zimmer ist es ungewohnt ruhig und unpassend dunkel. Unter der Bettdecke kauere ich, lausche dem Regen, wie er immer noch versucht etwas Rhythmisches in mein Leben zu bringen. Nur eines fehlt hier, schon den ganzen Abend. Eines fehlt. Es hat die ganze Zeit kein einziges Mal gedonnert.

3 | dir

Du hast dich nicht gemeldet, und ich habe mir nichts anderes erwartet. Nichts anderes erwartet, von mir, der so sehnsüchtig und wunderbar kindisch auf irgendein Lebenszeichen von dir gehofft hat. Immer nur dieses dumme Vor-sich-Hinstarren, auf das Handy. Und es vibriert nicht. Und dann wache ich auf, irgendwann am späten Morgen und wieder ist nichts von dir da. Ich habe mir zu viele Gedanken gemacht, habe mich zu sehr hineingesteigert. Habe zu viel Herzblut in etwas hineingelegt, was es nicht verdient hat. Und die wirst dich wohl auch nicht mehr melden.

4 |  und mir.

Die Wiese am See füllt sich immer mehr mit Menschen, die sich manchmal nur sonnen wollen. Andere sind auch schon so lebensmüde und hüpfen in das immer noch eiskalte Wasser und wieder andere werfen sich jede mögliche Form eines Balls zu. Ich sitze hier, trinke Bier, und warte. Bis es wieder leerer wird, bis irgendwann beinahe nur mehr meine Freunde und ich übrig bleiben. Und wir zum Steg gehen, die Füße baumeln lassen und Steine hineinwerfen, nur um zu beobachten, welcher die größten Wellen schlägt. Es ist gut so. Das Wetter, wir, ich. Nur du.

Foto: dichohecho

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Weißt du eigentlich, dass Schmetterlinge mit ihren Beinen schmecken?

„Weißt du eigentlich, dass Schmetterlinge mit ihren Beinen schmecken?“

Meine Gedanken tun weh und ich presse mit beiden Händen, ganz fest an meine Schläfen und kämpfe dagegen an. Gegen diese Kopfschmerzen und deine Anwesenheit hier in meinen Strudel aus Gedanken und Erinnerungen und Wortlücken, die du all die Zeit zurückgelassen hast. Dazu die Stille, die ich zu bekämpfen versuche mit dem langsamen Tippen meiner Finger am Boden, auf den ich mich abstütze.

Es werden wohl schon Stunden sein, die ich hier sitze und das Wetter bricht nicht um und der Regen kommt nicht wieder zurück. Freigang hat sie bekommen, die Sonne, ihre monatlichen 2 Stunden. Und ich brüte und brate in ihr und vergesse, dass ich mich hätte melden sollen und will damit aber auch nicht konfrontiert werden. Lasse mich fallen, zurück, ins wuchernde Gras und drehe meinen Kopf und rieche den Duft.

Viel zu selten habe ich dich gesehen und viel zu oft habe ich dich nicht gesehen und immer und immer wieder dasselbe. Und dann schütt‘ ich mir ein Drittel meines Biers hinunter und den Rest auf meine Hose und denke nur ein kurzes Fuck! und schließlich weiter. Und irgendwie führt ja doch nichts weiter und irgendwie fühlt es sich ja immer noch gleich an. Es fühlt sich immer noch so an als wäre das hier doch genau das Gleiche wie schon all die Zeit zuvor und mein Kopf ist schwer und du nicht hier.

Ich vermisse. Deine Schulter, auf die ich meinen Kopf legen konnte, wenn Umarmungen uns weiter führten, als alles andere es je hätte tun können. Deine vorwurfsvolle Stimme, weil ich heute schon wieder ein Päckchen meiner geliebten Zigaretten verschlungen habe. Und deine Blicke, wenn du dir deiner Sache doch so sicher warst und ich es schließlich bemerkte.

Mir fehlen die Heimfahrten, in denen ich alles nicht wahrhaben wollte und das Zuhause-Ankommen, als ich mich noch einmal, für eine oder für zwei Zigaretten in die Hängematte im Garten legte und die Stille in Kombination mit der Nacht als die perfekte Symbiose ansah. Und dann bemerk‘ ich, wie dumm doch all das war und wie verträumt ich damals war und wie viel klüger ich eigentlich jetzt sein sollte. Und es in gewisser Weise vielleicht sogar auch bin.

Und dann sitze ich in meinem Bett, die dünne Decke ganz fest um meine Füße gewickelt und rauche beim geöffneten Fenster raus und bin überrascht, wie hell der Mond heute sein kann. Und kann es kaum glauben und träume weiter. Träume nach vorne und keinen Schritt mehr zurück und schwöre mir hoch und schwöre mir heilig irgendwann wieder einmal Wolkentierchen zu suchen und mir die Sterne anzusehen. Von genau dieser einen Stelle, auf vielleicht sogar genau dieser Decke.

„Nein. Das wusste ich nicht, Darling. Das wusste ich nicht.“

Foto: Vincepal | flickr


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Welcome Home.

„Uns fehlt der nötige Weitblick“, sagst du, und stellst dich vor mir hin und versuchst mit zusammengekniffen Augen voller Mut in die Dunkelheit dieser Nacht zu blicken. Es ist irgendwas nach Mitternacht und irgendetwas verdammt knapp vor Sonnenaufgang. Die Feuchtigkeit der Luft befeuchtet immer wieder unsere Lippen und schön langsam geht auch die Kälte aus unseren Gliedern und unserer Kleidung hinaus. „Welcher Weitblick?“, frage ich und wir setzen uns.

Wir brauchen keinen Weitblick, denk ich mir und streiche langsam über das nachtnasse Gras und robbe mich etwas von der Decke herab, die hartnäckig versucht, uns halbwegs trocken zu halten. Wir brauchen keinen Weitblick, weil wir doch nur jetzt sind. Wir sind hier und jetzt und verdammt. Ich denke meist nur die nächsten paar Tage weiter, habe nur einen groben Plan von der kommenden Woche. Aber du siehst mich an.

Siehst mich an und ich weiß, was du denkst. Es ist schwer mit mir zu leben, bin ich doch unzuverlässig wie kaum jemand anderer, und. Ja, es ist schwer mit mir zu leben.  Mit mir beisammen zu sein und sich ausgiebig mit mir zu beschäftigen. Dein Kopf ruht auf meiner Brust und du spürst wie ich atme. Ein. Aus. „Wir brauchen keinen Weitblick.“, sage ich schließlich. Die ersten Strahlen der frühen Morgensonne kommen heraus und du blickst mich an. Küsst mich und ich möchte dich einfach nur wegstoßen.

Weil du mir Angst machst und ich leider auch zur Genüge weiß, wie ich bin. So etwas wie das hier, mit dir. Dieses wir. Es lässt mich all die Unzuverlässigkeit verlieren und plötzlich würde mein Leben sogar wieder so etwas wie Rhythmus erlangen. Und ich wäre wie verändert, so mancher würde mich kaum wiedererkennen. Und dann wäre es eines Tages vorbei und ich würde wieder da stehen. Vollkommen alleine. Unter Freunden. Und würde durch den ungewohnt fehlenden Rhythmus stolpern und einfach nur hoffen, dass alles wieder vorbeigeht und ich vielleicht auch von selbst wieder zurückfinde.

Und aus Erfahrung weiß ich, dass ich es nicht kann. Dass ich nach solchen Enden, ob überraschend oder vorhersehbar, einfach nur peinlich bin. Wie ein kleines Kind, wie jemand, der mit Verlusten nicht umgehen kann. Und ja. Ich kann es nicht. Auch heute nicht, und auch nicht jetzt.

Deswegen lass‘ uns doch bitte hierbleiben. Hier, in diesem Moment. Folge mir hinein in meine Kurzsichtigkeit. So brauchen wir nie Angst zu haben, dass die Liebe irgendwann einmal vorbeigeht. Wir würden uns nie von der Angst treiben lassen und hätten die Freiheit uns zu lieben. Uns zu lieben, im Hier. Verstehst du was ich meine?

Die Sonne ist aufgegangen und du küsst mich immer noch. Ich halte es kaum aus, liebe die Nähe und spüre die Angst. Muss jetzt gehen, um nicht mich selbst zu verlieren. Verabschiede mich vorsichtig und setze zum Rückzug an. Ich will nicht mit dir gemeinsam nach Hause gehen, jetzt, so früh am Morgen. Ich möchte jetzt gerne alleine sein. Irgendwo in der Ferne geht eine Alarmanlage eines Autos los.

Und ich versuche, mich nicht umzudrehen und lasse dich einfach sitzen. Auf dieser Decke, in dieser Wiese. So früh am Morgen und irgendwann hört schließlich auch die Alarmanlage auf. Welcome home.

 


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Foto: enixii

We looked like giants.

Wir waren wie Helden. Waren Vorlage für schöne Geschichten, Inspiration für die Intros der Anderen. Manche hielten uns für ewig, manche nur für lange. Nur wir, hörten auf. Uns zu halten. Hielten uns nicht mehr und gaben uns auf.

Heute wissen wir es. Die Ewigkeit ist ein Arschloch. Die Inspiration pure Verblendung. Das Heldentum ein Traum. Und das Leben bohrt weiter genüsslich in meiner Nase und spült mir Popel aus den Ohren. Hier sind wir, Leute. Und hier leben/liegen/feiern/kotzen/schlafen wir. Hier küssen wir uns und fühlen rein gar nichts dabei. Hier heulen wir uns aus, weil dieser eine Typ ein Arschloch ist. Das ist es, was das Leben birgt und das war es, was ich so lange Zeit vermisst habe.

Es ist hart und manchmal tut es auch weh. Weil Angst/Wut/Enttäuschung oder manchmal auch eine Riesenpackung Dummheit gegen einen wettlaufen. Und man eben doch meistens verliert. Aber (und das ist vielleicht die Quintessenz des Lebens im Allgemeinen und der Beginn meiner großen philosophischen Karriere): Es ist egal. Man ist nicht aus Zucker und im Regen, nicht aus Porzellan und im Wäschetrockner. Oder was auch immer. Es ist scheißegal, einfach weil es im Paket inklusive ist. Und mit Apfeltasche dazu.

Und deshalb sind auch nicht alle Parties gleich scheiße. Und jeder Regenschauer gleich nass. Manchmal gibt es Sommersturmrabatt, manchmal Spontanitätsbonus. Und manchmal schmeckt sogar die metaphorisch ins Gesicht geschleuderte saure Torte.

Weil die Gespräche wieder da sind. Und die Oberflächlichkeit und die Flüchtigkeit endlich wieder verloren gehen. Weil die Nähe, die mal da war, Heimweh bekommen hat und weil wir uns nicht grundlegend verändert haben. Wir sind immer noch die Gleichen, wir sind immer noch die Vollpfosten und die Zahnstocher-Fechter. Wir sind es geblieben, die Helden.

Die wir zu werden nie geträumt, zu bleiben nie erwartet hätten. Wir atmen tief ein und wir bleiben kurz stehen. Lassen das offene Zigarettenpäkchen auf den Boden fallen, stolpern beim Versuch, es aufzuheben und bleiben sitzen, an die Hauswand gelehnt. Kratzen eine herrenlose Zigarette neben uns auf und entfachen mit einem Zündholz wunderschöne Hundertstel-Erinnerungen. Atmen ein und atmen aus.

Und vielleicht werden wir auch wieder einmal Vorlage sein, für all die anderen. Werden ihnen wieder zeigen, wie Intros auszusehen haben. Vielleicht aber auch nicht. Es reicht schon, wenn man uns so in Erinnerung behält, wie wir sind. Als Giganten. Als Helden. Als uns.

Foto: flickr | creativecommons

Und im Zweifel für dich selbst – Elisabeth Rank

Und der Tod ist nie das Ende. Und das Leben nie  recht einfach. Das spüren Tonia und Lene zum ersten Mal. Aber dafür mit voller Wucht. Unfall, Schmerz, Stich, Herz. Tim, Lenes Freund. Tot. Und Lene will einfach nur weg und Tonia muss mit. Muss mit und mit ihr gemeinsam die ersten Tage zu durchstehen. Die Trauer zu bewältigen,sie zuzulassen. Einsteigen in das Auto, das nur ab und zu von Stille und Schluchzen durchdrängt wird.

Fahren los, ohne Ziel, ohne Ahnung und ohne Kontakt zur Außenwelt. Hier sind nur Lene und Tonia. Hier sind nur die spärlichen Gespräche über und Erinnerungen an Tim. Und die Gedanken an Friedrich, und die spärlichen Telefonate mit Vince. Und die Erkenntnis, dass es das war. Dass das Meer die Grenze ist. Dass es hier nicht mehr weiter geht. Und man irgendwann doch wieder nach Hause muss, selbst wenn da wieder alles anders ist. Alles wird anders sein und der Tod wird noch nachwirken.

Sosehr man glaubt, die Welt bleibt stehen,
es geht immer weiter.
Für die  anderen, die noch da sind.
Für die neue Liebe.
Und im Zweifel für sich selbst.

Elisabeth Rank – auf Twitter bekannt als @kumullus – hat mit ihrem Debütroman etwas großartig Unspektakuläres geschaffen. Kein Drogen-Berghain-Fickwettbewerbsbuch. Keine Actiongeschichte, keine hummeldumme  Jaud-Scheinkomödie. Sondern eine Geschichte über das Verlieren. Über den Schmerz, den Tod. Über Freundschaft. Über die Hilflosigkeit, die man verspürt. Die Hilflosigkeit und das Wissen, dass man einfach nur helfen kann, indem man da ist. In dem man die Tränen auffängt, die Minuten verstreichen lässt.

Und das alles hat Madame Rank in einer wirklich wundervollen Sprache geschrieben. Mit viel Gefühl, nie kitschig. Irgendwie kommt mir vor, als wäre das Buch ganz einfach nur erschreckend ehrlich. Und ja. In vielen, vielen Zeilen habe ich mich wiedererkannt: der Wunsch nach Unroutine, nach Nichtnormalem. Der Wunsch, dem Alltag entfliehen zu können, und nicht immer und immer mit dem Tod dieses einen geliebten Menschen konfrontiert zu werden. @kumullus hat das so wunderbar, wunderschön und großartig geschrieben. Dankeschön dafür!

Und mit dem Verlag „suhrkamp nova“ habe ich nun auch meinen Wunschverlag gefunden. Das wär doch was.

Elisabeth Rank
Und im Zweifel für dich selbst
Roman – 200 Seiten
ISBN: 978-3518461433
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Foto: Cover des Buches (ich hoffe, ich darf es verwenden)