Der Schmerz.

Unsere Familie ist mit der Heimkehr von unserem Papa wieder vereint. Aber Timi fehlt. Er fehlt. Wo immer man hinsieht. Überall sind noch seine Sachen.

Das nervliche Abschiednehmen meiner Mutter von Timi. Ganz alleine. In ihrem Bügelzimmer. Nur dass sie jetzt noch schnell bügeln muss, damit Timi nicht an den Kabeln ziehen kann. Und gleichzeitig hat sie gewusst, dass er nicht gleich durch die Türe hereinschauen wird. Und einfach nur weiterbügeln. Und einfach nur weinen.

Ich stehe auf, habe irgendwann meinen Schlaf gefunden und konnte relativ lange schlafen. Und wenn man dann ins Wohnzimmer kommt, diese Leere, diese verdammte Leere, und der Schmerz und die Tränen. Die Suche nach dem Sinn in ihrem Leben, nach dem Tod des Kindes. Immer wieder läutet es. Unser Pfarrassistent Gerhard, der schon am Montag zweimal da war, hat uns auch am Dienstag besucht um uns über das Begräbnis zu informieren, um uns einfach an seiner Schulter auszuweinen, um zu reden oder er half uns dabei, einfach nur zu schweigen. Und ich bin mir sicher, er wird das Begräbnis machen, das sich unser Timi verdient hat.

Natalie, Timis Taufpatin, kam auch schon früh am Morgen. Und blieb. Schläft bei meiner Schwester. Damit sie ja nicht alleine ist. Und so fuhren um 11 Uhr meine Mutter, meine Schwester, Natalie und ich zuerst zu einer Gärtnerei, um Kränze zu bestellen und anschließend zu Timis Uroma. Die selbst ein Kind (meinen Onkel Herbert im Alter von 19 Jahren durch einen Autounfall) verloren hat. Die es einfach nicht verstehen kann, so wie wir alle. Und anschließend holten wir meinen Papa vom Zug ab.

Tränen. Beim stärksten Menschen, den ich kenne. Bei meinem Papa. Tränen und Unverständnis. Angst und einfach diese Suche nach dem Sinn. Es macht einfach keinen Sinn. Und als wir dann zuhause angekommen sind, versuchte meine Mutter sich abzulenken und kochte. Kochte einfach so viel. Spaghetti und Saucen für 10 Personen. Wir waren nur fünf im Haus und den Versuch zu essen starteten nur ich und Natalie. Aber als ich so da saß, mit dem Löffel in der Hand und einfach nur den Tisch überblickte, konnte ich es einfach nicht. Es passte nicht. Ein Sessel stand dort, wo Timis Platz ist. Und da steht ein großes Teller und ein Messer. Das darf nicht dort stehen. Und irgendwann kamen die Emotionen heraus. Ich konnte weinen. Konnte alles herauslassen. War bereit, den Druck in meinem Kopf, in meinem Körper herauszulassen. Seit Montag habe ich vielleicht zehn Bissen gegessen. Ich verspüre aber keinen Hunger. Ich kann nicht am Esstisch sitzen und etwas essen. Es geht einfach nicht.

Am Samstag um 14 Uhr wird sein Begräbnis sein. Da wird ein Leben zu Grabe getragen, dass doch erst vor eineinhalb Jahren begonnen hat. Man weiß immer noch nicht, woran er gestorben ist. Sie konnten bis jetzt noch nichts feststellen. Vielleicht geben die Proben, die aus den Organen entnommen wurden, irgendeine unwichtige Antwort. Ändern kann man sowieso nichts mehr. Aber ich kann nur für alle sagen, die ihn geliebt haben, und die er geliebt hat, das dieses Begräbnis, das Timi sich wahrscheinlich genau so etwas gewünscht hätte.

Überall findet man ihn noch. Seine Fingerabdrücke auf den Fenstern. Auf dem Backrohr. Seine Spielsachen überall. Der Rechen, draußen. Er brauchte immer den größten Rechen, so sehr er sich auch plagte, er versuchte alles. Wir können es nicht wegräumen. Wir können es nicht. Nur das Gitter bei der Stiege, damit er nicht hinunter konnte. Ich musste es wegtun. Vor seinem Tod habe ich immer darauf vergessen es zuzumachen und habe es aber immer noch schnell genug gemerkt. Und seit Timis Tod habe ich es jedes einzelne Mal fest zugedrückt. Als würde Timi gleich aus dem Wohnzimmer herauslaufen, und seine Arme in die Luft strecken, damit ich ihn hochnehme. Ich musste es einfach abmontieren. Und jetzt. Diese Leere, wenn man die Treppe hinaufsteigt.

Was uns jetzt noch bleibt, sind die Arbeiten für das Begräbnis. Da wir nicht irgendetwas Herkömmliches machen wollen, habe ich gestern etwas gestaltet, die jeder Besucher des Begräbnisses bekommen wird. Ich möchte zumindest für seinen letzten Gang im Diesseits immer für ihn da sein.

Was bleibt sind die Tränen. Das Unverständnis. Und der Stress. Dieser Stress, der uns irgendwie abzulenken versucht, und doch erinnert uns noch viel zu viel an alles.

4 Gedanken zu „Der Schmerz.“

  1. hallo du hase!
    tut mir leid, dass ich heute nicht zuhause war, aber wennst willst, können ma uns heute mal zusammen setzen und reden oder einfach nur schweigen und rauchen, umarmen. was dir halt dann gut tut.
    hob di lieb.

  2. Ich habe sie heute gespürt, die Sonne. Aber mir war kalt. Habe manchmal noch gezittert. Immer mal kurz geweint. Der Stress lenkt ab. Irgendwie. Wie ein Traum. Wie ein beschissener Traum. Aus dem man einfach nicht aufwachen kann.

  3. Hallo Dominik!

    Ich bin Niki Schmidl (Schwester von Carina die ist mit Michaela in die Schule gegangen) und gute freundin von debi und Thomas! Ich habe Michaela und Timis Papa im Geburtsvorbereitungskurs kennengelernt, wir haben eine Tochter die nur 1 Monat ölter ist als timi und wir waren erschüttert als wir von eurem Schicksalsschlag hörten!

    Ich bin durch zufall auf deine Seite gestoßen und habe mir deine Geschichten durchgelesen und muß sagen du machst das einfach super toll! Vorallem ist es schön wenn du dich so ein bißschen ablenken kannst! Wir wünschen Michaela, Dir und eurer Familien alle KRaft der Welt damit es euch besser geht. timi ist und bleibt für immer in eurem Herzen und das ist wichtig! Leider hatten wir Timi zum letzten Mal bei Pinsdorfer Dorffest (letztes Jahr) gesehen und da war er ja noch ein Baby er hat sich gut zusammengewachsen süßer Engel!

    Nun wünschen wir euch alles alles Gute und wenn Michaela es möchte Sie kann sicher gerne mal melden falls Sie überhaupt Kontakt haben möchte weil unsere Lena ja Timis alter hat! Vielleicht mal bei Debi!

    Mach weiter so ich bin total verheult über deine Geschichte schlecklich ich darf gar nicht daran denken wir schlimm so ein Verlust ist!

    Viel Kraft Niki, Lena und Robert

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