Angst.

Wenn sie am Größten ist, bin ich viel zu klein.

Sie meldet sich nicht oft an. Steht vor mir und überrascht mich jedes Mal wieder. Manchmal tut es mir weh, wenn ich ihr ins Gesicht blicke. Manchmal schlägt sie auch einfach nur zu. Die Angst, die eigentlich immer da ist. Eine unsichtbare Anwesenheit, und nur ganz selten nimmt sie Gestalt an. Manchmal bleibt sie auch, für einige Zeit. Nistet sich hier ein, macht es sich gemütlich.

Was sind meine Ängste? Seit einem Vorfall mit sieben oder acht Jahren habe ich Angst vor großen Hunden. Nein, vor bellenden Hunden. Vor Hunden allgemein, von denen ich zuallererst die Zähne sehe, bevor ich irgendetwas anderes zu Gesicht bekomme. Ich habe Angst vor Schlangen und Ratten. Angst, in der Badewanne einzuschlafen und zu ertrinken. Angst vor Terminverplanung. Vor der Dunkelheit und vor engen, von außen versperrten Räumen. Angst in der Höhe und Angst von einer Walnuß am Kopf getroffen zu werden.

Habe Angst, taub zu werden. Um nie mehr die Musik hören zu können. Angst davor, blind zu werden. Um nie mehr ein geliebtes Gesicht sehen zu können. Habe Angst vor Krebs und Angst vor dem Tod. Vor meinem eigenen noch am wenigsten. Viel mehr Angst vor dem Tod von Freunden. Auch die Familie zählt dazu. Habe Angst vor Enttäuschung und der Realität, die manchmal durchschlägt. Habe Angst, nie geliebt zu werden und nicht lieben zu können. Aber meine größte Angst ist viel schlimmer. Sie ist fast immer da, und macht auch keine Anstalten, wegzugehen.

Das Alleinsein. Das ist meine größte Angst. Ich habe Angst davor, für immer alleine aufzuwachen und niemanden mehr zu sehen. Keinen Menschen, den ich lieb gewonnen habe und kein Wesen. Als wäre das Leben sinnlos. Als hätte ich nie geliebt und wäre nie geliebt worden. Es wäre der komplette Neuanfang und doch wäre es ohne Sinn. Es ist die Angst des Versagens auf allerhöchster Ebene. Schmerzhaft und erdrückend. Alleine zu sein, wo man die Nähe und die Zuneigung von Menschen und anderen Wesen braucht, ist, als hätte irgendjemand einem das Herz herausgerissen.

Ich fürchte mich vor so vielem. Und doch ist die Angst zu Versagen allgegenwärtig. Was, wenn mein ganzes Leben is based on a lie. Wenn meine Träume Schäume sind und doch nie wahr werden. Und vielleicht ist genau das etwas, was mich anspornt. Um zu zeigen, dass Ängste unwichtig sind. Wie Kierkegaard so schön sagte: Angst ist der Schwindel der Freiheit. Sie einzuschränken um nie in irgendwelche angsterzeugenden Situationen zu kommen, wäre vollkommen falsch. Sie gehören zum Leben. Warum sollte ich davor flüchten. Sie tun zwar manchmal weh. Aber das gehört dazu.

Link 1: Burning Photographs. Angst.
Link 2: Tell Me A Poem. Angst.
Link 3: Movies of Myself. Angst. Ersatzlink zu YouTube

Im Taxi. Weinen.

Mit der Welt nicht mehr zurecht kommen, den Kopf schütteln, als man diese Geschichte liest, und irgendwann auch mal im Taxi zu weinen beginnen. Bis man plötzlich zu lachen beginnt. Weil man endlich gerafft hat, dass man die eigene Geschichte gelesen hat.

„The same procedure as every year“. Diese Zeilen hängen mir schon seit meiner jungen Kindheit in den Ohren. Wie für viele hunderttausende Eltern war es auch für die meinen schon Tradition, vor dem Fernseher zu sitzen und dieses Stolpern und das Trinken zu beobachten. Kurz, bevor das Jahr umbrach. Und man sich eine neue Jahreszahl merken musste. Meistens nur eine Ziffer. Und einmal wurden sogar die kompletten Vier ausgetauscht. Alle sprachen vom Millienium, vom Crash, vom Ende der Welt. WIe immer, wenn die Welt etwas laut verkündete, war alles nur heiße Luft.

Ich bin geboren. Vor der Wende. Auch wenn ich kein Deutscher bin, und die Österreicher mit Ost-West nicht so (dieses „so“ soll relativ zu verstehen sein) involviert war. Nur um den jüngeren Lesern irgendwie klar zu machen, wie alt ich jetzt schon bin. Also, ich ward geboren. Als drittes Kind meiner Eltern. Als zweites Lebendes. Durch Zufall und großartiger Intervention meiner Großmutter wurde mir der Name Dominik geschenkt. Und nein, ich werde hier nun keine Namensanalyse herausfordern. Viel zu müde bin ich dazu. Und deswegen setze ich diesen, nunmehr vierten, Rückblick fort.

Geburtstage feierte man früher stets mit der Familie. Großeltern, Tante, Onkel, Cousin, Cousine, die Großtante und ihr Mann und mein engster Familienkreis. Mit der Papp-Krone aus dem Kindergarten und bei mir, so wie jedes Jahr, diese Erdbeer-Roulade oder der Torte mit den Kerzen. Stolz wie ein Pfau. Und ohne einen Gedanken an so vieles, was jetzt gerade meinen Kopf besetzt. Damals, zu Zeiten dieser Geburtstage war die Welt schon in Trümmern. Doch damals noch sah ich über die Trümmer hinweg und erblickte den Horziont.

Weihnachten feierte man damals, und man macht das auch noch bis ins heutige Jahr, bei meiner Großmutter. Wieder einmal verwandschaftlich-familiär. Große Geschenke, kleiner Baum, und auch mal Tränen, weil etwas nicht unter dem Christbaum lag. Oder das Falsche. Jetzt, im Nachhinein schämt man sich sogar für die materielle Herangehensweise an Weihnachten. Und nimmt sich vor, sein(e) Kind(er) anders auf Weihnachten vorzubereiten. Was mir und meiner Frau höchstwahrscheinlich wohl kaum gelingen wird.

Durch die vergangenen Tage und Wochen seit dem Schicksalsschlag kommen Erinnerungen hoch, die ich zu vergessen wagte. Oder die unabsichtlich in Vergessenheit zu geraten scheinten. Als ich und der Nachbarsjunge immer viel zu lange in der Schulküche blieben, als es Erdbeerknödel oder Palatschinken (Pfannkuchen) gab. Und wir dann ca. zwei oder drei Stunden brauchten, bis wir zuhause ankamen. So vieles gab es zu besprechen. Und zwischen uns beiden baute sich irgendwie eine tolle Beziehung auf. Irgendwann, ich war glaube ich noch in der Grundschule zogen sie weg. Nicht weit. Ein oder zwei Kilometer. Doch der Kontakt brach ab. Weg war es. Weg war sie. Die einzige Freundschaft in der Nachbarschaft. Für immer.

Was mir auch noch in Erinnerung kam, war das morgentliche Frühstück bei meinen Großeltern, wenn wir eine Nacht bei ihnen schlafen durften. Ich erinnere mich noch an den Platz, an den Opa saß, sehe ihn in meinen Bildern im Kopf da sitzen, meine Oma, um einiges jünger aussehend. Und alles so schön aufgetischt. Jedes Mal war es wunderbar, bei meinen Großeltern zu schlafen. Und ich erinnere mich noch an ihr altes Auto. Und seit Jahren nun schon, versuche ich mir einen Satz in Erinnerung zu rufen, den mein Opa so oft gesagt hat. Niemand weiß, wovon ich spreche, aber ich täusche mich in diese Angelegenheit nicht. Irgendwann höre ich ihn wieder einmal und dann werde ich sagen können: Das hat mein Opa auf immer gesagt.

Soll ich schon wieder über meine verlorenen Lieben schreiben. Über den Schmerz des gebrochenen oder angeknaksten Herzens. Über des Leid mit einem Selbst. Ich möchte erst gar nicht. Vieles ging schief. Und doch sehe ich irgendwie nun eine Linie durch alles hindurch. Würde ich jetzt ein Buch schreiben. Eine Biografie unserer Familie. Eine Art Buddenbrooks für Mittelstands-Österreich in der zweiten Hälfte des 19ten und der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts. Ich würde nicht einmal den Subtitel ändern. „Verfall einer Familie“. Wie sich meine Eltern verändert haben, beunruhigt mich nun schon irgendwie, wenn ich die Bilder in meinem Kopf mit den Bildern meiner Augen vergleiche. Man könnte so vieles tun, wenn man als Gemeinschaft auftreten würde. Würde man es tun, wäre so vieles einfach.

Ich bin dann höchstwahrscheinlich der verrückte Höhepunkt und schlussendlich auch das Ende des Entwicklungsromans. Dass ich mit meinem Kopf auf meiner Hand, in meinem Bett liegend, dämpfend Kettcar-lauschend, einen irren Blick auszuprobieren versuche, interessiert hier wohl auch keinen. Und so schreibe ich weiter und überlege mir Dinge. Dinge aus meinem Leben.

Die Welt liegt brach. Unsere Wut gegen die Welt, gegen Gott oder dieses verdammte Überirdische spiegelt sich im Umgang mit uns selbst wider. Wir haben schon wieder verlernt, wie wir mit uns umgehen müssen. Die Zeit des ersten, heftigsten Schockes war unsere Familie ungewohnt ruhig, das Haus wurde maximal von Musik oder einem Weinen durchströmt. Jetzt ist wieder alles anders. Musik wird kaum mehr zugelassen. Zum Weinen gehen wir meistens raus. Und ich kann sowieso nicht mehr Tränen vergießen. Nicht deswegen. Ich kann das ganze sowieso jetzt gar nicht verarbeiten. Stehe da und kann nur reden. Sitze da, und kann nur schreiben. Aber ich kann es nicht realisieren. Mache Dinge, damit er sich nicht wehtut, wenn er das nächste Mal kommt. Lege das Messer weiter in die Tischmitte, damit er es ja nicht erwischt. Und bin mir trotzdem irgendwie im Klaren, dass er doch nie wieder kommt.

Und dann sitzt man da, versucht über die Vergangenheit zu philosophieren und wird von urplötzlich von der Gegenwart eingeholt. Sieht auf seine Familie, wie Gott, oder der stille, schreibende Beobachter ohne Schweigepflicht. Und muss erschrocken den Blick abwenden und wünsche mir etwas, wenn ich die nächsten Kerzen ausblasen darf. Und immer mal wieder kommen Gedanken hoch, Erinnerungen hoch, die lange verborgen blieben. Vielleicht kann ich sie mal wieder alle sammeln. Vielleicht kann ich auch wieder neue Erinnerungen zulassen. Vielleicht kann auch wieder alles okay sein. Auf seiner Art und Weise?

Vom Leben Gelernt: Freunde Bleiben. Unbekannte Werden.

Geschlechterrollen

Wenn man in die Tagebücher der Welt blicken könnte, die Tagebücher jener pubertierenden, pickeligen Menschenverachter, die vor lauter Gefühlschaos und pingeligen Hormonhaushalt auf ihre Umwelt vergessen. Wenn man in diesen Tagebüchern lesen könnte, dann würde man wohl oft den Satz „Und dann sagte er // sie: „Aber hey. Lass uns Freunde bleiben“. Wetten? Warum ich das so genau weiß. Weil es in meinen Tagebüchern gestanden hätte, hätte ich nicht versucht, wie immer über meinen Gefühlen zu stehen um meine seelische Gebrochenheit publik zu machen. Warum ich jetzt von mir auf alle Jugendlichen schließe? Warum denn nicht. Und … weil es eben so ist.

Wisst ihr. Solche Sätze können einen soweit bringen, dass man einen ehrlichen Versuch startet, sich selbst zu hassen. Wenn ein Mädchen einem ins Gesicht sagt: Du bist für mich nur ein guter Freund. Oder Du bist wie ein Teddybär, einfach zum Knuddeln. Dann fragt man sich, warum man für alle nur der gute Freund ist. Für alle nur diese knopfäugige Teddy. Warum ist man für niemanden mehr. Warum empfindet ihr immer nur diese einen Gefühle? Warum empfinde ich immer so viel mehr. Fragen, die Philosophen und Schriftsteller beschäftigen. Ich versuche nie, mir eine Antwort zu suchen. Würde sie meiner Überzeugung widersprechen, würde ich sie erst gar nicht nah genug an mein Herz lassen.

Für mich war eine gute Freundschaft immer der Grund, mehr zu empfinden. Oder sagen wir … der Auslöser. Viele gute Freundinnen wissen gar nicht, dass ich einmal für kurze (und manchmal auch längere) Zeit in sie verknallt war. Ich werde es ihnen wohl auch nie sagen. Frühestens, wenn wir alle über 40 sind und uns zum Golf spielen und Brunchen treffen. Dann frühestens. Aber es ist einfach so verdammt schwer, neben einer Person zu sitzen, und zu wissen, dass man nur alleine diese Gefühle hat. Wenn man rein freundschaftlich seinen Kopf in ihren Schoß legt, sie dir rein freundschaftlich die Haare aus dem Gesicht streift, dich anlächelt. Und du doch so viel mehr empfindest. Man möchte es so gerne sagen. Hat Angst alles zu verlieren. Hat Angst vor eine Abfuhr. Hat einfach nur Angst. Man möchte sich ausreden, dass es sowieso keinen Sinn hätte. Und fragt sich dann trotzdem wieder, warum sie nicht dasselbe fühlt.

Jemandem Freundschaft zu geben, der Liebe will, ist wie, jemandem Brot anzubieten, der gerade am Verdursten ist!

Hat man es irgendwann einmal geschafft, seine Gefühle ausdrücken, dann kommen eben diese Sätze. „Aber komm, lass uns Freunde bleiben.“ Freunde bleiben. Was ist das nur für eine ausgelutschte Floskel. Freunde bleiben. Aus den Worten einer Frau, die ich vielleicht seit einem Monat kenne. Die ich zwar unglaublich gerne sehe, die ich zu lieben versucht habe. Und so eine Person spricht von Freunde bleiben? Kennt sie überhaupt eine wahre Freundschaft. Die entsteht nicht so schnell. Nicht so. Früher sagte ich immer. Ja. Mir ist es wichtig. Ich will dich nicht aus meinem Leben verlieren. Ohne darüber nachzudenken, wie viel … beziehungsweise, wie wenig mir diese Person eigentlich bedeutet. Jetzt im Nachhinein, nachdem ich sie wie viele „Freunde-bleiben-Freundschaften“ zerbrochen, oder zu „Samstag-Nacht-Wiedersehen-Küsschenlinks-Küsschenrechts-Smalltalk“-Bekanntschaften verkommen sind, muss ich den Revolverhelden recht geben. Scheiß auf Freunde bleiben. Das war wohl eines der vier Lieder, wo ich am meisten mitbrüllte. Mitschrie. Mitempfand.

Was mir aufgefallen ist: Es gibt so etwas wie „Freunde bleiben“. Aber ich kann bestätigen, dass es von mir kommen muss, damit es funktionieren kann. Und es ist sowieso komplett unrealistisch zu sagen, dass nach einer Beziehung, oder einem beziehungsähnlichem Ding sofort eine rein platonische Freundschaft möglich ist. Was ich brauche ist Abstand. Schmerzvollen, gefühlsstarken Abstand. Mit all den verweinten Nächten. All der traurigen Musik. Und all dem Selbsthass und dem versuchten Hass gegen die andere Person. Und ein Abstand voll Unverständnis und unausgesprochene Dinge.

Bei der einen Person, scheiterte die Freundschaft fast daran, dass ich den eigentlich unfreiwilligen Abstand als eine Wohltat betitelte. Zwei Monate oder sogar drei heftigster Streit. Mit fehlenden Worten. Vollem Missverständnis. Und Tränen aus Wut und Trauer. Aber irgendwann hat auch sie eingesehen, dass Freunde bleiben auch geht. Und vor allem wegen diesem Abstand. Die andere Person kannte ich vorher viel zu wenig, aber ich wusste schon, dass sie mir wichtig werden würde. Sie hat mir dieses eine Monat unserer „Beziehung“ zu einer der schönsten Monate meines Lebens gemacht. Ich weiß nicht warum. Diese Tage, diese Erinnerungen. Sie haben etwas Magisches. Und durch unseren rein geografisch auffallend hohen Abstand war es uns anschließend eigentlich immer nur am Wochenende möglich uns zu sehen. Nehmen wir dann also die Arbeitswoche als Abstand her. Dieser Abstand hat anfangs nicht gereicht. Gefühlsflashback. Der Versuch zu verkuppeln. Nur um die Gefühle abzutöten. Einbildungen. Und doch. Heute darf ich sie immer noch zu einer meiner besten und vor allem wichtigsten Freunde zählen.

Madame Nummer 3. Meine erste Beziehung. Ich habe schon viel zu oft darüber geschrieben. Wir hatten Abstand. Kamen wieder zusammen. Es zerbrach. Ich hörte auf mein Gehirn. Und wieder hatten wir Abstand. Dann und wann, stets langsam nahmen wir wieder Kontakt auf. Und auch sie ist nun ein wichtiger, rein platonischer Teil meines Lebens. Die Liebe zwischen zwei Freunden ist etwas Großartiges. Und auch etwas Einzigartiges.

Was ich also früher immer falsch gemacht habe? Ich glaubte, Unzählige Beste und gute Freunde zu haben. Mit der Zeit, und meinen Wochen oder Monaten der langsamen Veränderung hat sich auch mein Freundeskreis dezimiert. Wenn das nächste Mal eine Frau zu mir sagt: „Aber hey, wir könnten doch Freunde bleiben.“, dann sag ich ihr: „Bleiben? Wir müssen erstmal sehen dass wir überhaupt Freunde werden. Und dafür brauche ich Abstand. Meine Gefühle gehen noch in die falsche Richtung. Nimm es mir nicht übel, wenn ich jetzt einfach gehe. Ich melde mich, wenn ich bereit bin. Okay?“. Und dann werde ich mich umdrehen und vielleicht singe ich auch „Und … Scheiß auf Freunde bleiben.“

So sind wir

Gebloggt mit Flock

48 Stunden


Vor ungefähr achtundvierzig Stunden beendete ich es. Die ganze Zeit mit Kettcar im Ohr.

Ich war der glücklichste Mensch, als ich sie am 15. August 2006 das erste Mal küsste. Wir wurden ein Paar. Und es hielt 4 Monate lang eigentlich perfekt. Dann der erste Streit. Dann das erste Mal. Und dann die Stille in der Beziehung. Der Bruch. Und die wieder Vereinigung. Sie geschah Ende Februar. Wir sagten uns, wir versuchen es noch einmal. Sahen Hoffnung. Doch es veränderte sich nichts. Der Schmerz war da, die Gedanken, die Zweifel. Das Ende schien sich zu nähern. Doch wir sahen uns so selten, dass wohl niemand diesen Schritt wagen wollte.

Und doch fuhr ich zu dir. Mit meinem alten Moped. Und hörte durch die Kopfhörer von meinem kleinen Mp3-Player das Lied „48 Stunden“ von Kettcar. Und immer wieder hörte ich die Zeile Mach immer was dein Herz dir sagt. Und die Melodie, den Text bekam ich den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf. Und so zog die Sonne vorbei. Es wurde Nacht. Und als ich gehen wollte, sprachen wir noch einmal über unsere Beziehung. Und ich erklärte ihr, was mir fehlen würde. Sie stimmte mir zu. Konnte mir aber auch nicht sagen, warum es nun so ist, wie es eben es.

Und wir kamen wieder zu diesem einen Wort. Trennung. Und ich wusste nicht was ich sagen wollte. Immer wieder dieses Mach immer was dein Herz dir sagt. Sollte ich meinem Herz folgen. Wieder und immer wieder. Wenn ich jetzt auch noch auf mein Herz höre, dann zerstöre ich mich immer weiter. Mache mir Gedanken. Lebe im Zweifel. Und spüre den Schmerz. Nein, ich möchte nicht auf mein Herz hören. Ein einziges Mal möchte ich egoistisch sein. Möchte auf mein Gehirn hören. Möchte mein Leben neu beginnen. Möchte alledem ein Ende setzen. Und so sage ich es dir auch. Erkläre dir alles. Dass ich nicht etwas aufrechterhalten möchte, was doch nichts mehr ist. Unsere Beziehung war keine Beziehung mehr. Sie war nur mehr eine Freundschaft. Wenn auch keine Gute. Es hatte keinen Sinn mehr.

So oft noch hätten wir sagen können „Versuchen wir es noch einmal.“ Doch es hätte ja doch nichts genützt. Es konnte nicht mehr so werden, wie es war. Wir hatten uns verändert. Haben uns auseinander gelebt. So blöd es sich anhört. Aber ich musste diesen Schritt wagen. Musste es wagen, dir auf Wiedersehen zu sagen. Ich sah nur mehr Tränen in deinen Augen. Wie sie langsam von deiner Wange rannen. Ich dachte mir nur, ach, du verdammtes Herz. Ich kann nicht auf dich hören. Ich kann es nicht. Selbst wenn die Liebe noch da ist. Selbst wenn ich dich immer noch so liebe, wie ich es immer getan habe. Das geht nicht. Das wäre Selbstzerstörung auf höchstem Niveau. Verloren in einer Beziehung die doch eigentlich auf Liebe aufgebaut sein soll. Ich kann nicht auf mein Herz hören. Du stimmst mir zu. Ich möchte ein einziges Mal egoistisch sein. „Sei es.“, sagtest du mir. Und als die Worte über meine Lippen kamen, fühlte ich mich nicht unbedingt schlecht. Ich fühlte mich verändert. Vielleicht freier als vorher.

Und wir begannen zu reden. Du gabst mir einen Teil meines Geburtstagsgeschenkes. Und ich fragte dich, ob du mein Buch schon gelesen hast. Ich hatte es dir doch per E-Mail geschickt. Du sagtest nein. Dann erklärte ich dir, dass du die Widmung noch nicht gelesen hast. Dort steht geschrieben: „Für dich, mein erste große Liebe“. Wieder kullern Tränen hinunter. Ich würde dich am liebsten in den Arm nehmen. Würde dir sagen, wie sehr ich mir doch wünschte, dass doch wieder alles perfekt geworden wäre. Doch wir sitzen hier, bei dir, am Boden der Küche. Besser gesagt, du sitzt, ich liege. Meinen Kopf an deinen Beinen. Ich sehe in die Luft, du siehst mich an. Warum ist dies nun kein schmerzhafter Abschied. Warum fühle ich mich nun so wohl.

Wir beginnen zu reden. So ungezwungen und frei wie wir es zum letzten Mal in der Kapelle getan haben. Als wir noch Freunde waren. Zwar mit Gefühlen füreinander und unglaublich verliebt. Aber dieses Mal war es fast genauso. Du strichst mir durch mein Haar, gabst mir die Zärtlichkeit, die ich in unserer Beziehung am Schluss so vermisste. Ich fühlte mich wohl neben dir. Wollte einfach nur mit dir reden, und Zeit mit dir verbringen. Du warst wie verändert, und ich denke, ich war es auch. Ganze zwei Stunden haben wir noch geredet, bis zwei Uhr morgens. Redeten über alles, Gott und die Welt.

Und so fuhr ich nach Hause, wieder mit den Kopfhörern im Ohr und Kettcar spielend. Und ich höre die Zeile wieder. Mach immer was dein Herz dir sagt, und begrab es an der Biegung des Flusses. Und im Gedanken blieb ich stehen. Stieg von meinem Moped, und begrub mein Herz, an der Biegung des Flusses. Es ist vorbei. Und es ist schön.

Wie kann so etwas falsch sein, was sich so richtig anfühlt. Wir haben das Richtige gemacht. Das weißt du, und auch ich weiß das. Aber, du weißt, normalerweise sage ich das nicht, aber … lass uns Freunde bleiben. Dich möchte ich nicht aus meinem Leben auslöschen. Dich endgültig zu verlieren wäre das Schlimmste. Lass uns Freunde bleiben beziehungsweise beste Freunde werden. Wir haben das Zeug dazu. Und die Kraft. Vielen Dank für diese neun Monate. Für die Zeit mit dir.