Heute. Nein Gestern.


Wisst ihr, es ist schon komisch.

Da verliert man vor zwei Jahren und einem Tag den zu diesem Zeitpunkt wohl wichtigsten Menschen der ganzen Familie. Kein Tag vergeht, an dem man nicht über ihn spricht, jedes Mal schlucke ich etwas fester, wenn ich am Kühlschrank sein Bild sehe. Und immer unruhiger und niedergeschlagener werde ich, wenn der Jahrestag auf mich zu kommt. Und meine Familie, zuhause vereint, besucht das Grab und ich, fernab meiner Familie, sehe mir noch einmal diesen einen Blogeintrag an, welchen ich noch am selben Tag des Geschehnisses schrieb. Um zu bemerken, dass er nicht heute, nein gestern vor zwei Jahren gestorben ist.

Am 29. Oktober 2007 passierte das. Und jedes Mal wieder rührt es mich zu Tränen. Das da. Und das.

Was folgte, war eine Therapie. Viele lange Diskussionen mit meinen Eltern, zwei Weihnachtsfeste, die eben etwas anders verlaufen sind, als man es sich womöglich vorstellen hätte können. Was folgte, war ein langer Weg zurück. Für mich. Ich habe keine Ahnung, wie es meiner Mutter, meiner Schwester oder meinem Vater mit der Situation geht. Nicht, dass ich nicht mit ihnen rede, nein. Ich komme nicht an sie ran. An keinen von ihnen. Was folgte, war das Akzeptieren eines Lebens ohne gewissen Personen. Was folgte, war die Erkenntnis, dass man auch noch so hoffen und träumen konnte, nichts bleibt wie es ist. Nichts wird je wieder so werden. Nicht so. Nein anders.

Mir geht es gut. Ich habe den Tod meines Neffen Timi akzeptiert. (Und ich vermute, ich bin der Erste und bisher Einzige in meiner Familie, der das geschafft hat). Und doch. Jedes Jahr. Egal ob nun einen Tag zu spät oder zu früh. Irgendetwas liegt mir Ende Oktober von nun an immer im Magen.

(Und wie gerne wäre ich heute oder gestern oder wann auch immer zum „Friedhof der Namenlosen“ gefahren. Einem der wohl berührendsten, traurigsten und wunderschönsten Plätze der ganzen Welt.) Und ja. Jetzt eben habe ich sogar wieder einmal geweint.

flickr: jenny downing

Walk away.

 

Timi

4. Juni 2006 – 29. Oktober 2007

Oh no – here comes that sun again.
And means another day without you my friend.
And it hurts me to look into the mirror at myself.
And it hurts even more to have to be with somebody else.

And it’s so hard to do and so easy to say.
But sometimes – sometimes,
you just have to walk away – walk away.

Ein Jahr ist es schon her. Heute vor einem Jahr bekam ich die Nachricht. Du seist gestorben, plötzlich. Ich kann mich noch genau an jede Minute erinnern. Als ich angerufen wurde, als ich diese eine Stunde mit dem Auto nach Hause fuhr, und hoffte, dass das alles nur ein Scherz, ein sehr, sehr geschmackloser Scherz sei. Doch insgeheim wusste ich, dass es stimmen musste. Ich zitterte, die ganze Zeit. Zitterte und konnte nicht weinen. Konnte erst weinen, als mein Vater aus Amerika zurückgekommen war und wir endlich wieder als eine Familie am Tisch saßen. Nur du. Du fehltest.

With so many people to love in my life, why do I worry about one?
But you put the happy in my ness, you put the good times into my fun.

And it’s so hard to do and so easy to say.
But sometimes – sometimes,
you just have to walk away – walk away and head for the door.

Es hat seit diesem 29. Oktober 2007 keinen Tag gegeben, an dem ich nicht an dich dachte. Diese Momente begann ich mit der Zeit zu hassen. Sie machten mich fertig, ich konnte in diesen Momenten einfach nichts anderes tun. Als nachdenken. Und die Erinnerungen in meinem Kopf spulten sich immer und immer wieder ab. Ich habe eine Therapie wegen dir gemacht, und ich kann selbst heute noch nicht verstehen, wie ein Leben ohne dir nun schlussendlich aussehen könnte. Dein Tod hat mir die Familie wieder näher gebracht, du hast uns alle verändert. In der Art, wie du zu uns kamst, und in der Art, wie du auch wieder weg warst. Du warst ein Zauberwesen, wie ich zuvor noch keines geliebt habe.

We’ve tried the goodbye so many days.
We walk in the same direction so that we could never stray.
They say if you love somebody than you have got to set them free,
but I would rather be locked to you than live in this pain and misery.

They say time will make all this go away,
but it’s time that has taken my tomorrows and turned them into yesterdays.
And once again that rising sun is droppin‘ on down
And once again, you my friend, are nowhere to be found.

Ich habe nur noch ganz selten geweint. Erst kürzlich, vor deinem Grab, alleine. Als ich eineinhalb Stunden davor stand und dir erzählte, von all dem, was gerade in meinem Leben abläuft. Und als ich dir sagte, wie sehr ich dich vermisste. Jeden Tag, aufs Neue.

Ein Jahr soll das schon wieder her sein? Es hätte auch letzte Woche sein können, so haben sich diese Erinnerungen eingeschweißt. Die Nachricht vom Tod, das erste Mal auf meine Mama und deine Mama zu treffen. Den harten Mann zu spielen, der selbst in dieser Lage alles im Griff hat. Und irgendwann unter all diesem Druck zusammenzubrechen. Die Vorbereitung auf das Begräbnis. Und meine Rede. Über dich und mich. Über uns und das vor 250 Menschen, die gekommen sind, um von dir Abschied zu nehmen. Ich weiß alles noch, und würde es doch so gerne vergessen. Würde gerne am Wochenende aus Wien nach Hause kommen um dich endlich wieder in die Arme zu schließen. Um deine Nähe zu spüren, deine Nähe, deine Wärme und deine Liebe. Die so einzigartig, so wundervoll war. Und dein Lachen. Das selbst mein Herz, so finster es auch war in meinem Leben, immer wieder zum Lachen brachte.

Wie du vielleicht merkst. Du fehlst mir.

And it’s so hard to do and so easy to say.
But sometimes, sometimes you just have to walk away,
walk away and head for the door.
You just walk away – walk away – walk away.
You just walk away, walk on, turn and head for the door.

Und während deine Familie zur dir ans Grab geht, werde ich, so weit weg von daheim, einen anderen Platz besuchen, um eine Kerze für dich anzuzünden. Ich habe mich für den Friedhof der Namenlosen entschieden, welchen ich seit „Before Sunrise“ besuchen wollte. Dort zünde ich eine Kerze für dich an und für all die Menschen, die dort ihre letzte Ruhestätte fanden. Dieser Eintrag wurde mit den Worten von Ben Harpers „Walk Away“ unterstützt. Mein Song, der mich jedes Mal, wenn ich ihn höre, an dich erinnert.