… Und Die Verlorene Zeit

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Langsam öffnet Timi seine müden kleinen Augen.

Ihm ist kalt, obwohl er bis zur Nase mit dieser riesigen Bettdecke zugedeckt ist. Und obwohl er nun mit offenen Augen umher blickt, sieht er nichts. Es ist noch viel zu früh, die Nacht hatte sich noch nicht verabschiedet. Doch als er sich, scheinbar reflexartig, die Sandkörnchen aus den Augen wischen will, die das Sandmännchen heute Abend über ihm verloren hatte, spürt er nichts. Hat er etwa noch nicht geschlafen? Er kann es sich nicht erklären, dreht sich aber einfach um, und versucht wieder zu schlafen.

Doch plötzlich schreckt er hoch. Hat er da gerade etwas gehört. Und als Timi seine kleinen Ohren zu spitzen versucht, hört er es schon wieder. Eine Stimme, als würde sie gegen einen Polster sprechen. Ein Murmeln. Nein. Es sind Hilfeschreie.

„Hilfe! Hilf mir, Timi!“

„Wer spricht da?“, fragt Timi, in die Dunkelheit blickend und sich fragend, woher dieses unbekannte Wesen seinen Namen wusste. Als er endlich den Knopf findet, mit dem er seine Lampe einschalten kann, kann er auch sehen, von wo diese Hilferufe kamen. Zwar kann er es anfangs nicht glauben. Doch sein Wecker, ja, sein Wecker spricht zu ihm.

„Ähm. Was ist denn los?“ Timi ist ratlos. „Hilf mir, Timi! Man hat uns die Zeit gestohlen.“ – „Aber das geht doch gar nicht.“, meint Timi. Was ist das auch nur für ein alberner Gedanke. Eine gestohlene Zeit. „Doch, glaube es mir. Wer sollte es besser wissen, als ich. Ich weiß immer genau, wie spät es ist.“

„Na dann sag mir doch mal die Uhrzeit, lieber Wecker“ – „Das ist es ja, Timi. Ich kann es nicht. Ich kann nichts mehr. Die Zeiger drehen sich am Tage nur mehr ganz eilig rund um meinen Mittelpunkt herum. Ich kann sie nicht aufhalten.“ Und nachdem sich Timi ein weiteres Mal mit der Hand die Augen ausknubbelt, kann auch er es sehen.

„Und was heißt das? Was passiert denn jetzt mit uns?“ „Verstehst du nicht? Die Zeit läuft. Tage werden zu Minuten, Stunden zu Jahre. Wir alle werden viel schneller älter. Und verlieren so viel von unserem Leben.“ Und während Timi noch länger darüber nachdenkt, findet auch er diese Vorstellung schrecklich. „Aber da muss man doch noch etwas machen können, oder? Lieber Wecker, so sag mir doch, wie ich das alles aufhalten kann!“

„Ich weiß es doch auch nicht. Ich hör dich nur jeden Abend mit dir selbst reden, wie toll es wäre, größer zu sein. Viel älter. Wenn du das und das machen könntest. Und dabei vergisst du, wie toll dein jetziges Leben ist. Mach dir keinen Stress. Bleib lieber noch länger klein. Lass dir von niemandem einreden, du wärst zu klein für irgendetwas. Diese Menschen sind einzig und allein nur schon viel zu groß, um überhaupt richtig leben zu können.“

Aber Timi ist schon viel zu müde. Selbst diese ganze Aufregung hält nicht länger wach. Er hört zwar noch die Worte, aber seine Augen sind schon wieder geschlossen, und das Sandmännchen kommt ein zweites Mal in dieser Nacht zu unserem kleinen Timi.

Doch als er am nächsten Tag aufwacht, kitzelt die Sonne ihn schon an der Nase. Und während er sich aufrichtet und über diesen verrückten Traum der letzten Nacht lachen will, blickt er auf den Wecker. Die Zeiger stehen still.

Wegen Zeitmangels wieder ein Text aus dem Timi-Blog. Geschrieben am 14. Oktober. 15 Tage vor seinem Tod. Erschreckend wie … makaber dieser Text jetzt klingt. „Bleib lieber noch länger klein.“ Er bleibt es.

… Und Die Begegnung. Mit Dem Engel.

Timi öffnet die Augen. Er erschrickt, so überraschend erscheint dieses Wesen in seinem Blickfeld. Ein Engel. Sein Schutzengel.

Viel zu früh ist Timi aufgewacht und hat den Schutzengel erwischt, als er die Nacht über an seinem Bett wachte. Er versteht nicht ganz, wer oder was dieses Wesen nun ist. “Wer bist du?”, fragt er. Ich bin dein Engel. Dein ganz persönlicher Engel. “Ein Engel? Was ist das?” Wenn Menschen sterben, dann sind sie nicht einfach so tot. Etwas besteht weiter. Die Seele. Und aus ihr formt sich anschließend der Körper, den man von diesem Zeitpunkt an als Hülle seines Innersten trägt. Timi ist verwirrt. “Sterben?”

Der Engel lacht. Er erfreut sich über die kindliche Leichtigkeit des Seins, wenn Tod und Verlust noch nicht Bestand des Lebens sind. Wenn jemand stirbt, hört das Herz dieses einen Menschen auf zu schlagen. Das Leben, so wie wir es kennen, geht zu Ende. All die Menschen um uns herum weinen und versuchen zu verstehen. Bis sie es entgültig aufgeben. Das ist Sterben. Das ist der Tod. Timi nickt. Er scheint zu verstehen. Er hatte sich wahrlich noch nie Gedanken über den Tod oder das Leben, oder über Gott und die Welt gemacht. Er lebt in den Tag hinein und verbreitet überall seinen Sonnenschein.

“Wie kann man ein Engel werden? Muss man erst sterben, um in einer solchen prachtvollen Hülle weiterzuleben?”, will Timi wissen. Der Engel streicht ihm über sein goldenes, flaumiges Haar. Nein. Es gibt auch Engel auf Erden. Du bist ein solcher Engel. Timi lacht. Er kann sich das nicht vorstellen, macht er doch einfach nichts anderes, als sein Leben mit all der Freude und der Angst, mit all dem Lächeln und den Tränen zu leben. All die Menschen, die du liebst, spüren es. Und für sie bist du der größte Engel auf Erden. Timis Augen leuchten. Der Gedanke daran erfreut ihn.

“Legst du dich zu mir, mein Engel?”, bittet Timi seinen Engel. Und irgendwann, spät Nachts, Timis Mutter schläft schon, schlafen auch die Beiden ein. Leuchtende Wesen. Zwei Engel in einem Bett. Als Timis Mutter am nächsten Morgen nach ihm sieht, ist Timis Engel immer noch da. Nur Timi selbst. Er ist gestorben. Seine Seele hat bereits seinen Körper verlassen. Im Paradies, am anderen Ende des Regenbogens, irgendwo an der leuchtenderen Seite, formt sich gerade sein neues Wesen. Timi ist ein Engel geworden. Nur seine Familie und seine Freunde blieben zurück. Weinen und versuchen zu verstehen. Bis sie es entgültig aufgeben.

//Ein Text von meinem Blog, auf welchem ich Geschichten über und Briefe an Timi veröffentliche.
///Timi und der Rest der Welt

Dry Your Eyes.

It Won’t Supposed To Be. Easy.

Mein linker Fuß folgt meinem rechten, und der Rechte meinem Linken. Und so bewege ich mich fort. Ziellos, wortlos, ratlos. Die Straßen sind überfüllt von der Leere, die die Dunkelheit in dieser Einöde mit sich zieht. Das Gras ist grau, der Bach rauscht schwarz, der Wind weht dunkelbraun. Ich bleibe stehen. Halte mich am Brückengeländer und spüre den kleinen Bach, der unter meinen Füßen, unter dieser Brücke unter mir hindurchfließt. Setze mich nieder. Der Asphalt ist eisig kalt. So wie die Luft und die Hand, die diese eine Zigarette, die letzte des Tages, hält.

Ich kotze hinein. In dieses fließende Gewässer. Welches scheinbar alles weit weg trägt. Irgendwann in diesen nahegelegenen Fluss mündet, der dann in den nächstgelegenen größeren Strom mündet, um dann irgendwann in dem großen braunen Fluss landet, der all das dann irgendwann einmal ins Schwarze Meer liefert. Kotze meine Gedanken heraus. Mir war schon wieder nach weinen zumute. Als über den letzten gemeinsamen Tag gesprochen wurde. Ich an diese warme, arme, sanfte Umarmung denken musste. Mit all den Schmerzen, die dieser kleine Körper durchstehen musste. Und wir und niemand anderer und die ganze Welt einfach nichts bemerkte. Den Tränen nahe und der Bewältigung doch so fern.

Kotze meine Gefühle hinein. Ich bin auf diesem Weg der Entwicklung, vom Kind zum erwachsenen Kind soweit vorangeschritten, dass ich wieder gelernt habe, Gefühle zu zeigen. Ich zeige sie nicht jedem und doch offenbare ich sie der Welt. Ich weine im Stillen und erzähle hunderten Menschen jeden Tag davon. Ich bin wütend und kann es nur kurz wirklich zeigen, bis die Worte Überhand von mir nehmen. Aber ich kotze diese Gefühle in den Bach um all das Überflüssige herauszulassen. Ich versuche nichts mehr zu unterdrücken. ich denke mir ständig, sollten sie kommen, die Tränen, oder die Wut, oder der Schmerz. Ich würde sie herauslassen. Aber irgendwo in meinem Körper, meinem Gehirn, blocke ich das Ganze ab.

Kotze mein Leben heraus. Um es mit dem nächsten Atemzug wieder einzusagen. Einmal die frische Luft erlebt. Die Realität, die Kälte zu spüren. Um zu fühlen, dass es hier draußen auch nicht viel wärmer ist, als in diesem stämmigen Körper, der mich hüllt. Eiskalt ist es. Kotze all das heraus, und wische mir den ganzen Mist von meinen Mundwinkeln in meine Ärmeln. Stehe auf und rauche diese Zigarette zu Ende. Gehe den Weg weiter. Hin zu ersten Kreuzung. Mich zu entscheiden war noch nie meine Stärke. Gäbe es von allem nur eines, nur eine Richtung, nur eine Wurst, nur ein Getränk, wüsste ich, was ich nehmen müsste. Doch jetzt stehe ich vor einer Entscheidung, die so schwer fällt, dass ich immer das Abwegigste auswähle. Um nicht aufzufallen.

Gehe in diese Richtung los. Beginne zu laufen. Komme aus der Puste. Bis ich irgendwann durch dieses Stechen im Oberkörper zusammenbreche, und einfach nicht mehr kann. Laufe davon, vor allem, und stehe dann an einem Punkt an dem es nur mehr ein Zurück gibt. Um mich der Welt zu stellen. Und irgendwann werde ich vielleicht auch in der Lage sein, dass ich meinen Gefühlen vollkommen freien Lauf lasse. Dass die Tränen einfach kommen. Und irgendwann gehen. „Dry Your Eyes.“, wünscht sich meine innere Stimme. „Bald“, antworte ich, „bald!“

So Close Your. Eyes.

So schlagen also Gefühle um. Von Liebe zu Wut. Von Zuneigung zu Zorn.

Es fühlt sich so falsch an. Ich sitze hier, und meine Gedanken werden verziert von Aggression und Vorwürfen. Nicht gegen mich. Die Zeit habe ich hinter mir. Oder sie ist einfach kurz verschwunden, ohne sich zu verabschieden. Und wird irgendwann einmal wieder auftauchen und mich überraschen. Aber so ist es. Ich habe mir einiges auferlegt. Habe Träume mit Fäusten bekämpft, der Realität den Mittelfinger gezeigt und doch habe ich mich mit ihr vereinigt. Habe begriffen, dass das Leben nicht so ist, wie ich es mir gerne wünschte.

Nichts ist so, wie man es sich wünscht. Alles entwickelt sich in eigenen Bahnen und zeigt wieder einmal, wie unberechenbar das Leben ist. Ich sitze hier, gähne, weil ich die letzte Nacht sehr schlecht geschlafen habe. Wundere mich über die schöne Musik, die aus meinen Lautsprechern erklingt. Und frage mich, was die Welt wohl da draußen so treibt, während ich in diesem leicht geheizten Zimmer herumhänge und Worte aneinanderreihe.

Was mich jetzt erwartet? Kummerstimmung oder Weinphasen? Vielleicht. Aber nicht deswegen. Etwas viel Schlimmeres ist passiert. Das war nur der entgültige Punkt hinter einem viel zu langen Satz von mir. Du bist mir egal. Obwohl du noch in meinen Gedanken auftauchst. Es heißt zwar, dass vergessen nicht möglich ist, wenn die Gedanken noch voll damit sind. Aber ich möchte dich vergessen. Möchte unsere gemeinsame Zeit vergessen.

Könnte ich die Zeit zurückdrehen. Könnte ich, würde vieles anders werden. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, hätte ich unglaubliche Macht. Über mein Leben. Es wäre wunderbar, und doch bräuchte ich das Wissen von heute, um in der Welt von gestern weiter zu bestehen. Dass du bei vielen Gedanken vor einiger Zeit noch an erster Stelle warst, vergesse ich schön langsam. Dass du nur für mich da warst, weil es die Umstände irgendwie von dir verlangten, werde ich dir aber nie verzeihen. Du hast mir damit nicht geholfen. Wolltest wieder urteilen und dein „Wissen“ mit mir teilen. Du weißt gar nichts. Weißt doch nicht einmal, wer du bist.

Und so sitze ich hier. Und ärgere mich darüber. Ein weiteres Mal geschrieben zu haben, in dem das du eben du bist. Nimm es nicht zu Ernst. Wenn du es überhaupt lest. Wenn du dir überhaupt die Mühe machst. Der heutige Tag endet mit einem Eintrag, mit demselben Titel, mit dem dieser Blog begonnen hat. Sieh es als Zeichen. Leb Wohl. Und fick dich. Zurzeit wäre es mir am Liebsten, ich würde dich nie wieder sehen. //Schließ mal deine Augen. Und überlege. Nur ein kleines bisschen Überlegen würde manchmal nicht schaden. Und Mut. Ja. Mut wäre auch nicht schlecht.

The Sun Also Sets.

Alles geht unter. Irgendwann. Und irgendwie.

Es ist schon ein ganz besonderes Gefühl, hier zu sitzen, und ihr zuzusehen, wie sie sich langsam sinken lässt. Sie ist wunderschön und gibt mir Wärme, die ich manchmal gar nicht verdient habe. Sie hüllt mich ein und lässt mich nicht mehr los. Und ich bleibe sitzen, bin erstaunt ob ihres Anblickes. Eine Schönheit, so einzigartig und so großartig.

Doch immer kleiner wird sie. Langsam taucht sie in den See ein. Nur ein ganz kleines bisschen und der See gleicht sich ihr an. Das ergibt ein schönes Bild. Ihr müsst das einmal gesehen haben. Davon kann ich nur träumen. So bewegend, berührend und einzigaritg ist das ganze Hier. Ich lächle. Je weiter sie in den See eintaucht, desto mehr fange ich an zu lächeln.

Und desto dunkler wird es um mich. Ich tauche ein in einen ganz außergewöhnlichen Farbton. Und doch wird es immer dunkler. Zuerst ein kleine Grauschleier. Und ich fühle mich immer einsamer. Je weiter sie nach unten sinkt. Wo ist sie hin. Die mich den ganzen Tag begleitet. In meinen Gedanken, wenn ich aus dem Fenster sehe und aus der Tür trete. Wo ist sie hin. Ich dachte, sie hätte mir versprochen, immer für mich da zu sein.

Doch sie ist weg. Ein für alle Mal. Alles ist zu Ende. Und doch wird sie in zehn oder zwölf Stunden wieder auftauchen. Wird mich einnehmen. Wird mich wärmen. Die Sonne, sie kommt immer wieder. Das ganz andere Dinge endlich gegangen sind, tut gut. Nun lasse ich die Wärme besser an mich heran. Lasse es auch einmal regnen, ohne zu fragen, was ich denn falsch gemacht habe. Aber am Schönsten ist es, wenn die Sonne da ist. Nur ich und die Sonne. Die Welt um mich herum, und all die Menschen, die nur leere Worte faseln, sie sind mir egal. Lasst mich hier liegen. Lasst mich frieren und lasst mir eine Erkältung einfangen. In einigen Stunden wird sie schon wieder da sein.

//Ich liebe Fixpunkte. Die Sonne z.B. Das Dinge zu Ende gehen, tut manchmal aber auch richtig gut. Es ist gut, einen Abschluss zu haben. Zu wissen, dass das Ende nicht naht. Sondern,dass es da ist. [Keine Texte Über Liebe. Mit ihr als Hauptcharakter. Sie ist nicht ganz aus meinem Leben verschwunden. Manchmal werde ich noch an sie denken. Aber ich werde anders fühlen. Werde ich fühlen?]

Eisige Gedanken.

Im Strom der Zeit. Gefroren dein Gesicht. Verstört dein Blick.

Dein Atem kommt nur sehr langsam aus deinen Nasenflügeln gekrochen. Du frierst. Die kleinen Härchen auf deinen Händen sind ummantelt von riesig großen Schneeflocken, die an deiner restlichen Körperwärme zu schmelzen scheinen. Du suchst dir einen Unterstand. Eine überdachte Bushaltestelle. An diesem von Wind geschütztem Platz fühlst du dich seit langem wieder einmal wohl. Es ist zwar noch immer so unerbitterlich kalt, doch mit deinen zur Brust herangezogenen Beinen speicherst du all die Wärme nur für dich.

Plötzlich hat dich jemand gesehen. Der Bus bremst. Und hält an deiner Bushaltestelle. Du fühlst dich peinlich berührt, stehst auf, kramst nach Kleingeld und steigst ein. Der Buschauffeur verlangt erst gar nichts und so fährst du los. Du bist fast alleine in diesem riesigen Gefährt. Nur der Busfahrer, eine alte Dame und du. Die von der kaputten Heizung stinkende Luft atmest du ein. Wärmst dich langsam auf, mit deinem Kopf an die Fensterscheibe gelehnt. Die alte Dame stinkt nach alt. Alte Menschen stinken, denkst du dir. Sie haben ihren ganz eigenen Geruch. Jedes Mal, wenn du das Zimmer oder das Haus einer alten Frau oder eines alten Mannes betrittst, kommt dir der gleiche Gedanke. Vielleicht riecht die Haut so, wenn sie langsam alt wird und beinahe zu schimmeln anfängt.

Du lachst. Erst jetzt fällt dir auf, dass du keine Ahnung hast, wohin diese Fahrt geht. Es müsste die letzte Fahrt sein. Kein Weg zurück. Wo du jetzt aussteigst, da musst du bleiben. Zumindest bis zum nächsten Morgen. Zumindest bis zur ersten Busfahrt. Aber um das Ziel zu erfahren, müsstest du wieder den ganzen Bus durchschreiten, sitzt doch du hinten, und diese Fahrer ganz vorne. Du bleibst sitzen. Du wirst doch wohl noch diese Gegend kennen, denkst du dir. Doch es ist dunkel. Du hast keine Ahnung wo du bist. Nur erahnen kannst du es, durch den Blick auf den leuchtenden Horizont, auf die Skyline der nahegelegenen Stadt.

„Endstation.“

Emotional unberührt stehst du auf, steigst aus dem Bus aus. Als du die noch einmal umdrehen möchtest, um ihn zu fragen, wo denn das nun genau ist, hatte er schon wieder die Türe geschlossen und ist zu all den anderen Bussen in die Garage gefahren. Die alte Dame ist übrigens auch schon zwei oder drei Stationen vorher ausgestiegen. Sie war weg, aber den Geruch hast du immer noch in deiner Nase.

Langsam irrst du herum. Die Kälte hat dich wieder. Dein Körper beginnt wieder zu erzittern. Deine Zähne schlagen wie der Hammer auf die Nägel aufeinander ein. Und du hast keinen blassen Schimmer wo du bist. Nirgendswo brennt mehr Licht. Nur das blaugetränkte Licht der Fernseher stößt durch die Fenster an die Außenwelt. Du machst dich zu verschiedenen Türen auf, läutest Klingeln von unbekannten Menschen. Die Meisten machen sich erst gar keine Mühe, in ihrer Wohnung auf einen Knopf zu drücken. Und die Anderen wimmeln dich mit den Worten: „Keine Zeit“ wieder ab.

„Keine Zeit.“

Immer und immer wieder hörst du diese Sätze. Du hast nichts dabei. Kein Geld, kein Mobiltelefon, kein Nichts. Und so setzt du dich wieder in diese überdachte Bushaltestelle, bei der du gerade erst ausgestiegen bist. Ziehst die Beine bis zur Brust hoch. Und irgendwann packt dich der Schlaf. Doch diese Grade unter Null, du weißt, dass sie gefährlich sind. Du darfst jetzt nicht einschlafen, denkst du dir. Jetzt nicht. Nicht für diese Nacht. Und unter dem Bellen der Hunde, dem Wandern der Ratten von einem Kanaldeckel zum nächsten, wachst du die ganze Nacht in diesem überdachten Zuhause.

Am nächsten Morgen ist wohl auch noch die letzte Zelle von Kälte ummantelt. Dein Blick wirkt verstört, all die Angst, die Kälte und die Furcht hat dich wachgehalten. Mit der Zeit kommen die Menschen aus ihren Häusern, machen sich auf den Weg in die Arbeit, zu ihren Autos oder sie bringen ihre Kinder in den Kindergarten oder die Schule. All diese Menschen gehen an dir vorbei und schütteln den Kopf. Schütteln den Kopf und wissen dabei nicht einmal, dass sie es waren, die gestern ‚Keine Zeit‘ hatten.

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All The Things I’ve Got.

All the things you I need.

Mit einem festen Druck auf die Stirn beginnen. Mit langsamen, festen Bewegungen den Träger meines Wissens leicht massieren. Dabei den ungewaschenen Haaren immer näher kommen. Auf meinen aufgerissenen Lippen herumkauen und mit der anderen Hand über mein unrasiertes Kinn streichen. Leicht genervte Gesichtszüge erkennen lassen. Den Blick zu ungeduldig wirkenden Augen verringern. Das Jucken in den Winkeln versuche ich mal zu ignorieren.

Von außen fällt Licht herein in dieses abgedunkelte Zimmer. Es prallt ab. Zuerst auf das in der Einfahrt geparkte Auto meines Vaters. Und dann tastet es sich langsam bis zu einem meiner vier Fenster vor. Das erste Links, wenn man es von meiner Tür aus betrachtet. Das Einzige ohne Gardinen. Mir Gedanken machend. Das ist jetzt also das Ende. Mhm. Es fühlt sich anders an. Ich fühle mich befreiter. Fühle mich anders. Fühle ich mich gut?

Ich fühle. Das ist schon mal ein gutes Zeichen. Und nein, ich habe mich nicht schon wieder verliebt, in eine Person, die schöne große Augen hat, und ein bezauberndes Lächeln. Nein. Und nein, ich warte auch nicht. Viel zu lange habe ich schon gewartet. Von all meinen Verliebtheiten habe ich fast drei Viertel gewartet. Gehofft. Dass alles besser wird. Gefühle und Gedanken auch für das Gegenüber das werden, was sie für mich sind. Wahre Gefühle. Liebe. Erst jetzt fällt es mir so gut auf, dass das alles schon einmal war. Schon einmal, zweimal, nein, dreimal. Dreimal vor ihr war ich ernsthaft verliebt. Immer wieder diese Rückfälle, das Warten und Hoffen und der Bruch. Hier ist er also. Der Bruch. Der Murenabgang, der den Weg, der uns verbindet, versperrt. Vielleicht wird er irgendwann weg sein. Aber bis dahin ist alles anders.

Ich habe jemand Besseren verdient, als dich. Denke ich mir die ganze Zeit. Überlege. Es gibt so viel mehr Menschen, die eine größere Fähigkeit haben, zu lieben als du. Ich frage mich, ob du überhaupt diese Fähigkeit hast. Ich atme diesen Duft ein. Aus meinem Zimmer. Als würde hier irgendetwas vermodern. Höchstwahrscheinlich ist das auch der Fall. Was mich immer noch zum Schmunzeln bringt, ist deine Aussage: „Ich mag deine Freunde nicht.“. Du hast es nie so wortwörtlich gesagt, es ist sicher kein O-Ton. Aber oft genug hast du mir genau das gesagt. Das Problem: Du hast dich nicht bemüht. Nie hast du dich bemüht. Du wolltest meine Freunde nicht nett finden. Wie so oft. Hast du dich nicht bemüht.

Das hier klingt wie ein weinerlicher Prozess der Abnabelung. Es ist aber viel eher eines der vielen Revue-passieren-lassen-Stadien. Du wirst mir jetzt auch noch immer in meinen Gedanken unterkommen. Aber nicht als die Person die ich bedingungslos liebe. Ich will mir nicht weiter weh tun. Aber es fühlt sich anders an. Es fühlt sich an, wie diese warme Musik. Mit dem zittrigen Cello im Hintergrund. Die Flasche neben mir, nein, kein Alkohol, nur geschmackverzerrtes Mineralwasser, leert sich von Minute zu Minute. Das Lied wiederholt sich zum fünfzehnten Mal. Ich reibe mir die Augen, so müde bin ich. Wie schon jeden Tag in den letzten drei Wochen. Das Bett neben mir, aber die fehlende Motivation vor mir.

Wo war er, der Neubeginn. Nach all den Jahren der Schule. Nichts wurde neu. Alles blieb beim Alten. Erst jetzt fühlt es sich richtig an. Zum ersten Mal seit langem spüre ich einen Schritt nach vorne. Ein Fortschritt auf dem Hundertmeter-Rückwärtslauf. Und mein Kopf fällt langsam zurück. Ich gähne. Viel zu lange und vulgär. Und so tippt mir die Dunkelheit mal wieder auf die Schulter. Freundschlaftlich begrüße ich sie. Aber hey, würdest du jetzt wohl sagen. Was ist schon Freundschaft.

في مكان ما على الجانب الأكثر إشراق.

عندما يأتي ضوء الانخفاض ، ويبدأ قلبي الى الابتسام

Zitternd ziehe ich einen Zug nach dem anderen aus diesem glühenden Stengel heraus. Über die Ärmel, die Öffnung der Jackengliedmaßen strömt Kälte an meinen nur durch einen maroden Pullover geschützten Körper. Ich habe schon aufgehört, zu zählen. Zu zählen, all das viele Nikotin. Es ist egal. Während ich hier auf dieser schneegeschützten Parkbank sitze, Asche für Asche in den Becher versenke, regnet es, schneit es. Dunkel ist es. Das ist das Einzige, was ich definitiv feststellen kann.

Verdammt, ich habe die Schuhe vergessen. Denke ich mir, als ich mit den dicken gestrickten Socken auf den nassen Boden steige. Als ich mich hier hinsetzte, hat es noch nicht geregnet. Ich habe die Welt betrachtet, das Laub verfolgt, den Wind verstört mit meinen Blicken. Bis das Wetter es sich anders überlegte und nun alles herunterwirft, was er so zu bieten hat.

Irgendetwas habe ich vergessen. Hätte ich nicht. Ähm. Nein. Ich hätte niemanden anrufen sollen. Ich warte doch nur. Auf den nächsten Zug. Auf die nächste Liebe. Auf Freunde. Auf den Sommer. Und so hebe ich schnell wieder meine Beinchen, bevor sie vollkommen regenwasser- und schneematschdurchtränkt sind, lege mich auf die Parkband, blicke in den Himmel. Ein Glasdach schützt mich vor Direkteinschlag, doch die Massen kommen durch die Schräglage trotzdem auf mich zu. Langsam, am Boden dahergekrochen.
Plötzlich gehst du vorbei. Siehst mich, sagst nichts. Setzt dich nieder. Du hast heute wohl auf die Jacke vergessen. Dein Pullover ist vollkommen nass. Neben mich setzt du dich, genau neben mir sitzt du. Ich habe mich erst kurz vorher wieder aufgerichtet, als ich dich erblickte. Du sagst nichts. Ich rauche die Zigarette fertig und lasse meinen Kopf sinken. Strecke mich soweit nach vorne, dass der Regen auf meinen Kopf trifft und ich gehe.

Du bleibst sitzen. Zündest dir eine Zigarette an, legst dich auf die Parkbank und wartest, ob irgendjemand vorbeikommt. Ich gehe aber weiter. Weil mir die Zeit zu wichtig ist, und sie heute mal wieder rast. Keinen Sekunde scheint die Uhr auszulassen, ohne zumindest einen Zeiger zu bewegen. Wo er jetzt wohl sein wird, rufst du mir nach. Ich weiß nicht, brülle ich zurück. Ich hoffe nur, somewhere on the brighter side. Die Dunkelheit hat mich wieder und ich tauche ein in dieses Gefühl aus schöner, gewollter Einsamkeit und schwarzer Unberührbarkeit. Und zünde mir eine Zigarette an.

Sotto Il Tiglio.

Sotto il tiglio del mio cuore, c’è posto per una sola cosa. Ma io sono convinto, che non mi vuole lei.

Die Überraschungen der alltäglichen Wettereinstürze üben Eindruck auf mein Gemüt. Kurze Zeit Schneeschauer, dann Regen, Sonne, Regen, Dunkelheit. Die Kälte hier macht mir zu schaffen. Meine Füße frieren, und mit ihnen mein ganzer Körper. Ich richte mich auf. Das abgedunkelte Zimmer bekommt nur elektrisches Licht zu Gesicht.

Ich sehne mich nach Sommer. Nach Sonne. Nach der Heiterkeit des Seins. Der Leichtigkeit des Lebens. Ich weiß, dass im Sommer wieder alles besser ist. Winterdepression scheint bis dahin vergessen, und mit ihr hoffentlich so vieles, was mich jetzt noch beschäftigt. Ich freue mich auf die saftig grüne Wiese, auf der ich mein hässliches Lignano-Badetuch ausbreite, und von einer wunderschönen Welt träume.

Wie schon lange, habe ich auch heuer keinen Brief ans Christkind geschrieben. Jahrelang, als kleines Kind legte ich meine Briefchen, sorgfältig geschrieben und korrigiert, auf mein Fensterbrett. Wünschte mir Weltfrieden und eine Autorennbahn. Weltfrieden und eine Laubsäge. Weltfrieden und einen Globus. Bekommen habe ich alles. Außer Weltfrieden. Und deswegen bin ich wohl der Meinung, dass das Christkind keinen Brief mehr von mir verdient. Ich glaube immer noch an Weltfrieden. Irgendwann. Nennt mich Träumer und weltenfremd. Irgendwann einmal kommt die Zeit. Und ich bin der festen Überzeugung, dass ich selbst es noch erleben darf.

Ich sehne mich nach der Sonne, die mich auftankt und mich leuchten lässt. Freue mich auf den Sonnenbrand, den ich nach meiner ersten Session am See immer mit nach Hause mitnehme. Freue mich auf die Gesichter meiner Freunde und auf dein Gesicht. Ich kenne dich noch nicht. Kenne nicht deinen Namen, kenne nicht deine Gesichtszüge. Aber ich weiß, es gibt dich irgendwo, irgendwo, da draußen. Und ich werde an deinen Worten hängen und mich an deinem Lachen verzehren. Ich werde Gefühle fühlen, so befreit und sorglos, dass selbst ich von diesem Gefühlsmonotismus beeindruckt sein werde.

Dieses Jahr stellen wir keinen Christbaum auf. Uns ist nicht nach Feiern zumute. Auch kein Adventskranz auf unserem Tisch. Kerzen brennen zur Genüge in unseren Räumen. Rund um diese vielen Bilder von ihm. In der Badewanne, an seinem ersten Geburtstag, schlafend. Der Adventskranz hat so sehr an Bedeutung verloren, als meine Schwester und ich nur noch zwanghaft auf der Blockflöte die alten Leiern vollführten. Und diese Stimmung einfach nicht mehr aufkommen wollte. Und der Christbaum, mit seinen eineinhalb Metern und den Strohsternen, den matten roten Kugeln, er stand nur, um zu zeigen. Es ist Weihnachten. Das Fest der Geburt. Zweithöchster Feiertag in unserem Glaubenssektor. Diesmal wird alles anders. Diesmal ist alles anders geworden.

Ich sehne mich nach dem Geruch des Chlors, wenn wir wieder einmal ins Schwimmbad gehen. Den Geruch des natürlichen Sees. Das Schlucken mehrere Münder voll Seewasser, wenn man sich mal wieder verschätzt hat, und die Tiefe des Sees unbegreiflich ist. Freue mich auf den Geruch, frisch gegrillten Fleisches. Auf die alkoholischen Getränke, die langsam über unsere Gaumen hinabsinken. Freue mich auf die frische Luft. Auf die Spontanität.

Freue mich auf Weihnachten. Anders als normal. Aber ich freue mich. Und wünsche mir, dass nächsten Sommer wieder alles anders ist. Anders als all die anderen Sommer und anders als jetzt.

Die Wahrheit Ist.

Man hat uns nichts getan.

Mit einem kleinen Zittern der Augen liegen wir am Boden. Die ganze Welt scheint surreal. Die Farben werden intensiver und die Sinneseindrücke exzessiver. Die Stimmen erklingen nur mehr wie ein dumpfes Geräusch. Ihr Körper zittert und zeigt Anzeichen für Krämpfe. Ich liege daneben und warte auf den Höhepunkt. Schließe die Augen und schwebe weg. Der von Erbrochenem und Verschüttetem getränkte Boden dient uns als Ablagefläche für unsere unnütz gewordenen Körper. Mit der Hand greife ich nach einer weiteren Pille und lege sie mir auf die Zunge. Die Wirkungen vermischen sich. Ich verliere alles. Die Übersicht über das Sein und die Kontrolle über mich.

Als ich die Augen wieder öffne, liege ich neben einem hässlichen Mädchen. Fast gänzlich nackt wache ich auf in einem stinkenden Bett. Entwische, während ich meine Kleidungsstücke schnell zusammenpacke und im Badezimmer verschwinde. Die Kopfschmerzen lassen mich auf der Toilette niedersinken. Durch das Heben des Kopfes erblickt zum ersten Mal seit gestern mein Spiegelbild diesen Anblick. Ich schrecke zurück. Ich sehe aus, als wäre ich gerade eben erst von den Toten auferstanden.

Auf den Weg, die Treppe nach unten, vorbei an all den Alkoholleichen und Drogenjunkies sammle ich den einen oder anderen Freund auf. Bei manchen, wenn ich mich so umblicke, ist es nicht bei diesen Pillen geblieben. Als wir die Tür öffnen, über die verstreute Kotze steigen und das Tageslicht spüren, schließen sich unsere Augen fast wie automatisch bis auf einen kleinen unscheinbaren Schlitz. Einige von uns sind von diesem Anblick zu sehr beeindruckt, sodass sie sich einen Sitzplatz auf der Stiege vor dem Eingang reservieren. Diese kleine Stufe dient uns nun allen als Sitzfläche um den Morgen kommen zu sehen. Leute gehen vorbei, schütteln nur den Kopf.

Und wir blicken in die Stadt hinein. Sehen zu, wie sie zu leben beginnt, während unsere Leben immer mehr den Bach hinuntergehen. Plötzlich macht noch ein wohlgeformter und wunderbar gedrehter Joint die Runde. Der langsame Zug, das Aufsteigen des sanften, weißen Rauches. Kein hartes Zeug. Etwas zum gemütlichen Abschlusschillen, wie wir immer zu sagen pflegen. „Wir sind der letzte Dreck. Der Abschaum der Menschheit. Das erbärmlichste, elendste, unterwürfigste, jämmerlichste Gesindel das jemals ins Leben geschissen wurde.“, sage ich. Ich zitiere gerne aus Trainspotting. Wir sind Renton und Spud, Sickboy, Tommy und Begby, Diane und Swanney. Mehr sind wir nicht.

Wir hassen das Leben. Hassen den Konformismus der Massen. Nichts, aber auch gar nichts lässt uns an irgend etwas Geregeltes denken. Wir sind anders. Wir wollen, wir müssen anders sein. Sonst fühlen wir uns nicht wohl. Wir wollen nicht ja sagen, zu den anderen, zu den Spießern, die mit Anzug und Krawatte, Lederschuhen und Haargel Tag für Tag in ihre verdammten Büros marschieren. Wir wollen unser Leben leben. Selbst wenn es so schlimm zu ertragen ist, als dass wir diese Kicks wie letzte Nacht brauchen. Wir zerstören uns selbst und mit uns geht auch die ganze andere Welt unter. Ihr seid Idioten, die ihr glaubt, ihr könntet die Welt retten. Wir können sie nicht retten, und wir versuchen es auch nicht. Wir gehen langsam aber sicher mit ihr unter und haben wenigstens gelebt.

Doch die Wahrheit ist. Man hat uns nichts getan.