Erde

Ich öffne die Augen. Meine rechte Gesichtshälfte schmerzt. Langsam hebe ich meinen Kopf, spüre, wie Kieselsteine von meinem Gesicht abfallen.Über mir dieses violette Damenfahrrad. Und die gesamte Welt um neunzig Grad gedreht. Kein Auto bleibt stehen. Und ich bleibe noch eine Zeit lang liegen, gähne und lege das etwas blutende Gesicht wieder in den Schotter.

Lege mich nieder in die Muttererde. Und koste den Geschmack von Gras. Sammle meine Körperteile langsam auf. Das Fahrrad trete ich weg und bleibe doch liegen. Ich weiß nicht, wie ich vom Friedhof zu diesem Straßengraben gekommen bin. Weiß nicht, wo ich mich nun genau befinde.

Ich blicke zum Himmel. Die Sonne steht hoch. Doch ich erkenne nichts wieder. Nicht diesen Baum, der nur wenige Meter entfernt von mir Schatten wirft. Ich zerre mich langsam unter die vielen Blätter. Und schlafe wieder ein. Ein Auto hält.

Traurig.

„Und warum gibst du nicht damit zufrieden, dass du einfach todtraurig bist, weil sie dir nicht das geben konnte, was du wolltest? – „… Ähm.“

Langsam hebe ich meinen Kopf. Ich sitze da, in diesem roten, gemütlichen Sessel. Beide Ellbogen auf die Lehnen gestützt, die Finger verschränkt, den Kopf darauf abgelegt. Bis eben eben. Ich blicke hoch und suche nach Antworten. Hieß es nicht noch vor kurzem, ich solle „Warum“-Fragen einfach streichen? Und was soll das nun bitte.

„Und was steckt nun hinter der Wut, den Vorwürfen und allem?“ – „Sie erwarten jetzt sicher, dass ich Liebe sage. Doch ich empfinde keine Liebe mehr.“ – „Ich erwarte erstmal gar nichts. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.“ Einige Sekunden überlege ich. Lege den Kopf wieder auf meine Finger. „Angst.“, sage ich. Der richtige Zusammenhang fehlt, baut sich erst langsam wieder auf. Ich habe Angst.

Überhaupt habe ich heute schon viel zu oft die Frage vergessen, nachdem ich lange um die Antwort herumredete. Ich fühle mich unwohl. „Etwas unkonzentriert heute, wie?“; Plötzlich meldet sich mal wieder meine innere Stimme zu Wort und kämpft sich durch die Stille, während ich versuche, mich an die Frage zu erinnern.

Die Zeit ist schon lange vorbei. Ich stehe auf. Begleite sie in die Küche, bis sie mich zum Ausgang begleitet. Wieder einma fühle ich mich besser und wundere mich darüber, dass sehr vieles ich selbst erreicht habe. Das Verständnis des Ichs. Meine „Probleme“. Zuhause angekommen, immer wieder diese Sätze im Kopf. Der Versuch, diese Stunden, diese Konversation zu rekonstruieren. Nach kurzer Zeit aussteigen und als aussichtlos betrachten. Immer mal wieder kommen mir Dinge unter. Bis ich sie zurück in den Kopf, in die Gedankenfabrik und -verarbeitungsstelle schicke.

Im Bett liegen. Hundemüde. Den dicken Tuchent hochgezogen, die Augen schließen. Augen auf, der Blick auf den Wecker. Immer noch zu früh, um aufzustehen. Und bemerken, wie ich mir immer wieder die Frage stelle. Ist es Wut, das ich empfinde? Habe ich Angst und ist das alles nur eine Abwehrreaktion? Oder bin ich wirklich nur todtraurig. (Man stelle sich das nur in Anführungszeichen vor, bitte). Was ist es. Was empfinde ich.

Aufgabe für Sitzung Nummer 3. Empfindungen aktiv empfinden.

In Den Fängen.

„Why does my heart.“ – In der einen Hand das Messer.

Langsam führe ich es näher. Bis es knackst und ein Meer aus Bröseln auf dem Teller zurückbleibt. Eine Semmel habe ich in meiner anderen Hand. Ich lese die Tageszeitung. Mord im Pfarrhaus. Explosionen in der Hand. Steuerhinterziehung und Politikerversprechungen. Verärgert schlage ich sie zu, lege sie beiseite und beginne zu essen.

Was doch nur alles in dieser Welt falsch läuft, denke ich mir. Normal ist das nicht. Aber was ist schon normal. Wieder eine Frage, auf die es keine Antwort gibt. Ein Brösel hat sich zwischen zwei Zähne geklemmt. Zuerst mit der Zunge und dann mit einem Fingernagel versuche ich, es rauszubekommen. Jetzt zu sprechen, wäre ein fataler Fehler. Würde komisch klingen, denke ich.

Das Summen eines fast stehenden Automotors. Als ich aus dem Fenster blicke, blendet mich mal wieder der Schnee. Das kleine bisschen Sonne schlägt sich auf die Schneefläche und schießt ihren hellen Schein hoch zu dem Fenster, an dem ich stehe, aus welchem ich sehe. Bekomme ich Besuch, frage ich mich. Ich bin so gar nicht vorbereitet auf Besuch, das ganze Geschirr ist im Wohnzimmer verteilt, die getragenen Kleidungsstücke liegen herum. Doch nur die Post. Ich setze mich auf die Couch. Die Semmel habe ich schon wieder vollkommen vergessen.

Mir ist kalt. Ich hätte vorhin doch nicht auf den Balkon gehen sollen, um eine zu Rauchen. Die Decke schenkt mir ein kleines bisschen Wärme und der Kerzenschein vor diesem scheinbaren Altar schenkt der Dunkelheit etwas Licht. Ich lasse mich zurückfallen, nur der Polster fängt meine Wucht auf. Mein Kopf rollt zur Seite, die Gedanken schwappen, bis ihre Flüssigkeit wieder waagrecht ist. Und während sie langsam aus meinem Ohr tropfen, beginne ich über das Jahr zu fluchen. Ich benutze Schimpfwörter, von denen ich nicht mal wusste, dass sie existieren.

Aber aus dem Augenwinkel heraus erblicke ich wieder die Semmel. So schmackhaft wie es da liegt auf ihrem Teller. Ich richte mich auf, halte mit der einen Hand aufs Ohr und warte, bis sich das Gleichgewicht in meinem Kopf wieder hergestellt hat. Stehe auf und esse einen weiteren Bissen. Nun fällt der Blick aus dem Fenster nicht mehr ganz so schwer. Die Sonne hat sich zu den Bergen am Horizont zurückgezogen. Mit ihren Strahlen streichelt sie all die Nadel- und Laubbäume und senkt sich nieder auf die weiße Fläche. Ein schöner Anblick, eigentlich.

Und plötzlich hascht ein Lächeln über mein Gesicht. Die zwei Katzen tapsen rund um meine Beine herum. Ich bin zu müde, um sie wegzustupsen. Und als ich mich das nächste Mal in den Sessel sinken lasse, denke ich mir. Das hat schon was. Das wird schon. Schön. Und im Gedanken nehme ich all die gedachten Schimpfwörter zurück. Mein Herz schlägt, es ist warm und schmiegt sich an die Rippen. Und in den Fängen der Zeit freue ich mich auf das Jetzt.

Als Dunkelheit.

„Aber das wäre ungerecht.“

Überall schon schießen sie. Abermillionen von sinnlos verbrauchtem Schießpulver. Ich liege auf der Couch und sehe mir die frühabendlichen Jahreswechselfilmalbträume an. Die Katze springt hoch, die Katze springt runter. Will raus und will gleichzeitig noch fressen. Fest eingewickelt klammere ich mich an meine warme Decke. Soll es doch kommen. Ich habe keine Angst davor.

Irgendwann richte ich mich auf, strample die Decke von mir und kleide mich an. Es ist defintiv nicht mehr Sommer. Ein dicker Pulli, warme Socken, Schuhe, Jacke, Schal. Alles du, um mir die Wärme zu bieten, die ich jetzt gerade brauche. Das Auto, in der Garage. Und ich. Bald weg.

Einige Stunden. Dreisam-, Viersam-, Achtsamkeit. Gemütliches Zusammensitzen, betrinken. Ich selbst bleibe nüchtern. Will nicht irgendwo schlafen, will nicht mit dem Taxi nach Hause fahren. Der Countdown und der ewig lange Walzer. „Hast du Vorsätze für dieses Jahr?“ – „Es soll besser als das letzte werden.“ „Schlimmer kann es wohl nicht mehr werden.“, meint sie. „Doch. Es könnte noch so viel passieren“, kontere ich. „Aber das wäre ungerecht.“, möchtest du mir sagen. Wir sehen uns an, und lachen. „Weil ja gerade das letzte Jahr so schön gerecht war.“ Wir lachen. Und erfinden Dinge, die nur wir witzig finden. Irgendwann die angestaute Müdigkeit. Der Abschied. Das Ende. Der Feier zumindest.

Heimfahrt, zuhause angekommen. Garagentor geöffnet, Auto abgestellt. Alles ist Dunkel. Nur die zwei Katzen wuseln noch herum und warten, bis ich ihnen die Tür zu ihrem Fressen öffnen. Stille. Vollkommene Stille in diesem Haus. Hier sitze ich und warte. Warte auf mein Bett, auf morgen, auf die nächsten Tage, auf alles. Ich bin allein. Keine Eltern im Haus, kein reger Verkehr von Besuchern. Nur ich. Und diese Katzen, die ich einfach nicht ausstehen kann.

Allein. Einsamkeit. Die ich genießen kann. Manchmal verfluche ich sie, dann suche ich einen Weg, um ihr zu entkommen. Aber an manchen Tagen tut sie einfach nur gut. Dann brauche ich sie, um wieder zu mir zu finden. Jetzt sitze ich hier. Es ist dunkel um mich herum. Eine Woche werde ich hier alleine zuhause sein. Vielleicht kommen manchmal Freunde zu mir. Vielleicht aber auch nicht. Ich werde mich ins Bett legen und nachdenken. Zumindest heute habe ich noch ausgiebig Zeit dafür. Und irgendwann werden auch sie wieder nach Hause kommen, werden das Haus wieder beleben und ich werde dabei sein. Bis dahin ist hier eigentlich fast nichts. Als Dunkelheit.

Über Den Weg.


Als ich das Fenster runterlasse und sie frage, wohin es denn gehen soll, lächelt sie herein, öffnet die Tür, nimmt den Platz neben mir ein und sagt:“Bis ans Ende der Welt.“

Ich kupple aus und gebe gleichzeitig Gas. Die Red House Painters erklären mir irgendetwas über ein Sommerkleid. Ich stell die Lautstärke zurück. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wohin ich jetzt gerade fahren soll. Ich habe ja Zeit und sicherlich genug Benzin.

„Wie heißt du?“
– „Emily“

Das gefällt mir. Wenigstens fragst du nicht nur aus reiner Höflichkeit zurück. Mein Name scheint dich nicht zu interessieren. Ich gebe Gas, schalte langsam aber beständig auf den vierten Gang hoch. Das Tacho zeigt irgendetwas Zweistelliges an. Das milde Abblendlicht sucht sich den Weg durch den Nebel. Dir scheint kalt zu sein. Ich mache die Heizung an.

„Denkst du nicht, dass es extrem gefährlich ist, nachts irgendjemanden von der Straße aufzusammeln?“
– „Du bist doch Emily. Und nicht irgendjemand.“

Ich lächle. Wunderbar gekontert. Doch du blickst verstört zuerst zu mir, und dann aus der Windschutzscheibe. Als würde ich mich nach etwas umsehen, blicke ich immer unscheinbar nach dir. Du hast wunderschöne dunkle Haar, beeindruckende Augen, sanfte Gesichtszüge. Plötzlich bemerke ich vor mir dieses rote Licht. Ich bremse ab und komme irgendwann hinter der wartenden Kolonne zu stehen.

„Nun sag schon, wohin soll ich dich bringen.“
– „Ich sag’s schon, wenn ich raus will.“
„Was hast du hier denn gemacht, wenn ich fragen darf.“
– „Mir die Landschaft angesehen.“

Ich blicke sie überrascht an. „Die Landschaft? Soweit ich mich erinnern kann, ist das wohl eine der trostlosesten Gegenden der Umgebung.“ – „Für dich vielleicht.“ Und zaghaft erklärt sie mir, wie schön es ist, den wandernden Mond zu beobachten. Zu sehen, wie die letzten Autos in ihre Garagen fahren und Hunde ein letztes Mal ausgeführt werden. Zu sehen, wie am Schrottplatz gegenüber sich Metallteile sammeln und zu riechen, wie diese tote Katze in der Wiese verrottet. Ich stelle es mir vor und kann schon ein kleines Bisschen verstehen, was du meinst.

„Lebst du hier?“
– „Was heißt schon ‚leben‘. Ich wohne hier, hier in der Umgebung. Ich lebe in meinen Gedanken, in meinem Kopf. Lebe, wenn ich auf Freunde treffe oder neue Bekanntschaften schließe.“

Dein Schal wickelt sich immer enger um deinen Hals. Ich bin fasziniert von deiner Person. Mit wenigen Worten scheinst du meine Gedanken wieder aktiviert zu haben. Und dein Lächeln. Dein Lächeln ist verzaubernd. Irgendwann fahre ich wieder der Kolonne hinterher, krieche auf einer dieser normalerweise um diese Uhrzeit wenig befahrene Straße. Einen Jux wollte ich mir machen, als ich plötzlich blinke und in eine kleine Seitenstraße einfahre. Du sagst nichts, sitzt ruhig neben mir, den Kopf an das Fenster gelehnt, scheinbar die Straßenlaternen zählend.

„Was denkst du? Was sind Sterne für dich?“
– „Sterne sind für mich Anhaltspunkte. Wenn die Einsamkeit mit mir Spielchen treibt blicke ich zum Nachthimmel. Und sehe meine Freunde, meine Familie. Sehe die Verstorbenen und alle die ich liebe. Sterne bedeuten mir sehr viel.“

Du nickst. Es scheint so, als wolltest du diese Antwort hören. Du setzt die Konversation fort.

„Sex?“
– „Aber ich kenn dich doch gar nicht.“
Du lachst. „Ähm, was bedeutet für dich mehr, Sex oder Liebe. Oder besser gesagt, kannst du dir Liebe ohne Sex und Sex ohne Liebe vorstellen?“
Peinlich berührt antworte ich ihr: „Nein. Liebe ist etwas so Wunderbares, etwas so Berührendes. Sex ist nur ein wundervoller Beigeschmack. Ich möchte Sex nicht aufs Abstellgleis schieben, aber es muss immer erst die Liebe gebe. Liebe und Vertrauen.“

Du richtest dich etwas auf, fährst dir mit der Hand ins Gesicht, um eine Strähne zu verscheuchen. Du stellst interessante Fragen, dafür, dass wir uns erst fünf oder zehn Minuten kennen. „Hier, bleib an diesem Parkplatz stehen.“ – „Aber wo willst du dann hin?“ Du antwortest mir nicht. Als das Auto zum Stillstand kommt, steigst du aus. Und stellst mir noch eine letzte Frage: „Bist du verliebt?“ Ich blicke bei meinem Fenster raus, und anschließend durch die Windschutzscheibe. Als ich mich wieder zu dir umdrehe, bist du schon aus meinem Auto ausgestiegen. Du hast nicht auf eine Antwort gewartet.

Und doch gehst du mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hätte dir sowieso keine eindeutige Antwort geben können. Ich weiß es nicht. Weiß nur, dass du ein wundervoller Mensch bist. Beeindruckend, wie offenherzig du bist. Gabst kaum Antworten und hast mir doch vieles gezeigt. Ich verlasse den Parkplatz, sehe mich noch um, ob ich dich irgendwo erblicken kann. Doch du bist schon über alle Berge. So scheint es zumindest. Und mit einem Blinken setze ich mein Auto wieder auf die Bundesstraße.

Wäre Er Echt.

Der Traum. Ein Leben.

Langsam öffne ich die Augen. Fest in meine Decke eingewickelt wache ich in meinem Bett auf. Das Zimmer ist kalt, die Heizung wieder einmal ausgefallen. Es ist noch dunkel, noch vollkommen schwarz. Nur kommende und gehende Autos bringen Licht. Ich richte mich auf und denke nach. Lasse die letzte Nacht und die letzten Gedanken Revue passieren. Irgendwann überkommt es mich dann, und ich schüttle den Kopf. Strample die Decke von mir weg und zieh mir warme Socken an.

Minutenlang blicke ich den Kaffee vor mir an. Zwei Pillen Süßstoff, viel Milch. Und außerdem automatisch viel Kaffee. Er ist noch zu heiß, denke ich mir. Mir geht das Ganze nicht mehr aus dem Kopf. Hat sich eingenistet und irgendetwas anderes, vielleicht Sinnfreies, vielleicht Nützliches hinausgestoßen. Als ich auf die Uhr blicke, fasse ich noch einmal die Tasse. Trinke in einem Zug die Tasse leer, stehe auf. Putze mir die Zähne und suche noch irgendeine Kleidung zusammen. Ich habe nie darauf Wert gelegt, dass etwas irgendwie modisch aussieht. Schnell habe ich irgendeine Jeans und irgendein Shirt gefunden. Garniert mit irgendeinem Pullover.

Die fast eine Stunde andauernde Autofahrt lässt mich auch nicht ruhen. Die müden Augen, die Gedanken im Kopf und der Versuch, mich richtig auf die Straße und ihren frühmorgentlichen Verkehr zu konzentrieren, lässt einen Strudel entstehen. Nichts kann mehr in meinen Kopf hinein, und nichts geht mehr raus. Dieser eine Abend also. Er bleibt. Und alles was danach war. Alles was in meinem Kopf entstanden war, alles, was so banal und doch nicht so abwägig ist. Nachdem ich angekommen bin, und meinen Platz gefunden habe, blicke ich immer wieder auf die Uhr.

Es muss doch endlich mal vorbei sein. Und alles und überall und irgendwie kommen sie immer wieder, die Gedanken. Jonglieren sich selbst vor meinem geistigen Auge. Und die Pupille zentriert auf dieses einzelne kleine Ding. Keine große Sache und doch gehts nicht mehr raus. Ich bin froh, als ich mir wieder den Schlüssel schnappe und nach Hause fahren kann. Deutscher Indie-Pop erzählt mir etwas von Leben und Sterben. Von Im-Taxi-Weinen und dem Typen vom Balkon gegenüber. Ich ziehe langsam an der Zigarette an, das Fenster ein kleines bisschen gekippt. Um nicht neben dem aktiven Rauchen auch noch passiv getötet zu werden.

Zuhause ist alles gleich. Der ewige Kreisverkehr aus Verständnis und Endnis. Aus „Du musst“ und Verlust. Alles, wie es war. Nur eben anders. Ich versumpfe vor meinem Notebook, zähle die geschriebenen Worte und höre mein Handy vibrieren, um mir einen versäumten Anruf mitzuteilen. Ich ignoriere ihn. Der Media-Player rotiert. Immer und immer wieder diese Lieder. Alles doch nur eingebildet und dieses Bild in meinem Kopf. Es wird Mitternacht. Draußen schneit es nicht, es stürmt nicht, es friert nur. Und ich krabble unter die Decke. Lege mir den Polster zurecht und schließe die Augen. Nur, um zu wissen, dass sich alles morgen wiederholt. Und doch so anders sein wird.

Träume haben die Macht, schier Unmögliches plötzlich möglich erscheinen zu lassen. Man wacht auf, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, und Minuten später erfährt man aus eigener Erkenntnis, dass es doch alles nur ein Traum war. Dieser Traum. Mein Leben.

Read My Mind.

Du liest dieses Buch. Als du aufblickst, ist die Welt ganz anders, als du sie in Erinnerung hattest. 

‚Nothing’s going right today, cos‘ nothing ever does.‘ Richard Ashcrofts Worte rotieren schon die ganze Zeit in deinem Kopf. Langsam lehnst du deinen Kopf gegen das kalte Fenster des Zuges. Blickst auf die eisigen Schneeflächen, du durch das schräg einfallende Licht durch die Dunkelheit leuchtet. Und wieder fällt dein Blick in dieses Buch. Du hasst es, wenn Bücher Abnützungserscheinungen zeigen, und doch machst du immer ein Eselsohr auf die zuletzt gelesene Seite.

Mehr und mehr Leute steigen hinzu. Und doch ist der zug viel leerer als er es normalerweise ist. Die ganze Welt hat frei, denkst du dir. Wie lange fährt er wohl dieses Mal. Und wohin fährst du eigentlich. Diese Gedanken sind dir egal, viel zu vertieft bist du in dieses Buch. Als der Schaffner dich nach deiner Zugfahrkarte fragt, hältst du ihm dein Lesezeichen hin. Er sieht es an, erfährt wohin du fährst, stempelt es und geht weiter. Keine schlechte Idee, denkst du. Eine Zugfahrkarte als Lesezeichen.

Du folgst den Geschichten durch den kalten Schnee. Als sie zu laufen beginnen. Als die Küsse folgen. Und am Dachboden gekramt wird. Als man schmerzvoll erlebt, wie sich Liebe anfühlt und man folgt. Ohne nachzudenken. Kann das Buch nicht mehr weglegen und verliert sich selbst auf den Weg zum Ende.  Der Zug hält. Am bekannten Bahnhof, du packst dein Buch in deine Tasche, wickelst dir den Schal um deinen Hals und steigst aus. Begibst dich zu dem Ort, der dir vorbestimmt ist. Und er-, ver-, belebst deinen Tag.

Die Geschichte und die Personen. Du bekommst sie einfach nicht mehr aus dem Kopf. Wanderst in achtzig Tagen um die Welt. Suchst Elementarteilchen oder hilfst bei der Ausweitung der Kampfzone. Siehst diesen Dorian mit schrecklich verzerrtem Blick am Boden. Erlebst die Wandlung zwischen Jekyll und Hyde. Formst den Mord an den Clutters nach. Lebst brutal mit Alex De Large. Bis du wieder in den Zug einsteigst.

Und irgendwann befindest du dich in der Mitte der Welt. Dorthin fährt auch der Zug, in dem du gerade sitzt. Es lässt alles vergessen und die Worte Richard Ashcrofts verlieren an Bedeutung. Bücher haben die Macht, welche sonst nur Musik und außergewöhnliche Filme haben. Sie sind Teil des Lebens. Wenn man es denn zulässt.

Wollte nur mal zeigen, dass Lesen vielleicht „retro“ ist. Aber ich liebe es.

Es Schneit.

„Willst du mich wirklich aus deinen Gedanken löschen?“, fragst du mich. „Ja.“, sage ich, nicke dabei und stopfe all die Erinnerungen an dich in diesen großen schwarzen Müllsack.

Langsam baut sich vor meinem Fenster einiges an kleinen Schneekristallen auf. Der Blick hinaus lässt es in meinem Zimmer warm werden. Die gestrickten blauen Socken wärmen jede einzelne Zehe. Hätte ich einen Kamin, wäre auch dieser jetzt warm, und das Knistern des Holzes würde mich beruhigen.

Die sanfte, selbstzerstörerische Musik lässt jeden Zug an der Zigarette verstummen. Langsam bewege ich mich durch das Zimmer. Plötzlich schneit es. Ich schüttle die Schneekugel und warte bis sich alles wieder gelegt hat. Die Erinnerung und die Gedanken an die Bilder. Als wir auf einer Deckein der Wiese lagen. Die Sonne uns wärmte und das Leben sich als schön offenbarte.

In Gedanken werfe ich sie weg. Werfe sie an die Wand, dass die Flüssigkeit langsam zu Boden läuft und das Glitzern der Schneeflocken an ihr hängenbleibt. Keine Antwort ist auch eine Antwort, denke ich mir und lege mich in mein Bett. Wickle mich in den warmen Tuchent ein und sammle meine Tagebücher vom Boden auf. Es fehlt. Irgendetwas.

Mich in Behandlung befindend, sage ich mir. Ein komisches Wort. Behandlung. Vielleicht lerne ich, wie ich mich selbst behandeln soll. Es würde mir gut tun. Bald werde ich wieder alleine zuhause sitzen und die Einsamkeit für kurze Zeit genießen. Bis ich den Kontakt zur Welt wieder suche. Sich selbst etwas aufzuerlegen, ist schwer. Es einzuhalten, noch schwieriger. Weihnachten ist gefühlsecht vorüber gegangen. Es war weniger schlimm als erwartet.

Was wären nur solche Tage mit jemanden. Ihr wisst schon. Langsam sinke ich in die Fantasie der Musik hinein. Setze mich auf die Fensterbank, blicke hinaus. Es war dunkel geworden. Die Schneeflocken sinken langsam zu Boden. Der Asphalt der Straßen ist von einer kleinen Schicht eingesäumt. Ich blicke zum Himmel. Sehe den abnehmenden Mond, und die unzähligen Sterne. Und fühle mich plötzlich nicht mehr einsam.

Several Thousand. Years Of Talking. Nonsense.

Ich zähl die Stunden, die Sekunden. Der Stift. Er rutscht. Aus meinen Händen und zersplittert am Boden.

Dutzende Seiten, gefüllt mit meinen Worten. Meinem Leben, festgehalten in schwarzer Schrift, meine Handschrift. Oftmals bemerken, wie zwanghaft Worte herausgepresst und darin hineingestopft wurden. Und manchmal kamen sie wie von selbst. Mussten rein und passten nur da rein. Ich habe Geschichten geschrieben, Erlebnisse, Sätze, die mir im Gedächtnis bleiben sollen.

Es ist ein interessantes Gefühl, in ihm zu blättern. Mein Tagebuch. Mein Leben in diesem Jahr. Meine Verliebt-, meine Vernarrtheit. In einige Personen. In eine Person. Glückvolles Beginnen des Jahres. Verstört-hoffendes Beenden. Das ist mein Leben. Das war mein Jahr. Und wieder habe ich viel zu wenig hineingeschrieben. Vor allem nach dem Schicksalsschlag war es anders. Da habe ich es mir zwar oft vorgenommen, aber dann doch nie getan.

Das Buch für das nächste Jahr liegt schon bereit. Nächstes Jahr möchte ich anders schreiben. Keine sinnlose Aufzählung. Keine Fragen. Und keine Erklärungen. Nur Leben, verpackt in Worten. Melodramaturgie wird nicht völlig verschwinden. Egal. Nächstes Jahr soll alles anders werden.

Und dann sitze ich hier und versuche Worte zu finden. Und denke nach und verliere mich. Mir fällt der Stift aus meinen Händen. Und findet sich zersplittert auf dem kalten Boden wieder. Was sind schon Worte. Für wen brauche ich dieses Buch meines Lebens. Wen würde es schon interessieren. Warum mache ich mir überhaupt die Mühe.

Wegen mir. Ich brauche das. Immer mal wieder reinzuschnuppern in die Vergangenheit. Und die Gegenwart meist spätabends sich wiederholen lassen. Und alles. Einfach ich in diesem Buch versinken. Dem Buch meines Lebens. Dem Buch des Jahres.

… Und Das Etwas Andere Weihnachten

Timi ist gerade erst ein halbes Jahr alt.

Als die Welt um ihn in Stress versinkt, er viele Menschen nur mehr selten sieht. Weihnachten würden es alle anderen nennen. Doch für Timi ist all das unverständlich. Das Fest der Geburt eines kleinen Kindes. Zu früh wäre es, um ihm alles zu erklären. Für ihn soll das
Weihnachtsfest eine Überraschung sein.

Alle finden sich ein, bei Timis Urgroßmutter. Wie jedes Jahr feiert die ganze Familie dieses Fest gemeinsam. Das Christkind hat auch einige Päckchen für Timi unter den Baum gelegt. Als endlich Bescherung stattfindet, leuchten seine Augen. Die vielen Kerzen, dieser wunderschöne Anblick. Irgendwie kann er alles noch nicht fassen. Und nachdem er sich eher mehr mit den Verpackungen als mit den Geschenken befasst hat, schläft er irgendwann ein. Schließt die Augen und verschläft den Rest des heiligen Abends.

Seine Familie, die Menschen, die er immer um sich hat und die ihn so sehr lieben, haben sich schon einiges für das nächste Weihnachtsfest
überlegt. Und haben gesagt, dass alles anders sein wird. Dass es ein viel schöneres Weihnachten ist, mit leuchtenden Kinderaugen und einer glücklichen Familie. Weit weg waren all diese belanglosen Weihnachtsfeste, an denen alles wie geplant, wie streng fixiert ablief.
Dieses Jahr würde Weihnachten anders werden, träumten sie.

Und dann hebt Timi plötzlich mit diesem, seinen Engel ab. Und findet den Weg zurück nicht mehr. Freut sich über seine Flügel und fliegt
herum. Er selbst ist ein Engel geworden. Nun ist er nicht mehr dieser lebendige, lebenslustige kleine Engel auf Erden. Er spielt nun im
Himmel. Und manchmal verliert er auch Gedanken, an all die Menschen, die ihn lieben.

Plötzlich steht das Weihnachtsfest wirklich vor der Tür. Seine Familie gibt zu, dass alles anders ist. Aber anders als gedacht. Zwei
leuchtende Augen fehlen. Ein Mensch fehlt. Weihnachten wird nicht so, wie es sich alle vorgestellt haben. Statt Lachen und Freude, werden Tränen erscheinen. Tränen, die mehr als begründet sind. Man feiert die Geburt eines kleinen Kindes. Und fühlt den Schmerz um den Verlust des eigenen. Nichts ist so, wie es sein sollte. Und doch ist es.

Und manchmal blickt Timi herab. Sieht diese, seine Menschen, wie der Stress an ihnen vorüberzieht. Sieht, wie traurig alle sind. Es gibt
sogar Momente, an denen er sich zurückwünscht. Und dann taucht er auch in den Träumen mit auf. Nur um seinen Lieben zu zeigen, dass es ihm gut geht. Ihnen hingegen geht es nicht gut. Und das Fest ist dieses Jahr wirklich anders. Anders als all die Jahre zuvor. Anders als gedacht.

Ich habe schon fast Angst vor heute. Schon fast. Angst.