Komm, schlaf bei mir.

Die leichtschwüle Luft dieses spät einkehrenden Sommers drückt uns beinahe zu Boden, als wir, Hand in Hand, die Finger ineinander verkettet, verbunden, den von Straßenlaternen gesäumten Weg entlangschlendern. Wir haben uns den Sonnenuntergang angesehen, haben Stunden damit verbracht, uns zu unterhalten, und am beinahe überfluteten Steg die Enten am See und die Wolken am Himmel zu inspizieren.

Diese zwei, drei Biere, dieser Wein, diese unzähligen Zigaretten. Und die Gespräche, die manchmal vor Tiefsinnigkeit nur so trieften, die Philosophie Marke Hausverstand hervorhob und uns all zu oft nur klüger erscheinen ließ, als wir es in Wahrheit sind. Und im Gegensatz dazu all die lustigen Anekdoten aus unserer beiden Leben, und die Momente, in denen wir uns vor Lachen kaum mehr einkriegen konnten. Und manchmal, wenn der Himmel gerade keine guten Wolken zu bieten hatte, und die Enten alle scheinbar auf Tauchstation waren, haben wir uns in die Augen gesehen. Nur kurz, aber eben doch.

Gleich sind wir zuhause. Nur noch einmal in diese Straße einbiegen und die Treppe hinauf. Und dann würden wir uns verabschieden und uns vielleicht noch zuwinken und dann in unsere beiden Wohnungen gehen, noch die Zähne putzen und dann ins Bett sinken, leicht beduselt, und mit einem Lächeln und Gedanken an uns einschlafen.

Du lässt meine Hand los, kramst nach dem Schlüssel, öffnest die Tür. Ich trete ein und im Eingangsbereich verketten wir uns wieder in dieselben Gespräche, die es verursachten, dass wir hier nun stehen, mitten in der Nacht. Und plötzlich ist es mir nicht mehr egal und plötzlich möchte ich dich einfach nur küssen. Küssen für diesen Moment und küssen, rein des Küssens wegen. Weil der Tag mit dir so schön, der Abend eine Offenbarung war. Und weil du mir gerade eben vielleicht doch etwas mehr bedeutest, als das, was du für mich bist.

In Wahrheit bist du ja doch nichts. Nichts, als eine Unbekannte, eine flüchtige Bekannte. In Wahrheit ist das, was uns verbunden hat und uns gerade in diesem Moment verbindet unser beider Verlangen und die Vorstellung und die kaum durchdachte Idee. Und irgendwann höre ich schließlich auf, über Trivialitäten zu reden und wir winken uns eben nicht zu. Umarmen uns und irgendwann berühren sich schließlich unsere Lippen.

Als wir uns lösen können, meinst du nur: „Komm. Komm mit. Komm, schlaf bei mir.“ Und es ist mir egal und ich folge dir. Folge dir in deine Wohnung und wir küssen uns, und halten uns an den Händen, verketten unsere Finger wieder. Spüren uns und berühren uns und schlafen irgendwann, kurz vor Sonnenaufgang ein, meine Hand um dich gelegt.

Sie strahlt in dein Zimmer und dein Vorhang hält nur wenig von der morgentlichen Sonne zurück. Ich bin munter und höre dich atmen, sehe dir zu, während du noch schläfst. Denke nach und bin plötzlich froh, gestern irgendwie gedankenlos gewesen zu sein. Und bin froh, dass all das, für diesen Moment gestern, genau das Richtige war. Genau das, was es sein sollte, und genau das, was mir gut tat. Und jetzt? Ich habe keine Ahnung, meine Liebe. Keine verdammte Ahnung.

Flattr:
Flattr this

Gemocht?Like This!
Foto: just4ikarus | flickr

Von uns, dem Wetter, dir und mir.

1 | Von uns,

Langsam streichst du mir mit deiner Hand über den Rücken. Es ist still hier. Es ist still und wir beide stehen hier und dein Atem bläst unabsichtlich einige meiner Haare weg. Ich spüre meine Beine  nicht mehr und spüre mein Herz. Spüre mein Herz, wie es ganz fest pocht in meiner linken Brust und wie es ganz laut pocht in meinem Kopf. Du streichst immer noch, ganz sanft, die Wirbelsäule entlang. Mein Kopf ruht auf deiner Schulter. Ich rieche deine Haare, deinen Duft. Und will dich in genau diesem Moment nie wieder loslassen.

2 | dem Wetter,

Es donnert und ich lächle. Und die riesigen Regentropfen klopfen an mein Fenster, wie Finger, die hilflos über den Tisch tapsen. Hie und da fährt noch einer dieser postmitternächtlichen Güterzüge vorbei und bremst nur ein paar Meter vor meinem Fenster, nur um Sekunden später wieder von Null weg loszufahren. Es blitzt. Den ganzen Abend blitzt es schon. In meinem Zimmer ist es ungewohnt ruhig und unpassend dunkel. Unter der Bettdecke kauere ich, lausche dem Regen, wie er immer noch versucht etwas Rhythmisches in mein Leben zu bringen. Nur eines fehlt hier, schon den ganzen Abend. Eines fehlt. Es hat die ganze Zeit kein einziges Mal gedonnert.

3 | dir

Du hast dich nicht gemeldet, und ich habe mir nichts anderes erwartet. Nichts anderes erwartet, von mir, der so sehnsüchtig und wunderbar kindisch auf irgendein Lebenszeichen von dir gehofft hat. Immer nur dieses dumme Vor-sich-Hinstarren, auf das Handy. Und es vibriert nicht. Und dann wache ich auf, irgendwann am späten Morgen und wieder ist nichts von dir da. Ich habe mir zu viele Gedanken gemacht, habe mich zu sehr hineingesteigert. Habe zu viel Herzblut in etwas hineingelegt, was es nicht verdient hat. Und die wirst dich wohl auch nicht mehr melden.

4 |  und mir.

Die Wiese am See füllt sich immer mehr mit Menschen, die sich manchmal nur sonnen wollen. Andere sind auch schon so lebensmüde und hüpfen in das immer noch eiskalte Wasser und wieder andere werfen sich jede mögliche Form eines Balls zu. Ich sitze hier, trinke Bier, und warte. Bis es wieder leerer wird, bis irgendwann beinahe nur mehr meine Freunde und ich übrig bleiben. Und wir zum Steg gehen, die Füße baumeln lassen und Steine hineinwerfen, nur um zu beobachten, welcher die größten Wellen schlägt. Es ist gut so. Das Wetter, wir, ich. Nur du.

Foto: dichohecho

Like This!

Weißt du eigentlich, dass Schmetterlinge mit ihren Beinen schmecken?

„Weißt du eigentlich, dass Schmetterlinge mit ihren Beinen schmecken?“

Meine Gedanken tun weh und ich presse mit beiden Händen, ganz fest an meine Schläfen und kämpfe dagegen an. Gegen diese Kopfschmerzen und deine Anwesenheit hier in meinen Strudel aus Gedanken und Erinnerungen und Wortlücken, die du all die Zeit zurückgelassen hast. Dazu die Stille, die ich zu bekämpfen versuche mit dem langsamen Tippen meiner Finger am Boden, auf den ich mich abstütze.

Es werden wohl schon Stunden sein, die ich hier sitze und das Wetter bricht nicht um und der Regen kommt nicht wieder zurück. Freigang hat sie bekommen, die Sonne, ihre monatlichen 2 Stunden. Und ich brüte und brate in ihr und vergesse, dass ich mich hätte melden sollen und will damit aber auch nicht konfrontiert werden. Lasse mich fallen, zurück, ins wuchernde Gras und drehe meinen Kopf und rieche den Duft.

Viel zu selten habe ich dich gesehen und viel zu oft habe ich dich nicht gesehen und immer und immer wieder dasselbe. Und dann schütt‘ ich mir ein Drittel meines Biers hinunter und den Rest auf meine Hose und denke nur ein kurzes Fuck! und schließlich weiter. Und irgendwie führt ja doch nichts weiter und irgendwie fühlt es sich ja immer noch gleich an. Es fühlt sich immer noch so an als wäre das hier doch genau das Gleiche wie schon all die Zeit zuvor und mein Kopf ist schwer und du nicht hier.

Ich vermisse. Deine Schulter, auf die ich meinen Kopf legen konnte, wenn Umarmungen uns weiter führten, als alles andere es je hätte tun können. Deine vorwurfsvolle Stimme, weil ich heute schon wieder ein Päckchen meiner geliebten Zigaretten verschlungen habe. Und deine Blicke, wenn du dir deiner Sache doch so sicher warst und ich es schließlich bemerkte.

Mir fehlen die Heimfahrten, in denen ich alles nicht wahrhaben wollte und das Zuhause-Ankommen, als ich mich noch einmal, für eine oder für zwei Zigaretten in die Hängematte im Garten legte und die Stille in Kombination mit der Nacht als die perfekte Symbiose ansah. Und dann bemerk‘ ich, wie dumm doch all das war und wie verträumt ich damals war und wie viel klüger ich eigentlich jetzt sein sollte. Und es in gewisser Weise vielleicht sogar auch bin.

Und dann sitze ich in meinem Bett, die dünne Decke ganz fest um meine Füße gewickelt und rauche beim geöffneten Fenster raus und bin überrascht, wie hell der Mond heute sein kann. Und kann es kaum glauben und träume weiter. Träume nach vorne und keinen Schritt mehr zurück und schwöre mir hoch und schwöre mir heilig irgendwann wieder einmal Wolkentierchen zu suchen und mir die Sterne anzusehen. Von genau dieser einen Stelle, auf vielleicht sogar genau dieser Decke.

„Nein. Das wusste ich nicht, Darling. Das wusste ich nicht.“

Foto: Vincepal | flickr


Like This!

Welcome Home.

„Uns fehlt der nötige Weitblick“, sagst du, und stellst dich vor mir hin und versuchst mit zusammengekniffen Augen voller Mut in die Dunkelheit dieser Nacht zu blicken. Es ist irgendwas nach Mitternacht und irgendetwas verdammt knapp vor Sonnenaufgang. Die Feuchtigkeit der Luft befeuchtet immer wieder unsere Lippen und schön langsam geht auch die Kälte aus unseren Gliedern und unserer Kleidung hinaus. „Welcher Weitblick?“, frage ich und wir setzen uns.

Wir brauchen keinen Weitblick, denk ich mir und streiche langsam über das nachtnasse Gras und robbe mich etwas von der Decke herab, die hartnäckig versucht, uns halbwegs trocken zu halten. Wir brauchen keinen Weitblick, weil wir doch nur jetzt sind. Wir sind hier und jetzt und verdammt. Ich denke meist nur die nächsten paar Tage weiter, habe nur einen groben Plan von der kommenden Woche. Aber du siehst mich an.

Siehst mich an und ich weiß, was du denkst. Es ist schwer mit mir zu leben, bin ich doch unzuverlässig wie kaum jemand anderer, und. Ja, es ist schwer mit mir zu leben.  Mit mir beisammen zu sein und sich ausgiebig mit mir zu beschäftigen. Dein Kopf ruht auf meiner Brust und du spürst wie ich atme. Ein. Aus. „Wir brauchen keinen Weitblick.“, sage ich schließlich. Die ersten Strahlen der frühen Morgensonne kommen heraus und du blickst mich an. Küsst mich und ich möchte dich einfach nur wegstoßen.

Weil du mir Angst machst und ich leider auch zur Genüge weiß, wie ich bin. So etwas wie das hier, mit dir. Dieses wir. Es lässt mich all die Unzuverlässigkeit verlieren und plötzlich würde mein Leben sogar wieder so etwas wie Rhythmus erlangen. Und ich wäre wie verändert, so mancher würde mich kaum wiedererkennen. Und dann wäre es eines Tages vorbei und ich würde wieder da stehen. Vollkommen alleine. Unter Freunden. Und würde durch den ungewohnt fehlenden Rhythmus stolpern und einfach nur hoffen, dass alles wieder vorbeigeht und ich vielleicht auch von selbst wieder zurückfinde.

Und aus Erfahrung weiß ich, dass ich es nicht kann. Dass ich nach solchen Enden, ob überraschend oder vorhersehbar, einfach nur peinlich bin. Wie ein kleines Kind, wie jemand, der mit Verlusten nicht umgehen kann. Und ja. Ich kann es nicht. Auch heute nicht, und auch nicht jetzt.

Deswegen lass‘ uns doch bitte hierbleiben. Hier, in diesem Moment. Folge mir hinein in meine Kurzsichtigkeit. So brauchen wir nie Angst zu haben, dass die Liebe irgendwann einmal vorbeigeht. Wir würden uns nie von der Angst treiben lassen und hätten die Freiheit uns zu lieben. Uns zu lieben, im Hier. Verstehst du was ich meine?

Die Sonne ist aufgegangen und du küsst mich immer noch. Ich halte es kaum aus, liebe die Nähe und spüre die Angst. Muss jetzt gehen, um nicht mich selbst zu verlieren. Verabschiede mich vorsichtig und setze zum Rückzug an. Ich will nicht mit dir gemeinsam nach Hause gehen, jetzt, so früh am Morgen. Ich möchte jetzt gerne alleine sein. Irgendwo in der Ferne geht eine Alarmanlage eines Autos los.

Und ich versuche, mich nicht umzudrehen und lasse dich einfach sitzen. Auf dieser Decke, in dieser Wiese. So früh am Morgen und irgendwann hört schließlich auch die Alarmanlage auf. Welcome home.

 


Like This!

Foto: enixii

We looked like giants.

Wir waren wie Helden. Waren Vorlage für schöne Geschichten, Inspiration für die Intros der Anderen. Manche hielten uns für ewig, manche nur für lange. Nur wir, hörten auf. Uns zu halten. Hielten uns nicht mehr und gaben uns auf.

Heute wissen wir es. Die Ewigkeit ist ein Arschloch. Die Inspiration pure Verblendung. Das Heldentum ein Traum. Und das Leben bohrt weiter genüsslich in meiner Nase und spült mir Popel aus den Ohren. Hier sind wir, Leute. Und hier leben/liegen/feiern/kotzen/schlafen wir. Hier küssen wir uns und fühlen rein gar nichts dabei. Hier heulen wir uns aus, weil dieser eine Typ ein Arschloch ist. Das ist es, was das Leben birgt und das war es, was ich so lange Zeit vermisst habe.

Es ist hart und manchmal tut es auch weh. Weil Angst/Wut/Enttäuschung oder manchmal auch eine Riesenpackung Dummheit gegen einen wettlaufen. Und man eben doch meistens verliert. Aber (und das ist vielleicht die Quintessenz des Lebens im Allgemeinen und der Beginn meiner großen philosophischen Karriere): Es ist egal. Man ist nicht aus Zucker und im Regen, nicht aus Porzellan und im Wäschetrockner. Oder was auch immer. Es ist scheißegal, einfach weil es im Paket inklusive ist. Und mit Apfeltasche dazu.

Und deshalb sind auch nicht alle Parties gleich scheiße. Und jeder Regenschauer gleich nass. Manchmal gibt es Sommersturmrabatt, manchmal Spontanitätsbonus. Und manchmal schmeckt sogar die metaphorisch ins Gesicht geschleuderte saure Torte.

Weil die Gespräche wieder da sind. Und die Oberflächlichkeit und die Flüchtigkeit endlich wieder verloren gehen. Weil die Nähe, die mal da war, Heimweh bekommen hat und weil wir uns nicht grundlegend verändert haben. Wir sind immer noch die Gleichen, wir sind immer noch die Vollpfosten und die Zahnstocher-Fechter. Wir sind es geblieben, die Helden.

Die wir zu werden nie geträumt, zu bleiben nie erwartet hätten. Wir atmen tief ein und wir bleiben kurz stehen. Lassen das offene Zigarettenpäkchen auf den Boden fallen, stolpern beim Versuch, es aufzuheben und bleiben sitzen, an die Hauswand gelehnt. Kratzen eine herrenlose Zigarette neben uns auf und entfachen mit einem Zündholz wunderschöne Hundertstel-Erinnerungen. Atmen ein und atmen aus.

Und vielleicht werden wir auch wieder einmal Vorlage sein, für all die anderen. Werden ihnen wieder zeigen, wie Intros auszusehen haben. Vielleicht aber auch nicht. Es reicht schon, wenn man uns so in Erinnerung behält, wie wir sind. Als Giganten. Als Helden. Als uns.

Foto: flickr | creativecommons

„Route wird neu berechnet.“

Kurzzeitstille und Langzeitträume. Sei beide zerplatzen mit Vorliebe in Sekundenschnelle. Man sitzt da, und wundert sich über das Nichts eben gerade und dann kommt ganz unerwartet das Leben zurück. Oder man träumt und plant und schreibt Wünsche auf. Und dann ist es plötzlich wieder da, das Leben.

„Bitte wenden!“

Man möchte die Spur wechseln, die Richtung. „Bitte wenden!“ – „Bitte wenden!“. Aber es geht nicht. Es geht so weiter, wie es war und manchmal lernt man womöglich auch daraus. Dass nichts für ewig ist, zum Beispiel. Kein schönes Beispiel, denn für alle, die das zum ersten Mal wirklich wahrhaben, ist das kein erhabenes Gefühl. Die Ewigkeit war früher immer ein Anker. Ein Halt, der von Ende und Tod und Verabschiedung nie etwas zu sagen wagte. Aber das bringt sie mit, die Erfahrung und das Leben.

Manchmal hilft ein tiefes Ein- und Ausatmen. Mehrfach. Und warten. Warten, bis Schmerz, Enttäuschung und manchmal auch Wut einfach mal nachlassen. Das kann dauern, und man darf sich nicht hetzen. Das würde alles nur schmerzhafter, enttäuschender und wütender machen. Aber wenn all das endlich einmal abgeschlossen, nein … wenn all das erst einmal hingenommen worden ist. Oder überschattet von glorreichen Freuden oder von noch heftigeren Enttäuschungen. Erst dann kann man beginnen, wieder nach vorne zu schauen.

„Route wird neu berechnet“

Und dann gelangt man zurück. Lächelt manchmal über die sterbende Naivität, die das Erwachsenwerden mit sich bringt. Oder über die Wachsende, je nachdem. Man weiß ja nie. Aber schön langsam beginnt man, mit all dem zurecht zu kommen. Und selbst auf dieser neuen Route, auf der Abzweigung, die einem das fortlaufende Leben zwang, zu nehmen, kommt man nicht weg. Es bleibt eben doch alles gleich. Und irgendwann, da wundert man sich wieder über die Kurzzeitstille. Und schlüpft hinein in all die gewohnten Langzeitträume.

Warum? Weil man sich nie verändert. Nie, eine 180°-Wendung vollführen kann oder will. Weil wir uns nie verändern werden. Wir gehen nur weiter und träumen und fallen. Und, Leute: Wir genießen es. Wir wollen uns gar nicht verändern. Würden wir uns selbst so verändern, würden wir jeden gekannten Schutz aufgeben. Würden uns wieder angreifbar machen. Und deshalb bleiben wir still. Und genießen. Das Leben und so.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=uZSobH1wiiM]

Foto: Cane Rosso | flickr | creativecommons

Am Boden geblieben.

Es ist faszinierend, wie rasant sich alles ändern kann.

Wisst ihr vielleicht noch, wie ich früher war? Damals, als ich in jedes Lächeln, jede Berührung, in alles irgendwie die Welt hineininterpretierte, meine Träume zu rotieren begannen und all das in einem bösartigen Verliebtheitshöhepunkt sein vorübergehendes Ende nahm? Nein?

Okay. Jetzt wisst ihr vielleicht wovon ich rede. Ich war sie jemand. Ich war zwar immer zu feige, um auf Nummer Sicher zu gehen, dass nicht nur ich so fühle. Viel lieber genoss ich die mit der utopisch anmutenden Verliebtheit einhergehenden Schmetterlinge in meinem Bauch und um meinen Kopf. Und dazu passend all die Pläne mit Heirat, Kinder kriegen, wie unser gemeinsames Haus aussehen könne, ob wir im Badezimmer zwei Waschbecken hätte und welche Gardinen im Wohnzimmer besser zur gemütlichen Couch passen könnten.

Wer schon die letzten paar Wochen hier brav mitgelesen hat, weiß, dass viel passiert ist. Das eine lange Zeit vergangen ist. Und dann war da dieser eine Kuss.

Und nichts. Keine Träumerei und keine Utopie. Nichts. Nicht gefühllos, nein. Aber zum ersten Mal in meinem ganzen Leben bin ich wohl am Boden geblieben. Habe die kommenden Tage zwar oft daran gedacht, aber nie, wie es sein könnte, sondern nur, wie schön dieser eine Moment war. Und ich lasse mich darauf ein, und mein einziges Ziel war, einfach mal weiter zu sehen. Was sich eben so ergibt.

Aber wer hätte denn damit rechnen können, dass schließlich doch jemand zuviel und womöglich Unnötiges in diesen einen Kuss hineininterpretiert? Und ich es diesmal nicht bin?

Foto: D’Arcy Norman | flickr | creativecommons

Von vergebenen Chancen.

Und dann dieser eine Moment. Perfekt darauf abgestimmt, nach unnötigen überbrückenden Stilmitteln, ein Abschluss für diesen Abend zu sein. Ein wunderschöner Moment und der Anstoß für unzählige Zahnräder, die beinahe schon eingerostet, wieder zu rotieren beginnen. Aber ich habe dazu gelernt. Ich habe aufgehört zu träumen. Träume sollen nicht mehr Oberbefehlshaber in meinem Leben sein. Viel lieber genieße ich es in der Erinnerung des Moments zu schwelgen. Der persönlichen Perfektion so nahe.

Und dann dieses Gespräch. Virtuell, wie so vieles. Und die Erkenntnis, dass dieser Moment nicht überraschend kam. Er kam vor allem: viel zu spät. Es gibt sie immer noch, diese Vergangenheit, die in Komplikationen und unnötigen Fahrspurwechseln kaum zu überbieten ist. Die mich einmal hoch schweben, ein anderes  Mal tief fallen ließ, immer hinein in den Sumpf der Ungewissheit, resultierend aus dem Moloch der unbändigen Feigheit.

Und ich beginne darüber nachzudenken. Viele Monate lang habe ich, jedes Mal, wenn ich meine natürlich angeborene Feigheit überwunden hatte, eine schwere Enttäuschung erlitten. That’s part of the game. Das wissen wir alle. Aber treten diese Enttäuschungen einmal in Rudeln auf, wagt man sich kaum mehr raus, vor die Tür. Wagt wichtige Schritte ganz einfach nicht, weil zu viel aufgebaut und zu viel zerstört werden könnte.

Und durch diesen einen Moment aus Absatz Eins erfährt man, dass es doch noch so etwas Schönes gibt und fühlt sich sicher und ja. Auch selbstbewusster. Ohne all dem, wäre ich wohl noch hängengeblieben in meinem Kreisverkehr, hätte jede Ausfahrt versäumt und wäre wohl so lange gefahren, bis der Tank leer gewesen wäre.

Und selbst wenn das hier nur ein Moment war. Nur ein Moment und nicht der Beginn etwas ganz Besonderen, wie ich insgemein hoffte. Und selbst wenn die Enttäuschung gerade nicht zu leugnen ist, so denke ich daran, dass es nun einfach weitergehen muss. Ich darf mich nicht unterkriegen lassen, mich von der Enttäuschung leiten. Das hier ist es vielleicht doch. Der Start, der Beginn etwas ganz Besonderen.

Vergebene Chancen sind immer die Möglichkeit für einen Neubeginn. Für ein „Restart“ der besonderen Art. Ich fühle mich, trotz Enttäuschung und Rückschlag immer noch außergewöhnlich gut. So soll es weitergehen. Mit einem Smile on my face. Und der Musik im Ohr und der Realität stets im Auge. Scheiß auf all die Träume.

Foto: AleGranholm | flickr | creativecommons

Einfach nur da sein und einfach nur ich sein.

Und als wir uns dann gegenüberstanden.

Und was für Tage, und was für Nächte und was für Schlaflosigkeit. Hier bin ich, liebes Leben. Hier bin ich und bereit, einfach mal überall zu sein. Alles zu tun. Und nicht darüber nachzudenken. Einfach nur da sein und ich sein. Ich, so, wie ich kaum sein konnte.

Hier bin ich, sehe mir den Sonnenaufgang an, mit einem meiner großartigen Freunde, der zur Feier des Tages und aufgrund des vorangegangenen Alkoholkonsums noch spazieren ging. Hier reden wir, tanzen mit Wunderkerzen vor der orange leuchtenden Morgensonne. Trinken Radler und Wein, rauchen Zigaretten und Moods. Atmen die feuchte, kalte Frühlingsmorgen-Luft und fühlen uns gut. Genau so, wie wir uns verdammt noch mal immer fühlen sollten.

Und das Lächeln. Einfach nur dieses Lächeln. Auf meinen Lippen. Ein kurzer Moment. Ein kurzes Sein. Und seit alledem ist mir wirklich vieles noch viel scheißegaler als es mir ohnehin sein könnte. Ich mache mir nicht unnötig Sorgen um Unnötiges. Habe nicht banale Ängste vor Banalitäten. Nein. Ich genieße die Zeit und die Sonne. Und die Zugfahrt und die Stille. Ich genieße es, einfach hier zu sein und atme tief und atme ein. Und atme aus.

Das ist es, was ich vermisst habe und das ist, was ich nie wieder vermissen möchte. Ich habe es vergessen, habe es beinahe verlernt. Stelle mich jetzt vielleicht noch furchtbar tollpatschig an. Aber es fühlt sich schön an. Wunderschön. Weißt du?

Foto: GypsyFae | flickr | creativecommons

Westbahnhof. 23.22 Uhr

Es ist 23.22 Uhr. Ein langer, harter Tag liegt hinter mir. Den ganzen Vormittag und den halben Nachmittag über arbeitete ich an einer Arbeit für die Fachhochschule. Irgendwann dazwischen setze ich mich in den Zug. Nach Wien. Lerne wieder einmal eine Fernsehsendung kennen, genieße das Leben. Mein Leben.

Und jetzt ist es 23.22. Der scheinbar letzte Zug nach St. Pölten. Eine letzte Zigarette bevor ich einsteigen möchte. Ein älterer Mann, sichtlich wankend, nähert sich mir, bittet mich um eine Zigarette. Ich bin da nicht so. Ich gebe eigentlich jedem eine Zigarette. Nur möchte ich dann meistens in Ruhe gelassen werden.

Er beginnt zu reden. Er sei „gerade erst aus dem Häfn“ gekommen. Aus dem Gefängnis also. Ich höre ihm zu, glaube ihm das Ganze auch. Er sieht kaputt aus. Fertig mit der Welt. Irgendwann, nachdem er mir noch zwei weitere Zigaretten abgeschnorrt hat, fragt er mich, ob ich ein Handy besitze. Wofür, war schließlich meine berechtigte Frage. „Die Rettung.“

Ich gebe ihm das Handy, seine nuschelnde, betrunkene Stimme erklärt den Leuten am anderen Ende von seinem Leid. Heroinabhängig, alkoholabhängig, nikotinabhängig. Heute hat er sich zur Abwechslung mal 80 prozentigen Rum injiziert. Er sei ja auf Entzug, auf hartem Entzug. Und jetzt bräuchte er die Rettung.

Das Gespräch ist beendet, ich nehme mein Handy wieder in Gewahrsam. Soll ich jetzt einsteigen? Nein. So gern ich das wohl tun würde, ich kann es nicht. Kann jetzt nicht einfach einsteigen und den Typen da draußen, in seinem grellgelben T-Shirt sitzen, stehen oder liegen lassen.

Wir setzen uns hin, wankenden Schrittes er vor mir, ich folge ihm. Hier warten wir auf die Rettung. Er fragt mich erneut und mehrmals um Zigaretten und schön langsam wird mir um den Restbestand meines Päckchens Leid. Aber nein. Natürlich gebe ich ihm sie.

Er wiederholt sich die ganze Zeit. Erzählt mir seine Geschichte immer und immer wieder. Manchmal mit ein paar neuen Informationen. Zuletzt hat er sich ins Koma gesoffen, für drei Wochen. War scheinbar deshalb auch im Gefängnis. Und von nun an beginnt er immer und immer zu sagen, dass es wohl das Gescheiteste wäre, er würde sich hier vor einen Zug werfen.

Weil er eh nutzlos sei. Ich verneine. Immer und immer wieder. Nein, du bist nicht nutzlos (wir duzen uns seit wir uns kennen). Niemand ist nutzlos. Nein, das machst du nicht. Ach, nein. Nicht heute und nicht jetzt. Wahrscheinlich hätte ich ihm, diesem Unbekannten, der mir seit 23.22 Uhr das Leben schwerer macht, als ich es mir kurzfristig erwartet habe, es nie verziehen, wenn er sich vor meinen Augen vor irgendeinen Zug geworfen hätte. Vielleicht ist das egoistisch. Aber egal.

Immer wieder erzählt er mir seine Geschichte und immer wieder meint er, dass die Sich-vor-den-Zug-Werf-Idee die Lösung für alles sei. Er hat scheinbar wegen dem Gefängnis seine Unterkunft verloren, und seinen Job. Ich wage zu behaupten, dass er den Job entweder sowieso schon länger nicht mehr hatte, und vielleicht nicht nur sein Gefängnisaufenthalt Grund dafür waren. Ihn brauche hier niemand, er ist nur unnütz.

Und ich beginne mich zu fragen. Vielleicht hat er Recht. Vielleicht nützt er hier niemanden mehr. Vielleicht hat er keine Eltern mehr, oder Eltern, die sich von ihm abgewendet haben. Vielleicht hat er keine Freunde mehr, oder Freunde, die nur aus bösem Schein und dem Sumpf aus Drogen entsprungen sind. Vielleicht sieht er keinen Sinn mehr in seinem Leben. Nein. Er sieht definitiv keinen Sinn mehr. Aber trotzdem dürfe er das nicht tun.

Sein Leben wegwerfen. Ist es banal, bei einem Leben wie dem seinen, immer noch für eine Kehrtwende zu hoffen? Für einen Weg zurück zum „normalen“ Leben. Ohne Drogen, hartem Entzug, intravenösem Alkohol oder was auch immer? Ich weiß es nicht.

Irgendwann, nach 15 Minuten ungefähr kommen die zwei  Rettungsleute den langen Bahnsteig 5 vorgeschritten. Ich möchte auf sie zugehen, ihnen erklären, was los ist, und sie gehen nur vorbei. Lassen sich kaum auf Gespräche ein, wirken unfreundlich. Und nehmen ihn mit, bringen ihn in irgendein verdammtes Krankenhaus, das ihm wieder einmal kurrzzeitig helfen wird, oder es zumindest versucht, dass er mal wieder klar sieht.

Mein Herz schlägt von den Zehenspitzen bis zu den Ohren. Er winkt mir noch einmal zu, während er beginnt, den Rettungsleuten zum ersten Mal von seiner Geschichte zu erzählen. Sie werden ihm nicht zuhören, das weiß ich. Sie werden ihn einfach nur in einem Krankenhaus abliefern, das ist ihre Aufgabe. Und irgendwie fühlt es sich gut an, dass ich, für diese 15 Minuten bei ihm sein konnte, ihm zuhörte und immer und immer wieder beschwichtigte, dass es nicht richtig sei, wenn er sich vor einen Zug werfe

Ich kenne nun seine Geschichte und glaube, dass ich sie auch nicht sehr schnell vergessen werde. „Du bist noch einer dieser Menschen, die helfen. Die für einen da sind.“ hat er einmal zu mir gesagt. „Das ist doch normal. Das macht man eben so.“, sagte ich. Ohne zu bemerken, dass hinter uns ständig unzählige Leute vorbeigingen, die sich angewidert abwendeten. Klar. Ich hätte das auch getan, wäre ich ihm nach der ersten Zigarette entkommen. Jetzt bin ich froh, dass ich das nicht bin.

Und während er womöglich immer noch träumt, sich vor einen Zug zu werfen um all dem Elend ein Ende zu setzen,  träume ich für ihn weiter. Träume, dass alles wieder gut wird. So utopisch der Traum auch wirken mag. Es wäre eine Zumutung, wenn man nicht davon träumen würde.

Foto: David Leggett | flickr