
Gib dem Leben die Kraft zurück, welche du nahmst, als du versuchtest, zu lieben …
Langsam atme ich ein. Und überlege mir, wie mein Leben aussehen soll. Dann. Wenn alles vorbei ist. Und jetzt denke ich mir zum ersten Mal, dass es schwieriger ist, über das Leben zu schreiben, als über die Liebe. Das Leben war doch immer da. Das Leben, und der Wunsch nach Liebe. Nun erlebte ich dann zum ersten Mal die Liebe. Und hörte irgendwie auf zu leben. Jetzt bin ich überfordert, mit dem Wunsch nach Liebe und dem viel dringenderen Wunsch nach Leben.
Die Trennung hat mich nur scheinbar zurückgeworfen. Nur scheinbar. Denn sie hat mich, wie die gesamte Beziehung, reifen lassen. Die heftigen Gefühlstage danach, sie haben mich nachdenken lassen. Haben mich philosophieren lassen, über die Liebe, über das Leben, über die Familie, über Freunde und Freundschaft im Allgemeinen. Über meine Träume, meine Wünsche. Meine Ängste. Ich habe mir Gedanken gemacht, über Dinge, die mein Leben einfach bewegten. Gedanken, die meinen Kopf nicht mehr verlassen wollten.
Und dieses Nachdenken über die Vergangenheit, über das Hier und Jetzt und über die Zukunft hat mich in ein schützendes Zelt aus Alleinsein und Einsamkeit gezogen. Darin blieb ich, und bis jetzt bin ich nicht mehr daraus herausgekrochen. Ich sitze immer noch hier drinnen, zusammengekauert, wartend auf irgendjemanden, der den Eingang des Zeltes aufreißt, mich an der Hand nimmt, und mich rauszieht. Ich warte.
Ein sehr weiser Mensch hat einmal gesagt: „Hört auf über das Leben nachzudenken. Lebe einfach.“ Ich habe mir vorgenommen, das auch zu tun. Habe mir gesagt, ich beginne jetzt endlich wieder zu leben. Aber lebe ich denn jetzt? Wohl kaum. Ich warte noch. Begebe mich in Angriffsstellung. Sage mir stets, dass, wenn (m)ein neuer Lebensabschnitt beginnt, ich wieder zu leben beginnen werde. Vielleicht ist es falsch. Aber ich schaffe es nicht. Schaffe nicht, mich aus diesem Zelt hinauszubewegen.
Ja, ich weiß. Draußen hat es 32 Grad. Hier in meinem Zimmer maximal neunzehn. Ich weiß nicht, warum es so kühl ist. Aber es gefällt mir hier. Hier ist sie, meine Einsamkeit. Niemand kommt hier herein, außer vielleicht einmal meine Mutter, wenn sie mal wieder auf das Klopfen vergessen hat, oder meine Schwester, wenn sie vermutet, ich hätte schon wieder Dinge von ihr genommen. Sonst ist hier niemand. Nur ich. Und die Musik. Mein Notebook. Und die virtuelle Welt, in der ich mein Leben mehr und mehr offenbare. Vielleicht verausgabe ich mich hier. Verliere den Blick auf das Wesentliche. Aber es wäre falsch, dem Web 2.0, dem Internet oder meinen Computer im Allgemeinen zu beschuldigen, dass er mich von der Gesellschaft fernhalten würde. Nein, es liegt an mir. Es ist meine Entscheidung.
Der Sommer, die Sonne, der Strand am See. Das war einmal meins. Mein Leben. Dafür bin ich aufgestanden. Daran dachte ich, als ich mich lächelnd ins Bett legte. Doch Zeiten ändern sich. Vielleicht stand die Zeit die letzten Jahre nur etwas still, und nun ist es an der Zeit, all die verlorenen Veränderungen nachzuholen. Ich weiß es nicht. Nur ich verändere mich gerade. Oder vielleicht bleibe ich auch gleich. Vielleicht verändert sich nur mein Umfeld.
Meine Mutter hatte mir heute gepredigt, dass sie es nicht verstehen würde, warum ich nicht mehr am See bin. Mir würde ja das ganze schaden, ich hätte ja die Einsamkeit. Ja, Mama. Du hast Recht. Ich habe die Einsamkeit. Und ich habe sie lieber, als der See mit all den Menschen, bei denen ich nicht so sein kann, wie ich sein möchte. Ich möchte sie nicht mehr jeden Tag sehen. Wenn wir uns einmal in der Woche, so wie jetzt sehen, das reicht. Dann verstehe ich mich mit ihnen.
Aber es ist nicht mein Ding, um halb 3 mit dem ersten Bier anzufangen. Erstens mag ich kein Bier, und zweitens halte ich vom Alkohol im Allgemeinen gegen den Durst nichts. Ich kann nicht mehr ständig unter ihnen sein. Wenn sie nach einer Stunde exzessivem Alkoholgenuss schon so betrunken sind, sodass sie mehr anstrengend, manchmal auch zu beleidigend werden, als nett und einfach nur freundlich.
Ja, ich „genieße“ mein Leben. Hier, in meinem 30 m² großen Reich. Ja, ich habe ein süßes kleines Zimmer. Mit Bett, Fernseher, Radio, Kleiderschrank, Couch, Couchtisch, Chill-Matratze am Boden und … vier Fenstern. Sie geben mir einen Blick auf die Welt. Ich sehe den blühenden Holunder bei meinem Nachbarn, sehe, wenn Autos in unserer Zufahrt einbiegen. Erlebe all das, hier von meiner Couch, auf der ich sitze, lebe, liege, schlafe, und schreibe. Das ist zurzeit mein Leben.
Mit meiner Aussage „Ich mag keine Menschen“ habe ich einige Beispiele dieser Spezies überrascht. Manche auch abgeschreckt. Aber manchmal stimmt es einfach. Da möchte man einfach keinen sehen, erfreut sich der Einsamkeit, der Stille, oder auch der Musik. Und jetzt, wo ich diese Devise … also, „Ich mag keine Menschen“ leben möchte, gerade jetzt verstehe ich mich mit Menschen, mit denen ich eigentlich vorher nie so viel zu tun hatte, viel besser. Das gefällt mir. However.
Auf der Maturareise werde ich viele neue Gesichter kennen lernen. Manche nur für diese sieben Tage. Andere vielleicht sogar länger. Und danach eröffnet sich für mich eine neue Ära meines „Lebens“. Ja, Leben. Ich gebe es auf. Gebe den Versuch auf, jetzt noch versuchen, so richtig zu leben, jetzt, in diesen nächsten drei Wochen. Ich lasse sie passieren. Und dann möchte ich aber wieder beginnen. Möchte es aufnehmen. Den Kampf gegen Lebensunlust und die Liebe. Vielleicht steige ich irgendwann einmal aus Gewinner aus.
Und so schließe ich mein Zelt wieder. Sehe mir den blühenden Holunder noch einmal an, höre die Dashboard Confessional, und warte, bis die drei Wochen vorüber sind. Leben macht ja eigentlich Spaß. Bald wird es wieder so weit sein. Ich bin gespannt. Auf all das ganze neue. Auf die neuen Freunde. Auf das Aufrechterhalten alter Freundschaften. Auf neue Lieben. Auf neue Ängste. Auf neue Enttäuschungen. Auf alles bin ich gespannt. Niemand wird mich aufhalten. Und niemand wird mich auch dazu bringen, mich an den See zu legen, um so zu tun, als wäre das mein Leben. Mein Leben sieht anders aus. Wie genau, das weiß ich noch nicht. Aber denkt euch nichts. Das bin ich. Ich muss doch erst selbst mit der Veränderung zurecht kommen.
Ich habe es nicht verlernt. Das Leben. Lasst mir nur Zeit.