The Stories I Write

Hallo. Mein Name ist Dominik. Und ich habe ein Problem. Ich blogge.

Es hat bei mir lange gedauert, bis ich in den Genuss des World Wide Web gekommen bin. Erst vor vier Jahren war der regelmäßige Gang ins Internet für mich zur Möglichkeit der Flucht aus dieser Welt geworden. Und schon davor hatte ich dieses Problem. Ich schrieb. Tagebuch. Texte. Bücher. Geschichten. Schon damals war schreiben für mich etwas … Befreiendes. Schon damals offenbarte ich in den Texten meine Gedanken, meine Gefühle und meine Ängste. Nicht mit dieser sprachlichen Sicherheit wie heute, nicht mit denselben Worten, wie ich sie heute wähle. Aber ich schrieb.

Manchmal wundere ich mich, wie infantil meine geschriebene Sprache vor fünf oder sechs Jahren war. Mein Tagebuch sollte eigentlich mein Leben beinhalten. Und doch waren es nur gefüllte Seiten voll idiotischem Liebeskummer. Und ich schrieb so selten in diese kleinen Büchlein, dass die eine Liebe schon wieder vergessen war, und der neue Kummer sich auf ein anderes Mädchen bezog. Wenn ich jetzt darin lese, wundere ich mich kaum, warum … naja … früher alles so kompliziert war.

Doch ich entwickelte mich weiter. Die Texte wurden beinahe – ich möchte jetzt nicht sagen reifer – aber zumindest für mein Alter passender. Und dann begab es sich einfach zu der Zeit, dass mein Computer sich endlich mit dem Internet vertrug. Und mein Weg in die schier unendlichen Weiten des Netzes begann. Schnell hatte ich schräge Selbstbau-Homepages. Nur um mich selbst zu präsentieren. All das war für mich damals so kompliziert, nie und nimmer hätte ich viele Texte online stellen können. Und so lebte ich dahin, mit mehr als einem halben Dutzend verstaubten just4ikarus-Pages. Bis ich auf diesen einen Trend aufmerksam gemacht wurde. Bloggen nannten sie das im Fernsehen. Und im Internet schrieb auch jede größere Nachrichten- oder Informationsseite über diesen Hype. Online-Tagebuch nannten sie es. Und somit begann das, von dem ich mich jetzt nicht mehr losreißen kann.

Begonnen habe ich auf Blogigo. Ein einziger Eintrag. Doch als ich Blogger/Blogspot kennenlernte, zeigte er mir die Leichtigkeit des Seins. Und wie leicht es ist, wirklich ein Online-Tagebuch zu führen. Und so begann ich zu schreiben. Über mein Leben. Meine Lieben. Meine Ängste. Meine Gefühle. Meinen Schmerz. Und alle wussten sie davon. Die Meisten sagten mir sofort, dass sie dieser Art von Offenbarung für die gesamte Menschheit nichts abgewinnen können. Fragten mir, warum ich das nötig habe. Warum ich mit diesen Gedanken, diesen Problemen nicht zu meinen Freunden kommen könnte. Ich konnte es einfach nicht. Und ich kann es immer noch nicht. Ich kann über meine Gefühle nur sehr schwer reden. Selbst wenn ich Vertrauen zu jemandem habe, habe ich doch diese Angst, irgendetwas Falsches zu sagen. Und bei einem Gespräch auf verbaler Basis habe ich immer vor einer Sache Angst. Der Antwort. Nichts lässt mich öfter schweigen, als diese Angst.

Hier im Internet ist das nicht so. Hier schreibe ich. Veröffentliche es. Und vielleicht, dann und wann, bekomme ich einen Kommentar. Oder die Leute da draußen, sie reden mich auf diesen oder jenen Text an. Die Meinungen meiner Freunde sind immer noch gleich, wenn nicht sogar noch kritikfreudiger. Nachdem es zwei meiner Freundinnen einmal selbst versucht haben, und bemerkt haben, dass es nichts für sie ist, erfreuen sie sich immer mehr an einer Kritik an dem ganzen Blogging-System. Ohne überhaupt zu verstehen, wie wichtig mir das ganze ist.

Keiner meiner Freunde schreibt so gerne wie ich. Und ich bin auch anders als meine Freunde. In jedem Punkt. Und deswegen ist mir jedwede Kritik von ihnen einfach nur egal. Sie werden mich nie verstehen können. Sie werden nie erfahren, was das einfach für ein befriedigendes Gefühl ist, wenn man sein Online-Tagebuch hier führt, und so viele Menschen es lesen. Wenn man sein Leben mit so vielen Menschen teilt.

Nun ja, nach ca. 140 Einträgen bei Blogspot wechselte ich, aus Design-Gründen, zu WordPress. Und dort führe ich seit Ende Dezember meinen neuen Blog. 222 Einträge sind es mit dem heutigen Tag. Und ich sage es auch, ich werde es nicht aufgeben. Nicht heute. Nicht in den nächsten Tagen und Wochen. Das Bloggen und das Schreiben im Allgemeinen begleiten mich jeden Tag. Auch wenn ich weiß, dass auch hier viele nicht Freunde von Blogs sind: Ich wette mit euch, dass ihr trotzdem in verschiedenen Blogs liest. Einfach aus purem Interesse. So wie es meine Freunde tun. „Bloggen ist einfach nur doof.“, sagen sie. Und doch kennen sie jeden einzelnen Text von mir. Mir mag es recht sein. Ich schreibe den Blog nicht für sie. Nicht für euch. Sondern für mich.

Und ich lasse es mir nicht nehmen. Wer will, kann man ganzes Leben erfahren. Ich habe kein Gefühl von Scham, wenn es um geschriebene Gefühle geht. Ich schreibe so vieles und veröffentliche so vieles. Es ist doch einfach nur schön, in ein oder zwei Jahren zurückblickend durch die ganzen Blogs zu klicken. Zu sehen wie mein Leben war. Um zu vergleichen mit dem Leben, wie es jetzt ist.

Dann beginne ich noch einmal: Guten Tag. Mein Name ist Dominik. Und ich habe ein Problem. Ich habe viel zu wenig Zeit zum Bloggen.

Bohemian Rhapsody

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Mein Beitrag zum fm4-Kurzgeschichtenwettbewerb worlaut07

Ich führe das Messer langsam an meiner Hand hinunter. Es scheint frisch geschliffen. Man könnte ein Haar spalten, würde meine Mutter sagen. Aber sie ist nicht da. Sie sagt gerade gar nichts. Hier bin nur ich. Ich. Und dieses Messer. Hier sitze ich. Einsam. Allein. Fühle mich unverstanden. Verbraucht. Du bist mir also geblieben, liebes Messer. Du. Küchengerät und Mordmaschine.

Ich bin gerade erst neunzehn Jahre alt. Mein ganzes Leben habe ich noch vor mir. Man ganzes Leben. Und doch glaube ich stets, schon viel zu lange gelebt zu haben. Wie wenn ich schon fertig wäre. Am Ende. Angekommen am Ende dieses langen Weges. Doch ich bin immer noch hier. Hier in diesem Raum, hier unter euch. Ich wäre so gerne einfach weg. Weg von hier. Weg von allem hier. Ich hasse es. Aber das ist euch ja egal. Ihr steckt mich ja hinein. Ich kann nicht selbst entscheiden meint ihr. Und wie ich selbst entscheiden kann. Ich hasse es hier. Das ist sie. Meine Entscheidung. Ich fühle mich so unwohl hier. Alles hat man mir genommen. Meine Genüsse. Meine Träume. Mein Leben. Und jetzt bin ich daran, es mir zu nehmen. Wie ich mich fühle. Wie kurz vor dem Orgasmus. Ich bin angespannt. Und freue mich darauf, wenn es so weit ist. Da ist es noch einmal. Mein Spiegelbild. Ich stehe hier, in meinem Zimmer. Mit diesem Messer in der einen Hand. Ich streiche mir die Haare aus meinem Gesicht, befreie meine Augen von diesem Schopf. Ich hasse mich. Was bin ich schon? Wer bin ich schon? Wem bin ich denn von Nutzen? Ich hasse mich. Ich bin hässlich. Schrecklich. Lange kann ich das nicht betrachten, dieses Spiegelbild. Dieses Bild, mit dem Tod in den Augen. Ach, möchtest du sterben, Spiegelbild. Bitte, sterbe, und nimm mich mit. Erleichtere mir den Weg. Ich schaffe es nicht. Schaffe nicht, dem Leben Lebewohl zu sagen. Hänge ich wirklich noch daran? Nein, ich denke nicht. Ich hasse es doch.

Ich hatte Träume. Ja, wirklich. Es gab eine Zeit, da blickte ich zuversichtlich in die Zukunft. Ich träumte von meinem Leben, wenn ich endlich erwachsen bin. Meine eigenen Entscheidungen treffen kann. Ich träumte von meinem Haus in Kanada an einem See. Träumte von meiner Frau. Meinen Kindern. Träumte von meinem Beruf. Wo sind sie alle hin? Diese Träume. Verschwunden in dem Meer aus Enttäuschung und Schicksal? Ich will es nicht hergeben. Dieses Gefühl, oder die Hoffnung daran, dass ein Traum irgendwann einmal wirklich in Erfüllung gehen könnte. Nur wenige haben es bisher geschafft. Nur wenige Träume wurden Teil meiner Realität. Ich kann nicht mehr daran glauben. Ich habe die Fähigkeit verloren, zu träumen. Ödön von Horváth schrieb einmal: „Ohne Glaube Liebe Hoffnung gibt es logischerweise kein Leben. Das resultiert alles voneinander.“ Er hat Recht. Er war ein so kluger Mensch.

Wo ist er denn, mein Glaube? Ich habe ihn verloren. Wo ist sie hin, die Liebe? Weggeblasen. Erst durch sie kam ich hierher. Und wo ist sie, die Hoffnung? Ich habe aufgehört zu hoffen. Es ist vorbei. Auf was soll ich meine Hoffnungen stützen. Ist doch alles nur Schönmalerei. Ich baue mir keine Traumschlösser mehr. Es tut viel zu sehr weh, wenn aus diesen prunkvollen, schönen Traumschlössern zerrüttete, zerstörte Ruinen werden. Wenn die ganze Welt auf einen einstürzt, und man selbst versucht, sich unbeholfen zu beschützen. Wo sind denn all die Schutzengel, die eigentlich um mich herumschwirren sollten. Sie sind immer dann nicht da, wenn ich sie brauche. Vielleicht waren sie auch überhaupt noch nie da. Man kann nie wissen. Und an Schutzengel zu glauben, habe ich eigentlich auch schon aufgegeben.

ch setze das Messer an meinen Arm. An das Gelenk, aus welchem die Hand wächst. Hier müsste es funktionieren. Hier müsste man es schaffen, das Fleisch zu durchschneiden, um das Blut endlich zu sehen. Ich habe Angst. Ich habe solch unglaubliche Angst. Angst vor dem Tod. Was, wenn … Ach, vergessen wir das. Es ist nichts. Und sollte das Jenseits doch irgendetwas sein, ein Warteraum zur Wiedergeburt, oder der Himmel, dann ist das so etwas wie die Schlagsahne zum Kuchen. Eine Zugabe. Aber der Tod. Er nimmt mir so viel weg. Vor allem eines. Mein Leben. Und auch davor habe ich Angst. Angst vor dem Leben. Was würdet ihr tun. Ihr, ihr da draußen. Die über solche Menschen wie mich nur den Kopf schütteln. Oder enttäuscht sind, dass man sein Leben so leichtfertig wegwerfen konnte. Ich mache das hier nicht leichtfertig. Ich habe meine Gründe. Aber versucht doch bitte nicht, mich zu verstehen. Ihr schafft es nicht. Nicht jetzt. Vielleicht auch gar nicht. Also versucht es nicht einmal.

Ich spüre es an meinem Arm. Wie sich die scharfe Klinge des Messers nur ansatzweise in meine Haut bohrt. Ich zucke zurück. Der Schmerz erschreckt mich. Kann ich es wieder nicht. Ach, verdammt. Die Sonne strömt durch den kleinen Spalt, den mein Gardine dem Tageslicht lässt, in mein Zimmer. Heute wäre ein schöner Tag. Einer der heißesten dieses Frühlings. Das wird also mein letzter Frühling. So vieles habe ich ja noch gar nicht erlebt. Aber ich kann mich nur an all die schrecklichen Erlebnisse, die schrecklichen Begegnungen erinnern. Warum ist mein Leben so schief gelaufen. Warum führen andere das Leben, welches ich so gerne geführt hätte. In einer funktionierenden Familie, ohne Probleme in der Liebe, ohne Druck in der Schule. Ohne Schmerz. Ohne diesen stechenden Schmerz, der mir das Leben so zur Qual macht. Warum spüre nur ich ihn. Warum tötet er nur mich. Was habe ich ihm getan.

Ist meine Tür auch wirklich zugesperrt? Ich sehe nach. Sperre die Tür noch einmal auf. Sehe hinaus. Lausche. Ob sich irgendetwas rührt. Ob ich auch nur das kleinste Atmen hören könnte. Nein. Ich bin noch alleine zuhause. Normalerweise liebe ich diese Nachmittage. Wenn meine Eltern später nach Hause kommen. Wenn ich den ganzen Nachmittag nur für mich habe. Da sitze ich meistens still da. Höre mir Musik an. Lausche den Gesängen. Versuche den Text zu verstehen. Oder ich lese. In dieser Zeit kann ich so gut in mich gehen. Da kann ich auch endlich einmal ich selbst sein. Dieses Gefühl, das ich nicht allzu oft habe.

Es ist gut. Ich bin allein. Niemand kann mich aufhalten. Diesmal nicht. Nein. Ich muss das jetzt durchziehen. Muss es schaffen, endlich etwas durchzuziehen. In mehrfacher Bedeutung. Oh, wie würde ich mich nur hassen, wenn ich nicht einmal das schaffen würde. Noch nie habe ich etwas zustande gebracht. Nie etwas, auf das ich auch stolz sein hätte können. Nein, mein Leben war bis jetzt sinnlos. Zum Wegwerfen. Und das muss ich jetzt endlich auch einmal tun. Jetzt oder nie. Ich ziehe die Gardinen noch weiter zu. Die Sonne … sie soll mich heute nicht berühren. Nicht heute. Nicht jetzt. Nicht mich.

Niemals hatte ich gedacht, dass ich hier, so enden würde. Aber naja, eigentlich war es doch vorhersehbar. Ich liebte noch nie mein Leben. Während andere über ihre Urlaube in fernen Mittelmeer-Mainstream-Lagunen viel zu erzählen wussten, und mir begreiflich machen wollten, warum sie glücklich sind, denke ich mir immer nur: Lasst mich allein. Es interessiert mich nicht. Ich bin eben nicht glücklich. Ich kann nicht davon erzählen. Ich habe nicht dieses wunderschöne Leben, das ihr habt. Ich nicht. Und ich hasse es, an euch denken zu müssen. Ihr, mit eurem Lächeln auf eurem Gesicht. Euer zuversichtliches Grinsen. Ihr habt mich nie interessiert. Und doch wollte ich immer so sein wie ihr. Wollte immer dieses Leben führen. Wollte aus meiner Haut schlüpfen und in eine eurige hinein. Ihr habt mich nie gelassen. Immer wenn ich neben euch stand, war ich nur dieses kleine Gegenbeispiel, das euch zeigte, wie schief das Leben auch laufen kann. Ihr habt mich nie so beachtet. Habt mir nie diese Beachtung geschenkt, die ich verlangte. Die ich gebraucht hätte. Die ich verdient hätte. Nur wenn ich mich irgendwann einmal in den Mittelpunkt drängte, war mir eure Aufmerksamkeit sicher. Aber das tat auch viel zu oft weh, dieses Kämpfen um eure Aufmerksamkeit, eure Beachtung, eure Blicke.

Jetzt kämpfe ich nicht mehr um sie. Verrate mich nicht mehr selbst, nur um eure Beachtung zu erlangen. Jetzt bin ich nur für mich allein. Ihr könnt mir nichts mehr anhaben. Eure gehässigen Anspielungen. Ich bin jetzt keine Angriffsfläche mehr für euch. Für euch nicht mehr. Nur mehr für mich. Und vielleicht habe ich vor mir mehr Angst. Ich wollte immer über euch stehen. Wollte euch zeigen, dass ihr mir nichts anhaben könnt. Ihr konntet. Glaubt mir. Aber ihr seid nicht der Grund. Vielleicht müsst ihr eine Teilschuld tragen. Aber wegen euch sitze ich jetzt nicht hier. Wegen euch zu sterben, das wäre doch viel zu sinnlos.

Ich nehme mir die Möglichkeit auf ein besseres Leben. Nach jedem Tief kommt ein Hoch. Aber ihr kennt mein Tief nicht. Da kann einfach nichts mehr danach kommen. Mir wurde die Möglichkeit auf ein besseres Leben schon vor langer Zeit genommen. All die Illusionen vor dem Leben im Allgemeinen. Es gibt so viele Floskeln, mit denen man meinen Lebensstandard unterlegen könnte. Ich hasse sie alle. Allesamt hasse ich sie. Und kann sie nicht mehr hören. Ich begreife nicht, wie ich hier landen konnte. Mit diesem Messer in meiner Hand. Diesen Gedanken hier in meinem Kopf. Aber ich darf es nicht tun. Ich darf nicht schon wieder aufgeben. Jetzt aufgeben wäre schrecklich. Ich habe doch schon mein Leben aufgegeben, mein Sterben akzeptiert. Wie würde ich denn da stehen. Nicht vor euch. Sondern vor mir selbst. Als Mensch, der mit seinem Leben abgeschlossen, und der immer noch zum Leben verdammt ist. Nein, das will ich nicht. Das kann ich auch nicht. Ich will sterben.

Wieder setze ich es an. Jetzt will ich es tun. Ich sehe mich noch einmal um. In meinem dunklen Zimmer. Nur ganz wenig Licht gelangt durch die durchstrahlten Gardinen in mein Zimmer. Doch da sehe ich es. Meine Mama. Und ich. Und mein Papa. Dieses Bild zeigt uns als überglückliche Familie. Als ein Paradebeispiel. Aber das war doch nur für ein Family Portrait. Mehr nicht. Auch ihr lacht. Ich habe jetzt nichts mehr zu lachen, liebe Eltern. Ihr könnt mich jetzt auch nicht mehr retten, mich für ein Familienportrait holen und mich zum Lächeln bringen. Jetzt ist es zu spät. Ich werde es tun.

Doch noch einmal möchte ich meinen Abschiedsbrief durchlesen. Ich blute ein kleines bisschen an meiner Hand. Ich habe mich geschnitten. Eine kleine, unscheinbare Wunde. Und doch tropft dieser eine Bluttropfen von meiner Hand. Hinunter auf das Bett. Ich wische ihn nicht weg. Die weiße Bettwäsche saugt diesen Tropfen auf. Er wird größer und größer. Ich sehe ihm zu. Das Messer liegt neben mir, am Boden. Und da, auf dem Bett, liegt auch der Abschiedsbrief. Ich nehme ihn noch einmal aus dem Briefumschlag. Drei Seiten ist er lang. Heute, während der Schule, habe ich ihn geschrieben.

„Es ist vorbei. Ich habe mit dem Leben abgeschlossen. Ich hasse das Leben.“ So steht es geschrieben. Ja, ich hasse es auch. „Trauert nicht um, ich habe es hier, wo ich jetzt bin wahrscheinlich besser. Jetzt ist endlich alles vorbei. All der Schmerz. All die Angst. Es ist vorbei. Weint nicht um mich. Vergießt nicht unnötige Tränen für mich. Es hat keinen Sinn.“ Nein, das möchte ich wirklich nicht. Niemand soll um mich weinen. „Ihr habt damit nichts zu tun, liebe Mama, lieber Papa. Ihr nicht. Lebt ein schönes Leben weiter. Ohne mich. Ich habe euch gar nicht verdient.“ Ich bin sinnlos. Nutzlos wurde ich in diese Welt geworfen, nutzlos gehe ich auch wieder von ihr. An meine Freunde habe ich den nächsten Brief geschrieben. „Auch euch gebe ich keine Schuld. Ihr habt euer ganzes Leben noch vor euch, lebt es für mich weiter. Macht es besser. Ich habe mein Leben nun schon hinter mir. Lebt wohl.“ Ihr werdet mir fehlen. Ihr, die mir einen so großen Teil meines Lebens unvergesslich gemacht habt. Aber es ist Zeit zu gehen. Und der letzte Brief ist an sie. Ihr gebe ich ebenso keine Schuld. Sie war nur der Abschluss eines beschissenen Lebens. Ich habe mich mit ihr identifiziert. Habe sie geliebt. So lange Zeit waren wir eins. Waren ein Herz und eine Seele. Du warst die eine für mich. Doch du liebtest mich nicht mehr. Ich war froh, dass du es mir gesagt hast. Mir nichts vorgelogen hättest. Obwohl dies wahrscheinlich vieles anders gestaltet hätte. Man soll sich nie zu schnell in jemanden fallen lassen. Ich habe es getan. Und habe mich selbst verloren. Habe versucht, mit egoistischer Liebe viel zu viel von ihr zu verlangen. Etwas, was sie mir nicht geben konnte. Nicht geben wollte. Sie trifft keine Schuld. Ist sie doch der großartigste Mensch der Welt.

Ich falte die Briefe wieder zusammen. Stecke sie wieder in den Umschlag. Das habe ich also auch erledigt. Mir wird kalt. Ich greife mir auf die Stirn. Kühl. Fast zu kühl. Jetzt sitze ich einfach nur regungslos da. Lausche der Musik im Hintergrund. Leise läuft sie noch. Die CD. The Drugs Don’t Work. Ja, sie wirken wirklich nicht. Vielmehr machen sie alles noch viel schlimmer. Zeigen mir, wie beschissen es sein kann. Machen mich depressiv. Zeigen mir einfach nur die Realität.

Ich habe so viel aufzugeben. Ich habe so große Angst davor. Ich freue mich nicht mehr darauf, wenn es passiert. Ich freue mich auf das Danach. Vor dem Sterben habe ich Angst. Nicht vor dem tot sein. Das gibt mir vielleicht all das wieder, was ich hier auf Erden vergeblich suchte. Hoffentlich. Sonst wäre auch das umsonst gewesen. Und wie alles könnte man auch das nicht mehr zurückdrehen. Es wäre geschehen. Es wäre der Abschluss dieses langen Weges, den man Leben nennt. Vielleicht ist das nicht wirklich das Ende. Sondern nur eine falsch gekennzeichnete Abkürzung. Um das Leben, den Weg kürzer zu machen. Vielleicht. Kann ja sein.

Ich vergesse mich. The Verve spielen sich mit ihrem psychedelischen Sound und ihren minutenlangen Gitarrenriffs in mein Gehör. Und es gefällt mir. Ich könnte mich fallen lassen. Könnte all meine Träume in Erfüllung gehen lassen. Doch dieses Gefühl hält nur kurz an. Und es bricht doch alles wieder ein sich zusammen. Die ganze Welt. Da hilft nicht einmal ein Trance-ähnlicher Zustand. Dieses scheinbar schöne Gefühl, es geht so schnell, wie es auch gekommen war.

Jetzt höre ich sie wieder. Diese Stimme in meinen Kopf. Die immer und immer wieder zu mir spricht. „Ich kenne dich schon so lange. Erinnere mich zwar nicht mehr an deine ersten Jahre. Doch ich erinnere mich an die Zeit, als du noch ohne Sorge warst. An die Zeit, in denen du träumen konntest. In der Träume wahr wurden. Als du an das Christkind geglaubt hattest. Und deine Eltern die Größten, die Besten waren. Du noch Respekt vor ihnen hattest. Als die Hierachie noch klar erkennbar war. Als du das Nesthäkchen warst. Als … ja, als noch alles gut war.

Doch auch du wurdest älter. Wurdest größer. Und du glaubtest, du wärst so viel reifer, so viel gescheiter, so … viel besser als all die anderen. Du wärst etwas Besonderes. Klar, jeder Mensch auf dieser Welt ist besonders. Ist einzigartig. Auch du. Aber du bist nicht der Mittelpunkt des Universums. Bist nur einer unter sechs Komma sieben Milliarden Menschen auf dieser Welt. Du bist nur einer unter Milliarden. Es muss dich nicht jeder kennen. Es muss dich nicht jeder mögen. Und es mag dich auch sicher nicht jeder, der dich kennt.

Aber du versuchst krampfhaft, dich in den Mittelpunkt zu stellen. Um erkannt zu werden. Um geliebt zu werden. Doch du polarisierst. Du machst es mir so schwer, dich zu mögen. In manchen Momenten hasse ich dich einfach nur. Würde dich am liebsten in einen Schrank sperren und den Schlüssel wegwerfen. Würde mich am liebsten umdrehen und weggehen, nur um dich nie wieder zu sehen. Doch wir hängen zusammen. Wir können nicht ohne uns. Ich kann nicht mit dir.

Warum bist du so? In manchen Momenten erkenne ich dich gar nicht mehr. Du kommst mir vor wie ein Phantom. Wie ein Geist. Verfolgst mich. Und ich komme nicht los von dir. Lass mich so leben, wie ich es möchte. Lass mich handeln. Lass mir meine Träume. Lass mir meine Ängste. Versuche nicht, aus mir einen anderen Menschen zu machen. Ich möchte noch nicht erwachsen sein. Und ich möchte auch kein Kind mehr sein. Ich möchte so ein Zwischending sein. Verantwortungsbewusst und kindisch. Kindlich und erwachsen. Spaßvogel und ernstzunehmender Mensch. All das möchte ich sein. Aber du lässt mich nicht. Du verlangst von mir, dass ich so lebe wie du. Oder zumindest, dass ich akzeptiere, dass du so lebst.

In manchen Momenten hasse ich dich. Dann schreie ich auch meine ganze Seele raus, wenn irgendein emotionsgeladener Song in meiner Playlist auftaucht. In diesen Momenten möchte ich dich schlagen. Dich verprügeln. All meine Wut, die ich auf dich habe, herauslassen. Aber das schaffe ich dann nie. Ich schaffe es nicht, dich zu verletzen. Dazu bin ich viel zu selbstverliebt. Wenn ich dir wehtun würde, würde es mir Schmerz zufügen. Und das mache ich sicher nicht. Ich brauche nicht leiden, für deine Taten. Obwohl ich es schon so lange tue.

Lass mich doch einfach nur mal so leben. Mische dich nicht ein. Gib mir Freiraum. Dränge dich nicht so in den Vordergrund. Weiche mir aus. Denn ich weiche dir aus. Auch wenn du für mich lebensnotwendig bist. Ohne dich geht es einfach nicht. Genauso wenig wie du ohne mich existieren könntest. Ich kann zu dir nicht sagen: Vergiss mich. Geh mir aus dem Weg. Es geht nicht. Wir sind siamesische Zwillinge. Ein Bund wie Dumm und Dümmer. Dick und Doof. Mann und Frau. Ich kann dich nicht vergessen, dir nicht aus dem Weg gehen Und du auch nicht.

Wir können nur versuchen, in Symbiose miteinander zu leben. Und du weißt doch, was Symbiose heißt … das Zusammenwirken von mehreren Faktoren, die sich vielfach gegenseitig begünstigen. Versuchen wir es. Würde ich dich aufgeben, würde ich auch mich aufgeben. Du hast auch Vorteile, natürlich. Doch wenn ich an dich denke, fällt mir kein einziger ein. Aber ja, versuchen wir es. Vielleicht schaffen wir es. Vielleicht schaffe ich es, dich zu mögen.“

Nein, du schaffst das nicht. Du wirst es nie schaffen, mich zu mögen. Selbst ich habe es schon aufgegeben. Man kann mich nicht mögen. Man kann mich maximal nur ansehen und sich eine Meinung bilden. Mich kennen zu lernen fällt viel zu schwer, als dass sich viele Menschen diese Mühe machen. Jene, die es wirklich versuchen, nenne ich meine Freunde. Aber du. Du, die Stimme in meinem Kopf, du willst mich nicht kennen. Du willst mich nur verändern. Aber du kannst mich nicht verändern. Niemand kann mich verändern. Ich bin so wie ich bin. Und vielleicht hat diese Einstellung mich auch hier in dieses Zimmer geführt, mit diesem Messer.

Dieses Messer. Messer. Mit seiner riesigen Klinge. Wie verliebt streiche ich über sie. Du bist mein letzter Freund. Begleitest mich bis in den Tod. Eine so schöne Spitze hast du. Ich versuche mich mit ihr in einen Finger zu pieksen. Und ich spüre den Schmerz. Zucke zurück. Wie soll ich es nur schaffen. Mit dieser Angst. Aber ich möchte jetzt nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt. Ich stehe auf, bewege mich durch mein Zimmer. Vorbei an meinem Schreibtisch, meiner Couch, meinem Schrank. Da hängt er, der Spiegel. Doch …

Wen zeigt dieser verdammte Spiegel? Soll das ich sein? Bin das wirklich ich?

ch will nicht so sein. Ich will nicht diese Person sein, dir mir aus dem Spiegel so zweifelnd entgegenblickt. Ich möchte jemand ganz anderer sein. Ich möchte die Fähigkeit besitzen, mein Leben so zu leben, dass ich mich in den Spiegel sehen kann. Doch es ist zu spät. Es ist das letzte Mal, das ich Spiegel sehe … ja, lächle Spiegelbild. Du hast es dir verdient. Du kannst mich auslachen. Du kannst dich auch nicht verändern. Du bist abhängig von mir. Ohne meinem Ich kann es kein Du geben. Du bist nichts. Nur eine Wiedergabe meines Ichs. Bewege ich mich, bewegst dich auch du. Und wenn ich dich nicht mehr sehen möchte, laufe ich einfach weg. Weg von dir. Aber du. Du bleibst. Immer wenn ich dich sehe. Siehst du auch mich.

Jetzt zeigt das Spiegelbild nur ein verzerrtes Bild meines unnötigen Seins. Einen solchen Menschen würde doch niemand vermissen. Einen solchen Menschen kann doch niemand wirklich lieben. Wie kann mich jemand lieben, wenn ich mich selbst noch nicht einmal lieben kann. Wenn ich selbst es viel zu oft versuche mich zu hassen. So lange Zeit habe ich es nicht geschafft. Doch jetzt hasse ich mich einfach. Ich hasse mich, so abgrundtief. Ich muss mit diesem Ich nicht mehr lange weiterleben. Es hat bald ein Ende.

Schon so oft wollte ich mich verändern. Wollte mein Leben umdrehen. Aber es scheint nie zu funktionieren. Setze ich zu hohe Ansprüche an mich? Soll ich mich auch schon mit den kleinen Veränderungen zufrieden geben? Soll ich so weiterleben und warten, bis ich mich von selbst verändere? Bis ich eines Tages aufwache und merke, ich bin ein Käfer? Liege auf meinem Rücken und kann mich nicht bewegen. Nein, ich müsste mich selbst verändern. Ich müsste mich verändern wollen. Damit endlich etwas geschieht. Vielleicht, Spiegelbild, siehst du, dass es so nicht weitergehen kann. Ich muss etwas unternehmen. I’m a creep. I’m a weirdo. I wanna be special. So fucking special. Verstehst du mich? Hörst du mir überhaupt zu.

Bist du überhaupt noch da?

Ich schaffe das nicht. Ich halte das nicht durch. Es muss etwas geschehen. Damit sich mein Spiegelbild in ein Scherbenmeer verwandet.

Mit der Faust schlage ich hinein. Ich hasse ihn. Und da ist es, das Scherbenmeer. Und ich stehe inmitten all der Splitter, die mir die Haut aufschlitzen könnten. Die Finger schmerzen ein kleines bisschen. Aber der Schmerz ist eigentlich nicht so schlimm. Er tut viel eher gut, als dass er mich zerstören würde. Noch einmal schlage ich in die verbliebenen Scherben. Zu immer kleineren Stücken werden sie. Und an den Knöcheln der Finger beginne ich zu bluten. Nicht sehr, es sind nur Hautabschürfungen und kleine Schnitte. Sie tun mir nicht weh. Niemand tut mir weh. Der Schmerz ist weg. Dieser Schmerz, der eigentlich allgegenwärtig war, Tag für Tag. Er ist weg. Jetzt. Für einen kurzen Moment meines nur mehr kurzen Lebens. Doch wie giftige Dornen schlägt er sich wieder in meinen Kopf. Ich zucke zusammen, der Schmerz weitet sich auf. Mein ganzer Körper krümmt sich. Ich gehe in die Knie. Drücke mit den Händen fest gegen meinen Bauch. Ich hasse ihn. Diesen Schmerz. Ich bin ihm völlig ausgeliefert. Habe keine Chance, irgendetwas dagegen zu tun. Ich bin hilflos. Und alleine.

Ich hatte nie eine Abneigung gegen das Alleinsein gehabt. Ich habe die Zeit immer genossen. Aber jetzt liege ich, vor Schmerz gekrümmt am Boden. Jetzt bin ich nicht nur allein. Diesmal bin ich einsam. Einsam und allein. Ein kleines Kind, das sich übersehen fühlt auf dieser Welt. Niemand sieht einen. Niemand hört einen. Man ist nur ein klitzekleiner Punkt auf der Erdkugel. Ein nicht zu beachtendes Stück Scheiße. Sonst nichts. Nicht wirklich. Sicher nicht der Mittelpunkt des Universums. Der man manchmal einfach mal sein möchte. Der Schmerz, er geht nicht weg. Er ist da. Schon die ganze Zeit. Ich halte ihn nicht mehr aus. Keine Medizin, keine Tablette hilft da. Er geht einfach nicht weg.

Fest drücke ich mit meinen Händen gegen meinen Kopf. Ich will raus aus diesem Körper. Will raus aus diesem Leben.

Wenn ich jetzt so zurückdenke … ich hatte keine schlimme Kindheit. Aber ich hatte auch keine problemfreie. Immer wieder wurde von mir etwas verlangt, was ich nie und nimmer schaffen konnte. Ich wurde ein Wrack. Durch all den Druck wurde ich zusammengedrückt. Wurde ein nachdenklicher Einsiedler. Immer mit diesem Schmerz in mir. Niemals wird er weggehen. Der Schmerz wird das letzte Gefühl sein, welches ich noch verspüre, bevor ich meinen letzten Atemzug von mir gebe. Nichts ist so, wie es sein hätte sollen. So wollte ich nie, dass mein Leben endet. Allein, in meinem Zimmer. Im zarten Alter von neunzehn Jahren. Aber ich weiß schon wie das nach meinem Tod ablaufen wird. The Needle Returns To The Start Of The Song, And They All Sing Along Like Before. So soll es auch sein. Keine Trauer für mich. Keine Gedanken an mich. Ich werde dann Geschichte sein.

Und nun habe ich keine Lust mehr. Keine Lust, weiter über Leben und Tod nachzudenken. Ich habe mich entschieden. Ich möchte sterben. Ich möchte den Tod kennenlernen.

Und so nehme ich noch einmal dieses Messer in meine Hand. Ich bin entschlossen. Ich werde es tun. Meine Hand zittert als ich das Messer von meinem Bett aufhebe. Ich setze mich auf den Boden. Ich spüre einen Schweißtropfen, als er langsam von meiner Stirn hinunterläuft. Meine Hand lege ich auf mein Knie. Setze es an. Und ziehe es durch. Ein tiefer Schnitt. Ich lasse das Messer fallen. Das Blut spritzt aus meiner Hand. Ich halte es nicht zurück. Ich verspüre keinen Schmerz. Ich sitze da, wie gelähmt. Und mir scheint es, als würde ich spüren, wie alles Menschliche meinen Körper verlässt. Unaufhaltsam werde ich immer weniger und weniger.

Nie hatte ich an diese Geschichten geglaubt, die mir vom Tod erzählt wurden. Während ich vor mir hinsieche, beginnt er, dieser Film. Der Film meines Lebens. Und ich sehe mich, wie ich geboren wurde. Sehe mich mit meinem verstorbenen Großvater. Oder in meiner Rolle als Lebkuchenmann. Beobachte mich an meinem ersten Schultag. Erinnere mich an die verschiedenen Tode, die ich miterleben musste. Erinnere mich an die Momente, an denen ich mit meiner Mutter allein war und wir aus reiner Freude uns umarmt haben und Tränen vergossen haben. Erinnere mich an meinen Vater, an die Zeit mit ihm. Ich sehe mich in der Kirche sitzen, am ersten Schultag im Gymnasium.

Langsam spüre ich Angst aufsteigen. Das Leben geht dem Ende zu.

Und ich sehe mich während der Sportwoche, als ich meine beste Freundin kennen gelernt habe. Mit der ich so vieles erlebt habe, die zu einem so wichtigen Bestandteil meines Lebens wurde. Sehe mich am See liegen. Mit all meinen Freunden. Spüre mich sinken, wie die Sonne jeden Abend im See zu versinken schien. Sehe all die schönen Momente mit meinen Freunden.

Und dann sehe ich sie. Unsere erste Begegnung, vor zwei Jahren. Ihr junges Gesicht, ihre schönen Augen. Und wie schon die ganze Zeit, sehe ich mich aus der Beobachterperspektive. Ich sehe mein Lächeln, als ich sie sehe. Und dann spüre ich ihre Lippen. Jetzt bin ich bei unserem ersten Kuss angelangt. All die schönen Momente mit ihr ziehen vorbei. Und nun auch die Tränen, die ich wegen ihr, die sie wegen mir vergoss. Und ich denke mir, gut dass es vorbei ist.

Das Blut auf meinem Boden wird immer mehr. Meine Jeans, mein T-Shirt, alles ist getränkt von meinem eigenen Blut. Und doch verspüre ich noch so viel. Habe noch so viele Gedanken. Kann noch so vieles tun. Der Film geht noch weiter. Ich sehe mich die Matura machen. Und mich auf diesem einen kleinen Berg sitzen. Der Berg, der mir den Überblick über die ganze Stadt, über mein ganzes Leben schenkt. Auf diesem einen kleinen Berg, meine beste Freundin hat ihn mir gezeigt, saß ich oft. Und dachte nach. Schenkte niemandem mehr Beachtung und fühlte mich einfach nur wohl. Niemand anderer durfte bei mir sein. Das sollte mein Berg sein. Und ich sehe mich, bei all meinen falsch verlaufenen Liebschaften. Ich sehe all die Mädchen, an die ich mich verlor, noch bevor sie mir sagen konnten, dass sie kein Interesse haben. Ich spüre all die Küsse, die ich mir gewünscht habe, die ich aber nie bekam. Und noch einmal empfange ich diese Zärtlichkeit, die ich bei ihr so liebte. Es schien, als würde mir jemand durch mein Haar streichen. Würde mir mit den Fingern über die Wange fahren. Und ich spüre den leisen, warmen Hauch ihres Atems in meinem Ohr.

Und eine Flut von Gefühlen, von Gedanken, von Schmerzen, und von Angst überströmt mein Leben. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Ich bin ein blutleerer Mensch. Mit mir verlieren so einige Menschen einen guten Freund. Und mit dieser Tat habe ich mir die Chance vertan, das Leben noch einmal zu versuchen. Ich hätte es noch einmal versuchen sollen, es besser zu leben. Mit meiner anderen Hand drücke ich mir auf die klaffende Wunde. Nicht um die Blutung zu stoppen. Nur um den Schmerz etwas zu besänftigen. Meine Hand tobt.

Schön langsam hauche ich die letzten Atemzüge ein und aus. Und, bedingt durch das Verlieren von Kraft, scheine ich jeden Zug zu genießen. Langsam ein. Und langsam wieder aus. Ich röchle noch nicht. Noch kann ich atmen. Noch spüre ich etwas Leben in mir.

Und diese Flut aus Gefühlen, sie scheint mich zu erdrücken. Wie eine riesig große Welle. Und ich, ich liege am Strand. Die scheinbar wunderschöne Szene, so gewaltig, und so tödlich. Und all die Gedanken, die jetzt noch in meinem Kopf herumschwirren. Ich scheine, unter ihnen begraben zu werden. Die Bilder von meiner Familie, von meiner großen Liebe, von meinen Freunden und auch jene von meinen Feinden, und all den Verstorbenen, denen ich den Tod nicht vergönnte. All diese Menschen sehe ich wieder. Und jeder sieht mich an, mit diesem verzweifelten, fragenden Blick. Warum. Warum habe ich das getan. Warum sagte ich zum Leben leise Servus ohne jemals wirklich gelebt zu haben. Ich hätte noch so viel zu erleben. Ich müsste noch so viele Erfahrungen machen, um ernsthaft über ein Ende des Lebens philosophieren zu können. Ja, ich habe den Mut gehabt, mir das Leben zu nehmen. Aber habe ich jetzt auch den Mut, den Tod zu akzeptieren?

Ich beginne zu röcheln. Meine Hände werden schwer. Meine Beine sind nun ausgestreckt am Boden. Das Messer, es liegt immer noch am Boden. Mit Blut beschmiert. Mein Blick wird immer verschwommener. Ich versuche aufzustehen. Halte mich anfangs am Bett, dann am Bücherregal und dann versuche ich ohne irgendwelche Hilfsmittel mich fortzubewegen. Ich fühle mich so schwach. Und so gehe ich einige Schritte. Sehe mich im meinem zerbrochenen Spiegel. Ich sehe die Angst. Ich wanke zurück. Nach Luft ringend. Ich stürze, versuche mich an den Gardinen fest. Reiße sie mit mir zu Boden.

Und während auch der letzte Tropfen Blut aus meinem Körper fließt, sehe ich sie wieder. Meine Eltern, meine Freunde, meine Liebe. Und ich spüre ihre Nähe. Spüre ihre Liebe. Spüre ihre Berührungen. Kämpfe mit mir selbst. Kämpfe gegen den Tod. Doch er ist stärker. Ich bin schon viel zu schwach. Und während ich es kaum mehr schaffe, die Augen offen zu halten, kommt mir plötzlich dieser eine Gedanke. Und er fährt mir direkt in meinen Kopf. Ein Schwert scheint meine Schädeldecke zu durchstoßen. Die letzen Kräfte weichen aus meinem Körper. Die Gedanken häufen sich. Und während die Sonne auf meinen leeren Körper strahlt, schließe ich meine Augen. Ich gebe auf. Aber leiser flüstere ich „Verdammt. Ich will … leben.“ Doch es ist vorbei

48 Stunden


Vor ungefähr achtundvierzig Stunden beendete ich es. Die ganze Zeit mit Kettcar im Ohr.

Ich war der glücklichste Mensch, als ich sie am 15. August 2006 das erste Mal küsste. Wir wurden ein Paar. Und es hielt 4 Monate lang eigentlich perfekt. Dann der erste Streit. Dann das erste Mal. Und dann die Stille in der Beziehung. Der Bruch. Und die wieder Vereinigung. Sie geschah Ende Februar. Wir sagten uns, wir versuchen es noch einmal. Sahen Hoffnung. Doch es veränderte sich nichts. Der Schmerz war da, die Gedanken, die Zweifel. Das Ende schien sich zu nähern. Doch wir sahen uns so selten, dass wohl niemand diesen Schritt wagen wollte.

Und doch fuhr ich zu dir. Mit meinem alten Moped. Und hörte durch die Kopfhörer von meinem kleinen Mp3-Player das Lied „48 Stunden“ von Kettcar. Und immer wieder hörte ich die Zeile Mach immer was dein Herz dir sagt. Und die Melodie, den Text bekam ich den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf. Und so zog die Sonne vorbei. Es wurde Nacht. Und als ich gehen wollte, sprachen wir noch einmal über unsere Beziehung. Und ich erklärte ihr, was mir fehlen würde. Sie stimmte mir zu. Konnte mir aber auch nicht sagen, warum es nun so ist, wie es eben es.

Und wir kamen wieder zu diesem einen Wort. Trennung. Und ich wusste nicht was ich sagen wollte. Immer wieder dieses Mach immer was dein Herz dir sagt. Sollte ich meinem Herz folgen. Wieder und immer wieder. Wenn ich jetzt auch noch auf mein Herz höre, dann zerstöre ich mich immer weiter. Mache mir Gedanken. Lebe im Zweifel. Und spüre den Schmerz. Nein, ich möchte nicht auf mein Herz hören. Ein einziges Mal möchte ich egoistisch sein. Möchte auf mein Gehirn hören. Möchte mein Leben neu beginnen. Möchte alledem ein Ende setzen. Und so sage ich es dir auch. Erkläre dir alles. Dass ich nicht etwas aufrechterhalten möchte, was doch nichts mehr ist. Unsere Beziehung war keine Beziehung mehr. Sie war nur mehr eine Freundschaft. Wenn auch keine Gute. Es hatte keinen Sinn mehr.

So oft noch hätten wir sagen können „Versuchen wir es noch einmal.“ Doch es hätte ja doch nichts genützt. Es konnte nicht mehr so werden, wie es war. Wir hatten uns verändert. Haben uns auseinander gelebt. So blöd es sich anhört. Aber ich musste diesen Schritt wagen. Musste es wagen, dir auf Wiedersehen zu sagen. Ich sah nur mehr Tränen in deinen Augen. Wie sie langsam von deiner Wange rannen. Ich dachte mir nur, ach, du verdammtes Herz. Ich kann nicht auf dich hören. Ich kann es nicht. Selbst wenn die Liebe noch da ist. Selbst wenn ich dich immer noch so liebe, wie ich es immer getan habe. Das geht nicht. Das wäre Selbstzerstörung auf höchstem Niveau. Verloren in einer Beziehung die doch eigentlich auf Liebe aufgebaut sein soll. Ich kann nicht auf mein Herz hören. Du stimmst mir zu. Ich möchte ein einziges Mal egoistisch sein. „Sei es.“, sagtest du mir. Und als die Worte über meine Lippen kamen, fühlte ich mich nicht unbedingt schlecht. Ich fühlte mich verändert. Vielleicht freier als vorher.

Und wir begannen zu reden. Du gabst mir einen Teil meines Geburtstagsgeschenkes. Und ich fragte dich, ob du mein Buch schon gelesen hast. Ich hatte es dir doch per E-Mail geschickt. Du sagtest nein. Dann erklärte ich dir, dass du die Widmung noch nicht gelesen hast. Dort steht geschrieben: „Für dich, mein erste große Liebe“. Wieder kullern Tränen hinunter. Ich würde dich am liebsten in den Arm nehmen. Würde dir sagen, wie sehr ich mir doch wünschte, dass doch wieder alles perfekt geworden wäre. Doch wir sitzen hier, bei dir, am Boden der Küche. Besser gesagt, du sitzt, ich liege. Meinen Kopf an deinen Beinen. Ich sehe in die Luft, du siehst mich an. Warum ist dies nun kein schmerzhafter Abschied. Warum fühle ich mich nun so wohl.

Wir beginnen zu reden. So ungezwungen und frei wie wir es zum letzten Mal in der Kapelle getan haben. Als wir noch Freunde waren. Zwar mit Gefühlen füreinander und unglaublich verliebt. Aber dieses Mal war es fast genauso. Du strichst mir durch mein Haar, gabst mir die Zärtlichkeit, die ich in unserer Beziehung am Schluss so vermisste. Ich fühlte mich wohl neben dir. Wollte einfach nur mit dir reden, und Zeit mit dir verbringen. Du warst wie verändert, und ich denke, ich war es auch. Ganze zwei Stunden haben wir noch geredet, bis zwei Uhr morgens. Redeten über alles, Gott und die Welt.

Und so fuhr ich nach Hause, wieder mit den Kopfhörern im Ohr und Kettcar spielend. Und ich höre die Zeile wieder. Mach immer was dein Herz dir sagt, und begrab es an der Biegung des Flusses. Und im Gedanken blieb ich stehen. Stieg von meinem Moped, und begrub mein Herz, an der Biegung des Flusses. Es ist vorbei. Und es ist schön.

Wie kann so etwas falsch sein, was sich so richtig anfühlt. Wir haben das Richtige gemacht. Das weißt du, und auch ich weiß das. Aber, du weißt, normalerweise sage ich das nicht, aber … lass uns Freunde bleiben. Dich möchte ich nicht aus meinem Leben auslöschen. Dich endgültig zu verlieren wäre das Schlimmste. Lass uns Freunde bleiben beziehungsweise beste Freunde werden. Wir haben das Zeug dazu. Und die Kraft. Vielen Dank für diese neun Monate. Für die Zeit mit dir.

By The Way

Du wirst es nie verstehen. Und ich werde es nie aufgeben können.

Dieses Schreiben hier. Das „Von-der-Seele-schreiben“. All meine Gedanken. All meine Gefühle. Ich kann sie niemandem richtig sagen. Meinen Freunden nicht. Dir nicht einmal. Und viele Gefühle werden mir manchmal erst bewusst, wenn ich zu schreiben beginne. Es ist so schwer. Mit all den Gefühlen im Bauch. Wir sehen uns nicht. Telefonieren. Und ich kann sie dir einfach nicht sagen. Kann dir nicht sagen, dass du mich verdammt noch mal küssen sollst, zum Abschied. Einen langen, gefühlvollen Kuss. Dass ich es so, wie es ist, nicht mehr lange aushalte. Dass meine Krankheiten, meine Matura, und all das um mich rum schon so sehr an mir zehren, dass nicht auch du mich jedes Mal vor eine solche Aufgabe stellen brauchst. Ich will auf dich auf keinen Fall verzichten. Kann es wahrscheinlich auch nicht. Aber es hilft mir nichts, wenn ich immer und immer wieder versuche, dir zu zeigen, wie sehr ich dich liebe. Und du zeigst nichts. Damit zerstörst du mich, ganz langsam, von innen. Und ich werde schon zerstört. Jetzt ist einmal nur die Matura wichtig. Sie geht vorüber. Bald ist sie vorbei. Ich habe diese Krämpfe, diese Schmerzen. Werde sie mit ärztlicher Behandlung bekämpfen. Aber du. Was soll ich nur mit dir machen. Vielleicht bist du sogar die schwerste Aufgabe. Alles andere geht vorbei. Soll sogar vorbei gehen. Ich bin froh, wenn die Schule und die Krankheiten vorüber sind. Aber dich will ich länger haben. Du weißt schon … nicht besitzen, ich möchte dich bei mir haben. Aber dann gib mir verdammt noch einmal das Gefühl, dass ich geliebt werde. Lasse mich nicht um deine Liebe kämpfen. Und habe doch keine Angst vor unseren Treffen. Wir müssen reden. Ich weiß. Aber ich werde still sein. Ich kann nur schreiben. Meine Gefühle kann ich nur hier schreiben. Ich kann sie nicht sagen. Du weißt das. Also fange du an zu reden. Und sage es mir einfach. Wie viel ich dir bedeute. Ob du mich liebst. Wie das alles mit uns weitergehen soll. Und dann werde ich dir sagen, ob du in meinem Leben, in meinem neuen Leben, nach Matura und nach Bekämpfung der Krankheiten noch einen Platz haben wirst.

Disarm

Na los. Töte mich, verdammt noch mal.

Bringe mich um. Nimm dieses verdammte Messer und steche auf mich ein. Ich habe es verdient. Nimm mir das Leben, wenn ich schon nicht mutig genug bin, es mir selbst zu nehmen. Los, stich mir in mein Herz, damit das schöne Blut aus meinem Körper fließen kann. Manchmal in Strömen, manchmal auch nur ganz langsam. Los. Tu es. Wenn du es nicht tust, bin ich genötigt so weiterzuleben. Nimm dieses riesige Küchenmesser in deine Hand. In deine schöne, weiche Hand. Hebe deinen Arm. Deinen zierlichen kleinen Arm. Und dann sieh auf meinen Körper und versenke dieses Messer in mir. Und noch einmal. Ziehe es heraus. Und steche wieder hinein. Immer und immer wieder. Noch einmal. Ich spüre noch etwas. Nimm mir die letzten Anzeichen von Gefühl von mir. Mache mich leer. Töte mich, bis ich wirklich tot bin. Ich will nicht langsam sterben. Töte mich jetzt. Sofort. Nimm jeden Schmerz, jeden Gedanken, jede Angst von mir weg. Töte mich sanft. Du, mit deinen wunderschönen Augen. Und am besten ist, du schleifst das Messer noch einmal nach. Es ist nicht mehr scharf. Für mich bitte nur das schärfste Messer. Nicht irgendeines. Das Schärfste. Und mit dem musst du auf mich einstechen. Musst mich töten. Musst mich ausschalte. Oder schneide mir doch die Kehle durch. Und kurzer Schnitt, eine kurze Blutfontäne und ich bin tot. Aber ich bitte dich, so lasse mich doch sterben. Wir können es doch wie einen Unfall aussehen lassen. Dich betrifft keine Schuld. Du wärst kein Mörder. Du hättest mir nur geholfen. Geholfen, auszureißen. So bitte ich dich noch einmal, mache es. Komme meiner Bitte nach. Töte mich, wie du es am besten kannst. Denn ich möchte jetzt sterben. Denn jeden Tag, oder jede Begegnung mit dir als einen neuen Tod zu erkennen, und fast verblutend wieder zuhause anzukommen, das tötet mich leider nur viel zu langsam. Und versorgt mich mit so viel Schmerz. Wenn ich in deine Augen sehe und du aber nicht in meine. Wenn du immer von Angst sprichst. Töte mich. Aber vollführe nicht dein Werk zu Ende, so wie du es bereits angefangen hast. Ich möchte sterben. Aber nicht so. Nicht mit so viel Schmerz. Ich möchte nichts mehr fühlen. Und doch, wenn ich weiß, dass ich hier liege, und du über mir kniest, mit dem Messer in der Hand, und ich in deine Augen sehe. Dann weiß ich, wer du bist. Und ich das letzte, was ich in meinem Leben haben werde, sind Schmetterlinge im Bauch. Gedanken im Kopf. Und das Gefühl das man Liebe nennt.

My So Called Life

Ich habe viel nachgedacht. Und du hast oft angeläutet. Hast stundenlang geklopft, an meiner Tür. Jetzt ist es wohl Zeit, dir zu öffnen.

Du bist durchnässt. Warum hast du auch keine Jacke angezogen. Du frierst. Ich gebe dir ein Handtuch, zum Abtrocknen. Du nimmst es. Trocknest dir dein Haare ab. Dein T-Shirt. Deine Hose. Du bist also … das „wahre Leben“. Mit einem brennenden, vergifteten Pfeil im gebrochenen Herzen. Mit glühenden Tränen aus Angst, Sorge. Mit schmerzverzerrtem Gesicht. Mit einem Gesicht, aus dem so viel Lebenserfahrung spricht. Du siehst noch genauso aus, wie an dem Tag, an dem ich dich aus meinem Haus geworfen habe. Du lässt dich wohl wirklich nicht abschütteln. Wie ein kleiner Dackel standest du immer hinter mir, ich musste Acht geben, dir nicht auf die Füße zu treten.

„Wie geht es dir denn?“, fragst du mich. Schon gut. Danke der Nachfrage. Aber ich verstehe nicht, warum bist du immer noch da. Warum hast du nie nachgegeben. Warum bist du nie nach Hause gegangen, als ich dir die Türe nicht öffnen wollte. Du bist standhaft. Hast Durchhaltevermögen. Ich hätte schon längst aufgegeben. Also, warum hast du das gemacht. „Weil du mich brauchst“. Ach so, ich brauche dich also. Schon jetzt hasse ich deine Hochnäsigkeit schon wieder. Am liebsten würde ich dich schon wieder rauswerfen. Doch jetzt bist du schon einmal hier.

Ich wusste, dass du auch heute kommen würdest. Ich habe mein Zimmer aufgeräumt. Wir sitzen gemeinsam auf der Chill-Matratze am Boden. Ich sehe dich an. Lange. Dich beunruhigt das gar nicht. Es erscheint mir, als würdest du es eigentlich erwarten, dass ich dich mustern werde. Ich habe Angst vor dir. Deine Augen. Sie sehen so schrecklich aus. Dir geht es schlecht, sage ich dir. „Warum“, fragst du mich. Ich sehe es dir an. Ich sehe es doch an deinen Augen. Deine Augen spiegeln so viel Angst, so viel Schmerz wieder. Du lächelst. „Nein, ich bin glücklich.“

Das erscheint mir gerade etwas schräg. So sieht man aus, wenn man glücklich ist. So möchte ich doch nicht einmal aussehen, wenn mir das schrecklichste widerfahren wäre. Ich bin oft glücklich, und normalerweise lächele ich. Und denke nichts anderes und bin einfach nur glücklich. „Auch du siehst so aus, wenn du glücklich bist.“, erklärst du mir. Ich lache. Nein, das glaube ich dir nicht. Wovor sollte ich denn Angst haben, wer sollte mir Schmerz zufügen, wenn ich glücklich bin. Du erklärst es mir. An einem Beispiel. Du nennst die Liebe. Ach, wenn du nur wüsstest, wie Liebe zurzeit für mich aussieht. Du erklärst mir, dass, wenn ich glücklich bin, wenn ich neben „ihr“ liege, dass genau das in meinen Augen zu sehen ist. Ich hätte Angst, sie zu verlieren. Hätte Zweifel, am Schicksal. Würde mich fragen, ob „sie“ mich wirklich liebt. Würde mir ausmalen, wie es ist, wenn es vorbei ist. Und ich denke an den Schmerz. Den Schmerz, den ich spüren würde. Und während du mir das so ausgiebig erklärst, ist plötzlich dieser Schmerz da. Ich habe Angst. Angst vor dir. „Warum“, fragst du mich. Weil du Recht hast. Du weißt alles über mich. „Ich weiß nicht alles über dich. Ich weiß zwar schon einiges, aber nicht alles. Ich weiß, wie du lebst. Und ich möchte dir zeigen, wie ich lebe.“ Wie ich lebe.

Wie ich lebe. Diese Worte klingen in meinem Kopf. „Nein, du lebst noch nicht“. Ich blicke dich an. Meine Stirn wird kalt, ich bekomme eine Gänsehaut. Und ich habe Angst. Und habe Zweifel an dem, was du sagst. Was gibt dir das Recht, dies zu sagen. „Weil ich es weiß.“. Was verstehst du denn überhaupt unter dem Begriff „leben“. Und während ich dich das frage, weiß ich schon, was du antworten wirst. „Das kann ich nicht erklären. Dass musst du selbst erleben“. Ich lache. Er-leben. Schon gut.

Aber was hast du, was ich nicht habe. „Ich habe schon ein bisschen gelebt.“ Siehst du deshalb so aus. Mit diesen Tränen. Diesem schmerzverzerrten Gesicht. „Ja.“ Das ist also der Grund. Dann will ich doch gar nicht leben. Du schüttelst langsam den Kopf. Ich weiß, du willst es mir erklären. „Kennst du Dorian Gray?“ Ja, es ist mein Lieblingsbuch. „Dein Lieblingsbuch. Und die hast bist jetzt noch nichts gelernt?“ Gelernt. Nein. „Jede Handlung die du in deinem Leben, während du lebst, machst, wird Auswirkungen haben. Es wird dich verändern. Doch bis jetzt lässt du es noch nicht zu. Du handelst nicht, lebst nicht, nur um dich selbst nicht zu verändern. Nur um keine Auswirkungen erkennen zu müssen.“ Du hast Recht, schon wieder. Ich stimme dir zu.

Du lächelst. Es überrascht dich, dass ich heute so friedlich bin. Dass ich so einsichtig bin. Ja, ich weiß, ich habe mich verändert. Ich denke viel nach. Und ich möchte ich nicht mehr der Vollidiot sein. Möchte leben.

„Da bist du ja an mir an der richtigen Person“ Ich verstehe dich nicht. „Weißt du es nicht mehr, ich bin es, das wahre Leben.“ Ich lächele. Und du nimmst mich an der Hand. Und führst mich aus meinem Zimmer hinaus. Raus auf die Straße, wir gehen über die Brücke, über den kleinen Bach. Und wir machen uns auf den Weg. Ich beginne also zu leben. Und ich mag dich, wahres Leben. Du bist mir symphatisch.

Junimond

Es ist vorbei, bye, bye. Junimond. Es ist vorbei.

Sag mal weinst du? Nein, aber es ist mir wirklich nach Weinen zumute. Jetzt, als ich sehe, dass all die vermeintliche Liebe verflogen ist. Dass sie mich nicht mehr liebt. Dass sie jetzt neben einem meiner besten Freunde sitzt, mit ihm flirtet, die ganze Zeit mit ihm verbringt. Ja, ich hasse ihn. Für all das.

Und sie hasse ich auch. Was fällt ihr ein. Jeder wusste doch, dass wir zwei schon so lange eine Beziehung führen. Und du sitzt jetzt einfach neben ihm, während wir anderen alle gemeinsam einsam auf unseren Bus warten.

Wie du ihn nur ansiehst. Mit diesen Augen. Und jetzt. Jetzt hör ich dein Lachen. Dieses so schöne Lachen. Ich höre es. Und ich hasse nun auch den Bus. Er soll doch endlich kommen. Die Leute blicken mich schon an, und fragen sich sicher, wie ich wohl reagieren würde.

Aber ich werde nichts tun. Was soll ich denn schon tun? Ich. Dieser kleine mickrige Junge. Schüchtern. Und immer im Mittelpunkt stehend. Lustig. Und dann zeitweise wiederum so uncool. Was soll denn ich schon tun. Ich will doch einfach nur, dass dieser blöde Bus kommt. Er uns abholt, und wir endlich wieder zuhause sind. In unserer Herberge.

Ja, ihr habt euren Spaß, nicht nur ihr zwei, auch all die anderen. Ihr habt euren Spaß hier. In dieser uns unbekannten Gegend. Alles ist toll. Doch ich weine leise Tränen, still in mich hinein. Warum denn nur? Warum macht sie das. Warum nur er. Er, der sich mein Freund nennen will. Jetzt sehe ich ihn an, und schon sehe ich all die Dinge, die ich an ihm hasse. Und sie … nein, sie kann ich nicht hassen. Es ist irgendetwas zwischen uns, das uns schon so lange zusammengehalten hat.

Doch es scheint trotzdem vorbei zu sein. Da kommt er. Der Bus. Dieser beschissene Bus, der mich hier einfach unter dieser Regenwolke hat stehen lassen, inmitten all des Sonnenscheins. Hier bist du also. Schnell steige ich ein. Ich setze mich möglichst weit weg. Weg von diesen Menschen. Die eine, die ich immer meine Freundin nannte, und der andere, der sich mein Freund nennen durfte. Vergesst mich. Und ihr alle hier, vergesst mich. Ich bin zu nichts zu gebrauchen. Nicht jetzt. Lasst mich in Ruh. Spricht mich nicht an.

Endlich kommen wir an. Immer und immer wieder habe ich sie ansehen müssen, wie sie nebeneinander sitzen, wie du lachst, wie er lacht. Ich hasse seinen Lacher. Aber dich …

Die Menschen strömen aus dem Bus. Ich bewege mich ganz langsam, nehme meinen Rucksack und steige aus ihm aus. Ich hasse dieses Wetter. Diese Woche. Ich hasse alles. Ich will doch einfach nur alleine sein. Alleine in diesem Zimmer. Ihr wollt alle noch baden gehen, in diesem kleinen Pool unserer Herberge. Ja, habt ihr nur euren Spaß. Ich will ihn nicht haben. Ich habe etwas anderes zu tun.

Und so hole ich mir den Schlüssel, gehe in das dritte Stockwerk, stehe vor der Tür, in der sechs Leute für eine Woche wohnen. Ich sperre auf. Niemand drinnen. Schon klar. Und ich drehe den Radio auf. Lege mich ins Bett.

„Es ist vorbei, bye, bye … Junimond. Es ist vorbei, bye, bye“. Als ich diese Zeilen höre, dieses neue Lied von Echt, ziehe ich mich unter meine Bettdecke zurück, und weine einige wenige Tränen in den Polster. Das Lied läuft sich zu Ende. Und ich möchte am liebsten in Selbstmitleid versinken. Sofern ich es noch nicht bin. Doch es klopft.

Jetzt kommen sie, meine Zimmerkameraden. Mit nassen Haaren, völlig happy. Wo ich denn war, fragen sie mich. Ach, mir ging es nicht so gut, sagte ich ihnen. Auch er lag in meinem Zimmer. Er. Dieser Arsch. Ich rede kein Wort über dieses Thema mit ihm. Mit niemanden. Ich lasse es mir nicht ankennen. Wen interessiert denn das schon?

Du hast mich nie wieder so angesehen, wie du es schon einmal tatest. Es wurde nie wieder das, was es einmal war. Jetzt sehe ich dich auch nicht mehr wieder. All das geschah im Sommer 2000. Im Juni. Schulwoche in einem kleinen Ort. Ich war zwölf, du auch. Wir waren eine so genannte Sandkastenliebe. Lagen schon nebeneinander im Gitterbett. Wuchsen miteinander auf, da du die Nachbarin meiner Oma warst. Wir haben so viel erlebt. Haben eine so lange gemeinsame Vergangenheit. Und du warst meine erste Liebe. Selbst wenn man das schon Liebe nennen kann.

Wir haben uns nie geküsst. Haben nie etwas Beziehungsähnliches gemacht. Schon klar, wir waren zwölf. Und doch waren diese Liebe zu dir, diese Abfuhr und dieser Liebeskummer etwas, das mich mein bisheriges Leben verfolgt hat. Du hast es irgendwie verändert. Ich wäre nicht die Person, die ich heute bin, wärst du nicht gewesen. Wär das nicht gewesen.

Und immer noch, wenn unser Radio den Song „Junimond“ spielt, sing ich noch mit. „Es ist vorbei, bye, bye, Junimond“ … ich liebe dieses Lied. Und scheinbar ist dieses Lied das einzige, was mir aus diesem Jahr geblieben ist. Dich sehe ich kaum mehr, und wenn, dann wissen wir nicht was wir reden sollen. Und er. Er war wahrscheinlich noch nie ein richtiger Freund von mir. Auch ihn habe ich aus dem Blick verloren.

Was mir bleibt ist die Erinnerung. An den Stadtrundgang, an das Schwimmbad. An dieses Warten auf den Bus. Und an den Abschlussabend. Mit den Bomfunk MCs, mit Otto Waalkes und mit dir. Dir und ihm.

Doch … es ist vorbei, bye, bye, Junimond.

Where Did It All Go Wrong

Habe ich dich nicht schon längst verloren?

Dich. Meine Selbstachtung. Hast du dich nicht schon vor so langer Zeit von mir abgewendet. Mir den Rücken zugekehrt, und bist davongelaufen. Das kann ich mir schon gut vorstellen. Wenn ich meine Selbstachtung wäre, dann würde ich vor einem Menschen wie mir genauso wie du wegrennen. Aber du bist doch überraschend lange geblieben. Warum eigentlich?

Dich zu verlieren, es war hart. Aber ich habe diesen Verlust mir selbst zuzuschreiben. Ich habe das Verlieren voranschreiten lassen. Habe es gefördert. Habe nichts dagegen getan. Ich habe meine Rollen weiter gespielt. Ohne an dich zu denken, liebe Selbstachtung.

Immer mehr habe ich dich zerstört. Habe ich mich zerstört. Ich habe mich zwar zu einem wunderbaren Schauspieler entwickelt, ich kann wirklich jede Rolle spielen. Doch ich bin kein Freund mehr von dir. Du hast sicher bessere Freunde. Ich habe dich vernachlässigt. Habe dich keines Blickes mehr gewidmet. Nur um in meinen Rollen voll aufzugehen.

Ich habe mich geändert. Habe mich um hundertachtzig Grad gedreht. Habe mich selbst aufgegeben. Und dich. Du wirst wohl nie wieder kommen. Und wenn, dann muss ich um dein Vertrauen kämpfen.

Du fehlst mir. Willst du mir nicht wieder helfen. Mir zur Seite stehen, in der Zeit, in der ich dich am meisten benötige. Doch ich steh hier allein. Zwar allein unter Freunden. Und doch allein. Allein mit meinen Liebesproblemen, meinen Problemen in der Familie, meinen Problemen in der Schule. Mit all den Problemen meines noch so jungen Lebens. Du könntest mir so gut helfen. Aber ich versteh dich. Du brauchst Abstand.

Aber die Zeit ist vorbei. Ich kann ich selbst sein. Ich will sogar ich selbst sein. Ich achte mich. Und muss nicht der Klassenclown sein, den jeder von mir verlangt. Die Schule ist übrigens bald vorbei. Für immer. Und dann kann ich von neuem anfangen. Kann all meine Rollen ablegen.

Und vielleicht kann ich dich wieder zurückerobern. Dich. Meine Selbstachtung.

The Worst Day Since Yesterday

Gestern habe ich es schon wieder gemacht

Gestern
habe ich es
schon wieder
gemacht. Habe
darüber nachgedacht
was ich wohl tun würde
wenn es kein morgen gäbe
und jetzt stehe ich hier, hier
im Heute. Und ich weiß, dass
zumindest gestern die Zweifel
unbegründet waren. Dieses Heute
Ist doch schon wieder das Gestern
von Morgen. Am besten ist, ich mache
mir einfach keine solchen Gedanken mehr.
Ich muss doch einfach nur lernen, im Hier und
Jetzt zu leben. Im Heute. Die Vergangenheit ist
einmal unwichtig. Und die Zukunft ist sowieso unergründbar
und doch mache ich mir viel zu oft diese Gedanken
frage mich, was sein wird. Oder was gewesen
wäre, wenn die Vergangenheit anders
verlaufen wäre. Aber sie ist es nicht.
Alles ist so gekommen, wie es
vorherbestimmt war. Wie es
das Schicksal für mich wollte.
Gibt es jenes überhaupt.
Das Schicksal. Oder
ist das alles nur eine
interessante Ausrede
um sich über das
düstere Morgen und
das Vergangene
keine Gedanken
mehr machen
zu müssen.
Ist es?