Erase You.

I’m fine without you. Would you erase me? Do I know you?

Es könnte so einfach sein. Würde mir nur ein kurzes Lächeln kosten und alles wäre wieder. Wäre so, wie es war, als du noch nicht da warst. Wäre so, als wärst du nie hier gewesen und nie gegangen. Es könnte so einfach sein. Alles in meinem Kopf, was mich mit dir verbindet, würde gelöscht werden. Dich hätte es nie gegeben, und ich müsste nicht immer nach Worten ringen, wenn ich vor einem deiner Bilder stehe, wenn ich deinen Antlitz sehe, dein Lächeln, dein Gesicht. Du, der du mich für eineinhalb Jahren zum glücklichsten Onkel der Welt gemacht hast. Du, der nach eineinhalb Jahren den wohl traurigsten Onkel zurückgelassen hast. Es könnte so einfach sein.

Einfach die Erinnerung löschen. Die wunderschönen ebenso wie die omnipräsenten beschissenen Erinnerungen. An die Totenhalle, an das Begräbnis, an den Zusammenbruch in der Kirche. An die Tränen und den Schmerz. Dieser Schmerz, der immer noch anhält. Manchmal schlimm ist, manchmal viel schlimmer als er jemals war. Wenn ich dich aus meinem Kopf löschen könnte, wäre mein Leben um einiges leichter. Nicht immer in Gedanken an diesen einen Neffen, der den Sonnenschein zurück in die Familie brachte. Der mit seinem Lächeln Schmerzen linderte, und durch seinen Abschied nun täglich neue Schmerzen verursacht. Ich würde zwar all die einzigartigen Momente, als ich dich in den Schlaf sang, und du an meiner Schulter Tränen verlorst, all das würde ich verlieren. Aber jetzt überwiegt der Schmerz.

Doch ich könnte dich nicht löschen lassen. Dich, aus meiner Erinnerung. Denn du bist doch nicht nur in meinem Kopf, in meinem Gehirn, in meinem Gedächtnis. Den größten Platz hast du wohl in meinem Herzen. Und da kann man nichts löschen. Menschen, die mich durchs Leben begleiteten, ob nun beinahe zwanzig, oder fünf oder eineinhalb Jahre. Sie sind nicht weg, wenn sie aus dem Leben sind. Sie bekommen einen Speicherplatz in meinem Herzen. Und wenn all meine Erinnerung an dich gelöscht worden wäre, würde mir mein Herz immer mal wieder einen Stich geben, um mir zu zeigen, dass noch etwas von dir da ist.

Du kannst nicht einfach verschwinden. Bist zwar viel zu schnell aus dem Diesseits verschwunden. Aber du bist immer noch da. Wenn meine Mutter weint, die großartigste Großmutter, die ich jemals gesehen habe. Wenn dein Großvater sprachlos und in Tränen an deinem Grab steht. Wenn unsere Familie am Tisch sitzt und die Sprachlosigkeit überwiegt. Wenn meine Mutter Bilder von dir aufhängt, im Wohnzimmer, in der Küche. Du bist omnipräsent und erschwerst mir jeden einzelnen Tag.

Die Zeit heilt alle Wunder
schon nach wenigen Jahren
nur noch Narben da, wo Wunder waren.

Wir sind Helden – Die Zeit heilt alle Wunder

Du warst das Wunder und das hier jetzt, das sind die Narben. Du hast sie hinterlassen, an meinem ganzen Körper. Ich habe mich verändert, als du da warst und als du gegangen bist. Bin über mich hinausgewachsen, als ich in der Kirche Worte für dich verlas. Glaubte, einen Weg gefunden zu haben. Aber der Weg ist holprig und verschlungen. Vielleicht auch nur ein Kreisverkehr. Immer wieder an diesen Punkt kommen, und weitergehen. Weil stehen bleiben nicht gilt. Du bist weg, ich bin hier. Möchte da sein, doch es tut weh. Jeden Tag wieder, wenn Bilder von dir meinen Weg versperren. Wenn ich den Kopf wegdrehe, um dich nicht ansehen zu müssen. Ich hasse diese Momente und meide die Plätze, wo ich deine Bilder finden kann. Du bist noch viel zu präsent, um mit dir abschließen zu können.

Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.

Antoine de Saint-Exupéry

Eben. Wenn ich mich getröstet habe. Das dauert noch.

3 Gedanken zu „Erase You.“

  1. Lieber Dominik,
    einen geliebten Menschen zu verlieren ist schlimm. Und ein kleines Kind zu verlieren, ist wohl noch mal schlimmer. Fühl Dich gedrückt. Wunderschönes Zitat aus dem „Kleinen Prinz“. Aber ganz wie Du sagst – es dauert wohl.
    LG

  2. Vielen Dank. Ich glaube, jeder unvorhersehbare Todesfall ist schlimm. Wenn ein alter Mensch, nach gelebten Jahren zu Atmen aufhört, hat man damit gerechnet. Stirbt jemand in einem Autounfall oder hat eine Gehirnblutung oder im frühen Alter einen Herzinfarkt oder stirbt eben an einer seltenen bakteriellen Krankheit im Kindesalter, dann ist es schlimm.

    Liebe Grüße.

  3. Ja, ein plötzlicher Todesfall von einem geliebten Menschen ist schlimm – bei einem Kind vielleicht noch extremer.
    Vielleicht sind wir irgendwann ein wenig getröstet – wenn auch die Wunde bleiben wird.
    Alles Liebe.

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