Let It Be.

Standing right in front of me.

Stille. Kopfschwangerer Gedankenballast. Überaschende Sprachlosigkeit. Wie ich mich fühle? Wie ein Sack Kartoffel, von allen Seiten getreten, geschlagen und geprügelt. Wie ein alter, großer Baum, angepisst und mit vielen offenen Wunden. Und jeder wartet nur darauf, bis ich morsch werde und zerbrösele, zu Staub werde und sie mich abtransportieren können.

„Es ist mir egal.“, sage ich, „Egal, was die Anderen denken.“ Vollkommen überzeugt hat mich diese Aussage nicht. Und plötzlich bemerke ich einen Menschen. Und bemerke, dass es mir nicht egal ist. Obwohl gerade dieser Mensch nichts in meinem Leben zu suchen hat. Und so folge ich den Spuren der Zeit, und wende mich ab. Und halte doch immer Ausschau. Und denke nach, wie ich reagieren werde, als wäre Spontanität ein vollkommenes Fremdwort für mich.

Minuten, gelehnt an die Wand, den Kopf abgestützt. Ich bin froh, dass wir uns lange nicht mehr sehen müssen, bin froh, dass das gezielte Über-den-Weg-Laufen ein Ende hat. Vielleicht erst wieder in einem Jahr oder so. Ich möchte nicht die ganze Spontanität, den ganzen Ehrgeiz, das ganze Lebendige aus meinem Körper schwinden sehen. Nicht wegen dieser Person.

Lass es sein, Dominik. Lass die Gedanken Gedanken sein. Fühle deine Gefühle und bemerke, dass nur wieder ein Schaf gerade mehr Aufmerksamkeit braucht. Irgendwann geht es ihm wieder besser und ich stelle es zurück in die Herde. Es ist nicht falsch, zu empfinden. Es wäre nur falsch, den Empfindungen blind zu folgen. Und würde diese Person morgen vor dir stehen, vielleicht würdest du da schon wissen was du machen sollst. Einfach umdrehen und weggehen, vielleicht. Aber nenne deinen Gedankenballast nicht lächerlich, er ist. Und das ist gut so.

Ich will dich nicht mehr sehen. Nie mehr. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich wieder dazu bereit bin. Erst dann wieder. Und vielleicht kommt der Zeitpunkt auch gar nie. Es wäre falsch, zu sagen, alles war scheiße. Es war schön, dich kennengelernt zu haben, unsere Zeit war schön. Doch sie ist vorbei.

Dominik. Let it be.

Selig.

Selig sind die Verkümmerten. Die dem Leben blind folgen und ihre Träume links liegen lassen. Heilig sind wir.

Wenn man uns so betrachtet, könnte man gar nicht glauben, dass wir so viel anders sind als die anderen. Wir sehen beinahe normal aus, haben eben unsere eigenen leicht außergewöhnlichen Ticks. Unsere entfernt genialen Spleens und so. Wie sie eben jeder hat. Aber wir sind doch nicht jene, die sich alles gefallen lassen. Wir sind Gefühlsmenschen. Nicht so wie ihr.

Wir zerbrechen an so manchem Menschen, können nicht hassen und verlieren viel zu oft den Mut. Trauen uns nicht, ehrlich zu uns selbst zu sein, und haben Probleme mit der Realität. Wir sind vernarrt und kennen kein Zurück. Treten einen Schritt nach vor, und zwei oder drei in die andere Richtung. Und es ist uns egal. Wir spüren wenigstens unsere Fortbewegung. Und wenn es zu lange in die falsche Richtung geht, laufen wir einfach rückwärts los.

Küsschen links, Küsschen rechts. Eine nette Begrüßung. Diese Menschen, die ich vielleicht einmal gesehen habe, deren Hand ich halte, während unsere Lippen unsere Wangen berühren. Körperkontakt höchst unerwünscht. Ich hasse diese Menschen, die glauben, so einen Menschen besser kennenlernen zu können. Maximal die Hand würde ich euch geben, um zu zeigen, dass mir ein kleiner Haufen Höflichkeit angeboren ist. Und dann würde der Smalltalk beginnen, und nach einem kleinen „Und was machst du jetzt so?“ würde ich abzsichen und mich nicht mehr blicken lassen. Du willst nichts über mich erfahren und ich über dich auch nicht.

Und so werden wir durch die Welt eilen, an den verschiedensten Stationen der Verstörtheit vorbei und werden die Welt mit unseren eigenen Augen kennenlernen. Werden den Menschen, denen wir begegnen einen Teil von uns zurücklassen, sofern wir es wollen. Und wenn wir wieder einmal in das Gesicht von Menschen sehen, die uns Schmerzen zufüg(t)en, dann werden wir weiter laufen. Um mehr von unserem Leben zu spüren, als von unseren Schmerzen. Anstatt zu humpeln werden wir immer schneller laufen und irgendwann einmal abheben.

Ihr seid Mainstream. Wir sind Mainstream. Aber bedingungsloses Strom-Schwimmen birgt Gefahren mit sich. Ihr werdet schon sehen. Auch wenn ihr sonst noch was von uns haltet, wir halten genauso wenig von euch. Ihr werdet schon sehen. Ich sage es euch nur. Denn wir werden ewig leben.

Still.

Das Ticken der Uhr hindert mich am Einschlafen. Noch einmal stehe ich auf, klettere auf den kleinen Stuhl und entferne die Batterie. Es ist still.

Als ich die Augen zu schließen versuche, bemerke ich, dass die Nacht nicht wirklich dunkel ist. Irgendwas erhellt den Himmel, und als ich aus dem Fenster blicke, kann ich keinen Mond darauf erkennen. Es ist Neumond und auch keine Straßenlaterne leuchtet mir beim Fenster herein. Die Nacht ist nicht dunkel, hellgrau erscheint sie mir. Umrisse der Silbertanne und der Garage meiner Nachbarn erscheinen vor meinen Augen, als ich die Gardinen wieder vorziehe und trotz allem einzuschlafen versuche.

Irgendwann hat er mich dann doch gepackt. Und als ich das nächste Mal wieder die Augen öffne, hat sich das Grau der Nacht in ein Hellblau des Tages verwandelt. Langsam strample ich die Decke von meinem Körper, greife nach der Brille bis ich endlich wieder klar sehen kann. Bekleidet mit Shirt und Boxershort wandle ich durch die neue Welt. Wieder einmal habe ich meine Möbel umgestellt. Setze mich auf meine Couch und schnappe mir eine Zeitschrift.

Die Zeit verläuft. Doch die Zeiger auf der Uhr stehen still. Es ist schön, einen freien Tag zu haben. Und so sammle ich die alten Ausgaben zusammen und packe sie in eine Abteilung meines riesig großen Raumteilers. Ziemlich weit unten habe ich hier mein Archiv dieses Magazins angelegt. Als ich mich wieder aufrichte, blicke ich in die Schneekugel. Mit diesem einen Bild. Aufgenommen an einem sonnigen Tag. Ich würde sie gerne an die Wand werfen, sodass die Flüssigkeit und all der Schneeglitzer an der Wand runter laufen. Doch ich schüttle sie und stelle sie anschließend zurück ins Regal.

Die Gedanken haben mich wieder. Die Gefühle stocken. Ich drehe die Musik auf. Meine Musik, die mich jeden Tag durch die unzähligen Stunden trägt. Überall in meinem Zimmer habe ich mir Chill-Out – Areas eingerichtet. Hier eine Couch, dort eine Matratze am Boden. Zum Chillen, zum Ausruhen bin ich schon lange nicht mehr gekommen. Zu unwohl fühlte ich mich bisher in meinem Zimmer.

Auch jetzt ist es komisch. Keinen ganzen Tag könnte ich da verbringen. Sehne mich nicht nach der frischen Luft, auch nicht nach Kontakt zu Außenmenschen. Doch von vier Mauern eingeschlossen, spüre ich die Angst aufsteigen. Minimal klaustrophobische Ausschreitungen meiner Gedanken. Schweiß, obwohl die Heizung nur wenig aufgedreht ist. Mit der Hand wische ich ihn mir weg.

Und so lege ich mich wieder in mein Bett. Warte. Alle Gliedmaßen von mir gestreckt, lausche ich der Stille. Irgendwann kommt mal wieder die Müdigkeit. Ich schließe die Augen. Vollkommene Stille. Und irgendwann stehe ich auf, stelle die Uhr und lege die Batterie wieder ein. Bis mich das Ticken wieder in den Schlaf begleitet.

Surrounded.

Als die Musik aus den Boxen stoßt, nehme ich meinen Drink und verziehe mich in eine dunkle Ecke. Meine Ecke.

Es wäre ja nicht so, als hätte ich gute Musik in diesem Lokal erwartet. Ich hatte mich zuvor schon seelisch auf diese Beschallung eingestellt. Was mir an dem ganzen Ambiente nicht gefiel, waren vielmehr die Menschen, die wie auf Drogen ihre Körper, versucht, den Takt des Liedes zu finden, herumschüttelten. Sich aneinander warfen und irgendjemand irgendwann und irgendwie seinen Drink über jemand anderen ausschüttet. Hier bin ich sicher.

„Gefällt es dir nicht?“, fragt sie mich. „Doch, doch.“, antworte ich ihr, aber scheinbar nur sehr wenig überzeugend. „Komm, trink‘ aus.“, fordert sie mich auf. Sie bewegt sich einige Schritte von mir weg, und zeigt mir mit ihren Händen, dass ich ihr folgen solle. Wenige Sekunden dauerte es nur, bis das Glas leer war und beiseite gestellt wurde. Sie fasste meine entgegengestreckte Hand und zog mich raus aus dieser Bar. Nicht weit gingen wir. Nur bis zu der ersten Parkbank. Wir setzten uns, den Blick auf den See nahm ich nur aus dem Augenwinkel wahr.

„Was ist los mit dir?“ – „Nichts. Es ist doch nichts. Aber ich weiß nicht.“ Du lächelst. Diese Worte scheinen oft meinen Mund zu verlassen. Vor allem die letzten Vier. „Ich halte es einfach nicht lange unter einer so großen Menschenansammlung aus. Wo ich siebzig Prozent nicht kenne, weil ich mich in diesem Lokal schon so lange nicht mehr habe blicken lassen. Und mit den restlichen neunundzwanzig Prozent kann ich ebenso nichts anfangen. Finde es lächerlich, wie sich alle aufführen, im Schwall des Alkohols. Ich bin nicht der Typ für sowas.“ Du nickst. Glaubst, schon zu wissen, was mit mir los ist. Weil eben dieser eine Schicksalsschlag erst so wenige Zeit zurückliegt. „Aber nein. Es ist nicht deswegen.“, versuche ich ihre Gedanken zu lesen, „Ich war schon immer so.“

„Sollen wir gehen?“ Jetzt kam sie also wieder, die Frage, der ich immer auszuweichen versuche. Weil nicht wegen mir alles anders sein muss. „Nein. Schon okay. Ich bleib nur eben nicht mehr wirklich lange. Nehme mir dann ein Taxi.“ Sie lächelt. Schon wieder. Fast schon könnte man es als Boshaftigkeit abtun. Aber ich kenne sie. Und immer habe ich die Angst, sie zu sehr zu kennen. Plötzlich Gefühle zu empfinden, die über unsere Freundschaft hinausgehen. Diese Gefühle haben schon viel zu viel zerstört. „Und warum bleiben wir nicht noch etwas hier draußen. Setzen uns hin und blicken auf unseren See. Reden und lassen sein?“ Der Vorschlag gefiel mir, noch dazu, da es sich um eine relativ warme Frühlingsnacht handelt.

„Weißt du noch, als wir uns zum ersten Mal sahen?“ Ja, natürlich. Ich nicke. Immer und immer wieder habe ich diese verschwommen und zu meinem Gunsten abgeänderten Bilder vor meinen Augen. Während mein Kopf unter Zwang meines Herzens den Gedanken an uns viel zu viel Platz einräumt, stellt sich meine Vernunft dem Ganzen entgegen. „Es war schön.“ – „War?“ Überrascht blickt sie mich an. Ich kann es ihr jetzt nicht erklären. Aber sie hat schon richtig gehört. Die Nacht wurde dunkler und die Sterne heller. Der See ruhiger und das Lokal leerer. Als würde für uns keine Zeitrechnung existieren blieben wir sitzen. Bis der junge, frische Morgen anbrach und es Zeit war. Wie viele Stunden haben wir da nun damit verbracht, miteinander zu reden? Ich habe sie nicht gezählt.

„Tut mir Leid. Ich muss jetzt.“, sagt sie. „Schon gut. Vielen Dank.“, werfe ich eine Antwort hin. Kurz blicke ich sie an, bevor der Blick zurück zum See schweift. Ein langer und gefühlvoller Kuss auf die Wange folgte. Ich drehe mich nicht zu ihr um. Behalte den See im Blickwinkel. „Ciao.“, sage ich nur kurz. Meine Gefühle und meine Gedanken. Auf dem stillen See ausgebreitet. Sie sollen untergehen. Sie bringen doch nur Probleme.

Fühlen.

Die Kieselsteine unter meinen Schuhen knirschen, als ich behutsam auf sie trete.

Ich setze meinen Gang fort. Unbeirrt folge ich dem wegziehenden Rauch meiner Zigarette. Wasser sammelt sich in Bodenunebenheiten und der Schnee verliert an Festigkeit. Die Sonne wärmt meine Wangen, mit der leeren Hand streiche ich mir durch meine Haare. Der Regen zieht sich zurück. Durch den ganzen Park hindurch zieht sich ein Weg der Verwüstung. Und im Licht der Sonne erblicke ich eine Bank. Die Tropfen verdunsteten schon und so setzte ich mich auf sie.

Der Wind bläst in mein linkes Ohr, für kurze Zeit hört man nur das Rauschen und Aneinanderpressen von Luftmolekülen an meinem Hörorgan. Ich ziehe den Schal höher und die Mütze tiefer, die zwar vollkommen nass aber doch noch wärmend ist. Wie leergefegt liegt der Park so vor mir. Zwischen den letzten Überresten des Schnees sieht man verdrecktes Grün und einige kleine Steinchen.

„Wie fühle ich mich jetzt?“, fragt mich meine innere Stimme. Ich schrecke hoch, habe nicht erwartet, dass ich von mir mit dieser Frage konfrontiert werde. Wie ich mich jetzt fühle? Aber nach Fühlen ist mir doch gar nicht zumute. Ich möchte sehen, Eindrücke wirken lassen und so. Aber doch nicht etwas fühlen. Ich habe keine Zeit dazu.

„Zweifel?“, bohre ich nach, „Angst?“ Schön langsam scheint mir meine innere Stimme auf die Nerven zu gehen. Woran soll ich zweifeln? An der Welt, der Realität, an mir? Und vor wen oder was soll ich Angst haben? Vor dem Leben, dem Tod, vor mir? „Ich bin traurig“, sage ich mir. Traurig, weil ich einen wichtigen Menschen verloren habe. Traurig, weil ich einen so von mir geliebten Menschen weinen sehe und nichts für ihn tun kann, als da sein. Traurig, weil ich immer traurig bin, wenn man mit Neuem zu Recht kommen muss. Traurig, weil ich jetzt endlich einiges einsehe. In Sachen Liebe, der Psychologie sei Dank. Traurig, weil für mich scheinbar nur die in Luftschlössern untergebrachte Zukunft und die schönsten Momente der Vergangenheit zählen. „Ja“, sage ich mir. „Ja, ich bin traurig.“

Aber ich empfinde doch. Empfinde den Wind als störend, meine innere Stimme als nervend. Und fühle, fühle mich traurig, habe teilweise Angst, immer Zweifel, versuchte Wut und das Ganze. Eigentlich bin ich doch schon längst wieder im Hier und Jetzt angekommen. Spätestens seit das Ganze passiert ist, bin ich wieder gegenwartsverspürend. Zwar suche ich immer noch den Ausweg nach vorne, doch wenigstens versuche ich es. Für ein paar gezielte Minuten am Tag. Nichts zu tun, und nur zu empfinden und zu fühlen. Und alles an mich heranlassen.

Und trotzdem. Ich muss mir diese drei Minuten pro Tag Zeit nehmen.

Straße

Für diesen kurzen Moment meines Lebens fühle ich mich vollkommen bei Sinnen. Ich habe keinen Filmriss, seit ich von diesem Café weggegangen bin. Gehe die Straße entlang, die voll verkümmerter Hetzmenschen ist. Weiche unachtsamen alten Menschen aus und helfe einer Frau mit ihrem Kinderwagen. Langsam zeigt sich die Sonne, durch die unzähligen Wolken hat sie sich hindurchgekämpft. Ich zähle die Strahlen, die meinen Körper berühren. Zähle die Wolken, die sich schon wieder vor den Wärmespender drängen.

Biege ab, und folge der viel befahrenen Straße, der Gehweg hat schon längst aufgehört zu exisitieren. Neben den rasenden Fahrzeugen wirke ich, mich durch das Banket und die Wiese kämpfend, wie eine Schildkröte auf verlorenem Posten. Manch einer bremst ab, wenn ich mal wieder zu weit auf den Asphalt komme, einige hupen. Ich setze unbeirrt meinen ungewissen Weg fort. Bis zu diesem einen Baum.

Plötzlich die Erkenntnis. „Das ist er, der Baum, der mir, im Straßengraben liegend, Schatten spendete.“, sage ich zu mir. Mehr weiß ich nicht. Aber genau da, dort, wo die Bremspuren des Fahrrades das Bankett uneben machen, da bin ich gelandet. Und ich lege mich wieder nieder, um zu versuchen, irgendwie zurückzufinden. Zu diesem Zeitpunkt. Als ich die Augen schließe, ist die Sonne schon wieder vollständig verschwunden und nur das Geräusch der Autos hält mich wach. Es kommt nichts. Alles ist noch genauso, wie ich es zurückgelassen habe. Doch die Vergangenheit bleibt verschlossen.

Nicht Wieder.

World Spins Madly On.

Selbstgemachte Plätzchen liegen auf dem Tisch. Der Kaffee, schon längst abgekühlt, entfaltet länger und länger noch seinen Bohnengeschmack aus. Ich habe keine Lust auf Plätzchen. Habe keine Lust darauf, den Smalltalk fortzuführen. Was bringt es mir schon. Lässt mich doch nichts über dich erfahren und zurück bleibe ich mit so vielen Fragen, die in das Nullachtfünfzehnschema eines Smalltalks nicht reinpassen. Worte sind zu wichtig, um sie mit unsinnigen Fragen zu verschwenden. Ich hasse kalten Kaffee. Und trinke ihn trotzdem.

Und wie kann ich ruhig sein. Wenn ich doch weiß, das heute mal wieder einer dieser Tage ist. Wenn meine Mutter sich in unserem Haus ein kleines ruhiges Zimmer sucht und weint. Weil er ihr fehlt. Wie er uns allen doch fehlt. Jeden Abend sollte er hereinspazieren, wie er es noch vor drei Monaten getan hat. Doch das ist nicht. Das war. War schön. Viel zu schön, um so ein abruptes Ende mit einem Schlag zu akzeptieren. Doch wir sind nicht alleine, wir haben uns. Und ich?

Trinke Kaffee mit einer nicht gerade interessanten Person. „Es wird bald Frühling“, sage ich. Ich hasse den Winter. Wo doch der Schnee so manche Probleme mit sich bringt und das Eis einen zu Tode erschrickt. Der Frühling. Der Neubeginn. Wohl kaum kann er irgendetwas wieder gerade biegen, was schon längst zerbrochen ist. Doch er kann etwas überschatten mit dem Grün und der Sonne, der Wärme und der Liebe, die man überall zu spüren bekommt. Nicht wegmachen. Nur überschatten. Um das Leben fortzuführen, nicht obwohl, sondern da es so passiert ist.

„Jaja, der Frühling“. Du weißt doch gar nicht, was der Frühling ist. Weißt nicht zu schätzen, wie sich Leben so richtig anfühlt. Kannst keine der vier Jahreszeiten wertschätzen. Bist doch nur auf der Welt, um mit einem desinteressierten Menschen Smalltalk zu führen. Habe ich mich doch gefreut, als ich dich auf der Straße wiedererkannte. So viele Jahre lagen zwischen uns und unserer Freundschaft, von der ich nur mehr wenig spüre. Du hast dich verändert. Ich wurde stiller. Was war das überhaupt, was uns beide verband. Es muss unwichtig gewesen sein, so wie alles verlaufen ist.

Wolken über den Straßen, die mich zu dieser Straße führten. Schon wieder Regen. Der aus dem Schnee Matsch und die Straßen glatt werden lässt. Menschen, die sich unterstellen, um nicht vollkommen durchnässt anzukommen, und irgendwelche verplante Personen, die ihren Schirm aus der Tasche ziehen, weil man nie weiß was kommt. Wie recht diese Menschen haben, und doch haben sie gar keine Ahnung. Würde der Himmel über sie einstürzen, würde auch der beste Schirm nichts nützen. Viel besser die Menschen, die sich unterstellen, und aus der Überraschung und dem Schock das Beste daraus machen.

Ich blicke aus deinem Fenster. Das kleine Tischlein in deiner Küche fasst immer noch unsere zwei Tassen und die unberührten Plätzchen. Sie sehen nicht mal gut aus. Schön, dass du mich so spontan eingeladen hast. Entschuldigung, dass ich schon wieder so schnell gehen muss. Ich habe. Termine, wie man so schön sagt. „Unsere Telefonnummern haben wir ja ausgetauscht. Ich meld‘ mich mal“, sagst du zum Abschied, „Mach’s gut.“ „Du auch.“ Und vorausschauend drücke ich schon die Abweisen-Taste auf meinem Mobiltelefon.

Tee

Du lächelst mich an. Langsam lässt du zwei Stück Zucker in deinen Latte Macchiato gleiten. Endlich mal wieder bekanntes Gebiet. Das Café in der Stadt, der Evergreen unter den Stadtcafés. Vor mir eine Tasse Tee und neben mir meine Tasche. „Und du weißt wirklich nicht, wie ich hier her gekommen bin?“ – „Nein. Sorry. Aber du warst schon da, als ich kam. Du warst es doch, der mich angerufen hat.“ – „Wann?“ Leicht verwundert greife ich in meine Jackentaschen. Tatsächlich befand sich darin mein Mobiltelefon, welches ich normalerweise chronisch zuhause vergaß.

„Das war erst vor einer halben Stunde.“ – „Vor einer halben Stunde …“, murmele ich noch einige Male vor mich hin. Vor einer gefühlten halben Stunde lag ich noch im Graben. Zum ersten Mal treffe ich nach einem solchen Aussetzer auf einen bekannten Menschen. Als ich meinen Tee zu trinken versuche, blicke ich aus dem Fenster. Dort steht es wieder. Das rosarote Damenfahrrad. Ein Teil der verstörten Vergangenheit. Ich kann dir doch nicht sagen, dass ich keine Ahnung habe, was ich den ganzen lieben Tag so getrieben habe. Ich weiß nichts mehr, nur mehr wenige Orte, die ich irgendwann einmal betreten habe, und irgendwie auch wieder verlassen. Mir fehlt der Zusammenhang und das Verständnis. Ich kann es dir nicht sagen, würdest du mich doch für verrückt erklären.

Etwas unangenehm überrascht stelle ich die Tasse wieder auf den Teller. Ich habe doch ernsthaft auf den Zucker vergessen. Meine Hauptzutat. „Was ist eigentlich mit dir los?“, fragst du mich. Wenn ich es nur wüsste, denke ich mir. „Ach, ich habe nur zu wenig geschlafen. Du weißt ja …“, sage ich und du scheinst dich mit der Antwort zufrieden geben. Noch immer habe ich keinen Zucker hinzugefügt und doch trinke ich eher widerwillig die Tasse leer. „Schön dich zu sehen.“, sage ich und drücke dir einen Kuss auf die Wange. Lege die zwei Euro fünfzig auf den Tisch und gehe. Das Fahrrad lasse ich zurück. Und noch so viele weitere Teile der ehemaligen Gegenwart.

Ufer.

Und mit dem Kuss verabschiedest du dich.

Gegangen bist du schon vor langer Zeit. Hast mich zurückgelassen in einer Einöde, die irgendwann einmal von einem Himmel erschlagen wurde. Unter den Trümmern der Welt, die mir damals den Schutz des Lebens gab, liege ich. Krame mich hervor und atme aus tiefster Überzeugung die staubige Luft ein. Hast mich zurückgelassen. Vor langer, langer Zeit.

Wolken brachten Regen, und ihr Abschied brachte die Sonne. Ich habe mir ein neues Leben aufgebaut. Neben den Trümmern, die mir zum Wegräumen viel zu schade sind. Sie sollen liegen bleiben. Und mich erinnern. An das was war, und damals kam. Manchmal steige ich noch über sie, blicke hinunter und ein Kloß sammelt sich in meinem Hals. Dann muss ich es hochheben. Und denken. Mich erinnern, an die Zeit, als die Trümmer noch die Welt bedeuteten. Nun sind sie eben Brocken, die nur langsam von mir abfallen.

Immer wieder öffnet sich ein Fenster und der Luftzug lässt meine Stimme heiser werden. Wenn ich dann leise spreche, hört man nur ein Kratzen, kaum einen Laut mehr. Worte zu bilden, sehe ich sowieso als Kunst an. Schwer fällt es, immer die richtigen zu finden. Um niemanden zu enttäuschen oder abzuschrecken.

„Du bist weise.“, ruft mir jemand zu. Ich drehe mich um, und möchte dagegensprechen. Möchte sagen, das Weisheit doch viel tiefer ist, viel voluminöser und größer. Möchte sagen, dass ich doch auch nur ein Mensch bin, der versucht, aus Erfahrungen zu lernen und aus Erlebnissen zu zehren. ‚Du bist weise‘, hallt es nach. Ich setze mich nieder.

Alles Schöne endet meist mit einem Kuss. Oder einer Umarmung. Und dann ist Schluss. Keine Möglichkeit mehr, die Welt beim Alten zu belassen. Das Kartenhaus, meine Welt. Irgendwann kommt schon der Luftzug, der wieder alles über den Haufen wirft. Tonnen von Lebenstrümmern sammeln sich in meiner Einfahrt. Manchmal lege ich mich noch unter diese Brocken, um dieses Gefühl ein weiteres Mal zu spüren. Und doch schwimme ich manchmal durch sie durch. Lasse mich treiben. Mache mich auf. Auf zu neuen Ufern. Auf zu meinem Leben.

Younger Than Today.

Als ich die Tür öffne, liegt das Leben zusammengekrümmt am Boden, ringt nach Atem und langsam schließe ich wieder die Tür.

Das Hauptnetzwerk der Luft ist zusammengebrochen. Viel zu wenig Sauerstoff befindet sich in dieser stickstoffüberfüllten Welt. Ich drehe den Schlüssel rum, bleibe aber trotzdem stehen. Durch das Glas der Tür sehe ich noch, wie es sich nicht bewegt. Ich habe Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war. Und doch.

Als ich mich auf die Couch lege, den Kopf in einen Polster begrabend, überlege ich, warum es soweit kommen musste. Ich fühle mich einsam und bin doch glücklich. Das Telefon läutet und ich hebe nicht ab. Meide alles und jeden. Und schließe die Augen. Schließe sie und sehne mich nach dem Licht, das normalerweise bei meinem Fenster hereinkrabbelt. Ich fühle mich alt, kalt, fahl. Ganz normal für diese Zeit. Fühle nichts und fühle mich doch schlecht. Nicht gut.

Ich fühle mich alt und doch scheint es, als wäre ich viel jünger. Jünger, als ich es geplantermaßen heute sein wollte. Wie ein kleiner Rebell sehe ich aus, seit Tagen unrasiert, einen kleinen Oberlippenbart und auch der Rest des Gesichtes ist mit Barthaaren übersät. Lange, (ver)störende Haare und der Blick, als könnte ich die ganze Welt töten, mit diesem einzelnen, einzigen Blick. Ich bin doch auch nur, denk ich mir. Und ihr seid nichts. Nicht besser. Nur ich, bin schlechter. Ich bin viel jünger, als es mein Alter mir zumuten könnte. Dass die Frage nach dem Wie und die Antwort auf das Warum sich ergänzen, beunruhigt mich.

Bin ich nicht der, welcher ich sein möchte. Ich kann es nicht ändern. Muss akzeptieren, dass die Welt so ist, und dass ich um keinen Geud besser bin. Vielleicht habe ich Fähigkeiten, viele Möglichkeiten. Ich werde sie nutzen, sofern ich es schaffe. Möchte leben und mich nicht unbedingt alt fühlen. Möchte jung bleiben und doch. Ich bin nicht der, welcher ich sein möchte. Und langsam verlasse ich mein Zimmer.

Schließe die Haustür auf, und lege mich zum Leben hinzu. Zusammengekrümmt. Auf den Boden.