„Route wird neu berechnet.“

Kurzzeitstille und Langzeitträume. Sei beide zerplatzen mit Vorliebe in Sekundenschnelle. Man sitzt da, und wundert sich über das Nichts eben gerade und dann kommt ganz unerwartet das Leben zurück. Oder man träumt und plant und schreibt Wünsche auf. Und dann ist es plötzlich wieder da, das Leben.

„Bitte wenden!“

Man möchte die Spur wechseln, die Richtung. „Bitte wenden!“ – „Bitte wenden!“. Aber es geht nicht. Es geht so weiter, wie es war und manchmal lernt man womöglich auch daraus. Dass nichts für ewig ist, zum Beispiel. Kein schönes Beispiel, denn für alle, die das zum ersten Mal wirklich wahrhaben, ist das kein erhabenes Gefühl. Die Ewigkeit war früher immer ein Anker. Ein Halt, der von Ende und Tod und Verabschiedung nie etwas zu sagen wagte. Aber das bringt sie mit, die Erfahrung und das Leben.

Manchmal hilft ein tiefes Ein- und Ausatmen. Mehrfach. Und warten. Warten, bis Schmerz, Enttäuschung und manchmal auch Wut einfach mal nachlassen. Das kann dauern, und man darf sich nicht hetzen. Das würde alles nur schmerzhafter, enttäuschender und wütender machen. Aber wenn all das endlich einmal abgeschlossen, nein … wenn all das erst einmal hingenommen worden ist. Oder überschattet von glorreichen Freuden oder von noch heftigeren Enttäuschungen. Erst dann kann man beginnen, wieder nach vorne zu schauen.

„Route wird neu berechnet“

Und dann gelangt man zurück. Lächelt manchmal über die sterbende Naivität, die das Erwachsenwerden mit sich bringt. Oder über die Wachsende, je nachdem. Man weiß ja nie. Aber schön langsam beginnt man, mit all dem zurecht zu kommen. Und selbst auf dieser neuen Route, auf der Abzweigung, die einem das fortlaufende Leben zwang, zu nehmen, kommt man nicht weg. Es bleibt eben doch alles gleich. Und irgendwann, da wundert man sich wieder über die Kurzzeitstille. Und schlüpft hinein in all die gewohnten Langzeitträume.

Warum? Weil man sich nie verändert. Nie, eine 180°-Wendung vollführen kann oder will. Weil wir uns nie verändern werden. Wir gehen nur weiter und träumen und fallen. Und, Leute: Wir genießen es. Wir wollen uns gar nicht verändern. Würden wir uns selbst so verändern, würden wir jeden gekannten Schutz aufgeben. Würden uns wieder angreifbar machen. Und deshalb bleiben wir still. Und genießen. Das Leben und so.

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Foto: Cane Rosso | flickr | creativecommons

Am Boden geblieben.

Es ist faszinierend, wie rasant sich alles ändern kann.

Wisst ihr vielleicht noch, wie ich früher war? Damals, als ich in jedes Lächeln, jede Berührung, in alles irgendwie die Welt hineininterpretierte, meine Träume zu rotieren begannen und all das in einem bösartigen Verliebtheitshöhepunkt sein vorübergehendes Ende nahm? Nein?

Okay. Jetzt wisst ihr vielleicht wovon ich rede. Ich war sie jemand. Ich war zwar immer zu feige, um auf Nummer Sicher zu gehen, dass nicht nur ich so fühle. Viel lieber genoss ich die mit der utopisch anmutenden Verliebtheit einhergehenden Schmetterlinge in meinem Bauch und um meinen Kopf. Und dazu passend all die Pläne mit Heirat, Kinder kriegen, wie unser gemeinsames Haus aussehen könne, ob wir im Badezimmer zwei Waschbecken hätte und welche Gardinen im Wohnzimmer besser zur gemütlichen Couch passen könnten.

Wer schon die letzten paar Wochen hier brav mitgelesen hat, weiß, dass viel passiert ist. Das eine lange Zeit vergangen ist. Und dann war da dieser eine Kuss.

Und nichts. Keine Träumerei und keine Utopie. Nichts. Nicht gefühllos, nein. Aber zum ersten Mal in meinem ganzen Leben bin ich wohl am Boden geblieben. Habe die kommenden Tage zwar oft daran gedacht, aber nie, wie es sein könnte, sondern nur, wie schön dieser eine Moment war. Und ich lasse mich darauf ein, und mein einziges Ziel war, einfach mal weiter zu sehen. Was sich eben so ergibt.

Aber wer hätte denn damit rechnen können, dass schließlich doch jemand zuviel und womöglich Unnötiges in diesen einen Kuss hineininterpretiert? Und ich es diesmal nicht bin?

Foto: D’Arcy Norman | flickr | creativecommons

Von vergebenen Chancen.

Und dann dieser eine Moment. Perfekt darauf abgestimmt, nach unnötigen überbrückenden Stilmitteln, ein Abschluss für diesen Abend zu sein. Ein wunderschöner Moment und der Anstoß für unzählige Zahnräder, die beinahe schon eingerostet, wieder zu rotieren beginnen. Aber ich habe dazu gelernt. Ich habe aufgehört zu träumen. Träume sollen nicht mehr Oberbefehlshaber in meinem Leben sein. Viel lieber genieße ich es in der Erinnerung des Moments zu schwelgen. Der persönlichen Perfektion so nahe.

Und dann dieses Gespräch. Virtuell, wie so vieles. Und die Erkenntnis, dass dieser Moment nicht überraschend kam. Er kam vor allem: viel zu spät. Es gibt sie immer noch, diese Vergangenheit, die in Komplikationen und unnötigen Fahrspurwechseln kaum zu überbieten ist. Die mich einmal hoch schweben, ein anderes  Mal tief fallen ließ, immer hinein in den Sumpf der Ungewissheit, resultierend aus dem Moloch der unbändigen Feigheit.

Und ich beginne darüber nachzudenken. Viele Monate lang habe ich, jedes Mal, wenn ich meine natürlich angeborene Feigheit überwunden hatte, eine schwere Enttäuschung erlitten. That’s part of the game. Das wissen wir alle. Aber treten diese Enttäuschungen einmal in Rudeln auf, wagt man sich kaum mehr raus, vor die Tür. Wagt wichtige Schritte ganz einfach nicht, weil zu viel aufgebaut und zu viel zerstört werden könnte.

Und durch diesen einen Moment aus Absatz Eins erfährt man, dass es doch noch so etwas Schönes gibt und fühlt sich sicher und ja. Auch selbstbewusster. Ohne all dem, wäre ich wohl noch hängengeblieben in meinem Kreisverkehr, hätte jede Ausfahrt versäumt und wäre wohl so lange gefahren, bis der Tank leer gewesen wäre.

Und selbst wenn das hier nur ein Moment war. Nur ein Moment und nicht der Beginn etwas ganz Besonderen, wie ich insgemein hoffte. Und selbst wenn die Enttäuschung gerade nicht zu leugnen ist, so denke ich daran, dass es nun einfach weitergehen muss. Ich darf mich nicht unterkriegen lassen, mich von der Enttäuschung leiten. Das hier ist es vielleicht doch. Der Start, der Beginn etwas ganz Besonderen.

Vergebene Chancen sind immer die Möglichkeit für einen Neubeginn. Für ein „Restart“ der besonderen Art. Ich fühle mich, trotz Enttäuschung und Rückschlag immer noch außergewöhnlich gut. So soll es weitergehen. Mit einem Smile on my face. Und der Musik im Ohr und der Realität stets im Auge. Scheiß auf all die Träume.

Foto: AleGranholm | flickr | creativecommons

Das ist es, und das passt so.

Sie haben gesagt, es würde Regen geben,
doch wir sitzen hier seit Stunden, trinken Wein
und sind einfach nur am Leben.
Bis unsre Welt zerbricht, es dunkel ist.

Die Auffahrt zum Haus meiner Eltern, ich seh‘ die Hausnummer und hinein bei den Fenstern, die mein Zimmer umranden und plötzlich fühlt es sich wieder einmal so an. Fühlt es sich so an, als wäre das hier nur nichts. Ein Haus mit Funament, recht hässlich und alt. Ohne Keller, wohlgemerkt. Und nicht mein Zuhause. Hier komm‘ ich immer nur her, alle zwei oder drei Wochen für zwei Tage. Und bin trotzdem immer unterwegs, komme doch nur zum Schlafen hierher.

Und auch diesmal ist es nicht anders. Die Zigarette, die wir vier noch vor dem Haus rauchten, und die Geschichten, die wir uns alle noch erzählten, bis die drei wieder in zwei Autos und ich in das Haus stiegen, um den Tag zu beschließen. Und niemand hat mir erklären können, wieso und weshalb. Und  vielleicht zum ersten Mal seit Langem, (oder ist das jetzt nun schon Dauerzustand?) fühle ich mich nicht traurig. Fühle mich nicht traurig, dass das, was ich damals immer als mein Zuhause kannte, nichts mehr für mich ist.

Und dann das Treffen auf diesem einen exorbitant großen Parkplatz des wahrscheinlich doppelt so großen Supermarkts. Für eine Zigarette. Wir lehnen gegen unsere Autos, und planen schon weiter und atmen warme Nachmittagsluft. Um uns herum suchen Gestresste eine freie Parklücke und hupen, steigen auf die Bremse. Vollkommen hilflos.

Am Abend werfen wir schließlich Fleisch auf den Griller. Sitzen zu acht in der Sonne, die gerade dem Untergang zugeneigt ist. Rauchen, trinken Radler, spielen Volleyball, suchen Chuck Norris Witze und erzählen uns Porno-Titel. Warten bis es zu kalt draußen ist, und gehen rein. Nur um später noch auf eine Party am See zu fahren. Wo Leute ohne Shirt bei den knappen Plusgraden abfeiern und alle außer wir wirklich massiv betrunken sind.

Und dann ist da heute und ich gebe freiwillig kostbare Zeit hier her um nicht hier zwangläufig hier zu sein. Und packe mich in Hemd und Sakko und in die neuen Lederschuhe und die Jeans, die eigentlich noch voller Weißwein ist, der am Freitag über sie geschüttet würde. Und fahre irgendwann im Laufe des späten Nachmittag auch wieder weg. Zurück.

Und wisst ihr, was das Besondere daran ist? Es fühlt sich gut an. Schön an. Genau richtig. Ich genieße, und bin wahrscheinlich (selber fällt das einem ja nicht so auf) um einiges ruhiger, stiller, als ich es all die Zeit zuvor war. Das ist es, und das passt so. Weil. Wie lässt es sich denn schöner leben?

Einfach nur da sein und einfach nur ich sein.

Und als wir uns dann gegenüberstanden.

Und was für Tage, und was für Nächte und was für Schlaflosigkeit. Hier bin ich, liebes Leben. Hier bin ich und bereit, einfach mal überall zu sein. Alles zu tun. Und nicht darüber nachzudenken. Einfach nur da sein und ich sein. Ich, so, wie ich kaum sein konnte.

Hier bin ich, sehe mir den Sonnenaufgang an, mit einem meiner großartigen Freunde, der zur Feier des Tages und aufgrund des vorangegangenen Alkoholkonsums noch spazieren ging. Hier reden wir, tanzen mit Wunderkerzen vor der orange leuchtenden Morgensonne. Trinken Radler und Wein, rauchen Zigaretten und Moods. Atmen die feuchte, kalte Frühlingsmorgen-Luft und fühlen uns gut. Genau so, wie wir uns verdammt noch mal immer fühlen sollten.

Und das Lächeln. Einfach nur dieses Lächeln. Auf meinen Lippen. Ein kurzer Moment. Ein kurzes Sein. Und seit alledem ist mir wirklich vieles noch viel scheißegaler als es mir ohnehin sein könnte. Ich mache mir nicht unnötig Sorgen um Unnötiges. Habe nicht banale Ängste vor Banalitäten. Nein. Ich genieße die Zeit und die Sonne. Und die Zugfahrt und die Stille. Ich genieße es, einfach hier zu sein und atme tief und atme ein. Und atme aus.

Das ist es, was ich vermisst habe und das ist, was ich nie wieder vermissen möchte. Ich habe es vergessen, habe es beinahe verlernt. Stelle mich jetzt vielleicht noch furchtbar tollpatschig an. Aber es fühlt sich schön an. Wunderschön. Weißt du?

Foto: GypsyFae | flickr | creativecommons

Hinein in ein Café. [∞]

Mit einer überaus herausfordernden Handbewegung landet ihr Getränk in meinem Gesicht. Ohne Glas natürlich, das hätte nur unnötige Schnitte und glücksbringende Scherben gebracht. Ihr Baileys, oder White Russian oder was auch immer tropft von Stirn, Nase und Lippe herab. Sie stellt ihr Glas wieder hin, wirft einen Zehner über die Theke und haut ab.

„Und deshalb wäre es das Beste…“ Mein letzter Satz. Lange, lange vorbereitet. Einstudiert, wie die verschiedenen Kontoarten in Rechnungswesen. Und noch bevor ich aussprechen kann, weiß sie schon, an welchem Punkt wir nun angelangt sind. Oder ich. Ihr Mund scheint trocken, ihre Hand macht sich auf den Weg zu ihrem Glas.

Erklärungen folgen, in denen ich mich verheddere und immer wieder ziehe ich mich hoch um fortfahren zu können. Interessiert sieht sie mir in die Augen, wartet auf den Showdown und auf die Pointe, wartet darauf, dass ich sie an der Hand nehme und die alten Erinnerungen völlig real und nicht nur mit Worten wiederbelebe. Aber die meine Hand nimmt nicht die ihre. Und wir sind immer noch hier.

Wir schwelgen in alten Erinnerungen. „Und weißt du, damals, als wir…“ Spazieren waren, einkaufen, oder in diesem einen Café, als wir am See lagen, den Berg bewanderten. Man kann hier eigentlich alles einsetzen. Im Grunde genommen ist es scheiß egal. Hauptsache, man kann sich etwas erzählen. „Ja, natürlich. Wie könnte ich so etwas vergessen.“ Wie könnte ich. Wie hab‘ ich nur?

Das Café ist bekannt. Hier waren wir früher auch immer wieder. Sie hat sich hier mal den halben Café Latte über die Jeans geschüttet und mich, nachdem ich kaum mehr zu lachen aufhören konnte, vollkommen mit Kuchen bekleckert. Aber im Grunde genommen ist hier trotzdem alles neu. Neuer Besitzer und neue Kellner. Und vor allem die ungewohnte neue Einrichtung.

„Und für mich bitte ein Cola!“ Der Kellner wirft uns gekonnt zwei Untersetzer vor unsere Nasen und humpelt hurtig hinter die Bar. Das ist meist einer dieser unangenehmen Momente, zwischen Bestellung und Erhalt des gewünschten Getränkes. Irgendwie kommt es mir ja so vor, als bräuchte man das Glas, die Flasche, den Strohhalm, um sich festzuhalten und so erst dann die Konversation wieder fortzusetzen. Sie blickt mich an, auf der einen Hand sitzend und schenkt mir ein Lächeln. Und ich blicke mich sehnsüchtig nach meiner Coke um.

Galant öffne ich ihr die Tür, lasse sie zuerst eintreten und folge dann nach. Wir sehen uns nach einem Platz um, obwohl das eigentlich blöd aussehen muss. Wir sind nämlich allein hier. Allein, bis auf den Kellner, der gerade mit lethargischem Arbeitsstress wahrscheinlich das dritte Glas in einer Stunde poliert. Ich nehme ihre Jacke ab, schlüpfe aus meiner heraus und hänge sie auf die dafür vorgesehenen Haken gleich neben dem Klo. Schon hüpft der Kellner auf uns zu, beinahe als wären wir die erste Kundschaft seit Tagen.

Ich habe gekonnt auf die Worte „Wir müssen reden.“ verzichtet und auch sonst keine Anzeichen erkennen lassen. Ich möchte es ihr schonend beibringen, damit sie es versteht und wir uns im Guten trennen. Das sind meine Gedanken, als sie in mein Auto einsteigt und wir gemeinsam in die Stadt fahren. Weg von gewohnter Umgebung, in eine neutrale Umwelt. Hinein in ein Café.

Foto: Ben Seidelman | flickr

Westbahnhof. 23.22 Uhr

Es ist 23.22 Uhr. Ein langer, harter Tag liegt hinter mir. Den ganzen Vormittag und den halben Nachmittag über arbeitete ich an einer Arbeit für die Fachhochschule. Irgendwann dazwischen setze ich mich in den Zug. Nach Wien. Lerne wieder einmal eine Fernsehsendung kennen, genieße das Leben. Mein Leben.

Und jetzt ist es 23.22. Der scheinbar letzte Zug nach St. Pölten. Eine letzte Zigarette bevor ich einsteigen möchte. Ein älterer Mann, sichtlich wankend, nähert sich mir, bittet mich um eine Zigarette. Ich bin da nicht so. Ich gebe eigentlich jedem eine Zigarette. Nur möchte ich dann meistens in Ruhe gelassen werden.

Er beginnt zu reden. Er sei „gerade erst aus dem Häfn“ gekommen. Aus dem Gefängnis also. Ich höre ihm zu, glaube ihm das Ganze auch. Er sieht kaputt aus. Fertig mit der Welt. Irgendwann, nachdem er mir noch zwei weitere Zigaretten abgeschnorrt hat, fragt er mich, ob ich ein Handy besitze. Wofür, war schließlich meine berechtigte Frage. „Die Rettung.“

Ich gebe ihm das Handy, seine nuschelnde, betrunkene Stimme erklärt den Leuten am anderen Ende von seinem Leid. Heroinabhängig, alkoholabhängig, nikotinabhängig. Heute hat er sich zur Abwechslung mal 80 prozentigen Rum injiziert. Er sei ja auf Entzug, auf hartem Entzug. Und jetzt bräuchte er die Rettung.

Das Gespräch ist beendet, ich nehme mein Handy wieder in Gewahrsam. Soll ich jetzt einsteigen? Nein. So gern ich das wohl tun würde, ich kann es nicht. Kann jetzt nicht einfach einsteigen und den Typen da draußen, in seinem grellgelben T-Shirt sitzen, stehen oder liegen lassen.

Wir setzen uns hin, wankenden Schrittes er vor mir, ich folge ihm. Hier warten wir auf die Rettung. Er fragt mich erneut und mehrmals um Zigaretten und schön langsam wird mir um den Restbestand meines Päckchens Leid. Aber nein. Natürlich gebe ich ihm sie.

Er wiederholt sich die ganze Zeit. Erzählt mir seine Geschichte immer und immer wieder. Manchmal mit ein paar neuen Informationen. Zuletzt hat er sich ins Koma gesoffen, für drei Wochen. War scheinbar deshalb auch im Gefängnis. Und von nun an beginnt er immer und immer zu sagen, dass es wohl das Gescheiteste wäre, er würde sich hier vor einen Zug werfen.

Weil er eh nutzlos sei. Ich verneine. Immer und immer wieder. Nein, du bist nicht nutzlos (wir duzen uns seit wir uns kennen). Niemand ist nutzlos. Nein, das machst du nicht. Ach, nein. Nicht heute und nicht jetzt. Wahrscheinlich hätte ich ihm, diesem Unbekannten, der mir seit 23.22 Uhr das Leben schwerer macht, als ich es mir kurzfristig erwartet habe, es nie verziehen, wenn er sich vor meinen Augen vor irgendeinen Zug geworfen hätte. Vielleicht ist das egoistisch. Aber egal.

Immer wieder erzählt er mir seine Geschichte und immer wieder meint er, dass die Sich-vor-den-Zug-Werf-Idee die Lösung für alles sei. Er hat scheinbar wegen dem Gefängnis seine Unterkunft verloren, und seinen Job. Ich wage zu behaupten, dass er den Job entweder sowieso schon länger nicht mehr hatte, und vielleicht nicht nur sein Gefängnisaufenthalt Grund dafür waren. Ihn brauche hier niemand, er ist nur unnütz.

Und ich beginne mich zu fragen. Vielleicht hat er Recht. Vielleicht nützt er hier niemanden mehr. Vielleicht hat er keine Eltern mehr, oder Eltern, die sich von ihm abgewendet haben. Vielleicht hat er keine Freunde mehr, oder Freunde, die nur aus bösem Schein und dem Sumpf aus Drogen entsprungen sind. Vielleicht sieht er keinen Sinn mehr in seinem Leben. Nein. Er sieht definitiv keinen Sinn mehr. Aber trotzdem dürfe er das nicht tun.

Sein Leben wegwerfen. Ist es banal, bei einem Leben wie dem seinen, immer noch für eine Kehrtwende zu hoffen? Für einen Weg zurück zum „normalen“ Leben. Ohne Drogen, hartem Entzug, intravenösem Alkohol oder was auch immer? Ich weiß es nicht.

Irgendwann, nach 15 Minuten ungefähr kommen die zwei  Rettungsleute den langen Bahnsteig 5 vorgeschritten. Ich möchte auf sie zugehen, ihnen erklären, was los ist, und sie gehen nur vorbei. Lassen sich kaum auf Gespräche ein, wirken unfreundlich. Und nehmen ihn mit, bringen ihn in irgendein verdammtes Krankenhaus, das ihm wieder einmal kurrzzeitig helfen wird, oder es zumindest versucht, dass er mal wieder klar sieht.

Mein Herz schlägt von den Zehenspitzen bis zu den Ohren. Er winkt mir noch einmal zu, während er beginnt, den Rettungsleuten zum ersten Mal von seiner Geschichte zu erzählen. Sie werden ihm nicht zuhören, das weiß ich. Sie werden ihn einfach nur in einem Krankenhaus abliefern, das ist ihre Aufgabe. Und irgendwie fühlt es sich gut an, dass ich, für diese 15 Minuten bei ihm sein konnte, ihm zuhörte und immer und immer wieder beschwichtigte, dass es nicht richtig sei, wenn er sich vor einen Zug werfe

Ich kenne nun seine Geschichte und glaube, dass ich sie auch nicht sehr schnell vergessen werde. „Du bist noch einer dieser Menschen, die helfen. Die für einen da sind.“ hat er einmal zu mir gesagt. „Das ist doch normal. Das macht man eben so.“, sagte ich. Ohne zu bemerken, dass hinter uns ständig unzählige Leute vorbeigingen, die sich angewidert abwendeten. Klar. Ich hätte das auch getan, wäre ich ihm nach der ersten Zigarette entkommen. Jetzt bin ich froh, dass ich das nicht bin.

Und während er womöglich immer noch träumt, sich vor einen Zug zu werfen um all dem Elend ein Ende zu setzen,  träume ich für ihn weiter. Träume, dass alles wieder gut wird. So utopisch der Traum auch wirken mag. Es wäre eine Zumutung, wenn man nicht davon träumen würde.

Foto: David Leggett | flickr

Und weißt du.

Manchmal, da suche ich so einen gewissen besonderen Ort. Einen Ort, den nur ich kenne. Und du. Wo wir hingehen könnten, ich mit dir an meiner Hand, durch die Nacht, alleine. Gemeinsam.

Und dann würden wir uns dort hinsetzen, unsere Jacken würden wir hinlegen, zwischen dem Boden und uns, damit wir nicht frieren, in dieser Nacht, mit all den Sternen und dem Mond, der irgendwo hinter dem Baum zu verschwinden versucht.

Und ich hätte deine Hand bis jetzt noch nicht losgelassen und begonnen, deine Augen zu suchen. Um dir mit geringer Berührung unendlich nahe zu sein. Du würdest mich ansehen und wir würden lächeln. Bis ich auf die Stille zu warten beginnen würde.

Und dann würde ich es dir sagen. Was ich fühle. Was du für mich bist. Warum du. Und wer ich denn überhaupt bin. Ich würde all das sagen, was mir seit Tagen und Wochen, ja, nun schon seit Monaten herumschwirrt. Was ich nicht zu sagen wagte, weil es nicht der richtige Ort war.

Was ich nicht zu sagen wagte, weil wir nicht allein waren. Weil ich es dir persönlich sagen möchte. Am Liebsten würde ich dir ja eine Mail schreiben, eine lange SMS oder gar einen Brief. In dieser Form kann ich mit Worten am Besten umgehen. Aber nein. Ich würde es dir persönlich sagen. Um die volle Bombastität der Reaktion abzubekommen.

Und weißt du. Manchmal. Ja. Manchmal ärgere ich mich darüber den Großteil meines Lebens im Konjunktiv 2 zu erleben.

Foto: maic2010 | flickr

Und wenn.

Und wenn ich erzähle, dass es manchmal Momente gibt, an denen ich einfach nur gerne alleine bin. Jeden sozialen Kontakt scheue, selbst wenn Freunde mich irgendwohin einladen möchten. Wenn ich von der gewollten Einsamkeit schwärme und mich in mein Bett kuscheln möchte, mit einem Buch und melancholische Musik immer und immer wieder in meiner Playlist auftaucht.

Und wenn ich auf  irgendeiner Party bin. Und sie so scheiße oder so großartig wie auch immer ist. Und ich davon plaudere, wie banal es ist, hier unter allen Menschen einsam zu sein. Unter Menschen, die mich lieben und die ich liebe. Und ich nervös an meiner Flasche Bier nippe und mich nach der nächsten und übernächsten Zigarette sehne.

Und wenn ich sage, dass es gut so ist. Dass ich mit meinem Leben zufrieden bin und alles so wunderbar passt und ich die Idiotie des Alltags lieben gelernt habe, und mich gerade niemand auch nur irgendwie aufhalten wird können. Und dass ich am Puls der Zeit, der Hauptschlagader des Lebens, dem Pumpwerk des Ichs angelangt bin. Und wenn ich sage, dass ich es schön finde.

Dann fehlst nur du. Du. Mit jedem einzigen Wort. Mit jedem deiner Worte, mit jedem einzelnen Lächeln, deinen Gedanken, unseren Gesprächen. Du fehlst mit jeder Faser deines Körpers. Du fehlst in deinen Berührungen. Und all deinen Fehlern.

Und wenn ich sage, dass es gut so ist. Dann. Dann glaub‘ mir einfach nicht, okay?

Foto: Erin Purcell | flickr

And the rain.

Und der Regen. Wie er nun schon seit Tagen hier herunter träufelt und die vor Kurzem im Zuge eines Wahnes frisch geputzten Fenster unnötig befeuchtet. Du gehst mir nicht aus dem Kopf, weißt du. Und du bist nicht alleine dort. Ich höre nicht auf zu denken, und denke so unglaublich verdammt viel.

Und manchmal stelle ich mir auch immer wieder vor, was passieren, wird, wenn wir uns das nächste Mal sehen würden. Was ich dabei anziehen würde, ob ich mir vorher noch Zigaretten kaufen würde, und ob ich noch irgendetwas mit meinen Haaren machen würde. Ich weiß es bis heute nicht.

Und natürlich überlege ich auch, was ich zu dir sagen würde. Meine Zunge stolpert über die perfekten Worte für genau diesen Moment, doch ich verliere mich in Ungereimtheiten. Störe mich am Kopfchaos und schweige einfach so verdammt bescheuert weiter, obwohl doch alles so furchtbar schön durchgeplant ist.

Es wird nicht klappen und wahrscheinlich soll es auch gar nicht klappen. Vielleicht hängt doch viel zu viel Nichts an dieser ganzen Sache. Ein großer Batzen Dummheit natürlich inbegriffen. Und draußen regnet es immer noch. Seit Tagen nun schon. Das Zimmer ist dunkel, die Zigaretten griffbereit. Wahrscheinlich die beste Zeit, um sich Gedanken zu machen. Wahrscheinlich die schlimmste Zeit für mich.

Foto: silent shot | flickr