Lippen.

Als sich unsere Lippen das erste Mal berühren, bin ich einfach nur glücklich über die Tatsache, dass ich bereits sitze und mich meine Beine nicht halten müssen. Unsere Lippen passen so wunderbar zusammen, unsere Augen sind geschlossen, ich spüre ihre Zunge. Herzklopfen. Stille.

„Vielleicht ist es das hier.“

Ich fasse sie an, berühre ihren Hinterkopf, streiche ihr durch die Haare. Immer noch hängen wir an unseren Lippen, kurz habe ich die Augen geöffnet. Sie streicht mir über den Rücken. Wir denken nicht daran, uns voneinander zu lösen. Soweit wir es hören, öffnet sich kurz die Abteiltür, aber niemand steigt ein. Niemand setzt sich dazu.

„Was? Was meinst du?“

Wir lösen uns. Emily sieht mir tief in die Augen, sieht mich an, als würde ich ihr alles erzählen. Oder als würde sie bereits alles erfahren, durch ihren in mich eindringenden Blick. Ein weiterer, kurzer Kuss. Auf den Mund, die Wange, den Hals. Sophie wird mir nicht glauben, was hier passiert ist. Wird nicht glauben, dass ich jetzt erstens neben Emily sitze und wir uns zweitens schon geküsst haben. Das habe nicht mal ich geglaubt, in meinen kühnsten Vorstellungen. In meinen Träumen von ihr, die mich einige Nächte bisher mal besser, mal weniger gut haben schlafen lassen.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 8 „Abteil“]

Augen.

„Es ist schön hier.“, bemerkt sie, als sie, an ihrem Soda nippend, aus dem Fenster blickt. Und doch ist es etwas beunruhigend, aus dem Fenster eines Zuges zu blicken und für unzählige Minuten dasselbe Standbild zu sehen. Und kein Bahnhof in weiter Ferne. „Das ist kein betrieblicher Aufenthalt. Wir bitten sie daher, die Außentüren geschlossen zu halten.“, klingt es auch im Bordrestaurant. Leute murren.

Wir sitzen immer noch seelenruhig da, blicken mal uns, mal die Menschen um uns oder die Landschaft da draußen an und fühlen uns zwischen den dicken Wänden des Waggons überraschend wohl. Nichts könnte uns wohl aus der Ruhe bringen. Das hier ist unser Zug und unser Tisch.

„Noah?“
– „Ja?“
„Was, wenn wir uns nie wieder getroffen hätten?“
– „Ich weiß es nicht.“
„Es hätte mich verrückt gemacht.“
– „Mhm. Mich wohl auch.“
„Hast du auch oft an mich gedacht?“
– „Mhm.“
„Warum eigentlich?“
– „Ich weiß es nicht.“
„Kopf verdreht?“
– „Mhm.“

Dann sind wir wieder stumm. Wir sind wohl beide beeindruckt, wie schnell man unsere Köpfe verdrehen kann. Wie wenig man eigentlich reden, sondern eher wie viel man fühlen muss, bis der Kopf nicht mehr weiter weiß und sich das Herz nur mehr eine Sache wünscht. Selbst jetzt bin ich mir meiner Gefühle immer noch nicht bewusst. Wie sollte ich auch. Da sitzt sie, diese Schönheit, diese junge Frau mit ihren wundervollen Augen und verbringt den Abend, so außergewöhnlich – und für viele wäre es wohl ungewohnt – in einem Bordrestaurant eines Zuges. Stehend, in einer herbstlichen Einöde ohne Handyempfang und Menschen.

Die Minuten vergehen, wie führen kurze Dialoge, oftmals reicht es nur mehr für ein
leises „Mhm.“ Aber nicht, weil wir es bevorzugen, uns peinlich anzuschweigen und uns vor
allem nicht mehr in die Augen zu sehen. Denn genau das tun wir, wir sehen uns in die Augen, ins Gesicht, lesen daran und entdecken Geschichten, die mit Worten wohl auf ewig verborgen geblieben wären. Die Augen eines Gegenübers können wie ein offenes Buch sein. Sie erzählen von Glück und von Freude, von Schmerz und von Ungewissheit. Und das sind auch deren Gefahr: Das Gegenüber, welches man darin lesen lässt, muss behutsam damit umgehen. Das ist das Wichtigste. Deshalb ist ein großer Funken Vertrauen vonnöten, um dieses Kapitel überhaupt aufzuschlagen. Ich habe mich geöffnet und Emily ebenso.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 7 „Bordrestaurant“]

Elf Tage #nanowrimo.

Die Zeit läuft mir davon. Wenn das Leben (oder zumindest der Monat) nur aus dem #nanowrimo bestehen würde, wäre alles um einiges leichter. Aktuell bin ich irgendwo zwischen fünfzehn- und sechzehntausend Worten. [Das Ziel für heute wäre 16.666.] Eine Meisterleistung bisher. So viel von #vdnzd gab es bisher, soweit ich mich erinnern kann nicht. Die Geschichte ist genau da, wo sie sein sollte. Ich bin geistig zwar nur mehr halb anwesend und sogar mein Bett beschwert sich schon über die wenige Zeit, die ich mit ihm verbringe. Aber es wird was. Ich bin zuversichtlich, wisst ihr? Das wird groß. Ganz, ganz groß!

November ist #nanowrimo.

Tausende Menschen quer über den Erdball schreiben gerade Geschichtenz. 50.000 Wörter in einem Monat. „National Novel Writing Month“ nennen sie das und schon mehrere Male bin ich daran unglücklich gescheitert. Doch dieses Jahr: Eh schon keine Zeit, dann auch noch die verrückte Idee, fünfzigtausend Worte mit der Hand schreiben zu wollen und ein Moleskine. Man wünsche mir Glück. Das, was hier rauskommt, wird Volle Distanz. Näher zu dir. Ich halte euch auf dem Laufenden. Zu mehr Literarischem wird es wohl in diesem Monat hier nicht mehr kommen. Aber das ist zum Wohle von allen.

Buchprojekt/Teamarbeit.

Menschen haben Pläne und Träume. Pläne sind meist jene, die im Laufe ihres Lebens kommen und gehen. Das Studium und der Abschluss 2012 war so ein Plan. Das wird sich wohl etwas verzögern, so hat es zumindest den Anschein. Träume sind dann der Rest, der bleibt. Die Rettungsanker, die aufpassen, dass man nicht darauf vergisst, rechtzeitig wieder zu atmen. „Volle Distanz. Näher zu dir„, mein Buch, ist so ein Traum. Und dieser wird nun in Angriff genommen.

Aber wisst ihr was? Warum soll ich mich ganz alleine hier rumärgern mit meiner eigenen Unfähigkeit und dem ewig verstörenden Wunsch nach Perfektion? Ihr könnt mir helfen, wie auch immer. Ihr wisst vielleicht, dass ich gut schreiben kann. Das das eines jener Talente ist, die lange reiften und mit dem ich selbst richtig zufrieden bin. Deshalb muss dieses Buch unbedingt erscheinen.

Ich suche Menschen:

  • die immer mal wieder drüberlesen. Denen ich 1x pro Woche (oder so) die neuen Textstellen schicke und dir mir möglichst ausgiebig Kritik zurückgeben. Konstruktives Feedback und mir dabei helfen, nicht vollkommen daran zu verzweifeln.
  • die Kontakte zu Verlagen haben. Ich mein, ja … vielleicht kann man ja irgendwie nachhelfen, dass ein Verlag sich für mein Herzensprojekt interessiert. Denn fertig geschrieben, mit dem letzten Punkt nach dem letzten Satz, in einer Schublade verschimmeln, das darf natürlich auch nicht sein. (Suhrkamp nova wär übrigens sehr cool.)
  • welche die finale Version lektorieren. Auf die Kontinuität achten, die mir dabei helfen, die Ungereimtheiten aus dem Weg / dem Buch zu räumen. Das wird dann viel zu lesen, aber es wird euch gefallen. Das verspreche ich euch.
  • die mich antreiben. Hier rechts, in der Sidebar, werde ich die aktuelle Wortanzahl offenlegen und ständig auf aktuellem Stand halten. Sollte da mal länger eine Pause sein, nehmt euch eine Mistgabel, kommt bei mir vorbei und pisakt mich. Oder so.

Gemeinsam können wir das schaffen. Und erwähnen werde ich euch alle natürlich auch. Eine Ehrentafel wär eine tolle Idee, oder? Aber wie toll wäre es, wenn „Volle Distanz. Näher zu dir“ in diesem Jahr fertig werden würde und vielleicht sogar schon den Weg zu einem potentiellen Verlag finden würde? Großartig wäre das. Mehr als das. Ein Traum weniger. Ein Herzensprojekt abgeschlossen. Das Erste seit unzähligen Jahren.

750 Worte.

Volle Distanz. Näher zu dir. Ihr wisst doch, wovon ich spreche? Mein Meisterwerk, dass erst noch geschrieben werden muss. Dessen Idee verdammte 3 Jahre alt ist, und an dessen ersten Seiten ich mehrere Dutzend Male schon gescheitert bin.

@Luca hat irgendwann einmal über #750words getweeted, extra mit Hinweis für mich, damit ich es auch ja nicht übersehe. Und ich habe mir einfach mal angesehen, worum es überhaupt geht. Eine neue Bloggingplattform? Wieder was zum Anmelden? Nein. Gar nicht. 750words.com ist wohl eine genial simple Idee. Und nach meinen bisher 7573 Worte später (nach dem Start am 1. Mai) möchte ich es euch nicht mehr vorbehalten.

Volle Distanz. Näher zu dir läuft. Warum? Und so plötzlich? Nun: Ich habe wieder vollkommen von vorne begonnen, basierend auf einer Erzählidee, die mir in Stockholm gekommen ist. Also der erneute Start bei 0. Wie schaffte ich es, jeden Tag 750 weitere Worte zu schreiben und so das Buchprojekt so weit voranzutreiben wie es bisher wohl noch nie wirklich möglich war? Und warum hab‘ ich immer noch keine Lust, wieder alles hinzuschmeißen und von vorne anzufangen?

Weil diese simple Seite wirklich gut durchdacht ist: du hast 24 Stunden Zeit 750 Worte zu schreiben. Das ist das Ziel. Das habe ich auch getan, (bis auf meinen Geburtstag, dafür am nächsten Tag einfach doppelt so viel), und nach diesen 24 Stunden kannst du nichts Weiteres tun, als den Text durchzulesen. Keine Edit-Möglichkeit, keine Möglichkeit schreckliche Zeilen zu löschen. Nein. Es wird einfach weitergeschrieben. Ich habe mir angewöhnt, zu Beginn der halben Stunde oder so, die ich für meine 750 Worte benötige, noch ein einziges Mal den letzten Satz des Vortages zu lesen, um dann wieder in die Welt einzutauchen.

Und es spornt an. Ich hatte ja schon öfter mal solche Schreibschübe, wo ich immer mal wieder Seite um Seiten füllen wollte und es manchmal auch schaffte. Dann aber kam meist die Flaute, zwei, drei, vier Wochen gar nichts … ein rasches Drüberlesen und dann meist der Weg in den Papierkorb. Hier wird einfach jeden Tag geschrieben, Stückchen für Stückchen. Und nachdem mein Ziel (so ganz grob geschätzt) 75.000 Worte sind, wäre ich somit in 100 Tagen mit dem Buch fertig. Das wäre dann also der 8. Juli. Eine coole Sache, oder?

Wer also endlich einmal eine Geschichte erzählen möchte, ein Buch schreiben, eine Idee umsetzen, dem kann ich #750words nur wärmstens empfehlen. Die Idee ist einfach und auch rasch erklärt, aber der Entwickler hat sich scheinbar wirklich sehr viel dabei gedacht. Und hiermit danke ich auch noch @Luca, den ich für diesen raschen Fortschritt meines Buchprojekts verantwortlich mache.

Irgendwas mit Medien.

Wir sind übrigens schnell über die normalen Smalltalkthemen hinausgekommen. Marlene beginnt gerade über das Wetter zu philosophieren. Und entgegen meiner ersten Annahme, sie würde Meteorologie studieren, stellt sich schließlich heraus, dass sie einfach nur vom spätsommerlichen/frühherbstlichen Wärmehoch fasziniert ist.

Meine vier Begleiter, oder nein. Die vier Leute, die ich begleiten durfte, scheinen wirklich nette Menschen zu sein. Sarah nickt mir zufrieden zu, ihr Plan, mich mit dem heutigen Abend „in die Gesellschaft einzuführen“, hat also geklappt. Ich lächle zurück.

Mein Cafe Latte wird serviert, auch die Anderen bekommen ihre Drinks und Kaffees.

»Und was willst du irgendwann einmal werden?«

Nachdem wir unsere Studiengänge untereinander ausgetauscht hatten, ist diese Frage doch nur sehr naheliegend.

»Irgendwas mit Medien.« ist meine Antwort, das folgende Gelächter ist erlaubt. In Wahrheit sehe ich mich ganz woanders. Nein, nicht wirklich. Aber wenn ich jetzt sagen würde, dass ich mich irgendwann einmal in einem Bücherregal sehen möchte, würde ich wohl wahrscheinlich nur ungläubige Blicke ernten. Aber ja, ich möchte gerne einmal Schriftsteller werden. Ich schreibe auch jetzt schon. Geschichten, manchmal fiktional, manchmal autobiografisch. Und die Wenigen, die mal etwas zu Lesen bekamen, lieferten auch immer wieder interessante und anspornende Anregungen. Aber bis heute ist dieser Traum nur ein Fall für die Utopie. Die Verwirklichung steht noch in weiter, weiter Ferne.

Ich lasse meinen Kaffee auskühlen, nehme dann den ersten Schluck und wische mir den Milchschaumbart von meiner Oberlippe weg, als die Anderen schon darüber nachdenken, wohin sie wohl im Anschluss gehen sollen. Ob ich denn Lust hätte, mitzugehen, fragen sie mich und Sarahs Blick zeigt mir, dass ein »Nein, eher nicht.« eindeutig nicht erlaubt ist. Ich nehme mein Päckchen Zigaretten, nehme eine heraus, zünde sie an und meine nur »Zeigt mir, wo man hier in Wien so richtig viel Spaß haben kann.«

»Und? Bist du Single?« Marlene scheint es also wissen zu wollen.
– »Ja.« Ähm.
»Aber du hast doch jemanden kennengelernt.«, unterbricht mich Sarah.
– »Ach, das ist doch nichts. Ich habe mich nur ganz kurz mit ihr unterhalten. Und sie weiß noch nicht mal meinen Namen.«

Die Frauen lachen, zurecht wie ich finde. Es ist nicht mehr und trotzdem kann ich nicht leugnen, dass mir Emily noch immer nicht aus dem Kopf gegangen ist. Und, wie ich im Laufe dieses Gesprächs erfahre, sind Marlene und Kathrin liiert, Stefan und Sarah noch mehr oder weniger glückliche Singles. Irgendwie schade, dass sich alles doch wieder nur am das Eine dreht. Bist du, hast du, seid ihr. Zu recht viel mehr scheint das Gehirn eines jungen Erwachsenen wohl nicht im Stande zu sein. Und selbst wenn sie nach außen hin als sehr intelligente und wirklich rationale Menschen gelten, verlieren sie, im Angesicht der Liebe, so ungefähr alles, was einen Menschen ausmacht.

Nein, ich bin nicht verbittert. Ich halte einfach nur nichts davon, in jedem Kuss die Ewigkeit und in jedem Sex eine Gefühlsbombe zu sehen. Und ja, auch ich war mal so ein Typ, der wohl alles getan hätte, um die Liebe aufrecht zu erhalten. Aber ich habe daraus gelernt. Und habe dabei nicht verlernt zu lieben, nein. Glücklicherweise nicht. Aber ich halte ganz einfach nichts von der Ewigkeit und lebe viel lieber ohne unnötigen Gefühlsballast vor mich hin. Wisst ihr, um wie viel unkomplizierter ein solches Leben ist? Ein „In den Tag hineinleben“, sozusagen?

Die Liebe ist für mich ein Zustand. Liebe mit inbegriffene Gegenliebe, ein wunderschöner Ausdruck der Gegenseitigkeit, läuft vielleicht nur dann ohne gröbere Stolpersteine, wenn man sich bewusst wird, dass dieser Zustand vielleicht nur ein paar Wochen, ein paar Monate anhält. Und manchmal auch ein paar Jahre (und schließlich ganz selten: für immer). Man darf nicht erwarten. Eine Erwartungshaltung wird doch immer enttäuscht, egal, wie niedrig man seine Hoffnungen und Träume setzt. Und irgendwann entwickeln sich die Menschen einfach in ungewohnte Richtungen weiter, manchmal gemeinsam, aber viel zu oft auch einfach in die entgegengesetzte Richtung. Aber wenn man sich dieser Tatsache bewusst ist, dass Liebe eben nur ein Zustand, eine Zeitspanne überdauert, hat man die Möglichkeit, aus vollem Herzen zu lieben und mit großen Gefühlen zu hantieren. Man entdeckt dadurch eine ungewohnt neue Art zu lieben, ohne Träume von einem Haus, einer Familie, einem gemeinsamen Auto, der Zukunft.

Smalltalk und so.

»… und dann kam sie noch mal schnell zurück, weil sie ja ihr Buch vergessen hatte.«
– »Und?«
»Emily heißt sie. Aber irgendwie habe ich es nicht geschafft, ihr meinen Namen zu sagen. Oder nachzubrüllen, quer durch den Waggon. Oder was auch immer.«

Sarah lacht. Erwartungsgemäß. So etwas kann wohl auch nur mir passieren.

»Und glaubst du, dass du sie wiedersehen wirst?«
– »Ja. Also … ich meine: Natürlich würd‘ ich sie gerne wiedersehen.«
»Es muss sich eben einfach nur die Möglichkeit ergeben, nicht wahr?«
– »Mhm.«

Sarah ist eine hübsche junge Frau, hellbraune Haare, schöne Augen und bemerkenswert schöne Lippen. Und, was mir in der kurzen Zeit, in der ich sie nun kenne, schon aufgefallen ist: ihre Augen wirken traurig. Zwar erwartungs- und hoffnungsvoll, aber im aktuellen Sein furchtbar traurig.

Es ist immer noch kaum etwas los hier auf den Gängen des Studentenheims. Und hier, etwas abgeschotet vom ewigen Lärm der Straßen, bekommt man es beinahe mit der Stille zu tun. Ich weiß nicht, die wievielte Zigarette wir hier nun schon rauchen.

»Und, wann hast du deine erste Vorlesung, diese Woche?«, frage ich und überlege.
– »Ach, erst irgendwann morgen oder übermorgen.«
»Ich auch so ungefähr.«
– »Heute Abend Lust, mit ein paar Freunden und mir auf einen Kaffee zu gehen?«

Nein, ich hätte nichts Besseres tun. Und ja, ich würde es bereuen, wenn ich da heute nicht mitkommen würde. Überraschend spontan sage ich zu und irgendwann trennen sich für die kommenden Stunden unser Weg, die Telefonnummern ausgetauscht. Ich gehe zurück in mein Zimmer, zufrieden mit dem Leben, irgendwie.

Während all der Gedanken nun, die auf mich einströmen, taucht Emily wieder auf. Nach diesem bisher wunderbaren Tag, dem ersten Kennenlernen, den ersten halbmutigen Schritten hier in dieser neuen Umgebung, ist sie plötzlich wieder Bestandteil meiner Gedanken. Ich werde sie nicht finden, nicht auf Facebook, nicht auf Twitter, denn ich weiß ja nichts von ihr. Nichts, bis auf ihren Vornamen und die Gewissheit, eine sehr interessante Frau kennengelernt zu haben. Ich versuche mich zu erinnern, ihr Gesicht. Aber es schwindet. Wengistens habe ich mir den Namen gemerkt, selbst das ist schon etwas Besonderes.

Ich versuche zu lesen, telefoniere mit Freunden, die seit unserem Abschluss quer übers ganze Land verteilt ihre neuen Lebensmittelpunkte gefunden haben. Oder sie suchen sie immer noch. Es ist eben nicht immer so, dass der erste zaghafte Schritt der Richtige ist. So etwas darf man nicht erwarten. Überhaupt.

Erwartungen sind dafür geschaffen, um sich am Schluss in Schutt und Asche zu verwandeln. Und die schmerzhaftesten Minuten oder Stunden, manchmal sogar Tage und Wochen sind die, wenn man zusehen muss, wie die Erwartungen ganz langsam in sich zusammenbrechen. Wenn Wunschträume ihr Ende im Realisieren der Utopie erleben. Und da hilft es auch nicht, die Augen ganz fest zuzukneifen und seine Gedanken weit abschweifen zu lassen. Dafür sind wir nicht geschaffen, wir Menschen. Aber vielleicht ist es genau deshalb so gut, wenn wir durch so etwas durch müssen.

Die Nacht legt sich schön langsam über die immerwache Stadt. »Brrrrr.« » Brrrr.« Sarah.

»Hallo?«
– »Hey! Immer noch Lust? … Perfekt. Wir treffen uns in 15 Minuten unten beim Eingang. Nicht zu spät kommen, klar?«
»Passt, perfekt!«

Etwas matt steh‘ ich von meinem Bett auf, krame mein liebstes Shirt und meine gemütlichste Hose raus, werfe mich in Schale (ein kurzer Blick in den Spiegel, das wars) und mache mich auf den Weg zu Sarah und ihren Freunden. Ich hasse so etwas normalerweise. Etwas Neues zu sein, in einer Gruppe Altbekanntem. Alle haben sich etwas zu erzählen und nur manchmal fragt jemand höflicherweise nach, was ich denn so studiere und wo ich aufgewachsen bin und solche Dinge. In solchen Momenten werde ich nur zu gerne mit Smalltalk beladen, und aus reiner Freundlichkeit gebe ich immer und immer wieder die ewig gleichen Antworten darauf.

»Hey!«
»Hey Noah! Komm, wir wollen schon losgehen.«

Wir sind zu fünft. Drei Frauen, zwei Männer.

»Ich bin Stefan!«

Der Größte der Gruppe spricht mich als Erster an, er sieht freundlich aus und scheint, so rein auf den ersten Eindruck reduziert, ein recht unkomplizierter Mensch zu sein. »Schön dich kennenzulernen, Noah!«

Die Freude ist ganz (rein freundlicherweise) meinerseits: »Gleichfalls! Und du wohnst auch hier im Studentenheim?«

Stefan nickt. »Ja, ich bin nun schon das zweite Jahr hier. Kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht.«

Ein Satz für alte Menschen. Aber aus Stefans Mund hört es sich richtig so an. Ich, am Anfang meines Studiums, kann mir wahrscheinlich noch gar nicht vorstellen, wie schnell zwei Semester vefliegen können.

»Und von wo kommt du?«

Uh, bald werden uns wohl die Gesprächsthemen ausgehen. Und wir sind noch nicht einmal in … (ja, wohin geht es eigentlich?) angekommen. Ich erkläre ihm meine Herkunft, was natürlich am Besten mit der nächstbesten Stadt und dem nächstgelegenen See funktioniert. Er nickt, er war da schon einmal. Campen. Und er erklärte mir, dass er nicht unweit von mir (was sind schon 30 Kilometer) aufgewachsen ist.

Flott wandern wir durch die beleuchteten Straßen der Wiener Innenstadt. Überall grell strahlende Auslagen, hie und da Leute, die an Cocktails schlürfend, sich unterhaltend, im Gastgarten sitzen. Es ist ein warmer September, müsst ihr wissen. Manchmal kommt man auch an Clubs vorbei, wo 16:9-Türsteher ihr Unwesen treiben und für Sicherheit sorgen. Und was mir immer noch faszinierend vorkommt: Es ist Montag Abend, und in jedem einzelnen der unzähligen Lokale sind Menschen. Das gastronomisch Positive an einer Großstadt: man braucht im Grunde genommen nicht viel bieten und hat trotzdem meist volles Haus.

»Hier sind wir!«, sagt Sarah, hält dabei die Tür auf. Nacheinander betreten wir dieses kleine, nette Café. Und jetzt, bei meinen ersten Schritten in diesem Lokal weiß ich noch gar nicht, dass das in Zukunft so etwas wie ein Stammlokal für Sarah und mich, durchschnittlich ein Päckchen Zigaretten, einer Überdosis Koffein und natürlich stundenlangen Gesprächen sein wrid. Aber der erste Duft ist selbst jetzt noch in meiner Nase aufzufinden. Kaffee mit Rauchgestank. Ich liebe es schon jetzt.

Ein Tisch mit fünf Sesseln (Lederüberzug!) und genügend Platz ist schnell gefunden, die junge Kellnerin bringt uns rasch die Speise- und Getränkekarten.

»Stefan kennst du ja bereits.«

Zustimmend nicke ich.

»Das ist Marlene. Und Kathrin.«
– »Hey!«
»Hey!« – »Hey!«

Der Beginn eines (überraschend) langen Abends.

Ein guter Tag irgendwie.

Meine Hand zu einer Faust geformt reibe ich mir die Augen. Alles tut weh. Mein Rücken schmerzt und das Gefühl in meinen linken Arm scheint gerade erst wieder zurückzukehren. Das Buch ist immer noch geöffnet, nur die Seite ist nicht mehr die Gleiche als damals, als ich eingeschlafen bin. Was waren das jetzt? Drei Stunden?

Ich fühle mich elend. Um neun, halb zehn war ich im Studentenheim, habe mein bisschen Gepäck ausgepackt, das Bett frisch überzogen. Ich war müde, wollte schlafen. Ich hätte es auch bitter nötig gehabt. Aber Wien ist anders, wisst ihr. Kaum glaubt man, es sei endlich Ruhe eingekehrt, wird das Zimmer mal wieder durchflutet von vorbeifahrendem Blaulicht, die Stille durchbrochen von quietschenden Reifen. Deshalb habe ich mir das Buch gekrallt, habe zu lesen begonnen und bin, meinen Kopf auf der Hand abgestützt, eingeschlafen. Und das war ungefähr vor 3 Stunden. Aber ich weiß es ja, es ist alles nur Gewöhnungssache.

Zu viel Neues hier und zu schnell das Ganze. Ich werfe die Bettdecke zurück, schlüpfe mit den Beinen heraus und wage die ersten Schritte dieses Tages. Mir ist schwindelig und im Grunde genommen wäre jetzt der genau richtige Zeitpunkt, um mich zu übergeben. Zum Glück aber habe ich seit einiger Zeit nichts mehr gegessen. Der Aufregung wegen. Und dieses Unvermögen, sich zu übergeben, verstärkt leider noch viel mehr dieses ungute und flaue Gefühl in meinem Oberkörper. Ich öffne das Fenster, sehe raus. Diese Stadt schläft nie.

Schon jetzt, es ist gerade mal halb 7, sind die Straßen wieder übervoll gefüllt und ich befürchte beinahe, dass sich das seit meiner Ankunft nur minimal verändert hat. Und obwohl, wenn man auf der Autobahn nach Wien fährt, beim Ortsschild „Wien“ ein Hupverbot für das gesamte Stadtgebiet bemerkt, scheint sich niemand daran zu halten. Da, schon wieder. Es dröhnt in meinem Kopf.

Ich versuche mich daran zu erinnern, was mir Freunde empfohlen haben. Die Meisten wissen, dass ich solche Umstellungen wie diese, solche Neubeginne, solche Bottom-Up-Dinger für mich furchtbar unangenehm sind und ich mich nur unter starkem Druck daran gewöhne. Aber eine Freundin meinte, am Schnellsten würde man Bekanntschaften in Gemeinschaftsküchen von Studentenheimen finden. Jetzt soll ich mich also auf das freie Schlachtfeld frischer Neo-Studenten wagen. Mein Herz pocht in meinen Ohren. Ich bin nicht gut in solchen Dingen. Der erste Kaffee, den ich mir hier in Wien gekocht habe, schmeckt wie der letzte Dreck. Ich sitze am großen Tisch, lese die Zeitung, die heute schon vor meiner Tür lag und warte. Manchmal huscht jemand vorbei, ich kann es durch die offene Tür beobachten, aber scheinbar ist es hier wohl nicht so angesagt, sich in der Gemeinschaftsküche etwas zu kochen. Ich gehe zurück in mein Zimmer. Da werde ich wohl erst zu Mittag den nächsten Angriff starten können. In meinem Zimmer starte ich nur noch den iPod, leg‘ mich aufs Bett und blicke an die Decke. Warum ist bloß jeder Anfang so schwer? Und warte, bis die Zeit endlich vergangen ist.

»Hey! Ich bin Sarah!«

Es ist Mittag. Als ich gerade versuche, mein unglaublich aufwändiges chinesisches Nudelgericht nicht anbrennen zu lassen (die einzige Aufgabe, laut der Anleitung auf der Packungsrückseite), scheint mich das erste menschliche Wesen entdeckt zu haben.

»Oh. Hey. Noah!«

Relativ umständlich übernimmt meine linke Hand die wichtige Herausforderung und den Kochlöffel zu übernehmen, damit ich ihr meine Hand reichen kann. Hübsch.

»Auch neu hier?«
– »Mhm. Gerade frisch angekommen. Und du?«
»Ja. Ebenfalls. Also nein. Eigentlich bin ich schon seit ungefähr zwei Wochen da. Ich hab‘ mir gedacht, das würde mir helfen, damit ich mich an diese neue Umgebung gewöhne.«

Eine kluge junge Frau ist das. Darauf hätte ich eigentlich auch kommen können. Aber wahrscheinlich ist mir der Abschied zu schwer gefallen und die Angst vor dem Neuen hat eine nicht zu unterschätzende Größe entwickelt. Ich weiß es nicht. Aber zumindest diese Nacht wäre wohl mit mehr Schlaf belohnt worden. Oder?

»Ich hab‘ kaum geschlafen. War wohl eine zu heftige Umstellung für mich.«
– »Von wo kommst du denn?«

Und so erklärte ich ihr meiner Vergangenheit als Landkind und träume ihr vor, wie mein Leben als Stadtkind auszusehen habe. Sarah geht es genauso. Für sie war sogar die Anreise eine noch größere Hürde. Man mag es kaum glauben, wie verzweigt sich Österreich so manches Mal gestaltet.

»Kommst du frisch von der Matura?«
– »Mhm. Und auch frisch von der Maturareise.« Sarah lacht. So wie die meisten der rund 10.000 Leute, die ihren Abschluss in irgendeinem All-inc-Club feiern und manchmal nur mehr wenige Erinnerungen daran haben. »Und du?«
»Zivildienst.«

Im Laufe des Gesprächs erfahre ich noch so einiges über die junge Frau, die es wagte, die Erste zu sein, die mich in der neuen Stadt begrüßte. (Außer vielleicht der U-Bahn-Sprecher, der einen jeden „Zug fährt ab“ ins Gesicht brüllt.) Und von allen Gesichtern und Namen, die ich in den nächsten Tagen und Wochen erfahren werde, wird sie einen Ehrenplatz bekommen. An sie wird sich alles orientieren. Keine Ahnung, ob ihr das jetzt in diesem Moment, während des Gespräches schon bewusst geworden ist.

»Kennst du schon andere aus diesem Stock hier?«
– »Mhm. Also noch nicht so viele. Aber du warst wohl einer der Letzten, der nun wirklich hier eingezogen ist. Die Anderen sind schon mindestens eine Woche da.«

Shit, denk‘ ich mir. Vor meinem geistigen Auge überlege ich, ob da doch nicht etwas Anderes im Kalender und auf der Internetseite meiner Uni gestanden ist. Nein. Puh.

»Und? Findest du sie nett? Also so auf den ersten Eindruck?«
– »Mhm, ja schon. Sind zwar viele noch viel zu schüchtern, aber hey, das wird schon noch.«

Sie lacht und setzt sich zu mir an den Tisch, ihre Tasse dampfenden Tees, den sie sich während unseres Gesprächs vor ihr und ich über meiner chinesischen Nudelpfanne brütend. Sie scheint einer sehr selbstständige Frau zu sein, keine, die auch nur annähernd auf den Mund gefallen ist. Eine sympatische junge Frau, mit der ich wohl noch unzählige Gespräche führen werde. Meine Nudeln (sie schmecken wie … Unbeschreibliches) werden hinuntergeschlungen und als ich mein weniges Geschirr abspüle, fragt mich Sarah von schräg hinten: »Rauchst du eigentlich?«

– »Mhm.«
»Sehr gut. Dann wirst du also von nun ein mein Rauchpartner. Hast du Lust?«

Sie zückt ihr Päckchen, öffnet es und hält es mir entgegen. Sie weiß, wie man jemanden die Schüchternheit nimmt. Wir gehen raus, auf den Gang, hier darf man nämlich so ganz offiziell rauchen, lassen uns auf den Boden fallen und reden weiter. Ein guter Tag irgendwie.

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Seelenstriptease vor einer Unbekannten.

Ich muss grinsen. Das gefällt mir.

Meinen Kopf lehne ich gegen das Zugfenster, blicke immer mal wieder sie an und hinaus aus dem Fenster. Oh. Ein Tunnel. Ein schneller Wechsel von hell zu dunkel. Erschrocken ziehe ich meinen Kopf zurück.

»Angst vor der Dunkelheit?«

»Hm?«

»Na, weil du … weil du so zurückgezuckt bist.«

»Ach, ja. Mhm. Hab‘ ich. Ich kann nichts dagegen tun. Und selbst wenn all die Umstände mir eigentlich helfen sollten, wenn ich zum Beispiel mit Freunden unterwegs bin, mit Menschen, denen ich durch und durch vertraue. Kommt da plötzlich die Dunkelheit, bin ich vollkommen einsam. Hilflos. Wie ein Kind. Aber … ach-«

Seelenstriptease vor einer Unbekannten.

»Nein, schon gut. Ich versteh‘ das. Ich kenn‘ das.«

Sie lächelt mir zu. Ein beruhigendes Lächeln, ein zustimmendes. Das ist hier also kein Smalltalk mehr. Ich habe Lust, mehr zu reden, mich mit ihr zu unterhalten und sehe ihr ganz bewusst in die Augen. Das dauert normalerweise immer etwas, bis ich zu so etwas fähig bin.

»Du … du beobachtest also gerne Menschen?«
Sie lächelt. »Nein. So ist das nicht. Ich beobachte ja nicht jeden.«

Oh, Balsam für mein Selbstwertgefühl.

»Und wovor hast du nun Angst? Die Dunkelheit wird es wohl nicht sein, nehm‘ ich an.«
– »Ich sags dir. Aber versprich mir, dass du nicht lachst!«
»Äh. Ok. Versprochen!«
– »Hm. Vor Kälte. Vor Kälte habe ich Angst. Ich habe Angst davor zu Erfrieren. Deswegen habe ich auch stets ein paar dicke Socken und eine kleine aber warme Decke mit dabei. Sicher ist sicher.«

Ich beginne zu schmunzeln. Nicht, dass ihr jetzt glaubt, ich lache über anderer Menschen Ängste. Nein, nein. So etwas würde ich sicher nicht tun. Aber ihr hättet sie ganz einfach sehen müssen, als sie diese Geschichte erzählt hat. Wäre es erlaubt, das Adjektiv „niedlich“ auf einen Menschen anzuwenden (manche tun es ja sowieso trotzdem) , hätte es sie in diesem Moment perfekt beschrieben.

»Du … du lachst. Das ist gemein!«
– »Nein … oh. Nein! Ich … ich dachte nur-«
»Ist schon gut. Ich hätte es mir ja denken können, dass du das wahrscheinlich lustig finden wirst. Jeder findet das irgendwie lustig.«
– »Hey, sorry. Es war echt nicht deswegen.«

Ich hätte jetzt noch pausenlos und stundenlang weiterreden können, um sie davon zu überzeugen, dass sie mein Lächeln wohl grundlegend missverstand. Findet ihr nicht auch, dass das Lächeln so eine Sache an uns ist, die wir wirklich nur schwer unter Kontrolle bringen können? Mir kommt es zumindest so vor, denn manchmal überkommt es dich einfach und du hast keine Chance dieser Emotion zu entkommen. Trotz all dieser Risiken und Nebenwirkungen.

»Nächster Halt, next stop -.«

Verdammt. Noch während der Schaffner mich noch aus meiner Gedankenverlorenheit zurückholt, sucht die Namenlose hektisch ihre Dinge zusammen. Der Zug fährt gemächlich in den kommenden Bahnhof ein, als sie aufspringt, sich noch schnell eine Strähne aus dem Blickfeld streicht und sich mit dieser Unmenge an Taschen bepackt.

»Ich-«, beginne ich, um ihr endlich zumindest meinen Namen, trotz all der Hektik, unterzuschieben.

»Ich muss los, sorry!«, unterbricht sie mich. »Ciao!«

Verdammt. Verdammt. Doppelverdammt. Oder sagen wir es,wie es ist: Scheiße, verdammt! Aber da, ihr Buch. Sie hat es vergessen.

»Hui. mein Buch. Beinahe hätte ich es liegen lassen.«
– »Ähm.«
»Ich bin übrigens Emily. Und … und du bist vielleicht vieles, aber eindeutig nicht furchtbar!«

Noch bevor ich darauf reagieren konnte, war sie auch schon verschwunden. Ihr habt es vielleicht mitbekommen: Ich bin kein mann der großen Worte. Hie und da mal ein »Ähm« eingeschoben, und die großen Probleme dieser Welt lösen sich von ganz alleine. Oder zumindest die meinen. Der Zug fährt ab.

Jetzt sitze ich hier, durch und durch verwirrt. schön langsam erreicht der Zug wieder sein Durchschnittstempo. Es würde also nicht mehr lange dauern und ich würde am Westbahnhof, vermutlich am Bahnsteig 11, ankommen. Um mir im Anschluss auch gleich noch die besten Verbindungen mit den Öffis rauszusuchen. Eigentlich bin ich teilweise ja derart von unspontan. Ich habe mir schon vor Wochen all die Pläne angesehen, mir die Wege und Straßennamen notiert. Aber aufgrund meines vollkommen fehlenden Orientierungssinnes gehe ich heute lieber noch einmal auf Nummer sicher. Ich war zwar noch nicht oft in Wien. Aber wenn, dann wusste ich wenigstens, wie man sich prächtig in dieser Großstadt verirrt.Aber lasst das doch einfach meine Sorge sein. Emily. Hm. Irgendwie werde ich schon zu meinem Studentenheim finden. Und falls nicht: Nach dem Kampf gegen meine Überwindung werden mir sicher die gefragten Menschen den richtigen Weg weisen.

Wird man sich eigentlich jemals wiedersehen? es gibt ja diesen einen Spruch, ich glaube er ist aus irgendeinem guten Film. So, dass man sich immer zwei Mal sieht im Leben und so. Aber stimmt das denn wirklich? seit wann kann man denn bitte auf Filmzitate hören. Seit wann, hm?

Ratter-Ratter.

Immer noch Zug, immer noch ich. ich, auf dem Weg nach Wien. Es ist Nacht geworden, wisst ihr? irgendwie würde ich Emily natürlich gerne wiedersehen. Wir haben nicht viel geredet, während unserer ersten Begegnung, nein. Aber diese wenigen Worte haben gereicht. Ihr müsstet mich jetzt gerade sehen. Diesen Smile bekomme ich nicht mehr so schnell aus meinem Gesicht, wisst ihr. Ach, verdammt. Was ist denn bitteschön schon wieder los mit mir? So kenn‘ ich mich ja gar nicht.

»… erreichen wir Wien Westbahnhof, unseren Endbahnhof!«

Es ist soweit. Mit etwas Schwung schaffe ich es, meinen kleinen Koffer von der Ablage herunter zu bekommen. Wahrscheinlich hab‘ ich sowieso viel zu viel eingepackt. Und- so wie ich mich kenne – auf das Nötigste vergessen. Das bin eben ich, das ist mein Chaotentum. Ich spüre mein Herz klopfen. Bin ich aufgeregt? Mag sein. Ich bin endlich weg aus diesem Kaff, das zwei Jahrzehnte lang meine Heimat, mein Zuhause war. Ich bin froh, es endlich geschafft zu haben. Die Gänge des Zuges sind schon gefüllt mit unruhig wartenden Menschen. Ich habe mich noch einmal hingesetzt, ich mache mir keinen Stress. Nein. Ich will nicht jetzt schon das unsäglichste Merkmal eines Wieners aneignen. wisst ihr, über uns Österreicher sagt man ja, wir seien gemütlich. Und das sind wir grundsätzlich auch. Aber die Wienerinnen und Wiener müssen hier natürlich gegen den Strom schwimmen.

Emily.
Hm. Ein schöner Name.

Sie hat mich verzaubert. ja. Ich hoffe, ich sehe sie wieder. Ich muss es einfach. Diese junge Frau hat es mir angetan. Kennt ihr das? Ich schon. Spätestens seit heute. Ich lehne mich noch einmal gegen das Fenster, welches schon mal Ruheplatz für mich war. erst jetzt kapiere ich, was sie meinte. Nein, ich bin nicht furchtbar. Ich bin lustig, manchmal charmant. Und vor allem bin cih gerade eines: Zufrieden.

Oh. Der Zug ist leer. Schnell schnappe ich meine Taschen, laufe zur Tür. Springe raus. Atme Wiener Luft, betrete Wiener Boden. Ich krame nach einem Zettel in meiner Hose. Die Öffi-Verbindungen; ich habe einfach keine Lust mehr, mich hier durchzufragen.

Runter zur U-Bahn.
Hineingedrängt mit hunderten (vom Stress getriebenen) Anderen.
Hier bin ich.
Angekommen in meinem neuen Leben.

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