
„Sieh mal da nach. Vielleicht findest du dort etwas.“
Wo ist es hin. Tagelang suche ich es schon. Unauffindbar. Langsam nähere ich mich dem Punkt, an dem ich es aufgebe, zu suchen, und darauf warte, es irgendwann wieder zu finden. Aufzuspüren aus reinem Zufall. Zufälle sind sowieso die Spontanität des Schicksals. Und sie gefallen, denn das sind die meist wunderbaren nicht absehbaren Wendungen in einem Leben. Bekanntschaften oder eben Funde, mit denen man nicht gerechnet hat. Ich knie mich nieder und blicke noch einmal unter meinem Bett nach, doch auch dort findet sich fast nichts. Nur Socken und eine Flasche Mineralwasser. Doch ich suche etwas anderes.
Vollkommen überrascht blicke ich auf. „Nein. Ich helfe dir nicht suchen. Ich bin nur da, um dir etwas Gesellschaft zu leisten.“ Enttäuscht, lasse ich den Blick wieder sinken und lege mich einfach mal flach auf den Boden. Blicke in alle Seiten meines Zimmers, in alle Ecken und alle Furchen der Wände. Ich gebe auf und senke meinen Kopf, noch tiefer als er jetzt schon liegt. Schließe die Augen.
„Ist es nicht überraschend, wie schnell so etwas verloren geht?“, fragst du mich. Ich nicke. Bis vor kurzem war es doch noch da. Jetzt scheint es für immer verloren und doch wage ich die Suche nicht entgültig aufzugeben. „Weißt du noch, wo du es zuletzt gesehen hast?“ – „Ja.“ Nie könnte ich es vergessen, weckte es doch die schönsten Gefühle in mir. Ich liebte die Momente als es noch bei mir war. Einzigartig und doch anders. „Aber du weißt doch, dass es irgendwann gehen musste.“, versuchst du mich davon zu überzeugen. Aber ich lasse mir nicht gerne etwas einreden. Es musste nicht. Es hätte auch bleiben können.
„Aber jetzt ist es weg.“, wirkst du penetrant auf mich ein. „Aber nicht für immer. Nicht für immer.“, weiche ich dir aus. Irgendwo muss es doch noch sein. Als ich mich erhebe und einige Schritte herumgehe habe ich es wieder ganz klar vor meinen Augen. Mich überkommt eine Gänsehaut. „Aber so gib doch auf.“ Nein. Ich schüttele den Kopf, lege mich aber trotzdem etwas geschafft in mein Bett und denke nach. Deine Anwesenheit ist zwar störend, wegen deiner ständig eingeworfenen Worte, doch nicht unangenehm.
Es kann doch nicht für immer verloren gegangen sein. Erst gestern noch wurde ich durch einen Traum wieder darauf hingeführt. Wo ist das Gefühl des vollkommenen Schmerzes. Ein Lächeln und eine banale Traumbegebenheit zeigte mir, dass es ihm gut geht. Ich fühlte mich gut, heute morgen, als ich die nächtliche Eingebung begriffen hatte. Wo ist sie hin, diese wunderbare Stille und das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Familie. Wo ist alles hin, was mir nach allem doch noch etwas Hoffnung und Erwartungen schenkte. Wo ist sie, die Trauer und all das? „Dahinter.“, sagst du und zeigst auf die bröckelnde Fassade. „Sie mal da nach. Vielleicht findest du dort etwas.“
Und plötzlich spüre ich es wieder. Es ist noch irgendwo. Nur eben nicht mehr an der Oberfläche. Etwas dahinter. Und als ich meine Augen schließe und die Decke in meinem Bett mir Wärme schenkt, denke ich mir, dass sie dort auch gut aufgehoben ist. Wenn es ist, kommt sie vielleicht mal wieder zurück. Aber jetzt kann sie ruhig da bleiben, wo sie gerade ist.
