Komm, sei ehrlich.

„Komm, sei ehrlich!“, denk‘ ich mir und eigentlich sollte mein Blick dir schon zur Genüge verraten, dass Ehrlichkeit hier eindeutig fehl am Platz ist. Denn würde ich hier mit der Wahrheit rausrücken, würdest du wohl erfahren, dass all das hier schließlich doch nur eine gemeinsame Lüge war. Und dass ich auch nur mit dir rede, weil in meinem Kopf schon viel mehr mit dir geplant ist. Du bist, so kann man sagen, bisher nur eine Vorstellung, nicht mehr. Und solltest du mich enttäuschen oder mir klar machen, dass es für mich doch keinen Sinn machen würde, weiter Anstrengungen hinein zu legen, dann würde ich es auch lassen.

Ich bin nur hier wegen dir, als reiner Vorwand, als der Schutzwall, der mich nicht tagträumend zuhause sitzen lässt. Um die Realität vorbeiziehen zu lassen und in der Hoffnung zu leben, dass Träume Wirklichkeit werden. Und dann stehst du bei diesem Vollpfosten und redest mit ihm, hältst dein Getränk in der Hand, kicherst und siehst ihm in die Augen. Und ich stehe zwei Meter daneben, die Musik in den Ohren, den Bass auf meinen Schultern und sehe ich um und wahrscheinlich denkst du gerade überhaupt nicht an mich.

Rhythmisch beweg‘ ich die Beine zur banalen Tanzmusik und in meiner Hand wird das Bier von Minute zu Minute wärmer und jeder Schluck hält sich nur schwer in meinem Mund. Ich fühl‘ mich fehl am Platz und blicke mich um. Nach anderen Freunden, nach irgendwelchen Bekannten. Nach Anhaltspunkten, die mich jetzt nicht verzweifeln lassen. Und als ich schließlich den letzten Schluck warmen Bieres aus der Flasche trinke und ich mich dabei wie gewöhnlich beinahe ankotze, bemerke ich den Fehler im System.

Ich stelle die Flasche auf irgendeinen umtanzten Stehtisch, zupfe mir mein T-Shirt in Form und mache mich auf den Weg. Auf den Weg zu dir und zur Bar und diesem einen Typen, dem Vollpfosten. Ich sag‘ nur „Entschuldige“ und stell‘ mich zwischen euch. Und dann streich‘ ich dir diese eine Strähne, die dir immer wieder ins Gesicht fällt, hinter dein Ohr und streiche langsam den Kopf entlang und mein Mund kommt dem deinen immer näher.

Unsere Lippen berühren sich und der Bass ist plötzlich weg. Und die Musik. Kein Vollpfosten mehr und kein ekelhafter Biergeschmack im Mund. Dieser Moment und nur wir. Unsere Zungen, deine sanften Küsse auf meine Oberlippe, deine Hände, die du um meine Arme legst. Das ist es. So einfach.

Denn in Wahrheit sind all diese Gedanken doch nur Straßensperren, weil man Angst hat, dahinter könnten sich Schluchten befinden. Diese Gedanken sind nur Steinklötze, die einem an den Füßen hängen. All das ist doch nur entstanden in meinem Kopf. Und in Wahrheit? Ja, in Wahrheit waren wir beide die ganze Zeit nur zwei Meter entfernt.

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2 Gedanken zu „Komm, sei ehrlich.“

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