Ein Letztes Mal.

Feiert ihr nur alle eure Verstorbenen. Geht ihr nur scheinheilig zu den Gräbern, die für euch nur Anlaufstelle sind, um einmal im Jahr zu zeigen, dass ihr jemanden gemocht habt. Wir gehen nicht hin. Wir nehmen Abschied. Wieder einmal. In der Leichenhalle, wo Timis Sarg steht.

Dass ich immer und immer wieder meine Fingernägel in meine rechte Schulter gebohrt habe. Nur um den inneren Schmerz nach außen hin zu spüren. Dass meine Mutter beim Zusammenlegen von Timis Kleidung immer und immer wieder zu weinen anfängt, sie aber einfach nicht aufhört. Dass mein Papa einfach nichts essen kann. Dass die Tränen meiner Schwester nicht enden.

Allerheiligen. Feiern wir die Toten. Feiern wir die Menschen, die ihr Leben gelebt haben. Die so viele Träume von sich erreicht haben. Die irgendwann einmal am Ende angekommen sind. Aber feiern wir nicht den Tod eines Kindes. Dessen Leben erst so richtig begonnen hätte. Der Schmerz. Diese nicht enden wollende Schmerz. Das Vermissen.

Gestern, nachdem ich mit Gerhard die Beerdigung durchgesprochen hatte, bin ich in die Kirche gegangen. Wo vor dem Altar, auf einem kleinen Tischlein, Timis Bild stand. Kleine Kerzen am Boden. Und daneben eine Schüssel mit Sand, wo jeder eine Kerze anzünden kann. Und als ich dort vor dem Bild stand, bin ich einfach zusammengebrochen. Zusammengebrochen und auf den Knien gelandet. Und habe gestern endlich wieder einmal weinen können. Einfach so heraus, einfach nur, weil ich ihn so sehr vermisse.

Ich konnte ihn auch noch einmal sehen. Wir alle mussten uns noch einmal von ihm verabschieden. Wie er da im Sarg lag, das Lammfell als wärmespendende Quelle, die Spieluhr auf seinem kleinen Körper. Seine rot-weiße Haut. Seine schwarzen Lippen. Ein Streichen über die Wange, ein letzter Kuss auf die Stirn. Das Gefühl, eine Puppe zu berühren. Das letzte Mal seine Spieluhr aufgezogen. Das letzte Mal.

Am Nachmittag alles organisiert von Gottesdienst, über die kleinen Erinnerungsbildchen, die jeder beim Begräbnis bekommt. Überall herumgefahren mit meinen Papa und ihn soweit gebracht, dass er zumindest ein kleines Bisschen isst. Am Abend die Parte zu meinen Freunden gebracht. Beim Lukas geweint, bei Maria auch. Rahel, Sarah und Susi. Und dann erst wieder bei Elisabeth. Die schon am Montag am Telefon nicht mehr richtig hat sprechen können vor lauter Unverständnis.

Bevor ich diese Runde gemacht habe, ein zweites Mal in die Kirche gegangen. Diesmal waren mein Papa und meine Mama dabei. Und wieder dasselbe. Wieder zusammengebrochen. Wieder weinen können. Und wieder einmal bemerkt, dass ich am liebsten alleine weine.

Der Stress, der ständige Besuch, ist gut für uns. Er beschäftigt uns und lenkt uns, irgendwie, so gut es geht ab. Und irgendwann ist er dann weg. Der Stress. Was dann kommt? Die Leere.

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About the author

Sophia Bennett is an art historian and freelance writer with a passion for exploring the intersections between nature, symbolism, and artistic expression. With a background in Renaissance and modern art, Sophia enjoys uncovering the hidden meanings behind iconic works and sharing her insights with art lovers of all levels. When she’s not visiting museums or researching the latest trends in contemporary art, you can find her hiking in the countryside, always chasing the next rainbow.