Irgendwo im Nirgendwo. [4]

Klo. 03122010

Da sitze ich. Mit heruntergelassener Hose rüttle ich noch einmal an der  Tür, nur um mich ein weiteres Mal zu versichern, dass sie eh verschlossen ist. Es ist still hier, kein fröhlicher Vor-sich-hin-Blähender vor einem Stehpissoir, kein Kollege auf der Nachbartoilette. Nur ich. Und der tropfende Wasserhahn, der sich gerade in diesem Moment wieder überraschend laut in meinen Ohren verliert.

Ich will hier heut‘ nicht mehr raus. Aber es sieht ja scheiße aus, wenn ich die ganze Nacht hier verbringe und warte bis alle gegangen sind und niemand mich stören kann. Und was denken wohl meine Freunde, die da draußen ihre Hüften schwingen oder gelangweilt an der Bar stehen und an irgendetwas Bierartigem nippen. Ich will hier nicht mehr raus.

Und dabei hätte alles so wunderbar angefangen. Ich war motiviert, die nicht zu schwach gemischten Getränke pushten mich weiter, ich war seit langem wieder einmal voll dabei. Und ob wir noch ausgehen wollen. Weil wenn ja, dann müssten wir jetzt dann fahren und so. Und dann stehen wir da, trinken Cocktails, stehen da, schreien uns gegenseitig an, damit wir in den wenigen Hundertstel Sekunden zwischen zwei Liedern wieder einmal versuchen können, ob wir uns verstehen.

Dann war da sie, diese eine hübsche junge Frau. Eine Schönheit, wirklich. Noch jetzt (ich sitze immer noch am Klo) erinnere ich mich gerne an sie zurück. Was bei ihr bemerkenswert war, war ihr Lachen. Und ihre Augen, die in der gedimmten und doch grell ausgeleuchteten Atmosphäre eine ganz besondere Strahlen. Sie hat mich angesehen, wir haben uns getroffen, an der Bar. Begannen zu reden, als wäre das alles hier nur ein Spiel und als würden wir uns schon ewig kennen. Und dann das.

Es klopft. Jemand rüttelt am Türgriff. Jemand ruft meinen Namen. „Ja?“ – „Was denn los? Bist schon fast eine halbe Stunde hier drinnen. Alles okay?“ – „Ja. Ja. Nein. Ich … ich komm‘ gleich raus, treffen wir uns vorm Klo, okay?“ Als ich meine wundervollen eineinhalb Quadratmeter verlasse, ist gerade wieder viel los hier. Langsam schlurfe ich zum Waschbecken, drehe den Hahn auf und tauche ein in das eiskalte Wasser, was sich in meinen verschlungenen Händen gesammelt hat. Tief durchatmen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit verlasse ich die Männertoilette wieder. In der wohl beabsichtigten Beinahe-Dunkelheit blicken mich zwei wunderschöne Augen an. „Hier. Nimm‘ einen Schluck.“ Tief durchatmen. „Dankeschön.“ Wir beginnen wieder zu reden. Der Abend nimmt seinen Lauf. Und wir beide, wir beide bleiben hier stehen. Irgendwie im Nirgendwo.

2 Gedanken zu „Irgendwo im Nirgendwo. [4]“

    1. Vielen lieben Dank!

      So 365 Tage Literatur ist fast unmöglich. Habe ja rundherum so viel zu tun, hier mal studieren, da mal arbeiten, dort irgendwelche Projekte. Aber ich kann hiermit sagen: Ich würde, wenn ich könnte.

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