Stop Whispering.

‚Ich bin doch nicht verrückt.‘, denke ich mir und notiere mir den Termin für meine erste Therapiesitzung.

„Du schaffst das nicht alleine.“ – „Ich weiß.“ Ich habe es schon lange gewusst. Schon vor Monaten hat mir jemand geraten, eine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich habe alles zurückgewiesen: „Nein, nein. Das sind nur so Phasen.“ Damals konnte ich nicht erahnen, was sonst noch so in meinem Leben passieren würde. Die Phasen wurden stärker. Ich sehe mich nicht als depressiv an, wie manch anderer, der glaubt, mich zu kennen. Es wird mir aber irgendwie doch alles viel zu viel.

Für was brauche ich bitte so etwas? Ich therapiere mich selbst, indem ich darüber schreibe. Schreiben befreit mich und ermöglicht mir, Dinge auszusprechen, die ich normalerweise nie sagen würde. Ich brauche so etwas nicht. „Dein Neffe ist gestorben“, flüstert mir meine Stimme da in mir zu. „Da kommst du mit Schreiben auch nicht weiter. Wiederholst nur Tausende von Phrasen, die eben nur von dir niedergeschrieben werden. Was wirklich in dir los ist, dass weiß niemand. Nicht mal du, denke ich.“ Du hast ja Recht. Aber warum jetzt. Ich habe vor fünf Jahren auch schon meinen Großvater verloren. Habe einmal richtig geweint, danach nie wieder. Und jetzt bin ich ständig irgendwie den Tränen nahe, und kann es doch nicht. Selbst eineinhalb Monate danach.

„Und wie soll ich plötzlich einfach so reden können, meine Seele offenbaren, vor einem Menschen, den ich nicht kenne?“, frage ich mich. Und weiß doch, dass die Psychologin, zu der ich gehen werde, meine ehemalige Psychologielehrerin ist. Sie hat mir die gesamte Sache schmackhaft gemacht. Psychologie hat mich interessiert, Philosophie beschäftigt. Auf irgendeine Art und Weise hat sich so etwas wie Vertrauen aufgebaut. Ich weiß nicht, wie es sein wird. Vielleicht ist gerade das, das Vertrauen eben, eher befremdlich. Oder es ist die einzige Möglichkeit, um in meine Seele zu blicken. Ein zweischneidiges Schwert, wie man so schön sagt.

Ich bin nicht verrückt. Ich bin nicht depressiv. Empfinde keinen Hass gegen irgendjemanden. Hasse mich nicht selbst. Ich habe einfach Probleme, mit allem klar zu kommen. Ich habe Hoffnung. Hänge am, liebe das Leben. Habe meine eigenen Ansichten, wenn es um Glauben geht. Werfe niemanden etwas vor. Der plötzliche Tod meines Neffen ist passiert. Ich denke, ich muss einfach mal realisieren, und akzeptieren, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann. Dass er nicht mehr kommen wird. Ich weiß noch so vieles, was ich bei dieser Professorin gelernt habe. Satir, Frankl, Freud. Doch was wird sie zu mir sagen. Wie wird sie mir helfen.

Neben der Ungewissheit, was auf mich zukommen wird, bin ich schon gespannt. Gespannt auf die Therapie. Interesse an der Behandlung. Weil gerade sie für mich eine beeindruckende Persönlichkeit war. Und wahrscheinlich auch der Grund, warum ich ernsthaft überlege, neben Publizistik auch etwas Psychologisches zu studieren. Oder mich zumindest ausgiebig damit beschäftigen möchte. Wie wird es sein. „Das wird schon“, meint schon wieder meine Stimme in mir. Schön.

Vielleicht kann ich es irgendwann verarbeiten. Kann wieder einmal mit einem uneingeschränkten Lächeln Erlebnisse mit ihm erzählen. „Und wenn du dich getröstet hast, wirst du froh sein, mich gekannt zu haben“ Der kleine Prinz. Der Text auf dem Erinnerungsbildes. Wann werde ich mich trösten. Wann wird alles besser. Wird alles besser. „Ich bin nicht verrückt.“, sage ich mir. Und meine Gedanken spielen Rugby, mein Magen kotzt innerlich, mein Kopf dröhnt und meine Hand zittert. Alles wird besser. Alles.

3 Gedanken zu „Stop Whispering.“

  1. ich erinnere mich an meinen ersten versuch.. viel glück, ich wünsch dir, dass du mit deiner therapeutin gut reden kannst. und vor allem, dass sie dich ernst nimmt, aber das wird sie bestimmt, sie kennt dich ja schon ein wenig.

    schön übrigens, wie du schreibst, ich bin nicht verrückt, und dann die innere stimme, die zwar ganz normal ist, aber durch deine art, sie zu beschreiben, was leicht psychotisches kriegt halt, was gollum-mässiges 😀 ich weiss nicht warum. jeder hat doch so ne innere stimme und trotzdem, auch mit stop whispering als titel..

    ich hoffe du verstehst das halbwegs, ich bin grad ziemlich wirr im kopf, wie man vermutlich merkt.

  2. @ Denis: ich finde es auch gut, dass dieser Schritt jetzt endlich kommt.

    @ desperaux (wer bist du? verewigen auf der Seite „woher“, bitte 🙂 ): ich denke, ich könnte mit keinem/r anderen Psychologin/en besser reden, als mit ihr. Das mit der inneren Stimme ist mir auch beim späteren Drüberlesen aufgefallen. 🙂 … und der Titel, war rein zufällig. Immer Radiohead im Kopf (nicht in den Ohren, nur im Kopf) und dann schnell ein Lied herausgesucht. Und da dachte ich mir … hey, das passt doch. Und ja, ich hab dich verstanden. 🙂 Keine Sorge.

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