Westbahnhof. 23.22 Uhr

Es ist 23.22 Uhr. Ein langer, harter Tag liegt hinter mir. Den ganzen Vormittag und den halben Nachmittag über arbeitete ich an einer Arbeit für die Fachhochschule. Irgendwann dazwischen setze ich mich in den Zug. Nach Wien. Lerne wieder einmal eine Fernsehsendung kennen, genieße das Leben. Mein Leben.

Und jetzt ist es 23.22. Der scheinbar letzte Zug nach St. Pölten. Eine letzte Zigarette bevor ich einsteigen möchte. Ein älterer Mann, sichtlich wankend, nähert sich mir, bittet mich um eine Zigarette. Ich bin da nicht so. Ich gebe eigentlich jedem eine Zigarette. Nur möchte ich dann meistens in Ruhe gelassen werden.

Er beginnt zu reden. Er sei „gerade erst aus dem Häfn“ gekommen. Aus dem Gefängnis also. Ich höre ihm zu, glaube ihm das Ganze auch. Er sieht kaputt aus. Fertig mit der Welt. Irgendwann, nachdem er mir noch zwei weitere Zigaretten abgeschnorrt hat, fragt er mich, ob ich ein Handy besitze. Wofür, war schließlich meine berechtigte Frage. „Die Rettung.“

Ich gebe ihm das Handy, seine nuschelnde, betrunkene Stimme erklärt den Leuten am anderen Ende von seinem Leid. Heroinabhängig, alkoholabhängig, nikotinabhängig. Heute hat er sich zur Abwechslung mal 80 prozentigen Rum injiziert. Er sei ja auf Entzug, auf hartem Entzug. Und jetzt bräuchte er die Rettung.

Das Gespräch ist beendet, ich nehme mein Handy wieder in Gewahrsam. Soll ich jetzt einsteigen? Nein. So gern ich das wohl tun würde, ich kann es nicht. Kann jetzt nicht einfach einsteigen und den Typen da draußen, in seinem grellgelben T-Shirt sitzen, stehen oder liegen lassen.

Wir setzen uns hin, wankenden Schrittes er vor mir, ich folge ihm. Hier warten wir auf die Rettung. Er fragt mich erneut und mehrmals um Zigaretten und schön langsam wird mir um den Restbestand meines Päckchens Leid. Aber nein. Natürlich gebe ich ihm sie.

Er wiederholt sich die ganze Zeit. Erzählt mir seine Geschichte immer und immer wieder. Manchmal mit ein paar neuen Informationen. Zuletzt hat er sich ins Koma gesoffen, für drei Wochen. War scheinbar deshalb auch im Gefängnis. Und von nun an beginnt er immer und immer zu sagen, dass es wohl das Gescheiteste wäre, er würde sich hier vor einen Zug werfen.

Weil er eh nutzlos sei. Ich verneine. Immer und immer wieder. Nein, du bist nicht nutzlos (wir duzen uns seit wir uns kennen). Niemand ist nutzlos. Nein, das machst du nicht. Ach, nein. Nicht heute und nicht jetzt. Wahrscheinlich hätte ich ihm, diesem Unbekannten, der mir seit 23.22 Uhr das Leben schwerer macht, als ich es mir kurzfristig erwartet habe, es nie verziehen, wenn er sich vor meinen Augen vor irgendeinen Zug geworfen hätte. Vielleicht ist das egoistisch. Aber egal.

Immer wieder erzählt er mir seine Geschichte und immer wieder meint er, dass die Sich-vor-den-Zug-Werf-Idee die Lösung für alles sei. Er hat scheinbar wegen dem Gefängnis seine Unterkunft verloren, und seinen Job. Ich wage zu behaupten, dass er den Job entweder sowieso schon länger nicht mehr hatte, und vielleicht nicht nur sein Gefängnisaufenthalt Grund dafür waren. Ihn brauche hier niemand, er ist nur unnütz.

Und ich beginne mich zu fragen. Vielleicht hat er Recht. Vielleicht nützt er hier niemanden mehr. Vielleicht hat er keine Eltern mehr, oder Eltern, die sich von ihm abgewendet haben. Vielleicht hat er keine Freunde mehr, oder Freunde, die nur aus bösem Schein und dem Sumpf aus Drogen entsprungen sind. Vielleicht sieht er keinen Sinn mehr in seinem Leben. Nein. Er sieht definitiv keinen Sinn mehr. Aber trotzdem dürfe er das nicht tun.

Sein Leben wegwerfen. Ist es banal, bei einem Leben wie dem seinen, immer noch für eine Kehrtwende zu hoffen? Für einen Weg zurück zum „normalen“ Leben. Ohne Drogen, hartem Entzug, intravenösem Alkohol oder was auch immer? Ich weiß es nicht.

Irgendwann, nach 15 Minuten ungefähr kommen die zwei  Rettungsleute den langen Bahnsteig 5 vorgeschritten. Ich möchte auf sie zugehen, ihnen erklären, was los ist, und sie gehen nur vorbei. Lassen sich kaum auf Gespräche ein, wirken unfreundlich. Und nehmen ihn mit, bringen ihn in irgendein verdammtes Krankenhaus, das ihm wieder einmal kurrzzeitig helfen wird, oder es zumindest versucht, dass er mal wieder klar sieht.

Mein Herz schlägt von den Zehenspitzen bis zu den Ohren. Er winkt mir noch einmal zu, während er beginnt, den Rettungsleuten zum ersten Mal von seiner Geschichte zu erzählen. Sie werden ihm nicht zuhören, das weiß ich. Sie werden ihn einfach nur in einem Krankenhaus abliefern, das ist ihre Aufgabe. Und irgendwie fühlt es sich gut an, dass ich, für diese 15 Minuten bei ihm sein konnte, ihm zuhörte und immer und immer wieder beschwichtigte, dass es nicht richtig sei, wenn er sich vor einen Zug werfe

Ich kenne nun seine Geschichte und glaube, dass ich sie auch nicht sehr schnell vergessen werde. „Du bist noch einer dieser Menschen, die helfen. Die für einen da sind.“ hat er einmal zu mir gesagt. „Das ist doch normal. Das macht man eben so.“, sagte ich. Ohne zu bemerken, dass hinter uns ständig unzählige Leute vorbeigingen, die sich angewidert abwendeten. Klar. Ich hätte das auch getan, wäre ich ihm nach der ersten Zigarette entkommen. Jetzt bin ich froh, dass ich das nicht bin.

Und während er womöglich immer noch träumt, sich vor einen Zug zu werfen um all dem Elend ein Ende zu setzen,  träume ich für ihn weiter. Träume, dass alles wieder gut wird. So utopisch der Traum auch wirken mag. Es wäre eine Zumutung, wenn man nicht davon träumen würde.

Foto: David Leggett | flickr

5 Gedanken zu „Westbahnhof. 23.22 Uhr“

    1. Nein, ich brauche keine Bewunderung. Deshalb habe ich das nicht geschrieben.

      Ich bin ja selbst normalerweise jemand, der anderen Menschen (vor allem, wenn sie so auffällig agieren) am Liebsten auszuweichen versucht. Ich bin also nicht dieser soziale Samariter. Es ist nur. Seine Geschichte, sein Zustand, hätte ich ihn denn wirklich alleine lassen können? Wollen? Wohl kaum.

      Aber als ich da so neben ihm saß, am Bahnsteig, und auf die Rettungskräfte wartete, würdigte man uns keines Blickes. Und da bemerkte ich, wie hart es eben Menschen trifft, die eh schon die Härte des Lebens zu spüren bekommen haben. Mir hat die ganze Geschichte vor allem aufgezeigt, wie solche Menschen einfach untergehen.

      Und das stimmt mich immer noch sehr traurig.

  1. wirklich ein schöner beitrag und hut ab vor deiner zivilcourage. hab einmal auch einen mit drogen vollgepumpten fremden liegengelassen und bereu die entscheidung sehr. letztens war wieder so eine situation und dieses mal hab ich meine hilfe angeboten, gefragt ob alles in ordnung sei und ihm gesagt er müsse gleich aussteigen. das waren keine zehn sekunden und er war echt froh darüber.

  2. Als schiene Wien Westbahnhof für Erlebnisse wie diese prädestiniert … irgendwann ist einer da, der da ist und so hilft. Wahrlich kein schönes, und doch ein schönes Er-leben, Erlebnis.

    Chapeau.

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