Handyfeuerzeug gratis dazu.

„Wir dürfen uns nie sehen.“, sagt sie und ich lächle, weil ich sie gerade schon seit gefühlten Stunden anstarre, ihre Bewegungen aufsauge, ihre  Worte aus ihrem Mund in meine Ohren locke. „Wir dürfen uns nie sehen.“, wiederholt sie sich und schüttelt ihren Kopf, so, als müsse sie ihre Gedanken, ihre Worte, ihre Vorstellungen noch einmal kräftig bestätigen.

„Ich glaube, Noah, ich glaube, diese besondere Beziehung, die wir gerade leben, würde aufhören. Wenn wir uns einmal in der Außenwelt treffen würden, wäre der Zauber vorbei. Und wir werden uns auch nie anrufen, oder auf Facebook oder was auch immer als Freund hinzufügen. Weißt du, Noah, sowas haben wir nicht nötig. Das wäre so 2009.“
– „Und das sind wir nicht. Wir sind anders. Hach.“

Emily blickt mich an, verdreht die Augen, nimmt meine rechte Hand und zieht mich zu ihr ran. „Du nimmst mich nicht Ernst, nicht wahr, Noah?“ Puh. Wieder einmal wäge ich ab, ob ich mir jetzt für den harten, zerstörerischen Weg der Ehrlichkeit entscheiden soll, oder mich hinein in eine fruchtbare Notlüge flüchten soll. Aber schließlich kommt mir noch ein anderer Ausweg in den Sinn. „Warum? Warum, Emily, sollen wir das tun? Warum sollten wir uns selbst hier einsperren. Unsere Beziehung zu einer Beziehung des Extremen machen?“ Das ist mein Ernst. Welche Sinn hat es, sich jede Woche für eine oder zwei Stunden zu treffen und in diesen sechzig bis einhundertzwanzig Minuten zu versuchen, sich nah zu sein? Ich möchte sie anrufen, um ihr von meinen Erlebnissen zu erzählen, möchte sie unnötigerweise auf Facebook anstupsen und sie täglich in den Schlaf skypen. Ich möchte mir ihr genau dasselbe Verhältnis haben, wie ich es mit sonst einem jeden Menschen habe.

„Weil…-“
„Nein. Schon okay. Ich glaube, ich verstehe, was du meinst.

Damit wir nichts verlieren. Nicht dieses Gefühl in unseren Bäuchen und die Gedanken aus unseren Köpfen. Damit wir nicht die ganzen Momente verlieren, in denen wir in unseren Betten liegen und uns überlegen, was wir bei unserem Wiedersehen unbedingt erzählen müssen. Und es schließlich doch nicht tun. Wir würden unseren vollkommen falschen Blick auf uns verlieren, wir wären nun nicht mehr nur Emily und Noah, die Beiden aus dem Zug. Wir würden mit jedem gemeinsamen Schritt aus dem Zug nicht nur unsere Beziehung auf irgendeine hässliche Art und Weise zerstören. Alle Illusionen, die wir beide voneinander erschaffen haben, würden genauso brutal zusammenstürzen wie die WTC-Towers am 11. September. Zwar würden hier dann nicht Millionen vor den Fernsehern diesen Zusammenbruch miterleben können. Aber wir. Ja, wir würden die Überreste, den Schutt und die Asche zu Gesicht bekommen.

Wobei wir wahrscheinlich doch nur maßlos übertreiben.

„Es wird eine Herausforderung.“, sage ich und bemühe mich, sie dabei nicht anzusehen. „Aber ja. Es wäre etwas Besonderes und zumindest einmal etwas wirklich Außergewöhnliches in meinem Leben. Damit wir eben „die aus dem Zug“ werden. Emily aus dem Zug. Und Noah aus dem Zug. Bis sich unsere Freunde von …“, ich lache, „… von außerhalb daran gewöhnt haben, dass es zwischen den beiden Orten, zwischen welchen wir immer pendeln, eine gewisse Konstante gibt.“

„Und du darfst mich anrufen. Natürlich. Aber es müssen außergewöhnliche Nachrichten sein, es dürfen keine banalen Dinge erzählt werden. Es müssen Breaking News sein, über geniale Errungenschaften oder furchtbare Todesfälle. Und wenn wir mit dem Erzählen fertig sind, machen wir nicht das Spiel, wer denn hier nun auflegt. Oder fragen auch nicht nach dem Wetter oder dem zuletzt zu sich genommenen Essen. Lass uns uns bitte nicht in Banalitäten verlieren.“

Sie hat Recht. Mal wieder. Emily baut zwar für unsere Beziehung eine beinahe erschreckende Mauer auf, mit all diesen Bedingungen. Aber wie ich schon gesagt habe: Es ist eine Herausforderung, und … Leute, ich liebe Herausforderungen. Vor allem solcher Art. Emily ist kein Kontrollfreak, nein. Sie ist „Bewahrerin des Guten“, „Realitätsfantastin“ oder was auch immer. Und während ich so ihren Blick aus dem Fenster beobachte, weiß ich, dass sie immer noch weiterdenkt. Weiter plant.

„Ein einziges Stück des Anderen darf man sich in die Außenwelt mitnehmen. Jetzt sofort. Gib mir ein Stück, was du gerade dabei hast, und vielleicht nicht unbedingt sofort wieder brauchst.“

Ich fasse zielsicher in meine Tasche hinein und krame es hervor, mein uraltes Handyfeuerzeug, welches ich damals als Zwölf-, Dreizehnjähriger unbedingt haben wollte, zu feig, um selbst zu rauchen, zu dumm, um einzusehen, dass Feuerzeuge ansonsten relativ unnütz sind. Sie lacht, als ich es ihr in die Hand drücke. Von ihr bekomme ich ein kleines Stofftier. Ihr wisst schon, ein solches, welches jedes Mädchen zwischen dreizehn und siebzehn an der Schultasche hängen hat. Von einer Sicherheitsnadel durchstochen, mit Watte vollgestopft.

Mit all ihren Ideen baut Emily eine gewisse Magie auf. Eine Magie, die unsere Beziehung einzigartig macht. Diese Magie verlangt zwar von beiden Menschen sehr viel, aber wenn  einem die Freundschaft wichtig ist, ist man bereit, so viel zu geben. Okay, ich habe schon oft Enttäuschungen in diese Richtung erlebt. Ungleiche Anstrengungen hauen nicht nur eine Beziehung aus dem Gleichgewicht, sondern manchmal auch den Glauben an das Gute im Menschen. Aber … Emily wird doch wohl wissen was sie tut.

„Darauf müsse wir anstoßen.“, sage ich und beginne in meiner Tasche zu wühlen, werfe Emily eine Flasche Eistee zu und nehme mir meine Wasserflasche raus.

„Auf uns.“
– „Nicht nur das, Emily. Auf uns, auf diesen Zug, auf diese eine Stunde.“
„Prost.“
– „Prost“

Wir müssen lachen, ist es doch ein sehr schräger Moment in diese ungewohnte Feierlichkeit hinüberzuschwanken. Aber damit haben wir es besiegelt. Haben besiegelt, dass wir bis auf Weiteres unsere Freundschaft, unsere Beziehung auf diesen Zug beschränken. Auf dass wir weiter mutig alleine durch die Ruinen dieser Welt da draußen stapfen und hier drinnen die Pläne entstehen lassen, um die Welt schließlich doch noch vor dem endgültigen Abgrund zu bewahren. Unsere Welt natürlich.

2 Gedanken zu „Handyfeuerzeug gratis dazu.“

  1. Gefällt mir wieder gut, ich freu mich schon auf der fertige Buch.

    Sehr interessant wäre jedenfalls, wenn ein paar Kapitel – nicht viele, vier, fünf vielleicht, je nachdem, wie viel das Buch dann insgesamt haben wird – aus der Sicht von Emily geschrieben wären. Um dem Ganzen ein wenig Abwechslung zu bieten, um den Erfahrungshorizon des Lesers zu erweitern und ja, auch als Stilmittel, um ein wenig Pep in die Sache zu bringen. Der Wunsch kann aber auch nur daher rühren, dass ich persönliche solche Erzählstile unglaublich spannend finde. (Kennst du „Rant“ bzw. „Das Kainsmal“ von Chuck Palahniuk? Wenn ja, wirst du wissen, was ich meine. Wenn nicht: Lesen!)

  2. Sehr schön, eine ähnliche Idee hatte ich auch schon. Und jetzt werde ich sie auch umsetzen. Vielleicht bringt es auch genau die Abwechslung ins Buch, die mir schon beim Schreiben fehlt. Das könnte die ganze Geschichte eindeutig spannender machen.

    „Rant“ kenne ich bisher noch nicht, aber jetzt habe ich es mir zumindest schon mal bestellt. 🙂 Dankeschön!

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