Wir müssen das nicht tun.

„Ich weiß noch immer viel zu wenig über dich.“, murmle ich, als ich wolle ich dich nur sehr ungern unterbrechen. Aber du hast schon vor Minuten aufgehört zu sprechen. Vielleicht habe ich mich diesem Satz irgendwie gefürchtet. Ich weiß noch viel zu wenig über Emily. Bisher haben wir immer nur so knapp an unserem „richtigen“ Leben vorbeigeschrammt. Hier mal Erzählungen aus meiner Woche in Wien, da mal kurze Informationen über ihr Wochenende. Mehr war da nie. Und doch will ich es unbedingt wissen.

„Okay. Du hast Recht. Dafür musst du mir auch einiges über dich erzählen.

Gut. Das war ein Deal. Ich hatte kein Problem damit, über mich selbst zu sprechen. Manchmal bemerke ich selbst, dass ich mich nur zu gerne selbst reden höre. Ich mag meinen Erzählstil, irgendwie.

„Also. Wie machen wir das jetzt.“
Sie lächelt. „Komm. Stell‘ mir Fragen. Und ich mach‘ es ebenso.“

Emily hat immer gute Vorschläge, habe ich das schon erwähnt? In meinem Kopf klappere ich alles schon nach dem perfekt passenden Fragebogen ab.

„Hast du schon einmal zu jemanden „Ich liebe dich“ gesagt?“ – Wow. Gute erste Frage, Noah.
– „Hm. Nein. Ich habe es schon ein Mal gefühlt, aber mich nie gewagt, es zu sagen. Im Nachhinein ist es gut so. Und … und du?“
„Ja. Habe ich. Damals. Erste große Liebe, du weißt schon. Manche würden sagen, ich wäre damit zu früh dran gewesen. Und den Stempel darauf erhielt ich auch erst Wochen danach, als sie es zu mir ebenfalls sagte, unter Tränen. Und ja, ich habe sie geliebt. Vielleicht war es diese jugendliche, ganz einfache Liebe, aber ja. Es war Liebe.“

Stille. Ach. Ich bin ja muss ja jetzt wieder etwas fragen
„Du hast einen Bruder, stimmts?“
– „Mhm. Ja. Haben wir darüber schon mal gesprochen?“

Nein, haben wir nicht. Sie hat es nur in so manchen Gesprächen zuvor anklingen lassen. Ich bin gut darin, Gespräche zu führen und in Gedanken all die gesprochenen Worte auseinander zu bauen und zu einem schöneren Bild wieder zusammenzuwürfeln.

„Ich habe eine Schwester. Und hätte einen Bruder.“
– „Wie?“
„Totgeburt. Vier Jahre bevor ich zur Welt kam.“
– „Oh.“

Kein Wort zuviel. Hach, meine Emily.

„Mhm. Und manchmal frage ich mich, ob es mich überhaupt geben würde, hätte er die Chance bekommen, zu leben. Aber … auch wenn ich ihn leider nie kennenlernen durfte, so verbindet mich doch irgendwie ganz viel mit ihm.“
– „Das ist schön. Und wie verstehst du dich mit deiner Schwester?“

Ui. Unschönes Thema.
„Es herrscht Funkstille. Und nein, lass‘ uns bitte nicht darüber sprechen, okay?“
– „Okay.“

Sie sieht mich an, lächelt, beinahe so als würde ihr eine sehr schöne Frage auf der Zunge liegen.

„Noah. Was sind deine größten Träume?“
Ich grinse. Soll ich jetzt wirklich so weit ausholen? „Ich möchte Geschichten erzählen, Bücher schreiben, möchte meine 15 Minuten Ruhm genießen. Möchte mich auf die Suche nach meine Talente begeben, so viel wie möglich einfach nur ausprobieren, um zu sehen, wie gut ich bin. Und ich möchte endlich einmal einfach nur Leben, ohne mir Gedanken um Vergangenheit,  Zukunft oder die Gegenwart zu machen.“

Ich bin ein furchtbarer Mensch. Überlege meist jeden Schritt durch, kann so betrunken oder auf Drogen sein, trotzdem bleibt mein Gehirn so scharf, dass ich alles in der richtigen Ordnung sehen will. Ich küsse kein hübsches betrunkenes Mädchen, selbst wenn sie mir liebevoll den Kopf tätschelt und beinahe schon gegen die Wand drückt, nur weil sie mir Wochen davor von ihrem Freund erzählte. Wenn ich da einfach nur mal hineinleben könnte, ohne an irgendwelche Konsequenzen denken zu müssen, wäre es schon großartig.

„Ich … ich möchte reisen. Möchte die Welt sehen. Menschen kennenlernen und beginnen auch lieben zu lernen. Und ich möchte irgendwann einmal eine Familie gründen. In irgendeiner typisch amerikanischen Vorstadt wohnen, wo meine Kinder mit dem Fahrrad die lange breite Straße entlang fahren können und. Hm.“
– „Du hast schöne Träume.“

Und schöne Augen. Ich habe sie beobachtet, als sie von ihren Träumen erzählte, wie sie im Gedanken schon am Garten dieses Vorstadthäuschens stand und nur ungern wieder in diesen Waggon zurückkehren wollte.

„Was ist dir öfter passiert? Bist du öfter abgewiesen worden oder hast du öfter abgewiesen?“
Sie grinst. „Ich habe öfter abgewiesen, ja. So grob hochgerechnet müsste das stimmen. Und selbst?“
„Bei mir hält es sich irgendwie die Waage. Ich wurde schon ein paar Mal so richtig abgewiesen und musste selbst schon so manches Mal in diese böse Rolle schlüpfen.“
– „Böse Rolle?“
„Mhm. Ich hasse es, das Arschloch zu sein. Ich weiß, wie man sich in dieser unguten Rolle des Abgewiesenen fühlt. Und deswegen hasse ich es, selbst diese Herzensbrecher zu sein, der Typ, der meint, dass es nicht passen würde, dass das wohl nichts wird. Ich versuche da stets so human wie möglich umzugehen, und weiß trotzdem, das ich jemanden wehtue.“
– „Aber das fühlt doch jeder. Jeder Mensch wird abgewiesen und weist ab. Das ist doch Menschlichste, einmal auf der einen, einmal auf der anderen Seite zu stehen. Zu leiden und Leid auszuteilen.“
„Ja, schon. Aber fühlst du dich gut dabei? Oder rächst du dich für das eine gebrochene Herz bei einer anderen unschuldigen Person?“

Frage ich sie und ziehe nachdenklich meine Augenbrauen hoch. Sie lächelt und schaut mir mit ungeahnter Intensität entgegen. Es reicht wohl mit Fragen. Beginnen wir wieder unsere Nähe zu genießen. Ohne Worte, mit gelegentlichem Blickkontakt und bewegenden Mundwinkeln. Ohne Worte und inmitten des Zuges.

Es hat lange gedauert. Bis ich das jetzt wieder zusammengebracht habe. Diese Dialogszenen müssen noch ausgebaut werden. Und werden einen wichtigen Teil des Buches einnehmen. Ich hoffe, es gefällt, würde mich über Kommentare freuen und arbeite weiter!

2 Gedanken zu „Wir müssen das nicht tun.“

  1. Mir gefällt es inhaltlich, aber wer was spricht, ist nicht immer schlüssig. Zum Beispiel, als es um die Träume geht. Es ist nicht klar, dass „Ich.. ich möchte reise. …“ von Emily stammt; man könnte auch annehmen, dass der Absatz davor nur in den Gedanken von Noah stattfindet und er dann doch was anderes sagt. Oder darunter: „Was ist dir öfter passiert…“ – hier erwartet man sich, dass es ein Satz von Emily ist, nachdem Noah zuvor gesprochen hat („Du hast schöne Träume“), was aber offensichtlich nicht der Fall ist.

    Also, wenn man es mehrmals liest, wird die Rollenverteilung durchaus schlüssig, allerdings sollte der Leser natürlich schon beim ersten Mal darüber im Klaren sein, wer welche Sätze von sich gibt, sofern du auf eine eindeutige Namenszuweisung verzichtest (was prinzipiell auch besser so ist). Dann müssen die Absätze allerdings nach dem Schema „A B A B A B …“ verlaufen und nicht wild durcheinandergewürfelt sein.

    Das nur als Rat für die Zukunft und zum besseren Verständnis. Inhaltlich ist wie gesagt nichts daran auszusetzen! 😉

    1. Vielen lieben Dank für die ausführliche Kritik. Dachte mir schon, dass das etwas verwirrend werden könnte. Werde, wenn zeitlich möglich, diesen Teil schlüssiger machen, und bei den kommenden Teilen mehr darauf achten! Und ansonsten: Auch ein großes Dankeschön!

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