Fühlen.

Die Kieselsteine unter meinen Schuhen knirschen, als ich behutsam auf sie trete.

Ich setze meinen Gang fort. Unbeirrt folge ich dem wegziehenden Rauch meiner Zigarette. Wasser sammelt sich in Bodenunebenheiten und der Schnee verliert an Festigkeit. Die Sonne wärmt meine Wangen, mit der leeren Hand streiche ich mir durch meine Haare. Der Regen zieht sich zurück. Durch den ganzen Park hindurch zieht sich ein Weg der Verwüstung. Und im Licht der Sonne erblicke ich eine Bank. Die Tropfen verdunsteten schon und so setzte ich mich auf sie.

Der Wind bläst in mein linkes Ohr, für kurze Zeit hört man nur das Rauschen und Aneinanderpressen von Luftmolekülen an meinem Hörorgan. Ich ziehe den Schal höher und die Mütze tiefer, die zwar vollkommen nass aber doch noch wärmend ist. Wie leergefegt liegt der Park so vor mir. Zwischen den letzten Überresten des Schnees sieht man verdrecktes Grün und einige kleine Steinchen.

„Wie fühle ich mich jetzt?“, fragt mich meine innere Stimme. Ich schrecke hoch, habe nicht erwartet, dass ich von mir mit dieser Frage konfrontiert werde. Wie ich mich jetzt fühle? Aber nach Fühlen ist mir doch gar nicht zumute. Ich möchte sehen, Eindrücke wirken lassen und so. Aber doch nicht etwas fühlen. Ich habe keine Zeit dazu.

„Zweifel?“, bohre ich nach, „Angst?“ Schön langsam scheint mir meine innere Stimme auf die Nerven zu gehen. Woran soll ich zweifeln? An der Welt, der Realität, an mir? Und vor wen oder was soll ich Angst haben? Vor dem Leben, dem Tod, vor mir? „Ich bin traurig“, sage ich mir. Traurig, weil ich einen wichtigen Menschen verloren habe. Traurig, weil ich einen so von mir geliebten Menschen weinen sehe und nichts für ihn tun kann, als da sein. Traurig, weil ich immer traurig bin, wenn man mit Neuem zu Recht kommen muss. Traurig, weil ich jetzt endlich einiges einsehe. In Sachen Liebe, der Psychologie sei Dank. Traurig, weil für mich scheinbar nur die in Luftschlössern untergebrachte Zukunft und die schönsten Momente der Vergangenheit zählen. „Ja“, sage ich mir. „Ja, ich bin traurig.“

Aber ich empfinde doch. Empfinde den Wind als störend, meine innere Stimme als nervend. Und fühle, fühle mich traurig, habe teilweise Angst, immer Zweifel, versuchte Wut und das Ganze. Eigentlich bin ich doch schon längst wieder im Hier und Jetzt angekommen. Spätestens seit das Ganze passiert ist, bin ich wieder gegenwartsverspürend. Zwar suche ich immer noch den Ausweg nach vorne, doch wenigstens versuche ich es. Für ein paar gezielte Minuten am Tag. Nichts zu tun, und nur zu empfinden und zu fühlen. Und alles an mich heranlassen.

Und trotzdem. Ich muss mir diese drei Minuten pro Tag Zeit nehmen.

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