A Rush Of Blood.

… upon your face.

„Für mich bitte eine Coke.“ Du siehst mich an, lächelst. „Früher sagtest du nie Coke.“ Früher, denke ich mir. Früher trank ich auch lieber irgendetwas anderes. Früher war der Sommer warm und der Winter kalt. Früher war das Leben anders und wir? Wir haben uns auch seither verändert. Das Café ist vollgestopft mit allen Sorten von Menschen.

Wir haben uns getroffen, erst vor fünf Minuten. Nach kurzem Smalltalk haben wir beschlossen, auf einen Kaffee zu gehen. „So lange Zeit haben wir uns schon nicht mehr gesehen. Wir müssen über so vieles reden.“, meintest du, als ich dir, wie es doch so üblich ist, die Türe aufhielt. Ach, haben wir?

Es stimmt wirklich. Das letzte Mal haben wir uns gesehen, vor einem halben Jahr. Viel ist passiert. Viel zu viel. Tausende Sachen würde ich rückgängig machen. Hunderte Sachen sollten geschehen. Doch wundert es dich nicht, dass wir uns seither nicht mehr gesehen haben? Ich habe nicht unbedingt Wert auf das Aufrechterhalten unserer Bekanntschaft gelegt. Aber jetzt sind wir schon mal hier.

„Erzähl aus deinem Leben“, forderst du mich auf. Ich blicke auf, der Kellner stellt unsere Getränke auf den Tisch und ich schnappe mir sofort den Strohhalm. Etwas zum Festhalten, irgendwie. Und während ich langsam die Augen zu dir schweifen lasse, beginne ich zu erzählen.

Mein Leben? Eine Achterbahn, aus der man nicht einfach so aussteigen kann. Freude über bestandene Prüfungen. Heruntergeholt werden durch die Betroffenheit über den Tod eines Fremden. Eine Familientragödie. Und immer wieder das Aufflackern der Zweifel, der Hoffnung, der versuchten Realitätsverweigerung, der Wut. So viele Gefühle und Gedanken in einem Kopf, so viele Worte in meinem Block, so viele Wünsche und Träume irgendwo da oben. Manchmal noch das Zittern des ganzen Körpers, oder auch das zittrige linke Augenlid. Nervösität und immer mehr die Annäherung an das Gefühl der körperlichen Selbstverletzung. Mit dem Leben nicht umgehen können und doch irgendwie immer wieder einen Grund finden, es fortzusetzen. Ja, das ist mein Leben.

Ich habe die ganze Zeit in die aufsteigenden Bläschen in mein Cola gesehen. Als ich aufblicke, siehst du mich entrüstet an. Dein Blick sagt mir, dass du etwas anderes erwartet hättest. Schon klar. Ich bin nicht mehr dieser Smalltalk-Typ. Du öffnest mehrmals deinen Mund, als wolltest du etwas sagen. Und ich erleichtere dir das Finden der Worte. „So, erzähl nun du aus deinem Leben.“, möchte ich von dir wissen.

Ach, ähm. Stress. Und so.

Ich lächle. Wie belanglos ein solches Leben doch ist. Wir sind still. Du wirfst Zucker in deinen frisch gemixten Latte Macchiato. Wie stolz ich doch damals war, als ich jedem erzählen konnte, was denn nun der Unterschied zwischen Café Latte, Latte Macchiato und Milchkaffee wäre. Jetzt ist es mir egal. Das Cola vor mir verliert mehr und mehr von seinem Kohlensäuregehalt. Mit dem Strohhalm leere ich das Glas schnell. Blicke auf meine Uhr und sage dir, es täte mir Leid, ich müsste schon gehen. Und nachdem ich bezahlt habe, deinen Kaffee nahm ich auch auf meine Rechnung, standen wir auf, schnappten uns unsere Jacken und Schals und was weiß ich. Und als ich dir die Türe offen halte und sich unsere Wege wieder trennen, fallen mir plötzlich zwei Worte ein, die ich in dieser Kombination nur sehr selten benutze.

Leb‘ wohl.

11 Gedanken zu „A Rush Of Blood.“

  1. leb wohl.

    eine sehr selten benutzte kombination. ich hörte noch nie jemanden (außer im tv, wenn der/die angesprochene dann getötet wurden) in der realität diese worte benutzen.
    ich benutze sie nie… nicht mal, wenn es für mich gesünder wäre „leb wohl“ zu sagen und sich in die zukunft zu stürzen.

    „leb wohl“, ein endgültiger gruß?

  2. nicht als entgültiger gruß gemeint. das ich dieses textes will natürlich dieses du nicht mehr sehen, schon klar. aber wohl doch eher eine aufforderung belanglose dinge nicht zum lebensinhalt zu erklären. eine aufforderung zu leben.

  3. *aufs hirn patsch*
    okay… wenn schon denn schon!
    erzählendes ich, wenn ich bitten darf. *ggg*

    und natürlich bist du ein genie… laut der definition des sturm und drangs (sofern ich nun in der richtigen literaturepoche bin, hoffentlich… sonst schauts schlecht aus mit den prüfungen)

  4. das erzählende ich? das wäre dann ja ich. also ich höchstpersönlich. nein. dramatisches ich klingt blöder und soll die person der geschichte sein.

    und es hieß: das dramatische ich. und nicht: ich muss ein genie sein. vielleicht bin ich eines, vielleicht auch nicht. ich wage es nicht zu beurteilen. literaturepoche? ähm, popkulturelle dramatik?

  5. i hab scho wieder fast zum weinen anfangen müssen. a wenns jetzt ned dazu gedacht war, was eh nie is, das i zu weinen beginn, aber wurscht. i muss trotzdem immer oder fast.
    und a wauns do jetzt ned so heapasst, i gfrei mi scho waun ma uns wieda moi sehn!!!

  6. @ hamsterbackal: ich freu mich natürlich auch schon, wenn wir uns wiedersehen. und lass es raus, wenn du weinen musst 😀

    @ zweiter kommentar vom hamsterbackal: einfach nu registrieren. geht ganz einfach.

  7. hobs glaub i eh scho geändert… wenns funktioniert hat?

    @ just4ikarus: i wein eh immer so viel, kann eh gar ned anders als es rauszulassen… schlimm schlimm. 🙂

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