Nightmares By. The Sea.

Literatur

Der See. Früher mal mein Zuhause. Jetzt ist er mir fremd. So, wie mir so vieles auf dieser Welt fremd wurde. Wie auch ich mir fremd wurde.

Ich sitze hier. Auf dieser Bank und blicke hinaus. Auf den See. Der durch das Unwetter, den Wind und den andauernden Regen, nicht ruhig bleiben kann. Ich, eingewickelt in meiner regenfesten Winterjacke friere langsam vor mir hin. Meine Gedanken spielen verrückt und die Erinnerungen kommen hoch.

Hier habe ich einmal gelebt. Zuhause aufgestanden führte mich mein erster Weg hierher. Meine Freunde waren hier. Mein Leben fand hier statt. Jetzt fühle ich mich nicht mehr wohl hier. Nicht wegen meiner regengetränkten Jeans. Sondern weil sich einfach so viel verändert hat.

Älter sind wir geworden. Die Evolution hat ihr Werk fortgesetzt. Wir haben uns verändert, die Welt hat sich verändert. Gedanken haben sich verändert. Was bleibt ist die Sehnsucht nach dem Damals. Diese unabdingbare Sehnsucht. Früher war alles besser, denke ich mir. Und verfalle in den Traum von damals.

Wir sind größer geworden. Nicht körperlich. Geistig. Erwachsen werden, würde man es wohl nennen, um einen bestimmten Begriff dafür zu benutzen. Oder reif sind wir geworden. Wobei zu bezweifeln bleibt, ob Reife überhaupt vorhanden ist. Wenn einer überlegt, bevor er handelt, nachdenkt, bevor er spricht, gilt man normalerweise als reif. Ich fühle mich eingeengt. In all meinen Lebensformen. Reife ist ein Schlag ins Gesicht für jeden Freiheitsliebenden. Eine Fußfessel, welches einem einen Stromschlag versetzt, wenn man zu frei handelt. Und das fehlt mir.

Und ich fühle mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Nicht weil ich zittere oder ein paar Kilos zugelegt habe. Nein. Sondern weil ich nicht so bin, wie ich immer sein wollte. Ich bin zwar auf dem Weg zu meinem großen Traum, doch ich bin anders. Immer wieder fällt es mir auf, wie rational ich eigentlich denke. Wie sehr ich dem Realismus verfallen bin. Obwohl mir die Akzeptanz dessen so schwer fällt. Ich bin ein Teil einer Masse, lasse mich vom Strom treiben, und hebe manchmal den Kopf, um zu sehen was um mich herum passiert. Dass ich meinen eigenen Weg gehe, der Gesellschaft den Mittelfinger zeige, das war immer ein Traum. Dass der pubertätsbedingte Anarchiewunsch keine Zukunft hat, dessen bin ich mir bewusst. Doch ich fühle mich wie ein 68er, der jetzt als Beamter mit Anzug und Krawatte vollkommen gegen seinen damaligen Geist arbeitet.

Und manchmal denke ich mir eben. Ich hasse mich. So darf es nicht weitergehen. Ich muss mich verändern. Doch Veränderung kann man nicht erzwingen, dass weiß ich aus jahrelanger Erfahrung. Irgendwann passiert es, irgendwann verändert man sich. In die Richtung, die vorbestimmt ist, in die Richtung, in die man hineingeschoben wird. Und es wäre dumm, mich selbst zu hassen. Hass tut weh. Alles hat sich verändert. Die Welt. Du. Ich.

Was bleibt, ist die Hoffnung auf meinen inneren Geist. Meine Person nach außen hin scheint ein komplettes Gegenteil zu meiner Inneren zu sein. Das hält mich zurück. Lässt meine Sehnsucht nach Damals verinnen. Ich bin anders. Von innen drin. Meine Gefühle sind nicht massentauglich, meine Gedanken sind mein. Und auch wenn ein Strom mich leitet bin ich doch alleine in mir. Und so stehe ich auf und verlasse das Damals. Verlasse den Wunsch nach Veränderung. Ich weiß, woran ich bin. Ich weiß, wer ich bin. Vielleicht verändert sich ja auch mein Äußeres zum Besseren. Aber was ist schon besser. Vielleicht ist es gut so, wie es ist.

Und ich stehe auf, streiche mir etwas Wasser aus der Hose, spanne meinen Schirm über meine nassen Haare auf und gehe zu meinem Auto. Und während ich gehe, verliere ich. Verliere das Vertrauen in die Welt. Und gewinne an Vertrauen in mir.

Mir ist schon klar, dass Sea Meer heißt. Aber dieser Song von Jeff Buckley passte gut zu diesem Text.

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