Ende.

 

Nach geschätzten sechs Malen scheint gestern das Ende gekommen zu sein. Das Ende der Selbstfindung, das Ende der Selbstkritik. Das Ende meiner Therapie.

Das komische Gefühl am Anfang dieser Sitzung. Zwar wieder einmal pünktlichst angekommen, die Tür stand offen, einladende Einladung. Und das Platz nehmen, die kurze Stille. Worüber ich heute sprechen möchte? – Ich befürchte, dass mich nichts in letzter Zeit so bewegt hat, sich eingeprägt hat. Nur der glücklicherweise nicht schwere Unfall eines Freundes, und die überraschende Umarmung desjenigen zum Abschied. War ungewohnt, aber schön. Aber sonst bin ich nicht zum Leben gekommen. Habe mich unter der Arbeit geschützt, mich unter der Bettdecke verkrochen, um nichts von den Wetterumschwüngen und Lebensschwierigkeiten direkt mitzubekommen.

Sollen wir nun also heute diese vergangenen eineinhalb Monate, diese fünf oder sechs Sitzungen abschließen. Alles Revue passieren lassen und darüber nachdenken? Oder sollen wir nach einem Thema suchen. Es gibt immer etwas, schon klar. – Ähm. Abschließen, bitte. Immer noch ungutes Gefühl. Zurücklehnen, den Kopf auf die Rückwand der Couch legen. Nein, ich lag nicht völlig auf der Couch, wie aus all den Hollywood-Schinken, nein, ich saß. Stell dir vor.

Und so stellte ich mir die Wesen vor, die seit meiner Therapie zu mir gefunden habe, oder nach denen ich zu suchen begann. Emotionaler Ausdruck, in umfassender Art und Weise. Vertrauen. Realität. Akzeptanz. Ordnung. Geduld und Gelassenheit. Und die Selbstakzeptanz. Alle reichen sich die Arme, ich im Zentrum. Meine Vorstellung. Nach gefühlten drei Stunden, besser gesagt nach ca. vierzig Minuten das Zurückkommen in die Realität. Schwindelgefühl, etwas verschwommener Blick. Du warst in intensiver Trance, sagt meine Psychologin. Stimmt. Irgendwie war es so.

Das war es also. Das soll es also gewesen sein. Ich beendete diese Sitzung mit einem mulmigen Gefühl, Kribbeln im Bauch, Gedanken im Kopf. Ich würde am liebsten noch so weiter machen, und doch gibt es irgendwie nichts mehr. Wenn du wieder einmal kommen willst, melde dich. Die Verabschiedung, die Bezahlung. Kurz bevor sie wieder ins Haus geht noch die Frage. Ob sie mein Buchprojekt Volle Distanz. Näher zu dir lesen möchte, wenn es fortgeschrittener ist. Natürlich. Gut. Denn auf ihre Meinung lege ich irgendwie sehr großen Wert.

Am Boden.

Ich kann nur ahnen wie’s mir geht, wenn man auf einmal nicht mehr drüber steht.

Die ganze Kraft hat mich verlassen. Ich spüre es, den Druck, die Angst. Hier fühle ich mich nicht wohl, hierfür bin ich nicht geboren. Und doch drückt es mich auf den Boden. Mir fehlt die Kraft und der Glaube, um wieder aufzustehen. Nein, reicht mir keine Hände, reicht mir kein Seil. Ich will hier bleiben. Es tut einfach noch viel zu sehr weh, um mich wieder zurückkatapultieren zu lassen. Gebt mir die Zeit, die ich brauche. Gebt mir den Raum, den ich benötige. Bedrängt mich nicht. Ich bin schwach.

Ich bin stark genug, um auch mal schwach zu sein.

Mich trennen Welten. Zwischen dem Wunsch, das Leben nach Plan zu leben, niemanden sterben zu lassen, niemanden zu verlieren, tritt die andere Welt in Kraft. Die Realität. Sie macht mich schwach. Meine Träume stark. Man kann schon manchmal schwach sein. Und es sich auch ankennen lassen. Aber auf Dauer wirkt Schwäche sich auf das Gemüt. Man kommt sich vor wie ein Verlierer. Ein Loser, der mit dem Leben nicht zurecht kommt. Doch eigentlich ist ja das Leben schuld, dass einem immer mal wieder mit voller Wucht ins Gesicht schlägt, das Herz zu verätzen versucht, die Ratio zerstören will.

Ich liege hier am Boden. Die Erde scheint in unschätzbarer Geschwindigkeit zu rotieren. Die Sonne geht unter, lässt mich in der Dunkelheit zurück, der Mond erstrahlt, die Sterne glitzern. Bis die Sonne wieder aufsteht. Blumen beginnen zu sprießen, welken, lösen sich wieder auf. Raupen verpuppen sich, und erscheinen als wunderschöner Schmetterling. Und ich, liege hier. Und irgendwann sind die Wunden im Gesicht geheilt. Das Herz hat sich von der Verätzung erholt und trotz all der widrigen Umstände, trotz all der Probleme und dem Unverständnis schafft man es irgendwann wieder, rational zu denken.

Manchmal liebe ich das Gefühl von Schwäche, liebe das Gefühl, nichts tun zu können, um etwas besser zu machen. Wenn man vollkommen entmachtet ist, spürt man erst wieder wie mickrig und unwichtig man ist. Und wie schön es ist, mit aller Kraft für etwas zu kämpfen arbeiten. Irgendwann wird das Leben immer wieder aus den Fugen geraten. Und ich werde mittendrin stehen und fragend umherblicken. Und erst dann schaffe ich es wieder, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und Träume, Vorstellungen umzusetzen.

Inspiriert von Christina Stürmers Lied „Mitten unterm Jahr“. Musikalisch schön, songtexttechnisch mittelmäßig (Lieder ohne Refrain sind großartiger). Aber seit dem ersten Mal in meinem Ohr gefällt es mir so zirka.

Thrown Away.

Warum werfe ich mich nicht einfach weg. Denn wo ist er, der Sinn?

Es wäre so einfach. So entscheidend. Einfach nur die vollkommene Selbstaufgabe, die Lösung für alles. Um nicht mehr dieses Pack aus Idiotie mit mir herumzutragen. Um zu flüchten, vor den Gedanken und den Gefühlen, den Ängsten und den Hoffnungen. Um nichts mehr zu spüren. Um nichts mehr zu sehen. Um nicht mehr zu sein. Alles wäre belanglos und ich wäre nicht.

Weinen würden sie, an meinem Grab, würden Kerzen aufstellen und Gestecke einkaufen. Würden über mich nachdenken, ständig Bilder von mir ansehen, würden an mich denken und von einem wunderbaren Menschen sprechen. Würden zum Alltag zurückkehren und immer mal wieder an mich denken. Aber es würde auch ohne mich gehen. Ich wäre dann Geschichte, und das Leben wär die Gegenwart. Oder das nahe Futur. Mehr nicht. Mein Leben wäre nichtssagend, irgendwann einmal am Ende angekommen.

Zurücklassen würde Texte über Liebe und Hoffnung, und Wut, und Leben, und Angst. Geschichten über mich und euch und über Träume und Gedanken. Tagebücher voll Verliebtheiten und Abstand. Worte, aneinandergereiht in oft unverständlicher Folge. Manchmal minutiöse Erklärung des Lebens. Schon längst gegangen wären die Träume, die mich bis zu diesem Zeitpunkt am Leben hielten. Sie waren Teil von mir, vielleicht mal aufgeschrieben, aber nur in meinem Kopf vollkommen ausformuliert. Sie würden untergehen. Mit mir.

Werfe mich weg. Wie ein Stück Müll, eine Bananenscheibe, einen Zigarettenstummel. Weil man nichts mehr anzufangen weiß mit sich. Als hätte alles keinen Sinn. Man sieht ihn nicht in der Arbeit, der Routine, in allem was man tut, und tut es trotzdem, weil es zu den Pflichten gehört, und sowieso irgendwann vorbei sind wird. Irgendwann wird definitiv alles vorbei sein. Irgendwann. Ich muss jetzt nur aufpassen, mich nicht schon vorher wegzuwerfen.

//Verdammter Arbeitstag.

Mitten Unterm Jahr.

Die vier Zeiten des Jahres. Gestaffelt in wenigen Tagen.

Das Laub fliegt bis vor die Tür. Der Wind lässt Türen zittern. Von Sturm berichten sie, umgestürzte Bäume, abgehobene Dächer. Regen, sodass meine Jacke durchnässt ist, und mehr und mehr auf die Haare und meinen Körper übergeht. Durch den Wind erzeugte Kälte. Beinahe kommt mir das alles wie Herbst vor. Das Laub, der Wind, der Regen. Als wäre der Sommer erst vor kurzem gegangen, und der Winter auch noch fern.

Doch dort hinten sehe ich noch kleine Hügelchen. Angesammelter Schnee, fest zusammengedrückt. Manchmal kommen auch einige Schneeflocken vom Himmel, fallen auf den Boden und schmelzen unter der Belastung des minimal warmen Asphalts. Die Mütze ist noch immer in meiner Tasche, die Handschuhe noch griffbereit in meinem Zimmer. Die Schuhe wärmend, um für die aktuelle Jahreszeit vorbereitet zu sein. Den Winter, der stark an Kraft verloren hat, und möglicherweise in dieser Saison nicht mehr wirklich zurückkehren wird.

Am Grab krabbelt eine Pflanze heraus. Sieht aus wie eine Frühlingsblume, weiße Blüte, Knospen. Wächst und gedeiht, in saftig-schönen Grün. Als wären Frost und die zweimonatige Schneebelastung nichts gewesen, steht es nun stark. Zwischen all den Kerzen, Gestecken, toten Pflanzen. Diese kleine Blume wächst und wächst. Irgendwann wird die Blüte aufspringen und diese herrlich-weißen Blütenblätter zeigen sich der Öffentlichkeit. Um ihn anzukündigen. Den Frühling.

An manchen Tagen übersteigt das Thermometer auch schon mal die Fünfzehn-Grad-Grenze. Die Sonne scheint, schmilzt mehr und mehr die letzten Überreste des Schnees weg, und wärmt meinen Schreibtisch, meinen Körper und mich. Vor allem mich. Die Sonne, am wolkenlosen Himmel, dieser azurblau. Und mein Wunsch nach einem Kurzarmshirt und einer kurzen Hose. Und die Sehnsucht nach dem See und all dem. Der Sommer. Für einen kurzen Moment spüre ich die Vorboten des Sommers.

Wenn ich mich für zwei der vier Jahreszeiten entscheiden müsste, würde ich den Frühling, der für Neubeginn und all das steht, wählen und den Sommer. Weil er einfach der Sommer ist.

Feige.

Der Rückzieher.

Was würde es uns nur alle gut tun, wenn wir sehen würden, warum wir so sind, wie wir sind. Warum wir zu anderen so sind, wie wir vorgeben zu sein. Wenn wir verstehen, warum wir uns manchmal anschreien, und warum wir andererseits miteinander Träume verwirklichen möchten. Warum der eine lästig ist, wenn er nach Hause kommt, und der andere das Sorgenfänger, der Traumfänger für Sorgen ist. Was würde es uns nur gut tun. Einmal darüber zu reden, wie es wäre, Familie zu leben.

Heute, von 18 Uhr bis 20 Uhr, wäre der Termin gewesen. Es haben alle irgendwie zugesagt. Ich habe es ihnen vor einer Woche gesagt, und dann nicht mehr davon gesprochen. Viele Gedanken habe ich mir darüber gemacht. Wie es sein wird. Wer überrascht, wer erschrocken, wer desillusioniert sein wird. Und irgendwie hatte ich auch Angst. Angst vor der Wahrheit. Und Angst vor dem Erkennen jener.

Gestern der Streit mit meinem Vater, das Ausarten von hineingefressenen Frustmomenten. Heute der Anruf meiner Schwester, dass sie mit sehr starken Kopfschmerzen in ihrem Berufs-Ausbildungskurs sitzt. Denken, dass mein Vater sowieso nach dem Tag, dem Vorfall gestern, nicht mitkommen würde. Meiner Schwester sagen, dass sie sich lieber ins Bett legen soll, ich würde das schon auf nächste Woche verschieben. Fünfzehn Minuten später der Anruf meines Vaters. Wann das denn heute wäre. Es ist heute nicht. Meine Antwort.

Okay, es gibt einen guten Grund, warum wir es verschoben haben. Die Kopfschmerzen meiner Schwester. Aber trotzdem scheint genauso meine Angst mitzuspielen, die das Ganze lieber schnell verschiebt, als dass sie nach anderen Lösungsvorschlägen sucht. Und es hat mich überrascht. Nach allem, was ich meinen Vater genannt habe, fragt er mich heute doch glatt, wann denn die Familientherapie sei. Irgendetwas muss ihm also daran liegen. Irgendetwas. Mehr, als ich wahrscheinlich erkennen kann. So werde ich heute in eine normale Therapiesitzung gehen. Werde über mich reden. Und über alles mögliche. So wie immer. Unser Familienschrottplatz rotiert hingegen noch eine Woche weiter. Ohne die klitzekleinste Veränderung.

Sterne.

Looking above.

Der Asphalt wärmt. Es ist mitten im Sommer. Wir liegen auf diese einen dunkelblauen Decke, eingewickelt in unsere Pullover und Jacken. Rund um uns herum ist es dunkel, das Rauschen des Baches durchbricht die Stille. „Siehst du den großen Wagen? Dort!“ „Ja, ich seh ihn.“ Den Blick gemeinsam senkrecht nach oben lenken. „Und das“, sage ich, „ist unser Stern. Siehst du? Und wenn du einmal zuhause bist, und an mich denken möchtest, dann kannst du dich auf den Balkon sitzen und unseren Stern suchen. Du weißt schon.“ Sie lächelt und kuschelt sich näher an mich. Die Sterne.

Jetzt bleibe ich liegen. Schaue immer noch gegen den Himmel. Der Himmel, er leuchtet. Und dort sind sie alle. Alle Menschen, die mir etwas bedeutet haben. Und die mir auch jetzt noch etwas bedeuten. Verewigt in Sternen. Ich strecke die Hand aus. Mit dem Zeigefinger möchte ich einen von euch berühren. Um eins mit dir zu werden. Und irgendetwas kitzelt mich an der Spitze des Fingers. Ich zucke zurück. Und irgendwie fühle ich, dass ihr mir noch nie so nah wart wie jetzt. Obwohl es kräftig abgekühlt hat. Ich fühle mich warm. Geborgen. Obwohl ich Angst im Dunkeln habe. Ich fühle mich sicher. Bei euch. Und für genau solche Momente lohnt es sich, in meine Haut zu schlüpfen.

the places you’ve come to fear the most // erstes buchprojekt

Sterne haben eine ungewöhnliche Macht. Blickt man zu ihnen hoch, verliert man langsam den Halt. Muss sich irgendwo fest halten, um nicht umzufallen. Weil sie plötzlich das Endliche unendlich machen. Sie zeigen, wie sinnlos Zeitmessung ist. Schon vor Jahrtausenden gestorben, leuchten sie noch immer. Der Strahl erreicht erst jetzt uns. Wie oft schon saß ich auf der Fensterbank, blickte hinaus. Und konnte minutenlang nur in dieses Meer aus leuchtenden Pünktchen sehen.

Sterne haben für mich eine Bedeutung. Mir scheint, als wäre das der Platz, an dem man alle Menschen, die nicht gerade um einen herum sind, erreichen kann. Menschen, die verstorben sind, aus dem Leben verschwunden oder einfach nicht da. Dort oben, am Himmelsfirst finden sie sich. Sind immer erreichbar. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ich bin beunruhigt, wenn Wolken versuchen sich davor zu schieben, oder wenn die Nacht einfach sternenklar ist.

Manchmal verglühen sie auch. Und sind weg. Weg aus der Erinnerung, weg aus der unzähligen Schar. Weil sie es vielleicht nicht verdient haben. Aber Menschen, gegen die ich keine Abneigung habe, von denen ich einfach nur Abstand wünsche, bleiben dort. Um irgendwann wieder einmal heller zu leuchten oder als Sternschnuppe zu enden.

Sterne sind für mich in jeder Beziehung eine wunderbare Sache. Ich könnte mit jemanden stundenlang hinaufblicken, ohne ein Wort zu sprechen. Nur betrachten und warten. Und das Leben, die Wolken und alles vorbeiziehen lassen. Die Sterne bleiben. Zumindest für eine beachtliche Zeit. Danke, dass es euch gibt, liebe Leuchtkörper da oben. Vielen Dank.

Rêves.

Als ich aufwache, bemerke ich, dass ich mich in einem Traum befinde.

Gedanken nach eineinhalb Stunden Film. La Science de Rêves. Die Wissenschaft der Träume. Langsam überkommt mich der Eindruck, dass der Film noch tiefsinniger zu sein scheint, als man es schon beim ersten Mal ansehen vermutet. Ein großartiger Streifen, gewohnt beeindruckende Arbeit eines Michel Gondry. Leichtes Verwundern über das Ende, den Cliffhanger ohne Auflösung, den Gedankensalat nach einem Buchstabensalat, den man erst, Szene für Szene, Buchstabe für Buchstabe sortieren muss.

Ich bin es mir schon Leid, stets von Träumen zu reden. Nein, nicht diese Tag-/Nachtträume. Die Träume, die das weitere Leben bestimmen sollen. Es sind keine Träume. Es sind fixe Pläne und weiche ich oder das Leben auch nur minimal davon ab, ohne mich zuvor davon in Kenntnis zu setzen, stehe ich vor unvollendeten Tatsachen und der Unmöglichkeit so weiterzuarbeiten. Dann kommt alles in diese Box, die alle Ideen sammelt. Vielleicht werden sie irgendwann einmal wieder aufgegriffen, wenn die Zeit bereit und ich etwas erfahrener bin. Ich habe Träume. Ja, sie hören sich utopisch an, aber sie sind zu meistern. Mit Enthusiasmus und Engagement. Aber das sind eben Träume, hinter die man ein Häkchen machen kann. Und dann sind sie so gut wie erledigt.

Nein, heute möchte ich von Träumen schreiben, die nicht so einfach erledigt sind.

Hi, and welcome back to another episode of „Télévision Educative“. Tonight, I’ll show you how dreams are prepared. People think it’s a very simple and easy process but it’s a bit more complicated than that. As you can see, a very delicate combination of complex ingredients is the key. First, we put in some random thoughts. And then, we add a little bit of reminiscences of the day… mixed with some memories from the past.

That’s for two people. Love, friendships, relationships… and all those „ships“, together with songs you heard during the day, things you saw, and also, uh… personal… Okay, I think it’s one.

Stéphane in The Science of Sleep

Meinen ersten Kuss erlebte ich im Traum. Von einem wunderschönen blonden Mädchen. Ich habe sie nie in meinem ganzen Leben gesehen. Ihre Schönheit und ihr Auftreten, ihre inneren wie auch ihre äußeren Werte sind vielleicht das, was ich die ganze Zeit suche. Interessante Umstände unseres Aufeinandertreffens. Der Moment. Das Aufwachen. Mit einem Lächeln. Einem Lächeln, wie ich es an einem Morgen sonst nie gewohnt bin. Freude über das Geschehene, Überlegen für ein Wiedersehen, Realisieren der Realität, Ernüchterung. Und der ständige Gedanke an sie. Und Stunde für Stunde, Tag für Tag und jetzt schon Jahre für Jahre sind nur mehr Umrisse erkennbar.

Aufarbeitung des Vortages. Manchmal schweißgebadet aufwachen, aus der Traumwelt entweichen, die mir eine Welt vorstellte, die so surreal und doch so möglich wäre. Extremsituationen. Und ich mittendrin, im Alltag des Grauens, meinem Leben in Angst. Ebenfalls wieder lange darüber nachdenken und erst durch das Schreiben oder Reden wieder zur Fassung kommen. Sexuelle Träume mit (weiblichen) Freunden haben, und anschließend aufwachen, sich fragen, wie es dazu kommen konnte. Warum diese Person in solch einem Traum auftaucht. Manchmal nicht begreifen, manchmal schon.

An manchen aufeinanderfolgenden Tagen überhaupt keine Erinnerung. Man träumt ja jede Nacht. Aber mir fehlt am nächsten Morgen die Erinnerung. Und ist sie einmal da, verblasst sie unglaublich schnell. Und auf eine Verarbeitung des Geschehenen warten, hoffen, dass der Traum die Antwort auf dem Tablett serviert. Und hoffen, dass Menschen, die man verloren hat, egal auf welche Art und Weise, sich noch einmal melden. Und irgendwann, wenn man es am Wenigsten erwartet, klopft diese Person an. Meldet sich und beruhigt.

Träume haben die Macht, die Psyche des Menschen in all seinen Grundfesten zu erschüttern. Sie tragen einen durchs Leben. Geben dem darauffolgenden Tag genug Gedanken von der vorhergegangenen Nacht. Lassen einem spüren, wie es ist, wie es sein könnte. Und manchmal spürt man auch die Wärme von Menschen, die Liebe zu diesen, die Freude darüber, sie wieder einmal zu sehen.

In dreams, emotions are overwhelming.

Stéphane

Ich würde nie von mir verlangen, selbst in meinen Träumen mitzubestimmen, wie sie verlaufen sollen. Da lasse ich der Eingebung und dem Gefühl, den Gedanken und dem Leben freie Hand. Sie sollen entscheiden, mit was sie mich konfrontieren. Sollen überlegen, womit sie mich fertigmachen, und wie sie mich wieder aufbauen. Ich liebe Träume. Träume. Und Sterne.

Dahinter.

„Sieh mal da nach. Vielleicht findest du dort etwas.“

Wo ist es hin. Tagelang suche ich es schon. Unauffindbar. Langsam nähere ich mich dem Punkt, an dem ich es aufgebe, zu suchen, und darauf warte, es irgendwann wieder zu finden. Aufzuspüren aus reinem Zufall. Zufälle sind sowieso die Spontanität des Schicksals. Und sie gefallen, denn das sind die meist wunderbaren nicht absehbaren Wendungen in einem Leben. Bekanntschaften oder eben Funde, mit denen man nicht gerechnet hat. Ich knie mich nieder und blicke noch einmal unter meinem Bett nach, doch auch dort findet sich fast nichts. Nur Socken und eine Flasche Mineralwasser. Doch ich suche etwas anderes.

Vollkommen überrascht blicke ich auf. „Nein. Ich helfe dir nicht suchen. Ich bin nur da, um dir etwas Gesellschaft zu leisten.“ Enttäuscht, lasse ich den Blick wieder sinken und lege mich einfach mal flach auf den Boden. Blicke in alle Seiten meines Zimmers, in alle Ecken und alle Furchen der Wände. Ich gebe auf und senke meinen Kopf, noch tiefer als er jetzt schon liegt. Schließe die Augen.

„Ist es nicht überraschend, wie schnell so etwas verloren geht?“, fragst du mich. Ich nicke. Bis vor kurzem war es doch noch da. Jetzt scheint es für immer verloren und doch wage ich die Suche nicht entgültig aufzugeben. „Weißt du noch, wo du es zuletzt gesehen hast?“ – „Ja.“ Nie könnte ich es vergessen, weckte es doch die schönsten Gefühle in mir. Ich liebte die Momente als es noch bei mir war. Einzigartig und doch anders. „Aber du weißt doch, dass es irgendwann gehen musste.“, versuchst du mich davon zu überzeugen. Aber ich lasse mir nicht gerne etwas einreden. Es musste nicht. Es hätte auch bleiben können.

„Aber jetzt ist es weg.“, wirkst du penetrant auf mich ein. „Aber nicht für immer. Nicht für immer.“, weiche ich dir aus. Irgendwo muss es doch noch sein. Als ich mich erhebe und einige Schritte herumgehe habe ich es wieder ganz klar vor meinen Augen. Mich überkommt eine Gänsehaut. „Aber so gib doch auf.“ Nein. Ich schüttele den Kopf, lege mich aber trotzdem etwas geschafft in mein Bett und denke nach. Deine Anwesenheit ist zwar störend, wegen deiner ständig eingeworfenen Worte, doch nicht unangenehm.

Es kann doch nicht für immer verloren gegangen sein. Erst gestern noch wurde ich durch einen Traum wieder darauf hingeführt. Wo ist das Gefühl des vollkommenen Schmerzes. Ein Lächeln und eine banale Traumbegebenheit zeigte mir, dass es ihm gut geht. Ich fühlte mich gut, heute morgen, als ich die nächtliche Eingebung begriffen hatte. Wo ist sie hin, diese wunderbare Stille und das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Familie. Wo ist alles hin, was mir nach allem doch noch etwas Hoffnung und Erwartungen schenkte. Wo ist sie, die Trauer und all das? „Dahinter.“, sagst du und zeigst auf die bröckelnde Fassade. „Sie mal da nach. Vielleicht findest du dort etwas.“

Und plötzlich spüre ich es wieder. Es ist noch irgendwo. Nur eben nicht mehr an der Oberfläche. Etwas dahinter. Und als ich meine Augen schließe und die Decke in meinem Bett mir Wärme schenkt, denke ich mir, dass sie dort auch gut aufgehoben ist. Wenn es ist, kommt sie vielleicht mal wieder zurück. Aber jetzt kann sie ruhig da bleiben, wo sie gerade ist.

Fühlen.

Die Kieselsteine unter meinen Schuhen knirschen, als ich behutsam auf sie trete.

Ich setze meinen Gang fort. Unbeirrt folge ich dem wegziehenden Rauch meiner Zigarette. Wasser sammelt sich in Bodenunebenheiten und der Schnee verliert an Festigkeit. Die Sonne wärmt meine Wangen, mit der leeren Hand streiche ich mir durch meine Haare. Der Regen zieht sich zurück. Durch den ganzen Park hindurch zieht sich ein Weg der Verwüstung. Und im Licht der Sonne erblicke ich eine Bank. Die Tropfen verdunsteten schon und so setzte ich mich auf sie.

Der Wind bläst in mein linkes Ohr, für kurze Zeit hört man nur das Rauschen und Aneinanderpressen von Luftmolekülen an meinem Hörorgan. Ich ziehe den Schal höher und die Mütze tiefer, die zwar vollkommen nass aber doch noch wärmend ist. Wie leergefegt liegt der Park so vor mir. Zwischen den letzten Überresten des Schnees sieht man verdrecktes Grün und einige kleine Steinchen.

„Wie fühle ich mich jetzt?“, fragt mich meine innere Stimme. Ich schrecke hoch, habe nicht erwartet, dass ich von mir mit dieser Frage konfrontiert werde. Wie ich mich jetzt fühle? Aber nach Fühlen ist mir doch gar nicht zumute. Ich möchte sehen, Eindrücke wirken lassen und so. Aber doch nicht etwas fühlen. Ich habe keine Zeit dazu.

„Zweifel?“, bohre ich nach, „Angst?“ Schön langsam scheint mir meine innere Stimme auf die Nerven zu gehen. Woran soll ich zweifeln? An der Welt, der Realität, an mir? Und vor wen oder was soll ich Angst haben? Vor dem Leben, dem Tod, vor mir? „Ich bin traurig“, sage ich mir. Traurig, weil ich einen wichtigen Menschen verloren habe. Traurig, weil ich einen so von mir geliebten Menschen weinen sehe und nichts für ihn tun kann, als da sein. Traurig, weil ich immer traurig bin, wenn man mit Neuem zu Recht kommen muss. Traurig, weil ich jetzt endlich einiges einsehe. In Sachen Liebe, der Psychologie sei Dank. Traurig, weil für mich scheinbar nur die in Luftschlössern untergebrachte Zukunft und die schönsten Momente der Vergangenheit zählen. „Ja“, sage ich mir. „Ja, ich bin traurig.“

Aber ich empfinde doch. Empfinde den Wind als störend, meine innere Stimme als nervend. Und fühle, fühle mich traurig, habe teilweise Angst, immer Zweifel, versuchte Wut und das Ganze. Eigentlich bin ich doch schon längst wieder im Hier und Jetzt angekommen. Spätestens seit das Ganze passiert ist, bin ich wieder gegenwartsverspürend. Zwar suche ich immer noch den Ausweg nach vorne, doch wenigstens versuche ich es. Für ein paar gezielte Minuten am Tag. Nichts zu tun, und nur zu empfinden und zu fühlen. Und alles an mich heranlassen.

Und trotzdem. Ich muss mir diese drei Minuten pro Tag Zeit nehmen.

Traurig.

„Und warum gibst du nicht damit zufrieden, dass du einfach todtraurig bist, weil sie dir nicht das geben konnte, was du wolltest? – „… Ähm.“

Langsam hebe ich meinen Kopf. Ich sitze da, in diesem roten, gemütlichen Sessel. Beide Ellbogen auf die Lehnen gestützt, die Finger verschränkt, den Kopf darauf abgelegt. Bis eben eben. Ich blicke hoch und suche nach Antworten. Hieß es nicht noch vor kurzem, ich solle „Warum“-Fragen einfach streichen? Und was soll das nun bitte.

„Und was steckt nun hinter der Wut, den Vorwürfen und allem?“ – „Sie erwarten jetzt sicher, dass ich Liebe sage. Doch ich empfinde keine Liebe mehr.“ – „Ich erwarte erstmal gar nichts. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.“ Einige Sekunden überlege ich. Lege den Kopf wieder auf meine Finger. „Angst.“, sage ich. Der richtige Zusammenhang fehlt, baut sich erst langsam wieder auf. Ich habe Angst.

Überhaupt habe ich heute schon viel zu oft die Frage vergessen, nachdem ich lange um die Antwort herumredete. Ich fühle mich unwohl. „Etwas unkonzentriert heute, wie?“; Plötzlich meldet sich mal wieder meine innere Stimme zu Wort und kämpft sich durch die Stille, während ich versuche, mich an die Frage zu erinnern.

Die Zeit ist schon lange vorbei. Ich stehe auf. Begleite sie in die Küche, bis sie mich zum Ausgang begleitet. Wieder einma fühle ich mich besser und wundere mich darüber, dass sehr vieles ich selbst erreicht habe. Das Verständnis des Ichs. Meine „Probleme“. Zuhause angekommen, immer wieder diese Sätze im Kopf. Der Versuch, diese Stunden, diese Konversation zu rekonstruieren. Nach kurzer Zeit aussteigen und als aussichtlos betrachten. Immer mal wieder kommen mir Dinge unter. Bis ich sie zurück in den Kopf, in die Gedankenfabrik und -verarbeitungsstelle schicke.

Im Bett liegen. Hundemüde. Den dicken Tuchent hochgezogen, die Augen schließen. Augen auf, der Blick auf den Wecker. Immer noch zu früh, um aufzustehen. Und bemerken, wie ich mir immer wieder die Frage stelle. Ist es Wut, das ich empfinde? Habe ich Angst und ist das alles nur eine Abwehrreaktion? Oder bin ich wirklich nur todtraurig. (Man stelle sich das nur in Anführungszeichen vor, bitte). Was ist es. Was empfinde ich.

Aufgabe für Sitzung Nummer 3. Empfindungen aktiv empfinden.