Regen

Blitze donnern vor meinem Gesicht. Langsam, mit etwas Zögern betrat ich die menschenleere, überfüllte Einkaufsstraße. Niemand sah mich an, und doch durchbohrten mich ihre Blicke mehr und mehr. Ich suchte Schutz an einem Kiosk. Schnappte mir die erstbeste Zeitung. Warf einen Euro hin und ging wieder. Ich ging die Treppe hinab, hinunter zur U-Bahn und sah schon, dass meine Zug im Begriff war, die Türen zu schließen. Ich überflog all die Menschen, quetschte mich an ihnen vorbei und schaffte es überraschenderweise noch, rechtzeitig einzusteigen. Sieben. Sieben Stationen muss ich fahren. Ich zähle mit.

Eins.
Zwei.
Drei.
Vi…

Die Pistole. Geladen. Er zielt und …

Ähm. Wo war ich. Glück gehabt.

Sechs.
Sieben.

Die U-Bahn war überfüllt. Ich dränge mich durch die leeren Gänge bis zum Ausgang und frage mich, wie spät es wohl sei. Es war zehn nach neun.

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Fenster

Mit meinen beiden Händen stütze ich mich auf der Fensterbank ab. Ich habe erst um 9 Uhr eine Vorlesung. Was soll ich jetzt noch machen, diese drei Stunden lange. Und so fülle ich mir eine weitere Tasse Kaffee ein, nehme mir ein Buch. Elementarteilchen von Michel Houellebecq. Setze mich auf meinen kleinen Tisch mit den zwei Stühlen, der in der Küche steht. Und beginne zu lesen. Nach wenigen Minuten und zwei oder drei Seiten dieses Buches merke ich, dass meine Aufmerksamkeit nachlässt. Und schon bin ich eingeschlafen.

Er stülpte sich die Sturmmaske über seinen Kopf. Nur seine blau-grünen Augen kann man noch erblicken. Der Rest seines Körpers ist komplett schwarz bedeckt. Er befindet sich in einer unheimlichen Dunkelheit. Plötzlich zieht er die Pistole, die sich noch bis vor kurzem in ihrem Halfter befand.

Ich schrecke hoch. Als mein Kopf immer schwerer wurde und ich ihn nicht mehr senkrecht halten konnte, fiel er mir auf den Tisch. Und dabei stieß ich die Tasse Kaffee um, welche dann langsam aber fast brühend heiß über die Hand ronn. Schnell schnappte ich mir eine Küchenrolle, und versuchte den Kaffee wieder aus dem Buch zu verschwinden lassen. Was für ein guter Morgen. Heute geht doch wirklich alles gut. Ich begann, die Stunden, die Minuten, die Sekunden zu zählen. Ich hielt es kaum mehr aus in meiner Wohnung.

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Toilette

Irgendetwas war mit mir geschehen. Seit Tagen, ja, schon seit Wochen konnte ich die meisten Nächte nicht mehr durchschlafen. Ich nicke unabwendbar an den unmöglichsten Orten ein. Während meiner Verlesungen, in der U-Bahn nach Hause, oder … wie letztes Mal, einfach in einem Bett bei IKEA. Liegekomfort haben sie ja. Das kann ich nun wirklich nicht mehr abstreiten. Ich bin jetzt gerade erst einmal 23 Jahre alt. Und fühle mich matt und lethargisch wie ein 60-Jähriger. Unter „leben“ verstand zumindest ich früher immer etwas anderes. Und langsam stehe ich auf, verlasse die Toilette und gehe zur Haustür. Die Zeitung müsste schon da sein. Und so machte ich mir am Küchentisch nur ganz wenig Licht, stellte mir Kaffee zu und begann die Zeitung, mit müden Augen und meinen Gedanken am anderen Ende der Welt, durchzublättern. Autounfälle, Morde, Gewaltverbrechen. Angst, Terror, Glaubenskrieg. Hochzeit, neues Paar, Klatsch und Tratsch. Die perfekte Mischung für einen guten Start in den Morgen. Ich mache mir, wie jeden Tag eine Liste. Sie sieht so aus …

  • Autounfälle mit Todesfolge 3
  • Autounfälle ohne Todesfolge 6
  • Morde 12
  • Versuchte Morde 3
  • Gewaltverbrechen 18
  • Angst 2
  • Terror 4
  • Glaubenskrieg 5
  • Hochzeit 9
  • neues Paar 17
  • Klatsch und Tratsch 22

Den Zettel nehme ich und lege ihn in die Box, die in meiner Küche auf der Mikrowelle steht. Wieviele habe ich jetzt schon. Hunderte? Tausende? Ich weiß es nicht. Aber manchmal sehe ich nach. Was vor einem Jahr passiert ist. Die Zeitungen werfe ich weg. Was mir bleibt ist der statistische Blick auf das Unwesentliche. Das ist wohl einer meiner Ticks. Ich habe nicht viele. Aber dafür …

Ich leere die Tasse mit einem leeren Blick in Richtung der aufgehenden Sonne, die mich am Fenster begrüßt.

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Sonne

Schnell habe ich wieder den Weg in den Schlaf gefunden. Langsam, ganz langsam neigte sich die Nacht aber dem Ende zu und ein Strahl der Sonne fand den Weg in mein Gesicht. Und begann meine Nase zu … nein, nicht zu kitzeln. Sondern zu schlagen. Zu prügeln. Mit einer, für den Frühmorgen ungewöhnlichen, Wucht wurde ich aus dem Bett geschmettert. Und während des Aus-Dem-Bett-Fallens schaffe ich es, gerade noch den Wecker zu erhaschen. Ich denke noch an den Aufprall, die Kopfschmerzen durch den Frontalabsturz und beobachte diesen Beginn eines Tages als … niveaulos. Fünf Uhr dreißig ist es gerade geworden. Und ich muss das Licht aufdrehen, um den Wecker überhaupt ablesen zu können.

Die Sonne traf ihn. Das ist das Letzte, an was er sich erinnern konnte. Und all das vergangene Geschehen scheint er vergessen zu haben. Seine Hand ist blutverschmiert. Er möchte es wegwischen. Das Blut ist eingetrocknet und doch wird es immer mehr. Und da ist sie wieder. Die Sonne.

In der Dunkelheit des frühen Morgens liege ich hier, auf dem Boden des Schlafzimmers meiner Wohnung. Gerade diesmal, als ich die wenigen Zentimeter vom Bett auf den Boden fiel, blieb die Bettdecke im Bett. Nur ich, ich landete hart. Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich versuchte es nicht einmal mehr. Ich stand auf, machte mir Kaffee, ging mich duschen. Und während ich dann auf der Toilette saß, begann ich nachzudenken.

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Lavendel

Er atmete tief ein. Der letzte Zug seines kurzen Lebens sollte es sein. Als er das letzte Mal nach Luft schnappte, spürte er den Duft von Lavendel in seinen Nasen. Dies sollte also der letzte Geruch sein, der letzte Geruch von Hunderttausenden insgesamt. Er beginnt zu fallen. Kann sich nicht mehr halten. Es wirkt wie ein unendlich langer Fall. Die Dunkelheit schließt ihn immer weiter ein. Bis er zu existieren aufhört. Bis er sich seiner Umgebung angepasst hat. Er zum Nichts wurde.

Ich wache auf. Ich hatte also geschlafen. Mit angespannter Miene, und wenigen Tropfen Schweiß auf meiner Stirn, richte ich mich auf. Wie verknotet bin ich dagelegen, habe die Bettdecke vom Bett geworfen. Es ist … der Wecker sagt, es ist 3 Uhr. Drei Uhr also. Schon wieder eine Nacht, in der ich nicht durchschlafen konnte. Schon wieder ein Traum, den ich nicht verstehen kann. Den ich viel zu schnell vergesse, welcher aber viel zu lange in meiner Erinnerung bleibt. Ich drehe das Licht auf, schalte den Radio ein, lasse ihn laufen. Wann kann ich endlich wieder durchschlafen. Am Tag bin ich seit kurzem stets sehr gereizt. Lasse keine Kritik zu, verliere mich in Tagträumen und manchmal höre ich auf, mich zu spüren. Ich scheine einfach nicht mehr zu existieren, scheine zu verschwinden. Natürlich alles nur Einbildung, ich weiß das. Aber etwas Angst bekomme ich da schon. Mir den Kopfpolster richtend, den Kopf drauflegend und die Augen schließend schlafe ich wieder ein.

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