Gespräch.

„Du verstehst nicht. Das hat alles nichts damit zu tun. Du … du warst nur zur falsche Zeit am falschen Ort, verstehst du? Es gibt keinen Grund, warum du das getan hast. Aber du hast es getan und ich kann jetzt nichts mehr tun. Für dich. Für mich.“

Nun gut. Ich war eingeschlafen, und als ich am frühen Morgen, die Sonne kitzelte gerade eben meine Nase, neben dieser Straße, unter diesem Baum aufwache, fühlt es sich so an, als hätte ich beinahe zweieinhalb Jahre geschlafen. Ich bin kaputt und kann mir immer noch nicht erklären, was mit mir los ist. Ich habe Schmerzen, komme beinahe nicht mehr auf die Beine.

Scheiße. Meine Hände sind mit feinen Narben übersät. Ganz klein. Marionette. Nichts mehr als eine Marionette. Verdammt. Ja, diese Kurznachricht. Wo … wo ist eigentlich mein Mobiltelefon. Die Taschen sind leer, bis auf ein paar Münzen, und während ich die Wiese rund um mich absuche, höre ich den einen, meinen Klingelton. In einiger Entfernung leuchtet es, und nachdem ich langsam vor mich hinstolperte, beginne ich mit einem zaghaften „Hallo?!“ das Gespräch.

„Bleib‘ jetzt ganz ruhig.“ Eine tiefe Stimme, sie ist mir unbekannt.
– „Hallo?!“
„Du weißt wer ich bin. Und … und wir müssen uns treffen.“

Nein, ich habe keine verdammte Ahnung.

„Ja. Okay. Ähm, wann? Und vor allem wo?“
– „Das erfährst du noch früh genug. Aber jetzt komm‘ erst Mal von diesem Baum weg.“

Scheiße. Ich blicke mich um, ganz hektisch, aber … verdammt. Hier ist nichts und niemand. Selbst die Straße scheint vollkommen leer zu sein.

„Wie … wie hast du …-„

Doch schon wieder beginne ich Selbstgespräche zu führen. Ich bin wieder allein.

[Zu den bisherigen Teilen der Fortsetzungsgeschichte]

Flattr: Flattr this

Dem Ende so nah.

Heute ist gestern vor zwei Jahren. Ich stehe in dieser einen Einfahrt, scharre mit den Füßen den Kies hin und her. Ich sollte reingehen, und anklopfen oder klingeln. Je nachdem. Es ist heiß hier, die Sonne brennt herunter und immer mal wieder watscheln pseudojunge Menschen in grellen Dreiviertelhosen und klappernden Flip-Flops vorbei, in Gespräche vertieft, Zigaretten inhalierend. Auch ich werfe meine Zigarette auf den Boden, trete darauf und wage es endlich, den Wohnungskomplex zu betreten.

Da steh ich nun vor dieser Tür und warte. Worauf denn bitteschön? Was ist das hier bloß? Warum habe ich mich trotz allem doch auf den Weg hierher gemacht? Ich weiß es nicht und mit einem mutigen „Klopf-Klopf“ überwinde ich mich zum ersten Mal an diesem Tag. Es sollte nicht das letzte Mal sein. Obwohl, eigentlich möchte ich schon jetzt wieder kehrt machen, und einfach nur raus aus diesem Wohnblock, rein in mein Auto und weg mit mir. Aber als dieser Gedanke noch unentschlossen durch meinen Kopf schießt, öffnet Hannah schon die Türe.

»Hey.«
»Hey.«

Recht viel gibt es zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich zu sagen. Wir hatten uns schon seit Monaten nicht wirklich etwas zu sagen, wir sahen uns zwar noch hin und wieder, schwiegen uns aber immer mehr an. Und nicht dieses Schweigen, das manchmal sehr förderlich und wichtig in einer Beziehung sein kann. Nein. Dieses Ungute. Wo beide sich eigentlich Dinge an den Kopf werfen wollen, die Zunge aber nicht wirklich dazu im Stande ist. Und deshalb schweigt man. Ich warte darauf, dass sie die Tür noch einen Spalt weiter öffnet, damit ich zu ihr hinein kommen kann.

»Ähm. Du Hannah, können wir wo ungestört reden?«
»Hm. Komm … komm‘ nicht rein. Lass … lass‘ uns spazieren gehen.«

Okay. Planänderung. Ich habe etwas Anderes erwartet, aber da ich ja manchmal doch auch meine spontane Seite heraushängen lasse, warte ich noch, bis sie in Schuhe und Jacke hineinschlupft, den Schlüssel von diesem Tisch im Gang nimmt und ich ihr schließlich folgen kann. Wir verlassen das Haus, gehen quer über den Parkplatz. Ich kenne den Weg. Hinauf zu diesem einen Hügel, der oben mit unzähligen Bäumen gesäumt ist. Und vor diesem Wald steht diese eine Bank. Obwohl es einen unglaublichen Ausblick über unsere Heimatstadt ermöglicht, scheint es so, als würden nur wir hierher kommen. Jedes Mal, wenn wir langsamen Schrittes den Hügel hinaufeilen, sind wir ganz alleine. Und während Hannah während des Anstieges kein einziges Mal ihren Blick hebt, sehe ich sie unentwegt an. Der Mut möchte mich hier gerne zurücklassen. Warum denn das Ganze? Es kann doch wieder werden.

Und das obwohl ich mich eigentich schon entschieden habe. Ich habe nicht wirklich Probleme, Entscheidungen zu treffen, nein. Viel mehr habe ich Angst davor, mit den Konsequenzen zu leben. Wir gehen den Hügel hinauf, und … mit etwas Fantasie könnte man sich das Ganze wie eine Postkarte vorstellen. Dieser kleine, in Herbstfarben blühende spätsommerliche Wald, die furchtbar grüne Parkbank davor und wir, wie wir von schräg unten hineinspazieren. Ich wollte ja eigentlich nie Vorlage für eine der grässlichsten Postkartenmotive sein. Aber über sowas denkt man ja normalerweise nicht wirklich nach.

Als wir schließlich vor dieser einen Bank stehen, Hannah hat mich unentwegt all die Minuten scheinbar gezwungenermaßen angeschwiegen, lasse ich mich gleich fallen, nehme Platz. Irgendwie zweifelnd bleibt sie noch stehen, schaut hinab in den Horizont der sich dem Ende zuneigenden Sonne.

»Du wolltest reden?«
»Ja. Denkst du nicht auch, dass wir das endlich mal tun sollten?«

Mein Ton wirktt irgendwie bissig, wenig einfühlsam, etwas unbeholfen.

»Und?«
»Hm.« Der Mut hat mich schlussendlich doch verlassen. Wie soll ich denn diese Konversation denn nun beginnen?
»Was fühlst du eigentlich, Noah?« Hannah sagte das mit einer solch furchtbaren Zärtlichkeit, beinahe mit Fürsorge und Gefühl.
»Nichts, Hannah. Nichts mehr.« Tadaa! Da war er wieder. Der Mut.

Nichts außer Wut, Schmerz und diesem verdammten Gefühl, dass der eigene Stolz ein wenig angeknackst ist. Aber das brauche ich ihr doch jetzt nicht erzählen … sie weiß ja wahrscheinlich selbst, was sie kaputt gemacht hat. Und hey, niemand behauptet hier, ich sei fehlerlos. Aber wenigstens habe ich mich stets bemüht, niemanden mit meinen Aktionen zu verletzen. Und dieses Kunststück hatte sie in den letzten Wochen und Monaten unzählige Male mit Bravour gemeistert.

Zum ersten Mal heute (und wahrscheinlich schon seit Langem) blickt sie mir in die Augen. So starr und scheinbar zutiefst gefühlskalt die meinen sind, so tränengefüllt werden plötzlich die Ihren.

„Ich … ich muss.“ – Nichts wie weg von hier. Schnell, bevor ich wieder in Versuchung gerate, ihr die Tränen wegzuwischen, bevor der salzige Fluss ihre Lippen erreicht. Weg, bevor ich sie in den Arm nehme und scheinbar doch wieder alles beim Alten zu bleiben scheint. Schnellen Schrittes, nicht zu ungestüm, verlasse ich diese grässliche Postkarte und lasse sie einfach so zurück.

Nein, ich bin nicht gefühlskalt. Nicht ich. Manchmal kommt es mir sogar so vor, als würde ich tausendfach mehr fühlen, als all die anderen Menschen hier. Was natürlich unglaublicher Blödsinn ist, aber allein dieser Gedanke macht mir klar, dass ich keineswegs gefühlskalt sein kann. Und warum nun das Ganze hier? Es stimmt wohl, dass es schönere Möglichkeiten gibt, um sich voneinander zu trennen. Aber kennt ihr das, wenn die Enttäuschung einfach viel zu groß ist, um auch nur ansatzweise menschlich und … ja, mit Gefühl zu agieren? An diesem Punkt bin ich eben gerade. Und vielleicht ist das ja einfach so, dass Frauen in solchen Momenten einfach heulen müssen. Oder ist es womöglich die Tatsache, dass ich mit diesem einen Wort es geschafft, sie aus dieser, ihrer Illusion zurückzuholen. Zurück in die Realität (welche ferner … ach, ihr wisst schon.)

Es konnte einfach nicht mehr besser werden; zu viel war schon passiert, zu viel haben wir zwischen uns kommen lassen. Aber, damit ihr mich jetzt nicht falsch versteht: Hannah ist eine großartige, wundervolle und vor allem wunderschöne junge Frau. Und wir hatten auch wirklich eine tolle Zeit miteinander. Seit … ja, beinahe einem Jahr waren wir nun ein Paar und eigentlich waren es ja doch nur die letzten zwei Monate, in denen alles zerstört wurde. Zumindest fühlt es sich so an. Hier sind sie, die Ruinen unserer gemeinsamen Liebe.

Wisst ihr, was ich glaube? Wir haben uns zur falschen Zeit unter den komplett falschen Umständen getroffen. Es war eine schöne Zeit, na klar, aber vielleicht haben wir uns beide weiterentwickelt und jetzt ist es wahrscheinlich scheißegal. Wir hätten alles versuchen können, aber diese Liebe zu retten … unmöglich. Wir wollten es nämlich selbst nicht mehr. Sie nicht … und ich scheinbar auch nicht.

Da ist es, mein Auto. Die Zentralverriegelung löst sich und ich steige ein. Ein letztes Mal blicke ich zu dieser Postkarten(anti)idylle hoch. Hannah sitzt da immer noch, blickt in den Himmel und ja, ich glaube, sie weint noch.

Menü – Mitteilungen – Neue Mitteilung verfassen
»Es tut mir Leid …«
Senden an – Kontakte – H
H wie Hannah. Verdammt.

So stark und stolz ich sein wollte, so schwach bin ich es jetzt.

Du-uh?

„Du-uh?“
– „Mhm.“
„Du-uh? Weißt du eigentlich, wo wir hinmüssen?“

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Es ist Nacht, nein, Morgen. Es ist beunruhigend still hier und im Grunde genommen ist das auch nicht meine Stadt. Aber jetzt den Unwissenden spielen? Nein.

– „Mhm. Natürlich. Siehst du? Da hinten.“

Ich deute etwas unverständlich in die vor uns liegende Gegend. Hie und da huscht das Auto eines notorischen Frühaufstehers oder eines betrunkenen Zu-Bett-Gehers an uns vorbei und meine Fußsohlen beginnen schön langsam zu brennen. Ich scheine sie mit meinem Versuch, den vollen Durchblick vorzutäuschen, etwas beruhigt zu haben. Und während wir uns merklich langsam und immer wieder anhaltend fortbewegen, legt sie ihren Kopf an meinen Arm, umklammert ihn, und schließt für einen kurzen Moment auch ihre Augen.

„Es war schön, heut‘ Nacht.“
– „Mhm.“

Es ist heiß. Der Asphalt glüht noch und die gerade aufgehende Sonne übt weiter ihre bekannte Wärme aus. Wir wanken immer noch voran, als ich plötzlich ein mir bekanntes Gebäude entdecke. Erleichtert atme ich durch, und auch sie scheint es bemerkt zu haben. Sie lässt ihre feste Umklammerung los und stellt sich vor mich. Ein Kuss. Eine Überraschung.

„Danke fürs Nachhausebringen.“
– „Kei-… keine Ursache.“

Irgendeine Glocke schlägt hier gerade ganze sechs Mal. Sie nimmt meine Hand, zieht mich mit. Ihr müder Blick ist verschwunden, wir gehen zu meinem Auto, mit dem wir heute hierhergekommen sind. Verzweifelt suche ich in meinen Taschen, sperre das Auto auf. Wir legen Fahrer- und Beifahrersitz um, heute schlafen wir nämlich ganz bequem in diesem Fahrzeug. Ich reiche ihr einen Polster, stopfe meinen eigenen unter meinen Kopf. Und irgendwie liegen wir beide in diesem Auto, direkt gegenüber, blicken uns an und denken irgendwie gar nicht ans Einschlafen. Sie sucht nach meiner Hand und als sie sie endlich erwischt, hält sie sich fest. Ich erwidere ihre Suche nach Nähe. Wir sehen uns an. Ich beuge mich nach vorne, küsse sie, lege meinen Kopf wieder auf meinen Polster. Und während ihre Augen schön langsam wieder müde werden, sehe ich sie unentwegt an. Das. Jetzt. Hier. Der Moment. Ihre Hand. ‚Schlaf gut.“, denk ich mir. An Schlafen ist in meinem Kopf nicht zu denken.

Flickr: dcbprime
Flattr: Flattr this

Sommermorgensonne.

Die Schuhe in der einen Hand, dich neben mir. Gehen wir langsam und die unsicher richtige Richtung. Wir wollten ja eigentlich mit dem Bus fahren, aber scheinbar ist die Stadt zu blöd dafür. Es ist schon wieder Morgen und die Sonne kommt da hinten, drei, vier, fünfzehn Ampelkreuzungen später irgendwo hoch und deckt diesen Teil dieser unbekannten Stadt in ein ganz besonderes Ambiente.

Wir reden über Gott und die Welt. Okay, in Wahrheit: Kein Gott, dafür ganz viel Welt. Die Welt mit uns und um uns und die ganze Scheiße dieser Welt, und unsere Scheiße. Und während die ganze Nacht eigentlich wunderbar warm war, kühlt es jetzt, unverständlicherweise wieder ab. Wir sind uns immer noch nicht sicher, ob das hier der richtige Weg ist. Der Sonne entgegen kann aber doch nie falsch sein.

Das Leben und die Liebe. Unser immer wiederkehrendes Thema, all die vielen Jahre, die wir uns jetzt schon kennen, und all die vielen sonnenaufgangsgetränkten Morgen, die wir leicht betrunken nach Hause getorkelt sind. Wir sind älter geworden, viel älter. Wir haben vieles erlebt, und auch vieles verloren. Wir haben wunderbare Hochs gehabt, und atemraubende Tiefs. Und dann gehen wir hier heute, nebeneinander, und reden von eben diesem einen Thema. Liebe.

Und wieder einmal merke ich, dass wir uns nicht verändert haben. Die Antworten klingen zwar klüger, die scheinbare Abgebrühtheit wurde amateurhaft antrainiert. Aber im Grunde genommen haben wir die selben Probleme wie vor fünf Jahren. Haben die selben Gedanken, die gleichen Gefühle. Und sind immer noch unfähig, die richtige Entscheidung zu treffen. Oder selbst herauszufinden, was denn nun die Richtige sei.

Während die Sonne von Minute zu Sekunde immer höher steigt, möchte ich mich ganz einfach auf den Randstein des Gehwegs setzen, die Beine von mir gestreckt, und mir mit dir das Aufwachen des großen orangegelbroten Kolosses ansehen. Und vielleicht auch einfach nur schweigen. Einfach nur da sitzen und nichts tun. Und irgendwann, das sag‘ ich dir, wird es verschwinden. Die Angst vor dem Unüberwindbaren, die Komplexität der Kompliziertheit, deine und meine Probleme. Daran glaube ich, ganz fest. Ganz, ganz fest.

Es war schön hier, der Weg hier. Mit dir hier. So enden sie am Besten, die Freitag- oder Samstagsabende. Irgendwann am späten Vormittag des Folgetages. Irgendwo in einer fremden Stadt, in einem Studentenheimzimmer mit 8 Leuten, die quer am Boden verstreut zu schlafen versuchen. Und es war mir wirklich eine Ehre, mit genau dir das erste Mal bei McDonalds zu frühstücken und mit genau dir unabsichtlich unseren Eistee über die ganze McDo-Theke auszuschütten. Du wirst mir fehlen, wenn die jetzt knapp ein Jahr einfach weg bist, weißt du. Deshalb müssen wir noch so viele Sonnenaufgänge sehen, so viel reden und irgendwann den Fast-Food-Videoabend machen. Eindeutig!

Flickr: nateOne
Flattr: Flattr this

Du, entschuldige, aber.

Du, entschuldige, aber ich glaub‘ ich hab‘ mich in dich verliebt. Ich weiß nicht ob es richtig ist, oder ob mir nur mal wieder mein Kopf und mein Herz in perfekt zerstörerischer Symbiose brutal in die Magengegend boxen möchten. Aber zumindest fühlt es sich so an, als würde ich etwas mehr für dich empfinden, als mir wahrscheinlich gut täte. Aber das hier soll keine Entschuldigung für meine Gefühle sein. Ich möchte dich einfach nur bitten, mir nicht andauernd von den Liebschaften zu erzählen. Schön, dass du es dir gut gehen lässt. Mich haut‘ sowas nur etwas aus der Bahn. An schönen Abenden und so.

Menschenmasse.

Zentimeter vor meinem Gesicht hältst du, siehst mir in die Augen und beginnt plötzlich zu schwören. Zu schwören, dass das hier nicht beabsichtigt sei, und dass du nur wegen der Menschenmasse so knapp vor mir stehst. Und du erklärst mir, dass du es trotzdem schön findest und langsam nimmst du auch meine Hand. Und am Ende des Schwures glaube ich zu hören, wie du uns beide einfach hier wegwünscht. Raus aus dem hier und hinein in unsere Traumvorstellung. Ich schließe die Augen und du beginnst mich zu umarmen. Auch ich lege meine Arme um dich und meinen Kopf auf deine Schulter. Und plötzlich, da glaube ich beinahe, dass wir beide nun einfach hier wegfliegen würden. Als wäre all das hier nie geschehen und als hätte nichts auch nur bedingte Bedeutung.

Erzähl mir was.

„Bist du eh gut zuhause angekommen?“ Ich murmle ein „Mhm.“ in das Telefon und würde es gerne wegschmeißen, ganz weit weg. Damit ich deine Stimme nicht mehr hören muss, damit es sich nicht mehr so anfühlt, als würdest du neben mir sitzen. Als wären wir beide hier auf der Gartenbank vor dem Haus, in der Einfahrt meiner Eltern. Und du würdest mir beim Rauchen dieser letzten Gute-Nacht-Zigarette zusehen. „Mhm. Ich bin gut angekommen. Schön, dass du fragst.“ Stille. „Und…“ – „Hm?“ – „Erzähl mir noch was. Irgendetwas. Bitte.“

Weil man aus Erfahrung klug wird, oder aber einfach die Welt nicht versteht.

Doch es gibt keinen Grund, sich jetzt zu hassen
denn wer ist Schuld daran, wenn Momente sich verpassen?
(Irgendwo anders – Jennifer Rostock)

Und ich nehm‘ dich mit in meine Träume. Verspreche dir all meine Minuten bevor ich schließlich einschlafe. Denke über dich nach und träume davon, wie es wäre, wenn du wüsstest, was ich empfinde. Und irgendwie glaube ich nicht daran. Gebe dieser Möglichkeit keine Chance und warte, bis all das wieder vorbeigeht. Weil man aus Erfahrung klug wird, oder aber einfach die Welt nicht versteht. Es mag schon sein, dass all das hier nicht einfach nur dumm ist, ein Ergebnis meiner Gefühle. Vielleicht steckt noch viel mehr dahinter, aber ich bin zu feige, es zu fühlen, und zu sehr ich, um es dir zu sagen. Ich warte die Momente ab, die ich für perfekt halte und verliere den Mut, wenn ich nur wenige Zentimeter vor dir stehe.

Was wir machen ist nicht vorgesehen
Aber es ist schön dich hier zu sehen.
(Die Schönheit der Chance – Tomte)

Und ich bin kein Dorian Gray. Ich kann nicht einfach so leben, wie ich es will. Wie die Einfachheit meiner Gedanken es mir vorgibt, wie die Komplexität meiner Gefühle es mir verspricht. Denn es ist einfach so wie es ist und es gibt nichts, dass ich zu vergessen wage. Ich lösche keine Fotos, ich sammle Erinnerungen, ich weiß alles. Zumindest erinnere ich mich immer an den Schmerz und selbst das Wissen, das genau dieser wieder eintreten wird, hält mich nicht davon ab, trotzdem hier zu sein. Hier zu sein und zu warten, mit Gedanken zu jonglieren und die passende Musik zu hören. Weißt du, wie schön es jetzt wäre, wenn du neben mir sitzen würdest, und wir gemeinsam denn hell leuchtenden Mond beobachten würden, wir beide, nebeneinander am großen Fensterbrett. Kannst du dir nur annähernd vorstellen, wie es wäre, wenn du nicht so verdammt weit weg wärst.

Weil du Heimat und Zuhause bist.
Weil bei dir mein Bauchweh aufhört.
Halt mich, halt mich fest.
Tu so, wie wenn das jetzt für immer so bleibt
für immer so bleibt, für immer so bleibt.
(Halt mich – Philipp Poisel)

Und du solltest es spüren, wie es sich anfühlt, wenn man neben dir sitzt. Du solltest es sehen, wenn ich dich mit einem leichten Lächeln aus dem Augenwinkel beobachte. Du solltest es fühlen, wie es ist, dir ganz nah zu sein. Du solltest mich sehen, wie ich jetzt, so spät in der Nacht, eingewickelt in meine Decke, an dich denke und weiß, dass du nie davon erfährst. Du solltest einfach mal „Ja!“ sagen, oder einfach mal „Nein!“. Du solltest einfach nicht nachdenken und erfahren, was ich für dich bin. Es sollte so furchtbar einfach sein, aber das ist es nicht. Das ist es nie, weißt du?

Ich werd immer für dich da sein.
Bist du dabei?
In dem Gefühl wir wären zwei.
(Balu – Kettcar)

Komm, sei ehrlich.

„Komm, sei ehrlich!“, denk‘ ich mir und eigentlich sollte mein Blick dir schon zur Genüge verraten, dass Ehrlichkeit hier eindeutig fehl am Platz ist. Denn würde ich hier mit der Wahrheit rausrücken, würdest du wohl erfahren, dass all das hier schließlich doch nur eine gemeinsame Lüge war. Und dass ich auch nur mit dir rede, weil in meinem Kopf schon viel mehr mit dir geplant ist. Du bist, so kann man sagen, bisher nur eine Vorstellung, nicht mehr. Und solltest du mich enttäuschen oder mir klar machen, dass es für mich doch keinen Sinn machen würde, weiter Anstrengungen hinein zu legen, dann würde ich es auch lassen.

Ich bin nur hier wegen dir, als reiner Vorwand, als der Schutzwall, der mich nicht tagträumend zuhause sitzen lässt. Um die Realität vorbeiziehen zu lassen und in der Hoffnung zu leben, dass Träume Wirklichkeit werden. Und dann stehst du bei diesem Vollpfosten und redest mit ihm, hältst dein Getränk in der Hand, kicherst und siehst ihm in die Augen. Und ich stehe zwei Meter daneben, die Musik in den Ohren, den Bass auf meinen Schultern und sehe ich um und wahrscheinlich denkst du gerade überhaupt nicht an mich.

Rhythmisch beweg‘ ich die Beine zur banalen Tanzmusik und in meiner Hand wird das Bier von Minute zu Minute wärmer und jeder Schluck hält sich nur schwer in meinem Mund. Ich fühl‘ mich fehl am Platz und blicke mich um. Nach anderen Freunden, nach irgendwelchen Bekannten. Nach Anhaltspunkten, die mich jetzt nicht verzweifeln lassen. Und als ich schließlich den letzten Schluck warmen Bieres aus der Flasche trinke und ich mich dabei wie gewöhnlich beinahe ankotze, bemerke ich den Fehler im System.

Ich stelle die Flasche auf irgendeinen umtanzten Stehtisch, zupfe mir mein T-Shirt in Form und mache mich auf den Weg. Auf den Weg zu dir und zur Bar und diesem einen Typen, dem Vollpfosten. Ich sag‘ nur „Entschuldige“ und stell‘ mich zwischen euch. Und dann streich‘ ich dir diese eine Strähne, die dir immer wieder ins Gesicht fällt, hinter dein Ohr und streiche langsam den Kopf entlang und mein Mund kommt dem deinen immer näher.

Unsere Lippen berühren sich und der Bass ist plötzlich weg. Und die Musik. Kein Vollpfosten mehr und kein ekelhafter Biergeschmack im Mund. Dieser Moment und nur wir. Unsere Zungen, deine sanften Küsse auf meine Oberlippe, deine Hände, die du um meine Arme legst. Das ist es. So einfach.

Denn in Wahrheit sind all diese Gedanken doch nur Straßensperren, weil man Angst hat, dahinter könnten sich Schluchten befinden. Diese Gedanken sind nur Steinklötze, die einem an den Füßen hängen. All das ist doch nur entstanden in meinem Kopf. Und in Wahrheit? Ja, in Wahrheit waren wir beide die ganze Zeit nur zwei Meter entfernt.

Flattr:
Flattr this

Gemocht?Like This!