Keinen blassen Schimmer. [19]

Lichtschwarz. 18122010

„Ich mag deine Texte!“, sagst du und lächelst mich an und hast keinen blassen Schimmer, dass eine Vielzahl von ihnen nur von dir handelt. Von dir und all meinen Gedanken, die du Tag für Tag in mir zu erzeugen weißt. Gedanken, die mich kaum mehr ruhen lassen und mich immer wieder diese Texte schreiben lassen. Und du hast keinen blassen Schimmer.

„Dankeschön.“, sage ich und blicke etwas beschämt zurück. Ich weiß zwar, dass nicht wenige sie lesen, darauf angesprochen zu werden, ist aber doch immer wieder etwas Besonderes. Und etwas Komisches. Ich gebe so viel von mir preis und schicke es an die unbekannte Masse und irgendwann sticht irgendjemand hervor und lobt mich dafür. Da darf man schon etwas zurückzucken, oder nicht?

„Ich erkenne mich so oft in deinen Texten wieder.“, meinst du und meinst es sicherlich anders, als ich es im ersten Moment auffasse. Die Geschichten sind manchmal echt, manchmal erfunden, und doch scheine ich den Nerv der Menschen zu treffen, gefühlvoll auszudrücken, was andere nicht können.

„Das höre ich oft.“, meine ich und will dabei nicht überheblich klingen und tue es wahrscheinlich doch. Ja, ich habe eine Sprache gefunden, mit der sich viele identifizieren können, wo man sich hineinfallen lassen kann und welche Worte erzeugt, die den Menschen auf der Seele brennen.

„Und der eine Text da, der … der hat mich richtig zu Tränen gerührt.“, erklärst du mir und ich habe auch das schon oft genug gehört. Und denke mir, so insgeheim: ‚Ja. Bitte. Weine. Vielleicht verstehst du den Sinn hinter diesem Text, vielleicht auch nicht. Aber weine. Und bemerke, was ich schon in so vielen Texten zu schreiben bereit war, und zum Aussprechen zu feige.

„Das … das ist … schön.“, entgegne ich und möchte noch immer nicht wirklich darüber reden und weiß, dass du nicht damit aufhören wirst. Und ich schreibe auch noch weiter über dich und hoffe auch die kommenden Tage und Wochen, dass du irgendwann einmal verstehen wirst, an wen diese Geschichten gerichtet sind. Nicht für die Allgemeinheit, für das Seelenwohl der Anderen. Einzig und allein für dich. Und ich würde dich jetzt gerne umarmen. Möchte dir all das erklären. Möchte dir zeigen, worum es am Ende doch nur geht. Aber du hast keinen blassen Schimmer.

Nein, Arschloch! [18]

Nebel. 18122010

Der SMS-Ton erklingt. „Ups, sorry. Falsche Nummer!“

Es hat wohl keinen Sinn mehr. Ohne Vertrauen und mit dieser riesig großen Eifersucht, die über uns lastet, hat das alles ja keinen Sinn mehr. Wir sollten aufhören, jetzt, oder nein … wir hätten schon längst aufhören sollen. Wir hätten es vielleicht gar nicht wagen sollen. Ich weiß es nicht. Du bist schon irgendwohin verschwunden, ich sehe dir aus dem Fenster nach und vor mir nur dieser Nebel, der seine außergewöhnliche Undurchdringlichkeit zur Schau stellt.

„Nein, das tust du nicht. Du verdammtes Arschloch!“, brüllst du mir mit strauchelnder Stimme entgegen, stößt mich weg und wendest dich ab. Ich wiederhole mich: „Ich … ich liebe dich.“ – „Nein, Arschloch!“ Verdutzt sehe ich dir nach und weiß nicht wirklich was geschehen war, an diesem Tag, in diesem Moment.

„Was hast du dir nur dabei gedacht?“, fragst du mich mit, bist enttäuscht von mir, traurig, und ich habe keine Ahnung worum es geht. „Warum nur?“ – „Was?“ Du bist entsetzt. Nicht einmal jetzt, wo du es weißt, gebe ich es nicht zu. „Ich dachte du liebst mich.“ – „Aber … ich liebe dich doch!“ Immer noch scheine ich auf der Leitung zu stehen, und du bist wohl immer noch nicht gewillt, mir zu sagen, wovon du sprichst.

Als ich die Tür öffne, poppt nicht gerade das Popcorn in der Mikrowelle, der Fernseher ist auch noch nicht eingeschaltet. Stattdessen erwartest du mich schon im Vorraum, wirfst mir das Hände entgegen, und wartest auf meine Reaktion. „Hey. Puh, das war heute ein anstrengender Tag.“ Es scheint dir egal zu sein und du setzt bereit zum Gegenschlag ein. Blickst mich mit traurigem Blick an, hoffst auf irgendeine Äußerung von mir.

Nach einem harten Tag komme ich endlich nach Hause. Hoffe schon darauf dass du auf mich wartest und wir uns gemeinsam mit Popcorn irgendeinen schönen Film ansehen. Ich bin extra noch in die Videothek gegangen, habe drei, vier DVDs geholt und möchte jetzt einfach nur entspannen. Mit dir, mit Popcorn, auf unserer Couch. Und meine versäumten Anrufe nachholen, nachdem ich mein Handy heut‘ morgen am Nachtkästchen habe liegen lassen.

Haltestellen. [17]

Wegwerfzeitung. 16122010

Angst sollte ich haben, Angst vor allem und vor allem vor jedem. Weil niemand mehr gut ist und die Welt doch nur hässlich und das Leben eigentlich auch nur eine fast ewige Tortur ist. Das will mir zumindest die Zeitung klar machen, die ich heute morgen ganz einfach nicht angreifen hätte sollen. Nicht mitnehmen, nicht lesen.

Aber schön langsam scheine ich schon wieder zu begreifen, warum die Gesichter um mir herum so düster sind, und viele am Liebsten nicht in die Grimasse ihres Gegenübers blicken wollen. Okay, zugegeben … es ist noch viel zu früh am Morgen, aber wahrscheinlich haben auch sie in dieser Zeitung geblättert und innerlich schon mit ihrem Leben abgeschlossen. Beinahe möchte ich auf einen Plastiksessel in dieser U-Bahn hüpfen, und ihnen etwas erzählen, will ihnen erklären, wie es nun wirklich auf der Welt aussieht. Aber einerseits hätte das so etwas von einem Messias und andererseits ist es dafür heute eh viel zu voll hier.

Während sich wieder einmal die Menschenmasse austauscht, bekomme ich endlich einen Sitzplatz. Ich fahre nicht weit, aber das ist egal. Den Kopf gegen die Scheibe gelegt, das Gerattere in meinen Ohren, sauge ich die vorbeiziehenden Eindrücke auf und atme tief und fest ein. Und denke mir, so ganz bei mir: „Das ist es. Das ist das Leben. Eine wilde Aneinanderreihung verschiedenster Haltestellen. Die eine schöner, die andere eher nicht. Und dazwischen zieht alles so schnell vorbei, man versucht einen Blick zu erhaschen und schafft es aber doch irgendwann.“ Und lächle wild in mich hinein. Sowas sollten die mal drucken, nicht nur irgendeinen Scheiß von wegen Bombe und so.

Als ich wieder aufblicke, bemerke ich es. „Scheiße!“, springe ich auf und stolpere zur Tür. Ich habe meine Haltestelle übersehen. Und schon wieder muss ich grinsen, denn in Gedanken füge ich hinzu: „Ja, und das ist der Unterschied zum richtigen Leben. Da kann man nicht einfach umsteigen und wieder zurückfahren.“

Zurücktreten, bitte.
Zug fährt ab.

Dieses eine verdammte Lied. [16]

Musik. 15122010

„Es ist die Musik.“ Verdutzt siehst du mich an, als ich mir gerade eine Träne aus meinem überraschten Gesicht wische. „Es ist nur die Musik.“ Du reichst mir ein Taschentuch, aber das ist nicht nötig. Der Pulloverärmel hat sie schon aufgefangen, weggetragen, losgelöst. Und immer noch höre ich dieses eine Lied im Hintergrund, welches mich innerhalb von Sekunden austrocknet, mir mein Lächeln raubt, meine Gedanken überschlagen und mich nur hilflos zurück lässt. „Nur die Musik.“

Du verstehst nicht, kennst nicht die Geschichte. Ich habe es mir ganz einfach vorbehalten, vor allem das Gute zu erzählen, in unseren unzähligen Momenten, die wir bisher dazu genutzt haben, uns selbst vorzustellen. Ich will dir selbst jetzt nichts davon erzählen, denn es ist etwas, dass mir selbst heute noch weh tut. Etwas, das mir vor Jahren alles nahm, den Boden unter den Füßen, unzählige Träume, ein Leben. Und ich will auch kein Mitleid und bin mir sicher, dass du noch irgendwo eines übrig hast. Langsam nippe ich wieder an meinem Kaffee und versuche nicht hinzuhören und dir nicht in die Augen zu sehen. Dieses eine verdammte Lied.

„Kennst du das, wenn du etwas Wunderschönes … hm, geschenkt bekommst, es hängen so viele Erinnerungen daran, und dann passiert etwas komplett Furchtbares. Und fortan weckt allein das Ansehen dieses Dings so schreckliche Gedanken, so atemraubende Bilder. Kennst du das?“ Du überlegst. So etwas muss man nicht kennen. „Bei diesem Lied ist das so.“ Aber was sage ich: es ist nicht nur dieses Lied, es sind viel mehr, und die Dinge, die immer noch in meinem Zimmer herumliegen und dir hoffentlich nie auffallen.

„Darf ich nachfragen-?“ Nein, darfst du nicht, nein, denn ich will nicht darüber reden und es ist der Stimmungskiller schlechthin, ein absolutes No-Go. „Mhm.“ – „Willst du darüber reden? Mit mir? Du weißt, dass du mir alles erzählen kannst.“ – „Hm.“ Kann ich das? Und will ich es? Und ich beginne zu erzählen, und verpacke es in eine überraschende Sprache, beinahe so, als wäre es eine Geschichte, etwas Fantasie, Literatur und nicht die harte Realität, die Vergangenheit und die Gegenwart. Du lauscht meinen Worten, wischt hie und da etwas Flüssiges aus meinem Gesicht, setzt immer mal wieder dein geschocktes Gesicht auf und nickst.

„Und deswegen das gerade. Das mit dem Lied und so.“ Ich erwarte mir deine Hand auf meiner Schulter oder meinem Kopf, ein paar bemitleidende Worte, das Angebot von Zeit, von Gesprächen, von Hilfe. Aber du rettest dich so wundervoll aus der Misere, dein Blick scheint … gebrochen, deine Stimme etwas weinerlich, meinst nur ein „Oh.“ und zündest dir die nächste Zigarette an. So ist es gut.

Als du gingst. [15]

Grab. 14122010

Als du gingst,
War es wie der Regen
Der von einen Moment auf den anderen
Einfach aufhört.

Als du gingst,
Verlor ich mein Zeitgefühl
Versuchte, mich nicht mehr zu spüren
Ohne Glück.

Als du gingst,
Es war ein Wimpernschlag
Und Träume, Träume mit dir
Verschwanden auf ewig.

Als du gingst,
War es plötzlich still
Und du hinterließt nur diese,
Diese Leere.

Als du gingst,
Fragte ich mich
Wie es nun weitergehen soll
So ganz ohne dich.

Jetzt bist du weg
Schon seit Jahren
Und immer noch kann ich kaum glauben
Was geschah.

Will nicht verstehen
Will nicht begreifen
Nicht akzeptieren
Nicht sein.

Ganz sanft schläfst du, liegst hier, neben mir. [14]

Hauptbahnhof. 07122010

Ganz sanft schläfst du, liegst hier, neben mir. Ich kann nicht schlafen, so sehr ich es auch versuche. Kann nicht aufhören nachzudenken, und fühle die Wärme deines Bauches, und wie er sich hebt und senkt, wenn du atmest. Keinen Zentimeter gibt es zwischen uns und diese Stille hier wird nur selten durchbrochen von vorbeifahrenden Zügen und quietschenden Reifen zu schnell gefahrener Autos. Kann nicht einschlafen und liege hier neben dir, ganz nah.

Ich habe nicht geglaubt, dass das passiert, nicht erwartet, dass wir uns an diesem Abend so wunderbar verstehen würden und du irgendwann einmal, etwas betrunken, deinen Kopf auf meine Schulter gelegt hast. Und wir haben geredet, hatten Spaß, fühlten uns frei alles zu tun, was in unserer Macht stand. Stießen an auf ich weiß nicht was, und waren inmitten von Menschen, die uns im Laufe der vergangenen paar Monate und Jahre so wichtig geworden waren.

Und dann dein zärtliches Hauchen, die Bitte, doch bei mir schlafen zu können. Als ich verzweifelt den Haustürschlüssel suchte, kaum ins Schloss fand, und wir irgendwann einmal im Bett lagen. Und unsere Blicke auf die Decke gerichtet, noch so wundervolle Gespräche ermöglichten. Und uns immer wieder mal ansehen, fast neckisch, so neugierig. Und wie du dann, meine Hand um deine Taille liegend, schließlich eingeschlafen bist.

Ich kann nicht schlafen, so sehr ich es auch versuche. Möchte diesen Moment noch viel genauer spüren, möchte Herr über dieses Gefühl sein, möchte jede einzelne Portion dieser Minuten auskosten. Möchte nie wieder weg hier, möchte liegen bleiben, für immer. Da, für einen kurzen Moment wachst du auf, und deine Hand wandert ganz langsam zu der meinen, legt sich darauf, bis du schließlich wieder einschläfst.

Der Morgen beginnt schon sich weiter auszubreiten, und ich, etwas zitternd, liege hier neben dir und warte. Warte, dass ich endlich einschlafen kann oder warte, dass du wieder aufwachst. Es ist ein außergewöhnliches Gefühl, hier, neben dir, neben diesem zarten Wesen zu liegen und zu wissen, dass da irgendetwas ist, was uns verbindet. Lege meinen Kopf an deinen Nacken, atme ein und atme aus. Genau so soll es sein, für immer. Wir beide, hier.

Hinein ins Ungewisse, in die Stille der Nacht, in das schwarze Nichts. [13]

Wohin? 12122010

Als du zum ersten Mal diesen Raum betrittst, ist es plötzlich still. Nur kurz, nicht merklich. Deine Haare fallen dir etwas ungestüm ins Gesicht und deine Augen kreisen umher, auf der hilflosen Suche nach bekannten Gesichtern. Du siehst etwas verloren aus, als du dir einen Becher schnappst und ihn mit Bowle befüllstt. Sekundenlang hältst du dir den Becher an die Lippen, die Augen schweifen durch den Raum. Und für den kurzen Moment haben sich auch unsere Blicke getroffen und ein kleines Lächeln ist über meine Lippen gehuscht. Deine Augen. Die so viele Geschichten zu erzählen wissen, welche ich erst später erfahre.

Schon jetzt möchte ich aufspringen, von dieser Couch, zu dir hingehen und uns beide in wilden, hemmungslosen Smalltalk stürzen. Aber natürlich bin ich zu feige. Du machst dich auf den Weg, zwischen an all den Partygästen, wanderst du durch den Raum. Kommst an denen vorbei, die mal wieder etwas zu viel von allem erwischt haben, vorbei am Kuchen, den einer der Gäste dem Einladenden mitbrachte. Und irgendwann kommst du auch in meine Nähe. Du blickst mich wieder an, (du hast wunderschöne Augen) und fragst: „Ist hier noch frei?“ Ich nicke.

„Ich…, ich bin neu hier.“, stolpern die ersten Worte aus dir heraus. „Und in Wahrheit kenne ich ihn ja gar nicht. Er hat mich nur einmal angesprochen, während einer Vorlesung, die wir gemeinsam belegen.“ Ich grinse. „Und du? Kennst du ihn besser?“ – „Nicht wirklich. Ich bin wohl so etwas wie der Freund eines Freundes von ihm.“ Du lächelst. Zwei Menschen, gemeinsam auf einer Party voll unbekannter Menschen.

„Und wie gefällt es dir bisher?“
– „Es ist-…“
„Gewöhnungsbedürftig?“
– „Mhm.“
„Das ist ganz normal. Ich hatte auch große Träume und musste dann erst Mal mit der Realität hier zurecht kommen.“

Deine Lippen schon wieder am Becher abgelegt, mit deinen Augen meinen Worten folgend, hoffst du auf eine Fortsetzung.

„Aber das legt sich. Das dauert nicht so lange.“

Ich lüge dich an, und hoffe, dass es zumindest für diesen Moment nicht auffliegt. Immer mehr Leute kommen auf diese Party, und als das Geburtstagskind den Raum betritt, hat irgendjemand die Kerzen auf dem Kuchen angezündet, die Meute beginnt zu singen. Während all das passiert, sind wir beide schon längst woanders.

Sitzen am Balkon, teilen uns eine Zigarette und blicken gen Himmel. Erzählen uns von unseren Erlebnissen und unseren Träumen, von Freude und Leid, von unserer Vergangenheit und unserer Zukunft. Völlig unkompliziert fallen wir von einem Gesprächsthema ins nächste. Ich liebe es, deiner Stimme zuzuhören, so sanft und einfühlsam. „Ich muss dir meine liebsten Plätze hier zeigen.“ Du nickst. „Ich bin mir sicher, die werden dir gefallen.“

Und während drinnen die Party brav weitergeht, wir unsere Becher auf einem der vielen Tische abgestellt haben und uns noch eine Flasche Wein stibitzt haben, schleichen wir uns raus aus dem Haus. Ziehen uns Jacke und Schuhe erst draußen an, lachen und fallen fast, als wir versuchen, so still wie möglich abzuhauen. Und gehen los. Hinein ins Ungewisse, in die Stille der Nacht, in das schwarze Nichts.

Zu hoch gepokert. [12]

Kartenpech. 05122010

Irgendwo zwischen hier und jetzt sind wir angekommen. Haben Wochen, haben Monate hinter uns, die anders verlaufen sind, als wir es uns wünschten. Es wurden Träume geboren, und kurze Zeit später wieder eingerissen. Wir waren naiv, und glaubten an das Gute in uns beiden. Doch in Wahrheit sind wir nicht dazu im Stande, die Wahrheit zu erkennen. Wir fürchten uns davor, und doch haben wir sie uns eingestanden. Es hat nicht funktioniert.

Diese eine Nacht hätte nicht sein sollen und war doch. War eine Ausgeburt der Unbedachtheit, ein Präambel auf das Scheitern, ein Ziegelstein am Schotterweg. Weil es so wunderbar einfach war, so rastlos undurchdacht, so fern aber der Realität. Wir haben es verspielt und stehen nun selbst vor den Trümmern unserer Fehler.

Du hättest es mir nicht sagen müssen, hättest ruhig lügen können. Ich hätte es am Liebsten nicht gehört, aber du stehst ja so auf Ehrlichkeit und auf ausgesprochene Worte. Als wäre das, was du mir gibst, und das, was nicht, nicht schon genug, nein. Du musst es mir vor den Kopf knallen, nachdem du wenige Tage zuvor, mitten in der Nacht und leicht angeheitert, mit Fingernägeln deine Traumschlösser in Styropor kratztest.

Schon damals hast du mir Angst gemacht. Hast mich glauben lassen, dass all das ein großer Fehler sei. Aber ich wollte es nicht sehen und glaubte ja doch an das Gute im Menschen. Oder zumindest das Gute in dir. Weißt du, du hast mich enttäuscht. Auch wenn du glaubst, dass damit schon alles gesagt sei, und dass es jetzt gut sei, dass man sich nicht mehr anruft und einfach nicht mehr sieht. Das ist es nicht. Weißt du nicht mehr, welche Freundschaft wir hatten?

Sie ging über vieles hinaus und du hast oft Dinge gewusst, du nur wir zwei uns teilten. Wir haben Abende und Nächte bei Grey’s Anatomy und CSI New York verbracht. Haben uns Pizzas bestellt und waren einfach nur am leben. Und das alles haben wir mit dieser einen Nacht zerstört. Haben unsere Träume, die weniger dumm und vielleicht auch weniger durchdacht waren als deine Styroporkunstwerke, aufs Spiel gesetzt, damit wir diesen einen Tag lang glücklich waren. Oder zumindest glaubten, es zu sein.

Und ich kann deine Stimme am Telefon schon kaum mehr hören. Weil du nicht klüger wirst, und immer und immer wieder in dieses eine, scharfe Messer läufst, dass dir Menschen, die du liebgewonnen hast, auf dich gerichtet haben. Immer und immer wieder erzählst du davon und ich möchte dich anschreien und dir sagen, wie dumm doch das Ganze ist und es wohl alles nur schlimmer machen wird. Aber du würdest es nicht verstehen. Hast es die vergangenen Wochen, Monate nicht verstanden.

Und wenn wir schon dem Scheitern so nahe sind, lass uns nicht umkehren. Wir würden uns verlieren, aber über kurz oder lang haben wir das sowieso schon. Wir haben zu viel aufs Spiel gesetzt, haben zu hoch gepokert. Wir sollten aufhören, Spiele zu spielen, wenn wir die Spielregeln nicht kennen, okay?

Alleine. [11]

Feels like Home? 08122010

„Und was steckt nun hinter der Wut, den Vorwürfen und allem?“ – „Sie erwarten jetzt sicher, dass ich Liebe sage. Doch ich empfinde keine Liebe mehr.“ – „Ich erwarte erstmal gar nichts. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.“ Einige Sekunden überlege ich. Lege den Kopf wieder auf meine Finger. „Angst.“, sage ich. Der richtige Zusammenhang fehlt, baut sich erst langsam wieder auf. „Ich habe Angst.“* Therapiesitzungen waren auch schon mal besser. Beinahe ist es wie eine Prüfungssituation aus meinen Albträumen. Es wird einem vollste Konzentration abverlangt, man muss alles geben. Und in Wahrheit wird man nur verwirrter und verstörter, weil jede Antwort eine neue Frage aufwirft. „Ich habe Angst“, wiederhole ich.

„Wovor?“ Gute Frage. „Dass es das gewesen sein könnte. Dass ich die eine, die einzige Chance hatte, auf ewige Liebe und Leben und Sein. Und das habe ich vermasselt.“ – „Hm.“ Es stimmt wohl, Therapeuten finden zu allem die richtigen Worte. „Hm.“, wiederholt sie sich. Ich hätte jetzt auf ein „Ach nein, Dominik!“ gehofft oder auf ein sofortiges Kopfschütteln oder sowas.

„Hm. Und warum glaubst du das?“ Weiter gehts. „Weil die Zeit keine Wunden heilt und es immer noch so verdammt weh tut und ich nicht in der Lage bin, mich auf irgendetwas Neues einzulassen und selbst zu feige bin, um irgendwann einmal den ersten Schritt zu wagen.“ – „Hm.“ – „Und weil ich so furchtbare Angst davor habe, allein zu sein. Es ist ein furchtbares Gefühl, wenn da niemand ist, der einem die Schulter anbietet, wenn einem nach Weinen zumute ist. Und das schon seit Jahren.“

„Du fühlst dich also einsam.“ – „Nein. Nicht einsam. Manchmal genieße ich es, einmal nur etwas Zeit für mich zu haben. Ziehe mich zurück, werfe melancholische Lieder in die Playlist und mich ins Bett und lasse mich einfach nicht stören. Das ist nicht das Problem, nein. Es ist die Angst allein zu bleiben.“

„Dann wird es dir wohl auch nicht helfen, wenn ich dir sage, dass du so etwas sowieso nicht erzwingen kannst und dass es keinen Sinn macht, erwartungsvoll darauf zu hoffen. Dass es passieren wird, wenn du es am Wenigsten erwartest und du die größten Chancen hast, wenn du es schaffst, mit all dem abzuschließen.“ – „Nein, liebt gemeint, das hilft mir auch nicht.“ Die 50 Minuten sind vorüber und ich erhebe mich, öffne die große Tür und drehe mich doch noch einmal um. „Wissen sie, es ist einfach … ich lebe zwischen den Welten, bin einen Tag mal da, dann dort, und irgendwann eben hier. Ich lebe ohne Unterhalt, ohne Rückzugsort. Alles nur temporäre Unterkünfte. Dieses eine Etwas, nennen wir es Liebe, oder Zuneigung oder ganz einfach ‚ein Wir‘ würde mir etwas geben, was ich schon lange suche. Ich glaube, man nennt es … ein Zuhause, oder Heimat oder so.“

Jedes Mal, jeden verdammten Abend. [10]

Jalousien. 09122010

Da war dieser eine, dieser leicht betrunkene, etwas trockene Kuss. Dieser eine magische Moment, resultierend aus einer Umarmung, am Ende einer besonderen Nacht. Dieser eine Kuss, der das Tüpfelchen auf dem i sein sollte, der Beginn vom Nichts. Wir haben uns beide belogen und wir haben beide versagt.

Monatelang schon gingst du mir nicht mehr aus dem Kopf, ich genoss die Abende, an denen wir uns sahen, genoss die Gespräche und genoss die Zeit. Wir sahen uns Sterne an, wo keine Sterne waren. Ließen uns zurückfallen, wenn wir mit Freunden nach Hause gingen. Aber zu einem waren wir nicht im Stande. Jedes Mal, jeden verdammten Abend. Komme ich zuhause an, werfe den Schlüssel in die eine Ecke und krame in der anderen nach Zigaretten, die meine Unfähigkeit besänftigen sollen.

Irgendwann kam der Break, weil das Aussichtslose Überhand nahm und weil das Leben weitergehen musste. Unerwiderte Liebe als Jahresprojekte habe ich schon zur Genüge hinter mir und die Zeit läuft und der Unmut wächst. Das muss nicht wieder sein, denn wir haben doch auch noch was anderes zu tun. Anstatt uns in den Armen zu liegen und gemeinsam über Gott und die Welt zu reden. Anstatt unsere Gedanken zu teilen und gemeinsam Kaffee zu trinken. Wir Vollidioten.

Und dann, Monate nach unserem ersten Aufeinandertreffen, den ersten Gesprächen, dieser eine Kuss. Ich wusste schon, dass eine Ära vorüber, ein Ende gesetzt war. Unsere Ära, unser Ende. Du hast es mir dann ein paar Tage darauf erklärt, während Coldplay auf meinem iPod lief. Dass wir zu lange gewartet hätten, und dass, was jetzt kommen würde, nicht richtig sei, und dass es schön war, aber nicht jetzt. Für dich war es wohl mehr als dieser eine Kuss. Für mich war es der Anfang von etwas Unbestimmtem. Ein Bruchteil eines Nichts und nicht mehr. Wir haben beide versagt, erwachsen genug zu sein.